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Dominante

 

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Inhalt

  1. ERSTER SATZ. ANDANTE
  2. Auf und davon
  3. Bus nach Deutschland
  4. Sweet German Dream
  5. Allegro con anima
    Mogli sucht sein Rudel
  6. Poco meno animato
    Das Kind und sein Klavier
  7. Stringendo
    Prof. Tamar
  8. Tempo primo
    Der Tanz auf den Tasten
  9. Ballett
  10. Con forza
    Gala mit Menuhin
  11. Un pochettino più animato
    Mendel, Mensch der Extreme
  12. Cantabile con anima
    Brief an Mama
  13. Molto crescendo
    Die Oper
  14. Ritenuto e diminuendo
    Blaues Blut
  15. Stretto
    Chopin im Leoparden-Look
  16. Tranquillo ed amoroso
    Herr Michalsky bitte auf die Bühne
  17. Tempo primo
    Piri Piri macht scharf
  18. Molto cantabile ed espressivo
    Der Rambo von Hawaii
  19. Stringendo
    Robert und die Ösen
  20. Morendo
    Depression
  21. Forte fortissimo
    Weihnachten der besonderen Art
  22. Apoteoso
    Millennium bei Quint
  23. ZWEITER SATZ. SCHERZO. ALLEGRETTO CON FUOCO
  24. Cembalo und andere Katastrophen
  25. Indien
  26. Ballettalltag
  27. DRITTER SATZ. ADAGIO METAMORPHOSO
  28. Martin
  29. Agitato con fuoco
    Klaus – trophobie
  30. Mein Reich aus Samt und Stahl
  31. Sessions und Proben
  32. Stimmbanditen und Internet
  33. VIERTER SATZ. FINALE. MODERATO MA NON TROPPO
  34. Epilog. Adagio

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ERSTER SATZ. ANDANTE

 

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Auf und davon

»Lara! Lara!«, schreit meine Mutter. »Mir wird schlecht. Ich halte das nicht aus. Können wir das nicht verschieben? Oh, ich muss mich sofort hinlegen …«

Die Katze huscht erschrocken an mir vorbei und versteckt sich unter dem grünen Sofa. Das würde ich jetzt auch gerne machen, wenn ich noch in die staubige Enge hineinpassen würde. Als Kind habe ich das oft gemacht.

Die arme Katze bleibt hier, bei meiner hemmungslos heulenden Mutter, und ich fahre morgen weg, Gott sei Dank. Hoffentlich für immer. Die arme Katze faucht, mit Recht.

Ich nehme meinen roten Reisepass in die Hand und betrachte liebevoll mit glänzenden Augen mein nagelneues deutsches Visum. Es ist wahr: Ich werde in Deutschland Musik studieren, Klavier, als Gaststudentin für ein Jahr an der Hochschule für Musik in München. Am liebsten würde ich mein Studentenvisum stundenlang weiter anschauen, verstecke den Pass aber rasch, als meine aufgebrachte Mutter, leidenschaftlich schniefend, ins Zimmer stürmt. Wie ich sie kenne, wäre es ihr ein Leichtes, mir mein Reisedokument aus der Hand zu reißen und vor meinen Augen zu vernichten. Also lieber weg damit. Kein Risiko eingehen.

Meine Mutter wütet weiterhin mit unbändiger Energie, sogar die kleine Glühbirne in der Leselampe platzt mit verstohlenem Zischen.

»Ja, ich bin eine schlechte Tochter«, bestätige ich mit einem artigen Nicken.

Nicht genug. Lautes Klagen. Schnäuzen.

»Ja, Mama, ich habe dich nie geliebt.«

Sturzbach von Tränen.

»Ja, ich denke nur an mich.«

Weil es ja sonst keiner tut.

Toben und Heulen. Bald wird sie umkippen, und dann habe ich frei. Alles nach Plan, wie traurig.

»Kaltblütig? Ja, Mama, auch das bin ich. Nein, mir liegt gar nichts an dir.«

Ich lüge natürlich. Wie gerne würde ich sie eigentlich umarmen. Ihre Hand nehmen, Sie lieben. Aber sie sträubt sich gegen alles, was in irgendeiner Form mit Zuneigung zu tun hat, wie eine Angorakatze gegen das Streicheln.

Mama presst ihre Lippen aufeinander und läuft wieder aus dem Zimmer. Ich glaube, wir haben schon das Endstadium erreicht. Bald wird sie in Ohnmacht fallen und still sein. Zu still natürlich, damit ich mir Sorgen mache. Was mir immer schwerer fällt.

Dumpfer Aufschlag, Stille. Die Katze spitzt vorsichtig aus ihrem dunklen Sofa-Asyl. Ich schaue nach meiner Mutter, die Gott sei Dank auf ihrem Bett liegt und nicht auf dem Boden. Auf ihrem vollgestellten Nachttisch liegt gut sichtbar eine halb leere Packung Schlafmittel.

So schreit sie nach Liebe, so schreie ich schweigend zurück. Mir tut alles weh. Liebe Mama, morgen beginnt meine Reise. Du musst dann allein weitermachen. Deutschland will mich. Zumindest für kurze Zeit. Schlaf jetzt.

In dem bedrückend engen Flur stehen meine beiden Koffer. Die Katze schnuppert angewidert an ihnen und schleicht sich davon. Meine Nachbarin aus dem siebten Stock beginnt ihre tägliche Chopin-Tortur. In all den Jahren hat sie diese Etüde noch nie ohne Fehler gespielt. Ich setze mich an mein altes, wuchtiges Klavier und spiele so leise wie möglich aus der Winterreise von Franz Schubert in d-Moll: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus …«

 

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Bus nach Deutschland

Das Ticket in meine neue Welt:

Kiewer Busgesellschaft »Hoffnung«

Datum: 18. 12. 1993

Name: Lara Bogoljubova

Geschlecht: weiblich

Alter: 21

Reihe: 11

Sitz: B

Reiseziel: München, Deutschland

Preis: 90 DM

Gepäckstücke: 2

Unser klappriger Bus rollt schon ewig lange an diesen ewig nassen Landschaften vorbei. Gibt es überhaupt Leben hier? Das sollte mich wundern. Keine Lichter, keine Menschen, keine Hunde – nur ab und zu Schrottautos am Wegesrand, geschlossene Kioske und menschenleere Bushaltestellen. Seit vierundzwanzig Stunden sitze ich in diesem verrosteten Vehikel, eingeschweißt in meinem weichen, alten Sportanzug, der beim Sitzen keine Falten wirft, selbst gestrickten Socken und einem grauen Anorak vom Basar. Die Sitze sind betonhart, glücklicherweise habe ich ein Kissen dabei. Den doof guckenden Schäferhund darauf hat meine Mutter eigenhändig gestickt. Nicht weinen.

Wie oft war ich schon mit solchen Bussen unterwegs! »Spartanisch eingerichtete Stahlgestelle auf ungefederten Rädern« wäre allerdings eine bessere Bezeichnung für diese Gefährte. Auf keinen Fall zu verwechseln mit den komfortablen Wohlfühloasen westeuropäischer Reisebusse mit ihren Toiletten, Küchen und Fernsehern an Bord. Dafür tragen unsere Busse allesamt den schönen Namen »Ikarus«. Wenn schon, denn schon.

»Solistin des staatlichen Jugendorchesters« war ich damals. Wow, und das mit sechzehn! In der Realität bedeutete das: kein Honorar, Unterkunft wie in einem provinziellen Jugendgefängnis und ebendiese Busreisen für Hartgesottene. Wir fuhren kreuz und quer durch Europa, Abertausende Kilometer. Der Grenzübergang war für uns fünfzig Kinder aus dem postsozialistischen Land des gezwungenen Lächelns jedes Mal ein erfrischend prickelndes Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wochenlanges Schlafen im Sitzen. Öffentliche Toiletten waren für uns generell unerschwinglich und in Osteuropa oft nicht einmal vorhanden. Das bedeutete taschenweise graues Toilettenpapier für die Waldbesuche von Mann und Frau – Jungs links, Mädels rechts, Orchesterleitung und KGB-Begleitung geradeaus. Und diese »Offiziellen Begleitpersonen«! Schroffe Dödel mit Bauernpranken, die von Kultur so viel Ahnung hatten wie wir von Quantenphysik! Ohne sie war es allerdings nicht möglich, ein Ausreisevisum zu bekommen, auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Wichtig war übrigens auch eine große Taschenlampe, die einerseits der notwendigen Beleuchtung diente, aufgrund der schweren Batterien aber notfalls auch als Schlagwaffe einsetzbar war.

Kissen, Decken, Handtücher, Taschenmesser, Fleischkonserven – alles musste mit. Und Tonnen von Witzen und Anekdoten selbstverständlich. So fuhren wir im Ausland von Stadt zu Stadt, in einem Bus voller Geigen und Celli. Das Jugendorchester war unverwüstlich und hatte bei seinen Auftritten immer großen Erfolg.

Mit »Very-Low-Budget«-Reisen nach russischem Standard habe ich solide Erfahrung, gar keine Frage. Aber mit welchem Komfort die westeuropäischen Touris die Welt bereisen, davon habe ich absolut keine Ahnung.

Und nun wird mich unser alter guter »Ikarus« nach Deutschland bringen! Ich kann es immer noch nicht richtig glauben. Der Bus ist voll von »Repatrianten«, auch »Spätaussiedler« genannt, durch die Bank ein illustres, lautes und aufbrausendes Volk mit exponierten Geruchsmerkmalen. Ich beobachte sie gezwungenermaßen tagelang, aber es erschließt sich mir einfach nicht, was diese Leute mit so einem Land wie Deutschland verbinden kann. Bei diesen Menschen kann ich mir sehr vieles vorstellen, aber ein Leben in Deutschland? Gewiss nicht. Wahrscheinlich wird es zu einem schweren Kampf der Mentalitäten kommen, Ausgang unbekannt. Sie selbst bezeichnen Deutschland, das auf Russisch romantisch »Germania« heißt, als ihre neue »Heimat«. Ich glaube, »Stiefheimat« würde besser passen. Natürlich behalte ich meine Meinung für mich, denn diese Leute aus den nordkasachischen Gebieten mit den menschenfeindlichen klimatischen Bedingungen sind nicht gerade von der zimperlichen Sorte. Dort überlebt nur der Stärkste.

Die rothaarige Ljuba sitzt drei Reihen vor mir. Sie mampft ununterbrochen und quakt mit jedem und über alles, ganz egal, ob es ihrem Gegenüber gefällt oder nicht. Ihre unglaublich voluminösen, steinharten Brüste sind faszinierend. Gestern hat sie mich im finsteren Toilettenwald beim Pieseln mit ihren Kanonenkugeln versehentlich am Kopf erwischt. Ich taumelte im Dunkeln wie ein angeschlagener Profi-Boxer und dachte: Russisches Silikon ist durchaus eine harte Waffe.

Ljuba nahm es natürlich gar nicht wahr. Sie schätzt mich als hochintellektuell ein und führt mit mir ausschließlich »hochgeistige Gespräche«. Was bedeutet, dass sie sich bei mir über ihren Mann Tolik beschwert, der diese ganze Umsiedlung angezettelt hat. Und so klingt das: »Verdammte Scheiße, ich weiß echt nicht, welcher Teufel meinen hirnlosen Alten geritten hat, dass er uns in das beschissene Deutschland schleppt! Was habe ich denn in diesem verpissten Land verloren?«

Ich nicke nur mitfühlend. Ihre Frage kann ich nicht beantworten.

»Pipistopp!«, schreit in diesem Moment jemand von hinten. Gute Idee. Ich gehe raus und suche mir im zittrigen Licht meiner Taschenlampe ein Plätzchen. Im Wald riecht es modrig. Ljubas goldener Zahn blitzt plötzlich vor mir auf.

»Hallo Ljuba«, sage ich und hoffe im Stillen, dass mir dieses Mal ihre intellektuellen Gespräche erspart bleiben. Aber Ljuba lässt sich diese Gelegenheit in der freien Natur nicht entgehen. Während ich mehrere Schichten meiner Po- und Beinbekleidung im winterlichen Wald hastig runter- und wieder hochziehe, hockt sich Ljuba schnaubend neben mich und erzählt mir zum x-ten Mal ihre Geschichte.

Ein gut gehender Fischstand in Kagaralyk, der Schwiegersohn ein großartiger Zahntechniker und ihre über alles geliebte Tochter Lilia trotz ihres jungen Alters schon schwer im Tomaten-Business aktiv. »Du verstehst doch, was ich meine?« Ljuba stellt sich vertrauensvoll ganz nah zu mir und pustet mir ihre imposante Alkoholfahne ins Gesicht. »Ach Gott«, stöhnt sie, »das war doch alles wie in den besten Familien!« Ljuba spuckt gekonnt auf den modrigen Waldboden. »Und dieser aufgeblasene Idiot«, eine abfällige Geste zu ihrem schweigend rauchenden Mann Tolik, »macht das alles kaputt!« Wütend saugt sie mit ihren wulstigen Lippen an ihrer Zigarette. »Sag mir, Lara, warum??? Was haben die da in Deutschland, was ich zu Hause nicht hatte?« Ihre Zigarette qualmt bestätigend.

Ratlos ziehe ich die Schultern hoch. Ich muss mir diese Frage Gott sei Dank nicht stellen.

Der stämmige Tolik steht etwas abseits von den anderen und raucht immer noch. Die Zigarette versteckt er in der hohlen Hand. Er erinnert mich nicht an einen Deutschen, sondern eher an die Knastbrüder, die ich oft in Nord-Kasachstan gesehen habe. Seine rechte Hand ziert eine verwischte Tätowierung: Meine Mutter vergesse ich nie! Aha. Da haben wir auch eine Bestätigung meiner Vermutung.Eine beliebte Tätowierung in den Besserungsanstalten.

»Mädchen, Jungs, reingehen!«, schreit unser diensthabender Busfahrer Boris. Sein Kollege Sascha schläft geräuschvoll und seelenruhig auf den zwei vordersten Sitzen. Seine glänzende Sporthose ziert die Aufschrift Adidas. Auf den Rückenlehnen prangt mit weißer Farbe schief gemalt der Schriftzug »Nicht besetzen! Nur für Fahrer!«

Ljuba wirft ihre glühende Kippe weg und legt mir ihren fleischigen Arm um die Taille. Wir gehen langsam zum Bus.

Ljuba klettert vor mir hinein, ich folge ihrem kolossalen Hinterteil, und nach dem obligatorischen »Alle hier? Jeder guckt, ob der Nachbar da ist« fahren wir in der unwirtlichen Dunkelheit weiter.

Es beginnt zu regnen, was mich sehr freut. Vielleicht wird unser armer, verstaubter Bus zumindest von außen etwas sauberer. Innen ist das absolut aussichtslos. Unsere Fahrer werden zwar nie müde zu betonen, wie sorgfältig sie unser Fahrzeug hegen und pflegen. Aber wenn die Innenreinigung des Busses überwiegend aus dem gelegentlichen Kehren mit einem ausgefransten Besen besteht, soll man besser nicht zu viel erwarten. Hygienestandards, genau wie Geschmäcker, sind nun mal äußerst unterschiedlich.

Das Schlimmste für mich sind allerdings die Gerüche, besser gesagt der schwere, würgende Gestank, dieser unsägliche Dunst, der unweigerlich entsteht, wenn man einen vollgestopften und engen Raum, in dem ungewaschene und stark alkoholisierte menschliche Leiber transportiert werden, nie lüftet und nie sauber macht.

In meinem Fall ist es aber besonders dramatisch. Mein Sitznachbar ist ein verhärmter Ex-Offizier, der ein Schweigegelübde abgelegt zu haben scheint, da er während der ganzen Fahrt kein einziges Wort absondert, dafür aber reichlich Schweißgeruch. Es ist aber auch kein Wunder bei den Heiz- und Kühlperioden im Bus, da die Heizung offenbar nur die beiden Extreme kennt. Und so müffeln wir alle vor uns hin wie eine Horde wilder Stinktiere.

Panisch reiße ich meine Parfümflasche aus der Handtasche und versprühe großzügig die duftende Flüssigkeit. Eine Erleichterung, zumindest für ein paar Minuten. Der Offizier niest verhalten.

Kaum setzt sich unser Transporter in Bewegung, werden meine Augenlider schwer, und mein Kopf baumelt bald wie eine Laterne am Mast. Nirgendwo kann ich besser schlafen als in einem Bus. Die unermüdlichen Vibrationen seines blechernen Körpers üben auf mich eine magische Wirkung aus.

Hinten im Bus spielen Männer Karten. Fetzen des verbalen Pingpongs in dieser Spielrunde dringen an mein Ohr: »Hey, du Arsch, leg die Scheiß-Pik hin!«

Ich spiele sonst auch gerne Karten, befürchte aber, dass ich in dieser spezifischen männlichen Gesellschaft nur eine Chance hätte, wenn wir Strip-Poker spielen würden. Diese hartgesottenen Männer spielen nur um Geld. Damit ist auf keinen Fall zu spaßen, denn Spielschulden werden in den kargen Gegenden, aus denen diese Männer allesamt kommen, sehr ernst genommen. Also bleiben meine sauberen Spielkarten schön ruhig in der Tasche und ich auf meinem Platz. »Des Baches Wiegenlied« von Franz Schubert wiegt mich beruhigend in den Schlaf: »Gute Ruh, gute Ruh! Tu die Augen zu!«

Ich wache abrupt auf, unser Bus steht still. Es ist dunkel und warm. Ich beobachte nach einem ausgedehnten Gähnen apathisch, wie unser Fahrer draußen gemeinsam mit Tolik im gespenstischen Mondlicht herumläuft. Die Männer hantieren mit irgendwelchen Instrumenten im Bauch des Busses und wirken gereizt. Es ist anscheinend sehr glatt geworden, sie rutschen permanent aus und fluchen dabei entsetzlich.

Unser Busvolk ist in Schlaf versunken. Die Geräuschpolyphonie wirkt auf mich fast hypnotisch. Jede Stimme birgt in sich eine spannende Geschichte, die oft dramatisch oder sogar tragisch ist. Zum Beispiel der stark behaarte Georgier Aran zwei Reihen vor mir, der im Schlaf etwas blubbert. Irgendeine unruhige georgische Story, wohl seine eigene. Aran ist Autoschieber. Er liebte ein Mädchen, das einen anderen liebte. Bedauerlicherweise war sie aber bereits mit Aran verheiratet. So musste einer weichen. Aran erstach ihren Liebhaber und stellte sich der Polizei. Seine Strafe fiel milde aus, und nach zwei Jahren war er wieder frei. Wenn er mich sieht, sagt er immer »Göttliche Frau!« und wirft mir mit seinen sinnlichen Lippen leidenschaftliche Luftküsse zu. Luftküsse von einem Mörder. Ich erschauere innerlich jedes Mal – ein Mord ist etwas Unauslöschliches.

Von hinten höre ich eindeutige Geräusche. Ein liebestolles Paar aus Woronesch, Elena und Pascha. Jetzt versuchen sie ihr nie endendes Liebesspiel noch heimlicher als sonst zu machen. Und erreichen damit das Gegenteil. Die wollüstigen Schmatzer und das darauf folgende Gekicher sind in der Nachtstille so laut, dass man glaubt, unfreiwillig einem Softporno zu lauschen. Das Paar fühlt sich dadurch aber überhaupt nicht gestört und macht munter weiter.

»Warte, nicht jetzt!«, flüstert Elena verlegen.

»Warum nicht jetzt?«, wundert sich Pascha und gibt Gas. Eine erotische Nacht wie auf einem Präsentierteller.

Ich schalte meinen Walkman ein, und in den kleinen Kopfhörern erklingt die 8. Symphonie von Schostakowitsch. Zu den finsteren Klängen dieser apokalyptischen Musik erscheint mir unser schlafender Bus wie der letzte Zug ins Nirgendwo.

Ich schaue zu Marina hinüber. Sie ist eine unglaublich hübsche Frau, die zu ihrer eigenen Hochzeit nach Deutschland fährt. Sie wird einen viel älteren Mann heiraten, den sie nur einmal gesehen hat. Ihre Tochter Lina schläft, eine Flasche Cola fest umklammernd, zusammengerollt wie ein niedlicher Fuchs. Sie ist erst fünf. Marinas erster Ehemann ist gestorben: Er ist in einer Silvesternacht betrunken auf die Gleise gefallen. Marinas Augen sind immer randvoll mit Traurigkeit.

Die lichtdichte Einsamkeit, die mich in diesem Repatriantenbus umgibt, versetzt mir plötzlich einen empfindlichen Stich. Ich fühle mich ganz allein – allein in der Welt, die ich nicht kenne und der ich gleichgültig bin. Und ob mich diese verhüllte Welt überhaupt annehmen wird? Ich möchte nicht weinen, aber wie soll ich meine Tränen noch zurückhalten? Meinen Liebsten, meinen ersten Freund, den ich erst seit einem Jahr hatte und den meine Mutter überhaupt nicht tolerierte, werde ich mit Sicherheit sehr lange Zeit nicht wiedersehen. Tränenreich hatten wir unser Verhältnis kurz vor meiner Abreise beendet. Denn ich wusste, ich werde nicht mehr zurückkehren.

Meine Eltern blieben schweigend und von mir abgewandt zu Hause. Im neuen Land werde ich nicht erwartet, und meine Zukunft kann ich noch gar nicht erfassen.

Ein starker Zigarettengeruch erfüllt den schummrigen Bus. Offenbar ist unsere Panne beseitigt und die Helden des Alltags sind wieder zurück. Der Bus ruckt an und fährt weiter. Jemand schreit laut auf. Ich schaue mich erschrocken um. Direkt hinter mir sitzen die beiden Brüder, Sascha und Mischa aus Odessa. Mischas Mund steht offen, sein Gesicht wirkt angstverzerrt, er hat wohl Albträume. Sascha ist Zehnkämpfer, Michael ein professioneller Balletttänzer. Ich mag weder Leichtathletik noch Ballett, aber die beiden wurden, wie ich auch, jahrelang in den Eliteschulen für Hochbegabte professionell gequält, damit aus kleinen Kindern endlich die neuen Rubinsteins, Nijinskys und Nurejews werden. Man verspürt deswegen eine gewisse Gemeinsamkeit, wie die Zugehörigkeit zu einer geheimen Loge, mehr aber auch nicht. Sascha ist als Leichtathlet etwas grobschlächtiger und ruppiger als der elegante Ballerino Mischa. Mischa verdreht deswegen oft die Augen und distanziert sich geradezu körperlich von seinem knackigen Bruder, was auf so engem Raum gar nicht so leicht ist.

Der Bus fährt jetzt schnell, in der Nacht ist die Straße leer. Das monotone Geräusch der quietschenden Scheibenwischer wird zu meinem Wiegenlied, ich nicke auf meinem gestickten Hund ein.

Plötzlich schrecke ich unsanft aus dem Schlaf hoch: Ein Hund bellt, grelles Scheinwerferlicht bringt die schmutzverschmierten Scheiben zu erschrockenem Blinzeln. Es wird laut geschimpft in mehreren slawischen Sprachen. Ich stecke noch in dem Grenzzustand zwischen Traum und Wachsein und habe deshalb kurz den Eindruck, als befänden wir uns in einem Kriegsgebiet. Mir wird sehr kalt.

Ich schaue zu meinem Nachbarn hinüber: Seine Wangen sind eingezogen, und seine Nase ist lang geworden. Sein Körper wirkt angespannt, er hat die Jagdstellung eingenommen und schaut besorgt und konzentriert aus dem Fenster. Das alles gefällt mir gar nicht. Sogar die mutige Ljuba schweigt. Alle sind so still, dass es irgendwie endzeitlich wirkt. Ich stupse meinen Offiziersnachbarn leicht an und bilde mit meinen Augenbrauen ein Fragezeichen. Er macht eine leichte Handbewegung, als würde er im Laub wühlen.

»Die Polen haben etwas Verbotenes gefunden«, huscht ein panischer Gedanke durch meinen Kopf. Kalter Schweiß läuft mir augenblicklich den Rücken herunter: In meinem Lederkoffer, der im Unterleib des Busses mitfährt, ruhen 10000 Dollar. Mein Vater hat das Geldbündel sorgfältig zwischen meinen Unterhosen deponiert, weil er annahm, das Geld sei dort sicherer als in der Handtasche. Die 10000 Dollar sind alles, was ich besitze. Mein Kapital. Meine existenzielle Absicherung für mein zukünftiges Leben im Ausland. Und nun sehe ich klar und deutlich, dass ausgerechnet mein Koffer da draußen vor dem wutschäumenden Grenzer liegt. Der Koffer ist offen, und mein Mund ist es auch.

Im selben Moment beginne ich laut und deutlich zu beten, allerdings nur im Kopf. Meine Lippen kann ich nicht mehr bewegen. Es ist ein sehr einfaches Gebet und besteht nur aus drei Wörtern: »Hilf mir bitte!!!« Mein Herzschlag donnert überlaut in meinen glühend heißen Ohren. »Vaterunser«-Groove, hundertsechzig Beats pro Minute. Der Schreck meines Lebens.

Die Bustür geht quietschend auf, und der Fahrer verkündet, ohne es zu wissen, mein Todesurteil: Alle müssen raus, um die Koffer zu identifizieren. Aus der Ukraine darf man maximal 1000 Dollar ausführen, alles andere ist strafbar. Vor meinen Augen blüht ein gespenstisch-grässliches Schreckensszenario auf. Ich sitze allein mitten im Nirgendwo im dunklen, feindlichen Polen, einundzwanzigjährig, weiblich, blond, ohne meine 10000 Dollar, umgeben von skrupellosen Männern, die alles andere als Frauenversteher sind. Oh Gott!!! Bitte nicht!!!

»Gott … rette … mich … bitte … Amen«, flüstere ich panisch. Jetzt wird jeder aufgefordert, seinen Koffer zu suchen. Ich habe zwei dabei. Der große braune, in dem mein Schatz ruht, steht offen. Den anderen, kleineren blauen, muss ich erst finden. Der polnische Zöllner, der mich bei dieser Suche begleitet, riecht abartig scharf nach marinierten Gurken und hat Schluckauf. Das beruhigt mich seltsamerweise. Nach marinierten Gurken roch es in meiner Kindheit, wenn meine Oma in Fässern die appetitlichen, winzigen Gartengurken einmachte.

»Führen Sie etwas Verbotenes mit?«, presst der Grenzer in stark verdrehtem Russisch aus seinem ungewaschenen Mund heraus. Ich wackle schnell mit dem Kopf und muhe etwas Unverständliches, das »Nein« heißen soll. Er schaut mich lange und verächtlich an, sein linkes Augenlid zuckt. Er rülpst und pult, ohne seine verschwollenen Äuglein von mir abzuwenden, genüsslich in seinen gelben Ekelzähnen herum. Langsam, sehr langsam lässt sich Mr. Salzgurke auf die Knie sinken und vergräbt die grauen, schwarzgeränderten Krallen in meiner Bettwäsche, die unschuldig aus meinem Koffer schimmert. Reines Leinen in feinster Qualität.

»Boom!«, macht mein Herz und bleibt stehen. Ich stelle mich schon mal stramm und stelle mir vor:

Handschellen an meinen pianistischen Gelenken, die ihren sicheren Job verrichten werden.

Feuchte, kalte, nach Urin riechende Gefängniszelle.

Sadistische Soldaten.

Zurück nach Hause im Polizeiauto.

Bitter weinende Eltern.

Mein brauner Koffer wird plötzlich unsanft geschlossen.

»Name?«

»Bogoljubova«, belle ich überrascht. Fast hätte ich »Melde gehorsamst« geschrien. Der Grenzer dreht sich achtlos um und winkt mich weg. Nichts gefunden.

»Boom!«, macht mein Herz und beginnt wieder zu schlagen.

Ich fasse es nicht. Offensichtlich ist soeben ein Wunder geschehen. Ich darf weiterhin mein junges Leben in Freiheit führen. Es leben die polnischen Salzgurken! Das Gebet hat geholfen!

Und da sehe ich es. Andrej, einer der grausigen Kartenspieler, wird gerade von den angsteinflößenden Polen abgeführt. Er zappelt und schimpft. Einer der Grenzler versetzt ihm ein paar saftige Schläge in die Bauchgegend, er sackt zusammen. Die Zöllner zerren ihn weg.

»Drogen«, höre ich plötzlich von der linken Seite. Ljubas Goldzahn blitzt wie ein kleines Leuchtturmlicht vor meinem verdutzten Gesicht auf, sie lächelt vergnügt und zittert gleichzeitig noch vor Schreck am ganzen üppigen Leib. Ihre roten Haare flattern im Wind. Auch bei ihr hat man nichts entdeckt.

Ljuba stößt einen entsetzlich schmutzigen, langen und genussvollen Fluch aus, in dem sich ihre ganze Anspannung entlädt, und schlägt sich auf die Schenkel. Sie ist erleichtert und strahlt, wie ich auch. Wir sind Verbündete.

»Drogen«, wiederholt sie. Das bleibt auch das einzige Wort, das man bedenkenlos wiedergeben kann. Alles andere ist eine einzige virtuose Schimpftirade, Ljuba ist darin echt brillant!

Es stellt sich heraus, dass Andrej der Schreckliche, der Fiesling, der den ganzen Bus in Schach gehalten hat, eine beträchtliche Portion Haschisch dabeihatte, die in einem Plüschbär eingenäht war. Ob der Drogenhund mit dem Plüschtier spielen wollte oder doch das Drogengut fand, werden wir wohl nie erfahren. Aber Andrej selbst wird nun sicherlich genug Zeit haben, um die Produktions- und Verpackungsmängel in seinem komplizierten Business zu überdenken. Ich bin insgeheim froh, dass dieser brutale und rücksichtslose Mensch weg ist. In so einem Fall macht Schadenfreude Spaß.

Zur Feier des Tages besuche ich an der Grenze gemeinsam mit Ljuba eine richtige Toilette. Endlich mal nicht im Wald Pipi machen. Dem Erfinder der Wasserspülung sei bis in alle Ewigkeiten Lob gesungen: So ein Wasserklosett ist einfach toll!

Danach folgen weitere erheiternd feindselige Stunden an dem Grenzübergang. Man jagt uns in Gruppen von Platz zu Platz, stellt uns immer die gleichen Fragen und verunstaltet schließlich unsere rotgesichtigen Pässe mit unästhetisch verschmierten Stempeln. Auch diese Schikane ist irgendwann vorbei. Unserer Weiterreise Richtung Westen steht nach fünf Stunden Tortur und Angst nun nichts mehr im Weg, und die gestreifte Grenzschranke hebt sich widerwillig.

Auf meinen zarten Pfoten glänzen keine Handschellen, und in meinem Inneren wütet deswegen eine ekstatische Freude. Ich fühle mich richtig glücklich.

Frei! Geschafft!

Meine Wasserflasche hat eine kleine Eisschicht bekommen, denn der Bus stand ohne Heizung in der Winterkälte. Null Grad zeigt unser Thermometer. Die aufgeregte Busmannschaft mutet mit ihren Atemwolken wie eine Gespensterhorde im Nebelwald an. Das Eis schmilzt bald, die Gespenster werden langsam wieder zu Menschen, und der Fahrer dreht fetzige Musik auf. Eine Flasche Wodka macht die Runde. Wie man im Sitzen richtig ausgelassen tanzen kann, vermag ich nicht in Worte zu fassen, also lasse ich es lieber. Der Bus mit durch Mordsglück verbündeten Verrückten rast wie ein Fliegender Holländer durch das vorübergehend eingeschüchterte Polenland.

 

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Sweet German Dream

Die letzte Station, immer noch in Polen. Es ist 7 Uhr früh am 20. Dezember, im Morgengrauen auf einem grauen Platz mitten im Nichts. Es riecht nach gebratener Wurst. Ich schalte meinen Walkman ein, er verwöhnt meine kalten Ohren mit den Liedern von Richard Strauss. Die titanische, üppige, verzauberte Musik und dazu das magere, blasse, unwirkliche Bild der verwunschenen polnischen Raststätte. Ausufernde, zum Schreien schöne Harmonien und unrasierte, gähnende, fröstelnde Menschen in ihren unvermeidlichen Sportanzügen. Der heftige Kontrast dieser Bilder verzückt mich so, dass ich zu zittern beginne. Das hier ist wahre Kunst.

Wie schön wäre es, wenn ich auch den Text der Lieder verstünde! Ob ich wohl irgendwann diese herrliche deutsche Sprache in ihrer Gesamtheit verstehen werde? Ob ich jemals diese Lieder in ihrer vollständigen Schönheit der Musik und der Poesie werde genießen können? Im Moment erscheint mir das völlig illusorisch.

Durch Dämmergrau in der Liebe Land;

ich gehe nicht schnell, ich eile nicht;

mich zieht ein weiches samtenes Band

durch Dämmergrau in der Liebe Land,

in ein blaues mildes Licht.

(Richard Strauss, Traum durch die Dämmerung)

Auch ich gehe jetzt in das Land meiner Liebe. Ich blicke mich um: Jeder aus unserem Bus wünscht sich natürlich, in Deutschland ein glücklicheres Leben zu führen. Aber ob es sich, wie bei mir, bei den anderen um ein wirkliches Traumland handelt, bezweifle ich. Jedenfalls konnte ich es bei keinem der Gespräche mit diesen Glücksuchenden feststellen.

Mein persönlicher Gral befindet sich definitiv in Deutschland. Und so war es schon immer, solange ich denken kann. Und ich habe relativ früh damit begonnen! Ich las nur deutsche Bücher, ich hörte nur deutsche Musik, und ich spielte überwiegend Stücke von deutschen Komponisten. »Deutsch« war für mich das allersüßeste Wort. Allein das Wort »Sehnsucht« war schon Musik für mich; ich wiederholte es Hunderte Male.

Meine Mutter ist Professorin für deutsche Musikgeschichte an der Hochschule für Musik in Kiew, und wer saß während ihrer Vorlesungen in der ersten Reihe und hörte atemlos den Geschichten über Siegmund, Sieglinde und den bösen Hagen zu? Ich natürlich. Was die Studenten umso mehr verzückte, wenn ich nach der Vorlesung Wagner improvisierte und dazu noch in erfundenem Deutsch sang.

Bin ich als Kind mal hingefallen oder hatte mich wo gestoßen, schrie ich nicht nach der Mama, sondern nach Wotan und bat Brünnhilde bitterlich weinend, mich doch mit ihrem Ross schnellstmöglich zu holen. Leider kam sie mir nie zu Hilfe, und meine Mutter lachte nur darüber.

Meine Mutter erzählte auch immer, dass sie in der Schwangerschaft ständig Lieder von Schubert anhörte. Und als ihre kleine Tochter, also ich, mit zweieinhalb Jahren kaum sitzen konnte und mit dem Klavierspielen anfing, da spielte sie natürlich irgendwelche Melodien von Schubert – dachte sie zuerst. Bis sie festgestellt hat, dass ich sie nicht nachspiele, sondern im Stil von Schubert und anderen Komponisten komponiere. Jedes Mal ein anderes Stück.

Alle lächelten, wenn ich Klavier spielte. So ein entzückendes Mädchen, so klein und schon so talentiert! Schon als Fünfjährige spielte ich öffentlich Konzerte. Ich improvisierte frei aus dem Kopf, und die erstaunte Zuhörerschaft glaubte mal Bach, mal Schubert, mal Beethoven, Schumann oder Chopin zu hören. Schon damals mischte ich die musikalischen Stile dieser großartigen Komponisten zu einer bunten Melange. Und irgendwann fand ich auch meinen eigenen Stil.

Dass ich mich durch diese Improvisationsgabe von anderen Pianisten unterscheide, war mir, wie sollte es anders sein, damals natürlich überhaupt nicht bewusst. Wenn mich jemand damals fragte, wie ich das Improvisieren empfinde, antwortete ich ehrlich: »Ich denke dabei gar nicht, ich lasse einfach die Hände spielen. Sie spielen von selbst, und ich gucke nur zu.« Als ich mit elf Jahren auf die Staatliche Spezialschule für Hochbegabte kam, war meine Antwort: »Es ist, als würde mir jemand viele verschiedene Gedichte vorlesen und ich würde aus allen etwas aufschreiben und daraus ein neues Gedicht zusammenbauen. Ich höre einfach, was mir in die Ohren fliegt, und spiele es nach. Die Hände spielen von allein, die brauchen keinen Kopf dazu.« Als ich vierzehn war, klang es dann schon altkluger: »Improvisieren ist wie fließendes Komponieren: Man komponiert und interpretiert zugleich.« Bessere Beschreibungen sind mir nie mehr eingefallen – ich weiß ja selbst nicht, was beim Improvisieren mit mir geschieht.

Meine »Fans« waren entzückt, aber mir war gar nicht nach Lachen zumute; vielmehr fühlte ich mich wie ein Tier im Zoo. Zu Hause saß ich grimmig auf meinem wackeligen Klavierhocker, biss die Milchzähne zusammen und spielte den Gästen meiner Eltern das vor, was meine Mutter von mir hören wollte. Dann wartete ich ungeduldig, bis sich der gesamte Tross verzogen hatte, und spielte wieder das, was ich hören wollte: Ich improvisierte wie wild drauflos.

Meine Mutter ließ mit meiner Dressur als Show-Act nicht locker, und ich wurde schnell zur beliebten Hausattraktion. »Zirkus« nannte sie es, glockenhell lachend.

»Lara, ich will nie von dir hören, dass du etwas nicht kannst«, bekam ich ständig von ihr zu hören. »Das darf nie passieren, hörst du. Nur Versager sagen das. DU kannst alles.«

Ihr Ton war dabei eisig wie die jakutische Tundra, und ihre schönen blaugrünen Husky-Augen schimmerten wie Gletschereis. Ich widersprach ihr nicht und sagte tatsächlich nie, dass ich etwas nicht könne. Ich spielte für die Gäste widerstandslos Musik aus dem Kopf, immer mehr und immer komplizierter. Es wurden immer mehr Gäste, die irgendwann »das Publikum« hießen. Im zarten Alter von fünf Jahren spielte ich nicht mehr nur zu Hause, sondern vor vielen Leuten auf einem großen Flügel auf der Bühne im kleinen Saal der Hochschule. Mir machte das nichts aus, ich musste ja ohnehin alles können.

Ich spielte ohne Noten: Die konnte ich ja noch nicht. Sie haben mich auch überhaupt nicht interessiert, auch ohne sie ließ es sich prima spielen. Mein Klavierspiel klang täuschend echt wie die Werke großer Komponisten. Oft konnten nicht mal Kenner einen Unterschied hören. Ich schnappte mir beispielsweise eine Melodie von Schubert und verband sie mit der barocken Opulenz von Bach oder umgekehrt. Oder wie klingt ein Crossover von Schumann und Beethoven? Kein Problem, ich kombinierte beides zum größten Vergnügen der verzückten Zuhörer. Kein einziges Mal wiederholte ich irgendeine Melodie in meinen Stücken. Und lernte immer mehr dazu.

Die Zuhörer lachten und wackelten mit ihren erwachsenen Köpfen. Sie konnten das, was sie hörten, irgendwie nicht begreifen. Und mir wiederum erschien es unglaublich, dass andere Musiker immer Noten brauchten, um nur irgendeine Musik spielen zu können. Diese komischen kleinen Pünktchen und Striche fand ich damals so vollkommen überflüssig. Das sollte ich später aber noch sehr bereuen.

Eines Tages musste ich mich meiner Mutter offenbaren.

»Mama, ich will Musik machen. Richtige Musik. In der Schule.«

»Nein.«

»Warum nicht, Mama?«

»Es ist nicht gut für dich.«

»Warum? Ich spiele doch sowieso schon!«

»Das kannst du auch so einfach weitermachen.«

»Aber Mama …«

»Nein!«

»Aber warum nicht???«

»Das habe ich dir schon erklärt. Schluss jetzt!«

Kein weiterer Kommentar.

Aber ausgerechnet sie hatte mir doch beigebracht, dass ich alles können müsste. Als ich elf Jahre alt war und noch immer keine Notenkenntnisse besaß, wollte ich an der Aufnahmeprüfung für die Elite-Musikschule für Hochbegabte teilnehmen. Diese Kaderschmiede war der Hochschule, an der meine Mutter arbeitete, untergeordnet und bot als einzige Institution die Möglichkeit, eine professionelle Musikerkarriere zu machen. Wollte man später einmal an der Musikhochschule studieren, so kam man nicht umhin, zuvor diese Eliteschule zu absolvieren, in der auch viele Dozenten der Hochschule unterrichteten. Also stand für mich fest: Dort muss ich hin, obwohl ich eigentlich schon fast zu alt war, denn die meisten Kinder fingen dort im Alter von fünf oder sechs Jahren an.

Für die Prüfung musste man Mozart spielen, einen Sonatensatz, außerdem eine Invention von Bach, ein romantisches Stück und eine Etüde. Alles auswendig.

Um mich auf die Aufnahmeprüfung vorzubereiten, hinterging ich meine resolute Mutter und schmeichelte mich so lange bei einem Studenten ein, bis er einwilligte, mir die notwendigen Stücke beizubringen. Er spielte sie mir vor, und ich spielte sie nach, bis sie saßen. Das größte Problem für mich war, dass ich wirklich nur das spielen durfte, was mir der Student vorspielte – keine einzige Note mehr. Wie gern hätte ich auch hier und da noch ein paar Fantasien hinzuimprovisiert, aber das war nicht erlaubt.

An einem Junitag war es so weit: Ich durfte in das Zimmer eintreten, in dem die Schuldirektion saß. Ich kannte alle, sie waren ja zu Hause oft mein »Publikum«.

»Oh Lara, wie schön!«, hörte ich. »Was willst du denn hier?«

»Ich möchte vorspielen.«

»Oh … aber du bist ja gar nicht gemeldet …«

»Ich möchte aber vorspielen!«

»Ähm … Geh doch bitte noch mal kurz raus, wir rufen dich gleich wieder.«

Nach ein paar Minuten wurde ich wieder hineingebeten.

»Lara, wir denken, es wäre richtig, dass du deine Chance bekommst. Was hast du denn vorbereitet?«

»Alles!«

Endlich! Ich spielte um mein Leben. Alle Stücke, auswendig, ohne Fehler. Und ohne hinzuimprovisierte Fantasien.

»Das war aber sehr gut, Lara!«, sagte der Direktor herzlich. »Liebes, wer hat dich denn unterrichtet? Deine Mama?«

»Niemand«, antwortete ich.

»Interessant … Wir dachten alle, deine Mama …«

»Nein.«

»Nun gut. Mach uns doch noch eine Freude. Hier ist ein schönes Thema für dich, würdest du für uns darauf improvisieren?«

Er reichte mir ein kleines Notenblatt. Mit Noten drauf.

Ich hielt das Blatt in der Hand und schwieg.

»Was ist denn?«, fragte besorgt die hübsche Prüferin.

»Ich kann es nicht lesen«, antwortete ich leise und sank auf meinem Hocker zusammen. Aufgeflogen. Ich fühlte mich wie auf der untergehenden Titanic. »Ich kann keine Noten …«

Sie haben mich trotzdem genommen. Ohne Unterlagen und ohne Notenkenntnisse. Die Bedingung war so simpel wie fast unerfüllbar: Ich sollte in einem halben Jahr das lernen, was meine zukünftigen Mitschüler in fünf Jahren durchgearbeitet haben: Noten lernen, meine Klaviertechnik komplett umstellen und nebenbei das komplette musikalische Programm in Solfeggio (also Gehörbildung und Partiturensingen unter Nennung der Notennamen), Harmonielehre und Musikgeschichte beherrschen. Es war ja schließlich die Staatliche Spezialschule für Hochbegabte.

Ich habe es geschafft und mit unbändigem Ehrgeiz all das nachgeholt, was von mir gefordert wurde. Damals habe ich mir geschworen, dass ich mich nie wieder wie auf der untergehenden Titanic fühlen will. Sollen die Eisberge krachen, mir können sie nichts mehr anhaben.

Der Geruch von Bratwurst holt mich wieder in die Realität zurück. Die Realität ist eine schäbige polnische Raststätte. Das fette Würstchen kostet umgerechnet 1,75 DM. Ein einziges verschrumpeltes Würstchen, nicht die ganze Packung! Obwohl ich seit Tagen nichts Warmes in den Magen bekommen habe, sage ich doch entschieden »Nein« zu dem stinkenden Würstchen. Und ich habe damit verdammt recht, wie sich wenig später herausstellt. Wir müssen nämlich mehrere außerplanmäßige Stopps einbauen, weil das arme Busvolk unter übelsten Magenverstimmungen leidet. Die Mitreisenden halten sich an ihren grummelnden Bäuchen und laufen mit bleichen Gesichtern laut fluchend in die durchnässten spärlichen Büsche. Und ich ruhe mit einem milden »Mutter Teresa«-Lächeln in meinem Sitz und verteile großzügig Tabletten gegen Durchfall.

Oh, Richard Strauss, »Weite Wiesen im Dämmergrau …«, – bald, bald sind wir in Deutschland.

In dämmrigen Grüften

träumte ich lang

von deinen Bäumen und blauen Lüften,

von deinem Duft und Vogelsang.

Nun liegst du erschlossen

in Gleiß und Zier,

von Licht übergossen

wie ein Wunder vor mir.

Du kennest mich wieder,

du lockest mich zart,

es zittert durch all meine Glieder

deine selige, deine selige,

sel’ge Gegenwart!

(Richard Strauss, Frühling)

Ich könnte vor Glück weinen, ich bin da! Unser Bus hat die letzte Grenze passiert. Es ist der 21. Dezember 1993; ich bin in Deutschland!

Die an uns vorbeihuschenden Autobahnschilder sind blau wie der Himmel über uns. Die milchige Wintersonne wärmt zart meine Wangen. Die »neue Heimat« ist ein vollkommen fremdes Land. Gleichgültig und unbekannt liegt es da wie ein satter, fauler Hund.

Unser Bus wird an den Rastplätzen argwöhnisch beäugt – auch in Ostdeutschland sind wir unerwünschte Exoten. Hier werden wir nicht erwartet.

Das gewohnte alte Leben, das man von Geburt an bis jetzt geführt hat, ist weg. Nur der Geruch unserer für immer verlassenen Häuser, der den Inhalt unserer Koffer erfüllt, ist noch da. Nur noch die Erde, die sich in den Schuhsohlen festgebissen hat. Die Zahnfüllungen und Tätowierungen sind die letzten Überbleibsel der alten Heimat. Wir sind die scheuen Spätaussiedler im Vorraum unseres nagelneuen Schicksals. Wahllos zusammengewürfelte Individuen, die tagelang miteinander auf engstem Raum ausgeharrt haben, die intimsten Begebenheiten miteinander teilen mussten und eine unglaubliche Vertrautheit zueinander entwickelten.

Ich fange den gehetzt-verängstigten Blick eines Mädchens namens Viktoria auf. Ihre Eltern wandern aus, und sie kommt sozusagen als »Anhang« mit wie so viele hier. So benehmen sie sich auch – menschliche Wesen ohne eigenen Willen, die man »mitgenommen« und denen man gleichzeitig alles »weggenommen« hat. Sie stehen teilnahmslos da und frösteln an einem fröhlichen deutschen Morgen an einer Raststätte in ihren Sportanzügen. »Mitgenommene« Großeltern, Schwiegertöchter, Schwiegersöhne, Kinder, Enkelkinder, Tanten und Onkel. Der bekannte Witz »Was ist das beste Transportmittel ins Ausland? Eine jüdische/deutsche Ehefrau« bekommt hier einen bitteren Beigeschmack. Da stehen diese Transportmittel. Ich muss unwillkürlich lächeln: Hier ist er also, der Parkplatz für diese tüchtigen Fahrzeuge mit ihren verstummten Passagieren. Offiziell heißt das Ganze »Familienzusammenführung«.

Die Kinder sind ungewöhnlich still, weil sie sich unter »Ausland« oder gar »Deutschland« noch gar nichts vorstellen können. Irland oder Portugal – sie würden den Unterschied nicht feststellen. Sogar die mächtige Ljuba, Mutter aller Marktweiber, hat verweinte Augen und schnieft oft in ein Taschentuch von den Ausmaßen eines Betttuchs. Die Kartenspieler, die ihren Häuptling Andrej samt seinem Haschisch-Bären so unheroisch verloren haben, klemmen scheu ihre Stink-Zigaretten zwischen die schuppigen Finger. Eine gedrückte Stimmung – Freude sieht anders aus. Lediglich die Autoschieber, die hier nur »zu Besuch« sind, um die begehrten deutschen Autos zu besorgen, schließen sich zu munteren Grüppchen zusammen und tauschen untereinander aufgeregt ihre spannenden Erfahrungen aus.

Ich vermisse schmerzlich meine Mutter. Ihre gewitzten Bemerkungen, ihre Ironie, ihre Haltung als Kämpferin, ihre Wärme, die nur selten aufflammte, aber gerade deshalb so kostbar war. Wenn keine Zuschauer dabei waren, wenn sie sich nicht als Mutter des Wunderkindes darstellen musste, dann wurde sie zur weichen Mama. Dann hat sie mich getröstet. Und jetzt vermisse ich ihre Schulter, an der ich sanft einschlafen könnte. Ich vermisse die Frau, die ich kannte, als ich noch ein kleines Kind war und sie noch nicht die Frau Professor. Ich vermisse meine Mutter, wie sie ganz tief drinnen ist.

Bald, in Unna, steigen die ersten Passagiere aus. Ich habe das sonderbare Gefühl, dass die Businsassen zu einem riesigen Tausendfüßler geworden sind. Wir sind nun ein lebendiger Organismus. Allein der Gedanke erscheint mir absurd, dass bald sechs oder acht Füße diesen Tausendfüßler-Körper einfach so verlassen werden.

Wir müssen weiterfahren, der Motor läuft schon. Jemand hat auf den schmutzigen Bushintern FUCK SOWJETS gemalt. Wir wurden zumindest schon mal bemerkt.

Immer öfter halten wir an, immer mehr Abschiede, immer leerer wird unser Bus. Man hinterlässt einander Kontaktadressen nach dem Motto: »Onkel Mischa weiß dann, wo wir sind.«

Die emotionslosen Gesichter dieser freiwillig Vertriebenen spiegeln nur den deutschen Winterhimmel wider. Wir alle beginnen hier unsere Winterreise. Mein stummer Sitznachbar ist ebenfalls ausgestiegen; jetzt sitzt die hübsche Witwe Marina neben mir. Das freut mich zwar, aber es fällt mir irrsinnig schwer, neben einem traurigen Menschen Ruhe zu bewahren. Und weil es mir so schwerfällt, begehe ich in solchen Situationen immer wieder den gleichen Fehler: Ich setze mir eine eklige pseudo-fröhliche Grimasse auf und stelle die Fragen, die mir am harmlosesten erscheinen. So geht es mir auch bei Marina. Sie schweigt und schaut traurig aus dem Fenster, und ich zappele nervös auf meinem Platz herum. Endlich wage ich den Einstieg.

»Was macht denn dein Zukünftiger beruflich?«, frage ich sie arglos.

»Zuhälter«, sagt sie emotionslos.

»Zu… äh was?«, frage ich schockiert nach.

»Zuhälter«, wiederholt sie geduldig, und da sie offensichtlich der Meinung ist, dass eine junge unschuldige Musikerin diese Berufsbezeichnung vielleicht nicht versteht, fügt sie gleich hinzu: »Einer, der Huren vermittelt.«

»Aha«, sage ich verständnisvoll; viel mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Dabei werde ich natürlich förmlich zerfressen von brennender Neugierde. Sogar meine Wangen erröten und meine Handflächen werden unangenehm feucht und jucken. Marina schaut mich schweigend an. Ihre schillernden Augen leuchten leicht ironisch.

»Er war zumindest Zuhälter, soviel ich weiß«, sagt Marina beschwichtigend. »Jetzt ist er so eine Art Hausmeister. Er heißt Tommy. Und er denkt, ich sei die Liebe seines Lebens. Seine große russische Liebe …«, sagt sie leise und dreht sich weg.

»Warst du schon mal verliebt?«, fragt sie mich plötzlich.

»Ja, das war ich. In einen süßen dunkelhaarigen Geiger.« Schlagartig werde ich sehr traurig. »Aber meine Mutter hatte etwas dagegen, und diese Beziehung wurde quasi annulliert. Für nicht existent erklärt.«

»Weißt du, vielleicht ist es besser so. Dann kannst du hier vielleicht wirklich ganz von vorn anfangen.« Marinas Stimme wirkt unendlich müde.

»Und du studierst tatsächlich Musik?« Sie schaut mich verwundert an.

»Ja, Klavier an der Hochschule in München.«

»Wow!«, sagt sie nur kurz und strahlt mich mit ihrem rätselhaften Nofretete-Lächeln an.

Dass ich mich mit ihrem Hausmeister Tommy später anfreunden und mit seiner Hilfe noch eine bemerkenswerte Entdeckung machen werde, kann ich jetzt noch nicht ahnen.

Am 23. Dezember treffen wir in Hannover ein. Ljuba und Tolik steigen hier aus. München ist die letzte Station, somit mache ich, ziemlich unfreiwillig, eine Art Rundreise durch Deutschland. Unsere Busbesatzung lichtet sich immer mehr, jetzt hat wirklich jeder die Möglichkeit, sich auf beiden Sitzen auszustrecken. Wir sind alle erschöpft und misslaunig, eine staubige Langeweile macht sich breit.

Der humorvolle Autohändler Vitalij stellte mir an diesem Morgen eine Fangfrage: Ob ich denn wüsste, was »Stau« auf Deutsch heißt. Ich wusste es nicht, er aber schon, und er triumphierte offen über meine Unkenntnis: ein klarer Sieg des Automechanikers über eine Hochschul-Madame. Mir doch egal! Woher hätte ich das denn wissen sollen? Meine Lehrbücher für Deutsch stammen allesamt aus dem Jahr 1954: eine fragwürdige Lernhilfe für technische Fachhochschulen und als Alternative ein »Kurs für Militärdolmetscher« aus dem Jahre 1952, den mir mein Vater liebenswürdigerweise zur Verfügung gestellt hat. Bedauerlicherweise wurden dort weder »Staus« noch Geschwindigkeitsbegrenzungen erläutert, da die Panzer bekanntlich nach eigenen Verkehrsregeln fahren, ohne Staus.

Während der Fahrt gen Süden höre ich mir ständig das erste Lied aus der »Winterreise« von Schubert an: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.« Hoffentlich gilt das nicht für mich. »Ich gehe nie wieder zurück, lebendig oder ausgestopft!«, sage ich mir wie einst Scarlett O’Hara, allerdings ohne Rüben mit Erdklumpen zu fressen.

Westdeutschland ist bombastisch schön – überall festliche Beleuchtung, Weihnachtsmänner, Schmuck und irgendwelche kleinen Küchlein, die »Lebkuchen« heißen. Ist das etwa »lebendiger« Kuchen? Piepst der, wenn man ihn isst? Erst jetzt realisiere ich, dass das gelobte germanische Land im Weihnachtsrausch liegt. Ich habe damit überhaupt keine Alltagserfahrung, aber die Autoschieber sagen, dass tagelang alles geschlossen bleiben wird! Wirklich alles? Wie soll ich damit klarkommen? Ich weiß nicht mal, wo ich übernachten kann. Ich habe lediglich die Adresse der Musikhochschule und eine Telefonnummer von Münchner Bekannten, die ich bei einem Gastspiel irgendwann kennengelernt habe. Ob sie über die Feiertage überhaupt da sind? So wie es scheint, bewegt sich im Moment das komplette deutsche Weihnachtsland mit Kind und Kegel auf der Autobahn von einem Ort zum anderen! Nur in der Nacht fließt der Verkehr einigermaßen, tagsüber stehen wir überwiegend im Stau. Mein Bauch füllt sich mit Eiswürfeln bei dem Gedanken, dass ich ab morgen womöglich ohne ein Dach über dem Kopf sein werde. Zwar mit 10000 Dollar im Koffer, aber sonst … Ich habe nicht mal eine Ahnung, ob ich ein freies Hotelzimmer finden kann. In Russland wäre so etwas spontan gar nicht möglich. Lieber gar nicht daran denken, ich lasse es einfach auf mich zukommen, wird schon irgendwie werden …

Aus Langeweile blättere ich in meinem deutschen Wörterbuch: unglaublich, diese langen Wörter! Als würde man an einem Bahnübergang stehen und wollte die Waggonnummern eines vorbeiratternden Güterzuges auswendig lernen. Bei dem dritten Wagen hast du die ersten zwei Nummern schon wieder vergessen! »Kreisverwaltungsreferat«, »Autobahnmeisterei« … oder das hier: »Luftfrachtverwaltung«. Ich werde es nie lernen, solche phonetischen Monster sind nicht meine Kragenweite. Schuster, bleib bei deinen Leisten! Es schneit, der Bus rollt und ich nicke langsam ein.

Heute ist definitiv Weihnachten: Die Toilettenfrau auf der Raststätte hat mir »Frohe Weihnachten!« gewünscht! Ach ja, stimmt, in Deutschland feiert man Weihnachten am 24. Dezember, und den haben wir heute. Ich murmele etwas Ähnliches zurück, betone aber plakativ meine ausländische Herkunft und meine damit verbundene Unwissenheit bezüglich Bezahlung des Toilettenbesuchs. Ein kleines Tellerchen steht zwar da, aber ich habe ja kein deutsches Kleingeld. Ob sich die Putzfee über einen Rubel gefreut hätte? Also zahle ich auch nichts und entferne mich mit einer geheimnisvollen Miene.

Wir sind inzwischen in Nürnberg und parken in einer Straße voller Bordelle. Pascha und Elena steigen aus. Eng umklammert. Aus meinem Fenster sehe ich deutlich ein großes Plakat mit einer markanten Frau im Lederanzug. In der Hand hält sie eine Peitsche. »Studio Bizarr« steht dort in Neonbuchstaben. Was kann das denn sein? Wohl kein gewöhnlicher Puff. Aber was dann?

Die nächste Station ist München, wo Marina mit ihrer Tochter und die zwei sportlichen Brüder aus Odessa aussteigen. Und ich. Ich bin so nervös, dass ich zur Klapperschlange geworden bin – bei mir klappern Zähne, Knochen, Gelenke und sogar die Nasenhaare. München ist ein eisiger See, in dessen kaltes Wasser ich jetzt hineinspringen muss, ohne Rettungsring und ohne Schwimmflügel. Gott steh mir bei!

Ein paar Stunden später sitze ich in meinem Zimmer im Studentenwohnheim. Vor meinem Fenster steht eine Magnolie mit grünen Blättern! Eine Magnolie im Winter, unfassbar! Überhaupt ist das alles vollkommen unfassbar. Ich habe das Gefühl, dass ich in diesem Land rein gar nichts kenne! Die Toilettenspülung funktioniert anders, die Fenster lassen sich kippen, man hat hier kein Bargeld, sondern Plastikkarten, und wenn man Geldscheine braucht, zieht man diese aus einem Automaten. Und für all das braucht man ein Konto. Was um Himmels willen ist ein »Konto«?

Ich fühle mich wie Mogli aus dem Dschungelbuch, frisch aus dem Wald. Eine vollkommen neue Welt prasselt wie ein Wasserfall auf mich ein. Ich war zwar schon ein paarmal im Ausland, aber immer nur als Mitglied einer Gruppe, sorgfältig abgeschottet von den Gegebenheiten des Alltags und von sozialen Kontakten. Jetzt ist alles anders. Ich bin allein. Und ja, ich habe Angst. Ich sehe schon die Schlagzeile vor meinen Augen: »Chaos! Junge russische Pianistin Lara ist in München aufgeschlagen, man spricht von einer gekonnten Bauchlandung!«

Trotzdem: Was mit mir heute passiert ist, war ein lupenreines Wunder, organisiert und präsentiert durch eine gut ausgebildete und hervorragend trainierte Mannschaft von hochkarätigen Schutzengeln.

Der staubige Bus hat mich vor einem Paradebeispiel der monumentalen NS-Architektur im Zentrum von München ausgespuckt, und dann stand ich vor dem mächtigen Eingang des einschüchternden Musiktempels: seit einer Woche ungewaschen, angsterfüllt und umringt von meinem altmodischen Reiseequipment. Mit schlotternden Knien erklomm ich die wuchtige Treppe und zerrte mit all meiner Kraft an der meterhohen, tonnenschweren Eingangstür. Zu meiner großen Erleichterung war sie nicht verschlossen, es bestand also durchaus Hoffnung, dass ich drinnen Menschen finden würde. Trotz Weihnachten.

Von innen war das Gebäude genauso imposant und wirkte fast noch einschüchternder. Eine riesige Glaskuppel thronte über Tonnen und Abertonnen von Marmor und Stuck in Form von Treppen, Säulen und Statuen. Jeder Schritt und jeder Laut hallte hundertfach nach und machte eine normale Kommunikation fast unmöglich. Man müsste wahrscheinlich schreien, um überhaupt verstanden zu werden. Hier befand sich ursprünglich der Führerbau, in dem Hitler sein Büro hatte und sehr viel Zeit verbrachte; das berichtete mir mein Vater. Am Königsplatz begannen Märsche der Massenkundgebungen und fanden feierliche Bücherverbrennungen statt, und im Prinzip stehen all die pseudo-griechischen Tempel noch auf ihrem Platz, sodass man sich diese schaurigen Geschehnisse lebhaft vorstellen kann. Es war die Macht selbst, die sich in diesem Gebäude verwirklichte. Umso größer ist die Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Sitz des Kriegsgottes nun der friedlichsten aller Göttinnen als Domizil dient – der zahmen Göttin der Musik.

Bei mir bahnte sich nun aber ein viel banaleres Problem an, das ich schleunigst lösen musste: Ich suchte hastig nach einer Damentoilette. Die Lage erschwerte sich zusätzlich dadurch, dass ich mich in meiner ganzen Aufregung nicht mehr deutlich genug erinnern konnte, welcher Buchstabe meinem weiblichen Geschlecht zugehörig war: D oder H? So eine Art kompletter geistiger Umnachtung soll passieren. Ich entschied mich deswegen, trotz der Dringlichkeit meines schlichten, aber beharrlichen Bedürfnisses, zu warten, bis eine Person die sanitäre Einrichtung verlassen oder auch betreten würde. Nach kurzer Zeit sah ich, wie sich die Tür mit dem »D« öffnete. Das breite Hundelächeln eines Collies begegnete meinem verblüfften Blick. Es übertraf wirklich alle meine Erwartungen, dass sogar für Hunde in Deutschland toilettenmäßig gesorgt war! Der Collie hatte allerdings auch eine menschliche Begleitung weiblichen Geschlechts dabei, die dem Hund mit einer mürrischen Miene folgte und mir beiläufig »Frohe Weihnachten« wünschte. Der freundliche Hund sagte zwar nichts, wedelte aber fröhlich mit dem buschigen Schwanz.

Die Toilette war atemberaubend – riesengroß, alles aus Marmor und klinisch sauber. Aus Russland bin ich völlig anderes gewohnt: Aus welchem Grund auch immer sind die Toiletten und Autostraßen dort seit jeher ein übles Problem. Sogar die größten russischen Schriftsteller haben sich oft und gerne dazu geäußert. In Russland habe ich noch nie eine öffentliche Toilette mit einer Sitzbrille gesehen, und hier in Deutschland waren die Sitze nicht nur steril sauber, sondern auch noch schwarz und majestätisch schwer. Aber leider eiskalt! Vorsichtig setzte ich mich auf den eiskalten Sitz nieder – AUA! Ein Traum für Masochisten.

Zurück in der gigantischen Eingangshalle, schüttelten mich die beinahe arktischen Temperaturen durch. Glücklicherweise trug ich meinen apricotfarbenen Anorak für besondere Anlässe, den mir meine Mutter von ihrer Lappland-Reise mitgebracht hatte. Obwohl er mich zuverlässig vor der Kälte schützte, schränkte er aufgrund seiner Länge und Enge meine Bewegungsfreiheit dermaßen ein, dass ich beim Gehen einer sibirischen Geisha glich. Anmutig trippelte ich mit winzigen Schritten zu einer verglasten Front mit einer kleinen Fensteröffnung. Eine winzige Frau saß dahinter und starrte mich mit kugelrunden Vogelaugen an. Ich beugte mich so weit vor, wie es mir mein dominanter Mantel erlaubte, und stammelte mit zitternder Stimme meinen mühevoll einstudierten Begrüßungstext, der besagte, dass ich eine Austauschstudentin aus der Ukraine sei und mich hier gerne einquartieren möchte. Die kleine, papageiähnliche Pförtnerin hob ihre rechte fransige Augenbraue und erwiderte mein höfliches Gesuch mit einer schrillen Vogelstimme. Aus ihrer wortreichen Antwort verstand ich leider nur die Wörter »sie«, »Russland« und »studieren«. Der eigentliche Sinn ihrer Rede blieb für mich aber ganz und gar rätselhaft.

Da ich nur verlegen lächelte und sonst keinen Mucks von mir gab, wiederholte sie alles noch einmal, diesmal in viel höherer Stimmlage und noch viel lauter. Viele Menschen scheinen zu glauben, dass man nur laut und schrill genug mit einem Ausländer sprechen müsse, damit er die fremde Sprache versteht. Leider ist das ein Irrglaube, besonders wenn es sich um eine Sprache wie das Bayerische handelt. So brachte es auch in meinem Fall nichts weiter als einen leichten Hörschaden bei mir und einen Wutanfall bei der strengen Vogeldame. Sie ließ ihrem Zorn freien Lauf, und ich bebte und zitterte wie Espenlaub. Die zornige Erinnye, die Göttin der bayerischen Musikunterwelt, stampfte mich mit ihrer schäumenden Tirade in Grund und Boden. Als sie genug getobt hatte, erstarrte sie plötzlich und sagte in bemühtem Deutsch: »Hast du das verstanden?«

Unbeholfen zog ich meine Schultern nach oben und schüttelte verneinend meinen dummen Studentenkopf. Die müde gewordene Wächterin des Vorraums fuchtelte daraufhin mit ihren kurzen Armen wie ein Helikopter im Sturm, wählte eine kurze Nummer auf ihrem giftgrünen Telefon und bellte erbost minutenlang in den Hörer. Danach verließ sie verärgert ihre verglaste Grotte, packte mich fest am Oberarm, zerrte mich mit gewaltiger Kraft zum Lift, warf meine nichtsnutzige Person wie einen Kartoffelsack mit Schwung hinein und drückte den Knopf in die zweite Etage.

Danach ging plötzlich alles sehr schnell, und die positiven Eindrücke überrollten mich im Blitztempo. Staunend wie ein Kind in Disneyland stand ich in einem aufgeräumten hellen Büro vor einer urgemütlichen Dame, die Frau Richter hieß und deren Deutsch ich merkwürdigerweise sehr gut verstehen konnte. Um mich herum ratterten Apparate, die ich bisher noch nie gesehen hatte, und produzierten für mich ganz unverkrampft Unmengen an Unterlagen, von denen ich, wie es schien, sehr viele benötigte.

»Wir sind ein Bürokratenland«, sagte Frau Richter lachend.

Sie hat ja keine Ahnung! Im Vergleich zur Ukraine geht es hier zu wie im Schlaraffenland. In der Ukraine hätte man für all diese Unterlagen Monate gebraucht! Vom Schmiergeld und den Nerven einmal ganz abgesehen. Hier kommen aber diese wichtigen Dokumente komplett fertig und sogar abgeheftet aus diesen heißen Maschinen. Nicht zu fassen!

»Sie gehen jetzt bitte in das Büro unseres Kanzlers. Die dritte Tür links«, wies mir Frau Richter den Weg, drückte mir eine Mappe mit meinen Papieren in die Hand und begleitete mich hinaus.

Kanzler. Wow, bisher kannte ich nur einen Kanzler, den Kanzler Kohl, und jetzt durfte ich auch einen Kanzler kennenlernen! Ich fühlte mich mächtig geehrt.

»Herr Dr. Erhard Ruhnbach« stand auf dem Türschild. Ich klopfte scheu und trat zögernd hinein. Das Erste, was ich sah, waren die erschreckend blauen Augen eines nicht allzu groß gewachsenen, schlanken Mannes. Seine kantigen Gesichtszüge passten zu seiner gesamten Physis, die Stärke ausstrahlte. Graue Schläfen, gepflegte maskuline Hände, kein Ehering. Geschätzte fünfzig Jahre alt.

Als sich unsere Blicke trafen, hörte ich eine Art Knistern und wusste sofort: Diese Begegnung wird verhängnisvoll sein. Er erstarrte wie ein guter Jagdhund, der begeistert die leckere Beute wittert, aber noch keinen entscheidenden Sprung macht. Ich, die potenzielle Beute im engen Polarparka, starrte hypnotisiert zurück.

»Willkommen in München. Ich bin nicht der Kanzler. Ich bin die Vertretung von Herrn Dr. Ruhnbach. Mein Name ist Manfred Kern, ich komme vom Kultusministerium und bin eigentlich der Vorgesetzte von Herrn Dr. Ruhnbach.« Kurzes Schweigen. Wahnsinn, diese Stimme, so tief und heiser wie von einem charmanten Mafiaboss. »Herr Dr. Ruhnbach ist leider erkrankt. Wir kennen uns schon seit der Studienzeit, und er bat mich, hier kurz in seinem Büro nach dem Rechten zu sehen. Gehen wir doch einfach Ihre Papiere durch.«

Ich redete noch fast zwei Stunden mit ihm, und dabei kam ein so gutes Deutsch über meine Lippen, dass ich selbst erstaunt war. Die vielen deutschen Bücher meiner Eltern zeigten doch ein wenig Wirkung.

Draußen war es dunkel geworden. Manfred Kern war überraschend offen; ich habe ihm sogar von der Musik in meinem Kopf erzählt, die mich pausenlos begleitet. Das weiß sonst noch keiner. Immer höre ich irgendwelche musikalische Themen in meinem Inneren. Sie lassen mich nie los. Meine Fingerchen trommeln oft auf der Armlehne oder der Tischplatte. Nicht aus Nervosität, sondern im Takt der Noten, die ich innerlich höre. Immer ist Musik in meinem Kopf. Immer. Er versteht es und hält mich nicht für verrückt.

»Der Mai ist kommen, der Winter ist aus«, sang aus Die schöne Müllerin von Franz Schubert eine leise Stimme in meinem Kopf. Wie passend! Diese ewige Kopfmusik …

Es ist unmöglich, dass wir uns erst jetzt getroffen haben! Es ist nicht wahr! Mir wurde ganz warm.

Die Schnurrhaare seiner hübschen Standuhr standen auf 20.15 Uhr, als jemand klopfte und hereinschaute: »Entschuldigung, aber es ist schon Zeit.« Die Vogeldame aus der Eingangshalle schaute mich vernichtend an. Oje, das wird wohl keine Freundschaft zwischen ihr und mir!

Herr Kern begleitete mich aus seinem Büro nach draußen, so behutsam, als sei ich eine Porzellantasse. Die Hochschule war inzwischen menschenleer und dunkel. »Frohe Weihnachten, liebe Lara«, sagte er und küsste mich vorsichtig auf beide Wangen. Honigsüß.

Heute ist Heiligabend, und den feiert man normalerweise im engen Familienkreis. Herr Kern hat es mir erklärt. Also hat er heute, wie auch ich, keine Familie zur Verfügung, um den Heiligabend zu feiern, dachte ich, und es erfüllte mich mit Freude. Das bedeutet also … Er hat keine Familie?

Lara! Das reicht jetzt aber!

Ja, ich weiß, er ist ein hohes Tier im Kultusministerium. Na und?

Er hat meine Koffer in sein Auto geladen und mich in mein neues Zuhause gebracht. Es hat sich herausgestellt, dass für mich ein Zimmer im Studentenwohnheim reserviert war.

Sein Auto war ein merkwürdiges, entsetzlich laut brüllendes, froschähnliches Fahrzeug namens »Porsche«. Es hatte so gut wie keinen Kofferraum, und so stand einer meiner Koffer auf der Miniaturrücksitzbank, die eigentlich keine ist. Ich erfuhr aber sofort von ihm, dass es das Auto sei und jeder stolz wäre, so etwas zu besitzen. Na ja … Wir glitten also in seiner knurrenden Sportkarosse durch die verschneite Stadt, und ich fühlte mich wie ein glückliches Aschenbrödel.

Wir besorgten unterwegs noch etwas Proviant für mich, den er sogar bezahlte. Sonst säße ich eine Zeit lang ohne Lebensmittel da, weil alle Geschäfte über die Feiertage schließen. »Und das will ich auf keinen Fall«, sagte er sanft und fürsorglich.

Zum Abschied zog er noch einen Hundertmarkschein aus der Brieftasche und gab ihn mir mit resoluter Geste. Ich nahm das Geld an, aber nur als Leihgabe.

»Bitte, Lara, rufen Sie mich an. Jederzeit, wenn Ihnen etwas fehlt. Oder einfach so, wenn Sie Lust haben, mit mir zu reden. Das würde mich sehr freuen«, sagte er sanft.

Noch zwei vorsichtige Küsschen auf die Wangen, und weg war er. Und nun bin ich, ohne vorher davon zu wissen und ganz ohne mein Zutun, wie durch Zauber plötzlich stolze Besitzerin eines Zimmers mit eigenem Bad im Studentenwohnheim. Ich sitze hier allein und schaue lange auf die zugeschneite Magnolie. Es rieselt der Schnee. Und wieder ertönt Musik aus der Schönen Müllerin von Franz Schubert in meinem Kopf:

Bächlein, lass dein Rauschen sein!

Räder, stellt euer Brausen ein!

Schalle heut ein Reim allein:

Die geliebte Müllerin ist mein!

Mein!

Lara! Er ist um die fünfzig und du einundzwanzig. Er ist Ressortleiter im Kultusministerium und du Studentin. Stimmt. Mein Ressortleiter und seine Studentin.

Ich kann es zwar nicht ganz glauben, aber ich denke, dass er sich in mich verliebt hat. Und mir ist es nicht einmal so unangenehm. Vorsichtig ausgedrückt.

Einen besseren Start kann ich mir nicht wünschen. Hoffentlich ist es nicht nur eine Illusion und mein Traum wird sich nicht in Luft auflösen. Ich bin endlich angekommen.

Allegro con anima

Vignette

Mogli sucht sein Rudel

Diese Magnolie war es, die mich so durcheinandergebracht hat, und der charmante Ressortleiter mit dem roten Porsche. Die Menge der Ereignisse, die seitdem auf meinen Kopf eingeprasselt sind, ist enorm! Ich komme mir vor wie ein armes Wäschestück, das all die Tage in einer monströsen Waschmaschine verbracht hat, die wie von Geisterhand immer wieder neu gestartet wurde. Kaum durfte ich, arme Socke, die Waschmittelbrühe ausspucken und etwas Luft schnappen, wurde ich schon wieder in den teuflisch schnell drehenden Sog der Wäschetrommel hineingezogen. Drei Monate sind seit meiner Ankunft vergangen.

Heute weiß ich, wie unvorstellbar naiv ich damals war und wie erschreckend wenig ich von Deutschland wusste und verstand. Allein schon die deutsche Sprache, die ich mithilfe des betagten »Kurses für Militärübersetzer« aus dem Jahr 1952 erlernte, treuherzig begleitet von einem »Lehrbuch für Ingenieure im Maschinenbau«, das die tückische deutsche Grammatik ausschließlich anhand von Beispielen aus der Schwerindustrie erläuterte. Beide Bücher stammten aus dem stolzen Besitz meines Vaters. Ein Beispielsatz für Futur II bleibt aus unerklärlichem Grund für immer in mir eingemeißelt: »Die Turbine wird 1959 gebaut sein.« Leider durfte ich den Satz nie benutzen, wie so vieles, was ich mühselig erlernt hatte. Alles verlorene Müh’ – und das Schicksal der Turbine blieb auch ungeklärt.

Die Sprache, die mich 1994 in Deutschland erwartete, war so vollkommen anders, dass es sich eigentlich lohnte, ganz von vorne anzufangen. Und seitdem lerne ich.

Das erste wichtige Wort, das ich gelernt habe, war »Weihnachten«. Ich musste gleich mitlernen, dass das Leben in Deutschland vom 24. Dezember bis zum 2. Januar und in Bayern noch länger in einen lethargischen Winterschlaf fällt, und ich habe mich innerlich damit abgefunden. Aber als ich vor drei Monaten wie ein Dorfdepp die Treppe der Musikhochschule erklomm, kam diese faszinierende und absolut endgültig wirkende Erstarrung des deutschen Lebens um den Jahreswechsel für mich natürlich vollkommen überraschend. Woher sollte ich das auch wissen? In meiner »alten Heimat« war Weihnachten bis dato schlicht aus der Geschichte ausradiert und für nicht existent erklärt worden. Nun stand ich da wie ein sperriges Weihnachtsgeschenk, das keiner wollte. In einem apricotfarbenen bodenlangen Parka aus Lappland.

Zu meinem großen Glück nahm mich für die Tage von Weihnachten bis Mitte Januar, also bis mein Unterricht an der ...

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