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Doktor, Scheich – und Herzensbrecher

WILDFIRE ISLAND DOCS

DAS TEAM:

Dr. Sarah Watson

Flying Doctor

Dr. Sam Taylor

Inselarzt, Bakteriologe

Dr. Keanu Russell

Inselarzt

Caroline Lockhart

Krankenschwester

Henrietta (Hettie) de Lacey

Pflegedienstleiterin

Ben

Anästhesist

Dr. Luke Bresciano

Arzt

Anahera (Ana)

Krankenschwester

Vailea

Reinigungskraft

PATIENTEN:

Scheich Rahman al-Taraq (Harry)

Chirurg und Investor

Zwei Babys

UND:

Hera

Harrys Mutter

Neela

Harrys Schwester

Sarahs Eltern

1. KAPITEL

Rahman al-Taraq brütete vor sich hin, zumindest nahm er an, dass dies die richtige Bezeichnung für seinen derzeitigen Gemütszustand war. Düstere Verstimmung war ihm fremd, weil er es gewohnt war, stets alle Energie darauf zu richten, sich selbst zu beweisen. Er wollte für das bewundert werden, was er erreicht hatte, nicht für seine königliche Herkunft.

Schon früh war ihm bewusst geworden, dass man ihm im elterlichen Palast jede Laune gewährte und jeden Wunsch erfüllte, und zwar nicht, weil er irgendetwas getan hatte, um es zu verdienen, sondern einfach, weil er war, wer er war. Welcher sechsjährige Junge bekam schon einen Elefanten zum Geburtstag? Und nur, weil er den Elefanten im Zirkus gesehen und beiläufig erwähnt hatte, das Tier sollte nicht mit einer Kette um den Fuß leben müssen. Der Gedanke heiterte ihn auf. Wenn man Rajah hierherbrächte! Er würde das tropische Paradies im Südpazifik lieben, den Regenwald, aber er würde die Gärten der Dorfbewohner binnen einer Woche komplett verwüsten. Außerdem wurde Rajah langsam zu alt zum Reisen.

Er erhob sich und durchquerte den Bungalow, den er sich für seinen Aufenthalt auf Wildfire Island hatte errichten lassen, blind für die Schönheit des naturbelassenen Steinbodens, des polierten Holzes und der farbenprächtigen, handgewebten Matten. Von außen mochte es aussehen wie ein typisches Inselhaus, aber im Innern war es ein Meisterstück erlesenster Arbeit.

Arbeit! Da war es wieder, dieses Wort, das ihm solche Probleme bereitete. Sosehr er sich auch davon zu überzeugen versuchte, dass die Beschäftigung, der er derzeit nachging, wichtig und bedeutsam sei, fand er doch immer wieder ein „Aber“.

Als er im Alter von zehn Jahren auf ein Nobelinternat in England geschickt worden war, hatte er sich als Harry vorgestellt, damit sein außergewöhnlicher Name ihn nicht aus der Masse hervorhob. Er hatte immer aus eigener Kraft strahlen wollen, nicht durch seine herrschaftliche Abstammung.

Als Harry stürmte er von Erfolg zu Erfolg, wollte immer der Beste sein, und entsprechend verlief sein Weg durch Schule und Studium. Bald stellte er fest, dass seine wahre Leidenschaft die Chirurgie war, und er betätigte sich zunächst als allgemeiner Chirurg, um sich später auf Kinderchirurgie zu spezialisieren und sein Leben in den Dienst der so verwundbaren Kleinen und Kleinsten zu stellen.

Aber man konnte ein Neugeborenes schwerlich mit einer zitternden rechten Hand operieren, die ihm als Folge einer sehr schwer verlaufenden Enzephalitis geblieben war. Seine erste Reaktion auf den Verlust seiner Arbeit, die er leidenschaftlich geliebt hatte, war rasender Zorn gewesen – Zorn auf die Schwäche seines Körpers, der ihm das antat.

Schließlich war ihm die Sinnlosigkeit seines Ärgers bewusst geworden, und er hatte sich ein neues Betätigungsfeld gesucht: Er richtete medizinische Forschungszentren zur Erprobung neuer Impfstoffe ein und entwickelte Programme zur Bekämpfung von Moskitos in den am schlimmsten betroffenen Gebieten.

Es war eine lohnende Arbeit, außerdem musste er fast pausenlos durch die ganze Welt reisen, um die Zentren zu überwachen, was ihn auf gute Weise erschöpfte, aber es erfüllte ihn nicht mit der Leidenschaft, mit der er seiner wahren Berufung nachgegangen war.

Er seufzte und versank wieder ins Grübeln, diesmal allerdings nicht über seine berufliche Situation, sondern über diese Frau. Sarah Watson … Er hatte sie schon einmal getroffen, dessen war er sicher, aber er konnte sich nicht erinnern, wo und wann. Offenbar hat die Enzephalitis auch mein Gedächtnis in Mitleidenschaft gezogen, dachte er grimmig.

Jedenfalls hatte er sie auf der Einweihungsparty für das neue Zentrum angesprochen, und sie hatte nicht nur bestritten, ihn zu kennen, sondern sich so schnell von ihm abgewandt, als hätte sie sich verbrannt, und war dabei so flammend rot geworden, dass er sicher war, sie log. Aber warum? Und warum, verdammt, interessierte ihn das? Er war tatsächlich extra auf die Insel zurückgekommen, um sie wiederzusehen, obwohl er wichtige Termine in Westafrika und Malaysia hatte.

Es musste an ihrem Haar liegen. Dichtes, glänzendes Mahagoni, und dieser würzige Duft, wie Essig vermischt mit Rosenparfüm … Essig? Hatte er wirklich Essig gerochen und sich davon angezogen gefühlt? Wen, bitte schön, zog es denn zu Essig hin? Wie auch immer, er war sich sicher, sie schon einmal getroffen zu haben, denn er hatte den Geruch ihres Haars sofort wiedererkannt.

Von seinem Freund Luke wusste er, dass sie die Chirurgin war, die alle sechs Wochen für eine Woche auf die Insel kam, und dass sie aus England stammte, was zumindest erklären könnte, warum sie ihm so bekannt vorkam – sein ganzes Leben als Spezialist für Kinderchirurgie hatte sich in London abgespielt.

Die Einweihungsparty war jetzt sechs Wochen her, und hier war er wieder, zurück im Inselparadies, obwohl seine Anwesenheit an anderen Orten gefordert war. Er griff zum Telefon und wählte die Nummer der Krankenstation. „Ist Dr. Watson da?“, fragte er die Rezeptionistin.

„Sie ist für heute mit der Arbeit fertig und jetzt wahrscheinlich am Sunset Beach“, kam die knappe Antwort.

Der Sunset Beach war nur einige Gehminuten entfernt in der nächsten Bucht. Er würde sie dort wie zufällig treffen und herausfinden, woher er sie kannte. Er legte das Telefon beiseite und verließ entschlossen den Bungalow. Er würde sie sehen, mit ihr sprechen, vielleicht an ihrem Haar schnuppern …

War er verrückt? Als hätte er nicht schon genügend Frauen, die sein Leben komplizierten; seine Mutter, drei Schwestern, sieben Tanten plus Yasmina, die ihm als Ehefrau ausgesucht worden war – zum Besten des Landes natürlich. Sie drängten ihn, nach Hause zu kommen und die Herrscherrolle zu übernehmen, wenn sein alternder Vater starb. Sie alle wussten, dass sein jüngerer Bruder weit besser dafür geeignet war als er, und der bloße Gedanke an seine Rückkehr und das Aufhebens, das seine Familie um ihn machen würde, lähmte ihn. Eine Fremde zu heiraten, fiel in eine andere Kategorie. Er hatte lange im Westen gelebt, aber er wusste, dass einige der alten Traditionen ihren Wert hatten.

Inzwischen war er am Wasser angekommen. Er hätte sich Schuhe anziehen sollen, die Steine hier waren ganz schön scharfkantig. Die Flut war zurückgegangen und das Wasser seicht, er würde einfach um die Felsen herumwaten …

Sarah kam herrlich erfrischt aus dem glitzernden Meer, griff zum Handtuch und zog anschließend ihr langes weißes T-Shirt über den Bikini. Selbst kurz vor dem Untergang brannte die tropische Sonne intensiv genug, um ihre helle Haut zu verbrennen. Hellhäutig und rothaarig, brachte sie nicht die besten Voraussetzungen mit für den Aufenthalt auf dieser tropischen Insel, aber sie hatte das Gefühl, hier könnte sie endlich Frieden finden.

Langsam ihr Leben wieder aufnehmen, das vor vier Jahren zerbrochen war und sie ans Ende der Welt geführt hatte, nach Australien, wo sie einen Job fand, in dem sie umherziehen konnte, eine Woche hier, eine Woche da, niemals lange genug an einem Ort, um den Leuten Gelegenheit zu geben, in ihrer Vergangenheit zu graben und die Erinnerung zurückzuholen …

Ein lauter Schmerzensschrei schreckte sie aus ihren Gedanken, und sie wandte den Blick zu den Felsen am Ende des Strandes, wo ein Mann im knietiefen Wasser auf und ab hüpfte. Ein Eingeborenenritual? Nein, sie hatte Schmerzenslaute gehört – hörte sie immer noch. Eilig zog sie ihre Sandalen an und lief über den Sand zu dem Mann, der versuchte, aus dem Wasser zu gelangen, wobei er seinen Fuß umklammert hielt. Es war derselbe, den sie kurz auf der Party gesehen hatte und der sich Harry nennen ließ.

Scheich Rahman al-Taraq, genauer gesagt, ein Mann, dem sie einmal die allergrößte Bewunderung entgegengebracht hatte für das Fachwissen und die Neuerungen, die er in die Kinderchirurgie eingeführt hatte. Sie war geschmeichelt gewesen, als er sie nach der Arbeit auf einen Kaffee eingeladen hatte, und hatte ihm begeistert von ihrem Wunsch erzählt, sich ebenfalls auf sein Fachgebiet zu spezialisieren. Deshalb war sie zu spät zu ihrer Verabredung mit David gekommen, der sie von der Arbeit hatte abholen wollen. Eine halbe Stunde zu spät, eine halbe Stunde, die alles hätte ändern können.

Sie schloss die Augen, um der Erinnerung zu entgehen. Der Zusammenstoß, die Angst, das Blut … Natürlich war es nicht Harrys Schuld, aber sein Anblick brachte den ganzen Horror von damals zurück. Nicht auf dieser wunderschönen Insel, bitte, wo sie gerade dabei war, wieder heil zu werden, aber der Mann hatte Schmerzen. Sie ging zu ihm und stellte sich an seine verletzte Seite, um ihn zu stützen. „Was ist passiert?“, fragte sie.

„Ich bin auf irgendetwas getreten, es tut extrem weh.“ Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Wir bringen Sie zurück und rufen das Krankenhaus an“, sagte sie und hoffte, sie hörte sich gelassener an, als sie sich fühlte. Die Körperwärme des Mannes verwirrte sie, nein, seine Gegenwart brachte sie durcheinander, und wenn sie ganz ehrlich war, hatte die Erinnerung an ihr kurzes Treffen auf der Party sie die letzten sechs Wochen beschäftigt. Es brachte Dinge zurück, die sie vergessen wollte … und auch andere Dinge. Aber das wusste Harry natürlich nicht.

„Ich bin Sarah. Wir haben uns auf der Party getroffen.“

„Harry.“ Er stieß seinen Namen zwischen zusammengebissenen Zähne aus, doch inzwischen waren sie ein gutes Stück vorangekommen und näherten sich humpelnd den ersten Bungalows.

„Haben Sie gesehen, was es war?“, erkundigte sich Sarah und dachte an die zahlreichen giftigen Bewohner, die im Wasser lauerten.

„Bin draufgetreten!“ Sie waren an der Tür angekommen.

„Dann war es vermutlich ein Steinfisch. Sie vergraben sich im Sand oder verstecken sich in Wasserlachen, sodass man sie nicht von der Umgebung unterscheiden kann. Sie sollten Schuhe tragen. Funktioniert Ihr Heißwassersystem? Ist das Wasser heiß?“

Mühsam unterdrückte Wut lag in Harrys Stimme, als er antwortete. „Wollen Sie eine schöne heiße Dusche, oder was?“ Sarah entschied, dass seine Schmerzen sein Verhalten entschuldigten, also sagte sie nichts, sondern führte ihn zu einem Stuhl und kniete sich hin, um seinen Fuß zu untersuchen. „Sie haben zwei Einstiche, die bereits anschwellen. Ich hole heißes Wasser und rufe dann das Krankenhaus an. Heißes Wasser, so heiß, wie Sie es aushalten, wird den Schmerz lindern.“

Sarah sah ihm zum ersten Mal direkt in die Augen. Sogar mit zusammengebissenen Zähnen und schmerzverzerrtem Gesicht sah er gut aus. Groß, dunkel und stattlich, wie ein Prinz im Märchenbuch, dachte sie, als sie in die Küche eilte, um eine Schüssel mit heißem Wasser zu holen.

„Testen Sie das Wasser mit dem Zeh“, sagte sie, als sie zurückkam und die Schüssel vor ihm abstellte. „Ich kann es mit kaltem Wasser ein wenig kühler machen, aber es sollte so heiß sein, wie Sie es eben aushalten.“ Vorsichtig stellte Harry seinen verletzten Fuß in die Schüssel und seufzte vor Erleichterung, als der Schmerz nachließ. Er sah zu Sarah auf und schüttelte den Kopf. „Woher wussten Sie das?“, fragte er, doch Sarah antwortete nicht. Sie war am Telefon und sprach mit einem Arzt.

„Sam kommt gleich rüber“, erklärte Sarah, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. Sie ging in die Küche, um mehr heißes Wasser zu holen. Der Schmerz würde wiederkommen, wenn das Wasser abkühlte.

„Ich kenne Sie“, sagte ihr Patient, als sie zurückkam, und sah sie mit seinen dunklen Augen fest an. „Ich erinnere mich. Sie waren bei meiner Vorlesung im GOSH über Echokardeographie bei Kindern. Wir haben anschließend einen Kaffee zusammen getrunken.“ Seine Stimme reizte sie dazu, es ein zweites Mal zu leugnen. Great Ormond Street Hospital, GOSH, natürlich, sie war dort gewesen. Wie könnte sie das jemals vergessen? Sie hatte sich so extrem gefreut, eingeladen zu sein, weil sie selbst vorhatte, pädiatrische Chirurgin zu werden, und der hervorragende Sprecher – Harry – hatte ihren Ehrgeiz nur verstärkt, aber jeder Gedanke an diesen Tag verursachte ihr eine solche Qual, dass sie ihm wehtun musste.

„Der Mann, mit dem ich Kaffee trinken war, war einer der führenden Kinderchirurgen der Welt, ein Erneuerer und Erfinder, ein Held der Medizin, der stets neue Wege fand, um den verletzlichsten und zugleich wichtigsten Menschen unserer Gesellschaft, den Kindern, zu helfen. Ich weiß, dass Sie krank waren, aber Sie hätten immer noch so viel zu geben.“ Sie reagierte viel zu heftig, das war ihr bewusst, und nun vermischte sich ihre Pein mit Schuldgefühlen über ihren Ausbruch.

Harry sagte nichts, doch seine Wangen hatten sich vor Ärger gerötet. „Der Arzt ist da, ich gehe dann jetzt“, sagte Sarah mit unsicherer Stimme. Sie ergriff die Heißwasserschale und wollte sich hinausstehlen, doch ihr Patient erhob die Stimme. „Nun, die Frau, die ich traf, wollte dieselbe Arbeit tun!“

Blind vor Tränen machte Sarah sich auf den Weg zum Strand, um ihre Sachen zu holen. Warum musste dieser Mann ständig auf jenem schrecklichen Tag herumreiten und sie wieder und wieder zwingen, sich den grausamen Erinnerungen zu stellen? Gerade hatten ihre Wunden begonnen zu verheilen, und er riss sie alle wieder auf.

„Mist gebaut, ja?“ Sam Taylor, Chefarzt des Krankenhauses, betrat den Bungalow. Unmöglich, in seiner Gegenwart schlechter Laune zu sein. Er war ein äußerst fähiger, heiterer Mann, der umgehend ein Schmerzmittel auf den verletzten Fuß auftrug, ehe er vorschlug, zur weiteren Behandlung das Krankenhaus aufzusuchen. Er geleitete Harry zu dem Elektrowagen, der draußen geparkt war, und fuhr ihn in die Klinik.

Der Fuß hatte wieder zu schmerzen begonnen, doch Harry war mit anderen Dingen beschäftigt. Wie hatte er so kindisch sein und Sarah Watson so verletzen können? Ihre Worte waren in der Tat so tief gegangen, dass er automatisch zurückgeschossen hatte. Das hatte sie nicht verdient, nachdem sie ihm zur Hilfe gekommen war, ihn in den Bungalow gebracht und sich so aufmerksam um ihn gekümmert hatte.

„Sind Sie am Grübeln, oder ist es nur der Schmerz?“, erkundigte sich Sam, als er vor dem Krankenhaus hielt. „Kommen Sie, wir bringen Sie rein!“ Keanu Russel, der zweite diensthabende Arzt, kam heraus und half Sam, Harry durch die Notaufnahme in ein gut ausgestattetes Behandlungszimmer zu führen.

Harry staunte. „Das alles wegen eines Stichs? Oder steckt der Stachel noch im Fuß? War es eine dieser tödlichen Kreaturen, die hier so gut gedeihen?“

Sam schüttelte lächelnd den Kopf. „Hier haben wir die beste Ausrüstung. Wir können Sie an Sauerstoff anschließen, Puls und Blutdruck kontrollieren und auch sonst jede Körperfunktion am Bildschirm beobachten. Und nein, es ist nicht tödlich. Nur sehr schmerzhaft.“

„Was Sie nicht sagen“, brummte Harry. „Ich betrachte mich nicht als Weichei, aber es ist mir schwergefallen, nicht zu jammern, als Sarah mich zu meinem Haus gebracht hat.“

„Behalten wir ihn da?“, fragte Keanu Sam, als Harry erfolgreich an die Monitore angeschlossen war.

„Nein, er ist stark, er kommt klar. Wir schießen das Gegengift rein, lassen ihn eine Weile ruhen, checken ihn durch und schicken ihn nach Hause. Er mag nur ein Chirung sein, aber er weiß genug über Allgemeinmedizin, um uns wissen zu lassen, wenn er Probleme hat.“

Harry lächelte über die entspannte, heitere Art der Ärzte. Sie wirkten Wunder, sicherten die medizinische Versorgung der gesamten M’Langi-Inselgruppe und verloren nie ihre gute Laune. Er hoffte, etwas von ihrer Leichtigkeit aufnehmen zu können, wenn er lange genug blieb, doch im Augenblick war das unmöglich, denn die Frau, die er eben so verletzt hatte, betrat den Raum.

Sie trug immer noch ihr langes weißes T-Shirt über dem Bikini, ein gestreiftes Handtuch über der Schulter und einen besorgten Ausdruck im Gesicht. „Geht es ihm gut?“, fragte sie Sam.

„Frag ihn selbst!“, erwiderte Sam, und ihre seegrünen Augen richteten sich auf ihn und wurden schmal. „Sind Sie okay?“

„Hey, sei nett. Er ist ein Patient!“, rief Sam lachend.

„Deiner, nicht meiner. Ich war nur zufällig zur Stelle, als er barfuß über das Riff spazierte.“ Sie sprach die Worte „der Idiot“ nicht aus, aber sie hingen greifbar in der Luft. Trotz ihrer deutlichen Verachtung für ihn war sie wunderschön. Wahrscheinlich waren es ihre Farben, die er so hinreißend fand: das feurige Haar, die blasse Haut, die leuchtend grünen Augen, Dinge, die er alle bereits bei ihrem ersten Treffen vor Jahren bemerkt hatte. Aber jetzt spürte er etwas Tieferes, das ihn zu ihr hinzog. Verborgener Schmerz? Da konnte er ein Lied von singen. Spürte er ihn nicht jeden Tag, wenn seine rechte Hand beim Rasieren zitterte? Dann lass dir eben einen Bart stehen, schlug eine spöttische innere Stimme vor, und Harry schloss die Augen, um die Stimme und die Frau auszublenden.

„Ich habe nur eben vorbeigeschaut, um mich zu vergewissern, dass er gut untergebracht ist“, sagte die Frau. „Also dann, ihr zwei, bis morgen.“

Sam hielt sie auf, indem er sie am Arm berührte. Harry unterdrückte ein Knurren. Es war kaum eine leidenschaftliche Berührung gewesen und überhaupt, was ging es ihn an, wer sie anfasste?

„Bitte, Sarah“, sagte Sam, „falls du ein paar Minuten erübrigen kannst, möchte ich gern, dass du bleibst, bis die Infusion durch ist. Wir haben gerade eine Teambesprechung oben, und dein Anruf hat uns unterbrochen. Mina kümmert sich um die anderen Patienten, aber ich glaube, Harry gehört unter Beobachtung.“

Ich soll ihn beobachten? Sarah beantwortete Sams Bitte mit einem Nicken und sagte sich, sie müsse ja nicht dauernd im Zimmer bleiben, sondern könne ab und an prüfend hineinschauen. Andererseits wäre es vielleicht eine gute Idee, sich ihn genauer anzusehen. Sie könnte sich noch einmal vergewissern, ob er tatsächlich so attraktiv war, und vielleicht würde ihr das helfen herauszufinden, warum er sie so beunruhigte. Er schien Fragen in ihr aufzuwerfen, die sie vier Jahre lang unterdrückt hatte.

Ganz definitiv sah er gut aus. Olivfarbene Haut, dunkelhaarig, markantes Gesicht, mit einer geraden Nase und ausgeprägtem Kinn. Die Lippen machten es ein bisschen weicher, schön geschwungen, sinnlich … Krieg dich ein, Sarah! Hör auf mit diesem Unsinn!

„Sehen Sie mich an?“ Überraschend blasse Augen, grau, schauten sie an, und schwarze Augenbrauen hoben sich.

„Ich sehe Sie nicht an, ich beobachte nur. Ich bin darum gebeten worden, wie Sie wissen.“

„Kein großer Unterschied, würde ich sagen“, erwiderte Harry, wobei die leise Andeutung eines Lächelns um seine Mundwinkel zuckte. Sie konzentrierte sich auf den Monitor. Gerade wurde der Blutdruck angezeigt. Ein bisschen erhöht, aber der Schmerz ließ gerade erst nach, also war das ganz normal. „Fühlen Sie irgendeine Reaktion auf das Gegengift?“, fragte sie. „Übelkeit, Schwäche …“

Er hob eine Augenbraue, als wollte er sagen: „Mehr hast du nicht anzubieten?“

Fast hätte sie ihn angelächelt, doch dann fiel ihr ein, dass es gefährlich war, diesen Mann anzulächeln, also ging sie aus dem Zimmer und schnappte sich eine uralte Zeitschrift, nahm einen Stuhl und kehrte zurück ins Krankenzimmer, wo sie sich so weit wie möglich in die Ecke setzte. Harry schien zu schlafen.

Der Steinfisch hatte ihn in den rechten Fuß gestochen, also hatte sie seinen rechten Arm um ihre Schulter gehabt, als sie ihn zurückbegleitete. Hatte der Arm gezittert? Sein rechter Arm lag auf dem Bett. Oder hielt er die Bettkante fest? Sie hatte von Parkinsonpatienten erfahren, dass das Zittern sich verstärkte, wenn sie sich entspannten, und nachließ, wenn sie etwas festhielten. Galt das auch für Enzephalitispatienten, oder betraf es einen anderen Teil des Gehirns? Und warum interessierte sie das?

Sie seufzte und richtete ihren Blick auf Harrys Gesicht. Er schaute sie an, und obwohl sie gerne weggesehen hätte, wollte sie nicht zugeben, dass sein Blick sie verwirrte.

„Es tut mir leid“, sagte er und sah ihr tief in die Augen. „Ich hatte kein Recht, eine so schäbige, persönliche Bemerkung zu machen. All meine Freunde sagen mir, dass ich wegen der Folgen meiner Krankheit überempfindlich bin, aber das ist keine Entschuldigung.“

Jetzt sah sie ihn wirklich an und erkannte die Aufrichtigkeit in seinen Augen. Beinahe wurde sie schwach, denn der Mann war durch die Hölle gegangen. Und war sie nicht auch abgehauen, so schnell wie möglich von zu Hause weg, hatte sich einen Job gesucht, der sie nicht zwang, sich irgendwo niederzulassen, Freunde zu finden und vielleicht wieder einen Verlust zu erleiden?

Aber sie war kein Genie gewesen, er schon. Die Welt brauchte ihn. Sie straffte ihre Schultern, sah ihm in die Augen und sagte: „Wenn Sie eine Entschuldigung von mir erwarten, vergessen Sie’s. Ich habe jedes Wort gemeint, das ich gesagt habe. Sie müssen unzählige Lakaien haben, die um die Welt reisen und alle Einrichtungen prüfen können, die Sie gegründet haben. Indem Sie das selber tun, vergeuden Sie Ihre Zeit und Ihr Talent, und das ist beinahe kriminell.“

Jetzt müsste sie eigentlich gehen, aber sie konnte nicht – sein Blick fesselte sie. Die Augenbraue hob sich erneut. „Lakaien?“

Sein spöttischer Tonfall verärgerte sie nur noch mehr. „Sie wissen sehr genau, was ich meine“, sagte sie scharf, und er nickte.

Zufrieden, dass sie das letzte Wort hatte, wandte sie sich zum Gehen, um so viel Raum wie möglich zwischen sich und diesen Mann zu bringen.

„Wenigstens haben Sie endlich zugegeben, dass wir uns sehr wohl schon einmal gesehen haben“, sagte er.

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