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Doch du wirst nie vergessen

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane belegen in England und vielen weiteren Ländern regelmäßig die ersten Plätze der Bestsellerlisten. Neben dem Schreiben engagiert sie sich intensiv für die Bedürfnisse von Frauen und Kindern und ist Präsidentin des Britischen Kinderschutzbundes.

Lesley Pearse

DOCH DU WIRST NIE VERGESSEN

Roman

Aus dem Englischen von Britta Evert

BASTEI ENTERTAINMENT

FÜR HARLEY MACDONALD, MEINEN BEZAUBERNDEN NEUEN ENKELSOHN, GEBOREN AM 5. MÄRZ 2010.

UND FÜR JO UND OTIS, DIE MICH NOCH EINMAL ZU SOLCH EINER GLÜCKLICHEN UND STOLZEN OMA GEMACHT HABEN.

KAPITEL 1

LONDON, 1910

»Du bist bestimmt eine Hure, du wohnst doch in einem Bordell!«

Die fünfzehnjährige Belle wich einen Schritt vor dem rothaarigen, sommersprossigen Jungen zurück und starrte ihn erzürnt an. Er war ihr auf der Straße nachgelaufen, um ihr das Haarband zurückzugeben, das ihr heruntergefallen war. Das war an und für sich schon ungewöhnlich genug in dem Gedränge auf den Straßen von Seven Dials, wo praktisch jeder alles mitgehen ließ, was nicht niet- und nagelfest war. Dann hatte er sich als Jimmy Reilly vorgestellt, der Neffe von Garth Franklin, dem Wirt des Ram’s Head. Er war erst vor Kurzem nach Seven Dials gekommen. Nachdem sie eine Weile geplaudert hatten, fragte Jimmy sie, ob sie nicht Freunde werden könnten. Belle war hingerissen; ihr gefiel sein Aussehen, und er schien ungefähr in ihrem Alter zu sein. Aber dann hatte er mit seiner Frage, ob es ihr nichts ausmache, eine Hure zu sein, alles verdorben.

»Wenn ich in einem Palast lebte, wäre ich deshalb nicht gleich eine Königin«, gab sie zornig zurück. »Stimmt, ich wohne in Annie’s Place, aber ich bin keine Hure. Annie ist meine Mutter!«

Jimmy sah sie zerknirscht aus seinen samtbraunen Augen an. »Tut mir leid, da hab ich wohl irgendwas nicht richtig mitbekommen. Mein Onkel hat mir erzählt, dass Annies Laden ein Bordell ist, und als ich dich rauskommen sah …« Er brach verlegen ab. »Ich wollte bestimmt nicht deine Gefühle verletzen.«

Jetzt war Belle noch verwirrter. Noch nie war ihr jemand begegnet, der auf ihre Gefühle Rücksicht nahm. Ihre Mutter ganz sicher nicht, und die Mädchen im Haus schon gar nicht. »Schon gut«, erwiderte sie leicht verunsichert. »Du wohnst noch nicht besonders lange hier, woher hättest du es wissen sollen? Behandelt dein Onkel dich gut?«

Jimmy zuckte die Achseln.

»Er ist gemein«, stellte Belle fest, die vermutete, dass Jimmy schon Bekanntschaft mit den Fäusten seines Onkels gemacht hatte. Dass Garth Franklin ein aufbrausendes Temperament hatte, war kein Geheimnis. »Musst du bei ihm bleiben?«

»Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich zu ihm gehen soll, wenn ihr irgendwas passiert. Sie ist letzten Monat gestorben, und Onkel hat die Beerdigung bezahlt und gemeint, dass ich zu ihm kommen soll, um sein Gewerbe zu erlernen.«

Belle merkte an seinem bedrückten Tonfall, dass Jimmy sich verpflichtet fühlte, bei seinem Onkel zu bleiben. »Das mit deiner Mutter tut mir leid«, sagte sie. »Wie alt bist du?«

»Fast siebzehn. Mein Onkel sagt, ich soll boxen, um Muskeln aufzubauen«, antwortete Jimmy mit einem veschmitzten Grinsen. »Ma hat immer gesagt, dass es für einen Mann besser ist, Verstand zu haben statt Muskeln, aber vielleicht kann ich ja beides haben.«

»Dann geh lieber nicht davon aus, dass alle Mädchen Huren sind, sonst lebst du nicht lange genug, um Muskeln zu kriegen«, zog Belle ihn auf. Jimmy gefiel ihr immer besser; er hatte ein nettes Lächeln und eine freundliche Art, die ihn von allen anderen Jungen in der Gegend unterschied.

Seven Dials war zwar nicht weit von den schicken Läden der Oxford Street, den Theatern der Shaftesbury Avenue oder der Pracht des Trafalgar Square entfernt, doch Millionen Meilen von Vornehmheit. Innerhalb der letzten zwanzig Jahre mochten unzählige verschachtelte Mietskasernen und Zinsburgen abgerissen worden sein, doch mit dem Obst- und Gemüsemarkt von Covent Garden im Zentrum und all den engen Gassen und Hinterhöfen ringsum waren die neueren Gebäude bald genauso schäbig geworden, wie es die alten gewesen waren. Ihre Bewohner waren zum Großteil der Bodensatz der Gesellschaft – Diebe, Prostituierte, Bettler, Ganoven und Schläger – und lebten Seite an Seite mit den Ärmsten der Armen, die die niedrigsten Arbeiten verrichteten – Straßenkehrer, Lumpensammler und Hilfsarbeiter. An diesem grauen, kalten Januartag, an dem sich die meisten Leute mit kaum mehr als Lumpen gegen die Kälte schützen konnten, bot der Stadtteil einen deprimierenden Anblick.

»Wenn ich das nächste Mal das Haarband eines hübschen Mädchens rette, passe ich gut auf, was ich zu ihr sage«, sagte Jimmy. »Du hast wirklich schönes Haar. So glänzende schwarze Locken habe ich noch nie gesehen, und du hast auch sehr schöne Augen.«

Belle lächelte. Sie wusste, dass ihr langes, lockiges Haar das Beste an ihr war. Die meisten Leute glaubten, dass sie es über Nacht eindrehte und mit Öl bestrich, damit es so glänzte, aber es war von Natur aus so – sie brauchte es nur zu bürsten. Ihre blauen Augen hatte sie von Annie, aber für ihr Haar musste sie wohl ihrem Vater danken, denn die Haare ihrer Mutter waren hellbraun.

»Vielen Dank auch, Jimmy«, sagte sie. »Mach nur weiter den Mädchen Komplimente, dann wirst du hier ganz schnell Erfolg haben.«

»Daheim in Islington, wo ich herkomme, reden die Mädchen nicht mit einem wie mir.«

Belle war kaum jemals aus Seven Dials herausgekommen, aber sie wusste, dass in Islington angesehene Bürger der Mittelschicht lebten. Aufgrund seiner Bemerkung und der Tatsache, dass sein Onkel für die Beerdigung aufgekommen war, nahm sie an, dass Jimmys Mutter dort als Hausangestellte gearbeitet hatte.

»War deine Mutter Köchin oder Haushälterin?«, erkundigte sie sich.

»Nein, sie war Schneiderin und hat ganz gut verdient, bis sie krank wurde«, sagte er.

»Und dein Vater?«

Jimmy zuckte die Achseln. »Ist abgehauen, ungefähr zu der Zeit, als ich geboren wurde. Ma hat gesagt, dass er ein Künstler war. Onkel Garth bezeichnet ihn als Arschloch. Wie auch immer, ich kenne ihn nicht und will ihn auch gar nicht kennenlernen. Ma hat immer gesagt, was für ein Glück es sei, dass sie eine gute Schneiderin ist.«

»Sonst hätte sie vielleicht auch in Annies Laden arbeiten müssen, hm?«, erwiderte Belle verschmitzt.

Jimmy lachte. »Du bist schlagfertig, das gefällt mir«, sagte er. »Na, wie ist es? Können wir Freunde sein?«

Belle sah ihn einen Moment lang nur an. Er war ein paar Zentimeter größer als sie, hatte feine Gesichtszüge und auch eine ziemlich feine Sprache. Nicht vornehm wie bei einem echten Gentleman, aber jedenfalls war es nicht die derbe, mit Londoner Slang durchsetzte Ausdrucksweise, die sich fast alle jungen Burschen in Seven Dials aneigneten. Sie vermutete, dass er seiner Mutter sehr nahegestanden hatte und von den Alkoholexzessen, der Gewalt und den Lastern, die hier an der Tagesordnung waren, ferngehalten worden war. Er gefiel ihr, und sie konnte einen guten Freund genauso dringend brauchen wie er.

»Sehr gern«, sagte sie und streckte ihren kleinen Finger aus, genau wie Millie daheim in Annies Laden es immer tat, wenn sie mit jemandem Freundschaft schloss. »Du musst mir auch deinen kleinen Finger geben«, sagte sie mit einem Lächeln, und als sich sein kleiner Finger um ihren wand, schüttelte sie seine Hand. »Freundschaft für immer! Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen«, deklamierte sie.

Jimmy reagierte mit einem leicht verklärten Grinsen, das ihr verriet, dass ihm gefiel, was sie gesagt hatte. »Gehen wir doch irgendwohin«, schlug er vor. »Gefällt dir der St. James’s Park?«

»Da bin ich noch nie gewesen«, erwiderte sie. »Aber ich sollte jetzt lieber wieder nach Hause gehen.«

Es war kurz nach neun Uhr morgens, und Belle hatte sich wie so oft heimlich hinausgestohlen, um frische Luft zu schnappen, während alle anderen im Haus noch schliefen.

Vielleicht spürte er, dass sie keine große Lust hatte, nach Hause zu gehen, und einen Spaziergang recht verlockend fand, denn er nahm ihre Hand, legte sie in seine Armbeuge und ging los. »Es ist wirklich noch früh, niemand wird uns vermissen«, sagte er. »Im Park gibt es einen See und Enten, und ein bisschen frische Luft wird uns guttun. Es ist nicht weit.«

Freudige Erregung stieg in Belle auf wie kleine Luftblasen. Alles, was sie zu Hause erwartete, war Nachttöpfe zu leeren und Kohle zu schleppen, um Feuer zu machen. Es bedurfte keiner weiteren Überredung von Jimmy, um sie zum Mitgehen zu bewegen, und das Einzige, was sie bedauerte, war, dass sie nicht ihren schönen königsblauen Umhang mit der pelzgefütterten Kapuze angezogen hatte. In dem alten grauen kam sie sich furchtbar schäbig vor.

Während sie durch die schmalen Gassen Richtung Charing Cross und von dort weiter zum Trafalgar Square liefen, erzählte Jimmy ihr mehr von seiner Mutter und brachte Belle mit seinen kleinen Geschichten über die reichen Kundinnen, für die sie geschneidert hatte, zum Lachen.

»Also, diese Mrs. Colefax hat Ma echt wahnsinnig gemacht. Sie war ungeheuer fett, mit Hüften wie ein Nilpferd, aber sie behauptete ständig, Ma würde ihr zu viel für den Stoff berechnen und aus den Resten etwas für sich selbst anfertigen. Eines Tages platzte Ma der Kragen. ›Mrs. Colefax‹, sagte sie, ›ich muss schon mein ganzes Geschick aufwenden, um aus sechs Ellen Crêpe ein Kleid für Sie zu nähen. Was dabei übrig bleibt, würde nicht einmal reichen, um eine Jacke für einen Grashüpfer zu machen.‹«

Belle kicherte, als sie sich die dicke Frau im Korsett bei der Anprobe vorstellte. »Und was hat sie dazu gesagt?«

»›Ich bin noch nie im Leben so beleidigt worden‹«, äffte Jimmy Mrs. Colefax nach, indem er mit hoher Stimme sprach und tat, als ränge er nach Luft. »›Vergessen Sie gefälligst nicht, wen Sie vor sich haben‹.«

Sie blieben kurz stehen, um den Springbrunnen auf dem Trafalgar Square zu betrachten, bevor sie die Straße zur Mall überquerten.

»Ist der Palast nicht großartig?«, sagte Jimmy, als sie durch den Admiralty Arch gingen und den Buckingham Palace in all seiner strahlenden Pracht am unteren Ende der Mall sahen. »Ich liebe es, mich aus dem Ram’s Head zu stehlen und schöne Orte zu sehen. Das gibt mir das Gefühl, dass ich mehr verdient habe, als nur der Laufbursche meines Onkels zu sein.«

Bis zu diesem Moment hatte Belle noch nie darüber nachgedacht, ob schöne Orte einen Menschen inspirieren könnten, aber als sie den St. James’s Park betraten und ihr auffiel, dass der Raureif kahle Zweige, Sträucher und Gras in glitzernde Wunderwerke verwandelt hatte, verstand sie, was Jimmy meinte. Fahler Sonnenschein brach durch die dicke Wolkendecke, und auf dem See glitten Schwäne, Gänse und Enten scheinbar schwerelos über das Wasser. Es war eine ganz andere Welt als Seven Dials.

»Ich wäre gern Hutmacherin«, gestand sie. »Immer wenn ich ein bisschen Zeit habe, entwerfe ich Hüte. Ich träume von einem kleinen Laden in der Strand, aber das habe ich noch nie jemandem erzählt.«

Jimmy nahm ihre Hände in seine und zog Belle näher zu sich heran. Sein Atem stand wie eine kleine Wolke in der klirrend kalten Luft und streifte warm ihre Wange. »Ma hat immer gesagt, dass man alles bekommen kann, wenn man fest genug daran glaubt«, sagte er. »Man muss nur gut überlegen, wie man sein Ziel erreichen kann.«

Belle sah in sein lächelndes sommersprossiges Gesicht und fragte sich, ob er sie küssen wollte. Sie hatte in solchen Dingen keine Erfahrung; da sie ausschließlich mit Frauen aufgewachsen war, waren Jungen für sie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber sie hatte so ein komisches Gefühl in ihrem Inneren, als würde sie schmelzen, was lächerlich war, weil sie vor Kälte zitterte.

»Machen wir schnell eine Runde durch den Park, dann muss ich aber wirklich nach Hause. Mog wundert sich bestimmt schon, wo ich bin«, sagte sie schnell, weil das seltsame Gefühl sie nervös machte.

Rasch überquerten sie die Brücke, die über den See führte. »Wer ist Mog?«, fragte er.

»Na ja, man könnte sie wohl als Hausmädchen oder Haushälterin bezeichnen, aber für mich ist sie viel mehr als das«, antwortete Belle. »Es ist, als wäre sie Mutter, Tante und ältere Schwester in einem. Sie hat sich schon immer um mich gekümmert.«

Während sie mit schnellen Schritten durch den Park gingen, redete Jimmy darüber, wie schön es im Sommer sein würde, und über Bücher, die er gelesen hatte, und über die Schule, die er in Islington besucht hatte. Er fragte Belle nicht nach ihrem Zuhause; sie nahm an, er hatte Angst, das Falsche zu sagen.

Viel zu früh waren sie wieder im verdreckten Seven Dials, und Jimmy sagte, seine erste Aufgabe daheim wäre, seinen Onkel mit einer Tasse Tee zu wecken und dann im Keller den Boden aufzuwischen.

»Sehen wir uns wieder?«, fragte er und sah sie ängstlich an, als erwartete er, eine Abfuhr zu bekommen.

»Morgens um diese Zeit kann ich fast immer rausgehen«, antwortete Belle. »Und meistens auch so gegen vier Uhr nachmittags.«

»Dann werde ich nach dir Ausschau halten«, sagte er lächelnd. »Es war schön heute. Ich bin wirklich froh, dass dir dein Haarband heruntergefallen ist.«

KAPITEL 2

Belle kam sich fast ein bisschen verlassen vor, als sie Jimmy die Monmouth Street hinunterlaufen sah. In der letzten Stunde hatte sie sich frei und unbeschwert gefühlt, aber sie wusste, sowie sie wieder im Haus war, galt es etliche Hausarbeiten zu erledigen, unter anderem Nachttöpfe zu leeren, Kamine zu säubern und neue Feuer zu entfachen.

Sie hatten mehr gemeinsam, als Jimmy ahnte. Er musste mit seinem reizbaren Onkel auskommen; sie hatte eine reizbare Mutter. Sie beide waren ständig von Menschen umgeben, aber es bestand kein Zweifel, dass Jimmy genauso einsam war wie sie und keine gleichaltrigen Freunde hatte, mit denen er reden konnte.

Die Sonne, die kurz hervorgelugt hatte, als sie im Park spazieren gingen, war wieder hinter düsteren Wolken verschwunden, und als sie an dem Mann vorbeikamen, der an der Ecke Streichhölzer verkaufte, hatte er ihnen nachgerufen, dass es bald zu schneien anfangen würde. So sehr es Belle auch widerstrebte, das Haus zu betreten, es war zu kalt, um noch länger draußen zu bleiben.

Sie wusste sehr wenig über die Welt außerhalb von Seven Dials. Sie war in demselben Haus geboren worden, in dem sie immer noch lebte. Es hieß, ihre Mutter hätte sie im oberen Stockwerk allein zur Welt gebracht, das Baby in eine alte Decke gewickelt, in eine Kommodenschublade gelegt und sich dann wieder zu den anderen Mädchen im Salon gesellt, als wäre nichts geschehen.

Belle hatte schon sehr früh im Leben gelernt, dass sie praktisch unsichtbar sein musste. Nachdem sie zu groß geworden war, um in der Schublade zu schlafen, bekam sie unten im Souterrain ein Zimmer, und sie durfte nie, wirklich niemals, nach fünf Uhr nachmittags die Treppe hinaufgehen oder ihre Mutter fragen, was dort oben vorging.

Sie besuchte von ihrem sechsten bis zum zehnten Lebensjahr eine kleine Schule am Soho Square, wo sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernte, aber damit war nach einer Auseinandersetzung zwischen ihrer Mutter und der Lehrerin abrupt Schluss. Danach musste sie auf eine wesentlich größere Schule gehen, die sie hasste, und sie war froh, als sie ihre Schullaufbahn mit vierzehn beenden konnte. Aber seit damals waren ihre Tage lang und langweilig. Doch als sie das einmal laut aussprach, war ihre Mutter sofort auf sie losgegangen und hatte sie gefragt, ob es ihr besser gefallen würde, als Küchenmagd zu arbeiten oder auf der Straße Blumen zu verkaufen, wie es so viele Mädchen in ihrem Alter notgedrungen taten. Belle hätte weder das eine noch das andere gern getan; das Mädchen, das ein Stück die Straße hinunter Blumen verkaufte, war so dünn und zerlumpt, dass man meinte, ein kräftiger Windstoß könne sie umwehen.

Annie schätzte es auch nicht, dass Belle »sich auf der Straße herumtrieb«, wie sie es nannte. Belle war sich nicht sicher, ob ihre Mutter etwas dagegen hatte, weil sie befürchtete, ihre Tochter könnte in Schwierigkeiten geraten, oder weil sie nicht wollte, dass Belle Klatsch über Annie und ihren Laden hörte.

In einem ihrer seltenen sentimentalen und mitteilsamen Momente hatte Annie Belle erzählt, dass sie der Liebling der »Gräfin« gewesen war, die das Haus zu der Zeit geführt hatte, als Belle zur Welt kam. Hätte diese Frau nicht eine Vorliebe für Annie gehabt, wäre diese auf die Straße gesetzt worden und im Armenhaus gelandet. Annie erzählte, dass die Gräfin ihren Spitznamen ihrem vornehmen Auftreten und der Tatsache verdankte, dass sie in ihrer Jugend eine echte Schönheit gewesen war, mit vielen Bewunderern aus der guten Gesellschaft. Einer von ihnen – angeblich ein Mitglied des Königshauses – hatte sie in dem Haus in Jake’s Court untergebracht.

Als Belle noch klein war, wurde die Gräfin sehr krank, und Annie pflegte sie über ein Jahr lang. Bevor die Frau starb, setzte sie ein Testament auf und hinterließ alles, was sie besaß, Annie.

Seit damals führte Annie das Haus. Sie stellte Mädchen ein und feuerte sie wieder, trat als Gastgeberin auf und kümmerte sich um die Finanzen. In Seven Dials hieß es, dass sie zwar stahlhart sei, aber ein gutes Haus führte.

Belle kannte das Wort »Bordell« seit ihrer Kindheit, aber über die genaue Bedeutung war sie sich nicht im Klaren. Sie wusste nur, dass es etwas war, worüber man in der Schule nicht reden durfte. Annies Laden wurde auch »Hurenhaus« genannt. Belle hatte ihre Mutter vor Jahren einmal gefragt, was das bedeutete, und hatte zur Antwort bekommen, dass es ein Ort sei, wo sich Gentlemen amüsierten. Allein die schroffe Art, wie Annie antwortete, hatte Belle klargemacht, dass sie lieber nicht weiter nachfragen sollte.

In Seven Dials und Umgebung wurde praktisch jede Frau, die sich aufreizend kleidete, ein bisschen leichtfertig oder keck auftrat und gern ein Gläschen trank und tanzte, als Hure bezeichnet. Es war natürlich eine abfällige Bezeichnung, aber so gebräuchlich, dass beinahe etwas Liebevolles darin mitschwang, als würde jemand ein Mädchen »Hexe« oder »Luder« nennen. Deshalb hatte Belle bis vor einigen Monaten geglaubt, das Geschäft ihrer Mutter wären einfach nächtliche Partys, auf der Gentlemen kecke, fröhliche Mädchen trafen, um mit ihnen zu trinken und zu tanzen.

Aber in letzter Zeit hatte Belle durch derbe Lieder, Scherze und belauschte Gespräche die Entdeckung gemacht, dass Männer einen bestimmten Drang hatten und Häuser wie das von Annie aufsuchten, um diesen Drang zu befriedigen.

Wie das genau ablief, hatte Belle noch nicht herausgefunden. Weder Annie noch Mog konnten zu diesem Thema befragt werden, und die Mädchen selbst hatten viel zu viel Angst, Annies Zorn auf sich zu ziehen, um Belle in irgendwelche Geheimnisse einzuweihen.

Wenn Belle nachts im Souterrain in ihrem Bett lag, drangen die Laute fröhlicher Geselligkeit zu ihr herunter, die schwungvollen Weisen, die auf dem Klavier gespielt wurden, das Klirren von Gläsern, schallendes Lachen von Männern, das Stampfen tanzender Füße und sogar Gesang – es klang, als ob die Leute dort oben viel Spaß hätten. Manchmal wünschte Belle, sie wäre mutig genug, sich die Treppe hinaufzuschleichen und um die Ecke zu spähen.

Aber so sehr sie sich danach sehnte, die volle Wahrheit über das Geschäft ihrer Mutter zu erfahren, warnte sie eine innere Stimme, dass es auch eine dunkle Seite daran gab. Gelegentlich hörte sie Weinen, Wimmern und manchmal sogar Schreie, und ihr war durchaus bewusst, dass die Mädchen nicht immer glücklich waren. Oft kamen sie abends mit geröteten Augen zum Essen und verzehrten stumm und bedrückt ihr Dinner. Manchmal hatte die eine oder andere ein blaues Auge oder Blutergüsse an den Armen, und selbst an guten Tagen waren die Mädchen blass und matt. Und für Belle schienen sie keine große Sympathie zu empfinden. Mog sagte, der Grund dafür sei Neid und der Verdacht, Belle wäre Annies Spionin. Belle konnte sich nicht vorstellen, worum die Mädchen sie beneideten – sie bekam nicht mehr als sie –, aber sie ließen sie nie an ihren Gesprächen teilhaben und hörten sofort auf, miteinander zu reden, wenn Belle hereinkam.

Nur Millie, die älteste von ihnen, war anders. Sie lächelte Belle an und plauderte gern mit ihr. Aber Millie war ziemlich wirr im Kopf; wie ein Schmetterling flatterte sie von einem Thema zum nächsten und schaffte es nie, ein richtiges Gespräch zu führen.

Tatsächlich war Mog Belles einzige Freundin und weit eher eine Mutter für sie als Annie. Ihr richtiger Name war Mowenna Davis, und sie stammte aus Wales. Als Belle klein war, konnte sie den Namen Mowenna nicht aussprechen und hatte stattdessen Mog zu ihr gesagt, und jetzt nannte sie jeder so. Sie hatte Belle einmal gestanden, dass sie gar nicht mehr reagieren würde, wenn jetzt jemand Mowenna riefe.

Mog war eine unscheinbare, schmächtige Frau Ende dreißig mit mattbraunem Haar und hellblauen Augen. Seit ihrem zwölften Lebensjahr arbeitete sie als Magd im Haus. Vielleicht war ihr unscheinbares Äußeres der Grund, dass sie keine anderen Aufgaben hatte, als die Zimmer zu putzen und Feuer zu machen, und dass sie ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen trug, nicht bunten Satin und Bänder in den Haaren wie die Mädchen. Aber sie war als Einzige im Haus verlässlich und ausgeglichen. Sie bekam keine Wutanfälle, schimpfte und schrie nicht. Sie erfüllte ihre Pflichten mit heiterer Gelassenheit und unerschütterlicher Loyalität und Verehrung für Annie und Liebe zu Belle.

Die Vordertür von Annies Laden befand sich in der Monmouth Street, das heißt in einer kleinen Hintergasse dieser Straße, aber nur die männlichen Besucher betraten auf diesem Weg das Haus: vier Stufen hinauf bis zur Eingangstür und von dort in die Diele und den Salon. Der Eingang, der von allen anderen Bewohnern benutzt wurde, befand sich um die Ecke in Jake’s Court, und dort ging es in den kleinen Hinterhof, dann sechs Stufen hinunter zur Hintertür und ins Souterrain.

Mog schnitt gerade auf dem Küchentisch Fleisch klein, als Belle durch die Spülküche hereinkam. Die Küche war ein großer Raum mit niedriger Decke und gekacheltem Boden und wurde von dem riesigen Tisch in der Mitte beherrscht. An einer Wand stand ein Schrank, in dem das Porzellan aufbewahrt wurde, auf der gegenüberliegenden Seite der Herd, über dem an Haken Töpfe und Pfannen hingen. Wegen des Herds war es immer angenehm warm hier drinnen, aber weil die Küche im Untergeschoss lag, auch immer ein bisschen dunkel, und in den Wintermonaten brannte den ganzen Tag die Gasbeleuchtung. Außerdem befanden sich im Souterrain noch ein paar andere Räume, die Waschküche, Belles und Mogs Schlafzimmer und mehrere Vorratskammern sowie der Kohlenkeller.

»Komm, wärm dich ein bisschen am Herd auf«, sagte Mog, als sie Belle sah. »Es ist mir ein Rätsel, was du an den Straßen da draußen findest. Ich kann all den Lärm und das Geschiebe und Gedränge nicht leiden.«

Mog entfernte sich kaum jemals aus der direkten Umgebung, weil sie Angst vor Menschenmengen hatte. Sie sagte, sie sei, als sie vor neun Jahren Königin Victorias Trauerzug anschauen ging, so von Menschen eingezwängt worden, dass sie Herzflattern bekam und dachte, sie würde sterben.

»Hier ist auch viel Lärm, aber das scheint dich nicht zu stören«, bemerkte Belle, während sie Umhang und Schal ablegte. Von oben konnte sie Sally, das neueste Mädchen, zetern und kreischen hören.

»Die wird sich hier nicht lange halten«, meinte Mog weise. »Zu viel Pfeffer im Hintern!«

Es kam so gut wie nie vor, dass Mog sich zu den Mädchen äußerte, und Belle hoffte, dass sie sich vielleicht noch mehr entlocken lassen würde.

»Was meinst du damit?«, fragte sie und wärmte ihre Hände über der Herdplatte.

»Sie bildet sich ein, dass sie im Mittelpunkt stehen muss«, antwortete Mog. »Ist dauernd am Zanken und Vordrängeln. Das mögen die anderen Mädchen nicht, und ihnen gefällt auch nicht, wie sie sich an die Gentlemen ranmacht.«

»Wie denn?«, fragte Belle und hoffte, nicht zu neugierig zu klingen.

Aber Mog, der anscheinend bewusst geworden war, dass sie mit ihrer Schutzbefohlenen über Dinge sprach, von denen sie nichts wissen sollte, versteifte sich sichtlich. »Genug damit, wir haben noch einiges zu tun, Belle. Sowie der Eintopf auf dem Herd steht, will ich mir den Salon mal richtig gründlich vornehmen. Du hilfst mir doch, oder?«

Belle wusste, dass ihr kaum etwas anderes übrig blieb, aber es gefiel ihr, dass Mog ihre Anweisungen immer in der Form von Bitten formulierte.

»Na klar, Mog. Haben wir vorher noch Zeit für eine Tasse Tee?«, fragte sie. »Ich habe vorhin Garth Franklins Neffen kennengelernt. Er ist ein richtig netter Junge!«

Beim Tee erzählte Belle Mog alles über Jimmy und ihren gemeinsamen Spaziergang im Park. Sie hatte Mog schon immer alles anvertraut, weil sie ihr viel näherstand als Annie. In den Augen der meisten Leute war Mog eine alte Jungfer, aber Belle fand, dass sie in vielen Dingen eine sehr moderne Frau war. Sie las regelmäßig Zeitung und verfolgte mit großem Interesse das politische Geschehen. Sie war eine Anhängerin von Keir Hardie, dem sozialistischen Parlamentsmitglied, und der Suffragetten, die sich für das Wahlrecht der Frauen einsetzten. Kaum ein Tag verging, ohne dass Mog sich zu ihrer letzten Versammlung oder einem Aufmarsch vor dem Parlament äußerte oder berichtete, dass sie im Gefängnis zum Essen gezwungen worden waren, als sie in Hungerstreik traten, und sie erwähnte häufig, dass sie sich ihnen gern anschließen würde.

»Freut mich, dass du einen Freund gefunden hast«, sagte Mog liebevoll. »Aber pass auf, dass er sich keine Frechheiten erlaubt, sonst bekommt er es mit jemand Schlimmerem als Garth Franklin zu tun! Aber jetzt machen wir uns lieber an den Salon.«

Annie rühmte sich gern, den feinsten Salon außerhalb Mayfairs zu haben, und tatsächlich hatte sie für die italienischen Spiegel, den Kristalllüster, den Perserteppich und die schönen Samtvorhänge ein kleines Vermögen ausgegeben. Aber bei all dem Kommen und Gehen der Mädchen und den mindestens zwanzig Herren, die pro Abend zu Besuch kamen und Pfeifen und Zigarren rauchten, hatte der Salon oft einen Frühjahrsputz nötig.

Belle dachte bei sich, dass der Salon nachts vielleicht gut aussah, aber tagsüber nicht viel hermachte. Die Vorhänge wurden so gut wie nie zurückgezogen, die Fenster kaum jemals geöffnet, und die goldene Tapete wirkte bei Tageslicht eher schmutzig gelb. In den pflaumenblauen Vorhängen hingen Spinnweben und Staub und der abgestandene Geruch von kaltem Rauch. Aber ein gründlicher Frühjahrsputz machte Belle Spaß. Es war zutiefst befriedigend, den Dreckfilm eines ganzen Monats von den Spiegeln zu wischen und sie wieder funkeln zu sehen oder den Teppich draußen im Hof auszuklopfen, bis seine Farben leuchteten. Und sie arbeitete gern mit Mog zusammen, weil sie ein heiteres Wesen hatte, hart arbeitete und sich über die Hilfe anderer freute.

Wie immer beim Großreinemachen schoben sie zuerst die Sofas und die Tische in die Ecken, rollten dann den Perserteppich zusammen und schleppten ihn zu zweit nach unten.

Der Salon nahm im Erdgeschoss den meisten Raum ein. Es gab noch eine kleine Garderobe für Hüte und Mäntel bei der Eingangstür, die Mog öffnete, wenn jemand klingelte. Hinter der Treppe, die zu den übrigen drei Stockwerken führte, befand sich ein L-förmiger Raum, der als Büro diente und gleichzeitig Annies Zimmer war. Hier war auch die Tür zur Hintertreppe und dem Untergeschoss. Mog hatte schon oft festgestellt, dass der Grundriss des Hauses ideal war. Belle nahm an, dass sie damit meinte, dass Belle nie sehen konnte, wer zu Besuch kam, und dass die Gentlemen nicht sahen, wie sie lebten.

Im Erdgeschoss befand sich auch eine Toilette. Sie war erst vor ein paar Jahren eingebaut worden; vorher hatten alle das Klosett draußen im Hof benutzen müssen. Belle ärgerte sich häufig, dass die Mädchen nicht immer auf die Toilette gingen, sondern stattdessen die Nachttöpfe in ihren Zimmern benutzten. Sie fand, wenn sie in einer kalten, stürmischen Nacht den Weg zum Außenklo schaffte, statt den Nachttopf zu nehmen, konnten die Mädchen wohl die paar Treppen innerhalb des Hauses hinuntergehen.

Aber Mog ergriff niemals ihre Partei, wenn Belle schimpfte, weil sie die Nachttöpfe ausleeren musste, sondern zuckte bloß mit den Achseln und meinte, vielleicht hätten die Mädchen keine Zeit gehabt. Belle fand dieses Argument absurd; wenn sie die Herren im Salon unterhielten, dauerte es schließlich viel länger, in ihre Schlafzimmer zu gehen und in den Nachttopf zu pinkeln, als die Toilette im Erdgeschoss zu benutzen.

Es war bitterkalt, als sie den Teppich über die Wäscheleine im Hinterhof hängten, und ihr Atem bildete in der eisigen Luft kleine Wölkchen. Aber als sie erst einmal anfingen, den Teppich mit den Bambusklopfern zu bearbeiten, wurde ihnen bald warm.

»Wir lassen ihn hier, bis der Boden getrocknet ist«, sagte Mog, als sie fertig und alle beide mit einer grauen Staubschicht überzogen waren.

Erst als sie wieder oben waren, sah Belle ihre Mutter zum ersten Mal an diesem Tag. Annie trug wie jeden Morgen einen Morgenmantel aus dunkelblauem Samt über ihrem Nachthemd und ein Spitzenhäubchen über ihren Lockenwicklern.

Mog und Annie waren in etwa gleichaltrig, Ende dreißig, und hatten, wie Mog es nannte, als junge Mädchen eine Allianz geschlossen, weil sie ungefähr zur selben Zeit in dieses Haus gekommen waren, das damals noch von der Gräfin geführt wurde. Belle wunderte sich manchmal, warum Mog nicht sagte, sie wären Freundinnen geworden, aber schließlich war Annie kein besonders warmherziger Mensch und wollte vielleicht keine Freundin haben.

Geschminkt und elegant gekleidet war Annie immer noch schön. Sie hatte eine schmale Taille, einen straffen, hoch angesetzten Busen und eine königliche Haltung. Aber in ihrem Morgenmantel wirkte ihr Teint fahl, ihre Lippen dünn und blutleer, ihre Augen matt. Ohne das Korsett war auch ihre kurvenreiche Figur verschwunden. Vielleicht ging sie mit den Mädchen deshalb oft so schroff und unfreundlich um, weil es an ihr nagte, dass ihr gutes Aussehen dahinschwand, während die Mädchen noch in ihrer Blütezeit waren.

»Hallo, Ma«, sagte Belle, die gerade auf den Knien kauerte und den Boden schrubbte. »Wir machen Frühjahrsputz. War auch höchste Zeit, der Salon ist völlig verdreckt.«

»Den Teppich lassen wir draußen, bis wir fertig sind«, fügte Mog hinzu.

»Du solltest den Mädchen etwas über das Saubermachen beibringen«, sagte Annie schroff zu Mog. »In ihren Zimmern sieht es aus wie auf einer Müllkippe. Sie machen gerade mal ihre Betten. Das reicht nicht.«

»Ist nicht gut fürs Geschäft«, pflichtete Mog ihr bei. »Hat keinen Sinn, den Salon auf Vordermann zu bringen und dann die Gentlemen in einen Schweinestall mitzunehmen.«

Belle, die immer noch ihre Mutter ansah, während Mog sprach, fiel auf, dass sich Annies Augen bei Mogs Bemerkung vor Schreck weiteten. Auch Mog bemerkte den Blick und wurde blass, und als Belle von einer zur anderen schaute, wurde ihr klar, dass ihre Mutter nicht wollte, dass sie wusste, was in den Zimmern der Mädchen vorging.

Belle hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es am besten war, sich dumm zu stellen, wenn sie bei ihrer Mutter nicht in Ungnade fallen wollte. »Ich kann doch die Zimmer der Mädchen sauber machen«, bot sie an. »Ich könnte mir jeden Tag eins vornehmen und sie bitten, mir zu helfen.«

»Lass sie ruhig machen«, meinte Mog. »Sie hat gern was zu tun.«

Ein paar Sekunden stand Annie regungslos da, starrte Mog und Belle an und sagte kein Wort. Belle hatte den Eindruck, dass sie überlegte, wie sie sich wegen der Information, die Mog unabsichtlich entschlüpft war, verhalten sollte.

»Gute Idee. Sie kann heute bei Millie anfangen, weil es dort am schlimmsten aussieht. Ich befürchte allerdings, dass Millie keine große Hilfe sein wird, weil sie sich nie lange auf etwas konzentrieren kann.«

Um halb zwei, als der Salon in frischem Glanz erstrahlte und angenehm duftete, machte sich Belle daran, Millies Zimmer im Dachgeschoss des Hauses aufzuräumen. Millie war irgendwo mit Sally unterwegs, und die anderen Mädchen saßen in einem der unteren Zimmer. Belle hatte zu Mittag einen großen Teller Eintopf, gefolgt von Sirupkuchen, verdrückt, und der Reiz des Frühjahrsputzes verflog rasch. Aber da es gerade angefangen hatte zu schneien, konnte sie nicht ausgehen, und Millies Zimmer war das wärmste im Haus, weil die Wärme aus sämtlichen Kaminfeuern hier heraufdrang.

Millie nahm innerhalb des Hauses eine einzigartige Stellung ein. Obwohl sie mit achtundzwanzig viel älter war als alle anderen Mädchen, war sie mit ihrem seidigen, langen blonden Haar, den großen blauen Augen und dem weichen, kindlichen Mund immer noch auffallend schön. Im Denken war sie eher langsam, aber jeder mochte sie; vielleicht war gerade ihr kindlich-naiver Charme der Grund, warum alle sie gern hatten.

Millie war außerdem das einzige Mädchen, das noch aus der Zeit stammte, als die Gräfin das Haus geführt hatte. Belle spürte, dass Annie und Mog wegen ihrer gemeinsamen Vergangenheit Millies Trägheit tolerierten. Und öfter als einmal war erwähnt worden, dass sie wegen ihres sanften Wesens bei den Herren sehr beliebt war.

Auch Belle hatte Millie in ihr Herz geschlossen. Sie mochte ihr sonniges, liebenswertes Naturell, ihre Güte und Großzügigkeit. Immer wieder machte sie Belle kleine Geschenke – ein paar Glasperlen, Bänder fürs Haar oder Schokolade – und nahm sie in die Arme, wenn sie traurig oder verletzt war.

Millies Zimmer spiegelte ihr kindliches Wesen wider. Sie hatte aus den Deckeln von Pralinenschachteln Bilder von Kätzchen und kleinen Hunden ausgeschnitten und an die Wand genagelt. An eine Sessellehne hatte sie mit rosa Band ein Sonnenschirmchen aus Spitze gebunden, unter dem mehrere Puppen saßen. Die meisten waren einfache Stoffpuppen in bunten Baumwollkleidern, die so aussahen, als hätte Millie sie selbst gemacht, aber eine war eine hochelegante Puppe mit Porzellankopf, welligem Blondhaar und einem rosa Satinkleid.

Als Belle sich in dem Zimmer umschaute, stellte sie fest, dass Millie zehnmal mehr Dinge besaß als jedes andere Mädchen: Nippes aus Porzellan, Bürsten mit versilbertem Griff, eine Spielzeugeisenbahn aus Holz, eine Kuckucksuhr, die nicht ging, und viele mit Rüschen verzierte Kissen.

Belle machte sich an die Arbeit und nahm sich zuerst das große Messingbett vor, das sie anschließend mit einem großen Tuch abdeckte und so viel wie möglich von Möbeln und Zierat darauf stellte, wie sie konnte.

Auf dem Boden lag eine dicke Staubschicht, und der einzige Teppich war sehr klein und konnte im offenen Fenster ausgeschüttelt werden. Nachdem Belle den Kamin gereinigt und den Boden gekehrt und aufgewischt hatte, machte sie Feuer im Kamin, damit der Fußboden schneller trocknete.

Eine Stunde später war sie fast fertig. Die Möbel waren gesäubert und abgestaubt, Spiegel und Fenster glänzten, und alle Habseligkeiten Millies waren wieder sorgsam an ihren Platz gestellt worden.

Mittlerweile war es dunkel geworden, und draußen fiel dichter Schnee. Als Belle aus dem Fenster sah, fiel ihr auf, dass der Schnee Jake’s Court verwandelt hatte. Seven Dials war berüchtigt dafür, in London die meisten Bordelle, Spielhöllen, Wirtshäuser und sonstigen Spelunken pro Quadratmeile zu haben. Da der Betrieb auf dem Covent Garden Markt mitten in der Nacht begann, wenn die Trinker und Spieler nach Hause gingen, war es in dem Stadtviertel nie ruhig. Ständig hieß es, die Slums von London würden bald der Vergangenheit angehören, und es stimmte, dass viele Elendsviertel geräumt worden waren, aber bei den Behörden schien niemand einen Gedanken daran zu verschwenden, was aus den jeweiligen Bewohnern werden sollte. Zurzeit fanden sie sich hier in Seven Dials ein und suchten mit Hunderten anderer verzweifelter Männer, Frauen und Kinder in den unzähligen Hinterhöfen, schmutzigen Gassen und schmalen, gewundenen Straßen ein Mindestmaß an Schutz. Selbst für Belle, die nie woanders gelebt hatte, war es ein schmutziger, stinkender, lärmender Ort, und sie konnte verstehen, wie erschreckend er auf jemanden wirken musste, der von einer der benachbarten eleganteren Straßen falsch abbog und sich versehentlich hierher verirrte.

Aber jetzt, im gelben Schein der Gaslaterne, sah Jake’s Court unter der dicken Schneeschicht wie verzaubert und wunderschön aus. Außerdem war die Straße menschenleer, was kaum jemals vorkam, und Belle nahm an, dass heute Abend im Haus kaum Betrieb sein würde.

Im Zimmer war es mittlerweile schön warm. Die Vorhänge waren zugezogen, das Gaslicht heruntergedreht, und der Raum, der nur vom Kaminfeuer erhellt wurde, wirkte so anheimelnd, dass Belle der Versuchung, sich kurz aufs Bett zu legen und auszuruhen, nicht widerstehen konnte. Sie erwartete Millie jeden Moment zurück. Sicher würde das Mädchen außer sich vor Freude sein, weil das Zimmer so schön geputzt war.

Belle spürte, dass sie schläfrig wurde, und versuchte sich aufzuraffen, aus dem Bett zu steigen und nach unten zu gehen, aber es war einfach zu warm und gemütlich.

Das Geräusch von Schritten auf der Treppe riss sie abrupt aus dem Schlaf. Sie hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber das Feuer war fast erloschen, was nur bedeuten konnte, dass es inzwischen Abend war und sie sehr lang geschlafen hatte. Ihr Magen schnürte sich vor Aufregung zusammen, denn dass sie nach fünf Uhr nachmittags nicht mehr nach oben durfte, war eine von Annies striktesten Regeln. Belle konnte sich immer noch an die Tracht Prügel erinnern, die sie mit sechs Jahren einmal bezogen hatte, weil sie dieses Verbot missachtet hatte.

Blinde Panik ließ sie aufspringen, die Decke glatt streichen und hastig unters Bett schlüpfen. Wenn Millie allein war, könnte sie ihr erklären, warum sie in ihrem Zimmer war, sagte Belle sich. Bestimmt würde Millie ihr helfen, sich unbemerkt in die Küche zurückzustehlen.

Ihr sank der Mut, als die Tür aufging und Millie, gefolgt von einem Mann, hereinkam. Millie drehte das Gaslicht hoch und zündete zusätzlich noch ein paar Kerzen an. Von ihrem Versteck unter dem Bett aus konnte Belle nicht mehr als die untere Hälfte von Millies hellblauem, mit Spitzenrüschen besetzten Kleid und die dunkelbraunen Hosen und seitlich geknöpften Halbstiefel des Mannes erkennen.

»Warum hast du dich letzte Woche, als ich hier war, verleugnen lassen?«, fragte der Mann. Seine Stimme war schroff, und er klang böse.

»Ich war wirklich nicht hier«, erwiderte Millie. »Ich hatte den Abend frei und war meine Tante besuchen.«

»Heute habe ich jedenfalls für die ganze Nacht mit dir bezahlt«, sagte er.

Belles erste Reaktion war der Schock darüber, dass der Mann bezahlt hatte, um bei Millie im Zimmer bleiben zu dürfen. Aber dann machte ihr Herz einen Satz, als ihr klar wurde, was das bedeutete: Sie saß in der Falle! Wie sollte sie hier herauskommen? Sie konnte unmöglich bleiben, aber ebenso wenig konnte sie einfach unter dem Bett hervorkriechen, sich für ihr Eindringen entschuldigen und verschwinden.

»Die ganze Nacht«, wiederholte Millie, und es klang, als wäre sie über diese Aussicht genauso entsetzt wie Belle.

Dann herrschte Schweigen, und Belle nahm an, dass die beiden sich küssten, weil sie eng beieinander standen. Sie konnte schweres Atmen und das Rascheln von Kleidern hören, und auf einmal landete Millies Kleid nur ein paar Zentimeter von Belle entfernt auf dem Boden. Ein Unterrock folgte, dann die Stiefel und Hosen des Mannes, und plötzlich dämmerte Belle, was es genau bedeutete, eine Hure zu sein. Männer bezahlten Huren, um mit ihnen das zu tun, was sie eigentlich nur mit ihren Ehefrauen machen sollten, um Kinder zu bekommen. Sie konnte nicht begreifen, warum ihr das nicht schon früher klar geworden war. Aber nun, da sie es wusste, wurde ihr elend bei dem Gedanken, dass Jimmy und alle anderen, die sie kannte, dachten, sie würde Männern erlauben, dasselbe mit ihr zu tun.

Millie war nur noch mit ihrem Hemd, ihren Strümpfen und ihren spitzenbesetzten weißen Höschen bekleidet. Der Mann hatte zusammen mit Hose und Stiefeln seine Jacke abgelegt, sein Hemd aber angelassen. Es reichte ihm fast bis zu den Knien und gab den Blick auf sehr muskulöse, behaarte Beine frei.

»Ich lege noch ein bisschen Kohle nach, das Feuer ist beinahe aus«, sagte Millie plötzlich. Als sie sich vorbeugte, um die Schaufel in den Kohlenkübel zu stecken, spielte Belle mit dem Gedanken, ihr irgendwie ein Zeichen zu geben, damit sie den Mann unter einem Vorwand aus dem Zimmer schicken könnte, aber bevor sie es auch nur versuchen konnte, trat der Mann einen Schritt vor, packte Millie an der Taille und riss so grob an ihrer Unterhose, dass sie zerriss.

Belle war wie gelähmt vor Schreck. Noch immer konnte sie das Pärchen nur von der Taille abwärts sehen, aber schon das war zu viel. Sie wollte nicht Millies mollige Schenkel und Pobacken sehen, oder wie der Mann sie zwang, sich weiter vorzubeugen, so dass er seinen Schwanz in sie hineinstoßen konnte. Belle hatte erst einmal im Leben männliche Geschlechtsteile gesehen, bei kleinen Jungen, die von ihren Müttern unter einer Straßenpumpe gewaschen worden waren. Aber das Glied dieses Mannes musste achtzehn bis zwanzig Zentimeter lang sein und so hart wie eine Metallstange. Belle sah, dass Millies Knöchel weiß hervortraten, als sie sich mit den Händen auf den Kaminsims stützte, und wusste, dass der Mann ihr wehtat.

»Schon besser, meine Hübsche«, keuchte er, während er unablässig in sie hineinstieß. »So hast du es gern, stimmt’s?«

Belle machte die Augen zu, um nichts mehr zu sehen, hörte aber, wie Millie antwortete, dass sie nichts auf der Welt lieber hätte. Das war eindeutig gelogen, denn als Belle die Augen wieder aufmachte, hatte Millie sich bewegt, so dass sie ihr Gesicht von der Seite sehen konnte, und es war schmerzverzerrt.

Plötzlich begriff Belle, warum die Mädchen oft so düster und niedergeschlagen aussahen. Bisher war ihr das ein Rätsel gewesen, denn die Partys klangen immer nach viel Spaß. Aber offensichtlich galt das nicht für die Mädchen. Sie wurden irgendwann auf ihre Zimmer geschickt, um so etwas über sich ergehen zu lassen.

Als sich der Mann tiefer über Millies Rücken neigte, sah Belle sein Gesicht im Profil. Er hatte dunkles, an den Schläfen leicht ergrautes Haar und einen dichten, militärisch wirkenden Schnauzbart. Seine Nase war ziemlich markant und leicht gebogen. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig, obwohl sie es immer schwer fand, das Alter von Männern zu erraten.

Jetzt bewegten sich die beiden zum Bett. Das Quietschen der Sprungfedern direkt über Belles Kopf und die widerlichen Dinge, die der Mann zu Millie sagte, waren grauenhaft. Schlimmer noch war, dass sie die beiden in dem Spiegel über dem Kamin sehen konnte. Nicht ihre Gesichter, nur ihre Körper vom Nacken bis zu den Knien. Der Mann hatte einen behaarten, sehr knochigen Rücken, und er presste seine Hände auf Millies Knie und drückte sie anscheinend immer weiter auseinander, um noch tiefer in sie einzudringen.

Gnadenlos ging es weiter und weiter, das Klatschen von Fleisch auf Fleisch, die quietschenden Sprungfedern, das Grunzen, Fluchen und Keuchen. Von Zeit zu Zeit schrie Millie vor Schmerz – einmal flehte sie ihn sogar an aufzuhören –, aber er machte einfach weiter.

Belle begriff, dass es das war, was man unter »Ficken« verstand. Dieses Wort hörte sie jeden Tag draußen auf der Straße, wo es ein unflätiger Ausdruck war – manche Männer gebrauchten es in jedem Satz, den sie von sich gaben –, und sie hatte es auch im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Mann und Frau gehört. Jetzt wusste sie, was es tatsächlich bedeutete.

Sie fand es furchtbar, Zeugin dieses Schauspiels zu sein, und hätte am liebsten riskiert, unter dem Bett hervor und zur Tür zu kriechen. Aber ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass sie sich damit einen Riesenärger einhandeln würde, sowohl von dem Mann als auch von Annie. Sie fragte sich, warum Mog nicht bemerkt hatte, dass sie verschwunden war, und nach ihr suchte.

Gerade als sie dachte, Millies Leiden würden nie ein Ende nehmen, schien der Mann so etwas wie einen Endspurt einzulegen, denn er atmete immer schwerer und bewegte sich noch schneller. Dann war es auf einmal vorbei; er rollte sich von Millie und ließ sich neben sie auf die Matratze sinken.

»War das nicht großartig?«, fragte er.

»Oh ja«, erwiderte Millie mit so matter, dünner Stimme, dass sie kaum zu hören war.

»Dann also Schluss mit der ewigen Unschlüssigkeit«, sagte er. »Du verlässt morgen dieses Haus und gehst mit mir nach Kent?«

»Das kann ich nicht«, sagte sie schwach. »Annie lässt mich bestimmt nicht gehen, sie braucht mich hier.«

»Unsinn! Huren gibt es an jeder Ecke, die meisten wesentlich jünger als du. Und warum hast du mich wegen letzter Woche belogen?«

Seine Stimme, die nie freundlich geklungen hatte, wurde jetzt unverkennbar drohend.

»Ich habe nicht gelogen«, sagte sie.

»Doch. Du hast hier nie einen freien Abend, und du hast keine Tante. Du bist mir letztes Mal absichtlich aus dem Weg gegangen. Und du hattest nie die Absicht, mitzukommen und bei mir zu leben.«

Millie leugnete es. Dann verriet ein kurzes, scharfes Klatschen, gefolgt von einem Schrei, dass er sie geschlagen hatte. »Damit du siehst, was passiert, wenn man mich anlügt«, zischte er.

»Deshalb bin ich dir aus dem Weg gegangen«, rief sie. »Warum tust du mir weh, wenn du willst, dass ich bei dir lebe?«

»Eine Hure muss mit so etwas rechnen«, sagte er. Ihr Protest schien ihn zu überraschen. »Außerdem magst du es, von mir gefickt zu werden.«

Plötzlich sprang Millie vom Bett, und Belle sah, dass sie nichts als ihr spitzenbesetztes Mieder trug. Ihre vollen, weichen Brüste quollen aus dem Ausschnitt, und unten lugte ihr dichtes Schamhaar hervor. »Ich mag es kein bisschen! Ich tue nur so, weil es von mir erwartet wird«, sagte sie trotzig.

Belle wusste instinktiv, dass eine derartige Bemerkung diesem Mann bestimmt nicht gefallen würde und Millie vielleicht sogar Gefahr von ihm drohte. Sie beschwor Millie im Geiste, zur Tür zu laufen und zu fliehen, solange sie es noch konnte.

Aber noch bevor das Mädchen auch nur an Flucht denken konnte, packte der Mann sie am Arm und zerrte sie aufs Bett zurück.

»Miststück«, knurrte er sie an. »Du hast mich mit schönen Worten an der Nase herumgeführt und mir eine Lüge nach der anderen aufgetischt. Ich hatte Pläne für uns, und jetzt sagst du, dass alles nur gespielt war!«

»Wir Mädchen müssen nett zu unseren Kunden sein«, entgegnete Millie.

Er schlug sie, und diesmal schrie sie vor Schmerz und flehte ihn an, sie gehen zu lassen.

»Oh, ich lasse dich gehen«, gab er zurück. »Direkt zur Hölle, wo du hingehörst.«

Allein der Klang seiner Stimme verriet Belle, dass er vorhatte, Millie zu töten. Sie wünschte so sehr, sie wäre mutig genug, unter dem Bett hervorzukommen, ihm eins mit dem Nachttopf überzuziehen und dann Annie zu sagen, was hier los war. Aber sie war wie gelähmt vor Angst und außerstande, auch nur einen Muskel zu bewegen.

»Nein, bitte nicht!«, flehte Millie, und man konnte Gerangel hören, als würde sie versuchen, sich aus seinem Griff zu befreien. Aber allmählich wurde es wieder still, und als Belle über sich schweres Atmen hörte, glaubte sie, ihre Befürchtungen wären grundlos gewesen, weil der Mann Millie wieder küsste.

»Schon besser«, sagte er leise. »Gib einfach nach. So wie ich es mag.«

Belle hatte sich in ihrer Angst unter die Mitte des Betts verkrochen, damit sie die beiden nicht mehr im Spiegel sehen musste. Aber die Art, wie der Mann sprach, schien anzudeuten, dass der Streit ausgestanden und er im Begriff war, wieder mit Millie zu schlafen. Belle wollte warten, bis das Stoßen und Klatschen anfing, dann aus ihrem Versteck kriechen und einen Satz zur Tür zu machen.

Aber nachdem einige Zeit verstrichen und immer noch kein Stoßen, sondern nur das schwere Atmen zu hören war, schob sie sich zur Seite des Betts, um wieder zum Spiegel zu spähen. Was sie sah, war so grauenhaft, dass sie beinahe laut geschrien hätte.

Der Mann, der jetzt völlig nackt war, kniete auf dem Bett und rieb seinen Schwanz an Millies Gesicht. Ihr Kinn war nach oben gereckt und gab den Blick auf ihren weißen Hals frei, aber sie reagierte nicht auf das, was er tat. Ihre Augen schienen fast aus den Höhlen zu quellen, und sie sah aus, als würde sie schreien, nur dass kein Laut aus ihrem weit aufgerissenen Mund kam.

In ihrer Angst um Millie vergaß Belle ihr Entsetzen. Leise drehte sie sich unter dem Bett um, bis ihr Gesicht der Tür zugewandt war, krabbelte ans Ende des Betts und raffte all ihren Mut für den rettenden Satz zur Tür zusammen.

Mit einer einzigen raschen Bewegung sprang sie auf, rannte zur Tür und schob den Riegel zurück. Sie hörte, wie der Mann etwas brüllte, aber inzwischen war die Tür offen, und sie rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach unten.

»Ein Mann tut Millie weh! Hilf ihr!«, schrie sie, als sie auf dem untersten Treppenabsatz stand und Annie aus ihrem Büro kommen sah.

Den Bruchteil einer Sekunde war der Gesichtsausdruck ihrer Mutter so grimmig, dass Belle dachte, sie würde ihr eine Ohrfeige geben. Aber Annie eilte, ohne ein Wort zu sagen, zum Salon.

»Jacob!«, rief sie. »Komm, wir müssen nach Millie schauen!«

Der kahlköpfige, kräftige Mann war neu im Haus. Belle hatte ihn erst einmal gesehen, vor zwei Wochen, als er einen neuen Dichtungsring am Wasserhahn in der Spülküche angebracht hatte. Mog hatte gesagt, er wäre eingestellt worden, um im Haus anfallende Arbeiten zu erledigen, aber auch, um dafür zu sorgen, dass es oben im Salon abends keinen Ärger gab. Heute Abend sah er in seinem dunkelgrünen Jackett richtig schick aus, und er reagierte blitzschnell auf Annies Befehl, indem er sofort die Treppe hinauflief.

Annie folgte ihm, blieb aber kurz bei Belle stehen und zeigte auf die Kellertür. »Wir sprechen uns nachher. Und jetzt runter mit dir!«, herrschte sie ihre Tochter an.

Belle saß am Küchentisch, den Kopf auf die Hände gestützt, und wünschte sich, Mog würde kommen und ihr erklären, wie und warum das alles passieren konnte.

Die Küchenuhr zeigte zehn nach zehn. Anscheinend hatte sie viel länger, als sie gedacht hatte, in Millies Zimmer geschlafen. Aber sie konnte nicht verstehen, warum sie nicht aufgewacht war, als sich die Mädchen für den Abend zurechtmachten, oder warum Mog nicht nach oben gekommen war, um sie zu suchen, als Belle vom Saubermachen nicht zurückkam. Mog war eine richtige Glucke; normalerweise drehte sie schon durch, wenn Belle nur eine Stunde verschwunden war, und um sechs Uhr aßen sie immer zusammen, bevor Mog nach oben ging, um alles für den Abend vorzubereiten.

Die Abende waren für Belle sehr langweilig, weil sie immer allein war. Sie wusch das Geschirr ab und las die Zeitung, wenn einer der Gentlemen am Vorabend eine liegen gelassen hatte. Wenn keine Zeitung da war, nähte oder strickte sie. Aber meistens lag sie schon um halb neun im Bett, weil sie es allein nicht mehr aushielt. Heute Abend allerdings fühlte sie sich nicht nur einsam, sondern völlig verängstigt. Sie hatte keine Angst um sich selbst, auch wenn sie sich vor Annie fürchtete, sondern um Millie. Sie sah sie im Geiste deutlich vor sich, diesen stummen Schrei, die Art, wie ihr Kopf nach hinten gesunken war und ihre Augen hervorquollen. Hatte der Mann sie umgebracht?

Kein Laut kam von oben aus dem Salon, also war außer Jacob vielleicht niemand drin gewesen, als sie die Treppe hinuntergelaufen kam. Angesichts des Schneefalls wäre das nicht weiter verwunderlich, aber sie fragte sich, wo Mog und die Mädchen steckten. Außer Millie waren sieben weitere Mädchen im Haus, aber selbst wenn sie alle, ob mit oder ohne Herrenbesuch, auf ihren Zimmern waren, hätte doch bestimmt die eine oder andere hinausgeschaut, als Annie und Jacob die Treppe hinaufrannten.

Aber noch größer als ihre Angst um Millie und die möglichen Konsequenzen des heutigen Vorfalls waren der Schock und der Ekel, den sie über das, was Nacht für Nacht über ihrem Kopf vorging, empfand. Wie hatte sie nur so dumm sein können, nicht zu wissen, was in dem Haus, in dem sie lebte, passierte?

Wie sollte sie je wieder mit erhobenem Kopf auf die Straße gehen? Wie konnte sie sich mit Jimmy anfreunden, ohne sich zu fragen, ob er nicht dasselbe mit ihr machen wollte? Kein Wunder, dass Mog gesagt hatte, er solle sich bei Belle lieber nichts herausnehmen!

Als Belle vom Hinterhof her einen lauten Schrei hörte, gefolgt von Klappern und Scheppern, als hätte jemand die Mülleimer umgeworfen, und dann noch mehr Geschrei von mehreren Leuten, lief sie in die Spülküche und zur Hintertür. Sie sperrte sie nicht auf und ging hinaus, weil sie wusste, dass sie schon genug Ärger hatte, aber sie spähte aus dem Fenster neben der Tür.

Draußen war nichts zu sehen, nur der Schnee, der all die alten Schachteln und Kisten bedeckte. Es schneite immer noch stark und der Wind ließ die Flocken durch die Luft wirbeln.

»Belle!«

Belle fuhr herum, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte. Sie war in die Küche gekommen und stand, eine Hand in die Hüfte gestemmt, neben dem Tisch.

»Tut mir leid, Ma, ich bin in Millies Zimmer eingeschlafen. Ich wollte nicht da oben bleiben.«

Annie trug abends immer schlichtes Schwarz. Aber ihr langärmeliges Seidenkleid hatte rund um den tiefen Ausschnitt einen breiten Besatz aus kunstvoller Silberstickerei, ihr Haar war mit silbernen Kämmen hochgesteckt, und mit den Brillanthängern in ihren Ohren sah sie geradezu königlich aus.

»Komm mit. Du musst mir ganz genau erzählen, was du gesehen hast«, sagte sie schnell.

Belle fand es sehr seltsam, als Annie sie, statt sie anzuschreien und ihr Vorhaltungen zu machen, an der Hand nahm und mit ihr in Belles winziges Schlafzimmer ging. Sie schlug das Bett auf und bedeutete Belle, ihre Sachen auszuziehen, ins Nachthemd zu schlüpfen und sich ins Bett zu legen. Sie half Belle sogar, ihr Kleid aufzuknöpfen, und zog ihr das Nachthemd über den Kopf. Erst als ihre Tochter gut zugedeckt im Bett lag, setzte sie sich zu ihr.

»Und jetzt erzähl mir alles«, forderte Annie sie auf.

Belle erklärte, warum sie im Zimmer gewesen war, als Millie mit dem Mann hereinkam, und dass sie sich in ihrer Panik unter dem Bett versteckt hatte. Sie wusste nicht, wie sie Annie sagen sollte, was die beiden gemacht hatten, deshalb erwähnte sie nur Küssen und Schmusen. Annie machte eine ungeduldige Handbewegung und verlangte von Belle, zu dem zu kommen, was der Mann zu Millie gesagt hatte.

Belle wiederholte alles, woran sie sich erinnern konnte, und erzählte, wie er Millie geschlagen hatte, wie es dann auf einmal ganz still geworden war und sie unter dem Bett hervorgespäht hatte. »Er hatte seinen …« Belle brach ab und zeigte nach unten auf ihren Bauch. »Er hielt ihn in der Hand und legte ihn an ihr Gesicht. Sie rührte sich nicht, und da bin ich weggerannt. Wie geht es Millie?«

»Sie ist tot«, sagte Annie. »Sieht so aus, als hätte er sie erwürgt.«

Belle starrte ihre Mutter entsetzt an. Sie hatte sich zwar schon gefragt, ob der Mann Millie umgebracht hatte, aber es war etwas ganz anderes, diese Befürchtung bestätigt zu sehen. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr Kopf zerspringen. Das war schlimmer als der schlimmste Albtraum!

»Nein! Sie kann nicht tot sein.« Belles Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. »Er hat ihr wehgetan, aber das hat sie doch bestimmt nicht umgebracht!«

»Belle, du solltest mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich so etwas nicht sagen würde, wenn es nicht wahr wäre«, sagte Annie tadelnd. »Aber wir haben jetzt nicht viel Zeit. Die Polizei wird bald hier sein. Jacob geht sie gerade holen. Du musst vergessen, dass du in Millies Zimmer warst, Belle.«

Belle begriff nicht, was ihre Mutter meinte, und starrte sie verständnislos an.

»Hör zu, ich werde der Polizei erzählen, dass ich Millie gefunden habe. Ich werde sagen, dass ich zu ihr nach oben gegangen bin, weil ich gehört habe, wie jemand aus dem Fenster gestiegen ist«, erklärte Annie. »Siehst du, ich möchte nicht, dass sie dich verhören. Deshalb werde ich behaupten, dass du hier unten warst und schon im Bett gelegen hast. Und genau das musst du auch sagen, wenn sie mit dir sprechen wollen. Du bist um halb neun zu Bett gegangen und erst vor einer Weile aufgewacht, weil du draußen ein Geräusch gehört hast. Kannst du das machen?«

Belle nickte. Es kam so selten vor, dass ihre Mutter so nett und freundlich mit ihr sprach, dass sie bereit war, alles zu sagen, was sie verlangte. Natürlich war ihr nicht klar, warum sie nicht die Wahrheit sagen konnte, aber sie nahm an, dass es dafür gute Gründe gab.

»Braves Mädchen.« Annie legte einen Arm um Belles Schultern und drückte sie. »Ich weiß, dass du unter Schock stehst. Du musstest Dinge mit ansehen, von denen ich nie wollte, dass du sie siehst. Aber wenn du der Polizei sagst, dass du im Zimmer warst und gesehen hast, was passiert ist, wird das Ganze für dich zu einem furchtbaren Albtraum werden. Du müsstest bei der Gerichtsverhandlung als Zeugin gegen den Mann antreten und dich ins Verhör nehmen lassen. Man würde alle möglichen hässlichen Sachen zu dir sagen. Dein Name würde in der Zeitung stehen. Und dir könnte von dem Mann, der Millie das angetan hat, große Gefahr drohen. All dem kann ich dich unmöglich aussetzen.«

Belle, die mit einer harten Strafe gerechnet hatte und stattdessen feststellte, dass ihre Mutter ihr weiteren Kummer ersparen wollte, fühlte sich ein klein wenig besser.

»Wo ist Mog?«, fragte sie.

»Ich habe ihr erlaubt, ihre Freundin in der Endell Street zu besuchen, weil ich wusste, dass heute wegen des Schnees nicht viel los sein würde«, sagte Annie und verzog den Mund. »Zum Glück. Aber sie wird bald nach Hause kommen. Sei so gut und bleib auch ihr gegenüber bei deiner Geschichte.«

Belle nickte. »Aber wenn die Polizei den Mann fasst, sagt er vielleicht, dass ich im Zimmer war«, flüsterte sie.

»Sie werden ihn nicht fassen, weil ich sagen werde, dass ich nicht weiß, wer er war«, sagte Annie. »Aber darüber musst du dir nicht den Kopf zerbrechen. Nur Jacob und ich wissen, dass du oben warst, und Jacob wird nichts verraten.«

»Aber wenn die Polizei den Mann nicht erwischt, wird er doch nicht dafür bestraft, dass er Millie umgebracht hat«, wandte Belle ein.

»Oh, er wird seine Strafe bekommen, verlass dich drauf«, sagte Annie grimmig.

KAPITEL 3

Belle war immer noch hellwach, als sie Mogs vertraute Schritte auf der Treppe hörte. Mog hatte ein steifes Knie und ging immer langsam die Stufen hinunter.

»Mog!«, wisperte Belle, die nicht wusste, ob die Polizei immer noch im Haus war. Vorhin hatte sie das Geräusch von schweren Schritten gehört und sich seelisch und geistig darauf vorbereitet, als Nächste befragt zu werden. »Kommst du bitte noch zu mir?«

»Ach, mein Häschen, was für ein Drama!«, rief Mog, als sie ins Zimmer kam. Da es in Belles Zimmer kein Gaslicht gab, zündete sie eine Kerze an. »Deine Ma hat mir erzählt, was heute Abend passiert ist. Die Polizei war gerade eben weg, als ich kam. Nicht zu fassen, dass Millie ermordet worden ist! Die anderen Mädchen haben jetzt alle furchtbar Angst, und ich wette, die eine oder andere wird morgen verschwunden sein. Aber ich habe ihnen schon gesagt, dass sie hier sicherer als irgendwo sonst sind, weil der Blitz nie zweimal an derselben Stelle einschlägt.«

Mogs geringes Maß an Hysterie war nicht weiter verwunderlich; sie regte sich kaum jemals wirklich über etwas auf. »Arme Millie«, fuhr sie fort. Ihre Augen glänzten feucht von unvergossenen Tränen. »Sie war ein liebes, gutes Ding, und so hätte sie nicht enden dürfen.«

Sie kauerte sich auf die Bettkante und strich Belle das Haar aus dem Gesicht. »Alles in Ordnung, meine Hübsche? Musst ja einen furchtbaren Schreck bekommen haben, als du aufgewacht bist.«

»Ich habe gar nichts davon mitbekommen, bis Ma mit dem Polizisten hier runter kam«, log Belle.

Mog sah sie scharf an. »Unmöglich! Du hast doch Ohren wie ein Luchs! Und du willst nicht gehört haben, wie der Mistkerl an der Regenrinne in den Hof runtergerutscht ist?«

»Na ja, ich hab schon was gehört«, gestand Belle. »Aber ich dachte, es ist bloß eine Katze, die in den Mülleimern nach Abfällen sucht.«

Mog saß einen Moment lang schweigend auf dem Bett. Im Kerzenlicht sah ihr Gesicht viel jünger und weicher aus. »Du warst noch oben in Millies Zimmer, als ich gegangen bin. Um wie viel Uhr bist du runtergekommen?«, fragte sie schließlich.

Belle schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht genau, ich hab nicht auf die Uhr geschaut. Spät war’s nicht, im Haus war es ganz ruhig.«

»Annie hat den Mädchen wegen des Schnees erlaubt, ins Varieté zu gehen. Bloß Millie und Dolly hat sie hierbehalten. Ich war noch da, und die Mädchen haben vor lauter Aufregung genug Lärm gemacht, um Tote zu erwecken, als sie loszogen. Komisch, dass du nichts gehört hast und nicht runtergekommen bist.«

Belle war sehr unbehaglich zumute. Mog merkte es immer, wenn sie log.

»Du bist oben im Zimmer eingeschlafen, stimmt’s?«, sagte Mog besorgt. »Ich wollte rauf und nachsehen, wo du steckst, aber ich hatte Angst, deine Ma wird sauer, wenn sie dich da oben erwischt. Ich dachte mir, du schleichst dich später nach unten, wenn alles ruhig ist.«

Belle spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie war sich nie ganz sicher, ob ihre Mutter etwas für sie empfand, aber Mogs unerschütterliche, tiefe Liebe zu ihr spürte sie allein an der Art, wie sie mit ihr sprach und sie ansah. Es war schwer, sie jetzt zu belügen, auch wenn Annie sicher gute Gründe gehabt hatte, als sie darauf bestand.

Plötzlich weiteten sich Mogs Augen vor Entsetzen. »Du hast gesehen, was passiert ist!«, rief sie und schlug eine Hand vor den Mund. »Guter Gott! Und deine Ma hat dir eingeschärft, nichts zu sagen?«

»Bitte nicht«, sagte Belle schwach. Sie sehnte sich so sehr danach, alles loszuwerden und zu weinen und sich von Mog trösten zu lassen, bis der Schreck nachließ. »Bleiben wir einfach dabei, dass ich hier unten war und geschlafen habe.«

Mog nahm Belles Hände in ihre. Ihre kleinen, normalerweise freundlich blinzelnden Augen waren kalt und ernst. »Nichts Gutes kann dabei herauskommen, bei einem Mord die Wahrheit zu verschweigen«, widersprach sie. »Das werde ich Annie gleich morgen sagen, und es ist mir ganz egal, wenn sie deshalb einen Wutanfall bekommt. Abgesehen davon, dass es schlimm ist, einen Mörder ungestraft davonkommen zu lassen, sollte jede Frau wissen, dass ein junges Mädchen über so etwas sprechen muss, wenn sie nicht den Rest ihres Lebens Albträume haben will. Aber wenn du deiner Mutter ein Versprechen gegeben hast, will ich dich nicht dazu bringen, es zu brechen.«

Belle fasste Mogs Worte so auf, dass sie einstweilen keine Fragen mehr stellen würde, und sie war darüber ebenso erleichtert wie enttäuscht. Erleichtert, weil sie wusste, dass sie in die Knie gehen und alles erzählen würde, wenn Mog nicht lockerließ, und Annie böse auf sie sein würde. Aber gleichzeitig war sie enttäuscht, dass Mog sich Annies Wünschen nicht widersetzen wollte, weil es ihr so viel bedeutet hätte, sich alles von der Seele zu reden.

»Schlaf jetzt.« Mog drängte sie sanft aufs Bett, zog ihr die Decke bis zu den Ohren hoch und stopfte sie so fest, dass Belle sich kaum rühren konnte. »Morgen sieht vielleicht alles ganz anders aus.«

In der Nacht schneite es weiter, und am nächsten Morgen lag noch mehr Schnee, der alle Spuren, die der Täter möglicherweise hinterlassen hatte, verdeckte. Millies Leichnam wurde in aller Frühe von einem Wagen des Leichenschauhauses abgeholt, und kurz danach traf der erste Trupp Polizeibeamter ein, um Millies Zimmer gründlich zu durchsuchen.

Annie befahl Belle, in der Küche zu bleiben. Sie wollte nicht einmal, dass sie nach oben ging, um sauber zu machen, Feuer in den Kaminen anzuzünden oder die Nachttöpfe auszuleeren. Sie machte ein grimmiges Gesicht und sprach in scharfem Tonfall, aber Mog meinte, das läge zum Teil sicher daran, dass Annie gezwungen gewesen war, zu einer ihrer Meinung nach unchristlich frühen Zeit aufzustehen und sich anzuziehen.

Mog blieb oben, aber ob sie das tat, weil sie von der Polizei dazu aufgefordert worden war, oder weil sie ein Auge auf die Mädchen haben wollte, wusste Belle nicht. Sie hörte, wie die Mädchen eine nach der anderen zum Verhör in den Salon gerufen wurden, und als Ruby, eine der jüngsten, in die Küche kam, um sich eine Tasse Tee zu holen, erzählte sie, dass die Polizei wissen wollte, welche Männer Millie besonders gern aufsuchten.

»Ich hab ihnen erzählt, dass alle Millie mochten«, sagte Ruby mit einem Anflug von Bitterkeit. Sie war nicht besonders hübsch, ihre Haut war schlecht und ihr braunes Haar stumpf. »Weiß der Kuckuck, warum sie eine wollten, die so alt war wie Millie. Und noch dazu weich in der Birne!«

»Aber sie war nett und freundlich«, sagte Belle. »Und hat immer gelächelt.«

Ruby schnitt eine Grimasse. »Das zeigt doch, wie bekloppt sie war. Hier gibt es nicht viel zum Lachen, das kann ich dir sagen! Die Bullen hatten Dolly eine Ewigkeit drin, bloß weil sie gestern Abend nicht mit uns ausgegangen ist. Sie hat gesagt, dass sie ins Bett gegangen ist, weil sie schlimmes Kopfweh hatte, und nichts gehört hat.«

Es war ungewöhnlich, dass Belle sich so lange mit einem der Mädchen unterhielt; Annie schätzte das nicht sonderlich. Nun, da Belle Gelegenheit hatte, mit Ruby zu sprechen, wollte sie unbedingt mehr über das, was oben vor sich ging, erfahren.

»Komisch, dass sie gar nichts gehört hat«, meinte Belle.

»Tja, sie steht eben auf ihre La-La-Medizin. Wenn sie die nimmt, könnte ein ganzes Pferdegespann samt Kutsche durchs Haus galoppieren, und sie würde nichts davon mitkriegen.«

»La-La-Medizin?«, fragte Belle.

»Laudanum«, sagte Ruby und sah Belle seltsam an, als wäre sie erstaunt, dass sie diese Frage stellte. »Das braune Zeug, das den Tag ein bisschen erträglicher macht.«

Belle hatte von Laudanum gehört, aber sie hatte geglaubt, Ärzte würden es nur Leuten verschreiben, die starke Schmerzen litten. »Tut es denn so weh, wenn ihr das mit den Gentlemen macht?«, fragte sie.

Ruby kicherte. »Hast du es denn noch mit keinem gemacht?«

Belle wollte gerade »Natürlich nicht!« antworten, als Annie am Ende der Treppe erschien und Ruby befahl, wieder nach oben zu gehen.

»Ich wollte bloß eine Tasse Tee«, gab Ruby zurück.

»Du bekommst Tee, wenn ich es sage«, fuhr Annie sie an. »Los, komm schon! Belle, du kannst den Stapel Bettwäsche bügeln.«

Belle stellte das Bügeleisen auf die heiße Herdplatte und legte eine dicke Decke auf den Tisch. Aber als sie hörte, dass einer der Polizisten Annie in den Salon rief, huschte sie die Treppe hinauf und öffnete die Tür einen winzigen Spalt weit, damit sie lauschen konnte.

Der Polizist stellte mehrere allgemeine Fragen: wer im Haus wohnte, was Annie über die Mädchen wusste, und wie lange sie schon hier arbeiteten. Danach wurde nach den Besuchern gefragt und ob die Männer das Mädchen, das ihnen am besten gefiel, nahmen, oder ob Annie eine für jeden Mann aussuchte.

»Wenn ein Mann zum ersten Mal kommt, ist er oft ein bisschen gehemmt, deshalb suche ich ein Mädchen für ihn aus«, antwortete Annie. »Aber beim zweiten oder dritten Mal fühlen sie sich wohl und kommen gern, um einen Drink zu nehmen und mit den Mädchen zu plaudern. Wenn ich einen Klavierspieler bekomme, wird auch getanzt. Dann suchen sie sich von den Mädchen, die frei sind, eins aus, das ihnen gefällt.«

»Und Millie? Wurde sie oft genommen?« Ein anderer Polizist stellte mit barscher Stimme die Frage; bis jetzt hatte Belle angenommen, es wäre nur ein Beamter bei ihrer Mutter.

»Oh ja, sie war die Beliebteste«, sagte Annie ohne zu zögern. »Ich würde sagen, fast alle meine Gäste haben sie irgendwann einmal gefragt. Aber wie ich Ihnen schon gestern Abend sagte, sie wurde von keinem meiner Stammkunden getötet. Der Mann, der das getan hat, ist noch nie zuvor hier gewesen.«

»Könnten Sie mir eine Beschreibung von ihm geben?«, fragte der barsche Polizeibeamte. »Und geben Sie sich ein bisschen mehr Mühe als gestern Abend«, fügte er sarkastisch hinzu.

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass es nicht günstig ist, einen Mann, der zum ersten Mal unser Haus besucht, zu genau anzuschauen, sonst kommt er nie wieder«, gab Annie scharf zurück. »Er war nicht älter als fünfundzwanzig, würde ich sagen. Schlank, gut gekleidet, braunes Haar, glatt rasiert. Sah aus, als würde er in einem Büro arbeiten – er trug einen Bowler und einen steifen Kragen.«

Belle runzelte verwirrt die Stirn, als sie die Beschreibung ihrer Mutter hörte, die so weit wie nur irgendmöglich von der Wahrheit entfernt war. Sie konnte halbwegs verstehen, warum ihre Mutter nicht wollte, dass sie vor der Polizei aussagte, was sie gesehen hatte. Aber jetzt schien Annie die Beamten auf eine völlig falsche Fährte zu locken.

In diesem Augenblick kam Mog die Treppe hinuntergestapft, deshalb musste Belle rasch die Tür schließen und sich wieder ans Bügeln machen. Seltsamerweise hatte Mog nichts mehr zu Belle gesagt, keine Fragen, keine Ermahnungen, gar nichts. Hatte Annie es ihr verboten, oder wollte sie nicht über die Angelegenheit reden, solange die Polizei im Haus war? Belle wusste es nicht.

Seltsam schien auch, dass Jacob verschwunden war, und obwohl Belle sich nicht sicher war, glaubte sie nicht, dass er im Haus gewesen war, als am Vorabend die Polizei eintraf. Anscheinend hatte Annie ihm befohlen, die Polizei zu rufen, dann zu verschwinden und erst wiederzukommen, wenn die Luft rein war.

Auf einmal wurde Belle bewusst, dass sich in den letzten vierundzwanzig Stunden ihr ganzes Leben drastisch verändert hatte. Gestern Morgen hatte sie noch nicht einmal geahnt, was sich in den oberen Räumen abspielte. Jetzt wusste sie es, und dieses Wissen erfüllte sie mit Scham und Ekel. Außerdem war sie Zeugin eines grauenhaften Mords geworden. Und jetzt musste sie mit anhören, wie ihre Mutter der Polizei, ohne mit der Wimper zu zucken, faustdicke Lügen auftischte, und das war noch unbegreiflicher als alles andere.

Die Polizisten gingen bis vier Uhr nachmittags und länger im Haus ein und aus, und Mog murrte wegen des Schnees, den die Männer jedes Mal hineinschleppten.

»Die Treppen rauf und runter, rein in den Salon und wieder raus, ohne daran zu denken, was sie unseren Teppichen antun. Warum können sie nicht einfach reinkommen und drinnen bleiben? Männer! Zu nichts zu gebrauchen! Ich würde keinen in mein Haus lassen.«

Belle spürte, dass Mogs Sorge in Wirklichkeit weniger dem schmutzigen Boden galt als vielmehr den Menschen, für die sie sich verantwortlich fühlte. Sie selbst ertappte sich dabei, bei unerwarteten Geräuschen zusammenzuzucken, und fühlte sich weinerlich und verängstigt. Immer wieder hatte sie im Geiste durchgespielt, was sie gesehen hatte, aber es ergab trotzdem keinen Sinn, dass der Mann Millie getötet haben sollte, bloß weil sie nicht mit ihm weggehen und bei ihm wohnen wollte. Sie musste wirklich mit jemandem darüber sprechen und die hässlichen Bilder aus ihrem Kopf vertreiben, und die Person, die ihr zuhören, sie trösten und ihr alles erklären sollte, war ihre Mutter.

Der Zorn in Belles Innerem wuchs von Minute zu Minute. Sie fühlte sich im Stich gelassen, und es verbitterte sie, dass Annie sich mehr Sorgen um »ihre Mädchen« als um ihre eigene Tochter zu machen schien und von Belle erwartete, dass sie tat, als wäre nichts passiert, und ihre üblichen Arbeiten im Haus verrichtete.

»Ohne Männer würde Ma wohl kaum gute Geschäfte machen«, bemerkte sie schnippisch und halb in der Hoffnung, Mog dazu zu bringen, dort weiterzumachen, wo sie am Vorabend aufgehört hatten.

Mog biss nicht an, sondern rührte weiter in dem Eintopf, den sie zum Abendessen bereitete. Aber ihr blasses Gesicht und der angespannte Gesichtsausdruck verrieten, dass sie genauso beunruhigt war wie Belle.

»Braves Mädchen«, sagte Mog beifällig, als sie aufblickte und sah, dass Belle mit dem gewaltigen Stapel Wäsche fertig war und gerade das Bügeltuch zusammenlegte. »Und jetzt setzen wir uns hin und trinken eine Tasse Tee. Ich denke, die haben wir uns verdient.«

In ihrem kurzen Leben hatte Belle immer wieder beobachten können, dass Mogs Methode, mit einem Problem fertig zu werden, darin bestand, erstmal eine Kanne Tee zu machen. Wenn die Mädchen oben zankten oder es am Waschtag regnete, wurde der Kessel aufgesetzt. Mog sprach nie über das Problem, ehe sie gelassen das Ritual vollzogen hatte, die Tassen und Untertassen, das Milchkännchen und den Zuckertopf auf den Tisch zu stellen und den Tee aufzugießen. Erst wenn die Beteiligten am Tisch saßen und Mog Tee einschenkte, war sie bereit, ihre Ansichten zum Besten zu geben.

Aber heute war sie nicht gelassen. Als sie die Tassen aus dem Schrank nahm, klirrte das Porzellan, weil ihre Hände zitterten, und sogar ihre Schritte wirkten unsicher. Als sie die Tischschublade aufzog, um die Teelöffel herauszuholen, ließ sie einen auf den Fußboden fallen. Belle vermutete, dass Mog sich nur mühsam beherrschte und genauso verwirrt, verängstigt und verstört war wie sie selbst.

Mog stülpte gerade den gestrickten roten Teewärmer über die volle Kanne, als sie Annie durch die Tür am Ende der Kellertreppe kommen hörten. Beide zuckten zusammen, als wären sie auf frischer Tat bei einem Vergehen ertappt worden.

»Schon gut, ich beiße nicht«, sagte Annie. Sie klang hundemüde. »Eine Tasse Tee ist genau das, was ich brauche. Ich bin total erledigt.«

Belle beeilte sich, noch eine Tasse und Untertasse aus dem Küchenschrank zu holen.

»Ist heute Abend geöffnet?«, fragte Mog vorsichtig.

Annie setzte sich und dachte kurz nach. »Nein, ich denke, das Haus bleibt heute geschlossen. Aus Gründen der Pietät. Millie war ein liebes Mädchen, und sie wird uns allen fehlen.«

»Was ist mit ihrer Familie?«, wollte Mog wissen. »Ich weiß, dass sie Angehörige hat. Wer soll es ihnen sagen?«

Belle fiel der scharfe Unterton in Mogs Stimme auf und spürte, dass sie Annie etwas zu sagen hatte, deshalb nahm sie ihre Tasse Tee und setzte sich in den Lehnstuhl beim Ofen, damit die zwei Frauen miteinander reden konnten.

»Ich nicht. Ich nehme an, die Polizei übernimmt das«, antwortete Annie, und dieses eine Mal klang sie sehr unsicher. »Ob sie sagen müssen, wie und warum sie gestorben ist? Das ist eine furchtbare Sache für eine Mutter.«

»Ganz sicher«, stimmte Mog zu.

Da Belle mittlerweile wusste, was Millie gewesen war, und dass ihre Mutter mit Mädchen wie ihr Geschäfte machte, überraschte es sie ein wenig, dass Annie sich Sorgen darüber machte, wie Millies Familie die Nachricht aufnehmen würde.

»Vielleicht könntest du ihnen ein paar Zeilen schreiben?«, fragte Annie Mog.

»Selbst wenn ich wüsste, wo sie wohnen, was könnte ich ihnen schon schreiben, um es ihnen erträglicher zu machen?«, sagte Mog traurig. Eine Träne lief ihr über die Wange. »Ich habe einmal einen Brief für Millie geschrieben, als sie zu uns kam. Darin stand, dass sie mein Dienstmädchen sei und ihre Sache sehr gut mache. Millie hatte mich darum gebeten, damit ihre Mutter sich nicht um sie sorgte, und sie selbst konnte nicht schreiben. Aber ihre Ma hat nie geantwortet, und Millie sagte zwar ständig, sie würde nach Hause fahren, sobald sie ein bisschen Geld beisammen hätte, aber sie hat immer alles ausgegeben.«

»Ich dachte, du könntest vielleicht schreiben, dass sie krank war oder von einem Wagen überfahren wurde«, meinte Annie. »Aber wenn du dich nicht erinnerst, wo ihre Familie lebt, geht das natürlich nicht.«

»Was hier passiert ist, ist genau die Art blutrünstige Geschichte, die auf alle Titelseiten kommt«, entgegnete Mog scharf. »Sie finden die Wahrheit sowieso raus.«

»Sei nicht so, Mog«, bat Annie. »Mir ist schon elend genug, da musst du nicht noch auf mich losgehen.«

»Ja, klar, du fühlst dich so elend, dass du deiner Tochter nicht erlaubst, der Polizei zu sagen, was sie gesehen hat, und noch dazu einen Haufen Lügen über den Täter erzählt hast.«

Belle war erstaunt, dass Mog so unverblümt und mutig sein konnte. Sie reckte herausfordernd ihr Kinn und wirkte ausgesprochen kampflustig. Zum Glück sah Annie nicht so aus, als hätte sie noch die Kraft, um eine Szene zu machen.

»Ich habe kein Wort zu Mog gesagt«, platzte Belle heraus, weil sie Angst hatte, ihre Mutter könnte ihr Vorwürfe machen. »Mog hat es von selbst erraten.«

»Ganz recht. Sowie ich Belle sah, wusste ich Bescheid – sie kann nicht so überzeugend lügen wie du.«

»Pass auf, was du sagst«, warnte Annie sie.

»Was willst du denn machen? Mich rausschmeißen? Ich könnte zur Polizei gehen und erzählen, was ich weiß, und dann wärst du ganz schön in der Klemme. Sag mir bloß, warum du diesen Mann schützt. Ich nehme an, es ist der, den die Mädchen ›den Schläger‹ nennen?«

»Ich will nicht vor Belle darüber sprechen«, zischte Annie.

»Sie hat auf die denkbar schlimmste Art und Weise erfahren, was in diesem Haus vorgeht«, sagte Mog aufgebracht und drohte Annie mit der Faust. »Ich habe dich gebeten, sie in ein Internat zu geben, dir immer wieder gesagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie dahinterkommt. Aber du wusstest es ja besser! Du dachtest, wenn du sie hier unten hältst, kriegt sie es nie mit. Es ist mir weiß Gott nie in den Sinn gekommen, dass sie es auf so grauenhafte Weise erfahren würde, aber selbst ein Schwachkopf hätte sich denken können, dass ein intelligentes Mädchen wie Belle sich eines Tages einen Reim auf alles machen kann.«

»Du nimmst dir einiges heraus, Mog«, erwiderte Annie drohend, aber die übliche Härte in ihrer Stimme fehlte.

»Das tue ich, weil ich dich und Belle lieb habe.« Mog erhob ihre Stimme. »Falls du es vergessen haben solltest, ich war es, die die Gräfin überredet hat, dich nicht rauszuwerfen, als feststand, dass bei dir etwas Kleines unterwegs war. Ich habe Belle auf diese Welt geholfen, habe sie gewaschen und gefüttert und sie geliebt, als wäre sie mein eigenes Kind, um dir Gelegenheit zu geben, die Gräfin einzuwickeln. Ich habe euch beide bei jedem Schritt auf eurem Weg begleitet, habe für dich gearbeitet und gelogen und geweint und dich unterstützt, wenn es zappenduster aussah. Du magst hier die Hausherrin sein, Annie Cooper, aber ich bin der Leim, der dein Leben zusammenhält.«

Belle hatte noch nie erlebt, dass sich die ruhige, freundliche Mog derartig behauptete. Auf einmal fühlte sie sich selbst auch viel tapferer. Sie stand auf und trat zu ihrer Mutter. »Nenne mir einen guten Grund, warum ich der Polizei nicht sagen soll, was ich gesehen habe und wie der Mann wirklich aussieht«, sagte sie und sah ihrer Mutter in die Augen.

Annie senkte als Erste den Blick. »Weil er ein sehr gefährlicher Mann mit sehr guten Beziehungen ist. Selbst wenn die Polizei ihn noch heute Abend fasst und einsperrt, wird er einen Weg finden, uns zu schaden. Dieses Risiko kann ich nicht eingehen.«

Belle lief es eiskalt über den Rücken. Das hatte sie nicht erwartet.

»Warum hast du ihm nicht verboten, ins Haus zu kommen, nachdem er zum ersten Mal mit einem der Mädchen grob umgesprungen ist?«, fragte Mog, aber ihre Stimme hatte an Schärfe verloren, als würde sie sich bereits geschlagen geben.

»Ich habe es versucht, aber er hat mir gedroht«, antwortete Annie. Ihre Augen waren immer noch niedergeschlagen, und sie verschlang die Hände auf ihrem Schoß. »Er hatte etwas über mich herausgefunden. Als er immer wieder nach Millie fragte und seine Grobheit ihr nichts auszumachen schien, dachte ich, er würde sie irgendwann überhaben und in ein anderes Haus gehen.«

»Ich glaube, er hat sie geliebt«, verkündete Belle. »Er hat gesagt, dass sie mitkommen und bei ihm leben soll.«

»Männer wie er lieben niemanden«, stieß Annie verächtlich hervor. »Einen hübschen Dummkopf wie Millie hätte er benutzt und irgendwann, wenn er ihrer müde geworden wäre, fallen lassen. Besser, sie ist tot, als einem Mann wie ihm ausgeliefert.«

Belle wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Mutter aus eigener Erfahrung sprach.

»Wie heißt er?«, wollte Mog wissen.

»Er nannte sich Mr. Kent, aber ich weiß zufällig, dass er in anderen Kreisen als ›der Falke‹ bekannt ist. Aber genug davon. Die Mädchen waren den ganzen Tag in ihre Zimmer eingepfercht und hatten noch nichts zu essen. Zeit, dass sie zum Abendessen herunterkommen. Kein Wort von alldem zu ihnen, das gilt für euch beide! Ich spreche morgen mit dem Sergeant und frage ihn, ob bekannt ist, woher Millie stammt. Wenn nicht, werde ich die Beerdigung ausrichten. Das ist das Einzige, was ich noch für sie tun kann.«

KAPITEL 4

Vier Tage nach dem Mord an Millie hatte Belle zum ersten Mal Gelegenheit, aus dem Haus zu gehen. Die Polizeibeamten tauchten zu allen möglichen Tageszeiten auf, um noch mehr Fragen zu stellen, und Annie war mit den Nerven am Ende. Nicht nur die Polizei machte ihr Sorgen, sondern auch das Gerücht, dass ein Zeitungsreporter in Seven Dials herumschnüffelte und die Leute ausfragte. Weil sie befürchtete, er könnte sich als vermeintlicher Kunde in ihr Haus einschleichen und später einen reißerischen Artikel über den Mord schreiben, hatte sie noch nicht wieder geöffnet.

Rose und May hatten zwei Tage nach Millies Ermordung Annies Etablissement verlassen. Sie sagten, sie hätten Angst und wollten zurück nach Hause zu ihren Müttern, aber Mog war überzeugt, dass sie einfach in ein anderes Bordell gewechselt hatten. Die übrigen Mädchen, die nichts zu tun hatten, behaupteten mal, dass sie sich fürchteten, mit einem Mann allein zu sein, mal beschwerten sie sich, dass sie kein Geld verdienten. Praktisch jede Stunde gab es hitzige Auseinandersetzungen oder Streitereien, die Mog schlichten musste. Sie war der Meinung, dass sich die Mädchen sehr kindisch benahmen.

Belle fand, dass sie selbst sich in der Zeit, die direkt auf den Mord folgte, recht gut gehalten hatte. Weder war sie hysterisch geworden, noch hatte sie etwas ausgeplaudert, was sie für sich behalten sollte. Sie hatte nicht einmal Angst gehabt, obwohl alle anderen im Haus zu glauben schienen, dass sie in Lebensgefahr schwebten. Aber anscheinend setzte der Schock mit Verspätung ein, denn am dritten Tag schrak sie in aller Frühe aus einem Albtraum über Millies Tod aus dem Schlaf. Alles war wie in Zeitlupe abgelaufen, jedes noch so kleine Detail verstärkt und in die Länge gezogen worden, was das Ganze noch tausendmal beängstigender machte. Es ließ sie den ganzen Tag nicht mehr los, nicht nur der Mord, sondern auch die besondere Natur des Hauses, in dem sie lebte.

Immer wieder spukte ihr das Wort »ficken« durch den Kopf, ein grobes Wort, das sie seit frühester Kindheit täglich gehört hatte, aber jetzt, da sie wusste, dass die Männer nur dafür in Annies Haus kamen, hatte es einen unheilvollen Beiklang. Einige der Mädchen waren nur ein paar Jahre älter als sie, und Belle fragte sich unwillkürlich, ob ihre Mutter auch aus ihr eine Hure machen wollte.

Vor Millies Tod hatte sie sich kaum jemals Gedanken über das Gewerbe ihrer Mutter gemacht. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie damit aufgewachsen war, wie die Kinder eines Fleischers oder Gastwirts mit dem Gewerbe ihres Vaters aufwuchsen. Aber jetzt ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie ertappte sich dabei, die Mädchen mit anderen Augen zu sehen, und wünschte sich, sie könnte sie fragen, wie ihnen dabei zumute war und warum sie sich dazu entschlossen hatten.

Anscheinend war auch ihre Mutter früher eine Hure gewesen und ihr Vater vermutlich einer ihrer Kunden. Bei der Vorstellung wurde Belle elend. Aber vielleicht war das die Erklärung dafür, dass Annie ihr gegenüber immer so kühl war? So jung und unerfahren Belle auch war, sie konnte sich vorstellen, dass ein Baby das Letzte war, was sich eine Hure wünschte; es musste ihr Leben doppelt so schwer machen.

Vor all diesen Ereignissen hatte sich Belle sehr behütet und ihren Nachbarn sogar ein bisschen überlegen gefühlt. Ihr Zuhause war sauber und ordentlich, sie konnte gut lesen und schreiben, sie war nett gekleidet und gesund, und alle machten ihr Komplimente, wie hübsch sie war. Ihr Traum, einen kleinen Hutsalon zu eröffnen, war ihr nie unerreichbar erschienen, und sie hatte schon einen ganzen Skizzenblock voller Hutmodelle entworfen. Sie hatte geplant, irgendwann eine Modistin in der Strand zu bitten, sie als Lehrling aufzunehmen, damit sie lernen konnte, wie man Hüte anfertigte.

Aber jetzt war es um ihre Zuversicht geschehen. Sie fühlte sich genauso erbärmlich und wertlos wie eines der obdachlosen Straßenkinder, die in der Villiers Street unter den Eisenbahnbrücken oder in den leeren Kartons rund um den Covent Garden Markt schliefen.

Als ob eine Modistin die Tochter einer Bordellbesitzerin in die Lehre nehmen würde!

Außerdem wurde Belle bewusst, dass viele der Geschäftsleute in Seven Dials es zum Brüllen gefunden haben mussten, dass ausgerechnet die Tochter der Bordellbesitzerin die Unverfrorenheit besaß, die Nase so hoch zu tragen. Sie wurde rot, wenn sie daran dachte, was wohl über sie geredet wurde; vielleicht wurden sogar Wetten darauf abgeschlossen, wie lange es dauern würde, bis auch sie sich verkaufte.

Sie versuchte, mit Mog über all diese Dinge zu sprechen, aber Mog reagierte ziemlich schroff. »Fang ja nicht an, deine Mutter zu verurteilen, Belle! Du hast keine Ahnung, wie schwer es für eine Frau ist, sich allein durchs Leben zu schlagen«, sagte sie scharf. »Putzen, nähen, in einem Laden verkaufen, das alles wird sehr schlecht bezahlt, und der Arbeitstag ist lang. Ich bin nicht immer einverstanden mit dem, was deine Mutter macht, aber ich will nicht, dass du die Nase über sie rümpfst, weil sie dieses Haus führt. Sie hat getan, was sie tun musste, um durchzukommen. Ich hoffe, du findest dich nie selbst in so einer Lage wieder.«

Die Wände des Hauses schienen Belle immer näher zu rücken, und das Bild von Millies Augen, die fast aus ihren Höhlen traten, und diesem furchtbaren Mann, der seinen Schwanz an ihre Wange drückte, quälte sie unablässig, so sehr sie sich auch bemühte, es zu vertreiben. Sie sehnte sich verzweifelt danach, frische Luft zu schnappen, etwas anderes zu hören als das Gezänk der Mädchen und etwas anderes zu sehen als Annies verbissene Miene.

Vor allem aber wollte sie Jimmy sehen. Aus irgendeinem Grund, für den sie keine vernünftige Erklärung fand, hatte sie das Gefühl, dass er verstehen würde, was sie gerade durchmachte.

Sie zog ihren alten pelzgefütterten grauen Mantel und ihre robustesten Stiefel an und schlüpfte zur Hintertür hinaus. In den letzten drei Tagen hatte es nicht mehr geschneit, aber es war immer noch so kalt, dass Schnee und Eis nicht schmolzen. Ein schöner Anblick war es nicht mehr, der Schnee auf den Straßen und Bürgersteigen war jetzt schwarz von Ruß und Dreck, mit Pferdeäpfeln übersät und von Karren- und Wagenrädern durchpflügt. Etliche Geschäftsleute hatten wegen der Glätte vor ihren Läden Sand und Salz gestreut, und das verschlimmerte den trostlosen Anblick noch.

Belle hob leicht ihre Röcke, um nicht mit dem Schmutz in Berührung zu kommen, und ging vorsichtig die Monmouth Street hinunter. Es war erst neun Uhr morgens an diesem kalten grauen Tag, und ihr kam es vor, als hätte seit Wochen die Sonne nicht mehr geschienen.

»Belle, warte!«

Als sie Jimmys Stimme hinter sich hörte, schlug ihr Herz schneller. Rasch drehte sie sich um und sah, wie er auf der Straße auf sie zurannte und auf einer eisigen Stelle von gefrorenem Schnee ins Schlittern kam.

Jimmys schäbiger blauer Pullover schien ihm mehrere Nummern zu klein sein, und seine grauen Hosen waren ein bisschen zu kurz. Er trug einen karierten Schal um den Hals, aber keinen Mantel. Belle hatte den Verdacht, dass er gar keinen besaß.

»Wie geht’s dir?«, keuchte er, als er bei ihr war. »Furchtbare Sache mit dem Mädchen, das ermordet worden ist, alle reden über nichts anderes. Aber irgendjemand hat behauptet, du wärst weggeschickt worden. Ich wäre froh gewesen, wenn es dir irgendwie geholfen hätte, aber es hat mir gar nicht gefallen, dass ich dich vielleicht nie wiedersehen würde.«

Belles Augen füllten sich unwillkürlich mit Tränen, weil Jimmy der Erste zu sein schien, der sich Sorgen um sie machte. Selbst Mog hatte jede Erwähnung des Vorfalls tunlichst vermieden, und sie wusste genau, was Belle alles mit angesehen hatte.

»Ja, es war furchtbar«, gestand sie. »Ich hatte Millie gern, und das Ganze war ein schlimmer Schock.«

»Nicht weinen«, sagte er, trat näher und nahm ihre Hand in seine. »Willst du darüber reden? Oder soll ich dich lieber auf andere Gedanken bringen?«

Obwohl seine goldbraunen Augen sorgenvoll blickten, setzte er ein verschmitztes Grinsen auf, das ein Grübchen in seinem Kinn auftauchen ließ.

»Bring mich auf andere Gedanken«, sagte sie.

»Dann lass uns zum Embankment gehen«, schlug er vor. »In den Parks ist der Schnee immer noch ganz schön.«

Er hielt sie fest an der Hand und lotste sie geschickt durch Covent Garden, vorbei an Lastenträgern, die Kisten mit Obst auf ihren Köpfen balancierten, und anderen, die Handkarren mit Säcken voller Gemüse zogen. Als sie zum Blumenmarkt kamen, erwachten angesichts der leuchtenden Farben und des Dufts sofort Belles Lebensgeister.

»Wo kriegen die mitten im Winter Blumen her?«, fragte sie. Jimmy hatte eine rosafarbene Rosenknospe vom Boden aufgehoben und schnupperte an ihr.

»Aus warmen Ländern vielleicht«, erwiderte er und steckte ihr die Blume an den Mantelkragen. »Oder vielleicht werden sie in Treibhäusern gezogen. Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich komme gern her, um sie anzuschauen und an ihnen zu riechen. Das hilft mir, das ganze Elend um mich herum zu vergessen.«

»Im Pub deines Onkels?«

Er nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ja. Die Männer, die das Geld versaufen, das sie nach Hause zu ihren Frauen und Kindern bringen sollten. Die, die damit angeben, wie sie ihre Frauen verprügeln, um sie an der Kandare zu halten. Die Diebe, Zuhälter, Betrüger und Schläger. Allmählich habe ich den Eindruck, dass es in ganz Seven Dials nicht einen einzigen ehrlichen, anständigen Mann gibt. Ich glaube nicht mal, dass Onkel Garth einer ist.«

»Ganz so schlimm kann er nicht sein. Er hat dich bei sich aufgenommen und das Begräbnis deiner Mutter bezahlt«, erinnerte Belle ihn. »Meine Mutter ist auch nicht unbedingt das, was man eine anständige Frau nennt, aber vielleicht hatte keiner von ihnen eine andere Wahl.«

»Vielleicht hast du recht. Ich schätze, es ist ganz schön schwer, sich durchzubeißen und sein eigenes Geschäft aufzubauen. Wahrscheinlich schaffen es nicht viele Leute, dabei eine weiße Weste zu behalten«, meinte Jimmy resigniert.

Während sie die Strand hinunter und dann zum Themse Embankment schlenderten, erzählte Jimmy ihr, wie sie im Ram’s Head noch in der Nacht, als der Mord geschehen war, davon erfahren hatten. »Da wussten wir noch nicht, welches Mädchen es war, aber jemand sagte, hoffentlich nicht Millie, weil sie sehr nett ist, ein gutes Mädchen. Wenn ich dich nicht gekannt hätte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass jemand aus einem Bordell ein guter Mensch sein könnte. Ich habe die ganze Nacht an dich gedacht und mir Sorgen gemacht, ob du auch in Sicherheit bist und wie es dir und deiner Mutter geht.«

Der kleine Park am Embankment sah sehr hübsch aus. Der Schnee auf den Wegen war zertrampelt, aber er lag dicht und frisch und weiß auf Bäumen, Sträuchern, Gras und Geländern. Der Anblick erinnerte Belle daran, dass sie selbst noch vor wenigen Tagen so unschuldig wie frisch gefallener Schnee gewesen war, aber Millies Mörder hatte die Reinheit ihres Denkens zerstört und ihr die raue Wirklichkeit gezeigt.

»Ich habe wirklich nicht gewusst, was bei uns im Haus vorging«, sagte sie zögernd und errötete über und über. »Bis zu dieser Nacht, meine ich. Ich dachte, bei uns finden Privatgesellschaften statt und Männer bezahlen dafür, daran teilzunehmen.«

Jimmy nickte verständnisvoll. »Ich habe meinem Onkel erzählt, dass ich dich kennengelernt habe, und er hat gesagt, dass du aus dem Ganzen absolut rausgehalten worden bist. Er meinte, man muss es deiner Ma hoch anrechnen, dass sie dich so gut erzogen hat. Aber vielleicht hätte sie dir ein bisschen mehr darüber erzählen sollen. Es war wohl ein ganz schöner Schock, die Wahrheit zu entdecken, was?«

»Und ob, und es war noch schlimmer, weil es Millie war. Sie war das einzige der Mädchen, bei dem ich das Gefühl hatte, es richtig zu kennen«, sagte Belle mit gepresster Stimme.

Jimmy kehrte den Schnee von einer Bank und schlug vor, sich zu setzen, während Belle berichtete, was sie auf Anweisung ihrer Mutter allen erzählen sollte. Jimmy war sehr fürsorglich, und es tat gut, draußen an der frischen Luft zu sein, aber die Schönheit des Parks und selbst der kleine Zaunkönig, der vor ihnen hin und her hüpfte, gaben ihr das Gefühl, an ihren Lügen zu ersticken. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie brach mitten im Satz ab.

»Weine nicht«, sagte Jimmy und legte ihr tröstend einen Arm um die Schultern. »Es muss wirklich schlimm für dich gewesen sein, dass so was direkt über deinem Kopf passiert ist. Aber sprich lieber nicht mehr darüber, wenn es dich so traurig macht.«

Sie legte ihr Gesicht an seine Brust. »Ständig Lügen zu erzählen, das macht mich traurig«, flüsterte sie. »Wenn ich dir die Wahrheit sage, versprichst du mir dann, dass du es nie einer Menschenseele weitersagst?«

Er legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es leicht an, so dass er ihr ins Gesicht sehen konnte. »Ich würde nie etwas weitererzählen, was du mir anvertraust«, sagte er. »Meine Ma war echt streng, wenn es darum ging, Versprechen zu halten und die Wahrheit zu sagen. Komm, schieß los! Vielleicht geht es dir dann besser.«

Jetzt sprudelte alles aus Belle heraus. Gelegentlich war ihr Bericht unzusammenhängend; sie fand nicht die richtigen Worte und genierte sich für das, was der Mann mit Millie gemacht hatte, bevor er sie umbrachte. Schließlich erklärte sie, dass ihre Mutter darauf bestanden hatte, dass Belle aussagen sollte, sie hätte zum Zeitpunkt des Mordes im Bett gelegen und geschlafen.

Jimmy sah schockiert und bestürzt zugleich aus.

»Bis zu dieser Nacht hatte ich keine Ahnung, was die Mädchen mit den Männern machen«, flüsterte sie und vergrub ihr Gesicht in den Händen, so sehr schämte sie sich.

Sie fing an zu schluchzen, vergoss die bitteren Tränen, die sie direkt nach dem Vorfall hätte vergießen sollen. Jimmy schien das zu spüren, denn er legte seine Arme um sie, drückte sie fest an seine Schulter und ließ sie weinen.

Irgendwann versiegte ihr Tränenfluss, und sie wand sich aus seinen Armen und suchte nach ihrem Taschentuch, um sich die Nase zu putzen. »Was musst du bloß von mir denken?«, rief sie und errötete erneut vor Verlegenheit.

»Ich denke, dass du sehr lieb und wunderschön bist«, sagte er und nahm ihr das Taschentuch weg, um ihre Augen behutsam trocken zu tupfen. »Seit wir uns begegnet sind, habe ich nur noch an dich gedacht. Ich wünschte bloß, ich könnte irgendetwas sagen oder tun, damit es dir besser geht.«

Belle lugte unter gesenkten Lidern hervor und sah die Aufrichtigkeit in seinen Augen. »Ich habe mich so danach gesehnt, dich zu sehen, seit das passiert ist«, sagte sie leise. »Es war einfach grauenhaft, und zu Hause will niemand mit mir darüber sprechen. Ich hatte das Gefühl, du würdest mich verstehen, aber irgendwie kam es mir auch albern vor. Ich kenne dich doch kaum.«

»Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, wie lange man jemanden kennt. Meinen Onkel kenne ich mein Leben lang, aber ihm könnte ich mich nie anvertrauen. Aber mit dir habe ich nur ein paar Minuten geredet und dir schon alles Mögliche über meine Mutter erzählt«, erwiderte er.

Er legte seinen eiskalten Finger unter ihr Kinn und hob ihr Gesicht, damit sie ihn anschaute. »Meiner Meinung nach ist es falsch von deiner Mutter, der Polizei nicht zu sagen, wer es war und dass du es gesehen hast. Trotzdem verstehe ich, warum sie es nicht tut. Sie hat Angst, dass dir etwas zustoßen könnte. Und das beweist, dass ihr doch etwas an dir liegt.«

»Was bringt dich auf die Idee, es könnte nicht so sein?«, fragte Belle.

Jimmy zuckte die Achseln. »Einfach die Art, wie du über sie sprichst«, meinte er. »Als hättest du Angst vor ihr.«

»Jeder hat ein bisschen Angst vor ihr.« Belle brachte ein schwaches Lächeln zustande. »Es ist nicht leicht, mit ihr auszukommen. Mog ist da ganz anders. Ich habe mir oft gewünscht, sie wäre meine Mutter.« Belle sprach ganz allgemein darüber, wie es war, in einem Haus voller Frauen aufzuwachsen. »Wenn ich nicht Bücher und Zeitungen lesen würde, wüsste ich wahrscheinlich überhaupt nicht, wie es ist, einen Vater zu haben«, schloss sie.

»Bei mir war es so ähnlich«, sagte Jimmy nachdenklich und legte wieder seinen Arm um sie. »Es gab immer nur Ma und mich und Besuche von den Damen, für die sie genäht hat. Alle paar Monate kam Onkel Garth vorbei, und er hat immer gesagt, dass sie einen Weichling aus mir macht. Damals wusste ich nicht, wie Männer seiner Meinung nach sein sollen, und jetzt, wo ich sie in seiner Schänke sehe, will ich nicht so sein wie sie. Du hättest doch auch nicht gern einen Vater, der wie die Männer ist, die zu deiner Mutter ins Haus kommen, oder?«

Belle lächelte schief. »Ich nehme an, er war einer von ihnen. Aber abgesehen von dem Mörder habe ich nie einen der Männer gesehen, und sie können nicht alle so wie er sein.«

»Kennst du den Namen des Mannes?«

»Er nannte sich Mr. Kent, aber Ma hat gesagt, dass er als ›der Falke‹ bekannt ist. So einen Namen bekommt man nur, wenn man sehr gefährlich ist.«

Sie gingen weiter, damit ihnen nicht zu kalt wurde, und spazierten direkt am Embankment entlang bis zur Westminster Bridge. Als Belle ungefähr neun war, hatte Mog mit ihr einmal einen Ausflug gemacht, um ihr den Trafalgar Square, die Horse Guards, Westminster Cathedral und die Houses of Parliament zu zeigen. Damals hatte Belle das Gefühl gehabt, meilenweit gegangen zu sein – erst als Jimmy sie zum St. James’s Park mitnahm, war ihr bewusst geworden, dass all diese prachtvollen historischen Orte ganz nahe bei ihrem Zuhause waren.

Jimmy wusste mehr über London als sie. Er erklärte ihr die Zeremonie der Wachablöse der Horse Guards und was im Parlament vor sich ging.

»Wenn der Frühling kommt, führe ich dich in ganz London herum«, sagte er. »Wir gehen nach Greenwich, in den Hyde Park, zur St. Paul’s Cathedral und zum Tower. Das heißt, natürlich nur, wenn du dann noch meine Freundin bist.«

Belle kicherte. »Ganz bestimmt«, sagte sie. Plötzlich merkte sie, dass er ihr Hoffnung und Zuversicht gegeben hatte. »Ich bin wirklich gern mit dir zusammen.«

Er blieb abrupt stehen und schenkte ihr ein Lächeln purer Freude.

»Ich finde dich süß«, sagte er, und leise Röte stahl sich in sein kaltes, blasses Gesicht. »Aber jetzt gehen wir lieber zurück, sonst bekommen wir beide Ärger.«

Als sie nach Seven Dials zurückgingen, erzählte er ihr, dass seine Hauptaufgabe darin bestand, die Tische abzuräumen und Gläser zu spülen, den Bierkeller sauber zu halten und sämtliche Lieferungen zu kontrollieren, sein Onkel ihm aber noch etliche andere Aufgaben übertrug, vom Waschen ihrer Kleidung und Schrubben der Böden bis zum Kochen der Mahlzeiten. Belle gewann den Eindruck, dass er von elf Uhr morgens bis Mitternacht arbeitete, ohne je ein freundliches Wort zu hören.

»Ein aufgeweckter Junge wie du könnte eine bessere Arbeit finden«, sagte sie mitfühlend.

»Ja, könnte ich«, stimmte er zu. »Aber so barsch Onkel Garth meistens auch ist, er hat nicht gezögert, mich bei sich aufzunehmen, als meine Mutter starb, und sie hat viel von ihm gehalten. Außerdem lerne ich einiges von ihm. Er ist hart und gerissen, und ihm macht so leicht keiner was vor. Ich werde versuchen, Geduld zu haben, alles, was ich kann, von ihm zu lernen, mich unentbehrlich zu machen und dann eine bessere Arbeit zu suchen.«

»Vielleicht sollte ich das bei mir zu Hause auch so machen«, sagte Belle.

Jimmy blieb stehen, drehte sich zu ihr um und nahm ihre Hände in seine. »Ich glaube, je weniger du über Annies Gewerbe lernst, desto besser«, sagte er. »Lies Bücher, Belle, auch solche über Geografie und Geschichte. Übe Schreiben und träum weiter von deinem kleinen Hutladen. Du musst keine Hure werden, genau wie ich kein Wirt werden muss, der Diebe und Zuhälter und Männer, die ihre Frauen verprügeln, bedient. Lass uns richtig gute Freunde sein und einander beistehen. Wenn wir das tun, kommen wir vielleicht aus Seven Dials heraus.«

Belle war zutiefst gerührt. Sie sah in seine goldbraunen Augen und wünschte sich, die richtigen Worte zu finden, um ihm zu sagen, wie sehr er ihr geholfen hatte. Er hatte Hoffnung in ihr geweckt, das Gefühl, dass sie irgendwann weit weg von Seven Dials ein gutes Leben führen könnte. Vielleicht hatte er sogar die Macht, die Erinnerung an die bedrohliche Seite von Männern auszulöschen, die sie in Millies Zimmer kennengelernt hatte. Jimmy empfand sie nicht als bedrohlich, im Gegenteil, sie wünschte sich, er würde sie in die Arme nehmen und sie vielleicht sogar küssen.

»Das ist ein sehr schöner Gedanke«, sagte sie und beugte sich vor, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. »Danke, dass du mich aufgeheitert hast, Jimmy. Ich werde tun, was du gesagt hast.«

Dann liefen sie weiter, beide in dem Bewusstsein, dass sie Ärger bekommen würden, weil sie so lange weg gewesen waren, aber als sie sich vor dem Eingang zu Jake’s Court trennten, winkte Belle, und Jimmy warf ihr eine Kusshand zu.

KAPITEL 5

»Wo bist du gewesen?«, fragte Mog verärgert, als Belle in die Küche kam, nachdem sie sich von Jimmy verabschiedet hatte. »Du hättest fragen müssen, bevor du alleine rausgehst.«

»Tut mir leid«, sagte Belle. »Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen.«

»Dein Glück, dass deine Ma noch im Bett ist«, sagte Mog. »Ich muss gleich weg, um mich um Millies Beerdigung zu kümmern. Die Polizei sagt, dass sie bis jetzt noch kein Glück damit hatten, ihre Familie zu finden, aber ich glaube, sie haben es nicht mal versucht.«

»Kann ich irgendwie helfen?«, fragte Belle. Es war nicht zu übersehen, dass Mog ziemlich überarbeitet war.

»Eigentlich nicht, Häschen. Nur Annie und ich gehen hin. Wir wollen nicht, dass noch jemand mitmarschiert.«

»Ob ihre Familie wohl je erfährt, was aus ihr geworden ist?«, fragte Belle, die es sehr traurig fand, dass ein so lebhaftes, sonniges Wesen beinahe heimlich bestattet wurde.

»Na ja, ihre Verwandten wussten, wo sie war, als sie hier bei uns anfing.« Mog schnaubte missbilligend. »Aber sie haben nie geschrieben. Ich würde sagen, das heißt, dass Millie ihnen egal war.«

Belle musste zugeben, dass es ganz danach aussah. »Wann findet die Beerdigung statt?«, fragte sie.

»Freitagnachmittag um vier«, sagte Mog. »Auf dem Friedhof von Holy Trinity. Danach gibt es hier bei uns Tee für uns und die Mädchen. Nur eine kleine Gedenkfeier, nichts Aufwendiges. Ich mache ein paar Kuchen und belegte Brote. Mehr können wir für sie nicht tun.«

Anscheinend bin ich über Nacht erwachsen geworden, als ich Zeugin des Mordes wurde, dachte Belle, denn sie spürte instinktiv, dass Mog sich ihre Trauer um Millie nicht anmerken ließ, weil jeder von ihr erwartete, dass sie mit allem fertig wurde, was ihr im Leben widerfuhr. In Belles Augen war Mog immer alt gewesen, aber in Wirklichkeit war sie nur zehn Jahre älter als das tote Mädchen, und sie hatte mehr als die Hälfte ihres Lebens in diesem Haus verbracht, ging kaum jemals aus und war stets für alle da, ohne dafür viel Dank zu ernten.

Sie ging zu Mog, legte beide Arme um sie und drückte sie fest an sich.

»Wofür ist das denn?«, fragte Mog schroff.

»Dafür, dass du etwas ganz Besonderes bist«, sagte Belle.

»Ach, geh!«, gab Mog zurück, aber die spielerische Art, in der sie Belle wegschubste, und das Beben in ihrer Stimme verrieten, dass sie gerührt war.

Am Freitag verließen Mog und Annie in schwarzen Kleidern und mit Schleiern an ihren Hüten um halb vier das Haus, um zum Bestattungsunternehmen in der Endell Street zu gehen. Dorthin war Millies Leichnam nach der Untersuchung im Leichenschauhaus gebracht worden. Die beiden Frauen wollten dem von Pferden gezogenen Leichenwagen auf der kurzen Strecke zum Friedhof zu Fuß folgen. Am Vormittag waren vor der Tür in Jake’s Court zwei Kränze und ein paar Blumensträuße niedergelegt worden. Es waren keine Karten dabei, aber Mog vermutete, dass sie von Millies Bewunderern stammten. Annie hatte einen Kranz aus Immergrün und roten Wachsrosen gekauft, der, wie sie sagte, länger halten würde als einer mit frischen Blumen. Sie war den ganzen Vormittag über sehr gereizt gewesen, und Mog sagte, das wäre kein Wunder, weil sie sehr an Millie gehangen hätte. Belle dachte bei sich, dass Annie vermutlich eher befürchtete, die Beerdigung könnte noch mehr unerwünschte Aufmerksamkeit auf sie lenken.

Lily und Sally, die beiden ältesten der verbliebenen Mädchen, hatten die Aufsicht über das Haus bekommen. Mog wies sie an, um halb fünf den Kessel aufzusetzen und in der Küche den Tisch zu decken. Annie und sie würden wenig später wieder daheim sein.

Sowie Mog und Annie außer Sichtweite waren, zog Belle ihren Mantel an und ging zur Hintertür hinaus. Die Mädchen waren alle oben, sie konnte hören, wie sie einander anschrien. Dollys Halskette war verschwunden, und sie behauptete, eines der anderen Mädchen hätte sie gestohlen.

Seit Millies Tod zankten sie sich ständig. Weil sie sich langweilten, meinte Mog, aber was auch immer der Grund war, Belle konnte das ewige Gekeife nicht mehr ertragen. Sie wollte ausgehen und Jimmy suchen.

Weil sie sich nicht traute, in den Ram’s Head zu gehen, um nach ihm Ausschau zu halten, schlenderte sie langsam an der Schänke vorbei und hoffte, er würde sie zufällig sehen. Er hatte gesagt, dass er normalerweise gegen vier Uhr nachmittags herauskam, deshalb ging sie auf die andere Straßenseite und betrachtete die Auslage eines Ladens mit gebrauchter Kleidung, während sie darauf wartete, dass er auftauchte.

Die Temperatur war im Lauf des Tages leicht gestiegen, und die Klumpen von schmutzigem Eis in den Straßenrinnen schmolzen rasch. Belle wartete mindestens eine Viertelstunde, bis es dunkel wurde, und ging dann, weil ihr wirklich kalt war, in Richtung Covent Garden Markt, um sich dort nach Jimmy umzuschauen.

Wie üblich wogten Menschenmassen durch die engen Gassen, und Belle hörte die Schreie der Straßenverkäufer, die Musikanten, die Akkordeon oder Geige spielten oder einfach nur Löffel rhythmisch aneinander schlugen, das Rumpeln der Karren auf den Pflastersteinen, und Leute, die einander etwas über das Getöse hinweg zuriefen. Nicht nur ihre Ohren litten, sondern auch ihre Nase. Pferdemist, kandierte Äpfel, Fisch, verfaulendes Gemüse, warme Brotlaibe und Kuchen – alle Gerüche vermischten sich miteinander und hingen wie ein stinkendes, dampfendes Netz in der kalten Luft. Betroffen registrierte sie die Häuser, die alle baufällig wirkten, die mit Abfall übersäte Straße, Männer und Frauen in unterschiedlichen Stadien der Trunkenheit und verdreckte Kinder, die überall umherwuselten und nicht mehr als ein paar Fetzen am Leib hatten. Die einzigen Gebäude, die einigermaßen gepflegt wirkten, waren die Schänken und Pfandleihen.

Es kam ihr seltsam vor, dass sie in diesem Viertel aufgewachsen war und trotzdem bisher nie bemerkt hatte, wie verkommen, deprimierend und armselig es war. Vielleicht war sie nicht ganz sie selbst, denn sie bekam Kopfschmerzen von dem Lärm, bei den Gerüchen drehte sich ihr der Magen um, und sie witterte in jeder Gasse und jedem Hinterhof Gefahr. Sie beschleunigte ihre Schritte, ängstlich darauf bedacht, bald wieder zu Hause und in Sicherheit zu sein.

Als sie sich Jake’s Court näherte, hörte Belle einen Wagen hinter sich, doch sie schenkte dem alltäglichen Geräusch keine Beachtung und wandte nicht einmal den Kopf. Da wurde sie plötzlich von jemandem, der sich von hinten an sie herangeschlichen hatte, abrupt hochgehoben. Ihre Arme wurden mit festem Griff gepackt und auf ihren Rücken gezogen, während sich gleichzeitig eine Hand auf ihren Mund presste, um sie am Schreien zu hindern. Sie wehrte sich und versuchte, mit den Füßen zu treten, aber ihr männlicher Angreifer war viel größer und stärker als sie, und sie wurde rasch in die schwarze Kutsche gestoßen, die jetzt neben ihr stand und die gesamte Breite der engen Gasse einnahm.

Da es draußen im matten Schein der Gaslaternen dunkel und im Inneren der Kutsche noch dunkler war, merkte Belle erst, dass sich noch ein Mann darinnen befand, als er sie an den Armen packte, während der andere hinter ihr in den Wagen sprang. Einer von ihnen klopfte an die Rückwand, um den Kutscher aufzufordern, dass er weiterfahren sollte.

Belle war außer sich vor Angst, aber sie kreischte trotzdem so laut sie konnte und versuchte verzweifelt, zur Tür zu gelangen und zu entkommen. Ein harter Schlag an ihre Schläfe beförderte sie auf den Sitz zurück.

»Ein Mucks von dir, und du bist tot«, sagte eine vertraute barsche Stimme.

Belle wusste sofort, dass es Millies Mörder war. Und sie zweifelte nicht daran, dass er seine Drohung wahr machen würde, wenn sie seinen Befehl missachtete.

»Wo ist sie, Mog?«, fragte Annie gereizt. Sie waren seit einer Viertelstunde wieder zu Hause. Da die Mädchen schon in der Küche waren, als sie heimkamen, und lautstark verlangt hatten, etwas über die Beerdigung zu hören, hatte sie nicht sofort gemerkt, dass Belle fehlte. Erst als sie für jede ein Glas Dessertwein einschenkte, fiel es ihr auf.

»Keine Ahnung. Ich nehme an, sie ist ein bisschen an die frische Luft gegangen. Du kennst sie ja«, antwortete Mog. »Hat sie einer von euch Bescheid gesagt?«, wandte sie sich an die Mädchen.

»Das letzte Mal, dass wir sie gesehen haben, war kurz bevor ihr gegangen seid«, erwiderte Lily. Lily und die vier anderen Mädchen hatten sich nicht einmal richtig angezogen, sie trugen schäbige Morgenmäntel über schmuddeliger Unterwäsche. Alle wirkten, als hätten sie seit Tagen keine Bürste mehr benutzt. Lilys Haar sah aus wie ein Vogelnest.

Das ungepflegte Äußere der Mädchen und ihre leeren Gesichter brachten Mog in Rage. »Ihr hättet euch ruhig die Mühe machen können, ein bisschen nett auszusehen, um etwas Respekt zu beweisen«, fuhr sie die Mädchen an.

»Aber wir haben heute Abend doch nicht geöffnet«, gab Lily frech zurück. »Wozu sollen wir uns zurechtmachen, wenn doch keiner kommt?«

»Ich hoffe, bei deinem Abgang zeigt irgendjemand etwas mehr Achtung«, zischte Mog sie an. »Und du könntest dir ruhig ein bisschen Sorgen um Belle machen.«

»Der geht’s bestimmt gut«, bemerkte Amy, die eine dünne, fettige Haarsträhne zwischen den Fingern hielt und darauf herumkaute. »Was kann ihr hier, wo jeder weiß, wer ihre Ma ist, schon passieren?«

Um acht Uhr am selben Abend war Annie auf dem Polizeirevier in der Bow Street und teilte dem Beamten mit, sie sei davon überzeugt, dass ihre Tochter entführt und vielleicht sogar umgebracht worden war. Sie und Mog hatten ganz Seven Dials abgesucht und jeden gefragt, ob er Belle gesehen habe. Aber zu ihrer Bestürzung hatte niemand sie an diesem Tag zu Gesicht bekommen.

Den diensthabenden Sergeant, ein großer Mann mit einem dichten Schnauzbart, schien Annies Ansinnen zu amüsieren. »Wohl kaum, Lady«, sagte er mit einem gönnerhaften Lächeln. »Mädchen in dem Alter ziehen gern ein bisschen um die Häuser. Womöglich gibt es da auch einen jungen Burschen, von dem Sie nichts wissen.«

»Sie würde nicht nach Einbruch der Dunkelheit herumspazieren, und Ihnen ist doch wohl bekannt, dass erst vor ein paar Tagen ein Mädchen in meinem Haus ermordet worden ist. Möglicherweise hat der Täter das Haus beobachtet und meine Belle entführt.«

»Warum sollte er? Sie ist doch keine Prostituierte«, sagte der Polizeibeamte. »Sie haben selbst ausgesagt, dass sie zum Zeitpunkt des Mords schon im Bett lag und dass Sie ihr nie erlaubt haben, abends nach oben zu gehen. Wahrscheinlich weiß der Mann nicht mal, dass Sie eine Tochter haben.«

»Er hat es getan, um mich zu warnen«, beharrte Annie. »Als wollte er mir zeigen, dass er tun kann, was er will – eins meiner Mädchen töten, meine Belle entführen. Was wird er als Nächstes machen?«

Der Sergeant stand hinter seinem Schreibtisch auf, streckte sich und gähnte. »Hören Sie, Lady, ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen, aber Sie können Ihr Leben drauf verwetten, dass sie losgezogen ist, um einen Freund zu treffen, und dabei die Zeit vergessen hat. Jetzt macht sie sich wahrscheinlich vor Angst in die Hosen und traut sich nicht heim. Aber wenn ihr kalt ist und sie Hunger bekommt, wird sie schon nach Hause kommen.«

»Leiten Sie bitte eine Suche nach ihr ein«, bat Annie. »Fragen Sie wenigstens herum, ob jemand sie heute Nachmittag gesehen hat.«

»Na schön, wenn sie heute Abend nicht nach Hause kommt, fangen wir morgen damit an«, stimmte er zu. »Aber sie kommt zurück, verlassen Sie sich drauf.«

Um elf Uhr an diesem Abend saßen Annie und Mog zusammen in der Küche, beide viel zu beunruhigt, um daran zu denken, zu Bett zu gehen. Die Zuversicht des Polizisten vermochten sie nicht zu teilen. Sie wussten beide, dass Belle die kleine Trauerfeier für Millie nie absichtlich versäumt hätte; in ihren Augen hätte das so ausgesehen, als hätte ihr nichts an dem toten Mädchen gelegen. Wenn ihr irgendetwas zugestoßen wäre, ein Unfall vielleicht oder Ähnliches, hätte sie dafür gesorgt, dass ihre Mutter verständigt worden wäre.

»Ich weiß mir keinen Rat«, gestand Annie. »Wenn ich der Polizei sage, dass ich den Mörder kenne und Belle Zeugin der Tat war, wird man glauben, ich hänge irgendwie mit drin und mich vielleicht wegen Behinderung polizeilicher Ermittlungen anklagen. Wenn ich es nicht sage, wird man mich nicht ernst genug nehmen, um nach Belle zu suchen. Aber das Schlimmste ist: Wenn ich aussage, dass es der Falke war, und er Wind davon bekommt, wird er erst Belle töten und dann mich zum Schweigen bringen.«

Mog wusste, dass Annie vermutlich recht hatte. Niemand sonst in Seven Dials würde Belle entführen. Annie war Teil der Gemeinde, und so fragwürdig einige ihrer Nachbarn auch sein mochten, keiner von ihnen würde eine aus den eigenen Reihen berauben oder verletzen.

Aber dieser Kent – oder der Falke – wusste, dass seine Freiheit davon abhing, dass Belle und ihre Mutter den Mund hielten. Vermutlich hatte er überall Verbindungen; tatsächlich würde Mog jede Wette eingehen, dass er bereits wusste, dass Annie heute Abend in der Bow Street gewesen war. Aber nach dem kaltblütigen Mord an Millie war sich Mog nur zu bewusst, dass er nicht einmal den Vorwand, dass ihm möglicherweise die Polizei auf die Pelle rückte, brauchte, um Belle zu töten.

»Ich denke, du solltest der Polizei die Wahrheit sagen«, erwiderte Mog, nachdem sie gründlich das Für und Wider abgewogen hatte. »Aber außerdem finde ich, du solltest ein paar Gefälligkeiten, die du bei anderen gut hast, einfordern und Hilfe in Anspruch nehmen, um herauszufinden, wo der gemeine Bastard sie hingebracht hat.«

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