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Distraction – Gefesselt

Zu diesem Buch

Die perfekte Ablenkung

Im reifen Alter von 28 hat Jamie Armstrong die Nase gestrichen voll von all den Typen, die beim ersten Date direkt nur das eine wollen. Jamie will etwas Ernstes … und besitzt darüber hinaus noch eine mentale Checkliste, die sie ziemlich gern abhaken würde. Ihre To-dos sind unter anderem: Liebe. Heirat. Babys (am besten Zwillinge, denn zu zweit ist es gleich schöner). Bis Jamie auf den Rechtsanwalt Mateo Bailon trifft. Mateo, der alles, aber nur keine Verpflichtungen will. Oder heiraten. Oder überhaupt … Ihm steht der Sinn einzig nach Ablenkung – nicht ahnend, wie sehr ihm dieser Zeitvertreib (aka Jamie) unter die Haut geht.

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1

Jamila (Jamie) Armstrong

»Warum kann Lucy ihre Probleme nicht selbst lösen? Ich brauche dich. Dringend«, beschwert sich meine Schwester, nachdem ich ihren Anruf aus Versehen angenommen habe. Ich trete auf die Bremse, um nicht auf das Auto vor mir aufzufahren. Glücklicherweise ist der Verkehr in Bostons Innenstadt um kurz vor zwei ziemlich entspannt. Die mittägliche Rushhour ist gerade vorbei, und der reguläre Arbeitstag endet erst in ein paar Stunden. Trotzdem ist das Vorletzte, was ich brauche, ein Autounfall.

Und das Letzte?

Mich um die Probleme meiner Zwillingsschwester zu kümmern.

Kurz bevor ich meine Wohnung verlassen hatte, war ich wegen Bellas Ich-habe-einen-Notfall-Nachricht wie angewurzelt stehen geblieben, aber nach kurzem Hin und Her stellte sich heraus, dass ihre Lage nicht annähernd so dringend war, wie sie behauptet hatte. »Jamie?«, quengelt Bella in einer Stimmlage, die mir schon so oft Kopfschmerzen bereitet hat. »Wie soll ich es denn behandeln?«

»Es ist ein Baby. Ein Mensch, weißt du?«, antworte ich ruhig und betätige den Blinker. Ich warte, bis die Ampel auf Grün springt und biege ins Parkhaus ein. Langsam fahre ich hoch bis zur dritten Etage und suche zwischen den Reihen der Autos nach Lucys Wagen. »Auf ein Kind aufzupassen ist gar nicht so schwierig.«

»Aber ich habe noch nie vorher babygesittet.«

»Und warum hast du dann eingewilligt?« Ich entdecke den Jeep meiner besten Freundin in dem Bereich, der für Mitarbeiter von Aldrich, Bailon und Gallagher LLP reserviert ist. Mit einem Stoßgebet, dass mein Civic nicht abgeschleppt wird, parke ich zwischen Lucys Auto und einem glänzend schwarzen BMW M4. »Entspann dich, Bella, er hat das Baby ja noch nicht einmal vorbeigebracht. Kauf noch schnell ein paar Kindersicherungen für deine Steckdosen. Versteck alle scharfen Gegenstände. Auf dem Weg zur Arbeit komme ich vorbei, versprochen.«

»Währenddessen gehst du mit Lucy zu einem Termin, weil sie ihre Probleme nicht selbst lösen kann. Toll, dass du so viel Zeit mit ihr verbringst und dann überhaupt keine Zeit mehr für mich hast. Wirklich klasse, Zwilling zwei.«

Ich bin kurz davor, sie daran zu erinnern, dass sie mich letzte Woche versetzt hat, weil sie mit einer Freundin ausgehen wollte, die sie jeden Tag sieht, aber ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Auch wenn du mich ständig daran erinnerst, dass du zwei Minuten älter bist als ich, werde ich nicht schneller bei dir sein. Diese Sache mit Lucy – das ist etwas völlig anderes.« Ich nicke Lucy im Wagen neben mir zu, und sie sieht mich mit ängstlich aufgerissenen braunen Augen an.

Schuld schnürt mir die Kehle zu.

Wenn ich nicht wäre, säße Lucy jetzt nicht in der Klemme. Vor ein paar Wochen habe ich sie um ein Foto gebeten und damit unabsichtlich FuckGate 2017 ausgelöst. Denn sie war bei einer Sexparty – mit ihrem Boss, dem Eigentümer eines Unternehmens, das sich auf Metall-Spielzeug spezialisiert hat. Die Art von Spielzeug, das in der Nacht brummt. Ich hatte meine Bitte nicht ganz ernst gemeint und hätte nie damit gerechnet, dass sie ihr nachkommen würde, aber dann tauchte dieses Foto auf. Bei mir und bei jeder anderen Person, die ihr auf Snapchat folgte. Weil der Gastgeber nicht nur im Mittelpunkt des Fotos stand, sondern noch dazu ein bekannter Anwalt ist, hat Lucy alles verloren. Ihren Job. Die noch frische Beziehung zu Jace. Wahrscheinlich sogar die Möglichkeit eines neuen Jobs. Einfach alles.

Wenn sie mich also für die Schadensbegrenzung braucht – um den Swingerkönig davon abzuhalten, ihren ehemaligen Boss in Grund und Boden zu verklagen – werde ich da sein.

Genauso wie ich für Bella und ihre widerwilligen Abenteuer in puncto Babysitten da sein werde … sobald ich hier fertig bin. Das sage ich meiner Schwester. Sie faucht, dass ich sie lieber nicht vergessen soll, und ich kann förmlich durchs Telefon hören, dass sie ihre braunen Augen theatralisch verdreht. Dann legt sie auf.

Denn so ist Bella. Eine echte Dramaqueen. Den ganzen Tag. Jeden Tag.

Lucy klopft leicht mit den Fingerknöcheln an mein Fenster. Ich schalte den Wagen ab, steige aus und stopfe mir Telefon und Schlüssel in die vordere Tasche meines Oberteils. Mit der eng anliegenden schwarzen Hose und dem tiefsitzenden schwarzen Pferdeschwanz, den sie mit rotem Lippenstift kombiniert hat, sieht sie sehr businessmäßig aus – bis sie von einem Fuß auf den anderen tritt und angespannt am Ärmel ihres taillierten schwarzen Blazers herumfummelt. Ich lege ihr die Hände auf die schmalen Schultern, damit sie nicht hyperventiliert.

»Alles wird gut.« Ein zittriger Seufzer kommt ihr über die Lippen, deshalb drücke ich ihre Schultern. »Ich verspreche dir, dass es gut gehen wird.«

»Du hast recht.« Sie atmet heftig aus und kämmt sich unruhig mit den Fingern durch den langen Pferdeschwanz. »Ich muss Bailon nur dazu bringen, mir zuzuhören. Das kriege ich hin.«

»Ja, das schaffst du.« Obwohl mir der Name Bailon ein Prickeln die Wirbelsäule hinunterjagt. Bevor Lucys Foto im Internet kursierte, kannten wir noch nicht einmal seinen vollen Namen, aber zu seinem exotisch guten Aussehen – olivfarbene Haut, kurz geschnittenes, rabenschwarzes Haar, Schlafzimmerblick und eine Augenfarbe zwischen Schokolade und Bernstein – passt der Name perfekt.

Mateo Bailon.

Selbst wenn sein nackter, gut geformter Oberkörper und die deutliche Wölbung in seiner Pyjamahose nicht überall zu sehen gewesen wären, hätte ich den Namen nicht so schnell vergessen.

Mateo-Swingersexgott-Bailon.

Ich verbanne das Bild aus meinem Kopf, auf dem er die Brust einer Frau streichelt, und beruhige stattdessen Lucy. Während der Fahrt im Aufzug lenke ich ihre Aufmerksamkeit auf meinen Hello-Kitty-Krankenhauskittel. Sie zieht mich damit auf, aber ich erinnere sie daran, dass ich direkt nach dem Termin zur Arbeit muss – nachdem ich kurz bei Bella vorbeigeschaut habe. Während wir ungeduldig darauf warten, dass die langbeinige Rothaarige uns mitteilt, dass Bailon mit uns sprechen wird, lenke ich Lucy weiter ab, indem ich ihr von meiner Schwester erzähle.

»Aber Bella hasst doch Babys.« Lucys rubinrote Lippen zucken, und ich weiß nicht, ob sie lachen oder weinen wird. »Hat der Typ ihr von seinem Kind erzählt, bevor sie etwas miteinander angefangen haben?«

»Wer weiß das schon.« Nach Bellas SOS-Nachricht hatte ich mich das ebenfalls gefragt. Es ist allgemein bekannt, dass ich der Armstrong-Zwilling mit dem Kinderwunsch bin. Wenn meine Schwester also mit einem Mann mit Kind ausgeht, kann das nur eines bedeuten: Sie ist verrückt nach ihm. »Ich versichere dir, wenn Bella vor mir ein Baby bekommt, lasse ich mein bisheriges Leben hinter mir und werde Einsiedlerin. Ich könnte damit umgehen, dass sie heiratet, aber ein Baby, Luce?«

Sie drückt mein Knie, und weil ihr die Finger zittern, lege ich meine Hand auf ihre. »Wenn du zur Einsiedlerin wirst, wer soll mich denn dann dazu zwingen, Tequila zu trinken?«

»Stimmt.« Ich lache angestrengt. »Stimmt vollkommen.« Ich beuge mich vor und greife nach einem der Magazine auf dem Tisch, aber als die Rezeptionistin um die Ecke kommt, halte ich inne. Groß und atemberaubend erinnert mich Sonora an jemanden, den ich in einer Agent-Provocateur-Werbung gesehen habe – nicht in einer Anwaltskanzlei –, aber ich nehme an, dass sie Bailons Typ ist. Lucy sagt, sie sei regelmäßig Gast auf Bailons unanständigen Partys. Aber während sie uns mitteilt, Bailon habe nun Zeit für uns, versuche ich, mir nicht vorzustellen, dass er Sonora wie die Frau auf dem Foto befummelt. Weil ihr mitfühlender Blick in unsere Richtung mir sagt, dass er meine beste Freundin fertigmachen wird.

Aber das werde ich nicht zulassen.

Bailons Büro ist so, wie ich es mir vorgestellt habe – Anwaltsregale säumen die Wände an zwei Seiten, und ein Chefschreibtisch befindet sich in der Mitte dieser Inszenierung – aber der Mann dahinter sieht überhaupt nicht aus wie die Anwälte, die ich bisher getroffen habe. Er betrachtet ein auf dem Schreibtisch liegendes Dokument, aber beim Klappern von Lucys Pumps spannen sich seine Schultermuskeln an, er sieht auf, und ein Grinsen umspielt seine vollen Lippen.

Sein dunkler Blick streift uns und bleibt kurz an Lucy hängen, bevor er zu mir zurückspringt. Seine Züge verraten Überraschung – leicht geöffnete Lippen und hochgezogene Augenbrauen –, aber dann entspannen sie sich wieder. Obwohl sich mein Magen zusammenzieht, schenke ich ihm ein unverbindliches, professionelles Lächeln.

Ich bin Lucys wegen hier, ermahne ich mich. Nicht, um mich von Mateo Bailon und der Wölbung, die durch das Internet geisterte, ablenken zu lassen.

Lucy zögert ein paar Schritte vor seinem Schreibtisch, aber ich nicke ihr aufmunternd zu. Sie streckt das Kinn vor, nickt und nähert sich ihm. Ich seufze erleichtert. Natürlich zerstört Bailon ihren Anflug von Selbstbewusstsein mit einem vernichtenden Blick und der barschen Aufforderung an uns beide, Platz zu nehmen.

Das ist der Beginn ihres Sprechdurchfalls. Als sie gerade die Ereignisse wiedergibt, die uns in sein Büro geführt haben, ändert sich sein Fokus. Kaum merklich rückt er sich die dünne rote Krawatte zurecht und senkt die Augenlider. Und als er sie wieder aufschlägt, gilt seine Aufmerksamkeit mir.

Mir bleibt beinahe das Herz stehen.

Obwohl Lucy nicht mitbekommt, dass er ihr nicht mehr zuhört – sie erklärt, warum ihr Exmann sich gerächt hat, indem er das Foto geteilt hat –, bin ich mir dessen völlig bewusst. Das ist kein flüchtiger Blick, wie der, den er mir bei unserer bisher einzigen Begegnung zugeworfen hat, sondern eine sorgfältige Prüfung. Eine, die das Selbstbewusstsein jeder Frau zerschmettern würde. Mateo Bailon kann einen Raum mit einem einzigen Blick einnehmen, und ausgerechnet heute, wo ich einen Krankenhauskittel und kein bisschen Make-up trage, ruht sein Blick auf mir.

Zögernd wende ich den Blick ab. Ich sehe meine Freundin an, weil er sie ansehen sollte, aber ich spüre seinen Blick weiterhin. Er ist durchdringend und brennt wie Feuer auf meiner Haut. Ich rutsche bis an die Stuhlkante vor, halte mich mit einer Hand an der Armlehne fest und lege die andere auf Lucys Hand, bis die Hitze schließlich – endlich – nachlässt.

Daraufhin kann ich mich eine Weile gelöst zurücklehnen und verfolge nur halb ihren angespannten Austausch, aber als das Wort Prozess über seine Lippen kommt, straffe ich den Rücken. Ich muss etwas sagen. Ich kann nicht nur die stumme, emotionale Unterstützung sein. Nicht, wenn er ihr so richtig Angst einjagt.

»Ich hatte sie darum gebeten, mir ein Foto zu schicken.« Bailon widmet mir wieder seine ungeteilte Aufmerksamkeit. »Ich bin übrigens Jamie. Jamie Armstrong.«

Er sagt tonlos meinen Namen und presst dann die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. Er beherrscht es perfekt – das Einschüchterungsspiel –, aber einige der Ärzte, mit denen ich zu tun hatte, waren genau von seinem Schlag. Ich kann es mit Bailon aufnehmen. Zumindest rede ich mir das ein.

»Ich wollte wissen, was auf Ihren Partys passiert«, sage ich mit leicht zitternder Stimme und beobachte, wie er zum zweiten Mal tonlos meinen Namen sagt. »Deshalb hatte ich sie darum gebeten, mir ein Foto zu schicken. Sie dachte, sie hätte es privat geschickt – und was dann passiert ist, haben Sie ja bereits gehört. Lucy hat einen Fehler gemacht, aber der eigentlich Schuldige ist ihr Exmann.«

»Wenn Sie wissen wollten, was auf meinen Partys passiert, hätten Sie selbst teilnehmen können.« Er reibt sich mit seinen geraden weißen Zähnen über seine Unterlippe. Ich bekomme einen trockenen Mund, als hätte ich seit Wochen, Monaten, Jahren nichts mehr getrunken. Ich schlucke schwer und räuspere mich, um wenigstens ein bisschen Selbstbewusstsein zurückzubekommen.

»Ich war nicht eingeladen, Mr Bailon.« Meiner Stimme ist nichts anzumerken, aber meine Hände flattern wie Blätter im Wind, und mein Herz ist genauso unruhig. Es hämmert einen wütenden Rhythmus gegen meinen Brustkorb, und ich bin froh, dass er nichts davon mitbekommt. Männer wie Mateo Bailon genießen es, andere zu verunsichern. Warum sonst ist er wohl Anwalt. Ich verschränke die Finger im Schoß und schenke ihm das gleiche Lächeln wie den liebesbedürftigen Patienten in der Zeit, als ich noch als OP-Schwester gearbeitet habe.

»Ich bin mir außerdem nicht sicher, ob das meine Szene wäre«, füge ich hinzu.

»Mírate.« Er rutscht in seinem Ledersessel zurück und schenkt mir einen durchdringenden Blick, der mich innerlich verbrennt. »Estás asustada de que te pueda gustar.«

Das ist eine weitere Einladung. Diesmal allerdings neckt er mich. Er will, dass ich aufgebe und ihn frage, was er gerade gesagt hat. Allerdings habe ich ihn verstanden, und seine Worte bringen mich nur noch mehr aus dem Gleichgewicht.

Schau an, Sie befürchten, es könnte Ihnen gefallen.

»Para nada.« Sein Kiefer klappt herunter. Ihm zu antworten – und etwas von mir selbst preiszugeben – ist ein Fehler, aber der Schaden ist bereits angerichtet. Ich ziehe am Kragen meines Kittels herum und zucke mit den Schultern. »Lourdes, meine Nachbarin aus Kindertagen, kam aus Puerto Rico. Ich habe ein paar Worte von ihr gelernt.«

»Das habe ich gemerkt.« Er betrachtet mich noch einen Augenblick länger, fordert mich geradezu heraus. Als ich weder etwas sage noch den Blick abwende, formen sich seine schönen Lippen zu einem Lächeln. »Wie Sie wollen«, sagt er.

Er reißt den Blick von mir los und verspricht Lucy, dass er berücksichtigen wird, was sie gesagt hat. Dann gibt er uns seine Visitenkarte und bedeutet uns abrupt zu gehen. Verdammt, daraus soll man schlau werden.

Wir haben sein Büro schon fast verlassen, als er noch etwas sagt. Und wieder sagt er es auf Spanisch. »Una noche. Una noche y te guarantizo que te puedo enseñar una o quizás dos cosas.«

Einen Schritt vor der Schwelle erstarre ich zur Salzsäule, schließe die Augen und hole tief Luft. Tonlos wiederhole ich seine Worte, und Hitze durchströmt meinen Körper. Eine Nacht. Eine Nacht, und ich garantiere Ihnen, dass ich Ihnen das ein oder andere beibringen werde.

Ich bin dankbar. Dankbar dafür, dass ich ihm den Rücken zuwende. Dankbar dafür, dass Lucy und ich gerade gehen. Dankbar dafür, dass ich Mateo Bailon wahrscheinlich nie wiedersehen werde.

»Wenn Sie es sagen.« Ich drehe mich nicht um, aber sein leises Lachen – voll, dunkel und sexy – verfolgt uns.

»Sie haben meine Karte, Ms Armstrong. Nutzen Sie sie.«

Und das tue ich. Indem ich sie in den schmalen Stahlpapierkorb am Tisch seiner Rezeptionistin werfe.

***

Bellas Wohnung liegt in Kenmore – zwanzig Minuten in der entgegengesetzten Richtung vom Krankenhaus entfernt und von meiner Wohnung in Brighton –, aber ich lege Wert darauf, mein Versprechen zu halten. Ich habe eine Menge Zeit, mich nach dem Treffen mit Bailon zu beruhigen, nachdem er meine Nerven mit seiner Zunge und einem Blick zerstört hat, der mich den Rest des Nachmittags verfolgen wird, aber als ich bei meiner Schwester klingele, kribbeln mir immer noch die Finger.

Bella öffnet beim zweiten Klingeln, reißt die Tür weit auf und begegnet mir mit einer Hand auf der wohlgeformten Hüfte und zusammengezogenen Augenbrauen. Bis auf ein paar kleine Unterschiede – ich habe einen Schönheitsfleck über der Oberlippe und einen schöneren Po, während sie knapp drei Zentimeter größer ist und ein runderes Gesicht hat – ist sie mein Ebenbild. Wir haben beide den gleichen bronzefarbenen Teint und kaffeebraune Augen. Die gleiche zierliche Sanduhr-Figur. Die gleichen geschwungenen Lippen, wobei sie ihre gerade missbilligend zusammenpresst, weil sie auf mich warten musste.

»Hat Lucy den Mist geradegerückt und ihren Job wiederbekommen?«

»Dafür, dass du mich so genervt hast, weil ich mitgehe, bist du ganz schön neugierig.« Ich rausche an ihr vorbei und lege Autoschlüssel und Handy auf das Bücherregal im Flur. »Ich kann nicht lange bleiben. Meine Schicht beginnt in vierzig Minuten.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ich brauche dich nur zehn. Das Baby ist schon da.«

»Ach, tatsächlich?« Die Aufregung in meiner Stimme ist verräterisch. Meine Schwester lächelt gekünstelt, während sie mir bedeutet, ihr in das andere Zimmer zu folgen. Ich steige über das Kindergitter, das sie heute gekauft haben muss, und mustere das Kleinkind, das sich an Bellas rundem Couchtisch festhält. Es trägt einen Fußballstrampler und wiegt sich im Takt einer kinderfreundlichen Fernsehsendung. Der kleine Junge ist knapp zwei Jahre alt und hinreißend – mit Pausbäckchen, riesigen braunen Augen und einem ansteckenden Lächeln. Nachdem meine Gedanken von einem Lächeln gefangen gehalten wurden, das bestimmt schon in der Hälfte aller Höschen in Boston war, ist diese Unschuld erfrischend.

Ich nähere mich dem Kleinen und knie mich neben ihm auf den Boden. »Hallo kleiner Mann!« Er schaut unter langen Wimpern zu mir herauf und gluckst; das löst in mir einen altbekannten Druck aus, der brutal an meinem Brustkorb zieht. Ich wusste schon immer, dass ich mir Familie wünsche – einen Mann, Kinder und die ganze Gartenzaunidylle, über die meine Schwester spottet, weil sie behauptet, dass niemand in Boston einen weißen Gartenzaun habe. Aber erst seitdem mein Exverlobter, Art, ständig Fotos seines Neugeborenen postet, wurde aus meinem Wunsch das Verlangen nach sofortiger Erfüllung.

»Du brennst noch ein Loch in sein Gesicht, wenn du ihn weiter so anstarrst.«

Wärme breitet sich auf meinem Gesicht aus, und ich ziehe mich hoch auf das Sofa und setze mich neben die Windeltasche an der Armlehne. Ich räuspere mich. »Wie heißt er?«

Bella setzt sich auf die andere Seite der Couch und zieht die Beine unter sich. Sie beobachtet das Baby kurz mit undurchdringlicher Miene und jault mit dem Hund, der auf dem Bildschirm tanzt. Ich vermute, dass sie keine Ahnung hat, wie er heißt, doch da wendet sie sich mir zu. »Er heißt Isaac.«

»Was für ein goldiger kleiner Kerl.«

»Das weißt du schon nach drei Minuten?« Sie pfeift anerkennend. »Du bist verdammt gut, Zwilling zwei.«

»Deshalb hast du mich ja angerufen.« Trotzdem frische ich Bellas Allgemeinwissen darüber auf, wie man sich um ein kleines Kind kümmert. Als ich fertig bin, ist ihre Haltung steif. »Du kriegst das schon hin. Wie lange sollst du auf ihn aufpassen?«

»Bis um acht. Leo gibt einen Kurs an der Abendschule zur Vorbereitung auf das Abitur, und sein Babysitter hat abgesagt. Ich bin sicher, dass wir klarkommen – ich passe nur zum ersten Mal allein auf ihn auf.« Ich hole Luft, um etwas zu sagen, aber sie beantwortet schon meine nächste Frage. »Isaacs Mutter hat sie ein paar Monate nach der Geburt verlassen. Hat Leo gesagt, sie brauche Zeit.«

»Und gibt er ihr noch Zeit?« Als sie zu mir herumwirbelt und mich böse anstarrt, peitschen ihr die schulterlangen Haare um das Gesicht. Beschwichtigend hebe ich die Hände. »Du bist meine Schwester, ich frage nur, weil ich dich gernhabe.«

»Nein, er gibt ihr keine Zeit mehr«, faucht sie. »Sie haben sich im vergangenen Sommer scheiden lassen – ein paar Monate, bevor wir miteinander ausgegangen sind.«

Das heißt, die beiden sind seit fünf oder sechs Monaten zusammen, und ich höre heute zum ersten Mal davon. Warum erstaunt mich das nicht? Bella hat ihre Beziehungen immer geheim gehalten, aber dass sie sich mir erst anvertraut, wenn sie mich braucht, versetzt mir einen Stich. Ich zwinge mich zu einem fröhlichen Lächeln und stehe auf.

»Was ist jetzt mit Lucy?«, fragt sie, als ich neben dem Couchtisch in die Hocke gehe, um mich von Isaac zu verabschieden. Er gibt mir ein High-five, ich antworte mit Babystimme, und Bella zieht die Augenbrauen hoch. »Konntet ihr die Angelegenheit in Ordnung bringen?«

»Nein«, sage ich zu schnell und stehe auf. Schlagartig macht mein Gehirn eine Kehrtwendung von mütterlich zu Mateo. Ich steige über das Sicherheitsgitter, schließe fest die Augen und hoffe, dass das die Erinnerung an ihn aus meinen Gedanken vertreibt, aber es hilft nichts. Er ist noch da: mit amüsiert glitzernden, dunklen Augen und einem spöttischen Lächeln. Und seine Worte …

Ein elektrischer Schlag jagt meine Wirbelsäule hinunter, weil seine Worte unvergesslich sind. Ich öffne die Augen, schlucke schwer und bemerke, dass Bella aufgestanden ist und mich von der anderen Seite des Gitters anstarrt. Sie zieht die Nase kraus. »Mit wem hast du dich noch mal getroffen?«

»Mit dem Typen von dem Foto.«

»Dem Anwalt?« Ihre Lippen verziehen sich zu einem Grinsen, und ich habe das Gefühl, dass sie sich Bailon in einer Pyjamahose vorstellt, die rein gar nichts der Fantasie überlässt. »Schön. Und, wie ist es gelaufen?«

»Ich muss jetzt los, aber ich rufe dich nachher an.« Ich schnappe mir Handy und Schlüssel und nicke in Richtung Wohnzimmer. »Isaac hat die Fernbedienung. Leg sie lieber hoch, damit er sich nicht die Batterien in den Mund steckt.«

Ich höre sie hinter mir herumklettern, um ihm die Fernbedienung abzunehmen, und dann sagt sie atemlos: »Ich kenne dich, Jamie. So wie du guckst, muss er etwas Gutes gesagt haben.«

Ich trete über die Schwelle auf die Treppenstufen vor dem Haus, drehe mich um, und als ich meine Schwester mit Isaac auf dem Arm sehe, zieht sich mir schmerzhaft die Brust zusammen. Sie sieht mir so ähnlich, und ich brauche einen Augenblick, um mich zu erholen, weil dieser Anblick der Inbegriff all meiner Wünsche ist. Ich zwinge mich, meiner Schwester in die dunklen Augen zu sehen, stecke die Hände in die Taschen und lächle sie geheimnisvoll an.

»Una noche«, verrate ich, denn ich weiß, dass Bellas Spanisch aus cerveza, por favor besteht.

»Una noche y te garantizo que te puedo enseñar una o quizás dos cosas.«

»Was verda…« Sie zuckt zusammen und hält inne, damit sie dem Baby kein neues Wort beibringt, und sieht auf ihn hinab, bevor sie mich anschaut. »Und, was soll das heißen?«, zischt sie.

»Der Mann bedeutet Ärger. Ich rufe dich später an, um zu hören, wie es läuft.«

2

Mateo Bailon

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal enttäuscht war, weil eine Frau gegangen ist.

Sie kommen und gehen, und normalerweise – ach, was soll’s, immer – erwarte ich nichts anderes. So bin ich in den letzten fünfzehn Jahren immer vorgegangen. Ich verspreche nie mehr als eine gute Zeit und einen guten Orgasmus, und während einige Frauen länger Teil meines Lebens sind als andere, ist keine von ihnen so dumm, mehr zu erwarten. Aber diese Frau – diese Frau ist mir schon jetzt ein Rätsel.

In dem Augenblick, als sie durch die Tür trat, zog sie meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie ist zierlich, nicht größer als eins zweiundsechzig, mit bronzefarbener Haut, die unter meinem Blick errötete. Ich wollte sie nicht anstarren, aber alles an ihr machte mir das unmöglich. Ihre dunklen Locken schienen mich anzuflehen, mit den Fingern hindurchzufahren, und ihre üppigen Kurven – versteckt unter diesem kindischen Krankenhauskittel – waren wie Dynamit für meinen untervögelten Körper.

Ich hatte sie vor über einem Monat im Vorbeigehen in Exleys Werkstatt gesehen, als er an dem Tisch arbeitete, der meine Karriere noch immer bedroht. Sie trug auch da einen Krankenhauskittel: In fröhlichem Pink mit roten Herzen war er genauso lächerlich wie der, in dem sie heute Nachmittag mein Büro betreten hat. An dem Tag damals war sie jedoch anders gewesen. Sie hatte zweimal hingeschaut. Sie hatte mich mit ihren braunen Augen gemustert, kleine Fältchen erschienen an den Augenwinkeln, und sie hatte die pinkfarbenen Lippen zusammengepresst. Ihr Gesichtsausdruck war nicht wie der ihrer Freundin – bei jedem Treffen starrt mich Lucy müde und voreingenommen an, weshalb ich sie jedes Mal etwas weniger leiden kann.

An dem Nachmittag in Exleys Werkstatt verriet Jamies Miene eine attraktive Mischung aus Anerkennung und unverhohlener Neugier. Und bei diesem Ausdruck waren meine Boxershorts geschrumpft.

Nachdem ich die Überraschung überwunden hatte, dass Lucy Williams eine Freundin zum Händchenhalten brauchte, während sie sich stotternd und errötend für ihren Verrat entschuldigte, erwartete ich dieselbe Anerkennung, als ich sie heute sah. Dieselbe Neugier. Stattdessen überraschte mich Jamie Armstrong nicht ein-, nicht zwei-, sondern dreimal. Sie begrüßte mich mit einem gezwungenen Lächeln und widmete dann all ihre Aufmerksamkeit ihrer dämlichen Freundin, und als ich sie mit einer Sprache verunsichern wollte, von der ich glaubte, sie würde sie nicht verstehen, wies sie mich in die Schranken. Sie hatte bloß mit den Achseln gezuckt und sich mit den Worten verabschiedet: Wenn Sie es sagen.

Scheiß. Auf. Wenn. Sie. Es. Sagen.

Dass sie nicht den Schneid oder den Anstand besaß, mir dabei in die Augen zu sehen, zerrt an meinen Nerven.

Es zerrt an meinen Nerven, obwohl sie schon seit fünf Minuten weg ist. Es zerrt an meinen Nerven – verdammt, meine Nerven sind nicht mehr vorhanden –, weil sie überhaupt nicht so ist, wie ich erwartet habe. Und normalerweise kann ich schöne Frauen gut einschätzen.

Ich trommele mit den Fingern auf die Tischplatte neben dem Vertrag für eine Mandantin, die gerade ihre eigene Reality-Show im Fernsehen ergattert hat. »Sie wird anrufen«, sage ich laut zu meinem leeren Büro und starre auf den braunen Ledersessel, auf dem sie gerade noch gesessen hat. »Sie wird anrufen, weil sie nicht widerstehen kann.«

»B?« Enttäuscht wegen der Unterbrechung begegne ich Sonoras blauen Augen mit einem finsteren Blick. Verdammt, sie steckt ihren Kopf immer zur falschen Zeit in mein Büro. Sie steht auf der Schwelle, eine Hand in die geschwungene Hüfte gestemmt und hält sich mit der anderen am Türrahmen fest. »Priscilla ist hier, um dich zu treffen.«

»Jetzt schon?« Sie nickt, und ich reibe mir mit der Hand über das Gesicht. Ich bin nicht in der Stimmung, Priscilla zu sehen – nicht, nachdem Jamie-Fick-mich-Armstrong entschieden hat, mir mit ein paar Worten den Stinkefinger zu zeigen. »Wartet sie schon lange?«

»Sie kam kurz bevor Lucy und ihre Freundin gegangen sind.« Ich fluche leise, weil ich das Zeitgefühl verloren habe, während ich an sie dachte, und Sonoras Lächeln erstirbt. »B … geht es dir gut?«

Ein Foto einer Sexparty in meinem Haus hat sich wie ein Virus bis in die letzte Ecke des Internets verbreitet. Zwei Mandanten haben mir diese Woche das Mandat entzogen, und ich habe soeben herausgefunden, dass ich Menschen nicht ansatzweise so gut einschätzen kann, wie ich dachte. Was glaubt sie denn, verdammt?

»Soll ich Hayden bitten, stattdessen mit ihr zu sprechen? Wenn du dich nicht gut fühlst, kann ich …«

Ich hebe abwehrend die Hand und schüttele den Kopf. »Nein.« Ich kenne Priscilla. Wenn ich versuche, sie an einen meiner Partner zu verweisen, wird sie ausflippen. »Schick sie rein.«

Als sie kurz darauf in Monsterschuhen hereinstampft, die aussehen wie Plateauhufe, überwältigt mich der Geruch ihres blumigen Parfüms, mit dem sie ihren Zigarettengestank zu überdecken versucht. »Da ist ja meine Lieblingsmandantin«, sage ich gedehnt. Sie sieht mich giftig an und lässt sich in den Sessel vor meinem Schreibtisch plumpsen. Auf denselben Sessel, auf dem sie gesessen hat, bevor sie mir klargemacht hat, ich könne mich selbst mal.

»Du freust dich ja gar nicht, mich zu sehen«, beschwert sich Priscilla.

Ich muss zugeben, dass ich lieber dunkelbraune als die eisblauen Augen sehen würde, die mich anschauen. Dass ich einen Lockenkopf den blauschwarzen Wellen vorzöge, die Priscilla über die Schultern fallen. Dass ich lieber jeden Tag ihre Krankenhauskittel sehen würde anstelle eines engen T-Shirts und tätowierter Arme.

»Ich freue mich immer, dich zu sehen.«

Sie nimmt einen Briefbeschwerer vom Tisch – das Prisma, das Sonora mir zu Weihnachten geschenkt hat – und wiegt ihn in der Hand. »Du bist ein verdammter Lügner, Mateo, aber du bist ein nützlicher Lügner, deshalb vergebe ich dir.« Von all meinen Mandanten ist sie die Unberechenbarste. Priscilla ist Rockmusikerin und mir ein Dorn im Auge, seitdem ich sie vor einigen Jahren zu vertreten begann.

Sie schlägt die Beine übereinander und klopft mit drei Fingerspitzen auf eine geschickt platzierte Laufmasche an ihrem Schenkel. »Gerade ist etwas total Verrücktes passiert«, sagt sie plötzlich.

»Und – was wäre das?«

Sie feixt. Ich hasse es, wenn Priscilla feixt, weil es bedeutet, dass sie wieder irgendetwas Verrücktes angestellt hat, das man nur schwer wieder hinbiegen kann. »Ich könnte schwören, dass ich gerade an dem hübschen Gesicht vorbeigelaufen bin, das auf dem Foto von dir war. Du weißt schon, dass Sexparty-Foto aus dem Internet.« Demonstrativ hört sie mit dem Getrommel auf ihrem Bein auf und malt Kreise mit der Fingerspitze. »Hübscher Schwanz übrigens.«

Sie sieht total schadenfroh aus. Dieses gehässige Miststück.

»Versuchen wir, professionell zu sein, in Ordnung?« Sie antwortet, indem sie die Unterlippe einsaugt und die Wimpern senkt. Viele Männer überschlagen sich vor Begeisterung, wenn sie das macht – den unschuldigen Look –, aber mich kann sie damit nicht täuschen. Sie ist der Teufel in einem Band-T-Shirt. »Es stimmt, das war sie. Sie wollte mit mir über die Situation sprechen. Bevor du fragst – ich weiß noch nicht, wie ich vorgehen werde.«

»Ich weiß noch nicht, wie ich vorgehen werde«, äfft sie mich mit übertrieben tiefer Stimme nach. Ich bin versucht, sie zu fragen, ob sie betrunken oder high ist oder beides. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie völlig zugedröhnt bei einem Termin erscheint. Stattdessen tippe ich mir auf die Armbanduhr, um sie daran zu erinnern, dass sie die Rechnung zahlt.

»Du bist schlimmer als Luke mit dem Businesskram.« Sie zieht eine Schnute und legt den Briefbeschwerer zurück auf den Tisch. »Hast du meinen Vertrag?«

»Alles, worüber wir gesprochen haben, steht hier drin.« Ich schiebe ihr den Papierstapel zu, bis er ihr an die ausgestreckten Finger stößt. »Sie wollen dich unbedingt.« Ich wünschte, ich wäre überrascht, aber heutzutage funktioniert Unterhaltung so. Die Welt will launisch und ungefiltert – und das ist Priscilla. In höchstem Maße.

»Warum sollten sie mich auch nicht wollen?« Sie blättert den Vertrag durch und tut so, als würde sie ihn überfliegen. »Du glaubst, dass ich einen Fehler mache, stimmt’s?«

»Ich bin dein Anwalt. Mein Job ist es, den bestmöglichen Vertrag für dich auszuhandeln, und nicht, dich in kreativen Entscheidungen zu beraten.«

Aber eine Reality-Show zuzusagen, die ihre Eskapaden – die betrunkenen Ausbrüche und wer weiß was sonst noch alles – der ganzen Welt präsentiert, ist eine bescheuerte Idee. Wobei man mich lieber nicht fragen sollte. Schließlich ist mein Ständer überall zu sehen, dank einer nachlässigen Betrunkenen, die sich nicht an die von ihr unterschriebene Verschwiegenheitserklärung gehalten hat.

»Mit diesem Vertrag verdienst du genug, um dir einen hübschen neuen BMW zu kaufen.« Priscilla zieht die Nase kraus. »Du könntest mir wenigstens sagen, was du davon hältst.«

»Ich habe bereits einen hübschen neuen BMW. Und wenn du eine Meinung hören willst, frag deine Bandmitglieder. Schließlich müssen sie sich mit den Kameras und der Presse auseinandersetzen«, schlage ich vor, und sie schnaubt und verdreht die eisblauen Augen.

»Apropos Bandmitglieder …« Sie blättert die erste Seite des Vertrags um und fährt mit dem Finger die erste Zeile der nächsten Seite entlang. »Dass du mich vertrittst, schadet meinem Image. Mein Schlagzeuger hat mich bestimmt schon hundertmal gefragt, ob ich mal bei einer deiner schmutzigen Sexpartys war.«

»Priscilla«, sage ich irritiert. Ein süffisantes Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus. »Bist du sicher, dass mein Foto deinem Image schadet, oder ist es vielleicht doch das Backstage-Video mit dir?«

Sie zieht scharf die Luft durch die Zähne. »Verdammt noch mal, Bailon. Ich mache einen Witz, und du musst gleich die Stimmung verderben.« Sie schiebt sich im Sessel von meinem Tisch zurück, streckt die Arme über den Kopf und gähnt. »Entspann dich, Bailon.«

Ich massiere mir die Nasenwurzel. Wenn sie endlich aus meinem Büro raus ist, werde ich eine ganze Flasche Whiskey brauchen. »Priscilla …«

»Abgesehen davon ist mein Video acht Jahre alt. Dein Foto ist aktuell.«

Ja, vielen Dank, dass du mich daran erinnerst. Ich lasse die Hand sinken und balle sie auf dem Tisch zur Faust. »Acht Jahre, so, so.« Ich kann mich lebhaft daran erinnern, wie sie vor zwei Jahren zu mir kam und mich bat, das Video – das sehr aktuelle Video –, das einer ihrer Fans auf jede nur erdenkliche Amateurpornoseite hochgeladen hatte, zu entfernen. »Erzählst du das deinem Verlo…«

»Schon gut, wir sind beide keine Heiligen«, unterbricht sie mich mit einem eingefrorenen Lächeln auf den Lippen. »Und wie gesagt, habe ich nur einen Witz gemacht. Du weißt, dass ich dich nie verlassen würde, besonders, weil ich jetzt weiß, dass du solch ein versauter, nichtsnutziger, böser Junge bist.«

Sie zwinkert mir zu und schiebt den Sessel zurück, und ich halte den Atem an, damit ich nicht wegen des Gemischs aus Nikotin und Parfüm ersticke. Sie faltet den Vertrag so oft wie möglich und stopft ihn sich in die Gesäßtasche ihrer Jeans. »Ich werde drüberlesen und Rotschopf anrufen, um für nächste Woche einen Termin zu vereinbaren, bevor ich wieder nach L. A. zurückmuss.«

»Sonora hasst es, wenn man sie Rotschopf nennt.« Aber sie zuckt nur mit den Schultern, denn so ist Priscilla eben. Es ist ihr völlig egal.

»Gewohnheit«, erklärt sie und wuschelt sich durch die Haare. »Kein Fan von großen, umwerfenden Rothaarigen.«

Ich erinnere sie nicht daran, dass ihre ehemalige Flamme, die sie angeblich wegen einer Rothaarigen verlassen hat, gar nicht ihre Flamme war, weil ich keine Lust auf den Ausraster habe, der mit Sicherheit darauf folgen würde.

Als Priscilla geht, tut sie etwas, was die andere Frau, Jamie, nicht für nötig gehalten hat. Sie dreht sich auf dem Absatz um und sieht mich an. »Du solltest nachsichtig mit der Tussi auf dem Foto sein. Als sie aus deinem Büro kam, sah sie so aus, als würde sie gleich anfangen zu heulen. Und ihre Freundin war so sauer, dass sie deine Karte weggeworfen hat. Eine nette Geste, nicht wahr?«

Als ich verstanden habe, was Priscilla gerade gesagt hat, spannen sich die Muskeln in meinem Nacken und meinen Schultern an. Sie hat meine Karte weggeworfen? Ich hatte erwartet, dass Jamie über meine Worte nachdenken würde – dass sie meine Karte später aus der Tasche ziehen und mich anrufen würde, um mir zu beweisen, dass ich falschliege.

Anscheinend liege ich, was Jamie Armstrong angeht, schon wieder falsch.

»Du siehst erstaunt aus.« Priscilla wippt auf den Zehen ihrer Hufstiefel, und ich wünsche mir, dass sie verdammt noch mal umfällt. »Nicht daran gewöhnt, dass schöne Frauen deine Karte wegwerfen, als könnten sie sich davon einen bösen Tripper einfangen, was?«

»Nicht daran gewöhnt, dass mir meine Mandanten Ratschläge erteilen.« Ich verenge die Augen zu schmalen Schlitzen und fixiere einen Punkt über ihrer Schulter, um ihr klarzumachen, dass ich für diese Woche genug Priscilla Craig abbekommen habe. »Bis bald.«

»Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst«, sagt sie, obwohl wir beide wissen, dass das nicht stimmt. »Oh, und ich habe meiner Freundin deine Kontaktdaten gegeben. Die Wichser von der Plattenfirma haben einfach ihren Vertrag gekündigt, und sie braucht Hilfe.« Als sie endlich geht, summt sie den ganzen Weg den Flur entlang einen ihrer Songs und erinnert mich daran, warum ich mich immer freue, Frauen gehen zu sehen.

Normalerweise.

Außer wenn es sich um Jamie Armstrong handelt.

Als ich höre, dass der Aufzug da ist, verschwende ich keine Zeit. Ich greife nach dem Telefon und rufe Sonora an. Sie geht sofort dran und zwitschert wie ein glückliches kleines Vögelchen. »Ja, Boss?«

»Ist da noch die Visitenkarte in deinem Papierkorb?«

»Welche Karte …« Sie verstummt, gibt einen irritierten Laut von sich, dann ist sie wieder da. »Ja, sie liegt hier drin. Warum fragst du?«

»Heb sie für mich auf.«

Sie schweigt lange genug, um meine Nasenflügel zum Beben zu bringen, und als sie wieder spricht, klingt sie beleidigt. »Du willst, dass ich im Müll herumwühle?«

»Was denkst du, soll ›heb sie für mich auf‹ sonst heißen?«

»Du hast Dutzende von den Dingern. Wozu brauchst du ausgerechnet diese?«

Ich bin nachsichtig mit Sonora – und das bin ich schon, seitdem sie vor einem Jahr hier angefangen hat –, aber in diesem Fall gebe ich nicht nach. Entweder fischt sie diese Karte heraus oder sie verbringt die nächsten Wochen damit, sich einen neuen Job zu suchen, der ihr genauso viel Zeit für sich selbst lässt, wie dieser hier bei mir. »Und du hast dieses Jahr ständig freitags frei, warum willst du dann morgen auch freihaben?«

Sie jammert leise, aber dann höre ich das unangenehme Rascheln von Papier. Bevor sie antworten kann, sage ich: »Sehr gut. Ich hole sie heute Abend auf dem Weg nach draußen ab.«

***

Als ich mich am nächsten Abend mit Victoria zum Essen treffe, spukt mir Jamies Zurückweisung immer noch im Kopf herum. Ich kenne Victoria schon lange, schon aus der Zeit, als ich mein Büro noch in Kalifornien hatte. Obwohl sie steinreich ist, ist sie die eine Person in dieser bescheuerten Welt, mit der ich mich verbunden fühle. Wir haben nichts miteinander – das hatten wir noch nie –, und aus diesem Grund ist sie schon länger Teil meines Lebens, als jede andere Frau es war, abgesehen von meiner Schwester und meiner Großmutter. Dass Victoria auch auf dem Foto ist und dass ihr Leben wegen Lucy Williams’ Scheißaktion aus den Angeln gehoben wurde, hat mir schlaflose Nächte bereitet. Und worum ich sie jetzt bitten werde, wird die Schlaflosigkeit noch verstärken.

»Was meinst du mit ›ich will nicht, dass du klagst‹?« Sie fährt mit dem Finger über den Rand ihres Weinglases und sieht mir fest in die Augen. »Tut mir leid, aber du willst mich doch nicht ernsthaft darum bitten, so zu tun, als hätte es diese Situation nie gegeben, oder? Wie wäre es, wenn wir uns mit etwas beschäftigen, das nicht vollkommen verrückt ist? Wie geht’s deiner Großmutter?«

»Wie immer«, sage ich harsch, und Victoria schürzt verständnisvoll die Lippen, bevor ich fortfahre. »Es ist nicht Exleys Schuld.« Aber ich fühle mich wie ein Trottel, weil ich wiederhole, was Lucy gestern heulend in meinem Büro erzählt hat.

Victorias Kiefermuskeln spannen sich an. »Er hat seine Mitarbeiter nicht im Griff«, presst sie zwischen den Zähnen hervor und wird bei jedem Wort lauter. Als sich jemand am Tisch nebenan räuspert, bemerkt sie, dass sie Aufmerksamkeit erregt. Sie richtet ihren Blick schnell auf den Teller und hält sich an der Tischkante fest. »Tut mir leid, aber meiner Meinung nach ist es auf jeden Fall seine Schuld«, sagt sie mit gedämpfter Stimme.

»Lucy war gestern bei mir im Büro.«

»Und?« Sie blinzelt ungläubig. »Willst du, dass ich Miss Zu-dumm-zum-Leben stehend applaudiere, weil sie sich aus ihrem Versteck herausgetraut hat?« Sie lässt den Tisch los und tut so, als würde sie Beifall klatschen. Der Ausdruck in meinen Augen lässt sie mitten in der Bewegung innehalten, weshalb sie nach ihrem Glas greift und es wie eine Waffe in der Hand hält.

Es würde mich nicht wundern, wenn sie es zerbrechen und mit dem Stiel meine Eier aufspießen würde.

»Und ich würde sagen, es war wirklich ein Versehen. Sie wollte das Foto einer Freundin schicken und hat es stattdessen öffentlich gepostet. Ihr Wichser von Exmann hat es gesehen und sich gerächt. Mit Exmännern kennst du dich doch von allen am besten aus.« Victorias letzter Exmann ist eine völlige Platzverschwendung – ein Goldgräber, der eine Frau mit zu großen Altlasten und einem noch größeren Herzen ausgenutzt hat. Wenn man ihn erwähnt, erscheint immer ein bitteres Lächeln auf ihrem blassen Gesicht.

»Ja«, faucht sie. »Seitdem sich das Foto wie ein Lauffeuer im Internet verbreitet hat, habe ich ununterbrochen von ihm gehört. Weißt du, was er verlangt? Mehr Geld.«

»Du schuldest ihm gar nichts. Ich rate dir, ihm keinen Cent zu geben.«

»Was diese Sache betrifft, bist du unnatürlich zurückhaltend, B.« Sie führt das Glas an die Lippen und stürzt den ganzen Inhalt auf einmal hinunter. Die Grimasse, die darauf folgt, und wie sie mit den Augen den Raum nach einem Kellner absucht, verraten mir, dass sie bedauert, nicht gleich die ganze Flasche bestellt zu haben. »Vögelst du diese Frau – diese Lucy?«

Ich schüttele abweisend den Kopf. Lucy Williams ist sexy – das muss ich zugeben –, aber nichts an dieser Frau spricht mich an. »Muss es immer darum gehen, ob man mit jemandem ins Bett geht?«

»Wenn es um dich und mich geht, ja. Besonders, wenn du dich für sie einsetzt.«

»Hast du jemals daran gedacht, dass ich einfach ein echtes Versehen erkannt habe?«

Sie lacht. »Das reicht nicht, Bailon. Ich scherze nicht. Du musst dich schon etwas mehr anstrengen.« Sie bemerkt meinen nachdenklichen Gesichtsausdruck und lehnt sich so weit über den Tisch, dass ihre Diamantkreolen fast in der Kerzenflamme hängen. »Vergiss nicht, dass ich alles über dich weiß. Du glaubst nicht an ein Versehen, wenn Frauen darin verwickelt sind.«

Manchmal verabscheue ich Victoria. Ich verabscheue ihre Offenheit. Ihre Fähigkeit, mich zu durchschauen. Ich schnappe mir mein Whiskeyglas und trinke einen Schluck. »Dir gegenüber verhalte ich mich nicht so«, murmele ich und stöhne. »Ich will ihre Freundin.«

»Um was zu tun?« Sie zieht die Augenbrauen hoch, isst ein wenig Lachs und starrt dann auf ihr leeres Weinglas. »Ich dachte, du wolltest erst mal keine weiteren Partys veranstalten.«

Das stimmt. Aber das heißt nicht, dass ich nicht mehr ich selbst bin. Ich hatte sehr viel Zeit, um über sie nachzudenken. Sehr viel Zeit, um mich immer wieder darüber zu ärgern, dass sie meine Einladung mit einem Schulterzucken abgetan hat. Sehr viel Zeit, um mich daran zu erinnern, wie lasziv sie die Hüften beim Verlassen meines Büros geschwungen hat. Kurz bevor sie meine Karte in den Müll geworfen hat.

»Ich will sie für das, was ich am besten kann.«

»Ah, also geht es letztendlich doch ums Vögeln. Hey, warte kurz.« Victorias Augen schnellen über meine Schulter, sie wackelt mit dem leeren Weinglas und hebt dann bestätigend den Daumen. Sie wendet mir wieder ihre Aufmerksamkeit zu, stellt das Glas auf den Tisch und sieht mich ruhig an. »Weißt du, mir gegenüber kannst du es ruhig zugeben – ich verurteile dich nicht. Wie lange gehst du schon mit … der Freundin dieser Frau aus?«

Da liegt das Problem. Die Freundin dieser Frau hätte neugierig genug sein sollen, um mich gestern Abend anzurufen. Jamie hätte so fasziniert sein sollen, dass ich heute Morgen mit dem Duft von Sex und Schweiß auf dem Laken und ihrem Kittel auf dem Boden hätte aufwachen sollen. Stattdessen wachte ich allein auf, mit dem Schwanz in meiner statt in ihrer Hand.

»Sie muss schön sein«, sinniert Victoria, als ich ihre letzte Frage unbeantwortet lasse. »Damit du jemanden nicht mit Klagen überziehst, muss sie wirklich atemberaubend sein.«

Ich stelle mir Jamie vor – bronzefarbene Haut und weiche, pinkfarbene Lippen. Lange Wimpern, die sich über dunkle Augen senken, wenn ich sie zu lange anstarre. Sie ist schön. Und sie geht mir so richtig auf den Sack. Ich zucke mit einer Schulter. »Ich kenne sie kaum.«

»Aber ich soll so tun, als wäre ich wegen des Fotos meiner Brüste in deinem Spielzimmer nicht wütend, weil du sie nicht verärgern willst.« Victoria lehnt sich zurück und legt die Fingerspitzen ihrer manikürten Hände aneinander. Dann presst sie sie an die Lippen und taxiert mich einen Augenblick. »Sie muss Magie in ihrem Höschen haben.«

Genau das will ich herausfinden. »Vielleicht.«

»Weißt du was? Ich denke darüber nach. Weil du du bist, und weil du einer meiner Lieblingsmenschen bist, werde ich sehr gründlich nachdenken und mit meinen Anwälten sprechen.«

»Danke.«

»Bitte. Du weißt, dass ich das gern für dich tue.«

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