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Dirty

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Unsere Geschichte begann so:

Wir begegneten uns in einem Süßwarenladen. Er drehte sich um, lächelte mich an, und ich war so überrascht, dass ich zurücklächelte.

Das Sweet Heaven war kein einfacher Süßwarenladen für Kinder, sondern ein gehobener Gourmet-Tempel; hier gab es keine billigen Lutscher oder vertrockneten Schokoküsse; hierhin ging man, wenn man mit schlechtem Gewissen Trüffelpralinen für die Frau des Chefs kaufen wollte, weil man mit ihm bei einer Geschäftsreise nach Milwaukee gevögelt hatte.

Er kaufte Jelly Beans, nur schwarze, und musterte die Tüte mit Schokolinsen in meiner Hand, ebenfalls alle in einer Farbe.

„Sie wissen, was Grün bedeutet.“ Der verwegene Zug um seine Lippen war anziehend.

„St. Patrick's Day!“ Das war nämlich genau der Grund, warum ich sie in Grün kaufte.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Die Grünen steigern die Lust.“

Ich bin ja schon ziemlich oft angemacht worden, meistens von wenig feinsinnigen Männern, die glauben, das, was sie zwischen den Beinen haben, wäre ein Ausgleich für das, was zwischen ihren Ohren fehlt. Manchmal bin ich trotzdem mit einem von ihnen nach Hause gegangen, einfach, weil es sich gut anfühlte, zu begehren und begehrt zu werden, auch wenn alles meist nur gespielt war und üblicherweise enttäuschend endete.

„Das ist eine Erfindung von pubertierenden Jungs, deren überschwängliche Fantasien leider selten erfüllt werden.“

Sein Lächeln wurde breiter. Dieses strahlend weiße Lächeln war das Schönste an seinem ebenmäßig geschnittenen Gesicht. Sein Haar hatte die Farbe von feuchtem Sand, seine Augen waren blaugrün – er war attraktiv, doch wenn er lächelte, war er atemberaubend.

„Sehr gute Antwor“, sagte er.

Er streckte eine Hand aus. Als ich sie ergriff, zog er mich näher an sich heran, so nah, dass er mir ins Ohr flüstern konnte. Sein heißer Atem tanzte über meine Haut, und ich erschauerte. „Mögen Sie Lakritze?“

Allerdings, und so schob er mich um ein Regal herum und griff in ein Glas voller kleiner schwarzer Rechtecke, auf dem ein Etikett mit dem Bild eines Kängurus klebte.

„Dann probieren Sie mal das.“ Er hielt mir ein Stück hin, und ich öffnete die Lippen, obwohl auf einem Schild deutlich zu lesen war: Probieren verboten. „Kommt direkt aus Australien.“

Die Lakritze lag auf meiner Zunge. Weich, duftend und auf eine Weise klebrig, dass ich mit der Zunge über meine Zähne fuhr. Ich schmeckte seine Finger dort, wo er meine Lippen berührt hatte. Er lächelte.

„Ich kenne eine hübsche Bar“, sagte er, und ich ließ mich von ihm dorthin bringen.

The Slaughtered Lamb. Ein grausiger Name für eine kleine Bar, versteckt in einem Gässchen mitten in Harrisburg. Verglichen mit den angesagten Tanzschuppen und teuren Restaurants in dieser Gegend wirkte der Laden irgendwie fehl am Platz und deswegen umso reizvoller.

Er wählte für uns zwei Plätze an der Bar, abseits der Collegestudenten, die in einer Ecke Karaoke sangen. Weil mein Barhocker wackelte, musste ich mich an der Theke festhalten. Ich bestellte eine Margarita.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf, und ich hob eine Augenbraue. „Sie möchten bestimmt Whiskey.“

„Ich habe noch nie Whiskey getrunken.“

„Eine Jungfrau.“ Bei jedem anderen Mann hätte dieser Kommentar albern geklungen und meinerseits nur ein Verdrehen der Augen nach sich gezogen.

Doch bei ihm funktionierte es.

„Eine Jungfrau“, stimmte ich zu, und das Wort fühlte sich ungewohnt auf meiner Zunge an, als ob ich es ziemlich lange nicht mehr benutzt hätte.

Er bestellte uns jeweils ein Glas Jameson's Irish Whiskey und stürzte seinen, so wie es sich gehört, in einem Zug hinunter. Mir war Alkohol wahrlich nicht fremd, auch wenn ich noch nie Whiskey probiert hatte, doch ich machte es ihm nach, ohne das Gesicht zu verziehen. Es gibt einen guten Grund, warum Whiskey Feuerwasser genannt wird, aber nach dem ersten Brennen breitete sich der Geschmack in meinem Mund aus und erinnerte mich an den Duft von verbrannten Blättern. Sehr angenehm. Warm. Sogar ein bisschen romantisch.

Sein Blick hellte sich auf. „Es gefällt mir, wie Sie ihn heruntergeschluckt haben.“

Ich war auf der Stelle wahnsinnig erregt.

„Noch einen?“, fragte der Barkeeper.

„Noch einen“, entgegnete mein Begleiter. Und zu mir sagte er: „Sehr gut gemacht.“

Dieses Kompliment freute mich, wobei mir nicht klar war, warum es mir auf einmal so wichtig erschien, ihm zu gefallen.

Wir tranken also eine Weile, und der Whiskey zeigte mehr Wirkung, als ich gedacht hätte. Oder vielleicht lag es auch an der Gesellschaft meines Begleiters, jedenfalls fing ich an, über seine spitzen, aber irgendwie netten Kommentare über die anderen Gäste zu kichern. Die Frau im Geschäftsanzug in einer Ecke war ein Callgirl, das gerade Pause hatte. Der Mann mit der Lederjacke ein Leichenbestatter. Mein Begleiter erfand Geschichten über jeden Gast und den freundlichen Barkeeper, der seiner Meinung nach früher Fruchtgummis angebaut hatte.

„Fruchtgummis werden nicht angebaut.“ Ich beugte mich vor, um seine Krawatte zu berühren, die auf den ersten Blick mit den üblichen Punkten und Kreuzen gemustert zu sein schien. Ich hatte jedoch bemerkt, dass es sich um winzige Totenköpfe mit gekreuzten Knochen handelte.

„Nicht?“ Er schien enttäuscht zu sein, dass ich nicht mitspielte.

„Nein.“ Ich zupfte an seiner Krawatte und blickte in seine blaugrünen Augen, die inzwischen mit der Schönheit seines Lächelns konkurrieren konnten. „Fruchtgummi wächst wild.“

Er warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. Ich beneidete ihn darum, wie natürlich er dem Impuls nachgab, laut zu lachen. Ich hätte befürchtet, dass die Leute mich komisch anschauten.

„Und Sie?“, fragte er schließlich. Sein Blick durchbohrte mich. „Was sind Sie?“

„Ein Fruchtgummidieb“, flüsterte ich mit meinen vom Whiskey tauben Lippen.

Er streckte die Hand nach einer Haarsträhne aus, die sich aus meinem langen französischen Zopf gelöst hatte, und zwirbelte sie zwischen den Fingern. „So gefährlich wirken Sie meiner Ansicht nach gar nicht.“

Wir sahen uns an, zwei Fremde, lächelten – und ich dachte, dass es schon lange her war. „Möchten Sie mich nach Hause begleiten?“

Das wollte er.

An diesem Abend versuchte er nicht, mich zu lieben, was mich nicht überraschte. Allerdings versuchte er auch nicht, mich zu vögeln, was mich doch etwas wunderte. Er küsste mich nicht einmal, obwohl ich zögerte, bevor ich den Schlüssel ins Schloss steckte und noch ein wenig mit ihm lachte und plauderte, bevor ich Gute Nacht sagte.

Nicht mal nach meinem Namen hatte er gefragt. Auch nicht nach meiner Telefonnummer. Er ließ mich einfach, ein wenig schwankend vom Whiskey, vor meiner Tür zurück. Ich sah, wie er die Straße hinunterging und das Kleingeld in seiner Hosentasche klimpern ließ. Erst als er in der Dunkelheit hinter der Straßenlaterne verschwand, ging ich ins Haus.

Am nächsten Morgen, als ich mir unter der Dusche den Zigarettenrauch aus den Haaren wusch, musste ich an ihn denken. Ich dachte an ihn, während ich meine Beine, die Achseln und mein Haar zwischen den Beinen rasierte. Ich putzte meine Zähne, betrachtete mein Gesicht im Spiegel und versuchte mir vorzustellen, wie er meine Augen wohl gesehen hatte.

Bei genauerem Betrachten waren sie blau mit weißen und goldenen Sprenkeln. Viele Männer machten mir deswegen Komplimente. Einer Frau zu sagen, sie habe schöne Augen, ist vermutlich der schnellste Weg, um herauszufinden, ob man als Nächstes eine Hand auf ihren Schenkel legen darf. Er hatte meine Augen nicht erwähnt. Er hatte mir, um genau zu sein, kein einziges Kompliment gemacht, außer über die Art und Weise, wie ich den Whiskey trank.

Ich dachte an ihn, als ich mich für die Arbeit anzog. Schlichte weiße Unterhose, bequemer Schnitt und angenehmer Stoff, passender BH mit einem Hauch von Spitze, gerade genug, um hübsch auszusehen, aber dafür gemacht, meine Brüste eher zu stützen als hervorzuheben. Ein schwarzer, fast knielanger Rock. Eine weiße Bluse mit Knöpfen. Schwarz und Weiß wie immer, weil es einem die Wahl erleichtert und mich die Einfachheit von Schwarz und Weiß beruhigt.

Auf der Fahrt zur Arbeit dachte ich an ihn, die Ohren verschlossen mit Kopfhörern, um die willkürlichen Gespräche von Fremden auszublenden, Schutzschild der modernen Zivilisation. Die Fahrt dauerte nicht länger als sonst, war aber auch nicht kürzer, ich zählte die Haltestellen wie immer und warf dem Busfahrer dasselbe Lächeln zu.

„Ich wünsche Ihnen wie immer einen schönen Tag, Miss Kavanagh.“

„Danke, Bill.“

Ich dachte auch an ihn, als ich exakt fünf Minuten vor Dienstbeginn die Treppe zu meinem Bürogebäude hinauflief.

„Sie sind heute spät dran“, sagte Harvey Willard, der Sicherheitsbeamte. „Genau eine Minute.“

„Der Bus ist schuld“, erklärte ich mit einem Grinsen, von dem ich wusste, dass es ihn erröten lassen würde. Obwohl natürlich nicht der Bus dafür verantwortlich war, sondern allein die Tatsache, dass ich, in Gedanken versunken, langsamer gelaufen war.

Mit dem Fahrstuhl nach oben, den Flur entlang in mein Büro und hinter meinen Schreibtisch. Alles war wie immer, und doch hatte sich alles verändert. Nicht einmal der Zettel mit den vielen Telefonnummern konnte meine Gedanken von dem Rätsel, das er mir aufgab, losreißen.

Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Hatte ihm meinen nicht verraten. Ich hatte gedacht, es würde leicht werden – zwei Fremde, die dasselbe Bedürfnis verspürten. Die übliche Verführung, bei der man keine Namen brauchte, die alles nur kompliziert machten.

Ich mochte es nicht, wenn Männer meinen Namen wussten. Damit hätte ich ihnen eine gewisse Macht über mich gegeben, die sie nicht verdienten. Als ob die Tatsache, dass sie beim Orgasmus meinen Namen riefen, diesen Moment für alle Ewigkeit festhalten könnte. Wenn es gar nicht anders ging, nannte ich ihnen einen falschen Namen, und wenn sie ihn später mit heiserer Stimme herausschrien, musste ich jedes Mal lächeln.

Heute lächelte ich nicht. Ich war abgelenkt, verärgert und durcheinander … und wäre wohl enttäuscht gewesen, wenn ich noch in der Lage gewesen wäre, mich täuschen zu lassen.

Ich arbeitete an dem Problem wie an einer meiner Kalkulationen. Stellte eine Gleichung auf, entschlüsselte die individuellen Komponenten, fügte logische hinzu und zog die unverständlichen ab. Bis zur Mittagspause war es mir noch immer nicht gelungen, ihn in eine unbedeutende Erinnerung zu verwandeln.

„Hattest du letzte Nacht ein heißes Date?“, fragte Marcy Peters, die Königin der toupierten Haare und knallengen Röcke. Marcy gehört zu den Frauen, die sich selbst als Mädchen bezeichnen, die weiße Pumps zu hautengen Jeans tragen und deren Blusen immer ein wenig zu weit aufgeknöpft sind.

Sie schenkte sich einen Becher Kaffee ein. Ich trank Tee. Wir saßen an einem kleinen Tisch und packten die kurz zuvor gelieferten Sandwiches aus – ihres mit Thunfisch und meines wie üblich mit Truthahn.

„Wie immer“, war meine Antwort, und wir lachten, zwei Frauen, miteinander durch etwas verbunden, was nichts mit gemeinsamen Interessen zu tun hatte, sondern dazu diente, uns vor den Haien zu schützen, mit denen wir zusammenarbeiteten.

Marcy hält sich die Haie mit ihrer unverblümt zur Schau gestellten Weiblichkeit vom Hals, sie ist blond, drall und durchaus bereit, ihre Vorzüge einzusetzen, um zu erreichen, was sie will.

Ich ziehe die etwas indirektere Methode vor.

Marcy lachte über meine Antwort, weil die Elle Kavanagh, die sie kannte, keine Verabredungen hatte, schon gar keine heißen. Die Elle Kavanagh, die sie kannte, war die Juniorchefin eines Finanzunternehmens, in deren Gegenwart selbst eine strenge Oberlehrerin mit Brille und Dutt so sexy wirkte wie Marilyn Monroe.

Marcy wusste überhaupt nichts über mich oder mein Leben außerhalb der vier Wände von Triple Smith and Brown.

„Hast du schon das Neueste über Flynn gehört?“ So stellte sich Marcia ein Gespräch beim Mittagessen vor: Tratsch über Kollegen und Kunden verbreiten.

„Nein“, antworte ich, um sie zu beruhigen und weil sie es irgendwie immer schaffte, die besten Geschichten aufzuschnappen.

„Mr.. Flynns Sekretärin hat an Bob die falschen Unterlagen geschickt. Bob kümmert sich um dieses Kundenkonto, nicht wahr?“

„Genau.“

Marcys Augen funkelten. „Offenbar hat sie ihm die privaten Rechnungen von Mr. Flynn gemailt, und nicht die geschäftlichen.“

„Das ist noch nicht besonders spannend.“

„Wie es scheint, listet Mr. Flynn all seine Hundert-Dollar-Nutten und seine geschmuggelten Zigarren penibelst auf!“ Sie drehte sich auf ihrem Stuhl.

„Dumm gelaufen für seine Sekretärin, fürchte ich.“

Marcy grinste. „Sie hat Bob einen geblasen. Und er hat es Mr. Flynn nicht verraten.“

„Bob Hoover?“ Diese Neuigkeit kam nun wirklich unerwartet.

„Tja. Ist das zu glauben?“

„Ich schätze, ich kann so ziemlich alles über jeden glauben“, sagte ich ehrlich. „Die meisten Leute sind bei ihren Bettgeschichten anspruchsloser, als man annehmen sollte.“

„Ach wirklich?“ Sie warf mir einen listigen Blick zu. „Und woher willst du das wissen?“

„Reine Spekulation.“ Ich stand auf und warf meinen Müll in den Eimer.

Marcy wirkte nicht enttäuscht, sondern vielmehr interessiert. „Aha.“

Ich schenkte ihr ein süßes und sanftes Lächeln und überließ es ihr, sich in eine Meditation über mein geheimnisvolles Sexleben zu versenken.

Tatsache ist, dass die meisten Menschen in Bezug auf ihre Sexpartner tatsächlich anspruchsloser sind, als sie zugeben wollen. Aussehen, Intelligenz, Sinn für Humor, Reichtum, Macht … nicht jeder kann mit diesen Qualitäten aufwarten, und die wenigsten besitzen mehr als eine davon. Hier ist die Wahrheit: Fette, hässliche und dumme Menschen werden ebenfalls gevögelt, die Medien berichten bloß nicht in dem Maße darüber wie über fantastisch aussehende Filmstars. Man muss einem Mann nicht seine Titten unter die Nase halten, um ihm zu demonstrieren, dass man auf der Suche nach einem Abenteuer ist. Selbst Frauen mit dem verklemmten Bibliothekarinnen-Look wie ich lassen sich, mit heruntergezogenem Höschen an eine raue Hauswand gedrückt, vögeln.

Oder zumindest habe ich das vor drei Jahren getan, als ich das letzte Mal darauf aus war. Im Sweet Heaven war ich nicht darauf aus gewesen, sondern wollte lediglich meine Schokoladensucht befriedigen. Warum aber war ich dann mit ihm etwas trinken gegangen? Warum hatte ich ihn gebeten, mich nach Hause zu begleiten und mich darüber geärgert, als er mich mit einem kurzen Winken einfach an der Tür stehen ließ?

Die Tatsache, dass ich an diesem Tag nicht nach einem Abenteuer gesucht hatte, machte es nur noch schlimmer. Hätte ich ihn in einer Bar statt im Sweet Heaven kennengelernt, hätte ich mein Haar offen getragen, die Bluse aufgeknöpft – hätte er mich dann gebeten, hineinkommen zu dürfen? In meinen Körper zu dürfen? Hätte er mich vor der Tür geküsst, mich an der Hüfte umfasst und fest an sich gedrückt?

Ich würde es nie erfahren.

Den ganzen Tag dachte ich an ihn, auch den nächsten, und mein Begehren stieg stetig an, als würde man Wasser in eine Vase voller Steine gießen. Die Gedanken an ihn füllten meine wachen Stunden aus, schlichen sich in meine Träume und sorgten für verschwitzte Nächte zwischen zerwühlten Bettlaken.

Unablässig musterte ich mein Gesicht und fragte mich, was er darin entdeckt hatte, um mit mir in eine Kneipe zu gehen, aber nicht ins Bett. Hatte ich irgendetwas falsch gemacht? Hatte ich etwas Falsches gesagt, eine Schwäche gezeigt, über seine Witze zu laut gelacht oder vielleicht nicht laut genug?

Mir war klar, wie obsessiv ich mich aufführte, wie ich immer und immer wieder jede gemeinsame Sekunde mit ihm in meinem Kopf kreisen ließ und aus allen möglichen Blickwinkeln betrachtete. Wie ich analysierte, kalkulierte und grübelte.

Ich konnte nicht vergessen, wie sein Atem mich gestreift hatte, als er mir ins Ohr flüsterte: „Mögen Sie Lakritze?“

Ich konnte die Wärme seiner Hand auf meiner nicht vergessen, als er mir nach dem ersten Schluck Whiskey gratulierte. Ich konnte das Blitzen seiner blaugrünen Augen oder die kleine, aber perfekte Kerbe in seinem Kinn nicht vergessen, auch nicht die blassen Sommersprossen auf seiner Nase und der Stirn. Genauso wenig wie seine Stimme und sein Lachen, diese tiefe, warme Tonlage, die in mir den Wunsch weckte, mich an ihm zu reiben wie eine schnurrende Katze.

Als ich das letzte Mal einen Mann in einer Bar aufgabelte, habe ich ihn mit nach Hause genommen, wo er sich über meinen Rock ergoss und nach Bier riechende Tränen auf mein Gesicht tropfen ließ. Dann beschimpfte er mich und wollte, dass ich ihm das Geld für all die Drinks zurückzahlte, die er mir ausgegeben hatte. Das war meine letzte schlechte Erfahrung, eine von vielen. Jungs, die mit ihrem Schwanz nicht richtig umgehen konnten, ältere Männer, die glaubten, zwei Minuten Rumgefummel gingen als Vorspiel durch, nett aussehende Kerle, die sich in brutale Scheißkerle verwandelten, kaum dass die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

Enthaltsamkeit schien mir die bessere Wahl, und was zunächst wie eine Herausforderung schien, wurde nach und nach zur Gewohnheit. Als ich ihn im Sweet Heaven traf, war es drei Jahre, zwei Monate, eine Woche und drei Tage her, dass ich das letzte Mal Sex gehabt hatte.

Und jetzt, mit diesem namenlosen Fremden in meinem Kopf, konnte ich an nichts anderes mehr denken. Wenn ein Mann auf der Straße meinen Blick auffing, krampfte sich mein Schoß zusammen wie Finger um eine Blume. Meine Brustwarzen rieben immerzu gegen den Stoff meines BHs. Mein Slip rieb an meiner Haut und drängte mich, den kleinen Knopf zu streicheln, ganz egal wo, wann oder unter welchen Umständen.

Ich war geil.

Bei meinen Verabredungen mit Männern ging es nie um Gefühle. Es ging darum, eine Leere in mir auszufüllen, die dunklen Wolken zu vertreiben, denen ich meist entkommen konnte, aber manchmal … eben nicht. Ich ging in Kneipen, auf Partys und in den Park, um Männer zu finden, die mich für ein paar Stunden ablenken konnten, mich alles vergessen ließen, was in mir vorging. Ich benutzte Sex, um den Schmerz in mir zu betäuben. Das wusste ich. Ich wusste, warum ich es tat. Ich wusste, warum ich wie eine Bibliothekarin aussah und mich wie eine Nutte aufführte.

Bis jetzt hatte es keine Rolle gespielt. Ich hatte Männer getroffen, die mich zum Lachen brachten, zum Stöhnen und sogar einige wenige, bei denen ich gekommen bin. Bis jetzt hatte ich keinen getroffen, den ich nicht vergessen konnte.

Zwei Wochen lang stolperte ich auf diese Weise durchs Leben. Weil ich mit Zahlen so gut umgehen kann, litt meine Arbeit nicht darunter, alles andere allerdings schon. Ich vergaß, Rechnungen zu bezahlen, Kleider aus der Reinigung zu holen, meinen Wecker zu stellen.

An diesen Frühlingstagen wurde es immer noch früh genug Abend, sodass ich manchmal im Dunkeln nach Hause fuhr. Ich saß im Bus auf meinem üblichen Platz, den Mantel und die Aktentasche ordentlich über meinen Schoß gebreitet, die Beine übereinandergeschlagen. Ich starrte aus dem Fenster und stellte mir sein Gesicht vor und seinen Atem, und dann, mit der Hilfe des schaukelnden Busses, legte ich los.

Zuerst spannte ich die Muskeln meiner Schenkel rhythmisch an. Meine Klit wurde zu einem kleinen, harten Knoten und rieb an dem weichen Stoff meines Slips. Versteckt unter dem Mantel und der Aktentasche, rutschte ich auf meinem Sitz herum. Bei meinen züchtig gefalteten Händen wäre niemand jemals auf die Idee gekommen, was ich da tat.

Die silbernen Lichtstreifen der Straßenlampen wanderten über meinen Schoß die Brust hinauf, um hinter mir zu verschwinden und mich in Dunkelheit zu tauchen, die kurz darauf erneut von einem Lichtstrahl durchbrochen wurde. Ich begann meinen Rhythmus den Lichtern anzupassen.

In meinem Bauch machte sich ein angenehmes Gefühl breit. Ich hielt die Luft an und ließ sie leise durch meine halb geöffneten Lippen entweichen, bis meine Lungen zu brennen begannen. Dabei blickte ich stur durchs Fenster nach draußen, ohne etwas zu erkennen. Ab und zu spiegelte sich der Geist meines Gesichts im Fenster, dann stellte ich mir vor, dass er mich ansah.

Meine Finger über der Aktentasche verkrampften sich, die Füße bewegte ich auf und ab, auf und ab, während ich die Schenkel zusammenpresste und so meine Klit mit kleinen, aber perfekten Bewegungen liebkoste. Ich sehnte mich so sehr danach, meine Finger um die harte Perle kreisen zu lassen, sie in mich zu schieben und mich damit zu ficken, während der Bus auf sein Ziel zubrauste – aber ich tat es nicht. Ich schaukelte und presste, und jede Straßenlampe, an der wir vorbeikamen, trieb mich weiter auf den Höhepunkt zu.

Ich zitterte am ganzen Körper durch die Anstrengung, möglichst still zu sitzen, wo ich doch nichts anderes wollte, als mich zu winden. Nie zuvor hatte ich mir auf diese verstohlene Weise Genuss verschafft. Man masturbierte allein zu Hause, im Bad oder im Bett, kurz und schmerzlos, um die Spannung zu lösen. Aber das hier geschah fast gegen meinen Willen. Meine Gedanken an ihn, die Bewegungen des Busses, meine Enthaltsamkeit, alles zusammen sorgte dafür, dass mein Körper von einem Feuer verzehrt wurde, das nur ein Orgasmus löschen konnte.

Schweiß rann meinen Rücken hinunter und in meine Pospalte. Dieses feine Kitzeln, das so sehr an die Berührung einer Zunge erinnerte, gab mir schließlich den Rest. Mein Körper wurde steif. Meine Nägel hinterließen winzige Linien im Leder meiner Aktentasche. Meine Perle zuckte und krampfte sich zusammen, pures Glück schoss durch meinen ganzen Körper.

Ich erbebte, zog aber weniger Aufmerksamkeit auf mich, als wenn ich hätte niesen müssen. Ich tarnte mein Aufstöhnen mit einem Hüsteln, das kaum jemand wahrnahm. Ich fühlte mich entspannt und sank erschöpft in meinem Sitz zusammen, während der Bus zum Halten kam.

Meine Haltestelle.

Mit zittrigen Beinen stand ich auf, überzeugt davon, dass der Duft nach Sex mich umgab wie Parfüm, aber niemandem schien das aufzufallen. Ich stieg aus, hob mein Gesicht zum Abendhimmel und ließ die feuchte Luft darüberstreichen. Es war mir egal, dass meine Bluse und mein Haar nass wurden.

Ich hatte mich in aller Öffentlichkeit selbst befriedigt, mir dabei sein Gesicht vorgestellt und kannte noch nicht mal seinen Namen.

Zumindest linderte diese Soloeinlage in einem öffentlichen Verkehrsmittel ein wenig meine Sehnsucht. Nun konnte ich mich wieder auf die Zahlen konzentrieren, die mit wunderbarer Zuverlässigkeit meine Gedanken ausfüllten. Ich stürzte mich in die Arbeit und übernahm von Bob Hoover einige wichtige Kunden. Er selbst war viel zu sehr damit beschäftigt, sich von Mr. Flynns Sekretärin einen blasen zu lassen.

Mir machte das nichts aus. Es bot mir die Möglichkeit, meinen Vorgesetzten zu beweisen, dass ich meinen Titel, mein Eckbüro und meine zusätzlichen Urlaubstage verdiente. Und ich musste keine Gründe erfinden, um länger im Büro zu bleiben, statt nach Hause in meine leere Wohnung oder in eine Bar zu gehen und meine Willenskraft zu erproben.

„Sex“, verkündete Marcy beim Mittagessen, “ist wie dieses Schokoladen-Éclair.“ Versonnen drehte sie eines der kleinen länglichen Dinger zwischen ihren Fingern.

Mir hatte sie einen Doughnut mit Puderzucker mitgebracht. „Du meinst: voller Sahne, und hinterher würde man sich am liebsten übergeben?“

Sie verdrehte die Augen. „Himmel, was für eine Art von Sexleben führst du eigentlich, Elle?“

„In letzter Zeit gar keines.“

„Ich bin schockiert.“ Ihr Ton bewies das Gegenteil. „Aber kein Wunder, bei dieser Einstellung.“

Marcy hatte zwar eine unmögliche Frisur und einen furchtbaren Klamottengeschmack, aber sie konnte mich zum Lachen bringen. „Dann erklär du mir, warum Sex wie dieses Eclair ist.“

„Zum einen ist es verführerisch genug, um dich alles andere vergessen zu lassen.“ Sie leckte etwas Schokolade von dem Gebäck. „Und zum anderen ist das gut so, weil es einen glücklich macht.“

Ich rutschte auf meinem Stuhl ein wenig nach hinten und betrachtete sie. „Ich vermute, du hattest letzte Nacht Sex?“

Als sie ein unschuldiges Gesicht aufsetzte, wurde mir etwas klar: Ich mochte sie. Sie klimperte mit den Wimpern. „Wer? Diese kleine Alte hier?“

„Ja, du.“ Ich legte den Doughnut zurück in die Schachtel und nahm stattdessen das letzte Éclair. „Und du kannst es kaum erwarten, mir davon zu erzählen. Also hör auf, Zeit zu verschwenden und leg los, bevor wieder ein Kollege reinkommt und wir dann so tun müssen, als ob wir über die Arbeit sprächen.“

Marcy lachte. „Ich war mir nicht sicher, ob du es hören willst.“

Ich musterte sie. „So denkst du von mir, nicht wahr? Du glaubst, dass ich Sex nicht mag?“

Sie blickte mich über ihren schokoladenverklebten Teller an, mit ernstem Lächeln und einem etwas merkwürdigen Ausdruck in ihrem Blick. Etwas wie Mitleid. Ich runzelte die Stirn.

„Ich weiß nicht, Elle. Dazu kenne ich dich nicht gut genug, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass du eigentlich nichts besonders magst, von deiner Arbeit mal abgesehen.“

Etwas zu hören, was man sowieso weiß, sollte eigentlich keine Überraschung sein, und doch ist es meist so. Ich wollte etwas entgegnen, doch plötzlich war mein Hals wie zugeschnürt, Tränen brannten in meinen Augen. Ich blinzelte sie weg und legte eine Hand auf meinen Magen, der sich bei ihren Worten zusammengezogen hatte.

Marcy war trotz ihres Auftretens als naive Blondine alles andere als dumm. Sie drückte meine Hand, bevor ich sie wegziehen konnte, und ließ sie schnell wieder los.

„Hey“, sagte sie sanft. „Ist schon gut. Wir alle haben unsere Probleme.“

Genau in diesem Moment hatte ich die Chance, Marcy als Freundin zu gewinnen. Als wirkliche Freundin. Ich habe schon so oft kurz vor etwas gestanden, und fast immer war ich zurückgeschreckt. Sobald die Wahrheit eine Tür öffnen konnte, log ich. Sobald ein Lächeln eine Verbindung tiefer werden lassen konnte, wandte ich das Gesicht ab.

Aber dieses Mal, überraschend für mich und wahrscheinlich auch für sie, tat ich es nicht. Ich lächelte sie an. „Erzähl mir von deinem Date gestern Abend.“

Und das tat sie. So detailliert, dass ich rot wurde. Das war die schönste Mittagspause, die ich je hatte.

Als es Zeit war, zurück in unsere Büros zu gehen, hielt sie mich kurz zurück. „Ich finde, du solltest irgendwann mal mitkommen.“

Ich gestattete ihr, wieder meine Hand zu drücken, weil sie so ernsthaft wirkte und weil wir so viel Spaß miteinander hatten. „Klar.“

„Wirklich?“, kreischte sie, und aus dem Händedruck wurde eine spontane Umarmung, bei der mein ganzer Körper sich versteifte. Marcy klopfte mir auf den Rücken und trat einen Schritt zurück. Falls ihr aufgefallen war, dass ich mich bei der Umarmung in einen Holzklotz verwandelt hatte, so erwähnte sie es nicht. „Gut.“

„Gut.“ Ich nickte lächelnd.

Ihre Begeisterung war ansteckend, und es war lange her, dass ich eine Freundin gehabt hatte. Später, an meinem Schreibtisch, ertappte ich mich dabei, wie ich vor mich hin summte.

Doch Euphorie hält auch unter den besten Umständen nicht lange an, und als ich später meine Wohnungstür aufschloss und den Anrufbeantworter blinken sah, löste sich meine Hochstimmung sofort in Luft auf.

Ich werde nicht oft zu Hause angerufen. Sprechstundenhilfen, Telefonmarketing, falsch verbunden, mein Bruder Chad … und meine Mutter. Die blinkende Vier schien sich über mich lustig zu machen, während ich die Post auf einen Tisch fallen ließ und den Schlüssel an einen kleinen Haken neben der Tür hängte. Vier Nachrichten an einem Tag? Die mussten alle von ihr sein.

Seine eigene Mutter zu hassen ist ein derartiges Klischee, dass Komiker auf der Bühne damit ihr Publikum zum Lachen bringen. Psychiater bauen ihre komplette Karriere darauf auf, diesen Hass zu diagnostizieren. Die Grußkartenindustrie stochert in dieser Wunde und verursacht bei den Kunden ein derart schlechtes Gewissen, dass sie freiwillig fünf Dollar für ein Stück Papier bezahlen, auf denen ein paar nette Worte stehen, die sie nicht selbst geschrieben haben und ein Gefühl beschwören, das sie nicht kennen.

Ich hasse meine Mutter nicht.

Ich habe es versucht, wirklich. Denn wenn ich sie hassen würde, könnte ich sie vielleicht endlich aus meinem Leben verbannen, fertig mit ihr sein, den Schmerzen, die sie mir zufügt, ein Ende bereiten. Doch die traurige Tatsache ist, dass ich nicht gelernt habe, meine Mutter zu hassen. Das Beste, was mir gelingt, ist, sie zu ignorieren.

„Ella, nimm ab.“

Die Stimme meiner Mutter klang wie ein Nebelhorn, das voller Verachtung die anderen Schiffe warnt, auf Abstand zu mir zu bleiben, dem Grund all ihrer Enttäuschung. Ich kann sie nicht hassen, aber ich kann ihre Stimme hassen und dass sie mich Ella und nicht Elle nennt.

Ella ist der Name für ein Waisenkind, das sich in der Gosse herumdrückt. Elle ist viel eleganter. So heißt eine Frau, die von den Leuten ernst genommen werden will. Sie besteht darauf, mich Ella zu nennen, weil sie weiß, dass mich das ärgert.

Bis zur vierten Nachricht hatte sie mir erklärt, wie wenig lebenswert das Leben mit einer so undankbaren Tochter wie mir sei. Dass die Tabletten, die der Arzt ihr verschrieben hatte, nicht halfen. Wie peinlich es sei, die Nachbarin Karen Cooper bitten zu müssen, für sie in die Apotheke zu gehen, wo sie doch eine Tochter hätte, die sich eigentlich um sie kümmern müsste.

Sie hat auch einen Mann, der für sie gehen könnte, aber auf diese Idee kam sie nie.

„Und vergiss nicht“, ich schrak zusammen, als ihre Stimme plötzlich lauter wurde, “du hast gesagt, du würdest uns bald besuchen.“

Daraufhin entstand eine kurze Pause, als ob sie überzeugt wäre, dass ich doch zu Hause war und sie nur lange genug zu warten bräuchte, bis ich aufgab. Dann klingelte das Telefon wieder. Resigniert nahm ich ab. Ich machte mir nicht die Mühe, mich zu verteidigen. Sie sprach volle zehn Minuten, bis ich endlich die Chance hatte, etwas zu sagen.

„Ich war bei der Arbeit, Mutter“, erklärte ich, als sie kurz schwieg, um sich eine Zigarette anzuzünden.

Sie zischte verächtlich. „So lange!“

„Ja, Mutter. So lange.“ Es war zehn nach acht. „Ich fahre mit dem Bus nach Hause, das weißt du doch.“

„Aber du hast doch dieses schicke Auto. Warum fährst du nicht damit?“

Ich wollte ihr nicht schon wieder sämtliche Gründe dafür aufzählen, warum ich zwar ein Auto besaß, aber trotzdem öffentliche Verkehrsmittel benutzte, was schneller und bequemer war. Sie hätte ja sowieso nicht hingehört.

„Du solltest endlich einen Ehemann finden“, sagte sie, und ich unterdrückte ein Stöhnen. Die Tirade näherte sich ihrem Ende. „Wobei ich nicht weiß, wie dir das jemals gelingen soll. Männer mögen es nicht, wenn Frauen klüger sind als sie. Oder mehr Geld verdienen. Oder …“, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, “… nicht richtig auf sich achten.“

„Ich achte auf mich, Mutter.“ Ich meinte das finanziell gesehen. Sie dagegen sprach von Maniküre und Kosmetikbehandlungen.

„Ella.“ Ihr Seufzen am anderen Ende klang sehr laut. „Du könntest so hübsch sein …“

Während sie sprach, sah ich in den Spiegel und betrachtete das Gesicht einer Frau, die meine Mutter nicht kannte. „Mutter. Es reicht. Ich lege auf.“

Ich stellte mir vor, wie sie ihren Mund verzog, weil ihre einzige Tochter sie unfair behandelt hatte. „Gut.“

„Ich rufe dich bald an.“

Sie schnaubte. „Vergiss nicht, dass du mich bald besuchen wolltest.“

Allein bei der Vorstellung tat sich ein Abgrund vor mir auf. „Ja, ich weiß, aber …“

„Du musst mit mir zum Friedhof gehen, Ella.“

Die Frau in dem Spiegel sah erschrocken aus. Dabei war ich gar nicht erschrocken. Ich fühlte gar nichts. Egal was mein Spiegelbild zeigte.

„Ich weiß, Mutter.“

„Bilde dir nicht ein, dass du dich dieses Jahr wieder herausreden kannst …“

„Auf Wiederhören, Mutter.“

Während sie noch weiterquakte, legte ich auf und wählte umgehend eine andere Nummer. „Marcy, hier ist Elle.“

Marcy reagierte Gott sei Dank erfreut, als ich ihr Angebot annahm, mit ihr nach der Arbeit auszugehen. Und genau diese Reaktion brauchte ich. Bei zu viel Begeisterung hätte ich es mir vielleicht noch einmal anders überlegt, bei zu wenig gleich alles wieder zurückgenommen.

Blue Swan“, sagte sie mit fester Stimme, als würde sie mir die Hand reichen, um mir über eine schwankende Brücke zu helfen. Und im Grunde war es auch so. „Kleiner Laden, aber die Musik ist gut, und die Leute sind ganz unterschiedlich. Außerdem ist es nicht zu teuer und kein Anmach-Schuppen.“

Wie süß von ihr, dass sie nach wie vor glaubte, ich hätte Angst vor Männern. Sie konnte ja nicht wissen, dass ich früher einmal mit vier verschiedenen Männern in ebenso vielen Tagen geschlafen hatte. Sie wusste nicht, dass es nicht der Sex war, vor dem ich mich fürchtete. Ihre Freundlichkeit ließ mich lächeln, und wir beschlossen, am Freitag nach der Arbeit dorthin zu gehen. Warum ich meine Meinung geändert hatte, wollte sie gar nicht wissen.

Ich legte auf und starrte noch immer die Frau im Spiegel an. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Sie tat mir leid, diese Frau mit dem dunklen Haar, diese Frau, die immer nur Schwarz und Weiß trug. Die hätte hübsch sein können, wenn sie nur mehr auf sich geachtet hätte, wenn sie nur nicht so intelligent wäre und so viel Geld verdiente. Sie tat mir leid, aber ich beneidete sie, weil sie zumindest weinen konnte und ich nicht.

2. KAPITEL

Eine Gestalt in Schwarz erwartete mich, als ich am frühen Donnerstagabend, ausnahmsweise zeitiger als sonst, von der Arbeit kam. Schwarzes Sweatshirt, die Kapuze über das schwarz gefärbte Haar gezogen. Schwarze Jeans und Turnschuhe. Schwarz lackierte Fingernägel.

„Hi Gavin.“ Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, und er stand auf.

„Hi Miss Kavanagh. Kann ich Ihnen beim Tragen helfen?“

Er nahm mir die Tüte aus der Hand, bevor ich protestieren konnte, und folgte mir hinein. Dort hängte er sie ordentlich an den Haken neben der Tür. „Ich bringe Ihnen Ihr Buch zurück.“

Gavin wohnte nebenan. Seine Mutter hatte ich noch nicht kennengelernt, aber ich sah sie oft, wenn sie zur Arbeit ging. Und ich hörte gelegentlich Stimmen durch die Wand, weshalb ich meinen Fernseher auch nie zu laut stellte.

„Hat es dir gefallen?“

Er zuckte mit den Schultern und legte das Buch auf den Tisch. „Nicht so gut wie das erste.“

Ich hatte ihm Der Ritt nach Narnia von C. S. Lewis ausgeliehen. „Viele Leute haben nur Der König von Narnia gelesen, Gav. Möchtest du das nächste auch?“

Der fünfzehnjährige Gavin sah aus wie ein typischer Möchtegern-Gothic mit seinen Jack-Skellington-Klamotten und dem dick aufgetragenen Kajal. Dabei war er ein ganz netter Junge, der gerne las und viele Freunde zu haben schien. Vor etwa zwei Jahren tauchte er an meiner Tür auf, um zu fragen, ob er meinen Rasen mähen dürfe. Da ich nur ein kleines Stückchen Rasen von der Größe eines Kleinwagens habe, brauchte ich eigentlich keinen Gärtner. Weil er so ernsthaft wirkte, heuerte ich ihn aber trotzdem an.

Inzwischen half er mir dabei, Tapeten herunterzureißen und den Boden abzuschleifen, und er lieh sich Bücher aus. Er war still, höflich und viel fröhlicher, als ein Gothic-Kid eigentlich sein dürfte. Und er war sehr geschickt darin, den restlichen Kleister abzukratzen, nachdem wir Tapetenschichten der letzten zwanzig Jahre von meinen Esszimmerwänden gerissen hatten.

„Ja, klar. Ich bringe es Ihnen am Montag zurück.“

Gavin folgte mir in die Küche, wo ich eine Schachtel mit Schokokeksen auf den Tisch stellte. „Bring es mir zurück, wann immer du magst.“

Er nahm sich einen Keks. „Brauchen Sie heute Abend bei den Tapeten noch Hilfe?“

Wir sahen einander an, und ich blinzelte. Er sah erschrocken aus. Ich musste mich wegdrehen, um ihn mit meinem Lachen nicht zu beleidigen.

„Ich bin fertig“, gelang es mir, zu antworten. „Allerdings könnte ich Hilfe beim Spachteln einer Wand brauchen, wenn du magst.“

„Klar, klar.“ Er klang erleichtert.

Ich steckte eine Tiefkühlpizza in den Ofen. „Und wie geht es dir, Gav? Ich habe dich schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen.“

„Oh. Meine Mom … sie heiratet wieder.“

Ich nickte und deckte den Tisch mit Tellern und Gläsern. Wie sprachen meist nicht sehr viel, Gavin und ich, was uns beiden nur recht war. Er half mir dabei, mein Haus zu renovieren, und ich entlohnte ihn mit Keksen und Pizza, mit Büchern und einfach mit einem Ort, wo er hingehen konnte, wenn seine Mutter nicht da war, was recht oft der Fall zu sein schien.

Ich gab ein unverbindliches Murmeln von mir, während ich Milch in die Gläser füllte. Gavin nahm zwei Servietten aus dem Küchenschrank und wusch sich die Hände, bevor er sich setzte. Sein schwarzer Nagellack war abgesplittert.

„Sie sagt, der Typ wäre der Richtige.“

Nachdem ich geriebenen Käse und Knoblauchpulver auf den Tisch gestellt hatte, warf ich ihm einen Blick zu. „Das ist schön für sie.“

„Ja.“ Er zuckte die Achseln.

„Werdet ihr umziehen?“

Seine dunklen Augen in dem bleichen Gesicht wurden groß. „Ich hoffe nicht?“

„Das hoffe ich auch. Mein komplettes Esszimmer muss noch gestrichen werden.“ Ich lächelte ihn an, und nach kurzem Zögern lächelte er zurück.

Man musste nicht Gedanken lesen können, um zu ahnen, dass ihn etwas quälte, und auch nicht gerade ein Genie sein, um zu wissen, was. Ich hätte mich nun als Mentorin aufspielen, ihm verständnisvolle Fragen stellen können. Aber wir hatten keine solche Beziehung, in der man sich gegenseitig das Herz ausschüttete. Er war der Nachbarsjunge, der mir beim Renovieren half. Ich weiß nicht, was ich für ihn verkörperte, aber mit Sicherheit nicht seine Therapeutin.

Die Uhr am Ofen klingelte, und ich legte brutzelnde Pizzastücke auf die Teller. Er streute Knoblauchpulver darüber, ich geriebenen Käse. Beim Essen diskutierten wir über das Buch, das ich ihm geliehen hatte und über unsere Lieblings-Krimiserie im Fernsehen. Wir fragten uns, ob in der nächsten Folge der Name des Mörders verraten werden würde. Später räumten wir zusammen die Geschirrspülmaschine ein, und Gavin warf die Pizzareste weg. Als ich umgezogen aus dem ersten Stock wieder nach unten kam, hatte er bereits die Folie auf dem Boden ausgebreitet und eine Dose mit Voranstrichmittel geöffnet.

Dann hörten wir Musik und malten einige Zeit vor uns hin, bis er nach Hause gehen musste. Zuvor durchstöberte er meine Bücherregale und suchte sich ein weiteres Buch aus.

„Worum geht es hier?“ Er hob die ramponierte Ausgabe von Der kleine Prinz in die Höhe.

„Um einen kleinen Prinzen aus dem All.“ Das war die leichte Antwort. Jeder, der diese Geschichte von Antoine de Saint-Exupéry gelesen hat, weiß, dass es um viel mehr geht.

„Cool. Darf ich das auch mitnehmen?“

Ich zögerte. Das Buch war ein Geschenk gewesen. Zugleich stand es aber auch seit Jahren im Regal und setzte Staub an, ohne dass ich es auch nur eines Blickes gewürdigt hatte. „Sicher.“

Da grinste er mich zum ersten Mal an diesem Abend an. „Toll. Danke, Miss Kavanagh?“

Nachdem er gegangen war, starrte ich einen Moment auf die leere Stelle in dem Regal, bevor ich anfing aufzuräumen.

In dieser Nacht träumte ich von einem Raum voller Rosen und wachte keuchend mit weit aufgerissenen Augen auf. Zwar verscheuchte ich den Traum, indem ich das Licht anknipste, aber gegen die Dunkelheit meiner Gedanken konnte es nichts ausrichten. Ein paar Minuten blieb ich liegen, bevor ich mich geschlagen gab und nach dem Telefonhörer griff.

„Haus der Lust.“

Ich musste lächeln. „Hallo Luke.“

Ich habe den Liebhaber meines Bruders nie kennengelernt. Die beiden leben in Kalifornien, eine ganze Welt entfernt von meinem sicheren Nest in Pennsylvania. Chad kommt nie nach Hause. Und ich hasse es, zu fliegen. Insofern hat ein Treffen bisher nicht stattgefunden.

Trotzdem waren wir einander nicht fremd, und seine nächsten Worte wärmten mich von innen. „Wie geht es meinem Mädchen?“

„Mir geht's gut.“

Luke schnalzte mit der Zunge, sagte aber nichts weiter. Kurz darauf war Chad am Apparat und benahm sich weniger rücksichtsvoll.

„Hier ist es schon nach Mitternacht, Süße. Was ist los?“

Chad ist mein jüngerer Bruder, was allerdings niemand glauben würde, so wie er mich bemuttert. Ich kuschelte mich tiefer in mein Kissen und zählte die Risse in der Decke. „Ich kann nicht schlafen.“

„Schlecht geträumt?“

„Ja.“ Ich schloss die Augen.

Er seufzte. „Was ist los, Mäuschen? Hackt deine Mutter wieder auf dir herum?“

Ich wies ihn nicht darauf hin, dass es sich dabei auch um seine Mutter handelte. „Sie hackt nicht mehr als sonst auf mir herum. Sie will, dass ich mit ihr gehe.“

Ich musste ihm nicht sagen, wohin. Chad gab einen empörten Ton von sich, ich konnte mir sein Gesicht genau vorstellen und musste lächeln – und das war ja schließlich der Grund, weshalb ich ihn angerufen hatte.

„Sag der alten Hexe, dass sie dich verdammt noch mal in Ruhe lassen soll. Sie kann selbst fahren, wohin zur Hölle sie auch immer will. Sie soll endlich ihre gemeinen Klauen von dir lassen.“

„Du weißt genau, dass sie nicht fahren kann, Chaddie.“

Er ließ eine Tirade von Flüchen und farbenfrohen Beleidigungen los.

„Deine Kreativität und deine Vehemenz sind beeindrucken?“, erklärte ich ihm. „Du bist ein wirklicher Meister der Beschimpfungen.“

„Und, geht es dir jetzt besser?“

„Wie immer.“

Er schnaubte. „Was gibt es sonst noch?“

Ich dachte an den Mann, den ich im Sweet Heaven getroffen hatte. „Nichts.“

Chad schwieg, um mir die Gelegenheit zu geben, noch etwas hinzuzufügen, und als ich es nicht tat, schnaubte er erneut. „Ella, Baby, Süße, Schnuckel. Bei dir ist es mitten in der Nacht, und du rufst mich doch bestimmt nicht an, um über die alte Hexe zu sprechen. Da ist noch etwas. Raus damit.“

Ich liebe meinen Bruder von ganzem Herzen, aber ich konnte ihm auf keinen Fall von meiner lüsternen Fixierung auf einen Fremden erzählen, der einen Hang zu merkwürdigen Krawatten und schwarzen Lakritzen hatte. Manche Dinge sind einfach zu persönlich, um sie mit jemandem zu teilen, nicht einmal mit jemandem, der deine dunkelsten Geheimnisse kennt. Ich murmelte etwas über die Arbeit und mein Haus, was er als Antwort nur zögerlich akzeptierte, aber immerhin.

Danach sprachen wir über seine Arbeit in einem Altenheim, von seinen Plänen, Lukes Familie zu treffen und über den Hund, den die beiden sich anschaffen wollten. Er führte ein angenehmes kleines Leben, mein Bruder. Guter Job. Hübsches Haus. Ein Partner, der ihn liebte und unterstützte. Ich entspannte mich, während er sprach, mein Körper verschmolz mit dem Bett, und so langsam bekam ich den Eindruck, doch wieder einschlafen zu können.

Als er die Bombe platzen ließ.

„Luke möchte Kinder.“ Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden.

Ich mag ja gelegentlich ein wenig eigenartig sein, aber selbst ich wusste, dass die angemessene Antwort auf diese Bekanntmachung nicht lautete: Was zum Teufel soll das?, sondern eher: Oh, das klingt gut.

Ich sagte nichts von beidem. „Was möchtest du denn, Chaddie?“

Er seufzte. „Keine Ahnung. Er meint, ich wäre ein wunderbarer Vater. Ich bin mir da nicht so sicher.“

Ich hatte keinen Zweifel daran, wusste aber auch, warum ihm die Vorstellung Angst machte. „Du hast sicher viel Liebe zu geben.“

„Ja, aber Kinder … Kinder brauchen auf jeden Fall jede Menge … davon.“

„Stimmt.“

Wir schwiegen eine Weile, durch die Entfernung getrennt, aber in unseren Gefühlen vereint. Schließlich räusperte er sich. Als er wieder sprach, klang er wie immer.

„Wir denken ja bisher nur darüber nach. Ich bin der Meinung, wir sollten uns erst mal diesen Hund anschaffen. Sehen, wie wir damit zurechtkommen.“

Nicht einmal für ein Haustier würde ich die Verantwortung übernehmen wollen.

„Wird schon werden, Chad. Und egal, wofür du dich entscheidest, du weißt, dass ich immer für dich da bin.“

„Tante Ella.“ Er lachte.

„Tante Elle“, korrigierte ich ihn.

„Elle“, bestätigte er. „Ich hab dich lieb, mein Hasenschnäuzchen.“

Das war einer seiner groteskeren Kosenamen, aber ich wollte nicht mit ihm zanken. „Ich hab dich auch lieb, Chad. Gute Nacht.“

Nachdem wir aufgelegt hatten, begann ich zu grübeln. Ein Kind? Mein Bruder … ein Vater?

Mit dem Bild von lachenden Babys vor Augen schlief ich wieder ein, und das war bedeutend angenehmer, als rote Rosen zu sehen.

Der Freitag kam schneller, als ich erwartet hatte. Das Blue Swan kannte ich nicht, aber es war dort genau so, wie Marcy gesagt hatte. Man hatte eher das Gefühl, in einem intimen kleinen Café mit Tanzfläche zu sein, Dancefloor-Musik, angenehmes blaues Licht, weiche Sofas, eine interessante Auswahl an Drinks, und an der schwarz gestrichenen Decke blinkten Sterne.

Marcy stellte mich ihrem neuen Freund vor, Wayne. Er sah aus, wie man als leitender Angestellter aussieht, mit Hundert-Dollar-Haarschnitt und schicker Designerkrawatte, einfarbig, ohne Totenköpfe und gekreuzte Knochen. Er schüttelte mir die Hand und, das muss man ihm lassen, nahm meine Brüste nicht übertrieben unter die Lupe. Er bezahlte sogar meine erste Margarita.

Marcy grinste. „Willst du es mal so richtig krachen lassen, Elle?“

„Ach, ein Drink ist schon in Ordnung. Nicht jeder ist so 'ne kleine Schnapsdrossel wie du, Babe.“ Was wie eine Beleidigung hätte klingen können, klang aus Waynes Mund liebevoll, er hatte den Arm hinter ihr auf die Lehne gelegt und spielte mit ihren langen Locken. „Glaub mir, Elle, wir werden Marcy später raustragen müssen.“

Marcy schnitt eine Grimasse und verpasste ihm einen Stoß, wirkte jedoch überhaupt nicht verärgert. „Hör gar nicht hin.“

„Hey, solange du mich hinterher flachlegst“, sagte Wayne, “ist es mir völlig egal, wie betrunken du bist …“

Diesmal schlug sie ihn schon ernsthafter. „Hey?“

Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu, aber ich zuckte mit den Schultern, nicht so verlegen, wie sie offenbar erwartete. In Wahrheit trank ich viel zu gern, als dass ich eine ernsthafte Trinkerin sein könnte. Mir gefiel das Gefühl, alles zu vergessen, selbst mein stetiges Bedürfnis, zu zählen und zu rechnen wurde davon verjagt.

Alkohol ist die Schlinge, an der mein Vater sich nach wie vor versucht aufzuhängen. Ich kann verstehen, warum er das tut. Ich meine, immerhin ist er mit meiner Mutter verheiratet. Und nun, als Rentner mit Mitte sechzig, ist der Alkohol Beruf und Hobby zugleich, vielleicht auch sein Schutzschild. Ich weiß es nicht. Wir sprechen nicht darüber. Wir sind nicht die einzige Familie, die alles Mögliche unter den Teppich kehrt, aber wen interessieren schon andere Familien, wenn man mit seiner eigenen auskommen muss?

„Also, du bist eine Kollegin von Marcy?“ Damit sammelte Wayne noch mehr Pluspunkte, denn die Frage klang ehrlich interessiert.

„Ja. Marcy ist zwar in der Bilanzbuchhaltung und ich kümmere mich um die Buchführung großer Unternehmen, aber wir arbeiten für dieselbe Firma.“

Wayne lachte. „Ich kümmere mich eher um Morde und Hinrichtungen.“

„Wayne!“ Marcy verdrehte die Augen. „Er meint …“

„Fusionen und Übernahmen, hab schon kapiert.“

Wayne wirkte sehr beeindruckt. „Du kennst American Psycho?“

„Klar.“ Ich nippte an meinem Getränk.

„Wayne hält sich für Patrick Batema?“, erklärte Marcy. „Allerdings ohne die ärgerliche Angewohnheit, Prostituierte mit einer Kettensäge aufzuschlitzen.“

„Nun“, entgegnete ich gedehnt, “niemand ist perfekt.“

Dafür schenkte er mir ein Lächeln. „Du, Marcy, ich mag deine Freundin.“

Sie sah mich an. „Ich auch.“

Manchmal teilt man einen besonderen Augenblick mit jemandem, der nichts damit zu tun hat, wer man ist oder wie man lebt. Marcy und ich kicherten so mädchenhaft, wie ich es nicht gewohnt war, aber ich genoss es trotzdem. Wayne betrachtete uns abwechselnd, dann zuckte er angesichts unserer weiblichen Albernheit die Schultern.

„Auf Morde und Hinrichtungen“, rief er begeistert und hob dabei sein Bierglas. „Und auf alles Materialistische und Oberflächliche.“

Wir stießen miteinander an. Wir tranken. Wir unterhielten uns, obwohl wir über die Musik hinwegschreien mussten. Ich entspannte mich, der Alkohol und die Musik lockerten meine verkrampften Schultern.

„Jetzt bin ich dran“, protestierte ich, als Wayne eine weitere Runde bestellen wollte.

Er hob die Hände. „Ich will keinen Streit. Meine Mutter hat mir beigebracht, dass Frauen immer recht haben. Also los, Miss Kavanagh, du kannst die nächste Runde besorgen. Ich bin Manns genug, um die Großzügigkeit einer Frau zu genießen.“

„Oho!“, rief Marcy. „Du meinst, du bist schon so angetrunken, dass du keine Lust mehr hast, zur Bar zu gehen.“

Wayne zog sie zu sich für einen Kuss, der mir das Gefühl gab, ein Spanner zu sein. „Das auch.“

Das war mein Stichwort, um sie eine Weile allein zu lassen. Ich musste sowieso mal aufstehen, um abzuschätzen, wie beschwipst ich schon war. Zwei Drinks machten mir inzwischen deutlich mehr zu schaffen als noch vor ein paar Jahren.

Als ich bei der Theke ankam, war gerade jemand zur Seite gerückt, und der Barkeeper schenkte mir umgehend seine Aufmerksamkeit. Ich wusste, dass er fürs Flirten genauso bezahlt wurde wie fürs Mixen von Getränken, und doch wurde mein ganzer Körper bei seinem Lächeln mit Wärme durchflutet. Ich bin genauso wenig immun gegen so etwas wie alle andere Frauen. Ich lächelte zurück und bestellte zwei Bier und eine Flasche Wasser für mich.

„Das will sie gar nicht. Gib ihr einen Jameson.“

Ich drehte nicht mal den Kopf, um den Mann zu sehen, der mich seit drei Wochen im Geiste verfolgte, nickte nur, weil der Barkeeper auf mein Einverständnis wartete.

„Hallo“, sagte der Mann aus dem Sweet Heaven, und jetzt drehte ich mich um.

„Hallo.“

In den letzten Stunden war es richtig voll geworden, die Menschenmenge drückte uns aneinander. Mit einem verwirrenden Lächeln blickte er an mir herab. In dem blauen Neonlicht wirkten seine Augen dunkler, als ich sie in Erinnerung hatte.

„Wie schön, Sie hier zu treffen.“

Meine Finger schlossen sich um das Whiskeyglas, aber ich trank nicht. „Ja.“

Sein Blick wanderte über mein Gesicht wie ein Streicheln. Jemand stieß mich von hinten an, er ergriff meinen Arm knapp über dem Ellbogen, damit ich nicht stolperte. Er ließ nicht los.

„Wollen Sie den Whiskey nicht trinken?“ Er deutete mit dem Kinn auf das Glas, ohne mich aus den Augen zu lassen.

„Ich habe schon zu viel getrunken.“

Noch mehr Leute begannen von hinten zu schieben, wir wurden regelrecht aneinandergepresst. Er ließ die Hand meinen Arm hinunterwandern und legte sie auf meine Taille. Die Bewegung war so selbstverständlich, dass jeder Beobachter geglaubt hätte, wir würden uns seit Jahren kennen, eine Bewegung so unverhohlen, dass mir die Luft wegblieb.

„Ach so, Sie möchten ein braves Mädchen sein.“

Jedem anderen Mann, der mich Mädchen genannt hätte, hätte ich auf den Fuß getreten und vielleicht mein Getränk ins Gesicht geschüttet. Doch in seinem Fall lächelte ich. Wir kamen einander noch näher wie zwei Magnete, ohne dass die Menge uns hätte schieben müssen.

„Hängt von Ihrer Definition des Wortes brav ab.“

Seine Finger streichelten über meine Hüfte. „Flirten Sie mit mir?“

„Hätten Sie das gerne?“

„Möchten Sie tun, was ich gerne hätte?“ Bei dieser Frage, in mein Ohr geflüstert, begann mein Puls zu hämmern.

Wir standen bereits Bauch an Bauch zusammen. Sein Atem streichelte über mein Ohr und meinen Nacken.

Ich nickte. „Ja.“

„Ich möchte, dass Sie den Whiskey trinken.“

Ohne zu zögern, trank ich das Glas aus. Er brannte in meinen Eingeweiden und schickte flüssiges Feuer durch sämtliche Adern. Er hatte sich nicht gerührt, nur seine Hand lag jetzt über meinem Steißbein.

„Machen Sie Ihr Haar auf.“

Obwohl es ein Befehl war, klang es nach einer Bitte, und ich griff nach der Spange, öffnete sie und ließ mein Haar über die Schultern auf den Rücken fallen. Es streifte auch sein Gesicht, das noch immer sehr nah an meinem war.

„Tanzen Sie mit mir.“

Um mir in die Augen zu sehen, wich er ein wenig zurück, sein Lächeln war jetzt weniger irritierend, sein Blick leuchtender. Hungriger. Er nahm seine Hand nicht weg.

„Das ist es … was Sie wollen?“ Meine Worte klangen schüchtern, was gar nicht in meiner Absicht gelegen hatte. Sie sollten heißblütig klingen und zugleich verspielt.

Er nickte ernst, starrte mich lange an, und ich sah nichts anderes mehr. Spürte nichts anderes mehr als die Stellen meines Körpers, die gegen seinen drückten.

„Ja, das will ich.“

Also gab ich ihm, was er wollte. Auf der Tanzfläche war wenig Platz, aber die meisten tanzten sowieso nicht richtig. Sprangen vielleicht im Rhythmus auf und ab oder schlängelten den Körper, aber sie tanzten nicht.

Er zog mich in die Mitte, seine Hand lag auf meiner Hüfte, als wäre sie dafür gemacht. Sein Schenkel glitt zwischen meine Beine. Eine Unterhaltung war bei der dröhnenden Musik nicht möglich. Der Bass hämmerte seinen Rhythmus in meinen Magen, in meinen Hals, zwischen meine Beine. Die Menschenmenge wogte gegen uns wie das wilde Meer gegen Felsen.

Er lächelte nicht mehr, als ob es sich um eine ernste Sache handelte. Als ob er außer uns nichts wahrnehmen könnte, als ob seine Welt sich auf mich allein begrenzte. Ich erzitterte unter seinem Blick.

Als er die andere Hand etwas höherschob, fast unter meine Brust, erschrak ich ein wenig, sah auf, sah in diese Augen voller Licht und Dunkelheit und verlor mich darin.

Wir bewegten uns zusammen, meine Hand wanderte von seiner Schulter in seinen Nacken. Sein sandfarbenes Haar kitzelte mich. Die Wärme seiner Hand brannte sich durch meine Bluse. Hitze jagte durch meinen Bauch, da, wo wir uns aneinanderpressten.

Es war lange her, dass ich mit jemandem getanzt hatte, und eine Ewigkeit, seit mich ein Mann berührt hatte, seit ich mein eigenes Begehren in den Augen eines anderen widergespiegelt sah. Mir stockte der Atem, ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen, was er so aufmerksam beobachtete wie eine Katze, die eine Maus mit ihrem Blick fixiert.

Er rutschte mit der Hand höher meinen Rücken hinauf, um in mein Haar zu greifen. Zog meinen Kopf zurück und strich mit den Lippen über meinen Hals. Ich spürte, wie ich keuchte, konnte es aber nicht hören. Die Menschenmenge war jetzt wie ein einziger Körper, der sich zum lüsternen Beat der Musik bewegte. Ein einziges Wesen, in dessen Mitte wir uns befanden, so fest aneinandergepresst, dass ich nicht mehr wusste, wo ich aufhörte und er begann. Er berührte meine Brust durch den Stoff der Bluse. Ich blinzelte kurz und sah nichts als sein in Blau und Grün getauchtes Gesicht, über das die Farben im Rhythmus der Musik wischten.

Niemand achtete auf uns. Niemand sah uns. Wir waren Teil eines Ganzen geworden und blieben doch davon getrennt. Das Pärchen neben uns knutschte, während sie sich streichelten und drückten. Die Tanzfläche hatte sich in eine Orgie der Lust verwandelt, ich konnte es riechen, schmecken, ich sah es in seinen Augen und wusste, dass er es in meinen sah.

Schweiß lief mir den Rücken hinunter und schimmerte auf seiner Stirn. Nur noch Hitze und Rhythmus existierten. Sein Schwanz drückte sich fest gegen meinen Bauch, meine Lippen teilten sich, und er betrachtete meinen Mund, angestrengt, fast als ob er Schmerzen hätte.

Er strich über meinen Rücken und meinen Hintern, drückte mich gegen seine Erektion, und ich war verloren. Hatte mich in seinen Augen verloren, in seinen Berührungen, in der hämmernden Musik und meiner Lust. In meinem eigenen Begehren, das ich so lange geleugnet hatte und gegen das ich jetzt nicht länger ankämpfen konnte.

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