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Dir verzeih ich alles

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Allison Leigh

Dir verzeih ich alles

Obwohl der Rancher Cage Buchanan die schöne Belle Day wegen eines alten Familienzwistes hasst, muss er ihre Hilfe annehmen. Denn nur die erfahrene Physiotherapeutin kann seine geliebte Tochter, die nach einem Reitunfall im Rollstuhl sitzt, heilen. Und als es Belle tatsächlich gelingt, Fortschritte bei Lucy zu erzielen, umarmt Cage sie spontan. Von Hass keine Spur mehr – stürmische Leidenschaft lässt ihn alles andere vergessen ...

1. KAPITEL

„Er ist kein Ungeheuer.“

Belle Day stellte die Scheibenwischer auf die schnellste Stufe, umfasste das Lenkrad des Jeeps fester und konzentrierte sich auf die fremde Straße. Sie kroch fast im Schneckentempo, um den schlimmsten Schlaglöchern auszuweichen.

Doch weder das Wetter, noch der Straßenzustand, noch die fremde Gegend machten ihr am meisten zu schaffen, sondern die Person, die am Ende der Fahrt auf sie wartete.

„Er ist kein Ungeheuer.“

Es war albern, mit sich selbst zu reden. Sie musste unbedingt damit aufhören. Nicht, dass sie ständig Selbstgespräche führte. Sie tat es nur, wenn sie nervös war.

Plötzlich rutschte ein Rad in eine tiefe Rille, die Belle übersehen hatte. Das Lenkrad ruckte heftig, und der ganze Wagen geriet ins Schwanken. Sie atmete tief durch und überlegte, ob sie am Straßenrand anhalten sollte. Aber je eher sie die Lazy B erreichte, umso eher konnte sie sich auch wieder verabschieden.

Warum habe ich mich bloß auf diese Sache eingelassen?

Weil ihr so viel daran lag, der kleinen Lucy Buchanan zu helfen, dass Belle es dafür sogar mit deren Vater aufnehmen wollte.

Der kein Ungeheuer ist.

Ihre Vorgängerin hatte mit ihren zahlreichen Beschwerden die Gerüchteküche von Weaver zwar heftig angeheizt, doch das hieß noch lange nicht, dass Belle ebenso schlechte Erfahrungen bevorstanden.

Nach einer weiteren Kurve entdeckte sie den gekrümmten Baum, den Cage ihr beschrieben hatte. Nun war es nur noch eine Viertelmeile.

Die Schlaglöcher wurden spärlicher, und sie brauchte nicht mehr zu befürchten, im Straßengraben zu landen. Aber es regnete immer noch in Strömen. Wo der Sturm nach wochenlangem strahlendem Sonnenschein so plötzlich hergekommen war, konnte sie sich nicht erklären. Er war wie extra bestellt – als schlechtes Omen für ihr Vorhaben.

Sie schüttelte den Kopf über diesen unsinnigen Gedanken. Nach der langen Hitzeperiode bedeutete der Regen eine Wohltat für die ausgedörrte Erde.

Nach der geschätzten Viertelmeile erreichte sie das Tor zur Ranch. Es war fest verschlossen, öffnete sich auch nicht wie von Zauberhand, nur weil sie es sich wünschte.

Widerstrebend stieg sie aus und rannte durch den Regen. Der schlammige Boden war glitschig, und beinahe wäre sie auf dem Po gelandet. Sie öffnete das breite Schwingtor, fuhr hindurch, stieg wieder aus und stieß die beiden schweren Flügeltüren zu. Und dann, weil sie sowieso schon total durchnässt war, spähte sie durch den Regenschleier zu Cage Buchanans Haus.

Es war ein relativ kleines Anwesen, ohne Verzierungen, und bot keinen besonders beeindruckenden Anblick. Eine Veranda verlief an der Vorderseite und ließ das nüchterne Backsteingebäude ein wenig heimeliger aussehen. Aber es wirkte stabil, selbst im Regen, der in Sturzbächen über das Dach rann und aus den Regenrinnen schoss.

Belle stieg wieder in den Jeep und fuhr weiter. Sie parkte in der Nähe des Eingangs. Trotz des Unwetters stand die Haustür offen. Aber ein Fliegengitter verhinderte unerwünschte Einblicke.

Mit dem Koffer in der Hand ging sie die Stufen neben der Rollstuhlrampe hinauf. Ein Golden Retriever lag vor der Tür, setzte sich zur Begrüßung auf und wedelte mit dem Schwanz.

„Bist du der Wachhund?“ Sie ließ ihn ihre Hand beschnüffeln, während sie die Sohlen ihrer Tennisschuhe an der Kante einer Stufe abstreifte. Der Regen löste die rotbraunen Schlammbrocken sofort auf und spülte sie hinunter. Unter dem Verandadach wischte Belle sich über das Gesicht und strich das Haar zurück. Ausgerechnet heute hatte sie sich keinen Pferdeschwanz gebunden. Sie hätte kaum aufgelöster aussehen können, selbst wenn sie es darauf angelegt hätte.

Belle klopfte an den Holzrahmen der Fliegentür und bemühte sich, ein Zittern zu unterdrücken. Obwohl sie völlig durchnässt war, fror sie nicht. Sie zitterte vor Nervosität, und das war ihr verhasst.

„Miss Day!“, erklang eine fröhliche junge Stimme aus dem Haus, und dann kam Lucy in Sicht. „Die Tür ist offen. Aber lassen Sie Strudel lieber draußen.“

„Strudel, soso.“ Belle tätschelte dem Tier mitfühlend den Kopf. „Tut mir leid, Junge.“ Sie trat ein und schloss die Fliegengittertür vor Strudels Nase, was er mit einem leisen Winseln quittierte.

Belle stellte den Koffer auf die Holzplanken und musterte flüchtig den Wohnraum, der mit altmodischen Polstermöbeln mit verblichenem Rosenmuster eingerichtet war. An einer Wand stand ein Fernseher älteren Modells und an einer anderen ein Klavier, das reichlich antik wirkte. Das Zimmer war sauber, aber nicht besonders aufgeräumt. Der Holzfußboden war völlig nackt. Nicht einmal ein winziger Läufer war vorhanden, der die Pfützen aufgesaugt hätte, die sich allmählich um Belles Füße bildeten.

Belle richtete den Blick auf das Mädchen, für das sie die Fahrt angetreten hatte. Zu dünn und zu blass, befand sie, aber die blauen Augen funkelten, und die goldblonden Locken glänzten. „Deine Haare sind gewachsen.“

Grübchen zeigten sich auf Lucys Wangen. Sie strich über den Zopf, der ihr über die schmale Schulter hing. „Und sie sind trocken. Kommen Sie mit. Wir besorgen Ihnen Handtücher.“ Geschickt wendete sie den Rollstuhl.

Durch die offene Küchentür entdeckte Belle einen hohen Stapel schmutzigen Geschirrs in der weißen Spüle und einen uralten, aber gut erhaltenen Herd.

„Das ist mein Zimmer.“ Lucy hielt am Ende des Flurs an, der leer war bis auf ein Bücherregal mit unzähligen Paperbacks. „Früher war es mal Dads, aber wir haben getauscht wegen der Treppe.“ Sie lächelte schelmisch. „Jetzt habe ich ein Badezimmer ganz für mich allein.“

„Dein altes Zimmer war also oben?“

„Ja, und da ist nur ein Badezimmer im Flur. Das ist nicht so toll. Aber dafür gibt’s ein Gästezimmer. Sie müssen also nicht auf der Couch schlafen.“

„Ich weiß. Dein Dad hat mir erzählt, dass ich ein eigenes Zimmer habe.“ Belle hoffte, dass die Schlafräume im ersten Stock wenigstens weit voneinander getrennt waren.

Sie folgte Lucy in deren Zimmer. Nichts deutete darauf hin, dass es jemals etwas anderes als das Reich eines zwölfjährigen Mädchens gewesen war. Es war fast ausschließlich in Pink gehalten. Sogar die Wände waren in diesem Farbton gestrichen, und die wenigen Stellen, die nicht pink leuchteten, glitzerten lila.

Belle verbarg ein Schmunzeln und eilte ins Badezimmer auf der Suche nach den Handtüchern, die – welche Überraschung – pink und lila gestreift waren. Während sie sich die Haare frottierte, fragte sie: „Ist dein Dad da?“ Schließlich konnte sie die Begegnung mit ihm nicht ewig hinauszögern. Er hatte sie nun einmal als Physiotherapeutin und Privatlehrerin für Lucy engagiert, die nach einem Reitunfall vor einigen Monaten im Rollstuhl saß und seitdem die Schule versäumt hatte.

Als Belle keine Antwort erhielt, richtete sie sich auf, legte sich das Handtuch um die Schultern und drehte sich um. „Oh!“ Sie blickte geradewegs in die leuchtend blauen Augen von Cage Buchanan.

Er war ein großer, muskulöser Mann mit markantem Gesicht und braunen, sehr kurz geschnittenen Haaren.

„Anscheinend sind Sie da.“ Sie verzog die Lippen zu einem Lächeln, das er, wie nicht anders zu erwarten, nicht erwiderte. Schließlich hatte er sie nur aus Verzweiflung engagiert, das wussten sie beide.

„Sie sind den ganzen Weg hierher in diesem Unwetter gefahren?“

Sie lächelte unterkühlt. „Sieht ganz so aus.“ Belle wandte sich an Lucy. „Je eher wir anfangen, desto besser. Stimmt’s?“

Lucys Miene verdüsterte sich, und sie senkte den Blick.

Offensichtlich war sie nicht gerade begeistert über die Aussicht auf regelmäßige Physiotherapie.

Belle schaute wieder zu Cage. Sie wusste, dass er sein ganzes Leben auf der Lazy B verbracht und die Leitung bereits in sehr jungen Jahren übernommen hatte.

Doch ihre persönlichen Begegnungen konnte sie an einer Hand abzählen. Kein einziger Anlass war auch nur im Entferntesten angenehm gewesen.

Beim ersten Mal, etwa vor einem halben Jahr, waren sie aneinandergeraten, weil er Lucy nicht erlaubt hatte, an einer einwöchigen Klassenreise nach Chicago teilzunehmen. Belle hatte damals gerade ihre Stelle als Ersatzlehrerin für Sport angetreten. Sie war als Begleitperson für die Fahrt ausgewählt worden und hatte gehofft, ihn umstimmen zu können.

Sie hatte sich geirrt. Er hatte ihr vorgeworfen, sich in Dinge einzumischen, die sie nichts angingen, und kategorisch von ihr verlangt, sich künftig aus seinen Angelegenheiten herauszuhalten.

Aber hatte sie die Lektion gelernt? Hatte sie den Wunsch aufgegeben, an seiner Familie etwas gutzumachen? Nein.

Und das verstärkte nur noch die verworrenen Gefühle für ihn, die bereits existiert hatten, lange bevor sie nach Weaver gezogen war.

„Haben Sie einen Koffer mitgebracht?“

Sie nickte. „Er steht am Eingang.“

Gelassen musterte er ihre ramponierte Erscheinung. „Ich bringe ihn nach oben.“

„Ich kann …“, setzte sie an, doch er hatte sich bereits abgewandt. Seufzend wandte Belle sich an Lucy an und lächelte. Sie hatte das Mädchen auf Anhieb gemocht und wollte ihre Beziehung auf keinen Fall von der Vergangenheit trüben lassen. „Du hast aber viele Schleifen und Pokale.“ Sie trat zum Regal. „Bestimmt sammelst du sie schon seit vielen Jahren. Wo hast du die gewonnen?“

Lucy rollte ihren Stuhl näher. „Och, bei ganz verschiedenen Wettbewerben.“

Belle nahm einen goldenen Pokal in die Hand. „Und den hier?“

„Beim Talentwettbewerb letztes Jahr.“

„Erster Platz. Das überrascht mich nicht.“ Damals hatte Belle noch in Cheyenne gelebt und einen Besuch in Weaver höchstens erwogen, um ihre Familie zu besuchen. Sie hatte ihre Hochzeit geplant und auf eine Beförderung in der Klinik gehofft.

Doch all das stand auf einem anderen Blatt.

„Dieses Jahr bin ich nicht dabei“, erklärte Lucy niedergeschlagen.

„Nur, weil du momentan nicht tanzen kannst?“ Belle stellte den Pokal zurück auf das Regal. „Du kannst ja singen. Oder Klavier spielen. Hast du mir nicht mal erzählt, dass du Unterricht nimmst?“

„Das stimmt.“

„Aber?“

Lucy zuckte die Schultern, die unglaublich dürr waren. Sie wirkte sehr zerbrechlich, aber in Wirklichkeit war sie zäh, das wusste Belle. „Ich nehme schon noch Unterricht, aber das ist jetzt auch egal. Wenn ich nicht tanzen kann, will ich auch nicht zu dem Wettbewerb. Der ist sowieso blöd. Nur ein Haufen Schulkinder.“

„Das finde ich aber gar nicht. Die begabtesten Kinder aus dem ganzen Staat sind dabei. Wir können uns ja auf nächstes Jahr konzentrieren.“ Belle nahm das Handtuch von den Schultern, legte es aufs Bett und setzte sich darauf. Dann sagte sie aufmunternd: „Hey, Lucy, sei nicht so traurig. Man schafft erstaunliche Dinge, wenn man nur will. Ich habe dich in Aktion erlebt und weiß, dass du echt gut bist.“

„Miss Day.“

Sie zuckte zusammen. Cage Buchanan stand im Türrahmen. „Nennen Sie mich doch lieber Belle“, schlug sie betont fröhlich vor. „Alle beide. Sonst fühle ich mich nicht angesprochen.“

„Die Schüler haben Sie doch das ganze Schuljahr lang Miss Day genannt“, konterte er.

„Aber Sie sind kein Schüler, Cage.“ Sie betonte seinen Vornamen, denn sie wusste, dass er sich ganz bewusst auf ihren Nachnamen versteifte. Und sie kannte auch den Grund: Sie war eine Day, und er hasste die Familie Day.

Mit undurchdringlicher Miene sagte er: „Wenn Sie bitte kurz Zeit für mich haben? Dann können Sie in Ihr Zimmer … einziehen.“

Sie hoffte, dass sie sich das Zögern vor „einziehen“ nur eingebildet hatte. Trotz aller Diskrepanzen wollte sie nicht gleich wieder weggeschickt werden. Zum einen wollte sie Lucy wirklich helfen, zum anderen hatte sich ihr Ego noch nicht von ihrem letzten beruflichen Fehlschlag erholt.

„Sicher.“ Sie stand auf und nahm das Handtuch. „Anschließend ziehe ich mir was Trockenes an, und dann …“, sie zupfte Lucy am Zopf, „… können wir beide anfangen.“

Lucy wirkte nicht gerade begeistert, aber sie nickte immerhin.

Belle durchquerte das Zimmer, und da Cage sich nicht rührte, zwängte sie sich an ihm vorbei durch die Tür. Obwohl er groß und kräftig gebaut war, gelang es ihr, ihn nicht zu berühren. Trotzdem erschauerte sie.

Verdammte Nerven!

„In der Küche“, sagte er.

Ungeheuer, dachte sie und schalt sich gleich dafür. Er war weit mehr ein Opfer der Umstände als sie. Und er hatte das Zimmer für Lucy in Pink eingerichtet. Deutete das etwa auf ein Ungeheuer hin?

Cage ging in die Küche vor. „Setzen Sie sich.“

Drei Stühle standen um einen altmodischen Tisch, den man – in jedem anderen Haus – für retro hätte halten können. Hier war er jedoch offensichtlich original und kein Ausdruck eines bestimmten Dekorationsstils. Belle setzte sich, faltete die Hände auf dem Tisch und schaute Cage erwartungsvoll an. Wenn er sie nach Hause schicken wollte, dann musste er es ihr schon direkt sagen. Sie war nicht bereit, ihm die Worte in den Mund zu legen.

Doch sie musste feststellen, dass er ein Meister des Schweigens war – im Gegensatz zu ihr. Also bluffte sie. Mit hochgezogenen Augenbrauen fragte sie ruhig: „Nun?“

Unverschämt, dachte er, während er ihr ovales Gesicht musterte. Sie war unverschämt und überheblich und – selbst durchnässt und zerzaust – nicht gut für seinen Seelenfrieden.

Vor allem aber schaffte sie es, dass er sich fehl am Platz fühlte, obwohl er in seiner eigenen Küche vor dem Tisch stand, an dem er in seiner Kindheit die Kochkünste seiner Mutter genossen hatte. Doch es war ganz allein seine eigene Schuld, dass Miss Belle Day mit dem überheblichen Gesichtsausdruck und dem sinnverwirrenden langen braunen Haar überhaupt hier war.

Er setzte sich ihr gegenüber und richtete die Aufmerksamkeit von Belle auf die Mappe, die auf dem Tisch lag. Schließlich ging es um seine Tochter, und für die würde er alles tun. Nur ihr zuliebe gab er sich mit einem Mitglied der Familie Day ab.

Wenn Belle doch nur nicht so aufregend sinnlich wäre! Bereits bei ihrer ersten Begegnung war er ihrer Faszination erlegen. Das bedeutete, er musste doppelt aufpassen, jetzt, da sie zumindest vorübergehend unter seinem Dach lebte.

„Arztberichte.“ Er schlug die Mappe auf und schob sie ihr über den Tisch zu. „Notizen der beiden letzten Physiotherapeuten.“ Zwei Therapeutinnen, zwei Fehlschläge. Allmählich verlor er die Geduld. Das hatte er Belle schon vor zwei Wochen anvertraut. Dass ihm allmählich das Geld ausging, würde er allerdings für sich behalten.

Er betrachtete ihre feingliedrigen Hände, als sie die Mappe nahm und zu lesen begann. „Die letzte Therapeutin hieß …“, sie senkte den Kopf und las weiter, „… Annette Barrone?“ Sie hielt ein Blatt Papier hoch. „Und das war ihr Trainingsprogramm für Lucy?“

„Ja.“

„Dieser Plan ist nicht besonders dynamisch.“

„Lucy ist ja auch erst zwölf.“

Belle warf ihm einen flüchtigen Blick zu und vertiefte sich wieder in die Papiere. Er fragte sich, ob sie an dasselbe dachte wie er: dass Annette mehr daran interessiert gewesen war, ihn ins Bett statt seine Tochter aus dem Rollstuhl zu locken.

„Aber sie ist keine gewöhnliche Zwölfjährige“, murmelte Belle. Mit leisem Rascheln blätterte sie die Seiten um.

„Meine Tochter ist nicht anormal.“

Erneut blickte sie auf. Sie kniff die Augen zusammen, die so dunkelbraun waren wie die langen Wimpern. „Natürlich ist sie nicht anormal. Das habe ich nicht andeuten wollen.“ Sie befeuchtete sich die Lippen, schloss dann die Mappe und legte die schlanken Arme darauf. „Für ihre jungen Jahre ist sie ausgesprochen sportlich: Balletttanz, Reiten, Schulsport. Die Therapie sollte darauf abgestimmt werden, wenn sie zu einer vollständigen Genesung führen soll. Das wollen Sie doch, oder?“

„Deshalb sind Sie hier.“

„Natürlich. Nur so zum Spaß würden Sie keine Therapeutin den ganzen Weg hierher zur Lazy B kommen lassen. Aber Sie könnten Lucy doch einfach ein paar Mal pro Woche zu den Behandlungen in die Stadt fahren. Sie könnte auch den Nachhilfeunterricht in der Stadt nehmen. Alle hoffen, dass sie im Herbst weitermachen kann und das Schuljahr nicht wiederholen muss. Die Therapie im Krankenhaus von Weaver würde Sie viel weniger kosten. Es ist zwar nicht auf dem allerneuesten Stand, aber die wesentlichen Geräte sind vorhanden …“

„Die Kosten sind allein meine Sorge“, entgegnete er schroff. „Sie sind angeblich gut in Ihrem Beruf. Stimmt das?“

„Ich werde Lucy helfen.“

Es ärgerte Cage, dass sie keine klare Antwort auf seine Frage gab. Aber ihm lagen zwei Dinge am Herzen: Lucy und die Lazy B. Und er war nahe daran, beide zu verlieren. Ob es ihm nun gefiel oder nicht, er brauchte Belle Day.

Sein Vater würde sich hoffentlich nicht im Grab umdrehen, weil diese Frau für eine Weile auf der Ranch lebte.

„Gestalten Sie das Training so, wie Sie es für nötig halten. Ihren Koffer habe ich nach oben in das Zimmer am Ende des Flurs gebracht.“ Er stand auf. „Ich habe jetzt zu tun.“ Er ignorierte ihren zum Protest geöffneten Mund und ging hinaus.

Je eher sie ihre Aufgabe erledigte und sich wieder verabschiedete, umso besser. Sie mussten einander nicht mögen. Ihm lag lediglich daran, dass Belle Lucy half.

Sobald sie das geschafft hatte, sollte sie wieder aus seinem Leben verschwinden.

2. KAPITEL

Der Regen hielt den ganzen Nachmittag an und ließ erst nach dem Abendessen nach, das Belle und Lucy allein zu sich nahmen. Cage hatte nur kurz vorbeigeschaut und verkündet, dass sie sich etwas aus dem Gefrierschrank aufwärmen und nicht auf ihn warten sollten.

Lucy hatte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen, aber ihre Miene hatte sich verdüstert. Und dieser Gesichtsausdruck verfolgte Belle noch bis in den Abend hinein und hielt sie davon ab, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.

Vielmehr blieb sie im Wohnzimmer, denn sie wusste, dass Cage früher oder später hier durchkommen musste, um nach oben zu gelangen. Doch entweder hatte sie seine Entschlossenheit unterschätzt, ihr aus dem Weg zu gehen, oder er hatte so viel Schreibkram zu erledigen, dass er noch stundenlang in seinem kleinen Büro hinter der Treppe beschäftigt sein würde.

Als ihr die Augen über dem Krimi zufielen, den sie sich aus dem Regal im Flur genommen hatte, gab sie schließlich auf und ging nach oben. Die Tür zu seinem Schlafzimmer stand offen. Belle blieb stehen und spähte hinein. Nur das Flurlicht brannte, aber es reichte, um zu erkennen, dass die Wände pinkfarben gestrichen waren.

Sie hielt es für ein gutes Zeichen, dass er die Farbe nicht übergetüncht hatte, als würde Lucy das Zimmer nie wieder beziehen. Allzu viele Leute begannen eine Physiotherapie, ohne an den Erfolg zu glauben. Das schien hier zumindest nicht der Fall.

Trotz der Farbe wirkte der Raum nüchtern. Von der Tür aus waren nur ein Bett mit einer dunklen Tagesdecke, eine Kommode und ein Nachttisch mit einem gerahmten Foto darauf zu erkennen.

„Haben Sie was Interessantes entdeckt?“

Belle wirbelte herum und sah Cage auf den Treppenabsatz treten. Er sah so müde aus, wie sie sich fühlte. „Pink“, murmelte sie.

Verständnislos zog er die Brauen zusammen. „Was?“

„Die Wände sind pinkfarben gestrichen. Das ist mir nur aufgefallen.“

„Lucy mag Pink. Sie ist eben ein junges Mädchen.“

„Meine Schwester mag Pink auch.“ Insgeheim schalt Belle sich für diese Bemerkung.

„Und Sie?“

„Und ich … was?“

„Gefällt Ihnen Pink nicht?“

„Doch, doch. Aber ich stehe eher auf Rot.“

„Sie haben Pizza gebacken?“

Sie blinzelte über den abrupten Themenwechsel. „Ja. Es ist noch welche da.“

„Ich weiß. Aber ich bezahle Sie nicht dafür, dass Sie Köchin spielen.“

„Es hat mir nichts ausgemacht, und Lucy …“

„Mir macht es etwas aus.“

Sie versteifte sich. „Was? Dass es vegetarische Vollkornpizza ist? Dass Lucy nicht die Reste essen wollte, wie Sie es ihr befohlen haben? Oder dass ich es gewagt habe, Ihre Küche zu benutzen? Gibt es sonst noch irgendwelche Regeln, die ich kennen sollte?“

Offensichtlich entging ihm die Ironie ihrer Worte. „Halten Sie sich von den Stallungen fern.“

„Befürchten Sie, dass eine Day den Pferden schaden könnte? Wieso haben Sie mich überhaupt überredet, den Job anzunehmen?“

„Das Pferd, das Lucy abgeworfen hat, steht im Stall. Ich will nicht, dass sie in seine Nähe kommt, und wenn Sie hingehen, dann wird sie es auch wollen. Und das Einzige, was meine Tochter von Ihnen braucht, ist Ihr Fachwissen.“

„Was Sie mir anscheinend absprechen, Ihrem Ton nach zu urteilen. Es wundert mich immer mehr, dass Sie mich sogar zwei Mal aufgesucht haben, damit ich Lucys Fall übernehme.“

„Sie haben die richtigen Referenzen.“

„Nur den falschen Stammbaum“, erwiderte sie brüsk.

Seine markanten Züge erstarrten. „Ist Ihr Zimmer bequem genug?“

„Es ist okay.“ Sie holte tief Luft und entschied sich für eine Offensive. „Früher oder später müssen wir aber darüber reden. Was passiert ist, war tragisch, aber es ist lange her.“

Seine versteinerte Miene wurde so abrupt lebendig, dass Belle zurückwich und sich prompt den Ellbogen an der Wand stieß.

„Lange her? Das werde ich meiner Mutter gegenüber erwähnen, wenn ich sie das nächste Mal besuche. Allerdings wird es sie nicht sonderlich kümmern, weil ihr Verstand leider nicht mehr so wirklich intakt ist.“

Ihr Magen verkrampfte sich vor Mitgefühl und Schuld. Doch auch wenn Cage das wüsste, würde es ihn unbeeindruckt lassen. Dazu waren die Fronten zu verhärtet.

Damit musste sie jetzt fertig werden, schließlich hatte man sie gewarnt. „Ich hätte nicht herkommen sollen. Es ist wohl besser, ich arbeite in Weaver mit Lucy.“ Offiziell war sie nicht berechtigt, die Krankenhauseinrichtungen zu benutzen, aber sie hatte Beziehungen. Ihre Schwägerin Dr. Rebecca Clay konnte ihr bestimmt helfen, ein Arrangement zu treffen.

„Ich will Sie hier haben. Das habe ich Ihnen doch schon gesagt.“

Belle strich sich das Haar zurück. „Aber das ergibt einfach keinen Sinn. Ich weiß, die Fahrt bis in die Stadt ist lang …“

„Meine Tochter soll die bestmögliche Versorgung bekommen. Wenn Sie das für übertrieben halten, ist es mir gleich. Und ich will nicht bei jeder Gelegenheit diese sinnlose Diskussion führen. Ihre Anwesenheit hier sollte produktiver eingesetzt werden. Ich zahle Ihnen weiß Gott genug dafür.“

Sie presste die Lippen zusammen, um ihm nicht zu sagen, was er mit seiner Bezahlung machen konnte, die beträchtlich geringer als üblich war, wie sie beide wussten. „Ich möchte meine Zeit ebenfalls produktiv verbringen“, erklärte sie nachdrücklich. „Mir liegt nichts daran, unnötig viel Zeit unter Ihrem Dach zu verbringen.“

„Nun, dann sind wir uns ja zumindest in diesem Punkt einig.“

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