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Dir leg ich die Welt zu Füßen

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PROLOG

Der letzte Nachtflug vom New Yorker Flughafen John F. Kennedy nach London wurde aufgerufen. In der überfüllten Transithalle ließ ein aufmerksamer Journalist den Blick über die Wartenden schweifen und stieß schließlich aufgeregt seinen Begleiter an.

„Hast du gesehen, wer das war?“

Dieser gehörte einer anderen Generation als der ehrgeizige junge Fernsehkorrespondent und Produzent an und ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Außerdem hatte er Karriere gemacht, weil er nicht so leicht zu beeindrucken war. „Wenn du Steven Konig meinst, der ist mir schon in der Eingangshalle aufgefallen.“

Der junge Mann wirbelte herum. „Wirklich? Konig – der Typ, der sich für die Dritte Welt engagiert? Wo ist er?“

„Sie haben ihn zuerst an Bord gelassen“, erwiderte sein Kollege gelangweilt.

„Oh, ich dachte schon, es wäre ein Mitglied der königlichen Familie! Der Mann, der ihn begleitet hat, war ein hohes Tier.“

„David Guber und Konig kennen sich schon lange. Sie haben zusammen in Oxford studiert.“ Damit musste er den Emporkömmling eigentlich zum Schweigen bringen. Überrascht stellte der ältere Mann jedoch fest, dass sein junger Kollege sich dadurch nicht beirren ließ.

„Ich habe jemanden erwischt, der viel interessanter ist als Konig.“ Er machte eine erwartungsvolle Pause.

Der ältere Mann gähnte.

„Das Tigerbaby“, erklärte sein junger Begleiter und wartete dann offensichtlich darauf, dass er ihn fragte, wer das war.

Er tat ihm den Gefallen nicht. Allerdings war sein journalistisches Interesse nun geweckt. „Das Calhoun-Mädchen?“, erkundigte er sich nach einer Weile.

„Pepper Calhoun, ja“, erwiderte der junge Korrespondent enttäuscht. Noch gab er allerdings nicht auf, denn wenigstens wusste er, dass Penelope Anne Calhoun von allen, die ihr nahe standen, Pepper genannt wurde.

Der ältere Mann blickte mit zusammengekniffenen Augen ins Leere. „Das ist interessant“, meinte er schließlich.

„Ja, das dachte ich auch. Glaubst du, Calhoun Carter will expandieren und den Markt in Großbritannien erobern? Mir fallen einige Einzelhandelsfirmen ein, die reif für eine Übernahme sind.“ Hoffentlich war er der Erste, der in London mit dieser Neuigkeit aufwarten konnte. Er würde es sein, wenn Sandy Franks so gleichgültig war, wie er sich gab.

Doch Sandy Franks dachte immer noch laut. „Ich habe gehört, dass sie nicht mehr für Calhoun Carter arbeitet. Mary Ellen Calhoun erzählt überall, ihre Enkelin soll erst einmal Erfahrungen im Ausland sammeln, bevor sie für immer in die Firma zurückkehrt.“

„Glaubst du das?“

„Möglich ist es.“ Sandy Franks überlegte. „Vielleicht hat Pepper Calhoun beschlossen, ihr eigenes Ding durchzuziehen. Wie alt ist sie? Sechs-, siebenundzwanzig? Sie hat das Recht, das Leben ein bisschen zu genießen und sich einen Freund zu suchen, bevor sie sich dem Familienunternehmen verschreibt.“

„Das Tigerbaby?“ Martin Tammery lachte herzlich über seine Naivität. „Ihre Vorstellung von einem schönen Leben besteht darin, achtzehn Stunden zu arbeiten und abends noch geschäftliche Telefonate zu führen. Und einen Freund hatte sie schon nicht mehr, seit sie studiert hat.“

„Dann ist sie reif für eine romantische Beziehung“, erklärte Sandy Franks.

Sein Begleiter wirkte nicht überzeugt. „Eins steht fest. Pepper Calhoun hatte mit Romantik noch nie etwas am Hut und wird es auch nie haben.“

„Wieso bist du dir da so sicher?“

„Sie wird einmal einen der Einzelhandelsgiganten erben. Ich führe eine Akte über sie, seit sie auf ihrem ersten Ball war. Sie ist in jeder Hinsicht die Erbin ihrer Großmutter. Sie hat ein Computergehirn, eine scharfe Zunge und dazu ein Herz aus Eis.“

1. KAPITEL

Was sich in einer Woche alles ändern konnte!

Penelope Anne Calhoun lehnte müde den Kopf an die Wand in der Transithalle und versuchte, gelassen zu bleiben.

Genau vor einer Woche hatte sie geglaubt, ihr Leben würde immer in geregelten Bahnen verlaufen. Sie hatte gute Freunde gehabt, denen sie vertraute, ein neues Projekt, für das sie sich engagierte, und die beste Adresse in New York.

Es hatte nur eine Wolke am Horizont gegeben, und sie war sicher gewesen, dass sie damit fertig werden würde, wenn es so weit war. Wenn die Finanzierung von Out of the Attic gesichert war und sie zu ihrer Großmutter gehen und ihr sagen konnte, was sie vorhatte.

Allerdings hatte man sie gewarnt.

„Ist das wirklich eine so gute Idee, Pepper?“, hatte ihr alter Mentor von der Universität sie gefragt. „Erlebnisshopping … Ich finde es toll. Aber was ist, wenn Ihre Großmutter es herausfindet?“

„Gar nichts wird passieren“, erwiderte sie überzeugt.

Ihr ehemaliger Professor wirkte skeptisch. „Sind Sie sicher?“

Ja, das war sie. „Absolut“, erwiderte sie.

„Wird Mrs. Calhoun es nicht als Konkurrenz für Calhoun Carter betrachten?“

Pepper lachte herzlich. „CC hat Filialen in jeder Großstadt der USA und in fünf anderen Ländern. Außerdem ist Out of the Attic im Vergleich zu CC wie Plankton zu einem Wal.“

„So habe ich das nicht gemeint“, sagte er trocken. „Eher im Sinne eines Rivalen.“

Sogar darüber musste sie lachen. „Okay. Vielleicht wird sie zuerst ein bisschen Krach machen. Aber irgendwann wird sie es so sehen wie ich. Sie weiß, dass ich mich beweisen muss.“

„Tut sie das?“

„Ja“, antwortete sie mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die seit ihrem achten Lebensjahr Mary Ellen Calhouns kleine Prinzessin war. „Meine Großmutter will nur das Beste für mich. Sie liebt mich.“

Daraufhin sagte ihr Mentor nichts mehr. Er tat ihr leid, weil sie die besseren Argumente hatte. Um es wieder gutzumachen, lud sie ihn zum Essen in ein exklusives Restaurant ein.

Wie sehr hatte sie sich doch geirrt!

Dass nicht alles nach Plan lief, war Pepper zum ersten Mal klar geworden, als Ed sie entführte.

Natürlich hatte sie keine Angst, denn sie kannte Ed Ivanov schon von klein auf. Außerdem war ihre Familie nicht furchtsam, und sie war durch und durch eine Calhoun.

Daher behielt Pepper einen klaren Kopf.

„Was soll das, Ed?“

Doch er schüttelte nur den Kopf. Außerdem war es schwer, das Rotorengeräusch des Hubschraubers zu übertönen.

Sie blickte nach unten und versuchte, anhand der Landschaft zu erraten, wo sie sich befanden. Auf jeden Fall waren sie mittlerweile weit weg von New York. Ed hatte sie aufgefordert einzusteigen und gesagt, er wolle sie mit einigen potenziellen Investoren zusammenbringen. Er gehörte zu den wenigen engen Freunden, die von Out of the Attic wussten. Daher hatte sie ihn begleitet, ohne nachzudenken.

Als sie das Stadtgebiet verlassen hatten, war sie allerdings misstrauisch geworden. Von irgendwelchen Investoren war nicht mehr die Rede gewesen. Tatsächlich sprach Ed kaum noch mit ihr.

Im Studium war sie für eine Arbeit über Problemlösung ausgezeichnet worden. Also würde sie auch dieses Problem lösen.

Pepper berührte Ed am Arm, und als er sich zu ihr umdrehte, rief sie: „Es kann nur drei Gründe für dein Verhalten geben. Du willst Lösegeld. Du bist leidenschaftlich in mich verliebt. Du hast den Verstand verloren. Welcher ist es?“

Aber er deutete nur mit der sorgfältig manikürten Hand zu den Rotoren und antwortete nicht.

Pepper schüttelte den Kopf. Ed brauchte kein Geld, es sei denn, man hatte ihn in den letzten vierundzwanzig Stunden gefeuert. Er war ein erfolgreicher Börsenmakler in der Wall Street. Und verliebt war er ganz sicher nicht in sie. Während des Studiums waren sie einige Male miteinander ausgegangen und dann gute Freunde geblieben.

Vielleicht entführte er sie übers Wochenende, um ihr noch einen Heiratsantrag zu machen? Sie sah ihn an. Er blickte nach unten ins Tal.

Nein, Ed war kein Romantiker!

Verstohlen betrachtete sie ihn unter gesenkten Lidern. Ihre langen Wimpern waren im Gegensatz zu ihrem flammend roten Haar dunkel. Es war eines ihrer positiven Merkmale. Ihr war durchaus bewusst, wie wenig attraktiv sie war.

Und das war ein weiterer Grund, der dagegen sprach, dass Ed sie aus Leidenschaft entführt hatte. Er sah sie nicht an. Er berührte sie nicht. Ja, er benahm sich eher wie ein Kurier, der einen unerfreulichen Auftrag erledigen musste, als wie ein verliebter Mann.

Als der Hubschrauber schließlich auf einer Lichtung landete, fing Ed wieder an zu reden.

„Das ist die Angelhütte meines Vaters“, erklärte er, während er ihr heraushalf.

Bleib ganz locker, sagte sich Pepper. „Seit wann gehe ich angeln?“

Er lächelte ein wenig gequält. „Wir sind nur wegen einer Besprechung hier. Das habe ich dir doch gesagt.“

In dem Moment beschlich sie ein sehr ungutes Gefühl.

Sie ließ es sich nicht anmerken. „Brauche ich mein Anschauungsmaterial?“ Sie hatte das gesamte Material für eine wirklich tolle Präsentation mitgebracht.

Ed schüttelte den Kopf.

„Das überrascht mich nicht“, meinte sie ironisch. „Okay, geh du voran.“

Die Hütte war klein, schlicht und ein wenig baufällig. Der Weg dorthin war voller Pfützen. Ihre eleganten, sehr teuren Pumps würden nie wieder wie vorher aussehen. Aber wenigstens stolperte sie im Gegensatz zu Ed nicht.

Regen tropfte von den Bäumen. Ihr Haar wurde genauso feucht wie die Schultern ihres marinefarbenen Designerblazers. Es war jedoch nicht der Frühlingsregen, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte.

„Wenn der CIA mich anwerben will, sag ihnen, ich bin nicht interessiert.“

Es war allerdings nicht der CIA, genauso wenig wie irgendein Investor oder Ed im Liebeswahn.

Wer beim Klang ihrer Schritte aus der Hütte trat, war ihre Großmutter.

Unvermittelt blieb Pepper stehen. Der Blick, den sie Ed zuwarf, hätte Asbest zum Schmelzen bringen können.

Das schlechte Gewissen stand ihm im Gesicht geschrieben. „Nun sei nicht so melodramatisch. Es geht nur ums Geschäft.“

Sie war aschfahl geworden. „Nein, Ed. Es geht um mein Leben.“

Dann sah sie wieder zur Hütte. Mary Ellen Calhoun betrachtete sie beide aufmerksam. Selbst hier in den Wäldern trug sie Pariser Designerschick und teuren Schmuck. Ihr kunstvoll getöntes Haar war dunkel. Mary Ellen Calhoun war dreiundsiebzig, aber sie würde als Brünette ins Grab gehen.

„Was hat meine Großmutter dir versprochen, damit du mich hierher bringst?“, wandte Pepper sich an Ed.

Er wirkte schockiert. „Gar nichts. Sie wollte nur verhindern, dass du einen großen Fehler machst. Out of the Attic ist eine Neugründung. Sie würde dich mindestens fünf Jahre deines Lebens kosten. Und Mary Ellen möchte nicht so lange warten, bis du bei Calhoun Carter wieder an Bord kommst.“

„Seit wann nennst du sie Mary Ellen? Anscheinend habt ihr in letzter Zeit oft miteinander gesprochen.“

Ed zuckte zusammen. „Eigentlich nicht. Wir haben uns vor ein paar Wochen zufällig bei einer Wohltätigkeitsgala getroffen …“

„Meine Großmutter geht nicht zum Spaß auf solche Veranstaltungen“, erklärte Pepper ausdruckslos. „Und sie trifft auch nie zufällig irgendwelche Leute.“

Er wirkte trotzig und beschämt zugleich. Sie straffte die Schultern.

„Na ja, irgendwann musste es wohl mal passieren. Warte hier“, wies sie ihn leise an. „Es wird bestimmt nicht angenehm.“

Mary Ellen ließ sich allerdings nichts anmerken. Wie immer kam sie lächelnd und mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Doch Pepper hatte früh gelernt, ihr unschuldiges Gebaren zu durchschauen.

Mary Ellen war natürlich keine Durchschnittsgroßmutter. Seit dem Tod ihres Mannes vor dreiunddreißig Jahren war sie Aufsichtsratsvorsitzende bei Calhoun Carter. Ein solcher Job machte hart. Pepper misstraute ihr, respektierte sie aber gleichzeitig. Und ihr war klar, dass sie um ihr Leben kämpfte.

Ohne ihre Hände zu nehmen, sagte sie leise: „Hallo, Großmutter.“

„Freut mich, dich zu sehen, mein Schatz“, erwiderte Mary Ellen.

„Nein, das tust du nicht“, erklärte Pepper grimmig. „Erspar mir das, und komm zur Sache. Es geht ums Geschäft.“

Daraufhin lachte Mary Ellen ihr glockenhaftes Lachen. „Dann komm lieber aus dem Regen.“

„Und Ed?“, erkundigte sich Pepper ironisch.

Mary Ellen krauste die Stirn. „Er ist ein Mann. Ein paar Tropfen bringen ihn nicht um.“

„Ich dachte mir, dass du keine Zeugen haben möchtest.“

Mary Ellen ignorierte ihre Bemerkung und betrat hoch erhobenen Hauptes die Hütte. Doch kaum hatte Pepper die Tür hinter sich geschlossen, legte sie ihre Unschuldsmiene und ihren damenhaften Charme ab. Plötzlich zeigte sie ihr wahres Gesicht. Sie sah aus wie dreiundsiebzig und verschlagen wie eine Schlange.

Pepper atmete tief durch. „Okay, du weißt offenbar von meinem Projekt. Was, glaubst du, kannst du tun, um mich zu stoppen?“

Ihre Großmutter lächelte. „Das habe ich bereits getan.“

„Wie bitte?“

„Ich habe bekannt gegeben, dass jeder, der dir Geld gegeben hat, sich für immer von Carter Calhoun verabschieden kann.“

Pepper erstarrte. „Ach so. Deswegen hast du mich von Ed aus New York wegbringen lassen? Damit ich für niemanden zu erreichen bin, falls jemand bei mir nachfragt?“

„Was gibt es da nachzufragen?“

Doch Pepper wusste, dass sie recht hatte. „Du kämpfst immer mit harten Bandagen. Wie konnte ich das bloß vergessen?“

Mary Ellen wurde ungeduldig. „Ich möchte dich wieder in der Firma haben. Dieses Projekt von dir ist reine Zeitverschwendung.“ Sie schaltete ihren Organizer ein. „Sagen wir, Mitte nächster Woche? Dann hast du genug Zeit, um aus diesem schrecklichen Apartment auszuziehen und nach Hause zu kommen. Ich werde Jim bitten, dir ein Büro zu besorgen.“

„Nein“, entgegnete Pepper leise.

Ihre Großmutter ignorierte sie allerdings und machte mit dem Stift eine Notiz. „Am Mittwoch um Viertel vor acht“, fuhr sie fort. „Melde dich bei Connie. Sie ist jetzt Personalleiterin und wird …“

„Ich habe Nein gesagt“, erklärte Pepper, diesmal etwas lauter.

In der Hütte war es sehr staubig, aber Mary Ellen hatte sich einen Stuhl sauber gemacht. Es war der beste in dem Raum, und er stand an einem Schreibtisch. Sie setzte sich darauf.

„Du hast keine andere Wahl“, informierte sie sie ruhig. „Wer außer mir würde dich jetzt einstellen?“

Starr blickte Pepper sie an. Ihr schwirrte der Kopf.

Ich dachte, sie liebt mich. Aber das tut sie nicht. Sie liebt es nur, andere nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Wie konnte ich so blind sein?

Es tat sehr weh.

„Sieh es mal so“, fuhr Mary Ellen fort. „Du bist die letzte Calhoun. Jeder in der Branche wird dich für eine Spionin halten. Und woanders wirst du nicht Fuß fassen können, weil jeder sich fragt, warum du nicht im Familienunternehmen arbeitest.“ Sie lächelte ihr berühmtes charmantes Lächeln. „Dein kleines Projekt ist gestorben. In Nordamerika wird dir niemand einen Kredit geben. Also bis Mittwoch.“

Wieder atmete Pepper tief durch. Reiß dich zusammen, sagte sie sich. Wenn du die Fassung verlierst, hat sie gewonnen. Sie hält sich immer für die Siegerin. Dies ist deine letzte Chance …

„Nein“, sagte sie leise.

Sie hatte recht. Mary Ellen wurde wütend und ging in die Offensive.

Pepper stand einfach nur da und ließ ihre Tirade über sich ergehen. Letzten Endes lief es auf dasselbe hinaus. Sie war die Leibeigene von Calhoun Carter Industries. Dafür hatte ihre Großmutter ihre Ausbildung finanziert, genauso wie das Haus in Südfrankreich, die Eigentumswohnung in New York sowie das Ferienhaus in der Südsee, und ihr die Suite im familieneigenen Herrenhaus reserviert …

Pepper versuchte, sachlich zu bleiben, doch es fiel ihr schwer. „Aber sie gehören mir nicht …“

Mary Ellen lächelte und erinnerte sie an einen Hai. „Endlich hast du es begriffen.“

„Heißt das, all die Dinge, die du mir im Lauf der Jahre geschenkt hast …?“

„Die ich investiert habe“, verbesserte ihre Großmutter leise. „Du bist eine Investition, mehr nicht.“

Pepper spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. War dies die Frau, die sie überall als ihre kleine Prinzessin vorgestellt hatte?

Dann zählte Mary Ellen auf, was sie noch bezahlt hatte. Nicht nur die besten Schulen, die schickste Kleidung, die exklusivsten Apartments und richtigen Freunde, sondern auch die jungen Geschäftsmänner, die mit ihr ausgegangen waren …

Pepper schauderte so heftig, dass sie kaum sprechen konnte.

„Was soll das heißen? Was haben meine Freunde damit zu tun?“

Mary Ellen sah, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Ihre dunklen Augen funkelten.

„Du hast ja keine Ahnung, was es mich gekostet hat, dir ein gesellschaftliches Leben zu ermöglichen.“ Sie lachte ihr berühmtes Lachen. Es klang sehr ladylike. Der Ausdruck in ihren Augen war jedoch alles andere als das. „Du bist nur ein unscheinbares Pummelchen. Wer würde sich schon mit dir abgeben, wenn du nicht meine Enkelin wärst?“

Pepper hätte nie behauptet, dass sie schlank sei, doch sie hatte immer angenommen, andere seien gern mit ihr zusammen. Und genau das sagte sie ihr auch.

„Und wahrscheinlich denkst du, du würdest eines Tages deinem Märchenprinzen begegnen und heiraten, ja?“, höhnte Mary Ellen. „Werde endlich erwachsen!“

„Wie bitte?“

„Du hast nur eine Chance zu heiraten.“ Wieder erinnerte ihre Großmutter sie an einen Hai. „Nämlich wenn ich dir einen Ehemann kaufe. Nach all den Mitleidsdates, für die ich bezahlt habe, besitze ich eine lange Liste möglicher Kandidaten.“

In dem Moment wurde Pepper klar, dass sie nicht mehr ertragen konnte. Es kostete sie beinah übermenschliche Anstrengung, sich aus ihrer Starre zu lösen und die Hütte zu verlassen.

Damit hatte Mary Ellen offenbar nicht gerechnet. „Wohin gehst du?“, schrie sie und legte ihr damenhaftes Gehabe endgültig ab.

Pepper lief einfach weiter. Sie stolperte den aufgeweichten Weg entlang auf Ed zu.

Ihre Großmutter folgte ihr, blieb jedoch an der Stelle stehen, an der es etwas bergauf ging.

„Du kommst sofort zurück!“, rief sie.

Pepper blieb nicht stehen. Als sie hinfiel und sich dabei das Schienbein aufschürfte, rappelte sie sich wieder auf und lief weiter. Alles war ihr egal, solange sie nur vor ihrer Großmutter fliehen konnte, deren Liebe von Anfang an eine Lüge gewesen war.

„Bring mich sofort zurück nach New York“, sagte sie außer Atem, als sie schließlich vor Ed stand.

Ed zögerte nur einen Moment, denn er hatte nicht genug Mumm, um Mary Ellen in dieser Stimmung gegenüberzutreten. Er umfasste ihren Arm und eilte mit Pepper zu der Lichtung, auf der der Hubschrauber stand.

„Du wirst es niemals allein schaffen, Penelope Anne Calhoun!“, war die wütende Stimme ihrer Großmutter an ihr Ohr gedrungen. „Du gehörst mir.“

Nun, eine Woche später, wusste Pepper, wie recht Mary Ellen gehabt hatte. Daher lehnte sie den Kopf an die Wand, als eine Gruppe VIPs an Bord ging. Sie wollte nicht von ihnen gesehen und womöglich erkannt werden. Schließlich war Mary Ellen sehr bekannt und sie als Calhoun-Erbin daher auch.

Aber das war jetzt vorbei. Zum Glück, wie Pepper sich sagte.

Sie würde nach London fliegen und noch einmal ganz von vorn anfangen. Und sie würde es schaffen.

Sie musste sich nur von prominenten Persönlichkeiten fern halten.

„Professor Konig?“ Die Flugbegleiterin hatte offenbar auf sie gewartet und lächelte professionell. „Willkommen an Bord, Sir. Hier entlang, bitte.“

„Das bekommt man also, wenn man erster Klasse fliegt“, sagte Steven Konig leise zum Direktor der Airline, während sie ihr folgten. „Persönlichen Empfang und Begleitung zum Platz.“

David Guber stieß ihn leicht an. „Du bist wichtig genug, um nicht mehr mit den Knien unter dem Kinn über den Atlantik fliegen zu müssen, Steven. Also gewöhn dich daran.“

„Darf ich dich bei Gelegenheit zitieren?“, meinte Steven trocken zu seinem alten Freund.

Dave lächelte jungenhaft. „Wenn du das tust, verklage ich dich.“ Nachdem er ihm zum Abschied die Hand geschüttelt hatte, fügte er hinzu: „Ich meine es ernst. Ich bin dir wirklich dankbar, Steven. Du hast uns gerettet.“

Abwehrend schüttelte Steven den Kopf.

„Doch, das hast du. Wenn du nicht gewesen wärst, hätten wir eine Konferenz gehabt und keine programmatische Rede gehört. Sie war großartig.“

Steven zuckte die Schultern. „Ich wollte schon lange mal etwas zu dem Thema sagen.“

„Ja, klar. Du hast ja auch nicht genug um die Ohren.“

„Im Ernst“, beharrte Steven und lächelte zerknirscht. „Mir scheint es, als hätte ich in letzter Zeit nur Besprechungen. Es war wirklich eine nette Abwechslung, sich mal hinzusetzen und nachzudenken.“

Dave Guber blickte ihn zweifelnd an. „Hättest du gern wieder nur einen Job?“

„Mein Job ist es, Vorsitzender von Kplant zu sein“, erwiderte Steven ironisch. „Leiter des St. Margaret’s College zu sein ist eine Berufung. Frag den Dekan.“

Nun lächelten sie beide. Dave wusste, wovon er sprach. Vor Jahren hatten sie sich als Studenten am St. Margaret’s College in Oxford kennen gelernt, und der Dekan hatte regelmäßig Strafen über sie verhängt, weil sie über die Stränge geschlagen hatten.

Dave zog eine Augenbraue hoch. „Ist er nicht froh darüber, dich wiederzuhaben?“

„Er spuckt Gift und Galle“, antwortete Steven amüsiert.

„Was für ein beschauliches Leben!“

„He, wenn ich so ein Leben wollte, wäre ich im Labor geblieben. Sobald man seine eigene Firma gründet, verabschiedet man sich von einem ruhigen Dasein.“

Dave hatte in verschiedenen internationalen Unternehmen Karriere gemacht. Neugierig blickte er ihn nun an. „Ist es das wert?“

„Und ob!“ Stevens Begeisterung war echt.

„Möchtest du nie mal kürzer treten?“

Als Firmeninhaber konnte man sich so etwas natürlich nicht erlauben. Dave musste jedoch daran denken, dass es schon lange keine Frau mehr in Stevens Leben gegeben hatte. Er kannte niemanden, der so einsam war wie er.

„Spielst du nie mit dem Gedanken, eine Familie zu gründen?“ Kaum hatte Dave die Frage ausgesprochen, merkte er, wie Steven auf Distanz ging. Er seufzte. „Na, vergiss jedenfalls nicht, dass Marise und ich dich erwarten, wenn du wieder Urlaub hast.“

Urlaub? Beinah hätte Steven humorlos aufgelacht. „Klar“, erwiderte er ausweichend. So war es kein Versprechen, denn seine Versprechen hielt er immer. „Ich nehme es in den Fünf-Jahres-Plan mit auf.“

Gespielt verzweifelt hob Dave die Hände. „Du bist verrückt.“

„Du hast es doch selbst gesagt. Ich bin wer“, erinnerte Steven ihn. „Dafür zahlt man einen hohen Preis.“

Sicher, er, David, hatte es weit gebracht. Aber er war nicht Steven Konig, der sein ehemals kleines Institut für Lebensmittelforschung zu einem so großen Unternehmen ausgebaut hatte. Überall auf der Welt standen die Pressevertreter Schlange, um ihn zu interviewen. Dafür zahlte man natürlich einen Preis.

„Wenn du irgendwann mal aus der Mühle rauskommst, dann besuch uns“, bekräftigte Dave und wandte sich an die Stewardess, die immer noch wartete. „Bitte sorgen Sie dafür, dass es Professor Konig an nichts fehlt.“ Wieder gab er Steven die Hand. „Du bist ein prima Kerl, Steven. Guten Flug.“

Steven öffnete seine Aktentasche, noch bevor Dave die Maschine verließ.

„Möchten Sie etwas trinken, Professor?“, erkundigte sich die Stewardess. Offenbar wusste sie, was sie dem großen Boss schuldete, dem sie sicher noch nie zuvor begegnet war.

Steven lächelte geistesabwesend. „Nein, danke. Aber Sie tun mir einen großen Gefallen, wenn sie andere Leute von mir fern halten.“

In der Transithalle hatte er mehrere Konferenzteilnehmer aus Großbritannien gesehen. Wie er aus Erfahrung wusste, würden sie die Gelegenheit nutzen und sich während des Flugs auf ihn stürzen, um ihn auszufragen.

„Natürlich, Sir“, erwiderte die Stewardess.

Steven arbeitete, noch lange nachdem die Flugbegleiter sich ebenfalls hingesetzt hatten und die anderen Passagiere eingeschlafen waren. Schließlich blickte er auf seine Uhr. Wenn er vernünftig war, würde er sich noch zwei Stunden Schlaf gönnen.

Ich bin immer vernünftig, sagte er sich ironisch. Er musste es auch sein, denn er hatte zwei Jobs, drei Titel und jede Menge Verantwortung.

Steven brachte seinen Sitz in Liegeposition und schaltete das Licht über seinem Platz aus. Innerhalb weniger Sekunden war er eingenickt.

Sie ...

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