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Dioptas

Zu diesem Buch

Leia Stepford wird vom Oberhaupt ihres Volkes auserwählt, im Krieg gegen die Gepardenwandler einen ihrer obersten Soldaten zu verführen und auszuspionieren. Dies ist ihre Chance, endlich die lang ersehnte Freiheit zu erlangen. Doch als der Gepardenwandler Nate ihr bei einem Anschlag das Leben rettet, steht Leia vor einer schweren Entscheidung: Soll sie ihr Volk verraten und stattdessen ihrem Herzen vertrauen? Denn eine Zukunft ohne Nate an ihrer Seite ist für Leia bald schon nicht mehr vorstellbar. Während sie noch zwischen den Fronten steht, holt die Vergangenheit sie plötzlich ein – und damit auch ihre geheime Gabe, die die Macht hat, das Schicksal der verfeindeten Völker für immer zu verändern …

Ich merke, dass ich so aufgeregt bin, dass ich kaum still sitzen oder einen klaren Gedanken fassen kann. Ich glaube, es ist eine Erregung, die nur ein Mensch, der frei ist, nachempfinden kann. Ein freier Mann, der am Anfang einer langen Reise steht, deren Ende noch ungewiss ist.
– Red, Die Verurteilten -

Prolog

Die junge Frau schauderte, obwohl es nicht kühl war. Eigentlich sollte ihr viel zu warm sein, so wie die Sonne auf sie herabbrannte. Die Baumkronen spendeten wenig Schatten, und nur ein leichter Windhauch strich durch die Äste. Dennoch zitterte sie, denn in wenigen Augenblicken würde ein Wesen durch den Wald auf sie zukommen, das es in der alten Welt gar nicht geben sollte.

Mit klopfendem Herzen blickte sie sich in dem Waldabschnitt um und versuchte gleichzeitig auf herannahende Schritte zu lauschen. Ihr war unwohl bei dem Gedanken, dass sie ihn um Hilfe gebeten hatte, obwohl sie ihn nicht kannte. Aber für diese Bedenken war es wohl nun zu spät. Sie straffte die Schultern und versuchte wieder ihre alte Selbstsicherheit zurückzugewinnen. Aber die Nervosität, die Unsicherheit und diese Kälte in ihr waren Anzeichen dafür, dass ihr Vorhaben falsch war und sie das tief in ihrem Innersten auch wusste. Eine andere Möglichkeit gab es in ihren Augen jedoch nicht. Mit ihren Fähigkeiten gehörte sie gerade einmal zum Mittelmaß bei den Forás, und der Vater ihres ungeborenen Kindes war auch nicht stärker als sie. Wenn sie eine bessere Zukunft für ihr Kind wollte, dann musste sie das hier durchziehen. Sacht legte sie die Hand dort auf ihren Bauch, wo sie eine ganz kleine Wölbung spürte. Noch nicht ausreichend, um anderen aufzufallen, aber genug für sie, um zu wissen, dass sie ein neues Leben in sich trug. Ein Mädchen, ein Junge oder vielleicht sogar beides. Sie lachte leise, als ihr Letzteres in den Sinn kam. Für ihr ungeborenes Kind würde sie stark sein. Auch wenn es bedeutete, dass sie den Weg ins Ungewisse einschlagen musste. Einen Weg, von dem sie nur durch Gerüchte und Gewisper erfahren hatte. Normalerweise gab sie nichts auf solches Geschwätz, doch es klang plausibel. Woher sonst sollten sie solche Fähigkeiten erhalten haben, wenn sie sich doch nicht so sehr von den Menschen unterschieden? Also war sie der Spur aus Gerüchten statt Brotkrumen gefolgt, bis sie schließlich einen Hinweis gefunden hatte. Und dann den nächsten und wieder den nächsten. Und schließlich hatte sie ihn gefunden. Er hatte versprochen, dass es ihrem Kind niemals schlecht gehen würde. Solange es denn überlebte.

Ein knackender Ast ließ sie erschrocken aufschauen, und sie suchte mit ihren Augen die Umgebung ab. Nervös krallte sie ihre Finger in den Stoff ihres Shirts, als der Mann auf sie zukam. Ganz in Schwarz gekleidet wirkte er, als würden selbst die Strahlen der Sonne, die durch die Baumkronen fielen, von seiner Präsenz geschluckt werden. Sie hielt den Atem an, als sie die Macht spürte, die von diesem Wesen ausging.

»Hast du mich gerufen?«, fragte er mit heiserer Stimme. In seinen Worten schwang ein Akzent mit, der ihr gleichzeitig seltsam bekannt und doch fremd vorkam.

Hastig nickte sie und wollte etwas sagen, doch ihr Mund war furchtbar trocken. Sie legte die Hände auf ihren Bauch, als könnte sie so verhindern, dass ihrem Kind etwas geschah. Doch sie wusste, dass sie gegen den Fremden nichts würde ausrichten können, wenn es denn zu einem Kampf kommen sollte.

»Und wie sieht es mit meiner Bezahlung aus?«

Mit leicht zitternden Händen holte sie ihr Smartphone heraus und tippte etwas ein. »Sobald ich auf Senden drücke, erhalten Sie innerhalb weniger Minuten das Geld. Zuerst möchte ich aber meine Ware sehen.« Überrascht von der Sicherheit in ihrer Stimme, starrte sie den Mann an, der in einiger Entfernung stehen geblieben war. Sie hielt das Display des Handys in seine Richtung, damit er sehen konnte, dass die korrekten Ziffern auf dem Schirm angezeigt wurden. Sie hatte erwartet, dass er näher an sie herankommen würde, um den Bildschirm genauer in Augenschein nehmen zu können. Doch er warf nur über die Entfernung hinweg einen gelassenen Blick auf das Display, ehe er wieder sie ansah. Sie schluckte schwer. Nicht zuletzt seine Sehkräfte bewiesen ihr endgültig, dass weder ein Mensch noch ein Forá vor ihr stand. Doch was war er?

»Pass auf, Mädchen!« Langsam griff er in seine Jackentasche und fischte eine gefüllte Phiole heraus. Golden schimmernd, durchmischt von Blau, Violett und Silber. Staunend beobachtete sie, wie sich die Farben des Elixiers immer wieder veränderten. Als könnte die Flüssigkeit sich nicht entscheiden, in welcher Farbe sie erscheinen wollte.

»Und wie geht es nun weiter?«, fragte sie möglichst ruhig.

»Du überweist das Geld, und ich werfe dir die Flasche zu.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das meinte ich nicht. Wie funktioniert das Elixier?«

»Elixier?« Er lachte laut und hämisch. »Das ist doch kein Elixier, Liebes. Das ist der Trunk der Götter. Reinstes Ambrosia aus der neuen Welt.«

Irritiert zog sie die Augenbrauen zusammen. Dass er nicht von hier stammte, hatte sie gewusst, doch dass das Mittel, das er ihr verkaufen wollte, auch nicht aus dieser Welt kam, war ihr neu. Es erklärte immerhin den Preis, den der Händler von ihr verlangte. Es war alles, was ihre Eltern ihr vermacht hatten, gebündelt mit ihren letzten eigenen Ersparnissen.

»Ambrosia wird den gewöhnlich geratenen Kindern von talentierten Eltern verabreicht. Wenn sie es überleben, zeigen sie in der Regel mit der Zeit doch noch ein Talent, und wenn nicht, dann wird sich ein Gott sicher ihrer annehmen«, erklärte er mit kalter, flacher Stimme. Gerade so, als würde er die Wirkungsweise von Kaffee beschreiben.

Unsicher schaute sie abwechselnd den Händler und seine Ware an. »Und was passiert, wenn ich es einem bereits talentierten Kind gebe?« Sie strich erneut über ihren Bauch. Denn sie war sich sicher, dass ihr Kind ihre Fähigkeiten erben würde. Es kam so gut wie nie vor, dass Forás ihre Fähigkeiten nicht weitergaben. Bei anderen übernatürlichen Wesen wusste sie, dass es Ausnahmen gab, doch für die mächtigen Forás war das etwas Unaussprechliches.

Er zuckte mit den Schultern. »Wenn es überlebt, wird es sehr wahrscheinlich herausragend in seinen Fähigkeiten sein.«

Herausragend. Sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen. Ihr Kind könnte herausragend werden, obwohl es nur von durchschnittlichen Eltern abstammte. Langsam verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln. Das klang gut. Sogar sehr gut. Aber eine Frage stand noch im Raum.

»Was meinst du mit wenn

Die ungerührte Miene des Händlers veränderte sich nicht, als sie ihre Frage stellte. »Wenn bedeutet wenn. Es gibt keine Garantie dafür, dass es klappt.«

Ihr Körper verkrampfte sich, und sie kämpfte gegen aufsteigende Panik. Aber war eine Möglichkeit nicht besser als die absolute Gewissheit, dass es für ihr Kind niemals besser werden könnte? Das Leben eines schwachen Forás war alles andere als lebenswert. Sie biss sich auf die Lippe und sah nach unten zu ihrem leicht gewölbten Bauch. Sie spürte die Ungeduld des Händlers, doch das kümmerte sie nun wenig. Wenn ihr Kind besondere Fähigkeiten erhalten würde, dann wäre ihm ein wundervolles Leben sicher, doch wenn es nicht wirkte … dann wäre ihr Kind tot, und sie wäre schuld daran.

Doch sie mochte es noch so sehr drehen und wenden, die Würfel waren bereits gefallen. Während das eine nur eine vage Möglichkeit war, war gewiss, was ihr Kind ohne nennenswerte Fähigkeiten würde durchmachen müssen.

»Gut, dann wirf!« Während sie das sagte, gab sie gleichzeitig auf ihrem Smartphone den Befehl, und es erklang ein lautes Ping, das die Transaktion bestätigte. Lächelnd sah sie, wie das Wesen die Flasche in die Luft warf. In allen Farben des Regenbogens brach sich während des Flugs das Licht darin, und staunend fing sie sie auf.

Ohne zu zögern, ohne überhaupt darauf zu achten, ob der Fremde wieder gegangen war, entkorkte sie die Phiole, setzte sie an die Lippen und leerte sie in einem Zug. Der Trunk der Götter.

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Wenn ich nicht frei sein kann, dann wähle ich lieber den Tod. Dieser Satz war zu Leias Mantra geworden. Ein Mantra, das ihr in jeder Lebenslage folgte. Denn dieser Satz fühlte sich wie die einzige Wahrheit in ihrem Leben an. Es war etwas, das sie selbst entscheiden konnte, falls ihr Plan scheitern sollte. Ein Plan, der erst vage ausgereift war, aber zumindest gab es einen.

Leise seufzend schaute sie weiter auf das Feld hinaus, das unter einer dünnen Schneeschicht verborgen lag. Sie wusste, wenn sie sich hinauswagte, dann würde jeder ihrer Schritte laut knirschen. So als würde sie über zerbrochenes Glas laufen, das auf Asphalt schabte. Und Leia wusste auch, dass sie innerhalb von Sekunden tot sein würde.

Befehle zu befolgen war ihre Aufgabe. Ihr einziger Daseinszweck, wenn es nach dem Oberhaupt der Forás ging. Leia sollte, genauso wie die anderen Soldaten, die still auf das einsame Feld hinausstarrten, ein kleines, gut geöltes Zahnrad sein, das die große Maschine am Laufen hielt. Und wenn dem Oberhaupt danach wäre, würde er sie einfach zum Stillstand bringen.

Sie wusste nicht, wie es den anderen Soldaten dabei erging, dieses Wissen im Hinterkopf zu haben. Leia war sich nicht einmal sicher, ob es sie überhaupt scherte, dass das Oberhaupt über ihre Leben einfach entscheiden konnte. So mir nichts, dir nichts. Wenn sie ehrlich mit sich war, dann war sie sich über fast gar nichts sicher. Außer darüber, dass sie hier rauswollte. Um jeden Preis.

Ein sachter Luftzug ließ sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Feld richten, wo sie noch immer keine Gefahr ausmachen konnte. Denn das war ihre Aufgabe im äußersten Verteidigungsring. Mögliche Gefahren zu identifizieren und als Kanonenfutter zu dienen. Es war kein Zufall, dass keiner der Forás, die in einem der äußeren Ringe dienten, jemals bemerkenswerte geistige Fähigkeiten gezeigt hatte. Sie selbst war da keine Ausnahme. Warum sollte man starke Forás direkt an die Front schicken, wenn man dafür doch Soldaten nutzen konnte, die kaum geistige Kraft zeigten? Aber immerhin mussten sie nicht ungeschützt auf dem Feld draußen stehen, wo jeder Scharfschütze sie gleich eliminieren konnte. Sie konnten wenigstens in den unterirdischen Gängen der Forás Schutz suchen. Schmale Plattformen brachten jeden von ihnen ein Stück nach oben, wo sie durch eine kleine Öffnung nach draußen spähen konnten. Öffnungen, die an der Oberfläche als Maulwurfshügel getarnt waren.

Gegen eine Bombe oder dergleichen würde das allerdings keinen Schutz bieten. Seit sie hier stationiert war, hatte sie sogar manches Mal darauf gehofft, damit ihr Leben ein schnelles Ende nehmen würde. Denn ihr Plan, zu fliehen, war fast unmöglich umzusetzen. Sie müsste schon wirklich sehr viel Glück haben, um es zu schaffen. Vor ein paar Monaten wäre die Flucht noch etwas leichter gewesen. Damals konnte man immerhin noch gehen, wohin man wollte, solange man einen plausiblen Grund vorlegte. Doch sie hatte nicht genügend Mut gehabt, und jetzt war es wohl zu spät. Man wollte stets am sehnlichsten haben, was unerreichbar war.

Seit Elyon Hamford und ihr Bruder Reißaus genommen hatten, waren viele Veränderungen vorgenommen worden. Das Oberhaupt liebte es, Geheimnisse vor seinem Volk zu haben. Angefangen bei seiner Identität. Doch das Verschwinden von Elyon und Conan hatte er nicht vertuschen können. Elyon war eine Soldatin im innersten Kreis gewesen. Dort, wo die wirklich begabten Forás stationiert waren. Denn sie beschützten das Oberhaupt wie eine Leibgarde, wodurch sie die meisten Privilegien genossen. Als bekannt wurde, dass Elyon die Forás verlassen hatte, war ein Raunen durch die Bevölkerung gegangen. Die meisten waren ruhig geblieben, denn niemand hatte damit gerechnet, dass die Enérgeias deswegen einen solchen Aufstand anzetteln würden. Leia wusste nicht genau, was alles vorgefallen war, doch scheinbar hatten die Enérgeias gesammelt versucht, zu fliehen. Weil die Enérgeias mehr Wissenschaftler und Gelehrte als Krieger waren, hatte man sie jedoch schnell einfangen können, ohne dass es größere Verluste gegeben hatte. Seit diesem Vorfall trug jeder Enérgeia ein Armband, mit dem das Oberhaupt die Möglichkeit hatte, ihm bei Bedarf einen Stromstoß zu verpassen, der ihn außer Gefecht setzte – oder auch tötete. Das Armband hatte darüber hinaus die Funktion, dem Oberhaupt jederzeit den Standpunkt des jeweiligen Enérgeias zu übermitteln. Wodurch es für die Enérgeias unmöglich geworden war, noch einmal einen Fluchtversuch zu unternehmen.

Ein Pfiff, der in den Gängen widerhallte, holte sie aus ihren Gedanken. Ihre Schicht war beendet. Surrend erwachte die Plattform unter ihr zum Leben und beförderte sie mehrere Stockwerke nach unten, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Wie die anderen Soldaten, die sie nun in dem gedämpften Licht um sich herum ankommen sah, ging sie den Gang entlang, an dessen Ende eine Enérgeia hinter einem kugelsicheren Fenster saß. Stumm entledigte Leia sich all ihrer Waffen und händigte sie der Enérgeia aus. Dann schritt sie durch den Metalldetektor, der glücklicherweise nicht ansprang, und konnte sich nun frei bewegen.

Leia atmete einmal tief durch und versuchte das Gefühl abzuschütteln, das sie immer überkam, wenn sie ihre Waffen abgeben musste. Sie fühlte sich nackt und irgendwie auch einsam. Das war auch so eine Neuerung: Keiner durfte mehr Waffen mit sich führen, wenn er nicht Patrouille hatte oder einen anderen konkreten Dienst im Auftrag des Oberhauptes ausführte. Keiner außer den obersten Soldaten.

Eigentlich sollte sie wütend auf Elyon Hamford sein. Denn nur durch sie gab es diese Veränderungen. Andererseits hatte sie nur durch Elyon überhaupt erst den Entschluss gefasst, den Traum von der Freiheit endlich in die Tat umzusetzen.

Es dauerte nicht lange, bis Leia in belebtere Gänge kam. Hier gab es Aufenthaltsräume sowie Bars, Restaurants und Kantinen. Nur die obersten Forás konnten sich einen Besuch in den Restaurants leisten. Doch für Leute wie Leia waren diese Orte ohnehin nicht interessant. Dort ging es hauptsächlich um Machtspielchen und Strategien. Wichtige Beziehungen wurden geknüpft, sei es romantischer oder geschäftlicher Natur. Für die unteren Ränge, zu denen Leia gehörte, waren die Aufenthaltsräume mit Kantinen gedacht. Doch tatsächlich blieben die meisten Forás eher für sich. Sie waren kein geselliges Volk, dabei sehnte Leia sich so sehr nach etwas Echtem. Freundschaft, Kollegialität, etwas, das sich vom stumpfsinnigen und gefühlskalten Alltag in den Tunneln abhob.

Leia bog nach rechts ab und ging einige Zeit einen Gang entlang, ehe sie die Tür zu ihrem Quartier öffnete. Drinnen ließ sie sich erleichtert gegen das Metall der Tür sinken. Die beherrschte Maske, die sie immer außerhalb ihres Quartiers trug, fiel von ihr ab. Zitternd lehnte sie an der kalten Oberfläche und rang um Atem.

»Tief ein- und ausatmen, Leia«, sagte sie zu sich selbst, und langsam verlor das Zittern in ihrem Körper an Kraft.

Sie schüttelte den Kopf, richtete sich auf und schritt zum Esstisch, der von Dokumenten übersät war. Eigentlich gab es nur eine einzige Möglichkeit, hier rauszukommen. Sie brauchte einen Auftrag, der sie außerhalb der Tunnel führte. Wenn sie es schaffte, dass das Oberhaupt ihr einen solchen Job zukommen ließ, könnte sie vielleicht fliehen.

Seit Elyon verschwunden war, musste man stets einen GPS-Sensor schlucken, wenn man an die Oberfläche wollte, selbst wenn es dienstlich war. Zumindest wenn man in den unteren Rängen stand. Es war die etwas abgemilderte Variante der Armbänder der Enérgeias. Als würde das Oberhaupt sagen wollen, dass es noch nicht ganz das Vertrauen in die Forás verloren hatte; in die Enérgeias hingegen schon.

Nach einem Tag gab der Körper den Sensor auf natürliche Weise wieder frei. In der Zwischenzeit konnte man jedoch überall geortet werden. Das Oberhaupt weiß immer, wo du bist. So lautete der Werbespruch für diese GPS-Sensoren. Den meisten vermittelte es wohl ein Gefühl der Sicherheit, denn das Oberhaupt versuchte seinen Bürgern klarzumachen, dass Elyon und Nolan Hal die Rasse der Forás auslöschen wollten. Doch Leia hatte so ihre Vermutung, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach.

Seufzend betrachtete sie die Zettel auf ihrem kleinen Esstisch. Es waren Pläne von den Tunneln und Listen, wer wann wo Patrouille hatte. Und dann gab es da noch die Namensliste der Personen, die dem Oberhaupt am nächsten standen. Darunter waren natürlich die Soldaten, die im Sektor um das Oberhaupt stationiert waren, und dann noch diejenigen, die zu allem Halleluja sagten, was das Oberhaupt von sich gab.

Leia konnte kaum glauben, dass sie vierundzwanzig Jahre ihres Lebens in dem verkorksten Spiel des Oberhauptes die ihr zugedachte Rolle erfüllt hatte. Sie wurden dazu gedrillt, die besten Soldaten aller Zeiten zu werden, nur hatte das auch Nebeneffekte. Lachende, spielende Kinder hatte Leia schon lange nicht mehr gesehen. Es stimmte sie traurig, mit ansehen zu müssen, wie das Oberhaupt sein Volk nach seinem Willen formte, ohne jeglichen individuellen Freiraum zu bieten.

Sie schnaubte verächtlich. Das Mitleid sparte sie sich wohl besser. Die meisten Forás wollten es schließlich nicht anders, sonst hätte schon längst jemand das Oberhaupt gestürzt. Oder ihm zumindest im Untergrund entgegengewirkt. Leia hatte bisher noch vergeblich nach einem Gleichgesinnten gesucht.

Missmutig verschob sie die Papiere auf dem Tisch. Wenn jemand bemerken würde, womit sie sich hier beschäftigte, würde sie einfach ihren foráischen Ehrgeiz als Grund vorschieben. Sie wolle über alles, was im Territorium der Forás geschah, Bescheid wissen. Das zumindest würde man ihr abnehmen. Leia verdrehte die Augen. Sie konnte sich wesentlich interessantere Lektüre vorstellen. Wenn es nicht um ihre Flucht ginge, wären die Dokumente schon lang im Brennofen verschwunden. Voller Sehnsucht glitt ihr Blick zu der Couch, unter der sie ihre Bücher versteckte. Nichts, das wirklich Spaß machte, war in den Tunneln erlaubt. Natürlich wusste Leia, dass es viele gab, die sich eine Zweitwohnung in der Außenwelt gemietet hatten, um dort einen Rückzugsort zu haben und alles, was ihnen teuer war, dort aufzubewahren. Doch nun gab es die Ausgangssperre.

Leia seufzte. Sie wollte hier raus. Musste hier raus. Auch wenn das bedeutete, dass sie sich bei denen beliebt machen musste, die sie am meisten verabscheute.

Nathaniel schlich auf leisen Pfoten durch den Wald. Der Wind strich durch sein Fell, und er fühlte sich so frei wie ein Vogel. Nur dass er etwas Wilderes war. Nate grinste innerlich. Er liebte sein Leben.

Dann roch er etwas und legte sich auf die Lauer. Der Gepard in ihm wollte nicht an der Leine gehalten werden. Wenn er in seiner Gepardengestalt war, übernahm meistens das Tier in ihm die Führung. Doch heute wollten beide – der Mensch und der Gepard – auf die Jagd gehen. Nicht um ein Tier zu reißen. Das war ihnen nicht mehr erlaubt, seit der Wildbestand in den letzten Jahren dramatisch zurückgegangen war, doch Nathaniel machte das nichts aus. Er wollte nur ein bisschen Spaß haben.

In diesem Moment knackte ein Zweig gefährlich nah zu seiner Linken. Das Wesen, das sich anschlich, hatte sich im Windschatten gehalten. Nate legte sich flach auf den Boden. Verschmolz mit der Erde unter sich. Er witterte, doch kein Geruch drang zu ihm durch. Gefahr war es keine, die ihm drohte. Schließlich waren die Instinkte seines Tieres unfehlbar.

Ein weiteres Knacken kam aus der Richtung, in die Nate schaute. Gespannt wartete er darauf, was aus den Bäumen hervorkommen würde. Zu seiner Überraschung war es Elyon.

»Da steckst du also.« Sie ging auf ihn und zupfte sich einen Zweig aus dem Haar, ehe sie sich vor ihm auf ein Knie niederließ.

Freude wallte in ihm auf. Sie war die Frau seines Alphas, weswegen er sie respektieren musste. Doch seit Elyon vor zwei Monaten zu ihnen gestoßen war, war sie dazu noch eine gute Freundin für Nate geworden.

Er stand auf und strich mit seinem Gepardenkörper um Elyons Beine.

»Charmeur«, sagte sie lächelnd.

Spielerisch schnappte er nach ihrer Hand, und sie lachte nun. Doch Nate wusste, dass Elyon nicht ohne Grund gekommen war. Er hätte zwar gerne seine Freizeit noch ein wenig länger genossen, doch die Pflicht rief nun mal. Seufzend ging er in sich und wechselte von seiner Tiergestalt zum Menschen.

Er hatte gehört, dass sich die Verwandlung von Wandler zu Wandler unterschied. Dass jeder etwas anderes dabei verspürte. Er empfand immer nur eine wilde, berauschende Freude, wenn er seine Gestalt wechselte. Eines der ersten Dinge, die Elyon von den Wandlern hatte wissen wollen, war, ob sie bei der Verwandlung in ihre tierische Gestalt und wieder zurück ihre Kleidung verlieren würden. Das war nicht der Fall. Doch Nolan – das Alphatier der Geparden und Elyons Mann – erzählte die Geschichte immer wieder gerne mit einem diebischen Grinsen auf dem Gesicht. Er meinte, dass schon damals Elyon an nichts anderes habe denken können als an seinen nackten Körper. Tja, wenn sein Alphatier sich das einreden wollte, dann sollte er das ruhig.

Laut einer Legende hatte ein Alphatier vor vielen Hundert Jahren diesen Zauber erbeutet, der es möglich machte, dass die Kleidung während einer Verwandlung nicht verloren ging. Doch jeder Zauber hatte seinen Preis. Ab dem Zeitpunkt, als dieser zu wirken begann, war niemand mehr in der Lage, den tatsächlichen Gestaltwandel zu beobachten. Wer auch immer zu so einem Zeitpunkt anwesend war, war vorübergehend wie geblendet. Das betraf sogar die Wandler unter sich.

»Was ist los?«, fragte Nate Elyon, sobald er wieder seiner Stimme mächtig war.

»Es gibt eine neue Entwicklung.« Sie sah ihn an, und Nate wusste sofort, worum es ging.

»Lissa?«

Elyon nickte bestätigend. Nathaniel fuhr sich aufgewühlt durch seine braunen Haare. »Na gut, dann gehen wir. Und in der Zwischenzeit erzählst du mir, was los ist.«

»Tom wurde gesichtet«, berichtete Elyon. »Anscheinend versteckt er sich in der Stadt und hat sich in einer Wohnung verschanzt.«

»Ich dachte, er hätte die Unterstützung des Oberhauptes?«

Elyon zuckte mit den Schultern. »Vielleicht hat er die eben nicht mehr. Oder das Ganze ist eine Falle.« Sie verzog das Gesicht. »Das glaube ich eher. Nur erzähl das mal Nolan und Greg.«

»Ja, die zwei haben einen sehr starken Beschützerinstinkt. Und dann geht es hier auch noch um Lissa. Ich kann verstehen, wie sie sich fühlen.« Der unwiderstehliche Drang, zu helfen. Sofort aufzuspringen und diesen Bastard kaltzumachen. Es rumorte förmlich in seinem Magen. Doch er musste diesen Drang für den Moment unterdrücken. Elyon konnte weiß Gott nicht noch einen Wandler brauchen, den sie beruhigen musste.

»Angeblich hat er sich ängstlich umgeschaut, bevor er die Wohnung betreten hat. Das ist jetzt fast zwei Stunden her, und seitdem hält er sich in dem Gebäude auf.«

»Wer hat ihn entdeckt?«

»Ein junger Wandler, der sich in einem Park in der Nähe herumgetrieben hat, hat ihn von den Fahndungsfotos wiedererkannt, die wir verteilt haben.« Elyon duckte sich unter einem tief hängenden Ast hindurch. »Er ist Tom dann gefolgt, obwohl Greg ihm das am Telefon untersagt hat.«

Nathaniel fluchte. Wenn Tom den Jungen erwischt hätte, wollte er sich nicht vorstellen, wie das Ganze ausgegangen wäre.

»Nun, wenigstens wissen wir jetzt, wo er ist, und dem Jungen geht es gut«, meinte er.

Elyon nickte. »Kelley musste ihn beruhigen, als sie dort ankam. Er wollte schon auf eigene Faust reingehen.«

»Das ist gut möglich. Lissa beaufsichtigt oft die älteren Kinder und Jugendlichen. Sie hängen sehr an ihr und schauen zu ihr auf. Diesen Schlag haben sie nur schwer weggesteckt.« Nate seufzte. Lissa hatte sich körperlich mittlerweile wieder erholt, doch man sah ihr an, dass sie das alles noch nicht verarbeitet hatte. Nate glaubte auch nicht, dass das so schnell der Fall sein würde. Im Moment wirkte sie wie ein Schatten ihrer selbst.

Die Bäume lichteten sich langsam, und Gesprächsfetzen drangen an seine Ohren. Ein wohliger Schauer erfasste seinen Körper. Zuhause. So sollte es sich anhören; so sollte es riechen.

Nate hatte nie den Wunsch gehabt, irgendwo anders hinzugehen. Die Stadt lockte ihn nicht. Er und das Tier in ihm fühlten sich zwischen den Betonmauern nicht sonderlich wohl. Die Stadt war zu groß, zu laut, zu grau. Einfach von allem zu viel. Cerys war zwar auch eine kleine Stadt, doch jeder hatte hier seinen Freiraum und Luft zum Atmen.

In der Stadtmitte befand sich ein kleiner Markt neben dem Rathaus. Alles war von Bäumen und Sträuchern umgeben; die Natur schlich sich hier in jeden Winkel. Von oben konnte man kaum etwas von der Stadt sehen, da die Baumkronen sie vor neugierigen Blicken schützten. Außerdem waren Flüge über das Territorium der Geparden streng verboten. Und niemand wollte es sich mit ihnen verscherzen, zumal die Wandler mittlerweile einen größeren Anteil an der Erdbevölkerung bildeten als je zuvor. Dass das einige nervös machte, war verständlich. Die Machtverhältnisse kippten, vor allem da die Geparden nun auch einen großen wirtschaftlichen Einfluss ausübten. Und das verdankten sie zu einem großen Teil Nolan. Ihr Alphatier hatte erkannt, was den Geparden fehlte und sich, sobald er zum Anführer ernannt worden war, sofort in die Arbeit gestürzt. So sehr, dass er sich darin beinahe verloren hatte.

Aus dem Augenwinkel sah er zu Elyon. Sie war es, die Nolan wieder ins Leben zurückgeholt hatte. Kaum einer hatte Nolan in den Monaten vor Elyons Erscheinen in Cerys noch zu Gesicht bekommen. Er hatte sich in seinem Büro in der Stadt verschanzt, sodass er beinahe schon mit den Wänden verschmolzen war, die ihn schmucklos, kalt und unnahbar umgeben hatten. Nate konnte sich daran erinnern, wie er Nolan einmal gefragt hatte, warum er denn nicht wenigstens Bilder aufhängte. Sein Büro hatte stets gewirkt, als würde es leer stehen.

»Ganz einfach«, hatte er geantwortet. »Sie würden mich nur an das erinnern, was ich nicht haben kann.«

Nate hatte zuerst nicht gewusst, was Nolan meinte, bis ihm schließlich ein Licht aufgegangen war. Er hatte nicht nach Belieben nach Cerys zurückkehren können. Seine Verpflichtungen hatten das verhindert, und er hätte sich nur damit gequält, wenn er Bilder aufgehängt und versucht hätte, sein Büro heimeliger zu gestalten. Doch nun da Elyon hier war, hatte auch das sich geändert. Die Frau des Alphas wusste wahrscheinlich gar nicht, wie dringend sie gebraucht wurde. Man merkte die Veränderung in Cerys deutlich. Die Geparden verehrten Elyon förmlich, und sie verbreitete allerorts Herzlichkeit. Nicht zuletzt an Nolan zeigten sich die Veränderungen am deutlichsten. Nate beneidete die zwei um ihr Glück. Doch gönnen würde er es ihnen tausendfach.

Sie schritten über den Marktplatz, als Nate bemerkte, wie Elyon jedes Mal das Gesicht verzog, wenn ihr jemand höflich zunickte. Vor allem die Männer taten das gerne. Sie zollten ihr so Respekt.

»Warum schaust du immer so, wenn dich jemand grüßt?«

Elyon seufzte. »Es kommt mir so albern vor. Ich bin niemand Besonderes und will nicht, dass so ein Aufheben um mich gemacht wird.«

»Du beleidigst sie, wenn du ihren Respekt und Gruß nicht annimmst.«

»Soll ich denn jedes Mal zurückgrüßen?«, fragte sie ungläubig. »Dann sieht es ja so aus, als ob ich mich selbst wichtig nehmen würde.«

»Wie macht Nolan es denn?«

»Er ignoriert es meistens und lächelt hier und da einmal.«

»Er ignoriert es nicht, Elyon.« Sie kamen auf eine kleine Lichtung. Hier in der Nähe des Hauses des Alphapaares trieben sich kaum noch Wandler herum. »Er nimmt jeden Gruß wahr, auch wenn er es nicht stets zurückgibt. Doch du zeigst ihnen, dass es dir nicht geheuer ist, wenn sie dich grüßen.«

Elyon seufzte. »Okay, ich werde versuchen, mich zu bessern. Auch wenn mir nicht wohl dabei ist.« Sie runzelte die Stirn.

»Du gewöhnst dich schon noch daran.« Er legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie.

»Danke, Nate. Man merkt dir dein Alter gar nicht so sehr an, wie die Älteren immer sagen.«

Er lachte. »Die werden ihre Meinung ohnehin erst ändern, wenn ein jüngerer Hüter von Cerys die Ausbildung antreten sollte.«

Sie musterte ihn aufmerksam. »Stört es dich denn gar nicht, dass sie immer von dem Küken reden?«

»Nein. Sie meinen es nicht geringschätzig, sondern necken mich nur gern.« Er grinste sie frech an. »Außerdem sind Küken süß, und Frauen stehen auf süße Dinge.«

Elyon lachte. »Ja genau. Bilde dir das nur ein.« Sie löste sich von ihm und marschierte lächelnd auf den nächsten Baum zu, auf dem sich das Baumhaus befand, in dem sie und Nolan lebten.

Früher hatte Nathaniel immer voller Ehrfurcht zu dem Haus des Alphas aufgeschaut. Und er hatte den Wunsch verspürt, an den geheimen Versammlungen und Besprechungen teilzunehmen, die regelmäßig dort oben stattfanden. Um der Sicherheit des Alphas und Cerys willen.

»Möchtest du mich hochtragen?«, fragte Elyon. »Geht schneller, als die Treppe auszufahren.«

In diesem Moment landete Nolan vor ihren Füßen, und Elyon zuckte erschrocken zusammen.

»Keine Panik, das übernehme ich.« Nolan warf Nate einen warnenden Blick zu.

Er schmunzelte innerlich, doch nach außen hin ließ er sich nichts anmerken. Der Bund zwischen den beiden war noch frisch, und Nolan trat jedem Mann mit Mördermiene entgegen, der Elyon auch nur versuchte anzufassen. Er steckte schlichtweg sein Territorium ab.

Im Haus des Alphas herrschte reges Treiben. Stimmengewirr schlug Nate entgegen, als er sich dem Hauseingang näherte.

»Was ist denn hier los?«, fragte er verblüfft. Normalerweise ging es hier recht geordnet zu.

»Sie streiten sich darüber, was mit Tom geschehen soll«, antwortete Elyon. »Das haben sie schon getan, als sie hier eingetroffen sind. Und scheinbar sind sie noch zu keiner Entscheidung gelangt.«

»Und das, obwohl wir ihn noch nicht einmal gefangen genommen haben.« Nolan schüttelte den Kopf.

Nathaniel warf einen Blick auf die Geparden im Raum, die sich lautstark unterhielten. Die Hüter von Cerys waren anwesend, doch sie hielten sich eher am Rand des Raums auf. Sie beobachteten das aufgebrachte Treiben, das die Ratsmitglieder veranstalteten, als wären sie kleine Kinder, die sich um ein Spielzeug zankten.

»Wir müssen ihn sofort ausschalten. Er könnte noch einem von uns etwas antun!«, schrie Clara durch den Raum.

»Und riskieren, dass das Oberhaupt einen Trupp in unser Territorium schickt, um Rache zu üben?« Nigel schüttelte vehement den Kopf.

Richard warf die Arme in die Luft. »Wir sollten ihn gefangen nehmen und versuchen, Informationen aus ihm herauszubekommen. Das ist die einzig richtige Lösung!«

Nate verdrehte die Augen. Wie wilde Tiere. Kein Wunder, dass das Oberhaupt ihren Rat nicht besonders hoch schätzte.

Doch ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht, und er lehnte sich gegen die Wand neben der Tür. Es könnte spannend werden, ihnen dabei zuzuschauen, wie sie sich gegenseitig in kleine Stücke zerfleischten. Entspannt erwiderte Nate den amüsierten Blick seines Alphas. Er zuckte nur mit den Schultern. Wenn Nolan wollte, konnte er ihm ja Popcorn bringen.

»Seht euch doch mal Nate an.« Er horchte auf. Nolan verwendete sonst nie seinen Spitznamen. Im Raum wurde es still, und alle drehten sich zu ihm um. Aufmerksamkeit war Nate noch nie unangenehm gewesen. »Er lacht euch innerlich aus, und jeder andere im Raum tut es auch. Nur dass Nate es offen zeigt und ihr selbst das nicht bemerkt, während ihr euch wie zänkische Kinder aufführt.« Nolan schüttelte missbilligend den Kopf. Er nahm Elyons Hand und führte sie zu der Couch, wo er sich mit ihr hinsetze. »Nehmt doch Platz.« Er deutete auf die anderen Sitzgelegenheiten.

Beschämt, wenn auch wütend über die Maßregelung, ließen sich die versammelten Ratsmitglieder ebenfalls nieder.

»Er ist halb so alt wie ihr«, fügte Nolan hinzu, »und zeigt doch schon mehr Verstand als ihr. Wie wäre es, wenn ihr euch einmal gegenseitig ausreden lassen würdet?«

Clara erwiderte seinen Blick trotzig, und in Nates Körper spannte sich alles an. Es war weitläufig bekannt, dass Clara nicht mit Nolans Führungsstil einverstanden war und dass sie es bei jeder Gelegenheit erkennen ließ, war auch nicht gerade von Vorteil.

»Spiel dich nicht so auf! Wir versuchen wenigstens etwas zu tun.«

Ein lautes, bedrohliches Knurren tönte durch den Raum. Nates Nackenhaare stellten sich auf. Er wollte wirklich nicht derjenige sein, der jetzt von Nolan zurechtgewiesen wurde. Obwohl Clara es durchaus verdient hatte.

»Überschätz dich nicht!« Aus der Stimme des Alphas konnte man den Gepard knurren hören. »Du hast nichts getan, das die Situation leichter machen würde. Ihr habt euch nur gegenseitig angeschrien und versucht, euch aufzuspielen. Ich habe hier das Sagen, Clara.« Er fixierte sie mit seinem Blick. »Und wage es ja nicht, das anzuzweifeln.«

Man konnte sehen, wie Clara förmlich unter Nolans Blick schrumpfte, ehe sie ihre Augen von ihm abwandte. Unterwerfung.

»Gut. Greg? Erzähl uns, was passiert ist, damit wir alle auf dem gleichen Stand sind.«

Greg trat vor. In seinen Augen lag die gleiche Wut, die Nate auch in den Mienen der anderen sehen konnte. Wenn es so weiterging und sie nicht bald alle etwas von diesem aufgestauten Zorn loswurden, könnten die Folgen verheerend sein.

»Seth war in der Stadt unterwegs, als er einen Mann gesehen hat, auf den die Beschreibung von Tom passt. Seth hat mich sofort angerufen, aber meinen Befehl missachtet, Tom nicht zu verfolgen, und ihm stattdessen weiter nachgespürt. Schließlich gelangte er zu einem Haus in der Innenstadt, in dem Tom verschwand, und kurz darauf ging in der Wohnung im dritten Stock das Licht an. Auf meine Anweisung hin stieß Kelley kurz darauf zu dem Jungen und schaffte es, ihn zu beruhigen und nach Hause zu schicken. Sie beschattet die Wohnung nun schon seit etwa einer Stunde. Bisher hat sich nichts getan. Tom hat das Haus nicht verlassen.«

»Danke, Greg. Hat jemand einen Vorschlag, was wir tun sollen?«, fragte Nolan in den Raum.

»Unsere Standpunkte kennst du ja schon«, sagte Clara trotzig.

»Ja. Die kenne ich tatsächlich. Mord und Folter, insofern ich das richtig verstanden habe. Sonst noch jemand?«

»Wir könnten ihn beschatten«, warf Nate ein. »Er könnte uns ungewollt Informationen geben. Wo sich das Oberhaupt versteckt zum Beispiel. Oder er trifft sich mit seinen Komplizen. Dann können wir gleich alle drei gefangen nehmen. So wäre er uns nützlicher als hinter Gittern.«

Nolan musterte ihn eindringlich. »Nur, wer ist im Moment abgebrüht genug, dass er ihn beschatten könnte? Ich spüre eine Menge Wut und Hass in diesem Raum. Jeder hier würde sich sofort auf ihn stürzen und ihn umbringen, wenn er die Chance dazu hätte.«

»Das mag sein. Aber ich würde mich freiwillig dazu melden. Alle hier in diesem Raum lieben Lissa. Und jeder hier möchte, dass Tom seine gerechte Strafe erhält.« Sein Blick wurde stahlhart. »So lange kann ich meine Wut in Zaum halten. Ich würde den Job also gerne übernehmen.« Er sah in Nolans Augen. Das eine golden, das andere blau. Doch in beiden stand Skepsis geschrieben.

»Du bist erst fünfundzwanzig Jahre alt. Seit zwei Jahren bist du ein Hüter von Cerys und mir treu ergeben. Glaubst du oder weißt du, dass du dich im Griff haben wirst?«

Es war eine berechtigte Frage. Er hatte noch nicht so viel Erfahrung in seinem Job sammeln können wie die anderen Hüter. Hinzu kam, dass er unter den Anwesenden auch noch der Jüngste war. Doch Nate machte das nicht, um sich oder jemand anders etwas zu beweisen. Das war schon lange nicht mehr nötig. Tom zu beschatten, um an Informationen zu kommen, war das einzig Richtige, und er würde sich zusammenreißen. Um seiner Rasse und Lissas willen.

»Ich weiß es«, sagte er mit fester Stimme.

Nolan nickte langsam. »Gut, dann wirst du diese Mission leiten. Nimm dir jedes Mittel, das du brauchst.«

Nate verbeugte sich leicht vor seinem Alpha. Er wusste das zu schätzen. Langsam breitete sich ein finsteres Lächeln auf seinem Gesicht aus. Die Jagd konnte beginnen.

~347227.jpg ~

Nachdenklich blickte sie auf das Bild hinab, das ein Mensch ihr einst in die Hand gedrückt hatte. Natürlich hatte sie mitbekommen, dass er das eigentlich nicht hätte tun dürfen, doch das hatte ihn nicht abgehalten. Wahrscheinlich deshalb, weil sie stets so viele Fragen über die Erde und ihre Bewohner stellte. Die satten blauen Farben des Bildes, das der Mann ein Foto genannt hatte, stachen ihr als Erstes ins Auge. Blau gab es auf Nibbana kaum. Nur manche Blüten besaßen diese Farbe, die ihr seit jeher gefallen hatte. Als Nächstes glitt ihr Blick über die braunen und grünen Flächen auf dem Foto, die man anscheinend Kontinente nannte. Das meiste war jedoch in Grün und Blau gehalten, eine wunderschöne Mischung.

Bei ihnen war fast alles rot gefärbt. Das Gras war rot, ebenso wie die Blätter der Bäume. Einer der Menschen hatte es einmal japanisches Blutgras genannt. Vermutlich gab es diese Art von Gräsern also auch auf der Erde. Nur beherrschte sie dort nicht alles.

Die Baumstämme standen in krassem Kontrast zu der roten Landschaft. Sie waren weiß, mit glatter Rinde, und eigentlich gefiel ihr das. Der Himmel hingegen … Sie rümpfte die Nase und spähte aus der Höhle hinaus, in die sie sich zurückgezogen hatte. Gelblich und mit Rotstich. Fast alles war von Rot durchtränkt.

Seufzend wendete sie das Bild in ihren Händen. Der Mann hatte ihr versprochen, dass der Himmel für die Erdbewohner genauso blau wirkte wie die Ozeane. Das komplette Gegenteil zu Nibanna, wo selbst das Meer gelb und rot gefärbt war. Manchmal sah das ganz hübsch aus, vor allem wenn die Fayen mit dem Wasser trainierten. Dann glitzerte und funkelte das Meer wie Blut. Doch Blau gefiel ihr weitaus besser. Wenn sie doch nur die Möglichkeit hätte, auf diesen Planeten zu gelangen, von dem die Menschen ständig sprachen.

Seufzend starrte sie hinauf in den rötlichen Himmel und malte sich aus, was das für ein Leben wäre. Die Menschen behaupteten zwar, dass sie die Luft auf der Erde nicht würde atmen können. Allerdings wusste sie, dass das gelogen war. Im Gegensatz zu den Menschen war sie fähig, sich an alle Bedingungen und Widrigkeiten anzupassen.

»Ayla«, hörte sie plötzlich die Stimme ihres Bruders und zuckte erschrocken zusammen. Schnell schob sie das Foto unter einen Stein, damit er es nicht finden konnte. Ihr Bruder verstand einfach nicht, was sie so sehr an der Erde und den Menschen faszinierte. Dass sie dort tatsächlich Möglichkeiten hätte, die sich hier nicht für sie auftaten, sah er nicht.

»Ja?«, antwortete sie hastig und schob noch etwas sandigen Staub auf eine der Ecken des Fotos, die unter dem Stein hervorlugte. Einen kurzen Moment darauf spähte ihr Bruder in die Höhle hinein. Sein Blick wurde hart und unnachgiebig, als er sie dort sitzen sah.

»Was machst du hier, Ayla? Du weißt doch ganz genau, dass es verboten ist.«

»Ich weiß, ich weiß«, antwortete sie resigniert, als er ihren Arm ergriff und sie aus der Höhle zerrte.

»Das ist ein heiliger Ort! Die Ältesten müssen dir den Zutritt erst erlauben.«

Wehmütig sah Ayla zu ihrem Versteck zurück, als er sie hinein in den Wald aus blutroten Bäumen zog. In der Höhle hatte sie sich schon immer am wohlsten gefühlt. Wenn sie den Kopf drehte, konnte sie noch das glitzernde Wasser erkennen, das an der hintersten Höhlenwand hinabtropfte und in allen Farben glänzte. Aber am schönsten fand sie es, wenn es blau erstrahlte. So blau wie die Erde.

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Leias Herz setzte kurz aus, stolperte und schlug dann umso schneller weiter. Ihre Brust hob sich, und sie sog gierig die Luft in ihre Lungen. Anscheinend hatte sie vergessen zu atmen. Geschockt und doch voller Vorfreude starrte sie auf den schweren Brief in ihren Händen hinab. Sie hatte es geschafft.

Langsam ging sie auf ihre Couch zu, unter der sie ihre wichtigsten Gegenstände aufbewahrte. Dabei hielt sie den allerwichtigsten davon nun in ihrer Hand. Ihr Ticket in die Freiheit.

Sie wusste noch nicht genau, was in dem Briefumschlag steckte. Doch die Worte darauf sagten schon alles, was sie wissen musste: Außenposten zugeteilt.

Mit zitternden Händen öffnete sie das Kuvert und holte einen handgeschriebenen Brief heraus.

Das Oberhaupt bat mich um die Übermittlung folgender Neuerung Ihres Dienstverhältnisses. Ihr bemerkenswertes Engagement und Ihre Qualifikationen, die Sie in letzter Zeit mit großem Pflichtbewusstsein noch erweitert haben, sind für das Oberhaupt und die obere Riege der foráischen Regierung die Beweggründe, Ihnen einen Außenposten in der Menschenstadt anzuvertrauen.

Sie werden in der Wohnung von Tom Kidley stationiert, der zurzeit von den Wandlern beschattet wird. Dadurch wird Ihnen ein direkter Kontakt zu den Wandlern ermöglicht und gestattet.

Ihr Auftrag wird es sein, einem Wandler aus den obersten Kreisen näherzukommen, um sich so sein Vertrauen zu erschleichen. Die Mittel dafür sind Ihnen überlassen. Ihre Ziel ist es, bestimmte Informationen aus ihm herauszubekommen. Sobald Sie nichts Verwertbares mehr von ihm erhalten können, bringen Sie den Soldaten der Geparden zu weiteren Vernehmungszwecken in die Außenbasis. Damit ist Ihr Auftrag abgeschlossen.

Melden Sie sich morgen Punkt acht Uhr bei Ihrem Dienstvorsitzenden. Weitere Instruktionen werden Ihnen vor Ort mitgeteilt.

Wow, was sollte man dazu sagen? Verführen und entführen. Nun, das konnte dann wahrscheinlich doch etwas schwieriger werden mit ihrem Fluchtplan. Denn das war kein kleiner Auftrag, sondern ein längeres Dienstverhältnis im Außenposten, als es je jemand mit ihren Qualifikationen zugewiesen bekommen hatte. Und sie kannte den Grund für diese besondere Behandlung.

Sie ging in ihr Badezimmer und entledigte sich ihrer Kleider. Dann betrachtete sie sich in dem großen Wandspiegel. Dass sie schön war, hatte sie immer gewusst, doch war das bei den Forás nicht wichtig und brachte ihr auch nichts ein.

Ihre langen schokoladenbraunen Haare, die sie stets zu einem hochsitzenden Pferdeschwanz gebunden hatte, betonten ihr schmales Gesicht. Die gerade, aristokratisch anmutende Nase und die hohen Wangenknochen mit den verführerisch geschwungenen, vollen roten Lippen machten aus ihrem Gesicht etwas, das man sonst nur in Hochglanzmagazinen zu Gesicht bekam. Ihre makellose weiße Haut stand in krassem Kontrast zu ihren roten Lippen, und ihre Augen waren von so einem satten Grünton, dass viele dazu neigten, Kontaktlinsen dafür verantwortlich zu machen.

Sie hatte Kurven und war doch sportlich, mit leicht definierten Muskeln an genau den richtigen Stellen. Das Oberhaupt hatte sie offensichtlich nicht wegen ihrer geistigen Fähigkeiten ausgesucht. Nein, es war ihm um ihr hübsches Gesicht gegangen. Wenn sie eines noch mehr hasste, als auf ihre geistigen Fähigkeiten reduziert zu werden, dann war es, wenn ihr Aussehen in den Vordergrund gestellt wurde.

Mit einem Seufzen wandte Leia sich ab und stieg unter die Dusche, um sich den Schweiß und den Dreck vom Körper zu waschen, der im Laufe des Tages an ihr haften geblieben war. Ihr Kopf lief derweil auf Hochtouren. Wie in einem Uhrwerk ratterte es, und die Zeiger tickten voran. Sie sollte einen Wandler verführen. Da sie wusste, dass Wandler sehr sinnliche Wesen waren, sollte das in Kombination mit ihrem Aussehen nicht allzu schwer werden. Doch sie sollte auch noch Informationen aus ihm herausbekommen. Das war das eigentliche Problem. Schließlich würde ihr Zielobjekt unweigerlich wissen, dass sie eine Forá war, nachdem sie bei Tom Kidley eingezogen war. Natürlich verstand sie, warum sie so vorgehen sollte. So war ihr die Aufmerksamkeit der hochrangigen Wandler-Soldaten gewiss, und sie würden sie natürlich beschatten und vielleicht sogar kontaktieren, wenn sie dachten, dass sie völlig unbedarft sei. Tom hatte bestimmt etwas auf dem Kerbholz, wenn die Wandler ein so großes Interesse an ihm hegten, dass sie ihn beschatteten.

Leia stellte die Dusche ab, wickelte ihre Haare in ein Handtuch und rieb sich dann trocken. Sie würde im Auftrag des Oberhaupts ihren Körper verkaufen. Der Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht, doch das war ihre einzige Möglichkeit, sich jemals ihren Traum zu erfüllen. Leia würde so lange mitspielen, bis sich die verschlossene Tür öffnete, die ihr den Weg versperrte. Und wenn es auch nur ein Spalt war, so würde sie die Gelegenheit nutzen und sich dagegenstemmen, bis sie sich hindurchzwängen und entkommen konnte.

Sie würde mit Sicherheit jeden Tag GPS-Sensoren schlucken müssen. Diese funktionierten nur circa zwanzig Stunden lang, bis sie sich selbst ausschalteten und man sie ausschied. Die ständige Überwachung durch diese Sensoren war ihr größtes Problem. Doch sie würde einen Weg finden. Entschlossen blickte Leia ihrem Spiegelbild in die Augen. Was sie sah, war eine Kriegerin, die bereit war, für ihre Freiheit zu kämpfen.

Am nächsten Morgen machte sie sich mit einem mulmigen Gefühl im Magen und einigen aufreizenden Kleidern in der Tasche auf den Weg zu ihrem Dienstvorsitzenden. Die Gänge waren bereits voller Leben, doch niemand sprach sonderlich viel. Das war etwas, das Leia kaum aushalten konnte. Hier bewegten sich alle wie Marionetten. Niemand, der eine eigene Meinung vertrat und den Mund aufmachte. Nicht einmal ein »Guten Morgen!« kam den Leuten über die Lippen. Sie starrten nur mit leeren Augen vor sich hin.

»Sir, ich wurde herbeordert«, sagte Leia, als sie im Büro ihres Dienstvorsitzenden ankam.

»Ah, Soldat Stepford. Ich habe schon auf sie gewartet. Setzen Sie sich!« In steifer Soldatenmanier ließ sie sich wie angewiesen auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch nieder.

»Nach der Tasche zu urteilen, die Sie bei sich tragen, nehme ich an, dass Sie bereit sind, den Auftrag anzunehmen?«

Innerlich schnaubte sie verächtlich. Als hätte sie eine Wahl. »Aber natürlich, Sir.«

»Gut, hier sind Ihre Anweisungen.« Er legte ihr einen weiteren Umschlag hin. »Es steht alles drin, was Sie wissen müssen. Ihre Waffen können Sie am Schalter abholen. Dort wird Ihnen auch der GPS-Sensor verabreicht. Sie wissen, was für Konsequenzen auf Sie warten, wenn Sie Ihren Auftrag für andere Zwecke missbrauchen?«

»Ja, Sir.« Sofortige Hinrichtung – wenn sie Glück hatte. Das war die Kehrseite der Medaille.

»Dann viel Glück, Soldat Stepford!«

Leia setzte sich auf, salutierte und verließ den Raum. Draußen atmete sie einmal tief durch, bevor sie den Gängen folgte, die ihr schon in Fleisch und Blut übergegangen waren, seitdem sie mit sechzehn für erwachsen erklärt worden war. Leia konnte nicht behaupten, dass sie diese Gänge vermissen würde.

Sie schritt auf einen der Schalter zu, die vor ein paar Monaten eingerichtet worden waren. Ihre Waffen schrien förmlich nach ihr.

»Mein Name ist Penthesileia Stepford. Ich möchte meine Waffen abholen.« Die Enérgeia hinter der Glaswand nickte mit glasigem Blick. Sie konnte Leia nicht sehen, aber stattdessen ihre Energiespur wahrnehmen, die genauso einzigartig war. Die Sinne der Enérgeias waren anders ausgeprägt als die aller übrigen Rassen.

»Ich habe schon auf Sie gewartet, Soldat Stepford. Mir wurde mitgeteilt, dass Sie alle Ihre Waffen mitnehmen dürfen, wenn Sie möchten.«

»Ja, das wäre mir recht.« Alle Waffen, das war Luxus. Auf ihren Patrouillen durfte sie stets nur eine begrenzte Anzahl bei sich tragen. Doch jetzt durfte sie all ihre Lieblingswaffen mitnehmen.

Eine Doppelklinge kam zum Vorschein. Es war eine Stangenwaffe, die sie auf ihren Rücken schnallte. An beiden Enden befand sich eine gebogene Klinge. Die Waffe auf dem Rücken zu spüren war, als hätte sie einen verloren geglaubten Teil ihrer Seele wiedergefunden.

Sie schnallte sich an Arm und Beinholstern weitere Klingen an. An einem Hüftholster kam noch eine Beretta hinzu. Auch wenn sich die übernatürlichen Rassen in der Regel nicht mit Schusswaffen bekämpften, so konnte sie doch in der entscheidenden Situation von Vorteil sein.

»Das waren alle, Soldat Stepford.«

»Danke«, sagte Leia, während sie die restlichen Waffen in ihre Tasche packte.

»Viel Glück! Möge das Oberhaupt über Sie wachen«, fügte die Enérgeia noch hinzu, als Leia sich bereits umgedreht hatte und davonschritt.

Vor einem Kontrollpunkt wurde ihr der fast mikroskopisch kleine Sensor in die Hand gedrückt. Es wurde akribisch darauf geachtet, dass sie ihn auch wirklich schluckte. Sie musste vor dem Soldaten sogar den Mund öffnen, damit er ihn untersuchen konnte.

Danach ging es weiter, und wenige Minuten später kletterte sie eine Leiter hinauf, die an der Wand festgemacht war, stieß oben angekommen die Luke auf und streckte sich dem morgendlichen Sonnenschein entgegen. Genießerisch sog sie die Kraft der Sonnenstrahlen in sich auf und reckte ihr Gesicht gen Himmel. Die letzten Monate in der Nachtpatrouille hatten sie ganz vergessen lassen, wie es war, von der Sonne gewärmt zu werden.

Befreit atmete sie durch und überquerte überirdisch den äußeren Ring. Sie konnte die durchdringenden Blicke der patrouillierenden Soldaten spüren, die ihr von unten her mit den Augen folgten. Unter ihren Füßen knirschte das gefrorene Gras. Der Schnee lag hier nur noch dünn, doch Leia wusste, dass es bald wieder schneien würde. Der Geruch von Schnee und verlockender Frische lag in der Luft. Noch strahlte die Sonne mit einer schieren Intensität, die für diese Jahreszeit ungewöhnlich war. Aber Leia schmeckte den Winter auf ihrer Zunge.

Sie ging das Feld entlang und verfiel langsam in einen schnellen Trab. Im Laufen zog sie den Briefumschlag mit den Instruktionen heraus. Er enthielt ein Satellitenbild des Hauses, in das sie einziehen würde. Ein Gebäudegrundriss und die strategisch guten Orte für eine Beschattung. Ein Schlüssel – vermutlich zur Wohnung – fiel in Leias Hand und eine Frageliste, deren Antworten Leia aus dem Wandler herauslocken sollte.

Dann mal nichts wie los, dachte sie und lief schneller. Sie blickte nicht zurück.

Nathaniel hatte es sich auf dem Gebäude gegenüber von Toms Wohnung gemütlich gemacht. Die Sonne strahlte heute so kräftig, dass er schon bald Schal und Mantel ablegte. Seit zwei Wochen beobachtete er nun schon das Gebäude, in dem sich Tom verschanzt hatte. Und es hatte sich noch nichts Interessantes getan. Der Kerl unterhielt sich mit niemandem, wenn er einmal die Wohnung verließ, um einen Einkauf zu erledigen. Telefonate gab es auch keine nennenswerten. Es sei denn, man maß dem Bedeutung bei, dass Tom seine Pizza ohne Käse aß.

Die Gegend war belebt. Stetig strömten Menschen vorbei, und Nate und sein Team versuchten so gut wie möglich auf verdächtiges Verhalten zu achten, denn Tom sah in seiner Freizeit am liebsten aus dem Fenster. Nathaniel wurde das Gefühl nicht los, dass er auf etwas wartete. Oder auf jemanden.

In diesem Moment vernahm er durch seinen Ohrhörer eine Eilmeldung.

»Stark bewaffnete Zivilistin kommt auf das Gebäude zu.«

»Verstanden«, antworteten verschiedene Stimmen.

Offen getragene Waffen, vor allem Klingen und Pistolen, waren mittlerweile keine Seltenheit mehr. Seit vor ungefähr hundert Jahren entdeckt worden war, dass es in der Umlaufbahn der Erde einen zweiten Planeten gab, fühlten sich die meisten Menschen nicht mehr sicher. Ständig rechneten sie mit einem Angriff der Neuländer, wie man die Bewohner der neuen Welt nannte. Auch wenn diese kaum die Mittel hatten, ein Flugschiff zu bauen. Ihre Technologie war veraltet, da es in der neuen Welt eine Vielzahl an Störfaktoren gab, die neue technische Errungenschaften lahmlegten. Zumindest wenn man den Politikern und ihren Forschern Glauben schenken durfte.

Doch die meisten Menschen trauten diesen Aussagen nicht, und als dann noch die Existenz der Forás und Enérgeias vor zehn Jahren bekannt worden war, hatte es einen Aufschrei gegeben. Offen getragene Waffen waren nicht mehr verboten und gehörten mittlerweile fast schon zur Mode. Dabei waren die meisten der Waffen, die Zivilisten trugen, nicht wirklich gefährlich. Doch bei der Frau, die Nates Team entdeckt hatte, konnte er davon ausgehen, dass sie keine stumpfen Klingen als Accessoires mit sich führte.

Nate ließ den Blick über die Straße schweifen, und es verschlug ihm den Atem. Die Frau trug eine Doppelklinge auf dem Rücken, Wurfmesser an Armen und Beinen, Dolch und Schusswaffe. Stark bewaffnet war vielleicht doch etwas untertrieben. Nate konnte von hier oben sogar hören, wie es in ihrer Tasche klirrte. Noch mehr Waffen. Doch das, was ihn wirklich sprachlos machte, war die Frau selbst. Sie war wunderschön und schien eher auf den Laufsteg zu gehören als in ein Kampfgebiet. Lediglich ihre Augen sagten etwas anderes. Sie waren smaragdgrün und erzählten eine Geschichte von Leid und Schmerz, von Sturheit und Kampfeswillen. Eine Kriegerin, wie sie im Buche stand.

»Beobachtet sie! Nicht eingreifen!«, brachte Nate schließlich hervor, und ein einvernehmliches Aye war aus dem Ohrhörer zu vernehmen.

Die Kriegerin ging auf das Wohngebäude zu, in dem sich Tom befand, und hielt an. Sie blickte die Fassade hinauf, und Nate konnte sehen, wie Tom der Frau aus dem Fenster heraus zunickte. Endlich geschah etwas. Sein Herz begann zu rasen, weil er kaum erwarten konnte, was als Nächstes passieren würde.

Die Frau ging auf die Haustür zu. Wider Erwarten klingelte sie nicht, sondern zog einen Schlüssel heraus, steckte ihn ins Schloss und drehte ihn.

»Sie muss eine Forá sein«, murmelte Nate. »Holt Conan hierher. Er kann es uns bestätigen.«

»Aye.«

Nate tigerte auf dem Dach herum und wartete. Durch das Fenster sah er, wie sich die beiden gegenüberstanden. Doch sie redeten noch nicht, das hätte er sonst mitbekommen. Sein Gehör war ausgezeichnet, sogar eines der besten im Rudel.«Sie sind also Penthesileia Stepford?«, hörte Nate Tom schließlich fragen.

Die Kriegerin nickte. »Nennen Sie mich Leia. Ich bin hier, um meinen Spaß zu haben.« Ein teuflisches Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht, und Nate lief es abwechselnd kalt und heiß den Rücken hinab. Die Frau hatte es in sich.

»Also gehen Sie mir, so gut es geht, aus dem Weg. Man bekommt nicht oft einen Freipass.«

Sie ging an Tom vorbei und verschwand somit aus Nates Sichtfeld.

Sie wollte ihren Spaß haben. War das irgendeine Art von Code, oder hatte diese banale Aussage keine weitere Bedeutung?

Durch das nächste Fenster sah er, wie sie einen weiteren Raum betrat. Dort warf sie ihre Tasche auf das Bett und begann damit, ihre Waffen herauszuholen und fein säuberlich auf einer Kommode zu drapieren. Es fehlte gerade noch, dass sie sie auf ein Samtkissen legte, so behutsam ging sie damit um. Ging es diesen Forás denn immer nur um Gewalt? In seinen Gedanken ließ er Elyon außen vor. Sie war nicht so wie diese Tiere, die er hier beobachtete. Und er als Wandler musste es ja wissen.

Doch dann tat Penthesileia etwas, das er nicht erwartet hatte. Sie ging zum Fenster, öffnete es und streckte ihren Kopf in den kalten Wind hinaus. Die dicken braunen Strähnen ihres Haars wirbelten wild um ihren Kopf herum. Genießerisch sog sie die frische Luft ein und wandte ihr Gesicht der Sonne zu.

Verwirrt beobachtete Nate sie. Es wirkte so, als hätte sie schon seit langer Zeit keinen Sonnenschein mehr genossen.

Abrupt öffnete sie die Augen und sah ihn an. Verflucht, er hatte vergessen, wieder in Deckung zu gehen. Doch der Schreck dieser Erkenntnis verging schnell. Sie blickte ihn an. Niemanden sonst. Es fühlte sich so an, als würde sie direkt in ihn hineinsehen. Er fand selbst, dass es furchtbar klischeehaft klang, aber Nate konnte dieses Gefühl einfach nicht abschütteln.

Sie nickte ihm lächelnd zu und wandte sich dann vom Fenster ab. Im Vorbeigehen betrachtete sie noch einmal – beinahe liebevoll – ihre Waffen, bevor sie im angrenzenden Badezimmer verschwand.

Einige Minuten verstrichen, in denen Nate zu verstehen versuchte, was gerade geschehen war, bevor er schließlich Conans Stimme hörte.

»Zwei Forás befinden sich in dem Haus, Nathaniel. Das können nur die beiden sein«, bestätigte er durch den Ohrhörer. Dort, wo das Abenteuer wartete, war Elyons Bruder meist nicht fern.

»Okay, dann warten wir mal ab, was passiert.«

Eine Forá. Eine Soldatin, genau wie er. Was zum Teufel suchte sie bloß hier?

Leia schloss die Badezimmertür hinter sich und lehnte sich dagegen. Wer war das da oben gewesen? Einer der Wandler, die sie beschatteten? Oder einfach nur ein Irrer, der sich eine Erkältung holen wollte?

Nein, sie schüttelte den Kopf. Er musste ein Wandler sein. Sein ganzer Körper hatte eine Geschmeidigkeit ausgestrahlt, wie sie kein anderes Wesen auf diesem Planeten besaß. Außerdem sah er unwahrscheinlich gut aus, und den meisten Wandlern war eine gefährliche Schönheit eigen. Ein Grund, warum die Frauen bei ihnen Schlange standen. Sie schnaubte abfällig. Sie würde sich nie so kopflos aufführen.

Sie wandte den Kopf leicht zur Tür, als könnte sie geradewegs hindurch zum gegenüberliegenden Dach sehen, wo er vermutlich immer noch stand. In ihrem Auftrag hatte nichts davon gestanden, welcher Wandler ihr Ziel war. Vielleicht würde das Oberhaupt es zu einem gewissen Maß dem Zufall überlassen, welchen Soldaten sie verführte, oder, und das war wahrscheinlicher, er ließ sie absichtlich im Dunkeln tappen. Sie war stets eine bloße Spielfigur gewesen – doch diesmal würde sie ihren eigenen Zug machen.

Leia nickte ihrem Spiegelbild entschlossen zu und nahm dann das Bad genauer in Augenschein. Es war nicht sonderlich groß, hatte aber eine Dusche und eine Badewanne.

»Luxus«, flüsterte sie, als sie die Hand über den Rand der Badewanne gleiten ließ. In den unterirdischen Tunneln, in denen sie aufgewachsen war, hatte es keine Badewannen gegeben. Es musste herrlich sein, im warmen Wasser mit Badeschaum zu entspannen und einfach nur die sanfte Hitze zu genießen.

Sie seufzte. »Bald«, flüsterte sie der Wanne zu.

Leia trat zurück in ihr Schlafzimmer.

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