Logo weiterlesen.de
Dinner mit Mord

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Personenregister
  7. 1.
  8. 2.
  9. 3.
  10. 4.
  11. 5.
  12. 6.
  13. 7.
  14. 8.
  15. 9.
  16. 10.
  17. 11.
  18. 12.
  19. 13.
  20. 14.
  21. 15.
  22. 16.
  23. 17.
  24. 18.
  25. 19.
  26. 20.
  27. 21.
  28. 22.
  29. 23.
  30. 24.
  31. 25.
  32. 26.
  33. 27.
  34. 28.
  35. 29.
  36. 30.
  37. 31.
  38. 32.
  39. 33.
  40. 34.
  41. Anhang
  42. Danksagung

Über den Autor

Uwe Voehl, 1959 in Hagen geboren, begann schon während der Schulzeit, Anthologien herauszugeben. Nach dem Abitur studierte er BWL und Jura und arbeitete später als Werbetexter für Agenturen und Versandhäuser. Voehl gilt als einer der besten zeitgenössischen Phantastik- und Krimi-Autoren in Deutschland.

FÜR HERMANN UND ARMINIUS

»Die Wirklichkeit,
die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid.«

(André Heller)

»Das ist der Wahrheit!«

(Bruce Darnell)

PERSONENREGISTER

Moritz Morgenstern: Journalist und Menschenzuhörer

Willy Beckervordersandforth: Landbesitzer und Wohnmobilfan

Martha Töberich: tot

Dieter Grabowski, genannt Duffy: Butler

Lisa Maier, genannt »Die Gräfin«: Queen-Verehrerin

Anna Lechna: ihre Doppelgängerin

Oliver Dylan Dickens, genannt Ollie: ein Engländer im Teutoburger Wald

Heribert Preuss: ehemaliger Aufsichtsratschef der JKF-Landes bank

Effie Beck: die Ex von Preuss

Werner Blanke: Doppelgänger

Lutz Leckwieser: ein Bär von Mann

Heinz Molini: Leib- und Magenwächter

Alexander Bode: Forstwirt

Albert Diekjobst: Politiker und Krimifan

Norbert Decarli: Polizist auf Liebespfaden

Windland: Chefin vom Ganzen

Gregory: Kameramann

Petra Kowalsky: Kameradame

Fee: Deko-Queen

Irene Nachtigall: Regie- und Produktionsassistentin

Tobi: Licht- und Tontechniker

Kai Mackensen: Effies Geschäftspartner und Liebhaber

1.

Ich saß an meinem alten Küchentisch und blätterte die Landeszeitung durch.

Ein Mann aus Minden hatte ein fünfzehn Monate altes Mädchen totgeschüttelt.

In Bad Oeynhausen gelang es einer Frau, einen Bullterrier mit einer Bratpfanne in die Flucht zu schlagen.

Ein Bestattungsunternehmer aus Blomberg stand vor Gericht, weil er zwei Urnen mitsamt Inhalt vertauscht hatte.

Beim letzten Heimspiel des Zweitligisten Arminia Bielefeld waren siebzehn Polizisten von Chaoten aus Dresden verletzt worden.

Die Bahn kündigte an, mal wieder die Preise zu erhöhen.

Der Strom in Detmold würde für die Stadtwerkekunden teurer werden, das Gas zum Glück nicht.

Ich beziehe kein Gas. In der Wohnküche bullert ein gusseiserner Ofen. Im Schlafzimmer gibt es nur eine defekte Nachtspeicherheizung. Wenn mir kalt ist, wärmt mich Luna. Hundefutter ist billiger als jede Heizung.

Ich legte die Morgenzeitung beiseite, stand auf und ging ins Badezimmer. Der Heizstrahler, der hier installiert war, funktionierte zwar, aber er fraß zu viel Strom.

Ich schaute in den Spiegel und betrachtete mein Gesicht.

Die Unzufriedenheit der letzten Wochen hatte sich darin eingegraben. Die Schatten unter den Augen und die heruntergezogenen Mundwinkel gefielen mir nicht.

Ich wusste, woher die Unzufriedenheit kam. Und doch wehrte ich mich gegen die Wahrheit. Andere nannten meinen Zustand Midlife-Crisis. Bei mir steckte mehr dahinter. Auch wenn ich bald einen runden Geburtstag feiern sollte.

Ich wusch und rasierte mich und ging zurück in die Wohnküche.

Luna lag ausgestreckt auf ihrer Decke und schaute mich mit traurigen Augen an.

Ihre Augen erschienen mir immer traurig. Das war nichts Neues. Neu war, dass ich mir einbildete, in ihren Augen lesen zu können.

Du brauchst eine Frau, schienen diese Blicke mir anklagend zu verstehen zu geben. Und ich ein Frauchen. Als Luna dazu auch noch einen tiefen Seufzer von sich gab, glaubte ich tatsächlich zu wissen, was sie meinte.

»Hast ja recht«, sagte ich.

Ich sah auf die Uhr. Es ging auf zehn zu. Normalerweise ging ich früher raus mit ihr. Aber gestern war es ziemlich spät geworden. Mein Freund Johnnie Walker war unangekündigt zu Besuch gekommen.

Aber gestern war gestern. Ab heute würde ich mich zusammenreißen.

Leider spielten sie im Radio in dem Moment einen Song, den ich hasse wie die Pest, wenn ich schlecht drauf bin. Wonderful Tonight von Eric Clapton, seine Ode an die Frau an seiner Seite.

Ich schaltete den Kasten aus, schnappte mir die Hundeleine und flüchtete aus meiner Wohnung, die mir plötzlich vorkam wie ein Gefängnis.

Draußen atmete ich durch. Die Luft war frostiger, als die zehn Grad, die das Thermometer vor meinem Küchenfenster angezeigt hatte, vermuten ließen. Dennoch war es zu warm für einen 10. Dezember.

Luna lief voraus. Ich freute mich auf den Spaziergang. Vielleicht würde ich endlich den Kopf freikriegen. Doch leider kam ich nicht weit. Mein Handy klingelte.

Norbert war dran. »Du bist schon auf?«

Ich ersparte es mir, darauf zu antworten. »Was gibt’s?«

»Eine Leiche.«

»Was habe ich damit zu tun?«

»Das wirst du sehen, wenn du hier bist. Du solltest dich beeilen. Die Kollegen von der Spurensicherung treffen gleich ein. Wenn sie fertig sind, ist die Leiche erst einmal futsch.«

»Von wo rufst du eigentlich an?«

Er beschrieb mir den Fundort. Er lag in Quelle. Quelle liegt im Westen von Bielefeld direkt am Teutoburger Wald. Für mich eine Weltreise.

»Da brauche ich fast eine Stunde!«, sagte ich. »Und vorher muss ich noch mit Luna ins Gelände.«

»Hör zu«, knurrte er. »Es ist mir egal, an welchem Baum dein Hund pissen geht. Schaff deinen verdammten Hintern hierher! Und zwar so schnell wie möglich. Das ist mehr als ein freundschaftlicher Rat.«

Ich unterbrach die Verbindung. Einerseits fand ich seinen Anruf ziemlich anmaßend, andererseits war ich neugierig geworden. Wenn Norbert einen solchen Ton anschlug, hatte ihn etwas aus der Fassung gebracht.

»Sorry, Luna, unser Spaziergang fällt heute aus. Onkel Norbert verlangt nach uns.«

Luna legte den Kopf schief, dann trottete sie ins Gebüsch. Ungeduldig wartete ich, bis sie zurückkam, ging mit ihr zum Auto und ließ sie auf den Beifahrersitz springen. Dann fuhren wir los.

Als ich das Radio einschaltete, war Eric Clapton längst verstummt. Dafür lief nun All of Me von John Legend. Ein wahrer Schmachtfetzen mit Gänsehautgarantie. Aber nicht in meinem Zustand. Genervt schaltete ich den Kasten aus. Während der Berufsverkehr um Detmold langsam zunahm, fragte ich mich, warum ich mir das antat.

Die Radionachrichten verbesserten meine Laune auch nicht. Verglichen mit dem, was in der Welt passierte, lebten wir hier im Paradies.

Ich fuhr die B 66 über Asemissen, Stieghorst und Sieker, bis ich endlich den Ostwestfalendamm erreichte. Linker Hand rauschte Dr. Oetker an mir vorbei. Erst dann habe ich immer das Gefühl, in Puddingtown angekommen zu sein. Bielefeld ist nicht wirklich meine Stadt.

Bei Quelle verließ ich den Ostwestfalendamm und hatte mein Ziel schon fast erreicht. Wie so viele eingegliederte Stadtteile ist auch Quelle bis 1969 eine eigenständige Gemeinde gewesen. Ich erinnerte mich nicht, dass ich hier schon mal durchgefahren war. Eine lange Hauptverkehrsstraße wird von zahlreichen Geschäften gesäumt: einem Lampengeschäft, einem Getränkemarkt, einem Bäcker, Imbissbuden, Aldi, Edeka, einem Buchgeschäft mit Post-Agentur, einer Sparkasse, einer Tankstelle, einer Eisdiele und sogar einem Bestattungsinstitut. Wer hier aufwächst, braucht seinen Stadtteil nie wieder zu verlassen. Von der Wiege bis zur Bahre.

Irgendwann fuhr ich links ab. Norbert hatte mir den Weg genau beschrieben. Das war auch gut so, denn ich benutze kein Navi. Für mich gehört das zu den Gehirnverblödungsmaschinen der Neuzeit. Zweitausend Jahre lang hat die Menschheit auch ohne Navigationsgeräte den Weg zum Ziel gefunden. Man muss sich ja nicht gleich nach den Sternen richten. Im Notfall tut es vernünftiges Kartenmaterial.

Ich überquerte einen Bahndamm, fuhr noch ein paar Hundert Meter weiter und entdeckte schließlich Norberts Dienstwagen. Ich parkte direkt dahinter, stieg aus und schaute mich um. Luna ließ ich im Wagen, was ihr nicht sehr gefiel.

Ich sah einen kleinen Park und einen idyllischen Teich. Von Norbert keine Spur. Von der Hauptstraße her brandete der Verkehr, ansonsten schien es mir ein geradezu idyllischer Ort zu sein. Noch nicht einmal ein Jogger störte die Ruhe. Inzwischen war ich bis zur Mitte des Teiches gegangen.

Ein merkwürdiges Geräusch ertönte hinter mir, und ich fuhr herum. Zugleich hörte ich Norberts Warnung. Etwas Riesiges Weißes kam auf mich zugeschossen. Instinktiv ließ ich mich fallen. Der weiße Blitz zischte über mich hinweg. Ich rollte mich herum und sah zu, dass ich so schnell wie möglich wieder auf die Füße kam.

»Hierher!«, hörte ich Norbert rufen. »Nimm die Beine in die Hand!«

Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Ein schneller Blick sagte mir, dass ich nicht viel Zeit hatte. Der »Blitz« war in Wirklichkeit eine riesige Gans. Und die war gerade dabei, den nächsten Angriff auf mich zu starten. Ich flüchtete. Das Schnattern und Fauchen in meinem Rücken hörte sich erschreckend nah an. Ich visierte meinen Wagen an. Wenn ich es dorthin schaffte, war ich in Sicherheit!

Aber so weit brauchte ich gar nicht zu laufen. Die angriffslustige Gans gab die Verfolgung bereits nach wenigen Metern auf. Offensichtlich beschränkte sie sich nur darauf, ihr Revier zu verteidigen.

»Hierher!«, schrie Norbert wieder. Er winkte mit hoch erhobenen Armen, damit ich ihn auch ja sah.

Ich setzte meinen Weg in normaler Gangart fort. Er sollte nicht denken, dass ich seinetwegen in Galopp fiel.

Er war nicht allein. Neben ihm standen zwei uniformierte Polizisten.

»Darf ich vorstellen: Oberkommissar Gerloff und Frau Kommissarin Nacke. Das ist Herr Morgenstern.«

Wir gaben uns die Hand.

Ich rechnete es Norbert hoch an, dass er sich jede spaßige Bemerkung über meinen unrühmlichen Auftritt verbiss. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass die drei nur mühsam ein Grinsen unterdrückten.

»Herr Gerloff und Frau Nacke wurden von einem Nachbarn alarmiert, weil die Gänse ihn im Rollstuhl angegriffen haben. Er ist in ärztlicher Behandlung.«

»Es gibt noch mehr von den Biestern?«

»Ja, du hast Glück gehabt, dass du es nur mit dem Gänserich zu tun bekommen hast. Die Gänsedame ist beschäftigt.«

»Womit?«

»Wirst du gleich erfahren.«

»Die Problematik mit den Gänsen ist uns seit Langem bekannt«, schaltete sich Oberkommissar Gerloff ein. Mit seinen zwei Metern überragte er uns alle. Ich schätzte ihn auf Ende fünfzig. Er trug einen Schnauzer und hatte eingefallene Wangen. Die Uniform schlotterte um seinen hageren Körper. »Die Anwohner hier machen einen Bogen um die Gänse. Die sehen den Teich und den Weg als ihr Revier an und greifen jeden an, der größer ist als sie. Die Anwohner haben sich ihre eigene Taktik zugelegt, wie sie damit umgehen. Einige füttern sie sogar. Jedenfalls ist es bis jetzt nie zu ernsthaften Übergriffen gekommen.«

»Bis heute …«, sagte die Kommissarin. Sie war klein und zierlich. Mit ihrer Größe war sie wahrscheinlich so gerade noch in den Polizeidienst gerutscht. Eine blonde Haarsträhne lugte unter ihrer Mütze hervor. »Als wir vorhin hierher gefahren sind, um nach dem Rechten zu sehen, hat uns der Gänserich sofort angegriffen. Ich habe ihn abgelenkt, und Erwin – mein Kollege – hat sich währenddessen umgeschaut …«

Sie blickte den Oberkommissar an, damit der fortfahren sollte. Die beiden, so dachte ich bei mir, bildeten ein gut eingespieltes Team.

»Die Gänsedame fand ich in dem Busch dort am anderen Ufer.« Er zeigte hinüber. »Sie hat mich sofort attackiert, als ich mich ihr genähert habe. Sie steckt noch immer dort im Gebüsch.«

Ich sah, wie auch der Gänserich dorthinein verschwand. Mein Blick wanderte zu Norbert.

»Und deshalb hast du mich angerufen?«

»Eigentlich sind Gänse reine Pflanzenfresser; bis auf die Jungen, die ernähren sich von Insekten«, sagte Gerloff unvermittelt. »Ich glaube daher nicht, dass die beiden die Leiche derart zugerichtet haben. Ich denke mal, die ist bereits in Verwesung übergegangen.«

»Was für eine Leiche?«, fragte ich.

»Auf die ich gestoßen bin, als ich in dem Gebüsch nachgeschaut habe«, sagte Gerloff. »Die Gänse betrachten sie als ihren Besitz. Vielleicht ernähren sie sich auch von den Maden, keine Ahnung.«

Ich sah ihn entgeistert an. »Aber was habe ich damit zu tun?«

Gerloff räusperte sich, doch er schwieg.

Für ihn fuhr Norbert fort: »Die Leiche befindet sich bereits in Verwesung. Sicher wunderst du dich, dass hier nicht schon alles abgesperrt ist …«

Ich sah ihn fragend an.

»Nun, das geht auf meine Kappe. Ich denke, ich bin dir das schuldig. Ich habe die Kollegen gebeten, noch niemanden weiter zu benachrichtigen. Bis auf das Tierheim. Eigentlich sollten die schon längst hier sein, um uns die Gänse vom Hals zu schaffen.«

Über den Teich hinweg erklang lautes Schnattern. Als hätten sie uns gehört. Gleichzeitig parkte ein weiterer Wagen hinter meinem Volvo. Die zwei bullig wirkenden Insassen stiegen aus und sahen sich um. Norbert winkte, und sie kamen in unsere Richtung gestiefelt. Die beiden Männer waren tatsächlich vom Tierheim.

Norbert erklärte kurz die Lage.

»Dafür sind eigentlich nicht wir zuständig, sondern die Stadt«, erklärte einer der beiden.

»Aber jetzt, wo Sie schon mal da sind, können Sie sich doch auch darum kümmern. Sie müssen sie ja nur für kurze Zeit in Gewahrsam nehmen. Bis morgen vielleicht. Die Kosten für Ihren Einsatz übernehmen wir«, sagte Norbert.

Nach kurzer Diskussion erklärten sich die beiden Männer bereit. Weitere zehn Minuten später hatte sich das Gänseproblem erledigt. Der Wagen fuhr mit ihnen davon. Mittlerweile hatten sich ein paar Passanten eingefunden.

»Kümmern Sie sich bitte um die Leute«, wandte Norbert sich dann an Gerloff. »Und rufen Sie die Spurensicherung und die anderen Kollegen an. Vielen Dank, dass Sie mir den Zeitvorsprung gewährt haben.«

»Nichts zu danken«, sagte Gerloff, und er und seine Kollegin zogen ab. Ich stand mit Norbert allein da. Noch immer hatte ich nicht den leisesten Schimmer, was die ganze Geheimniskrämerei sollte. Und Norbert schwieg weiter beharrlich.

Als wir vor dem Busch standen, in dem die beiden Polizisten den Toten gefunden hatten, schob er die Zweige des immergrünen Gewächses zurück. Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Ich erwartete den Geruch von Verwesung. Aber wenn, dann hätte ich ihn schon früher wahrnehmen müssen. Also war die Leiche bereits länger tot.

Ich zuckte zusammen, als ich sie erblickte. Viel war nicht mehr zu erkennen. Es sah aus, als hätten sich Kannibalen hier gütlich getan und die Überreste einfach liegen lassen. Die Haut hing in Fetzen von den Knochen, Haarbüschel und Nägel lagen verstreut herum. Das Gesicht war stark aufgedunsen, es war nicht mehr zu erkennen, ob es sich um einen Mann handelte oder um eine Frau. Dort, wo die Augen gewesen waren, hatten wahrscheinlich Ratten genagt. Ein paar Gliedmaßen fehlten. Wahrscheinlich hatten Wildtiere sie verzogen. Überall am Körper erkannte ich Verletzungen wie von Stichen oder Bissen. Die konnten allerdings auch von den Gänsen stammen.

Ich spürte, wie mein Magen rumorte. »Das ist nicht mehr lustig«, sagte ich.

»Nein, das ist es nicht«, antwortete Norbert. Auch er hatte offenbar einen Kloß im Hals. »Da hat sich keiner hingelegt und beschlossen zu sterben. Da liegt ein Mensch, den ein anderer Mensch bestialisch umgebracht hat.«

»Wer tut so was?«

Er zuckte die Achseln. »Ein Kranker.«

Obwohl der Anblick mich abstieß, musste ich wie gebannt auf die Leiche schauen. Der Tod wehte zu mir herüber. Aber nicht fassbar. Und doch fühlte ich mich, als hätte mir jemand die Faust in den Magen gerammt. Ein unangenehmer Geschmack blieb in meinem Mund zurück.

»Die Person ist seit mindestens einem Monat tot, wahrscheinlich länger«, sagte Norbert.

Ich sah gerade fasziniert auf das Gebilde, das der Leiche zwischen den Zähnen steckte. Im ersten Moment hatte ich es für eine Art Piercing gehalten. Aber das war kein Piercing da zwischen den Zähnen.

Und ein Piercing war auch nicht weiß und aus Plastik.

»Was bedeutet dieses weiße Ding da zwischen den Zähnen?«, fragte ich.

»Das weißt du nicht?«

Ich hatte das Gefühl, dass Norbert mich genau taxierte. »Nein, woher soll ich das wissen?«

Er taxierte mich noch immer. Allmählich machte sein Blick mich unruhig.

»Okay, komm, gehen wir. Hier können wir nichts mehr tun«, sagte Norbert schließlich.

Er ging rückwärts aus dem Gebüsch. Ich folgte ihm nicht sofort, sondern warf einen letzten Blick auf die Leiche. Auf den Plastikring zwischen den gebleckten Zähnen. Aber ich konnte mir immer noch keinen Reim auf das alles machen.

Als ich wieder neben Norbert stand, stellte ich ihn zur Rede. »Deswegen hast du mich hierher befohlen? Damit mir das Frühstück wieder hochkommt?« Es tat gut, den Ärger rauszulassen. So konnte ich die makabren Bilder vor meinem inneren Auge verdrängen. Allerdings nur ein bisschen.

»Dir kommt das alles vielleicht komisch vor, aber ich werde es dir erklären. Nur nicht jetzt. Weißt du, was gleich hier los ist, wenn die Kollegen eintreffen? Da solltest du nicht hier sein. Ich ruf dich an, wenn wir hier fertig sind.«

Das nannte ich abservieren, aber seltsamerweise vertraute ich ihm. Sicherlich würde es für alles einen Grund geben. Ich nickte, zum Zeichen, dass ich verstanden hatte.

Als ich mich schon ein paar Schritte weit von ihm entfernt hatte, sagte er: »Vielleicht kannst du mir in der Zwischenzeit einen Gefallen tun.«

»Und der wäre?«

»Hast du schon mal vom Lindenhof gehört?«

Ich dachte einen Moment nach. Dann schüttelte ich den Kopf. »Nein. Was soll das sein? Ein Bauernhof?«

»Fahr hin und finde es heraus.«

»Was soll das werden? Eine Art Rätsel?«

»Eher eine Challenge. Vielleicht fällt dir dort was auf. Es könnte was mit der Leiche zu tun haben. Schau dir den Kasten einfach mal an, und sag mir hinterher, was du davon hältst.« Norbert erklärte mir den Weg dorthin.

Natürlich hatte es mit einer Leiche zu tun.

Aber nicht mit dieser, wie ich später erfahren sollte.

Der Lindenhof lag in Bielefeld-Senne. Von Quelle aus waren es nur fünfundzwanzig Minuten dorthin. Ich nahm die B61 Richtung Brackwede. Dann musste ich doch auf die Autobahn, auf die neue A 33. Zum Glück herrschte kaum Verkehr. Ich fragte mich, wem überhaupt mit der A 33 gedient war. Millionen waren hier verpulvert worden. Mitten hinein in die Landschaft hatte man gegen den Widerstand der Bevölkerung Teilstück um Teilstück gebaut. Und das alles nur, damit irgendwelche Raser noch ein paar Minuten schneller ans Ziel kamen.

Ich fuhr Richtung Eckardtsheim. Hier irgendwo sollte der Lindenhof sein. Vorbei an einem Reiterhof. Auf die Wilhelmsdorfer Straße. Dann ging es rechts in den Pettenkoferweg und schließlich in den Lindenhofweg.

Ich stellte meinen Volvo am Straßenrand ab und ging zu Fuß weiter.

Ein großes Fachwerkgebäude ragte vor mir auf. Es war ein lang gestrecktes Gebäude mit etlichen Anbauten, Erkern und Balkons. Auf den ersten Blick erkannte ich, dass es nur noch eine Ruine war. Die meisten Fenster waren mit Brettern vernagelt, einige andere waren eingeschlagen. Die leeren Fensterhöhlen schienen mich anzustarren. Teilweise waren die Mauern mit Efeu überwuchert. Putz blätterte vom Mauerwerk. Der Lack war ab, wie man so schön sagt. Trotz des hellen Anstrichs wirkte das Haus abweisend und unheimlich. Wahrscheinlich lag es an der Stille, die hier herrschte. An der Verlorenheit, die verlassenen Häusern oft eigen ist.

Ich spürte ein Kribbeln am ganzen Körper, eine Art Warnzeichen, hier schleunigst wieder zu verschwinden. Es war die Urangst vor Orten wie diesem. Doch ich hielt ihr stand. Dabei fragte ich mich, wieso Norbert mich ausgerechnet hierhin geschickt hatte.

Lindenhof. Irgendwo, glaubte ich nun, hatte ich den Namen doch schon einmal gehört. Aber ich war mir nicht sicher. Er war ja nicht gerade ausgefallen.

Zögernd trat ich näher. In der Tat habe ich einen Heidenrespekt vor solchen Orten. Lost Places.

Ich kann einem Toten in die Augen schauen. Ich kann ihn sogar anfassen. Mit Gewalt kann ich umgehen. Auch Blut kann ich sehen. Ich kann dabei mithelfen, wenn ein Schwein geschlachtet wird. Ich habe keine Angst vor Schlägern und Psychopathen.

Aber verlassene Häuser lösen bei mir mehr aus als bei anderen Menschen. Vor meinem inneren Auge sehe ich die ehemaligen Bewohner. Ich höre sie sprechen, streiten, weinen und lachen. Ich weiß, dass das nur Einbildung ist. Vielleicht bin ich in der Hinsicht nur sensibler als die meisten.

Norbert weiß, wie ich ticke. Aber warum hatte er mich dann ausgerechnet hierhin geschickt? Was sollte das?

Ich gelangte zu einer überwucherten Veranda. Die ebenerdigen Fenster waren mit Brettern vernagelt. Darauf hatten Graffitisprayer ihre Botschaften hinterlassen.

FLÜCHTE!, stand da etwa in blutroter Farbe.

Ich musste lächeln, als ich mir die Hosenscheißer vorstellte, die hier wahrscheinlich regelmäßig am Wochenende den besonderen Kick suchten. Das Gebäude war in einschlägigen Kreisen bestimmt als Geisterhaus bekannt.

Ich verließ die Veranda und ging um das Gebäude herum. Ich fragte mich, wie lange es dem umliegenden Wäldchen wohl noch trotzen konnte. Es war ein romantischer Gedanke, dass es irgendwann ganz überwuchert sein würde.

Schließlich stand ich vor dem Hauptportal. Es war genauso verrammelt wie die meisten Fenster.

»Suchen Sie wen?«

Die tiefe Stimme ließ mich herumfahren. Aber ich entspannte mich gleich wieder. Zehn Meter von mir entfernt stand ein alter Mann. Er trug eine karierte Wolljacke und eine ausgebeulte Jeans. Die zerfranste Kappe auf seinem Kopf hatte schon bessere Tage gesehen. Ein blauer Siegeskranz mit einer Flagge und einem A darin stach mir ins Auge. Damals hatte Arminia noch gesiegt und wahrscheinlich in der Ersten Bundesliga gespielt.

Seine Stimme hatte so tief geklungen wie die von John Waynes deutschem Synchronsprecher. Wären wir in einem Western, dann hätte der Mann mit einem Gewehr im Anschlag dagestanden. In den USA sollen sie unerwünschte Besucher noch heute so empfangen. In Ostwestfalen hatte man für solche Fälle seinen Schäferhund dabei.

Der Alte hielt ihn an der kurzen Leine. Aber selbst wenn er ihn freigelassen hätte, hätte ich keine Sorge gehabt, dass er sich auf mich stürzen würde. Der Rüde war uralt und schien eher Angst vor mir zu haben als ich vor ihm.

»Nein«, sagte ich. »Oder wohnt da drin noch jemand?«

»Haben Sie nicht die Absperrung gesehen? Das hier ist Privatgelände.«

»Ich weiß: Eltern haften für ihre Kinder?«

»Wollen Sie mich verarschen?«

Ich seufzte. »Nein, aber sehe ich aus wie eine Sprayer? Oder wie jemand, der Fensterscheiben einwirft?«

Die Worte taten ihre Wirkung. Der alte Mann ließ das Gewehr sinken.

»Wenn Sie wüssten, was für Gesocks hier manchmal so auftaucht«, sagte er. Er ließ die Leine los und meinte: »Mach schon, Hermann, und begrüß den Onkel.«

»Ist nicht nötig«, winkte ich ab.

Aber Hermann humpelte schon auf mich zu und beschnupperte mich. Wahrscheinlich roch er Luna, denn es machte ihm auf seine alten Tage offensichtlich Freude. Er wedelte mit dem Schwanz.

»Er kann Sie gut riechen«, stellte sein Herrchen fest.

»Hunde, die mit dem Schwanz wedeln, können auch zubeißen.«

»Stimmt, aber dann wedeln sie anders. Sie kennen sich aus mit Hunden?«

»Ich habe selbst eine Hündin.«

Damit war das Eis gebrochen. Der Mann kam heran und schüttelte mir die Hand. »Beckervordersandforth«, stellte er sich vor. »Willy.«

»Willy kann ich mir merken. Ich heiße Moritz.«

»Was treibt Sie hierher, Moritz?«

»Ein guter Freund hat mir die Adresse genannt. Er meinte vielleicht, es würde mir gefallen. Aber ich sehe bloß ein abbruchreifes Gebäude.«

»Drinnen sieht es noch schlimmer aus. Da haben die Vandalen gehaust. Sind Sie Architekt, Grundstücksspekulant oder sonst ein Ganove?«

»Gott bewahre, ich bin Journalist.« Mit Grundstücksspekulanten hatte ich selbst schon genug Scherereien gehabt. Ich konnte seinen Argwohn verstehen.

»Dann sind Sie willkommen. Wollen Sie einen Artikel über den Lindenhof schreiben? Da wären Sie nicht der Erste.«

»Der Lindenhof …« Wie er es aussprach, brachte es erneut etwas in meiner Erinnerung zum Klingen.

»Jetzt sagen Sie bloß nicht, Sie wissen gar nicht, was das hier ist?«

»Ehrlich gesagt, nein.«

»Haben Sie Lust auf eine Tasse Kaffee?«

Ich horchte in mich hinein. Ja, ich hatte. Noch immer hatte ich das Erlebnis am Teich nicht verdaut. Jetzt stand ich hier vor diesem Geisterhaus und fühlte mich völlig fehl am Platz. Ich hätte nichts essen können, noch nicht einmal eine Scheibe trocken Brot. Doch Kaffee würde den unangenehmen Geschmack vertreiben, den ich seitdem im Mund hatte.

»Wo wollen Sie den denn herzaubern?«

»Nix zaubern, ich habe dahinten mein Wohnmobil.«

Ich nickte und schloss mich ihm an. Hermann trottete hinter uns her. Ich war froh, dass ich Luna nicht mitgenommen hatte. Sie hätte die alte Töle wahrscheinlich so auf Trab gebracht, dass die einen Herzschlag erlitten hätte.

Willys Schritt war umso forscher. Ich schätzte Willy auf Mitte siebzig. Dafür war er noch sehr rüstig.

»Wollen wir nicht auf Ihren Hermann warten?«

»Hermann findet den Weg. Überall. Einmal war ich mit ihm in den USA. Route 66. Den ganzen Ritt haben wir zusammen im Wohnmobil gemacht. An irgend so einer Tankstelle in der Einöde war er plötzlich weg. Ich habe einen Tag und eine Nacht lang gewartet und nach ihm gesucht. Dann bin ich weitergefahren. Nach drei Tagen tauchte er plötzlich wieder auf, als ich am Lagerfeuer saß …«

Ja, die alten Geschichten. Wie oft hatte Willy die wohl schon jemandem erzählt! Ich bedauerte, dass ich mich auf den Kaffeedeal eingelassen hatte.

Hinter dem Wäldchen stand Willys Wohnmobil. Ich hatte nichts Protziges erwartet, aber so einen Klapperkasten auch nicht. Ich fragte mich, ob der uralte Opel Blitz überhaupt noch fahrtüchtig war. Oder überhaupt für den Verkehr zugelassen. Denn er hatte noch eine zweite Etage. Auf das Dach war das Oberteil eines VW-Bulli aufgeschweißt. Das Gefährt würde der TÜV wahrscheinlich nicht abnehmen. Zumindest nicht der deutsche.

»Oben schlaf ich, unten wohn ich«, erklärte Willy stolz. »Tolles Teil, oder? Damit war ich achtundsechzig schon in Woodstock.«

Woodstock war neunundsechzig, das weiß ich zufällig genau, aber vielleicht ließ Willys Gedächtnis allmählich nach. Er hielt mir die Tür auf und ließ mich vorausgehen. Ich zwängte mich durch den engen Eingang und schnupperte. Es roch nach Räucherstäbchen, Kaffee und Cowboystiefeln aus Leder.

»Geh weiter durch und setz dich«, sagte Willy.

Ich gehorchte. Aber ich fand nichts zum Setzen. Es herrschte ein heilloses Chaos. Zumindest soweit ich es erkennen konnte. Vor den Fenstern hingen regenbogenfarbene Stofflappen, sodass es drinnen ziemlich dunkel war.

»Warte, ich mach dir Platz«, erbot sich Willy.

Sekunden später hatte er das Gerümpel zu Boden geworfen, eines der Tücher vor dem Fenster hochgerollt und hockte sich mir gegenüber hin.

»Gemütlich hast du’s hier«, heuchelte ich. Ich war zum vertraulichen Du übergegangen, weil in dieser Enge ein Sie gepasst hätte wie die Faust aufs Auge.

»Das sag ich dir. Ich pfeif doch auf den ganzen Luxus. Hier bin ich mein eigener Herr.«

Mittlerweile hatte es auch Hermann geschafft, sich in das Gefährt zu wuchten. Keuchend wälzte er sich neben mich. Hermann stank. Das hatte ich draußen nicht bemerkt. Aber auch so wäre ich am liebsten gleich wieder geflüchtet.

Auf einer schmalen Ablage stand die Kaffeemaschine, die nun umständlich von Willy bedient wurde. Nach zwei Minuten war der Kaffee durch. Und er schmeckte sogar.

»Jetzt willst du bestimmt, dass ich dir was über den Lindenhof erzähle, oder?«

Wahrscheinlich konnte ich ihn nicht mehr davon abhalten. Also nickte ich.

»Der Lindenhof wurde 1886 von der Anstalt Bethel gebaut. Die Anstalt war für ziemlich betuchte Leute gedacht. Nervenkranke, die sich von der ruhigen Umgebung Heilung versprochen haben. In den Weltkriegen hat es als Lazarett gedient. In den Fünfzigerjahren war es eine Anstalt für nervenkranke Männer. Zwischendurch war es auch mal ein Kinderheim. Seit 1998 ist es geschlossen und verfällt immer mehr. Heute spuken nur noch die Geister dort herum.«

»Gehört es immer noch Bethel?«

»Nein, es hat mehrmals den Besitzer gewechselt. Und jetzt gehört es mir.«

»Dir?«

»Na ja, mir gehört das Land, auf dem die Ruine steht. Also gehört mir auch der Lindenhof. Allerdings vielleicht nicht mehr lange.«

»Wieso? Will jemand das Gebäude kaufen?«

»Wer weiß? Das ist jedenfalls nicht meine Sache. Ich passe hier nur auf, dass die Vandalen nicht noch mehr zerstören.«

Für mich war das Thema neu. Daher fragte ich nach. »Wer kommt denn da so?«

»Meistens sind es junge Leute, die hier Party machen wollen. Dann die ganzen Gruftis und Spinner, die glauben, sie würden hier ein Gespenst oder einen Geist treffen. Manche filmen hier nachts und schwören hinterher, sie hätten Schatten gesehen und Kinderstimmen gehört. Voll der Unsinn! Jedenfalls ist das ganze Haus innen verwüstet.«

Ich hörte Willy still zu und versuchte die ganze Zeit, eine Antwort darauf zu finden, weshalb Norbert mich hierher geschickt hatte.

Als ich zurück auf das Anwesen fuhr, auf dem sich das trutzige Gebäude befindet, in dem auch ich einen winzigen Seitenflügel als Refugium bezeichnen darf, glaubte ich mich in einen Film versetzt. Nur sah ich nirgendwo eine Kamera.

Die Gräfin stand mitten auf dem Hof und warf mit beiden Händen Konfetti in die Luft. Ihre beiden Möpse sprangen kläffend um sie herum und versuchten, das Konfetti zu fangen.

Vor der Gräfin stand eine Frau in einer dicken wattierten Jacke und in Jeans und klatschte Beifall.

Ollie und Duffy schauten sich das Spektakel stumm an. Von Duffy war ich es gewohnt, dass er mit unbewegter Miene dastand. Er war ein Butler alter Schule und hätte es für unwürdig befunden, auch nur ein Lächeln anzudeuten. Von Ollie war ich mehr Emotionen gewohnt, aber wahrscheinlich war selbst ihm das Spektakel zu grotesk. Und das, wo ihm als Engländer doch nichts skurril genug sein sollte. Ollie – eigentlich Oliver Dylan Dickens – hatte das Anwesen vor zwei Jahren geerbt. Zuvor hatte er sein Vermögen an der Börse verzockt, sodass er fast mittellos in den Teutoburger Wald gekommen war. Seitdem versuchten wir alle gemeinsam, ihm finanziell auf die Beine zu helfen.

Als ich hinzutrat, wandte sich die Gräfin freudestrahlend zu mir. »Das ist gut, dass Sie kommen, Moritz. Wo haben Sie nur die ganze Zeit gesteckt?«

Anstatt zu antworten, sah ich Ollie an. »Was wird das hier? Eine Zirkusnummer?«

»Die Herren und Damen vom Fernsehen sind angekommen«, erklärte die Gräfin. »Ist das nicht aufregend?«

Ich schaute die fremde Frau an. Wenigstens hatte sie mit dem Klatschen aufgehört.

»Nachtigall«, stellte sie sich vor. »Irene.« Sie streckte mir die Hand hin.

Ich nahm sie und stellte fest, dass sie warm und weich war.

»Morgenstern«, stellte ich mich vor.

Wir mussten beide lachen.

»Mimi Nachtigal und Venus Morgenstern in der Unterwelt«, frotzelte sie.

Ich muss eine ziemlich ratlose Miene aufgesetzt haben, denn sie lachte wieder.

»Kennen Sie nicht? Müssen Sie auch nicht! Ist auch schon zehn Jahre alt. Vom Suchen und Finden der Liebe. Er: Mimi Nachtigal, gespielt von Moritz Bleibtreu. Sie: die Sängerin Venus Morgenstern.«

»Ich fürchte, ich würde keine gute Sängerin abgeben.«

»Sind Sie verwandt mit dem Dichter?«, fragte sie.

»Ich habe nie Ahnenforschung betrieben. Aber ich kenne seine Werke.« Jetzt fühlte ich mich bemüßigt, mit meinem Wissen zu glänzen. »Kennen Sie das Gedicht Palmström an eine Nachtigall, die ihn nicht schlafen ließ?«

»Jetzt nicht, Moritz«, funkte die Gräfin dazwischen. »Wir müssen doch hier fertig werden. Außerdem ist es bitterkalt, nicht wahr?«

Sie sah Ollie und Duffy antwortheischend an.

Ollie zuckte mit den Schultern. Duffy stimmte ihr zu. »Herr Morgenstern hat wie immer keinen Sinn fürs Timing.«

Frau Nachtigall lächelte mir entschuldigend zu und wandte sich an die Gräfin. »Wir müssen das Ganze noch einmal üben, Frau Maier.«

Die Gräfin zuckte schmerzlich berührt zusammen. Nichts hasste sie mehr, als bei ihrem Namen genannt zu werden, wie Lieschen Müller!

»Am besten ohne Möpse. Und Sie müssen lächeln. Lächeln! Unsere Zuschauer möchten Sie lächeln sehen!« Irene Nachtigall verzog nun selbst den Mund und zeigte zwei tadellos blitzende Zahnreihen.

»Um was geht es überhaupt?«, wagte ich zu fragen. Die Damen und Herren vom Fernsehen … Mir schwante nichts Gutes.

»Wir haben doch erst letztens darüber gesprochen«, sagte die Gräfin.

»Letztens?«

»Also schön: meinetwegen im letzten Jahr. Jedenfalls sind wir jetzt im Fernsehen.«

»Und wo ist die versteckte Kamera?«

»Die mit den Kameras kommen erst heute Nachmittag«, schaltete sich Irene Nachtigall ein. »Ich bin sozusagen die Vorhut. Regie- und Produktionsassistenz.«

»Sind das nicht zwei Paar Schuhe?«

»Bei uns wird eins daraus. Fun & Action ist eine sehr kleine Firma.«

»Action?«

»Wir haben uns auf Dinner-Shows spezialisiert. Die eine oder andere kennen Sie vielleicht.«

»Ich schaue nicht fern. Die Nachrichten im Radio reichen mir. Mehr brauche ich nicht, um depressiv zu werden.«

»Unsere Shows dienen ausschließlich der Unterhaltung«, betonte Irene Nachtigall.

»Bitte, der Gräfin ist kalt«, erinnerte Duffy uns mit Leidensmiene. Er trug nur seine Dienerlivree und zitterte wahrscheinlich ebenso.

»Wir gehen schon mal in den Salon«, sagte Ollie und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter. »Du wirst begeistert sein, was die vom Fernsehen mit uns vorhaben.«

Das bezweifelte ich. Aber ich ließ mich dennoch von ihm hineinführen.

»Und halten Sie mir bitte die bellenden Biester vom Leib!«, hörte ich Irene Nachtigall Duffy zurufen.

Ein Blick über die Schulter verriet mir, dass er tatsächlich angestrengt versuchte, Muff und Potter einzufangen.

Im Salon schenkte mir Ollie erst einmal einen Whisky ein, während ich mich in einen Sessel setzte. »Du siehst ganz schön mitgenommen aus, alter Knabe. Hat dir der Auftritt der Nachtigall so zugesetzt?« Auch er nahm Platz.

Ich winkte ab, trank den edlen Lagavulin in drei Schlucken aus. Weiß der Teufel, woher Ollie das Geld hatte, stets für Nachschub zu sorgen. Dann erzählte ich Ollie, dass Norbert mich zu einer fast bis zur Unkenntlichkeit verwesten Leiche in Quelle bestellt hatte.

»By Jove! Und jetzt?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich weiß nur, dass ich mit der oder dem Toten nichts zu tun habe.«

Ollie schenkte nach.

Ich trank auch das zweite Glas. Das unangenehme Gefühl in meinem Magen wich wohliger Wärme. Am liebsten hätte ich jetzt Palmström rezitiert. Meine Gedanken wanderten zu Irene Nachtigall. »Was ist mit ihr?« Ich deutete nach draußen. »Stimmt es, was die Gräfin gesagt hat?«

Ollie wand sich sichtlich. »Eigentlich sollte sie dir das lieber selbst erzählen. Schließlich steckst du mit drin.«

Ich sah ihn misstrauisch an. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich vor vollendete Tatsachen gestellt werden würde. Dennoch konnte ich es mir nicht vorstellen.

»Du meinst, weil ich Wand an Wand mit euch wohne?«

»Oh nein, weil – also, sie sollte es dir wirklich selbst sagen.«

»Jetzt spuck’s schon aus!« Trotz des Whiskys spürte ich nun das flaue Gefühl wieder.

»Möchtest du noch einen?«, fragte Ollie beflissen.

»Nein danke, ich möchte nur die Wahrheit hören.«

Ollie schenkte sich nach und trank. Dann straffte er sich. »Also, es ist folgendermaßen: Die Fernsehleute haben eine Kaution verlangt. Nur pro forma, wenn etwas schiefläuft …«

»Was soll schon schieflaufen?«

»Eben. Du kannst also völlig beruhigt sein. Du wirst den Betrag nie zahlen müssen. Er steht sozusagen nur auf dem Papier.«

Ich verstand zwar, was er sagte, aber ich begriff es nicht. Zumindest nicht sofort. Erst ganz allmählich erschloss sich mir der Sinn.

»Moment mal! Nur damit ich dir folgen kann: Damit ihr bei der Dinner-Show mitmachen dürft, musstet ihr bei Fun & Action eine Kaution hinterlegen.«

Ollie winkte ab. »Nicht wir. Die Gräfin.«

»Das spielt keine Rolle.« Ich nahm ihn weiter mit in Sippenhaft. »Und weil ihr notorisch pleite seid, wollt ihr mich angeben.«

Beruhigt lehnte ich mich zurück. Über mein Konto verfügte immer noch ich. Und es wäre bei Weitem voller, wenn ich die Gräfin und Ollie nicht schon öfter hätte unterstützen müssen.

»Nicht wollen«, sagte Ollie. Er nestelte an seinem Kragen. Offensichtlich war ihm das Thema unangenehm. »Die Gräfin hat den Vertrag unterschrieben. Und als Bürgen hat sie dich eingesetzt.«

»Sie kann einsetzen, wen sie will, solange ich nichts unterschreibe …«

»Eben, du warst ja nicht da.«

Ich überlegte. »Du meinst die Woche, als ich in Berlin war?« Ich hatte dort auf Kosten eines Nachrichtenmagazins recherchiert.

»Genau. Die Gräfin meinte, sie könnte nicht länger warten. Sie hat was von Entscheidungsdruck gesagt.«

»Das heißt, die Dame da draußen hat sie unter Druck gesetzt?«

»Gewissermaßen. Sie haben zig andere Bewerber, die sich darum reißen, ins Fernsehen zu kommen. Schließlich ist das auch unsere einzige Chance. Also haben wir für dich unterschrieben …«

»Ihr habt meine Unterschrift gefälscht?«

Ollie versank fast im Sesselpolster. »Nicht direkt. Wir waren uns einig, dass du unterschrieben hättest, wenn du dagewesen wärest.«

Ich sprang auf und funkelte ihn wütend an. »Wenn deine Moral nur halb so gut wäre wie deine deutsche Grammatik, würdest du im Erdboden versinken! Ich werde das Ganze gleich aufklären und rückgängig machen …«

Ollie sah mich ängstlich an. »Dann sind wir pleite. Restlos!«

»Restlos? Wirklich restlos?«

Ich hatte zwar mitbekommen, dass der Gasthof in den letzten Wochen immer schlechter besucht war, aber ich wusste nicht, dass es so schlimm stand. Seit einer Woche hatte die Gräfin das Rübezahl geschlossen. Mir gegenüber hatte sie behauptet, es lohne sich nicht, in den Wintermonaten geöffnet zu haben. Wahrscheinlich hatte sie noch nicht einmal gelogen. Wenn kein Mensch kam, warum sollte sie das Rübezahl dann öffnen?

»Ich will die Wahrheit wissen«, sagte ich bestimmt. »Alle Zahlen auf den Tisch.« Ich schaute demonstrativ auf die Uhr. »In zwei Stunden.«

Die Wahrheit sah sogar noch verheerender aus, als Ollie angedeutet hatte. Er hatte mir gegenüber den Abgrund nur erahnen lassen. Nun sah ich direkt hinein.

Wir saßen am runden Tisch im Salon der Gräfin. Sie selbst war anwesend, ebenso Ollie und auch Duffy. Auch der war Teilhaber.

Nun servierte er den Tee. Als er einschenkte, roch es nach Pfefferminze. Wahrscheinlich sollte das beruhigend auf die Gemüter wirken. Dazu gab es kleine Kanapees mit Gurkenscheiben und Lachs. Es war kein Lachs aus dem Supermarkt, sondern der teure in Dill gereifte Lachs aus der Räucherkate. Dafür schickte die Gräfin Duffy immer bis nach Detmold. Das war eines der Dinge, die aufhören mussten! Ab jetzt war sparen angesagt.

Als ich das Thema aufs Tapet brachte, hatte ich sie alle gegen mich.

»Aber Moritz, ich spare ja schon, wo ich kann! Beim letzten Landfrauendinner auf Gut Dörentrup habe ich Tupperdosen mitgenommen, damit ich am nächsten Tag noch etwas zu essen hatte. Es war der Monatsletzte.«

»Ich fahre nur noch die nötigsten Kilometer.« Auch Ollie fühlte sich bemüßigt, seinen Sparwillen zu unterstreichen. »Aber heute musste der Wagen einfach mal wieder in die Waschanlage! Und die nächste ist nun mal in Detmold.«

»Meine Livree ist zwischen den Beinen so zerschlissen, dass ich mich schäme«, klagte Duffy. »Ich bin eine Schande für meinen Berufsstand.«

Und so ging es weiter. Ich hörte nur noch mit halbem Ohr hin. Schließlich reichte es mir. Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. »Es geht nicht um eure Privatausgaben. Wenigstens nicht nur. Ihr müsst erst einmal verdienen, was ihr ausgebt!«

»Schwierig, weil ich habe seit drei Monaten keinen Lohn mehr bekommen«, sagte Duffy.

»Sie enttäuschen mich, Duffy. Sie haben Verschwiegenheit gelobt!«

»Ist doch jetzt egal«, sagte ich. »Wie es scheint, bin ich der Einzige auf dem Gut, der etwas verdient. Eigentlich war das Rübezahl doch eine gute Einnahmequelle …«

»Nur ein paar Monate lang. Sie waren ja nie da«, sagte die Gräfin anklagend. »Immer dann, wenn wir Sie gebraucht hätten …«

»… haben Sie meine Unterschrift gefälscht!« Damit war ich beim Punkt. Ich hatte mir inzwischen die Zahlen der letzten Monate angeschaut. Wenigstens waren die Bücher anständig geführt worden. Ich war kein Fachmann in solchen Dingen, aber als Selbstständiger musste ich ebenfalls Buch führen. Die Zahlen, die sich mir erschlossen, waren verheerend.

Allein die Fixkosten überstiegen die Einnahmen der letzten Monate um mehr als die Hälfte. Ein weiterer Batzen wurde von den Zinsen geschluckt. Unverhältnismäßig hoch erschienen mir die Kosten für den Wareneinsatz. Kein Wunder, wahrscheinlich tauchte hier alles auf, was die Gräfin, Ollie und Duffy auch privat verzehrten. Kaviar, englisches Gebäck und Petits Fours kannte ich nur von ihren Dinnertafeln, nicht von der Speisekarte. Dennoch, mit mehr Gästen wäre das alles zu stemmen gewesen.

»Woran liegt’s?«, fragte ich schließlich und schaute in die Runde.

Da die Gräfin mit fest zusammengekniffenen Lippen schwieg, schaute ich Ollie an. Der wurde rot. Schließlich zuckte er die Schultern. »Wir sind eben keine Köche. Seit Angelika wieder weg ist, klappt es noch nicht mal mehr im Service.«

»Ich bin schließlich nicht mehr die Jüngste«, schob die Gräfin ein. Dann schwieg sie wieder.

»Und Duffy?«, fragte ich.

»Ich bin Butler, kein Laufbursche!«, antwortete der gekränkt. Ich nahm ihm die Antwort nicht übel. Schließlich war er noch älter als die Gräfin, hielt aber noch ganz gut mit.

»An der Qualität lag es jedenfalls nicht«, erklärte Ollie. »Also lag es an der Zubereitung.«

»Mein lieber Junge, damit triffst du mich ins Herz.« Die Gräfin stand auf und verließ mit gekränkter Miene unsere Runde.

»Stimmt das?«, fragte ich. »Kocht sie wirklich so schlecht?«

»Mal besser, mal schlechter. Sie weigert sich noch immer, eine Brille zu tragen. Sie sieht schlecht, verwechselt öfter Zucker mit Salz, von anderen Gewürzen ganz zu schweigen; ständig brennt ihr etwas an, und sie richtet es lieblos an. Ich weiß nicht, wieso …«

Auch ich war skeptisch. »Wenn’s nur an einer Brille läge, wäre das Problem ja schnell gelöst.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, da muss noch etwas anderes dahinterstecken.«

Aber was?, das war die Frage.

2.

Der nächste Tag begann sonnig. Aber das Thermometer war gesunken.

Luna schlug knurrend an, und als ich in den Hof hinunterschaute, erblickte ich eine seltsame Bagage, die aus einem VW-Bus kletterte. Zwei Frauen und drei Männer. Ich fragte mich, was die in aller Herrgottsfrühe hier zu suchen hatten. Da sah ich Irene Nachtigall auf sie zueilen. Sie trug ein graues Wollkleid. Im Gegensatz zu gestern, als sie die unförmige Jacke getragen hatte, konnte ich ihre Figur betrachten. Was ich sah, gefiel mir.

Irene Nachtigall begrüßte die Neuankömmlinge mit Küsschen und Drücken. Wahrscheinlich war das so üblich unter Fernsehleuten. Sie wirkten alle sehr gut gelaunt. Kein Wunder, wenn ich an die Kaution dachte.

Luna knurrte noch immer, während Irene Nachtigall die Leute ins Haus führte. Zum Glück nicht in meinen Trakt.

»Scheint so, Luna, als müssten wir uns mit denen noch eine Weile abgeben«, murmelte ich.

Als hätte sie mich gehört, drehte Irene Nachtigall sich um und schaute zu mir hoch. Sie lächelte fröhlich und winkte mir zu. Ich wandte mich ab, um Luna etwas zu fressen zu geben.

Danach hatte ich es eilig. Trotz meines Vorsatzes, die Gräfin zunächst schmoren zu lassen, bis sie zur Vernunft käme, musste ich wissen, was die Typen weiter vorhatten. Ich konnte die Gräfin und Ollie nicht im Stich lassen. Ihnen stand das Wasser schon bis zum Hals.

Also zog ich ein Sakko über, denn schließlich will man vor Fernsehleuten ja nicht aussehen wie ein Bauer, und schlenderte hinüber. Die Tür hatten die Banausen offen stehen lassen. Vielleicht hatte Duffy auch vergessen, sie zu schließen.

Ich trat ein. Es roch verführerisch nach gebratenem Speck. Mein Magen knurrte vernehmlich.

Ich folgte dem Geruch und traf sie alle am runden Tisch in der Küche an. Bei der lautstarken Unterhaltung bekam keiner mit, dass ich die Küche betrat. Duffy stand vor dem großen Gasherd und hantierte mit diversen Pfannen. Er war in seinem Element.

Ich nahm auf dem einzigen freien Stuhl neben zwei mir unbekannten Personen Platz. Der Mann war Mitte dreißig, hatte einen ungepflegten Dreitagebart und trug seine fettigen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden.

»Hi, ich bin Gregory«, wandte er sich mir zu. »Und wer bist du?«

Ich mag keine Leute, die sich gleich mit mir verbrüdern. Also sagte ich: »Schön, Sie kennenzulernen, Herr Gregory. Mein Name ist Morgenstern.«

»Ach so einer sind Sie. Und was machen Sie hier?«

»Das wollte ich gerade Sie fragen.«

Die Frau, die zu meiner Linken saß, schaltete sich ein. »Gregory ist der Kameramann. Und ich bin die Kameradame. Petra Kowalsky heiße ich.«

Sie streckte mir die Hand hin, und ich drückte sie. Vielmehr drückte sie meine. Es war ein echter Männergriff. Ich war froh, als sie wieder losließ.

Bevor sie mir dieselbe Frage stellen konnte, die Gregory mir gestellt hatte, sagte die Gräfin: »Schön, dass Sie auch gekommen sind, mein lieber Moritz. Dann sind Sie gleich im Bilde.«

Die Gräfin saß mir gegenüber. Mir fiel auf, dass sie sich an diesem Morgen besonders aufgetakelt hatte. Sie trug eine missglückte Hochsteckfrisur. Außerdem hatte sie offensichtlich versucht, sich die grauen Haare zu färben. Ich glaubte einen violetten Stich darin zu erkennen. Das Kleid, das sie anhatte, mochte in den Siebzigern Haute Couture gewesen sein, doch jetzt wirkten die Farben einfach nur schrill. Ich überlegte, ob ich überhaupt befugt war, ihr gegenüber den Geschmackspapst zu geben. Aber irgendeiner musste es ihr sagen. Und zwar, bevor es zu spät war. Sprich: bevor eine Kamera auf sie zielte.

Ich nickte nur. Alle redeten wieder wild durcheinander, und auch Gregory und Petra Kowalsky wandten sich wieder ihren Nachbarn zu. Ich hielt Ausschau nach Ollie. Der war sonst immer der Erste, der den Speck roch. Wahrscheinlich schlief er noch.

Duffy servierte die ersten Speckscheiben und das fertige Rührei. Er ging reihum. Mich bediente er demonstrativ als Letzten. Außerdem war meine Portion ungenießbar. Das Ei war angebrannt, und der Speck bestand nur aus Knorpeln. In einem Lokal hätte ich es zurückgehen lassen.

»Wohl bekomm’s!«, zischte Duffy mir ins Ohr.

Die nächste Runde war auch nicht besser. Meine Würstchen waren eiskalt, die Bohnen waren versalzen. Ich sah mich unauffällig um. Den anderen schmeckte es. Ich wusste es! Duffy wollte mich abservieren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Im Gegensatz zur Gräfin war ich in seinen Augen kein geduldeter Gast.

Misstrauisch nippte ich an meinem Tee. Der schmeckte nach Spülwasser.

Ich hatte genug, legte das Besteck weg und stand auf.

»Aber Moritz, so bleiben Sie doch, wir haben doch noch gar nichts besprochen!«, rief die Gräfin.

»Ja, bleiben Sie doch!«, äffte Duffy sie nach.

Die Gräfin warf ihm einen irritierten Seitenblick zu.

Ich setzte mich wieder. Sehr zum Unmut von Duffy. Mit ihm hatte ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Aber alles zu seiner Zeit. Nicht hier bei Tisch.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dinner mit Mord" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen