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Dinner for One von A-Z

Über den Autor

Stefan Mayr ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung und zudem Autor zahlreicher populärer Sachbücher zum Thema Fußball und Fernsehen. Zuletzt im Eichborn Verlag erschienen: Grätscher, Terrier, Wasserträger – Die wahren Helden im Fußball (2009, zusammen mit Dominik Prantl).

Stefan Mayr

Dinner for One
von A-Z

Löwe

Das Lexikon zum Kult-Vergnügen

Inhalt

  1. Vorwort
  2. Vorwort zur Jubiläums-Ausgabe
  3. Gebrauchsanweisung
  4. Grundwissen
  5. Alphabetischer Teil
  6. Exkurs: Wie das ›Dinner for One‹ die deutsche Sprache beeinflusste und weiter beeinflussen wird
  7. Exkurs: Warum das ›Dinner for One‹ ein unübertroffener Geniestreich ist
  8. Exkurs: Warum das ›Dinner for One‹ untragbar ist und schnellstmöglich aus dem Programm genommen gehört
  9. Original-Text mit Regieanweisungen
  10. Exkurs: Wem was gehört am ›Dinner for One‹.
  11. Exkurs: Warum, wie, wann und mit wem eine deutsche Neuverfilmung des ›Dinner for One‹ denkbar ist
  12. Zeittafel
  13. Bibliographie

Vorwort

Ich erinnere mich noch ganz genau: Zum Umschalten mussten wir noch aufstehen. Diesmal war Robert an der Reihe. Mein großer Bruder drehte mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl am schwarzen Knopf, bis eines der drei Programme erschien. Es machte einen dumpfen Schlag. Etwa so, als würde man mit einem Schuh gegen einen Tigerschädel klopfen. Bruderherz und ich, wir waren uns zum ersten und einzigen Mal im Leben sofort und ohne weitere Diskussion einig, diese Sendung gemeinsam weiter ansehen zu wollen. Ich verstand kein einziges Wort und die Schlusspointe dreimal nicht. Trotzdem ging mir dieser Butler nicht mehr aus dem Kopf. Er war und blieb mein erstes bewusstes Fernseh-Erlebnis.

Seit diesem Tag gab es eine neue Konstante in unserem Leben: An Dreikönig kamen die Sternsinger vor die Tür, an Ostern kam der Hase in den Garten, am Nikolaustag Onkel Hans ins Wohnzimmer, an Weihnachten das Christkind unter den Baum – und an Silvester eben James im Fernsehen. Heute, drei Jahrzehnte später, ist die Begeisterung über Sternsinger, Rammler, Verwandte sowie Heils- und Geschenkebringer dem Realismus gewichen. Aber auf James freuen wir uns Jahr für Jahr wie Sophie auf ihre Mulligatawny-Suppe. Wir begehen diesen höchsten Feiertag vor dem HD-Superdolbysurroundflachfarbfernseher mit mindestens fünf 18-minütigen Schwarz-Weiß-Sitzungen und der Fernbedienung in Greifweite.

Irgendwann wollte ich mehr wissen über James und Sophie. Es blieb zunächst beim Wunsch. Die wenigen Büchlein, die es gab, waren alle nur ein Witz. Ausnahmslos erfundene, wenn auch mitunter ganz nette Geschichtchen rund um die Dinner-Tafel. Aber keine Biographie über den besten Schautrinker der Welt, keine Dokumentation der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte dieses Leckerbissens, keine interdisziplinäre Analyse der am häufigsten ausgestrahlten und somit bedeutendsten Fernsehproduktion Deutschlands. Kleine Lichtblicke: Die Berichte in Zeitungen, Zeitschriften und Radio an Silvester. Sie boten die eine oder andere Einzelheit über die Darsteller Freddie Frinton und May Warden. Allerdings widersprachen sich diese nicht selten: Laut Frankfurter Rundschau wurde Frinton am 17. Januar 1911 als Frederick Hargate geboren. Beim Norddeutschen Rundfunk hieß er dagegen Frederic Coo und kam 1909 auf die Welt. Kurzum: Von dem, was die deutschen Medien im Laufe der Jahre absonderten, war die Hälfte schlichtweg falsch. Mit den verschiedenen Widersprüchen und Ungereimtheiten hätte man ein eigenes Buch füllen können. Ein gründlicher Blick hinter die Kulissen, ausführliche Gespräche mit Nachfahren, Zeitzeugen und Experten waren also überfällig. Dies bewies auch die Resonanz auf meine Rundmail an diverse Wissenschaftler. Vom Theaterwissenschaftler bis zum Medienpsychologen, vom Anglisten bis zum Kulturforscher, alle haben sie geantwortet und mitunter bahnbrechende Erkenntnisse vorgelegt. Dr. Stephan Schwan von der Universität Tübingen schlüsselt etwa in beeindruckender Art und Weise die drei Erfolgsgeheimnisse des ›Dinner for One‹ auf. Dr. Rainer Stollmann von der Universität Bremen analysiert einleuchtend, warum wir wann worüber lachen. Am interessantesten und lustigsten war allerdings mein Treffen mit Sonja Göth. Das ist jene Zuschauerin, die beim Dinner im Hintergrund so laut und ansteckend lacht – was sie noch heute gerne und oft macht.

Auf jeden Fall hat sich der Aufwand gelohnt. Endlich hatte ich einen plausiblen Grund, das Dinner mehrmals täglich anzuschauen. Nach all den Recherchen, Briefwechseln, Gesprächen, nach unzähligen Stunden im Internet und mindestens 1.000 Mal ›Dinner for One‹ darf ich nicht ohne Stolz verkünden: Die Schlusspointe verstehe ich jetzt. Und über James kann ich immer noch so herzhaft lachen wie damals, als mein Bruderherz aufstand, um am Knopf zu drehen.

Gebrauchsanweisung

Dieses Lexikon versteht sich als seriöse und unterhaltsame Faktensammlung zum ›Dinner for One‹. Da die Dinnerologie eine noch junge Wissenschaft ist, können Lücken oder Ungenauigkeiten nicht ausgeschlossen werden. Der Autor erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und freut sich über jede Ergänzung, Anregung und Korrektur. Briefe oder Mails sind jederzeit willkommen und werden gerne beantwortet – außer am 31. Dezember zwischen 18 und 0 Uhr. (Briefe adressieren Sie bitte an: Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe GmbH & Co. KG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln. Mich erreichen Sie unter dinnerforone@eichborn.de.)

In den sogenannten Exkursen wird jeweils ein Blick in die Zukunft gewagt. Diese wurden nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt, können aber naturgemäß nicht auf Tatsachen oder Belegen basieren, sondern nur auf dem gesunden Menschenverstand.

Der Verweispfeil »« fordert auf, das darauf folgende Wort nachzuschlagen. Er erscheint nur, wenn es dort zusätzliche Informationen zum aktuellen Eintrag gibt.

Im Übrigen sollte dieses Buch schnell wieder weglegen, wer hier ausschließlich die Unterhaltung sucht. Humor im Allgemeinen und das ›Dinner for One‹ im Speziellen sind eine äußerst ernste Angelegenheit!

Grundwissen

Irgendein zweitklassiges Varieté-Theater in irgendeiner englischen Provinzstadt. Es sind noch vier Stunden bis zur Abendvorstellung. Der Produzent erfährt, dass vier seiner sechs Schauspieler mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegen. Der Boss setzt sich in sein muffiges Büro. Kippt einen Sherry hinunter – vermutlich extra trocken. Und fängt in seiner Verzweiflung an, ein Stück für seine zwei restlichen Schauspieler zu schreiben. Das Erste, was ihm einfällt, ist der Titel: ›Dinner for One‹, zu deutsch: ›Abendessen für Eine‹.

So oder ähnlich könnte der Jahrhundertsketch entstanden sein.

Wann und wie genau das Stolperstück geschrieben wurde, ist nicht belegt. Fest steht nur, dass es ein Mann namens Morris Laurence Samuelson alias  Wylie, Lauri verfasst hat. Allerdings tat er das ohne eine einzige Regieanweisung. Also ohne Tigerkopf, Hackenschlag, Blumenvase und all die anderen Details, die den Sketch so sehenswert machen.

Es bedurfte schon etlicher Zufälle und noch mehr nachträglicher Zusätze, um daraus den Dauer-Kult des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu machen. Was aber nicht heißen soll, dass das Dinner zunächst ungenießbar war.

Nach der  Uraufführung am 11. März 1948 im Rahmen der Revue-Show »Four, Five, Six!« im Londoner Duke of York’s Theatre gab es keinen Kritiker, der nicht begeistert war. Das Fachmagazin Theatre World bejubelte Schauspieler Bobby Howes: »Sein beschwipster Butler (…) ist ein Genuss, aber dieser Sketch (…) noch dazu mit einer Darstellerin wie Binnie Hale ist Revue in ihrem Zenit.« Fünf Jahre später wurde das Dinner erstmals am  Broadway in New York aufgeführt. Danach wurde das Viertelstunden-Stück als eine von vielen Nummern innerhalb von Varieté-Shows gezeigt. Die Aufführungsrechte wurden mehrmals gekauft und weiterverkauft. Die jeweiligen Rechteinhaber vermieteten das Dinner für fünf Pfund pro Woche. Mehrere britische Komiker wie Clarkson Rose, Derek Roy oder Len Howe versuchten sich an dem Stück. Wohlgemerkt ohne Tiger, Skål und Vase.

Mitte der Fünfzigerjahre sah ein Mann das ›Dinner for One‹, der Material für eine neue Show brauchte und auf den Sketch aufmerksam gemacht worden war. Sein Name war Freddie Frinton. »Er mochte die Nummer nicht besonders«, berichtet Komiker-Kollege Len Howe. »Erst beim zweiten Zuschauen entschied er, das Stück in sein Programm aufzunehmen.« Frinton spielte den Butler, Howes Ehefrau Audrey Maye gab die Miss Sophie. Nach einigen akzeptablen Vorstellungen traten sie gemeinsam im Theater von Burgess Hill (Grafschaft West Sussex) auf. »Vor der Premiere gab es einen Empfang im Rathaus«, berichtet Len Howe. »Dabei schlug der Bürgermeister vor, das Bühnenbild mit einem Tigerfell zu bereichern.« Frinton nahm das Angebot an – mehr aus Höflichkeit denn aus Leidenschaft. Er versuchte, den Tierteppich so auf der Bühne zu platzieren, dass er während der Vorstellung nicht stören würde. Vergeblich. Irgendwann passierte es. Frinton stolperte über den Tigerkopf. Sehr zur Erheiterung des Publikums. Der Vollblut-Komödiant machte das einzig Richtige. Er stolperte noch einmal. Und beim dritten Mal war ihm klar: Die tote Tierhaut auf dem Boden macht aus dem halb toten Sketch eine lebendige Geschichte. Der Bürgermeister sah seine Leihgabe nie wieder. So erzählt jedenfalls Len Howe, wie der Tiger vor die Anrichte kam.

Auf diese Weise verfeinerte Frinton das Dinner Auftritt für Auftritt, Zutat für Zutat. Im Laufe der Spielzeiten kamen noch hinzu: das ach so freundliche Nachschenken bei Sir Toby, der von James innig geliebte Hackenschlag des Admirals, der Vasentrunk zwischendurch, der Portwein-vom-Tisch-zurück-ins-Glas-Wischer, Sophies Schaukelstuhl-Einlage, das Champagner-Parfum, das Winterbottomsche Rülpserchen, der Treppensprint usw. usf. Frinton machte aus 15 Minuten trockenem Abendbrot ein Super-Supper. Die Zuschauer konnten sich nicht mehr sattsehen.

Am 9. Dezember 1961 zeigte Frinton sein Masterpiece erstmals im deutschen Fernsehen: In der Liveshow  »Bitte, lassen Sie sich unterhalten« mit  Künneke, Evelyn. Keine zwei Jahre später gab er ein Comeback in der ARD-Liveshow »Guten Abend, Peter Frankenfeld!«. Diesen Auftritt vom 8. März 1963 bezeichnen Banausen bis heute als Deutschland-Premiere des ›Dinner for One‹. Er hat aber allenfalls in einer Hinsicht historische Bedeutung: Nach dem durchschlagenden Erfolg des Sketches beschlossen die Verantwortlichen des Norddeutschen Rundfunks, eine Magnetaufzeichnung anzufertigen. Was dabei herauskam, kennt heute jedes Kind. Diese Aufnahme wurde am 8. Juni 1963 erstmals in der ARD ausgestrahlt – und bringt die Menschen von Grönland bis Südafrika bis heute alljährlich zum Lachen. Bis das ›Dinner for One‹ erstmals an Silvester auf den Tisch kam, vergingen allerdings noch neun Jahre. Henri Regnier holte die Klamotte am 31. Dezember 1972 aus dem Schrank. »Das ist ein schönes kurzes Stück«, soll der Unterhaltungschef des NDR damals gesagt haben, »aber es nützt nichts, wenn das mal da und mal dort gezeigt wird.« Als James erstmals an Silvester auf seinen Gong schlug, läutete er seinen Rundgang durch alle dritten Programme ein. Der Sketch läuft bis heute in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Australien, Estland und Tschechien.

Alphabetischer Teil

Abendmahl  Das Abendmahl gilt als Höhepunkt des Gottesdienstes, das Dinner ist das Highlight des Fernseh-Jahres. Die Parallelen zwischen dem so genannten Letzten Abendmahl des Neuen Testaments und dem ›Dinner for One‹ des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind frappierend. Zeremonienmeister beim Abendmahl ist Jesus, beim Dinner ist es James. Jesus verteilt Brot und Wein, James Mulligatawny-Suppe und Portwein. Auffallend auch der Gleichlaut der Namen. Jesus und James, kann das Zufall sein? Beide fungieren als Medium mit übersinnlichen Fähigkeiten: Jesus sagt den Verrat an seiner Person voraus, verkündet die Botschaft seiner Gottheit und begründet das Ritual der Eucharistie, das bis heute als klerikal-kulinarischer Kult begangen wird. James seinerseits übermittelt die Botschaften der Seelen längst verstorbener Personen, hält (trotz unverhohlener Abneigung und einiger Holprigkeiten) streng am ritualisierten Ablauf seiner Abendveranstaltung fest und hat auf die Nachwelt eine Wirkung, die ebenfalls nur als kultisch bezeichnet werden kann.

Admiral von Schneider  1. Die kontroverseste Figur am Tisch. Vorname unbekannt. Zackiger Mann mit krachenden Hacken, kerniger Stimme und ausuferndem Wortschatz:  »Skål«. In der deutschsprachigen Kulturgeschichte ist er einer der bekanntesten Repräsentanten der militärischen Kaste neben dem Hauptmann von Köpenick, Käpt’n Blaubär, dem Kapitän von »Das Boot« und Käpt’n Iglo.

Nach Aussage von  Regon, Ernest E. ist »von Schneider« eine Erfindung des Norddeutschen Rundfunks. In der Urfassung des ›Dinner for One‹ sei nur von »The Admiral« die Rede gewesen. Andererseits schwört ein Peter Berger aus 42579 Heiligenhaus im Nachrichtenmagazin  Der Spiegel (Heft 1/1994) sämtliche militärischen Eide, dass es Admiral von Schneider leibhaftig gegeben habe. Ihm zufolge wurde »Admiral Horatio von Schneider III« 1862 auf der Luxusjacht eines britischen Adeligen in der Straße von Gibraltar geboren. Während des Ersten Weltkriegs war er Angehöriger der britischen Rotmeer-Flotte. Als Korvettenkapitän kommandierte er ein Versorgungsschiff, das Ausrüstung und Munition für die aufständischen Araber um Lawrence von Arabien transportierte. Später dann – als Kapitän zur See – war er Chef einer Schiffsartillerieflotte, die Akaba sturmreif schoss. Gegen Ende des Krieges wurde »der untadelige Seeoffizier« zum Admiral befördert. Über dessen Ende lässt uns Berger allerdings im Trüben fischen. Er deutet nur an, dass es nicht das allerglücklichste gewesen sein kann: »Seine aufopfernde Pflichterfüllung seinem Vaterlande gegenüber ließ seine Vermählung mit Miss Sophie scheitern.«

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Die kontroverseste Figur am Tisch – entnommen aus »Ich kochte das Dinner for One«, Eichborn, Frankfurt, 1995

2. (Lokal) bekannte Cover-Rock-Band aus Norddeutschland. »Wie das ›Dinner for One‹ kommen auch gute Hits immer wieder, every year.« So erklärt Drummer Jörn Kaiser, warum sich die Admirale nach langem Überlegen – genauer: nach ausgiebigem Bierkonsum – diesen Namen gaben. Wieder klar im Kopf, hatten sie die berechtigte Befürchtung, »bei ein paar Blödköpfen in die rechte Ecke gestellt zu werden, nur weil sie die Metapher nicht begreifen«. Doch der Sound ist diesbezüglich unverdächtig, weil »rockig, aber radiotauglich, druckvoll, aber ohrenfreundlich«. Bandmotto: »Leinen los und Rock ’n’ Roll«. Buchen kann man die Jungs nach wie vor unter www.admiralvonschneider.de.

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Die Comedy-Coverband zum Sketch: Admiral von Schneider aus Lübeck

Alkohol  Wer zu viel säuft, bringt es nicht weit, bewegt sich im Kreis, begegnet laufend denselben Hindernissen, über die er (fast) immer stolpert, und strampelt deshalb sein Leben lang als kleiner Knecht für andere durch die Welt. Das will uns das ›Dinner for One‹ sagen. Denn ganz offensichtlich führt der Konsum von Alkohol in seinen Formen Sherry extra trocken, Weißwein, Champagner und Portwein (in der Reihenfolge des Auftritts) ausschließlich zur Belustigung der Beobachter, nicht aber des Trinkers selbst. Selbst die subtil angedeutete Belohnung für den Butler, die im Obergeschoss wartet, muss in die Hose gehen. Nur so ist zu erklären, dass der Sketch ausgerechnet vor seinem Höhepunkt abgebrochen wird.

Nun mögen manche Kritiker einwenden, dass die Botschaft recht platt daherkommt. Aber das hat seinen Grund: Der Autor wendet sich an schlichte Gemüter und/oder Alkoholiker und will von diesen verstanden werden. Einige Puritaner wollen die Ausstrahlungen des Dinners verbieten lassen, weil darin angeblich der Konsum von Alkohol verherrlicht werde. Ihnen sei gesagt, James dient einzig und allein als abschreckendes Beispiel. Dass er amüsant rüberkommt statt mit dem erhobenen Zeigefinger, soll nur die Wirkung erhöhen (des Sketches, nicht des Alkohols). Ob das die Abstinenzler jemals verstehen werden ( Juhnke, Harald)?

Altersbeschränkung  Eine Altersbeschränkung für das ›Dinner for One‹ ist weder nötig noch vorhanden. Wenn James das Tablett mitsamt Chicken an die Wand schmettert, lachen Blutjung und Uralt. Das hat auch der  Kinderkanal erkannt und beglückt seine Zielgruppe seit 1989 mit dem ›Dinner for One‹. So mancher Fünfjährige freut sich am Ende jeder Tisch-Runde diebisch auf James’ Begegnung mit dem Tigerkopf. Andere dagegen versuchen verzweifelt, den armen Mann zu warnen – mitunter in kasperltheaterverdächtiger Lautstärke. Nicht repräsentative empirische Tests haben ergeben: ›Der 90. Geburtstag‹ verbindet Generationen, ist seit dem Absturz von »Wetten, dass …?« eine der letzten Fernsehsendungen für die ganze Familie.

Anti-Dinneraner  Als Anti-Dinneraner werden jene Wesen bezeichnet, die das ›Dinner for One‹ zwar gesehen haben, aber es nicht für die Mutter aller Partys halten und Freddie Frinton nicht für den Vater aller Trunkenbold-Darsteller. Diese Menschen finden es – aus welchen Gründen auch immer – nicht witzig, wenn ein alter Mann immer wieder über einen Tigerkopf stolpert ( Dinneraner,  Nicht-Dinneraner).

Aschermittwoch for One  Die Version auf Karneval-Kölsch. Seit 1996 sendet der WDR immer am Aschermittwoch aus einer typisch Kölschen Kneipe, wie ein alterndes Funkenmariechen mit dem entzückenden Namen »Marieche« zusammen mit ihren vier liebsten Freunden die fünfte Jahreszeit austreibt. Schnäuzers Tünn, Knubbels Lang, Fuss und Jean-Baptiste Amelung (»Schäng Batiste, Intimus, Schmecklecker und langjähriger Fötchesföhler«) sind allesamt gestandene Karnevalisten. Aber ach: leider schon tot. Kellner Hermann (kölsch: »Köbes Manes«) springt ein und lässt sich dabei auch von einer bunt kostümierten Alkoholleiche, die vor dem Tresen im Weg herumliegt, nicht abbringen. Dat Janze spielt an einem Hochtisch mit Barhockern, was Martina Klinke und Hans Kieseier – beide vom Ensemble der »Stunksitzung« – zu allerlei artistischen Einlagen nutzen. Manes mit seiner Narrenkappe schleppt Bier, lecker Körnchen, Frikadellchen, Kölsch, halben Hahn, Kabänes (Magenhalbbitter), Zigarrchen und Cognac heran. Höhepunkt des bunten Treibens: Manes leert vier volle Gläser Kölsch hintereinander auf ex. Gelungene Adaption für unterm Jahr. Auch für Nicht-Kölner sehenswert, weil mit Untertiteln.

Autor  Der Schöpfer der Kultklamotte ist  Wylie, Lauri.

Banuscher, Frank  Er war der verantwortliche Virtuose hinter den Kameras, als das ›Dinner for One‹ vom 30. April bis 4. Mai 1963 aufgezeichnet wurde. Nach Aussage des »Ersten Kameramanns« war das 18-minütige Stolperstück schnell im Kasten. »Es gab ein paar Unterbrechungen, aber nur wegen der Kamera und nicht wegen der Schauspieler. Bei denen saß jeder Handgriff.« Gedreht wurden zwei verschiedene Versionen, einmal ohne und einmal mit Publikum. In Dänemark wird beispielsweise ausschließlich die Version ohne Hintergrund-Lachen gezeigt. Banuscher benötigte für sein Meisterwerk lediglich drei Kameras, sehr wenige Schnitte und null Spezial-Effekte. Mehr als 30 Jahre nach der Produktion beantwortete er die Frage, ob er heute etwas anders machen würde, mit: »Nein.« Frintons Arbeit habe »damals für sich selbst gesprochen«, betonte Banuscher. »Da muss man fotografieren, was einem geboten wird.«

»Für mich war das damals just another thing«, stellte Banuscher hanseatisch-britisch fest. Soll heißen: Auch er ahnte nicht, dass diese Mini-Produktion sein meistgesendeter Film werden würde. Deshalb war es ihm zunächst auch herzlich egal, ob sein Name im Abspann genannt wurde oder nicht. Und siehe: Er fehlt bis heute. Banuscher nahm’s nicht tragisch. Einer, der mit Leuten wie Romy Schneider, Peter Ustinov und Inge Meysel zusammengearbeitet hat, steht über solch profanen Dingen.

Welch ein Meister seines Faches Banuscher war, wird sofort deutlich, wenn man das Dinner aus der  Schweiz sieht. 1988 wurde Banuscher für sein Gesamtwerk mit der »Goldenen Kamera« ausgezeichnet. Nach seiner Pensionierung gab Banuscher zahlreiche Interviews, in denen er Details von den Dreharbeiten erzählte. »Sie waren beide sehr bescheiden und wohnten in einer einfachen Pension«, berichtete er über die Darsteller Freddie Frinton und May Warden. »Er war sehr zurückhaltend mit einem grandiosen Humor, sie eine richtige englische Lady.« Eines allerdings habe Frinton in Deutschland missfallen: die fehlende Tee-Kultur. Im Nachrichtenmagazin  Der Spiegel 1/2002 behauptete er, zwischen Freddie Frinton und May Warden habe es »definitiv« gefunkt ( Liebe). Später distanzierte er sich von dieser Aussage: »Es kann auch sein, dass ich mich getäuscht habe.« Unwidersprochen bis in alle Ewigkeiten wird aber Banuschers Kommentar zu Frintons Performance stehen: »Nachmachen kann man das nicht«. Am 12. Oktober 2008 ist Frank Banuscher im Alter von 76 Jahren gestorben.

BBC  Wenn ganz Europa James’ feuchtfröhlichem Treiben zujubelt, dann sitzen die Ladys und Gentlemen in Großbritannien auf dem Trockenen. Die BBC (British Broadcasting Corporation) hat das ›Dinner for One‹ über all die Jahrzehnte hinweg stets unter Verschluss gehalten und macht und macht und macht keinerlei Anstalten, den Sketch jemals auszustrahlen. Die Suche nach Gründen gleicht der Fahndung nach einer Stecknadel im Londoner Nebel. Böswillige Menschen behaupten, die Engländer hätten schlichtweg keinen Humor. Dabei berufen sie sich auf eine Studie der englischen (!) Universität Hertfordshire: Internet-Surfer wurden weltweit aufgefordert, ihre Lieblingswitze einzusenden und die Witze anderer Teilnehmer zu bewerten. Die Deutschen klickten auf dem »Lachometer« am häufigsten von allen auf »sehr lustig«. Die Engländer belegten nur den traurigen fünften Platz. Allerdings ist es zumindest fraglich, ob die Netz-Umfrage repräsentativ war und ob die Studie nicht einen kleinen Webfehler aufweist: Womöglich fanden die Deutschen die anderen Witze ja gerade deshalb so lustig, weil sie – wenn sie unter sich sind – nichts zu lachen haben?

Der Bremer Kulturwissenschaftler Dr. Rainer Stollmann führt den Boykott der BBC auf die Herkunft Freddie Frintons zurück: »Frinton kommt vom Tingeltangel, da ist der Graben zur ehrwürdigen BBC etwas größer.« Vielleicht aber würde so mancher Redakteur nur allzu gerne das Dinner zeigen, darf es nur nicht, weil der torkelnde Butler das britische Königshaus ins Wanken bringen könnte? Denn womöglich war gerade dies die Intention des Autors; immerhin führt er die skrupellose Ausbeutung der einfachen Leute durch die Aristokratie vor. Zudem demonstriert er die Abhängigkeit des Adels von den Bediensteten: Miss Sophie, rein optisch Queen Elisabeth nicht unähnlich und im Habitus der Inbegriff einer blasierten Lady, könnte ohne Butler weder ihre wahnwitzigen Partys durchziehen noch ihre niederen Triebe befriedigen. Und dann ist da auch noch die blaublütige Rauschkugel Sir Toby. Ständig will er nachgeschenkt haben und grölt als Beitrag zur Tischkonversation immer nur »Cheerio, Miss Sophie«. Kurzum: Es handelt sich hier um ein knallhartes Anti-Monarchie-Stück. Geradezu unvorstellbar, dass so etwas im Programm der »Körperschaft des öffentlichen Rechts mit königl. Charter« (dtv-Lexikon) auftaucht. Derart subversives Material muss im Vereinigten Königreich selbstverständlich der Zensur anheimfallen.

Es gibt sogar eine Magisterarbeit, die versucht hat, das seltsame Verhalten der BBC zu entschlüsseln. Astrid Wendelstigh vom The Arts Institute at Bournemouth befragte in ihrer Studie »Why is the english film sketch Dinner for One so popular in Germany, but apparently unknown in Great Britain?« zahlreiche Experten auf der Insel. Ihre Theorien sind spannender als alle Ehen im britischen Königshaus zusammen. Und ihre Schlussfolgerungen sind, nun ja, ebenso enttäuschend.

Laut Wendelstigh könnte ein Grund für die Abneigung der BBC sein, dass das ›Dinner for One‹ eine pikante Parodie auf die vermeintliche Affäre von Königin Victoria (1819 – 1901) mit ihrem Diener John Brown ist. Scharfe These. Wendelstigh beruft sich immerhin auf BBC-Mitarbeiter und Theater-Schaffende. Aber leider kann sie weder das viktorianische Hanky-Panky noch ihre Theorie mit Belegen unterfüttern. Als weiteres Hindernis für eine Ausstrahlung auf der Insel nennt die Autorin den »heftigen nordenglischen Akzent«, in dem James durch den Sketch poltert. Allerdings räumt selbst Wendelstigh ein, dass sowohl die BBC als auch kommerzielle Sender schon seit den 1970er-Jahren immer wieder Sendungen ausgestrahlt haben, in denen zu einem das Königshaus persifliert wurde und zum anderen Dialekte gesprochen werden.

Letztlich kommt Wendelstigh zur Schlussfolgerung, dass sie keine Schlussfolgerung treffen kann. Immerhin hat sie ...

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