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Digitale Jäger

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Einführung
  7. Erstes Kapitel - Revolution auf dem Laptop – die Entdeckung der Online-Recherche für Ermittlungen
    1. Die Presse stirbt, aber die Nachrichten leben
    2. Syrien: der Krieg, über den Journalisten nicht berichten konnten
    3. Informationskriege und Fassbomben
    4. Auf der Titelseite der New York Times
    5. Durchbruch bei Chemiewaffen
    6. Wie weit soll das noch gehen?
  8. Zweites Kapitel - Wie Bellingcat entstand – eine Gruppe wird zum Team
    1. Eine Zusammenkunft von Fremden
    2. Täuschung gegen Beweis
    3. Der Student, der mit dem Finger auf Moskau zeigte
    4. Die Fingerabdrücke auf der Mordwaffe
    5. Detektivarbeit rund um den Globus
  9. Drittes Kapitel - Eine Firewall aus Fakten – der Abwehrkampf gegen den digitalen Albtraum
    1. Die kontrafaktische Internetgemeinde
    2. Aufbau einer Firewall
    3. Der Hass im Netz ergießt sich auf die Straßen
    4. Die Fallen entschärfen
    5. Beteiligung der Öffentlichkeit
  10. Viertes Kapitel - Maus fängt Katze – eine Spionagegeschichte wird zum Musterfall
    1. Bis an die Grenzen von Open Source
    2. Entlarvt
    3. Der dritte Mann
    4. Risiken verschiedener Art
  11. Fünftes Kapitel - Die nächsten Schritte – die Zukunft der Gerechtigkeit und die Macht der künstlichen Intelligenz
    1. Eine Blaupause für zukünftige Kriege
    2. Gefahren und Chancen künstlicher Intelligenz
    3. Wohin die Reise geht

Über das Buch

»Der Spion aus dem Netz«, so wird Eliot Higgins oft genannt. Das von ihm gegründete Investigativnetzwerk Bellingcat hat Indizien, die darauf schließen lassen, dass der Mord in dem Berliner Tiergarten an einem Georgier dem russischen Geheimdienst zuzuschreiben ist. Es hat den Flugzeugabschuss über der Ukraine mit aufgeklärt und war dabei Medien, Ermittlern und sogar Geheimdiensten immer einen Schritt voraus. Wie das gelingt? Mithilfe von OpenSource-Informationen (Google, Facebook und Youtube etc.) klärt Bellingcat weltweit Verbrechen auf und läutet ein neues Zeitalter im Journalismus ein. Das Netzwerk berät zudem den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.

Über den Autor

Eliot Higgins ist ein britischer Blogger und Internetjournalist. Er betreibt die investigative Internetplattform Bellingcat. Eliot Higgins deckte 2012 als erster den Einsatz von Streubomben und Fassbomben in Syrien auf und analysierte den Absturz des Malaysia-Airlines-Fluges 17 über der Ostukraine. Im Juli 2014 gründete er die Internetplattform Bellingcat, die es auch anderen Internetaktivisten ermöglichen sollte, durch Crowdsourcing an Recherchen mitzuwirken. Im Jahre 2015 wies sie einen wahrscheinlich russischen Abschuss des Passagierflugzeuges MH-17 über der Ostukraine nach. Higgins wirkte an mehreren Berichten zum Syrienkrieg und dem Krieg in der Ostukraine unter anderem mit dem Atlantic Council mit.

Für die Recherchen erhielten er und Bellingcat 2015 den Sonderpreis des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises der ARD.

Eliot Higgins

DIGITALE

JÄGER

Ein Insiderbericht aus
dem Recherchenetzwerk

Bellingcat

Übersetzung aus dem Englischen
von Wolfgang Seidel

Quadriga-Logo

EINFÜHRUNG

Hastig eilten Minister und hohe Staatsbeamte zu einem unterirdischen Konferenzsaal mitten im Regierungsviertel von London. Es ging um die aktuelle COBRA-Attacke: Offenbar hatte es auf englischem Territorium einen Chemiewaffenangriff auf bestimmte Personen gegeben. Es sah nach einem Mordversuch mit einem Nervengift aus. Die Betroffenen, Vater und Tochter Skripal, befanden sich im Krankenhaus, wo sie beatmet und mit hohen Dosen von Atropin behandelt wurden. Sie waren sediert und wurden von bewaffneten Einsatzkräften streng bewacht. Großbritannien musste auf diesen Angriff angemessen reagieren. Man vermutete, dass der Kreml diesen Mordangriff in Auftrag gegeben hatte. Eines der beiden Opfer, der Vater, war früher Oberst des russischen Militärgeheimdienstes gewesen. Am 4. März 2018 hatte man ihn und seine Tochter in bewusstlosem Zustand zusammengesunken auf einer Parkbank im idyllischen südenglischen Städtchen Salisbury gefunden. Beide waren bereits dem Tode nahe. Moskau stritt jegliche Verwicklung in den Vorfall ab.

»Mit sehr ernsten Gesichtern und Pathos in der Stimme verkünden unsere englischen Kollegen, dass sie Russland eine Lektion erteilen würden, die es niemals vergessen würde, falls sich herausstellen sollte, dass unser Land tatsächlich hinter dieser Tat steckt«, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow. »Das halten wir für sehr unehrlich. Das ist reine Propaganda. Damit wird lediglich Hysterie angefacht.«

Indes war der Kreml bereits früher in ähnliche Rachegiftmorde an »Abtrünnigen« involviert. Am bekanntesten war der Fall von Alexander Litwinenko, ebenfalls ein ehemaliger russischer Geheimdienstoffizier, der zu den Briten übergelaufen war und sich mit ätzender Kritik am russischen Präsidenten Putin hervortat. Am 1. November hatte sich Litwinenko mit zwei früheren KGB-Agenten im Millennium Hotel in London getroffen. Bereits am gleichen Abend wurde er krank. Innerhalb weniger Wochen war er tot. Todesursache war Kontakt mit radioaktivem Polonium 210.

Zufällig befindet sich die maßgebliche Forschungseinrichtung des britischen Verteidigungsministeriums, die sich mit der Analyse von Kampfgiften und Chemiewaffen aller Art beschäftigt, Porton Down, ganz in der Nähe von Salisbury. Deren Experten analysierten umgehend Blutproben des sechsundsechzig Jahre alten Sergej Skripal und seiner dreiunddreißigjährigen Tochter Julia, um herauszufinden, was den beiden zugestoßen war. Die Resultate lauteten wie folgt: Es handelte sich um Nowitschok A234, ein Nervengift, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Sowjetunion entwickelt worden ist; damals war Wladimir Putin noch ein einfacher Geheimdienstoffizier beim KGB. Bereits ein kleiner Auftrag dieses Gifts auf der Haut kann zum Verlust des Sehvermögens – in Verbindung mit massiven Atembeschwerden, ständigem Erbrechen und Krämpfen – und schließlich zum Tod führen. Inzwischen hatten technische Spezialisten der britischen Nachrichtendienste herausgefunden, dass die Russen Telefonate und Nachrichten zwischen Skripal und seiner Tochter abgehört hatten. Die Tochter stand im Begriff, zu einer zweiwöchigen Urlaubsreise nach England aufzubrechen, wo sie ihren Vater besuchen wollte. So hatten die Russen den Aufenthaltsort ihres Vaters in England aufgespürt.

»Entweder handelt es sich um einen bewusst herbeigeführten Angriff auf unser Land«, sagte Premierministerin Theresa May daraufhin im Unterhaus, »oder die russische Regierung hat über ein hochgefährliches, potenziell tödliches Nervengift die Kontrolle verloren, wodurch es in die Hände von Dritten gelangen konnte.« Moskau wurden achtundvierzig Stunden eingeräumt, um zu dem Vorfall Stellung zu nehmen. May fuhr fort: »Falls wir keine glaubwürdige Antwort erhalten, werden wir die Schlussfolgerung ziehen, dass es sich um einen unrechtmäßigen Gewaltakt des russischen Staates gegen das Vereinigte Königreich handelt.«

Über diverse Medienkanäle setzte die russische Regierung Verschwörungstheorien in Form von »Nachrichten« in die Welt, wonach die Skripals angeblich gegen ihren Willen von den Briten festgehalten wurden. Oder wie es sein könne, dass die Opfer nicht zu Tode gekommen seien, wenn es sich doch angeblich um Nervengift für den militärischen Einsatz gehandelt hatte. Das war eine geschickte Behauptung mit einer Zweifachwirkung, indem sie einerseits die britischen Behauptungen in Zweifel zog, andererseits die unterschwellige Drohung beinhaltete, dass der Kreml niemals halbe Sachen machen würde, sondern unfehlbar das erreicht, was er sich vorgenommen hat. Jedenfalls erklärten die Briten dreiundzwanzig russische Diplomaten zu unerwünschten Personen, mit der Begründung, es handele sich in Wahrheit um russische Geheimdienstleute. Einige mit dem Vereinigten Königreich eng verbundene Staaten zeigten ihre Solidarität, indem sie ebenfalls angebliche russische Diplomaten des Landes verwiesen. Das betraf allein in den USA sechzig russische Botschaftsangehörige; dazu verhängten die Amerikaner Exportsanktionen und froren Bankkonten ein. Moskau reagierte darauf, indem es seinerseits viele Diplomaten nach Hause schickte.

Bei Bellingcat haben wir die Vorgänge aufmerksam beobachtet und auf den Moment gewartet, wo wir einhaken können. Auf der ganzen Welt waren unsere Mitarbeiter ständig online. Wir lassen bei der Untersuchung von Kriegsverbrechen nicht locker und hinterfragen im Internet herumschwirrende Desinformationen. Unsere Informationen beruhen auf Hinweisen, die im Netz frei zugänglich sind, sei es in Postings in sozialen Medien, geleakten Datenbanken oder auf frei zugänglichen Satellitenkarten. In einem Zeitalter, in dem so viel Desinformation unterwegs ist wie nie zuvor, erhält man paradoxerweise auch so viel handfeste, nachprüfbare Fakteninformation wie nie zuvor. Bei uns arbeitet eine Kernmannschaft von achtzehn Leuten, die von einer Vielzahl von Freiwilligen in aller Welt unterstützt werden. Unsere Berichte werden von Hunderttausenden von interessierten Nutzern wahrgenommen, dazu gehören auch Regierungsmitarbeiter, einflussreiche Journalisten in allen möglichen Medien und politische Entscheider. Wir haben kein Programm, aber wir haben ein Credo: Es gibt einen Unterschied zwischen Fakten und Faktenbeweisen einerseits und Fake News andererseits, und es gibt Menschen, denen dieser Unterschied wichtig ist.

In den Wochen und Monaten, die folgten, erholten sich die Skripals allmählich. Für Scotland Yard indes war es nicht leicht, den Fall aufzuklären. Sergej Skripals Haus und vor allem die Haustür standen nicht unter Videoüberwachung; sie galt den Ermittlern aber als der wahrscheinlichste Kontaktpunkt der Kontamination mit dem Nervengift. Die Ermittler beugten sich über elftausend Stunden Videomaterial der Überwachungsanlagen aus der näheren Umgebung, werteten Kreditkartenzahlungen und Mobiltelefontracking aus. Während sie damit noch beschäftigt waren, kam es zu weiteren Vergiftungsfällen. Ein drogenabhängiger Mann aus der Gegend von Salisbury hatte beim Durchwühlen von Abfallbehältern einen Flakon Nina Ricci Premier Jour-Parfum gefunden und ihn als Geschenk für seine Freundin mitgenommen. Nachdem sie ein wenig davon auf die Handgelenke gesprüht hatte, wurde sie sofort krank. Erst am 8. Juli konnte sie aus der Intensivstation entlassen werden. Bei der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OVCW) in Den Haag wurde die in dem »Flakon« enthaltene Substanz chemisch analysiert und festgestellt, dass sie Nowitschok enthielt. »Bei diesem Nervengift handelt es sich um eines der seltensten, kaum bekannten chemischen Kampfmittel auf der ganzen Welt. Dass es nun zweimal kurz hintereinander in einem derart begrenzten Gebiet entdeckt wurde, kann kein Zufall sein«, verlautbarte die britische Terrorabwehr. Offensichtlich hatten die Skripal-Attentäter das Glasbehältnis denkbar fahrlässig einfach in einem Müllcontainer »entsorgt«. Der Flakon enthielt noch so viel Flüssigkeit, dass es dazu ausgereicht hätte, Tausende von Menschen umzubringen.

Ein halbes Jahr nach dem Attentat veröffentlichte die Polizei dann endlich Ergebnisse, mit denen wir etwas anfangen konnten: Sie führte Bildmaterial vor, auf dem zwei Russen zu sehen waren, wie sie wenige Tage vor dem Attentat am Flughafen Gatwick, südlich von London, ankamen. Weitere Aufnahmen zeigten, dass sie an mehreren Tagen hintereinander von London aus nach Salisbury in Südengland fuhren und dort das Haus des Überläufers ausspionierten. Die Polizei war nun auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen, um die Verdächtigen anhand von veröffentlichten Fotos identifizieren zu können. Die Männer waren unter den Namen »Alexander Petrow« und »Ruslan Boschirow« eingereist. Scotland Yard hoffte, dass sich jemand an die beiden erinnerte.

Der Kreml tat das auf jeden Fall. »Wir wissen, um wen es sich handelt«, sagte Putin. »Ich kann nur hoffen, dass sie sich bald zu erkennen geben und eine Aussage machen. Das wäre das Beste für alle Beteiligten. An der ganzen Sache ist überhaupt nichts dran, das kann ich Ihnen versichern. Niemand hat eine kriminelle Handlung begangen. Es wird sich bald alles aufklären.«

Wenn der Präsident »bald« sagt, entwickeln sich die Dinge auch wirklich sehr schnell. Schon am Tag nach seiner Ankündigung, am 13. September, gaben die beiden Verdächtigen ein Interview bei Russia Today, dem internationalen Nachrichtensender des Kreml. Auf dem internen Chat-Forum von Bellingcat schwirrten die Kommentare nach dieser überaus verblüffenden Sendung nur so hin und her. Die beiden Männer gaben sich völlig unschuldig als zwei Freunde, die sich kurzentschlossen zu einem Kulturtrip nach England aufgemacht hätten, um die gotische Kathedrale von Salisbury zu besichtigen. »Petrow« starrte feindselig in die Kamera und erweckte den Eindruck, als sei er sehr verärgert, dass man ihn vor die Kamera gezerrt hatte. »Boschirow« wand sich vor Verlegenheit, sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Beide versicherten hoch und heilig, keine Mörder zu sein, sondern Inhaber von Fitnessstudios.

RT-Moderator: »Was haben Sie dort gemacht?«

Petrow: »Freunde von uns haben uns schon vor langer Zeit empfohlen, diese wunderschöne Stadt unbedingt zu besuchen.«

Moderator: »Und? Ist Salisbury tatsächlich so eine wunderschöne Stadt?«

Petrow: »In der Tat.«

Moderator: »Und was konkret macht sie so wunderschön?«

Boschirow: »Na, es handelt sich um einen echten Anziehungspunkt für Touristen. Sie haben eine berühmte Kathedrale. Sie ist in ganz Europa bekannt und von daher auch weltberühmt, nehme ich mal an. Ganz bekannt ist ihr 123 Meter hoher, spitzer Vierungsturm. Außerdem ist die Stadt bekannt für ihre Kathedraluhr. Es ist die älteste noch funktionierende Kirchturmuhr der Welt.«

Am Tag vor dem Giftanschlag waren die beiden erstmals nach Salisbury gefahren, und zwar mit dem Zug, was hin und zurück etwa drei Stunden in Anspruch nimmt. In Salisbury hatten sie sich aber nur eine halbe Stunde aufgehalten; angeblich hatte der Schnee die beiden stämmigen Russen vertrieben. Am nächsten Tag fuhren sie wieder hin. Angeblich hatten sie keine Ahnung von Skripal und wussten nicht, wo er wohnt. Dann fragte der Moderator nach dem Parfumflakon.

Boschirow: »Meinen Sie nicht, dass die Vorstellung, zwei gestandene Männer hätten ein Damenparfum im Rucksack, ziemlich albern klingt? Beim Zoll wurden wir gründlich durchsucht. Wenn wir so etwas Auffälliges und Verdächtiges dabeigehabt hätten, hätte man sicher nachgehakt. Weswegen sollte ein normaler Mann ausgerechnet Damenparfum dabeihaben?«

Moderator: »Arbeiten Sie für die GRU (den russischen militärischen Abwehrdienst)?«

Petrow (an den Moderator gewandt): »Und Sie? Arbeiten Sie für die?«

Moderator: »Wieso ich? Selbstverständlich nicht. Und Sie?«

Petrow: »Ich selbstverständlich auch nicht.«

Boschirow: »Ich genauso wenig.«

In unserem internen Forum waren wir einhellig der Meinung, dass die beiden lügen. »123 Meter hoher Vierungsturm …« Welcher normale Mensch redet denn so im Jargon eines Wikipedia-Eintrags? Wenn die britischen Ermittler nicht in der Lage waren, die wahren Identitäten der beiden herauszufinden, dann würden wir es tun. Aber die Ausgangslage war sehr dürftig. Es gab nur die Fotos und die Namen der beiden, bei denen es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um Decknamen handelte.

Wir knackten den Fall innerhalb weniger Tage.

Durch unsere Skripal-Ermittlungen gerieten wir umgehend weltweit in die Schlagzeilen, allerdings wurden auch Zweifel und Fragen laut. Wie konnte es einem Team von autodidaktischen Internet-Ermittlern gelingen, ein russisches Anschlagsduo zu identifizieren? War so etwas überhaupt denkbar? Was für eine Truppe war denn dieses Bellingcat?

Für die Antwort muss man ungefähr ein Jahrzehnt zurückgehen, in die Anfangsphase von Smartphones und Social Media. Social Media steckten damals noch in Kinderschuhen als Plattform für persönlichen Austausch und private Beziehungen, den Austausch von Meinungen und Fotos. Ohne dass dies zunächst beabsichtigt gewesen wäre, gaben Menschen in einem Ausmaß, wie es in der Geschichte ohne Beispiel war, offenherzige, fast verräterisch tiefe Einblicke in ihr Privateben – in aller Naivität. Wer spielerisch und unschuldig mitmachte, dem war nicht klar, wie viel er von sich preisgab. Doch selbst wer absichtsvoll handelte, machte sich keine rechte Vorstellung.

Zu jener Zeit war ich selbst ein begeisterter Computerfreak wie tausend andere, hatte mit Anfang dreißig einen langweiligen Bürojob und ein großes Interesse an Neuigkeiten und Nachrichten. Eines Tages hatte ich eine Erleuchtung. Bei der Internetsuche konnte man auf Informationen stoßen, die weder in der Presse auftauchten noch irgendwelchen Experten bekannt waren. Ein paar versprengte Leute hier und da hatten wohl ähnliche Wahrnehmungen, und so bildete sich ein Online-Community, die sich mit Nachrichten und Ereignissen befasste, die ihre Spuren auf Youtube, Facebook, Twitter und anderen Plattformen hinterlassen haben. Wir bündelten unsere Kräfte und unser Wissen, brachten uns gegenseitig die neuesten investigativen Tricks und Hacks bei. So entstand allmählich ein neuer Bereich, in dem Journalismus, Bürger- und Menschenrechtsengagement und Verbrechensermittlung eine ganz neue Mixtur bildeten.

Wir konnten den Nachweis erbringen, dass der syrische Diktator Bashar al-Assad chemische Waffen gegen seine eigene Bevölkerung einsetzte. Wir ermittelten, wer für den Absturz von Flug MH17 in der Ukraine verantwortlich war. Wir machten IS-Unterstützer in Europa ausfindig. Wir identifizierten die Neonazis, die in Charlottesville randalierten. Wir trugen unseren Teil dazu bei, die Flut an Desinformation im Zusammenhang mit Covid-19 einzudämmen. Wir enttarnten ein vom Kreml gesteuertes Killerkommando.

Dieses Betätigungsfeld ist so neu, dass es dafür noch nicht einmal einen Namen, ein griffiges Wort gibt. International am häufigsten verwendet wird das Kürzel OSINT für »Open Source Intelligence« (etwa: Nachrichtendienst aus offenen Quellen). Aber diese Bezeichnung lehnt sich zu nahe an die konventionellen Nachrichtendienste mit ihren klandestinen Praktiken an. So arbeiten wir nicht bei Bellingcat; das entspricht nicht unserem auf Transparenz und Öffentlichkeitsinformation gerichteten Selbstverständnis. Eine bessere Bezeichnung wäre »Online-Recherchen in offenen Quellen«. Allerdings umfasst unsere Tätigkeit weit mehr als einfache Internetrecherche. Wir kämpfen aktiv gegen die kontrafaktischen Kräfte, die unsere Gesellschaften einlullen wollen. Wir beharren auf Beweisen für Behauptungen. Und wir zeigen den normalen Bürgern, wie man missbräuchliches Handeln enthüllt und die Mächtigen zur Verantwortung zieht.

Der Privatermittler Michael Bazzell – ein Guru der Open-Source-Szene – hatte während seiner Arbeit für das FBI mithilfe von Datenbanken nach Kriminellen gefahndet, Datenbanken, die so teuer waren, dass sie für Amateure unerschwinglich sind. »Aber im Rahmen von OSINT kann ich 98 Prozent aller Informationen, die ich benötige, auch so über eine Person herausfinden, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Deswegen habe ich mich voll auf die Seite der OSINT-Ermittler geschlagen. Mir wurde klar, dass jedermann damit umgehen kann, wenn er will.«

Als General Michael Flynn die Defense Intelligence Agency DIA, den militärischen Nachrichtendienst der USA, leitete (bevor er sich im Dienst der Trump-Administration lächerlich machte), bemerkte er einmal, dass 90 Prozent der handfesten, verwertbaren Informationen aus geheim ermittelten Informationen stammen. Seit es soziale Medien gibt, ist das Verhältnis genau umgekehrt: 90 Prozent der wirklich relevanten Informationen für die Dienste stammen aus offenen Quellen, die im Prinzip für jedermann zugänglich sind.

Geheimdienste haben sich seit jeher natürlich auch aller verfügbaren offenen und offiziellen Informationsquellen bedient und systematisch Zeitungen ausgewertet und Radiosendungen aufgezeichnet. Aber bei ihnen stand dieses Material nie in hohem Ansehen. Sie verließen sich lieber auf ihr Geheimmaterial, das ihre aufgeblähten Budgets und ihren Einfluss garantierte. Für alle Normalsterblichen besteht die Problematik der Geheimdienste darin, dass wir denjenigen vertrauen sollen, die sie kontrollieren. Doch das Vertrauen der Öffentlichkeit ist spätestens zu dem Zeitpunkt brüchig geworden, als eine Militärkoalition der Willigen unter Führung der USA eine Invasion im Irak unter dem Vorwand durchführte, Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Was einfach nicht stimmte.

Das heutzutage verbreitete Misstrauen in der Gesellschaft ist ein tiefer verwurzeltes und breiter angelegtes Problem als einfach nur Skepsis der Massen gegenüber der herrschenden Klasse. Bestimmte Gruppen von Bürgern stehen anderen Gruppen mit klaren Vorbehalten, wenn nicht Verdächtigungen gegenüber; jeder politische Indianerstamm bewegt sich nur noch innerhalb seiner eigenen Blase. Es besteht eine Tendenz, dass sich beispielsweise Leser dieses Buches, also Menschen, die sich entschieden gegen jede Art von Desinformation wenden, für eine ganz andere Kategorie Mensch halten als solche, die auf Täuschungen und Verschwörungstheorien hereinfallen. Was jeder von uns glaubt oder für richtig hält, ist immer nur ein Reflex auf etwas, was ein Dritter ihm erzählt hat. Deswegen sind Experten so wichtig. Aber es genügt nicht mehr, ihnen blind zu vertrauen. Eine Vorstellung von Wahrheit allein auf eine Form von Gruppenloyalität zu gründen hat sich als desaströs erwiesen. Heutzutage müssen Behauptungen für alle sichtbar klar dargelegt und begründet werden. Hier setzt unsere Bellingcat-Methode an: Klicken Sie auf entsprechende Links, und ziehen Sie selbst ihre Schlussfolgerungen.

Vor etlichen Jahren wurde das Internet als schöne neue Cyberwelt für jedermann und im besten, wohlwollendsten Sinn gepriesen. Inzwischen ist das Pendel der öffentlichen Meinung darüber genau ins Gegenteil geschwungen: Das digitale Zeitalter wird als Abbruchunternehmen betrachtet, das den traditionellen Journalismus, die Zivilgesellschaft und die Politik zerstört. Bei Bellingcat teilen wir diesen Cyber-Pessimismus nicht. Das Wunderwerk des Internets kann sich immer noch als Segen erweisen. Allerdings sind der Schutz der Gesellschaft und die unbedingte Suche nach Wahrheit nicht mehr das ausschließliche Privileg oder die Aufgabe bestimmter Organe oder Institutionen, sondern sie obliegen uns allen.

Es geht hier nicht um Zugang zu Topsecret-Informationen oder darum, die wichtigsten Informationen einem kleinen Kreis von Eingeweihten vorzubehalten. Bellingcat ist etwas vollkommen Neues, das es bisher nicht gab: ein Nachrichtendienst für jedermann.

ERSTES KAPITEL

Revolution auf dem Laptop – die Entdeckung der Online-Recherche für Ermittlungen

Im Anschluss an das tägliche Nachmittagsgebet rollten am 2. Februar 2011 ganze Pulks von Bussen auf den Tahrir-Platz in Kairo. Abertausende von Demonstranten hielten diesen Verkehrsknotenpunkt im Zentrum von Kairo seit Tagen besetzt. Sie verlangten den Rücktritt beziehungsweise die Ablösung von Staatspräsident Hosni Mubarak, der Ägypten seit dreißig Jahren diktatorisch regierte. Die Männer, die in diesen Bussen ankamen, stiegen mit Macheten, Baseball-Schlägern und Rasiermessern in der Hand aus. Sie hatten nicht die Absicht, sich den Protestierenden anzuschließen, sondern sie anzugreifen und zu verjagen.

Zunächst umzingelten sie den Platz und stießen Drohungen aus. Aus einer Nebenstraße kamen Männer auf Pferden angetrabt; es gab auch Kamelreiter. Diese versuchten, in die Menschenmenge vorzustoßen, und schwangen ihre Schwerter. Die wagemutigsten Demonstranten versuchten, die anderen mit kreisförmigen untergehakten Menschenketten zu schützen. Doch die Menschenmassen auf dem Platz wurden auch von oben angegriffen. Regimeanhänger warfen Steine und Ziegel auf die Menge oder schütteten kochendes Wasser auf Menschen, die flüchten wollten. Tränengas wurde ebenfalls eingesetzt; nur durchfeuchtete Schals oder nasse Tücher boten dagegen einigermaßen Schutz. Die anwesenden Soldaten sahen ungerührt zu, als auch Journalisten angegriffen wurden. Viele Demonstranten rissen das Straßenpflaster auf und warfen Steine, um sich gegen die Angriffe zu wehren. Ein Panzerführer hatte den Befehl erhalten, nichts zum Schutz der Unschuldigen zu unternehmen; darüber war er so verwirrt, dass er sich lieber selbst den Lauf seiner Pistole in den Mund steckte und sich eher selbst umgebracht hätte, als tatenlos zuzusehen. Viele andere Soldaten hatten einfach ihren Posten im Stich gelassen. Als die Nacht hereinbrach, gab es immer noch da und dort Scharmützel. Die meisten Reporter und Journalisten hatten den Schauplatz indessen verlassen, um möglichst rasch ihre Berichte abzusetzen.

Einer der Journalisten, Andy Carvin vom amerikanischen Hörfunksender National Public Radio, wich den ganzen Tag nicht von seinem Platz. So konnte er fortlaufend über die Kamelschlacht von Kairo Bericht erstatten. Dabei musste er kein einziges Mal in Deckung gehen, und er brauchte auch keinen essiggetränkten Lappen, um seine Atemwege gegen das Tränengas zu schützen. Er saß nämlich einfach vor seinem Bildschirm in Washington und erstellte die Chronik dieses bemerkenswerten Tages im Arabischen Frühling allein mithilfe von Social Media.

»Dank jedes neuen Tweets, der mich erreichte, konnte ich mir die Situation vor Ort immer genauer vorstellen«, schrieb er später. »Die Menschen auf dem Tahrir-Platz befanden sich zwar mitten im Geschehen, aber jeder hatte natürlich nur seine begrenzte Sicht im Blickfeld. Über das, was an anderen Stellen vor sich ging, konnten sie keine Aussage machen. Für mich war es hingegen so, als würde ich mit einem Hubschrauber über den Platz fliegen und von oben auf das Schlachtfeld hinunterblicken. Aus den verschiedenen Einzeleindrücken konnte ich mir im Kopf ein Gesamtbild zusammensetzen. Wäre ich selbst dort gewesen, wäre das in dieser Form gar nicht möglich gewesen.«

Carvin dokumentierte monatelang die Aufstände des Arabischen Frühlings in Tunesien, Ägypten, Bahrein, Libyen, Jemen und Syrien und versuchte, sie seinem Publikum zu vermitteln. Oft verbrachte er bis zu achtzehn Stunden am Tag vor dem Bildschirm, an sieben Tagen in der Woche. Manchmal erreichten ihn über tausend Tweets pro Tag. Das ging so weit, dass Twitter eines Tages seinen Account sperrte, weil man ihn für einen Spammer hielt.

Es gibt etliche Auslandskorrespondenten, die sich in solchen Situationen vor Ort durchaus Gefahren für Leib und Leben aussetzen und darauf auch in gewisser Weise stolz sind; aber sie geben das, durchaus selbstkritisch, nicht immer als echtes Reporterhandwerk aus. Für Medien, die sich heutzutage mit reduzierten Budgets herumschlagen müssen, ist ein »Outsourcing« der unmittelbaren Vor-Ort-Recherche in die sozialen Medien eine interessante Variante. Aber können sich Journalisten, die solche in Tausenden von Kilometern Entfernung abgesetzten Tweets ohne Kenntnis der jeweiligen Landessprache und ohne Kenntnis der politischen, alltäglichen, soziokulturellen Zusammenhänge zur Kenntnis nehmen, wirklich ein zutreffendes Bild der Lage vor Ort machen?

Im Zuge der Ereignisse des Arabischen Frühlings rückte erstmals die Frage der Verifikation als ernst zu nehmendes Problem der Nachrichtenverbreitung im digitalen Zeitalter in den Mittelpunkt des Interesses. Woher sollte man wissen, dass das, was man sah, ein authentisches Ereignis war? Woher wusste man eigentlich, was man da sah?

Diese Frage stellte ich mir schon während meines Verwaltungsjobs in Leicester, wo ich meine Pausen am Schreibtisch damit verbrachte, mir Live-Videos anzusehen, die von einem Hotelfenster am Tahrir-Platz aus aufgenommen waren. Ich konnte erkennen, wie die Polizei die Demonstranten zurückdrängte, dann wiederum wurden die Polizisten zurückgedrängt. Das Ganze wirkte ein bisschen wie ein absurdes Spiel, wie Ebbe und Flut. Mal dehnten sich die Protestierenden aus, dann wurden sie wieder zusammengedrängt; Tränengaswolken schwebten über der Szene, Pflastersteine flogen durch die Luft, Wasserwerfer spritzten alles triefnass.

Schon seit Längerem hatte ich mich mit dem Gedanken getragen, Journalist zu werden; vielleicht würde ich eines Tages auch über solche Ereignisse live vor Ort berichten. Aber im College hatte ich mich nicht wirklich angestrengt, hatte mein Studium schließlich abgebrochen und schlug mich mit unbefriedigenden Bürojobs durch. Aus meiner Froschperspektive beobachtete ich Politiker, berühmte Leute und Journalisten, als wären sie eine höhere Spezies. Ich fand für mich keinen Platz in dieser Welt und machte mir keine Hoffnungen, jemals etwas Bedeutungsvolles zu erreichen. Stattdessen suchte ich meine Zuflucht in Videospielen, von denen ich regelrecht besessen war. Und es gelang mir, Spielernetzwerke mit einer ganzen Reihe von Teilnehmern aus anderen Ländern zu organisieren. Aber durch 9/11, das Flugzeugattentat auf die Hochhäuser des World Trade Centers, änderte sich das. Ereignisse passierten so schnell, die Nachrichten darüber verbreiteten sich so schnell, aber die Zeitungen waren so langsam! Ich wollte mehr wissen und entdeckte eine Online-Nachrichtenplattform. Sie nannte sich »Something Awful«. Hier gab es kontroverse Meinungen und interessante Einsichten zu beinahe jedem Thema, das man sich vorstellen kann. Und so hatte ich eine neue Obsession gefunden: das Zeitgeschehen – aktuelle Ereignisse und Nachrichten. Ab 2011 war der wichtigste Teil des Tages für mich der frühe Morgen, weil ich schon lange vor dem normalen Arbeitsbeginn im Büro war. Da konnte ich mir in aller Ruhe, allein am Computer, die neuesten Updates über den Arabischen Frühling reinziehen.

Eine der besten Quellen zu diesem Thema war »Middle East Live«, ein Blog mit aktuellen Nachrichten auf der Website der englischen Zeitung The Guardian. Was mich dort zuerst am meisten fesselte, waren die Threads über den Bürgerkrieg in Libyen. Der war ausgebrochen, nachdem der langjährige Diktator Muammar al-Gaddafi Massenproteste in der Hafenstadt Bengasi im Osten des Landes gewaltsam hatte unterdrücken lassen. Die Reaktion war ein bewaffneter Aufstand. Männer ohne besondere militärische Ausbildung, die aber Waffen besaßen, vor allem AK-47, sprangen spontan auf die Ladeflächen von Pick-up-Trucks und ließen sich an die Front fahren. Gaddafi wiederum drohte: »Ich werde mich an die Spitze der Volksmassen setzen, um Libyen Schritt für Schritt von jeglichem Ungeziefer zu befreien, Haus für Haus, Zimmer für Zimmer, Straße für Straße, einen nach dem anderen. Im März 2011 autorisierte der UN-Sicherheitsrat militärische Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung in Form von Luftschlägen, welche die NATO gegen Stellungen der Regierung durchführte. Der Bürgerkrieg wendete sich zugunsten der Rebellen. Sie stießen auf die Hauptstadt Tripolis vor sowie auf Gaddafis Heimatort Sirte.

Ich las dazu jeden englischsprachigen Artikel, den ich finden konnte, scrollte durch die Nachrichtenforen von »Something Awful« und sah mir regelmäßig die Twitter-Kommentare von Carvin und anderen an. Allerdings war das Internet in ganz Libyen abgeschaltet, sodass es nicht leicht war, an Informationen zu kommen. Auf einigen prominenten Twitter-Accounts gab es immer starke Sprüche zu lesen, aber man merkte ihnen an, dass sie deutlich voreingenommen waren, entweder für die Revolution oder für Gaddafi. Um diese Äußerungen richtig einordnen zu können, las ich außerdem regelmäßig die Tweets von Journalisten vor Ort, die das Kampfgebiet besuchten. Man hatte den Eindruck, diese Reporter verfügten über weit mehr Material, als man in kurzen Artikeln veröffentlichen konnte. Es kam mir so vor, als würden sie ihre gesammelten Fakten aus ihren Notebooks dort hineingießen, denn es waren auch viele Dinge dabei, die man sonst nirgendwo zu lesen bekam.

Eines Tages fuhr eine Journalistengruppe zufällig an der Stadt Tawergha vorbei, nicht weit entfernt von einer der Rebellenhochburgen, Misrata. Schon aus einiger Entfernung konnte man erkennen, dass Gebäude brannten. Gleichzeitig lag das Augenmerk der Nachrichtenwelt aber auf der Gaddafi-Hochburg Sirte, wo heftige Kämpfe tobten. Erst später kam heraus, was sich in Tawergha abgespielt hatte. Diese Stadt war ebenfalls pro Gaddafi; doch als sie in die Hände der Rebellen geriet, rächten die sich, indem sie die Bevölkerung vertrieben, ungefähr zehntausend Menschen. Danach wurde Tawergha verwüstet und in Brand gesteckt und so in eine Geisterstadt verwandelt. Solchen Tweets über brennende Wohngebäude, die man aus einem vorbeifahrenden Auto wahrgenommen hatte, konnte man erste Anzeichen für »ethnische Säuberungen« entnehmen.

Jedes Mal, wenn ich auf eine interessante Einzelbeobachtung stieß, für die in den Artikeln kein Platz war, postete ich das bei Something Awful oder in den Kommentaren zu den Live-Blogs des Guardian. Ich entwickelte einen gewissen Ehrgeiz, indem ich nach solchen und anderen übersehenen Hinweisen Ausschau hielt, um sie posten zu können. Jeden Morgen durchkämmte ich in der Frühe im Büro das gesamte Material über Libyen, das über Nacht ins Netz gestellt worden war, und stellte einen Block mit Links zusammen. Im Laufe der Monate erweiterte ich meine Quellenbasis, indem ich auch Berichte von Menschenrechtsgruppen, Youtube-Filmmaterial, Facebook-Kommentare und Fotos auf Tumblr berücksichtigte. So richtete ich mir im Lauf der Zeit meine eigene kleine Nische in der Nachrichtenwelt ein, indem ich besonders auf sonst übersehene Details achtete und diese publizierte. Ich unternahm gar nicht erst den Versuch, eine ganze Geschichte von A bis Z zu erzählen, wie es der Ansatz der meisten Journalisten ist. Vielmehr suchte ich nach den Trüffeln, die andere verarbeiten konnten.

Dieser im Grunde simple Ansatz erwies sich als sehr viel bedeutender, als mir selbst zunächst klar war. In jener Zeit bildete sich ein ganz eigenes Medienbiotop heraus: Es entstand eine ganze Reihe von zweifelhaften Websites, die einseitige Videos und Bilder präsentierten, um eine bestimmte politische Sichtweise zu forcieren. Im Gegensatz dazu war ich in Bezug auf den Arabischen Frühling völlig neutral: Ich war nicht involviert und hatte keine Absicht, irgendeine politische Meinung zu vertreten. Ich war lediglich von den Möglichkeiten fasziniert und lauerte auf die kleinen Nachrichten-Leckerbissen. Davon waren eigentlich jede Menge im Umlauf, aber es waren auch jede Menge Fehlinformationen dabei. Ich wollte mich aber ganz auf nachprüfbare Information konzentrieren. Daher legte ich jede meiner Quellen offen, gab an, woher meine Informationen stammten, und wies auch stets auf die Unvollständigkeit meiner Erkenntnisse hin. Aus diesem Ansatz entwickelte sich eines der wesentlichen Grundprinzipien der Arbeit von Bellingcat: Die Antwort auf Informationschaos kann nur völlige Transparenz sein.

Auch am frühen Morgen des 12. August 2011 fuhr ich etwas ungeduldig den Computer in meinem Büro hoch, gespannt zu erfahren, was es im Umfeld des Arabischen Frühlings Neues gab. Hunderttausende hatten im Jemen protestiert und den Rücktritt von Präsident Ali Abdullah Salih verlangt, der sich gerade von einem Mordanschlag erholte. In Syrien hatten regierungstreue Sicherheitskräfte damit begonnen, in mehreren Städten auf prodemokratische Demonstranten zu schießen – Präsident Bashar al-Assad weigerte sich, die Macht abzugeben. Und in Libyen hatten sich die Kämpfe rund um Brega verstärkt. Dieser Ort mit nur wenigen Tausend Einwohnern an der Großen Syrte ist die südlichste Hafenstadt des Mittelmeers.

Diese triste Siedlung war wegen ihrer Ölraffinerie, einer Landepiste für Flugzeuge und des Hafens von strategischem Interesse für die kämpfenden Parteien. Nach sechsmonatigen Gefechten hatte Gaddafis Armee die Stadt besetzt, aber nun war sie von Rebellen vertrieben worden, was man als Wendepunkt dieses Bürgerkriegs auffasste. Im Osten der Stadt gab es immer noch heftige Gefechte. Man verzeichnete Artilleriebeschuss in beide Richtungen. Am Abend zuvor hatten die Rebellen bereits verkündet, die Oberhand in Brega gewonnen zu haben. An diesem Morgen des 12. August behauptete die libysche Regierung jedoch, sie kontrolliere ganz Brega.

Bei Youtube erschien eines der neuerdings gängigen Rebellenvideos. Dieses relativ neue Genre bestand im Wesentlichen aus Soldatenselfies, die sich vor der Kamera mit ihren Heldentaten brüsteten. In verwackelten Bildern sah man einen kahl rasierten bärtigen Kämpfer, der durch Straßen des angeblich wiedereroberten Brega stolzierte. Die Gebäude waren verrammelt, und die Straßen lagen verlassen da, bis auf eine Handvoll weiterer Rebellen in sandfarbener Camouflage-Uniform. Dies konnte man als Siegesbeweis deuten. Aber es bestand auch die Möglichkeit, dass diese Rebellen etwas vortäuschten.

Klassische Journalisten versuchen immer, einen Informationsvorsprung gegenüber anderen Journalisten zu haben, sozusagen Exklusiv-Nachrichten zu ergattern. Im Netz hingegen gilt der Grundsatz, alles, was von Interesse sein könnte, zu posten und im Nachhinein zu einem möglichst kohärenten Bild zusammenzusetzen. Von Anbeginn herrschte im Netz dieser Kooperationsgeist, der Bellingcat bis auf den heutigen Tag beflügelt. Aber diese etwas wildwüchsige Ansammlung von Onlinefakten führt auch zu heftigen Debatten, wenn anonyme Unterstützer der einen oder anderen Position gegen »Erkenntnisse« lostrommeln, die ihrer eigenen Sichtweise widersprechen. Als ich das Soldaten-Video aus Brega mit der Behauptung über den Sieg der Rebellen in den Kommentaren des Guardian-Live-Blogs postete, wurde ich von einem anderen Kommentator sogleich niedergemacht: »Was für ein Beweis soll denn das sein? Woher willst du denn WISSEN, dass es tatsächlich in Brega aufgenommen wurde? So was kann man ÜBERALL filmen.«

Damit hatte er in gewisser Weise recht. Wie konnte ich, der ich nie in Brega gewesen war, behaupten, dass es sich tatsächlich um diesen Ort handelte? Ich schaute mir das Video noch einmal genau an, um zu sehen, ob ich etwas entdeckte, was den Ort zuverlässig identifizierte. Irgendetwas wie etwa ein Ladenschild würde mir nicht weiterhelfen, da ich kein Arabisch konnte. Zudem war der Bildausschnitt im Wesentlichen von dem Gesicht des Soldaten ausgefüllt; es gab kaum »Hintergrund«. Das Einzige, was man vage im verwackelten Bild erkennen konnte, waren einstöckige weiß getünchte Betonbauten und ein paar Straßenlaternen.

Ich klickte auf Pause und drehte eine Runde durch das menschenleere Büro, um meine Gedanken zu sortieren. Dann nahm ich mir ein Blatt Papier aus dem Drucker, griff nach einem Stift und ließ das ganze Youtube-Video noch einmal durchlaufen. Der Soldat bewegte sich fortlaufend sprechend eine zweispurige Straße entlang und wandte sich mal hierhin, mal dorthin. Wieder drückte ich die Pausetaste und zeichnete eine Art Karte von den Straßen, die ich auf seinem Weg wahrnehmen konnte. Er war dort gestartet, wo die Straße eine enge Kurve macht, dann bog er an einer T-förmigen Kreuzung nach links ab, wo ein anderer Rebell an der Ecke saß. Er kam zu einer weiteren T-Kreuzung und bog abermals links ab. Dann klickte ich Google Maps an, gab »Brega« ein und schaltete Satellitenbilder über den angezeigten Stadtplan. In der Stadt gab es drei voneinander unterscheidbare Wohnviertel. In einem überwogen mehrstöckige Gebäude. Das konnte es nicht sein: In dem Video waren nur einstöckige Bauten zu sehen. Die beiden Wohnviertel im Westen und im Osten kamen eher infrage. Ich sah mir jedes genau an und verglich den Stadtplan mit meiner Kartenskizze. Auf meiner Skizze hatte ich ja nicht einmal einen Hinweis, wo Norden lag, also drehte ich das Blatt mehrere Male und verglich es mit dem Straßenlayout auf der Google-Karte.

Dann fiel mir etwas auf: Nur in dem östlichen Wohngebiet gab es überhaupt Straßen mit Kurven. Das war ein Punkt, an dem ich ansetzen konnte. Ich starrte auf das Straßenlabyrinth auf dem Bildschirm und drehte gleichzeitig weiter meine Skizze. Und auf einmal ergab sich tatsächlich ein Muster, wo meine Skizze zu der Google-Straßenkarte passte. Zum Gegencheck ließ ich das Video wieder von vorn laufen und verknüpfte nun jedes sichtbare Detail mit der Google-Karte. Falls ich recht hatte, sollten die sichtbaren Details nun dazu passen. Entsprach dieser freie Straßenraum hinter dem sein Handy haltenden Soldaten dem, was man auf dem Satellitenbild sehen konnte? Allerdings. Auch die weiteren Bilder stimmten mit den Lokalitäten überein. Bingo! Da hatte ich doch tatsächlich einen kleinen Knüller gelandet! Damit war der Beweis erbracht, dass die Rebellen einen Teil von Brega erobert hatten, jedenfalls dieses »Neu-Brega« genannte Wohnviertel. So erklärte sich auch, warum die Gaddafi-Anhänger ebenfalls behaupten konnten, sie hätten in Brega die Oberhand: Sie hielten möglicherweise noch den westlichen Stadtteil.

So hatte ich von meinem Büro im Mittelengland aus einen Tausende Kilometer entfernten Frontverlauf in einem Kampfgebiet in einem mir unbekannten Land geklärt. Alles, was ich dazu brauchte, waren ein Youtube-Clip und Google Maps sowie meine händische Kartenskizze auf Papier. So schnell ich konnte, tippte ich meine Erkenntnisse in den Live-Blog des Guardian und tweetete ein Bild von meiner Skizze in Übereinstimmung mit der Karte. In den folgenden Jahren sollte Twitter mein Haupttool werden, um solche Erkenntnisse und Nachrichten zu publizieren. Mittlerweile habe ich eine Viertelmillion Tweets abgeschickt. Dieser war erst mein siebter Tweet. Ich stand also noch ganz am Anfang. Aber ich hatte bereits damals einen Faktenbeweis gefunden, den sonst niemand hatte, nicht einmal die Journalisten vor Ort. Nun beobachtete ich, wie meine Entdeckung sich durch die Nachrichtenforen verbreitete. Selbst gestandene Nachrichtenprofis wurden darauf aufmerksam.

Das Ganze war in aller Eile geschehen, aber daraus konnte man eine Lehre ziehen: Mit etwas Einfallsreichtum konnte man Video-Bilder von einer Top-down-Perspektive konstruieren, ein dreidimensionales Bild in eine flache Ebene ziehen und verwackelte Aufnahmen mit einer präzisen Karte verknüpfen. Dann musste man das Ganze nur in Ruhe abgleichen. Durch Zufall und ganz von selbst hatte ich die Technik der Ortung erfunden; im Zusammenhang mit dem Internet mittlerweile »Geolocation« genannt. Mittlerweile gehört diese Technik zum kleinen Einmaleins des Digitalermittlers.

Bei jeder Gelegenheit suchte ich nun die Herausforderung. Der nächste Werktag im Büro war Montag, der 15. August. Libysche Rebellen behaupteten, die kleine Stadt Tiji eingenommen zu haben. Als Beweis posteten sie online ein Video. In dem circa fünf Minuten langen Clip sah man hauptsächlich einen Schusswechsel in einer nichtssagenden Wüstensiedlung. Gegen Ende tauchte in dem Clip ein Panzer auf, der auf einer Straße an einer Moschee vorbeifuhr. Tiji war so klein, da konnte es nicht viele Moscheen geben. Auch die Straße selbst lieferte ein paar Anhaltspunkte, um das Ganze näher einzugrenzen. Sie verfügte über einen durchgezogenen Mittelstreifen. Ich hielt den Clip kurz an, um besser abschätzen zu können, wie breit die Straße war, die sich in größter Nähe zur Kamera befand, und kam zu dem Schluss: etwa zwei Panzerbreiten. Gegenüber der Moschee standen ein paar einstöckige Häuser.

Auch Tiji ließ sich bei Google Maps finden und ein Satellitenbild darüberlegen. Nach kurzer Suche fand ich eine Liste der Moscheen in Tiji und konnte anhand dessen die Straßen ausfindig machen, wo die Moscheen lagen. Im Handumdrehen hatte ich eine passende Straße gefunden, in der sich eine Moschee mit einem Minarett an der Südseite des Gebäudes befand. Auf dem Video befand sich das Minarett nahe an der Straße und die Kuppel rechts vom Minarett. Das passte genau zu der Satellitenaufnahme. Sowohl auf dem Video als auch auf dem Satellitenbild waren einige Bäume zu sehen, an denen der Panzer vorbeifuhr, außerdem eine Mauer neben der Moschee und die nordwärts gerichtete Biegung der Straße. Je mehr Details ich verglich, desto mehr Übereinstimmungen fand ich. Alles passte perfekt zusammen. Am nächsten Tag gelang es mir, den Aufstellungsort einer brennenden Plakatwand mit Gaddafi-Porträts ebenfalls mithilfe von Google Maps zu lokalisieren. Sie befand sich in der im Südwesten Libyens gelegenen Oase Sabha. Gleich darauf veröffentlichte ich meine Entdeckung im Live-Blog des Guardian.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ein passiver Nachrichtenkonsument gewesen und hatte in den Entdeckungen von anderen herumgestöbert. Jetzt hatte ich meine eigenen Erkenntnisse gewonnen. Die Flut von Nachrichten und Neuigkeiten, die aus dem Internet hereinströmte, schien unermesslich zu sein. Aber wenn man sie geschickt sortierte und strukturierte, konnte man wirklich etwas Relevantes finden.

Am 20. Oktober 2011 strömten viele der Rebellen zu einer bestimmten Stelle an einem Abwasserkanal am Stadtrand von Sirte. Aus einem mit Abfall gefüllten Loch zogen sie den Körper eines neunundsechzigjährigen Mannes mit dem bekanntesten Gesicht des Landes. Gaddafi wirkte benommen, er war blutverschmiert und nicht mehr Herr des Landes. Er blickte sich verwirrt um und fragte die umstehenden Rebellen: »Was habe ich euch getan?« Die Menge schleifte Gaddafi durch den Sand; viele der Umstehenden hielten ihre Smartphones in die Höhe. Sie zerrissen sein Hemd und schlugen auf ihn ein. Es dauerte nicht lange, bis Gaddafi tot war – und das Bildmaterial online.

Von nun an wird die Geschichte nicht mehr nur von den Siegern geschrieben. Auch die Besiegten, die zufälligen Passanten, die Nachbarn – sie alle haben ebenfalls Handys.

Die Presse stirbt, aber die Nachrichten leben

Immer wenn ich neue Erkenntnisse unter den Kommentaren auf der Website des Guardian postete, erschienen sie auch kurz oben, verschwanden dann aber wieder in der Masse der nachfolgenden Beiträge. Daher kam ich auf den Gedanken, eine Art Archiv meiner Entdeckungen und Erkenntnisse anzulegen, und begann, unter meinem Online-Namen Brown Moses (ein Name aus einem Frank-Zappa-Song) einen Blog zu verfassen.

Außerdem nahm ich mir vor, dass mein Brown-Moses-Blog noch weitere Themen außer den Kämpfen in Libyen behandeln sollte. Die Zahl infrage kommender Themen stieg in der Tat ständig. Nach Gaddafis Tod richteten die News-Junkies, die vor allem die Ereignisse rund um den Arabischen Frühling verfolgten, ihre Aufmerksamkeit wieder mehr auf andere Länder dieser Region, besonders auf Syrien, wo sich die Lage gerade rapide verschlechterte. Vom Assad-Regime wurden laufend Oppositionelle und Protestierende verhaftet und umgebracht; daraufhin griff die Opposition zu den Waffen, und der multiple Konflikt geriet außer Kontrolle. Die sozialen Medien waren voll von Behauptungen und Gegenbehauptungen; man musste also genau nachhaken. Aber zunächst beschäftigte mich eine Geschichte über Nachrichtengeschichten als solche.

Die britische Zeitungspresse wurde 2011 von einem Telefon-Hacking-Skandal heimgesucht. Durch diesen Skandal kam eine ganze Reihe von illegalen und unethischen Verhaltensweisen ans Tageslicht, die in der britischen Presse offenbar durchaus an der Tagesordnung waren. Mit dem Aufkommen der Mobiltelefone in den Neunzigerjahren waren insbesondere Reporter der Boulevardpresse dahintergekommen, wie man sich, auch dank der Nachlässigkeit der Benutzer, in Mobiltelefon-Mailboxen einhacken und Ansagen und elektronische Nachrichten abhören und mitlesen konnte. Betroffen waren in erster Linie Prominente aller Art. Es gab genug Journalisten, die sich, ohne mit der Wimper zu zucken, neben anderen Machenschaften wie der Bestechung von Polizisten für Informationen skrupellos auch dieser Tricks bedienten. Sie veröffentlichten dann Artikel und Informationen, als stammten sie aus legalen Quellen. Mich interessierte, ob ich online Nachweise für solchen Missbrauch finden konnte. Darin lag eine gewisse Ironie: Ich hatte mir vorgenommen, mit einer neuen Form des Investigativjournalismus, der sich ausschließlich auf offene Quellen stützt, die Methoden des herkömmlichen klandestinen Journalismus zu enthüllen, der Informationen aus verdeckten Quellen schöpft.

Im Mittelpunkt dieses Skandals stand ein preisgekrönter Teil des Medienimperiums von Rupert Murdoch, The News of the World. Diese überaus erfolgreiche britische Sonntagszeitung verkaufte mit jeder Ausgabe 3,5 Millionen Exemplare, das Dreifache der Auflage der täglich erscheinenden New York Times. »Ich kann Ihnen gleich sagen, dass ich sofort gegen die Zeitung geklagt habe, als ich mich beleidigt fühlte und als meine Privatsphäre in derart ungeheuerlicher Weise verletzt wurde«, sagte der prominente Schauspieler Hugh Grant im Jahr 2011; er wurde in der Öffentlichkeit zu einer der wesentlichen Wortführer gegen diesen Missbrauch durch die Boulevardpresse. »Dabei habe ich die übelsten Praktiken einiger Zeitungen noch nicht einmal kritisiert. Damit hätte ich mit ziemlicher Sicherheit die übelsten Verleumdungen seitens dieser Presse auf mich gezogen.«

Auch Politiker leben in ständiger Furcht vor der Murdoch-Presse, zu der ferner die auflagenstarke Sun, ebenfalls ein Boulevardblatt, sowie die bürgerliche Traditionszeitung The Times gehören. Politiker und Parlamentsabgeordnete, die in Murdochs Reich in Ungnade gefallen waren, mussten damit rechnen, dass ihr ganzes Dasein, auch ihre Privatsphäre, permanent überwacht wurde und dass alles versucht wurde, um sie in der Öffentlichkeit zu blamieren und zu demütigen bis hin zur Zerstörung ihrer politischen (und manchmal auch beruflichen) Existenz.

Erst der aufsehenerregende Fall der dreizehnjährigen Milly Dowler, die 2002 von einem Serienmörder umgebracht worden war, brachte dieses System zum Erliegen. Nachdem Milly verschwunden und ihr Schicksal ungewiss war, wurde ihre Mailbox von einigen Journalisten abgehört, die sich illegal Zugang dazu verschafft hatten. Dann bemerkten die Eltern dieses Schulkindes, dass die Aufzeichnungen auf der Voicemail gelöscht worden waren, und hofften deshalb, ihre Tochter sei noch am Leben. Als das im Jahr 2011 ans Licht kam, verstand auch die Öffentlichkeit endlich, dass hier Grenzen des Anstands und der Legalität überschritten worden waren und dass jeder Opfer solcher Praktiken werden konnte, nicht nur Politiker und Prominente.

Nachdem der Skandal öffentlich geworden war, stellte sich heraus, dass es noch eine Unzahl weiterer Fälle mit einer Fülle weiterer Details gegeben hatte, über die in der gedruckten Presse nie berichtet worden war. Dieses Material erschien aber jetzt online. Dazu gehörten eine große Menge E-Mails, die nun geleakt wurden und von denen ich hoffte, sie würden Beweise für unerlaubte Kontakte zwischen Angehörigen der Polizei und der Murdoch-Presse enthalten, vielleicht sogar Hinweise auf Korruption. Dieses Leak bestand aus vierzehntausend E-Mails des ehemaligen Polizeiobersten Ray Adams, der seinen Dienst bei der Polizei aufgegeben und eine Stelle im Murdoch-Konzern übernommen hatte. Die Wirtschaftszeitung Australian Financial Review hatte das Material als unstrukturierte Textrohdateien zugespielt bekommen und trat mit der Bitte um Unterstützung bei der Durchsicht an die Internetgemeinde. Nur eine Handvoll all der Leute, die den ganzen Skandal auf Something Awful geradezu obsessiv mitverfolgt hatten, machte sich diese Mühe. Die wichtigsten und erstaunlichsten Ergebnisse postete ich in meinem Blog – unter Links zu bulgarischen Hackern und einem News-Corporation-Ableger, also einem der zahlreichen Tochterunternehmen von Murdoch, bis hin zu Hinweisen auf Schwarzgeld- bzw. Schmiergeldkassen.

In diesem Umfeld bildeten sich erste Ansätze von Online-Investigativgruppen. Das alles war noch sehr überschaubar, und mir fehlte noch eine Vision für das, was wir uns für die kommenden Jahre vornehmen könnten. Fürs Erste war ich ganz zufrieden damit, dass mein Blog im ersten vollen Monat zehntausend Seitenaufrufe erreichte; das war im April 2012. Meinen Blog promotete ich via Twitter, wo ich lediglich ein paar hundert Follower hatte. Was unsere Community auszeichnete, sozusagen unser Produkt, waren überprüfte, verlässliche Informationen – wer die konkreten Fakten jeweils ausgegraben und verifiziert hatte, war nicht so wichtig, abgesehen davon, dass es eine Empfehlung war, demjenigen auch auf Twitter zu folgen. Dieses Grundprinzip gilt auch für Bellingcat. Bei Open-Source-Ermittlungen kommt es weniger auf Zeugnisse und Diplome an. Es sind die Ergebnisse, die die Reputation ausmachen.

Das lässt sich anhand meiner ersten engen Mitarbeiterin sehr schön veranschaulichen, die sich als begabter Online-Spürhund entpuppte, ohne die geringste journalistische Vorbildung zu haben. Es handelte sich um eine pensionierte Geschichtslehrerin, die ein kleines Gästehaus in Südwestengland betrieb. Den Skandal um die abgehörten Voicemails hatte sie genau verfolgt, und sie war zutiefst empört über das, was da herauskam. Uns beiden fiel auf, was wir jeweils in dem Something Awful-Forum dazu geschrieben hatten. Daraufhin fragte ich sie eines Tages, ob sie sich vorstellen könnte, auch mal einen Post auf Brown Moses einzustellen. Sie wollte lieber anonym bleiben, und so wurde sie »The Regular Contributor« (in etwa: Die ständige Korrespondentin).

Die ständige Korrespondentin durchforstete nun Aberhunderte Stunden von Zeugenaussagen und Material aus der Untersuchung zu dem Voicemail-Hack.

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