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Dieser wunderbar blaue Himmel

Xavier de Moulins

Dieser wunderbar
blaue Himmel

Roman

Aus dem Französischen von
Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

»Dieser Duft unserer vergangenen Jahre,

alles, was an deine Tür klopfen könnte,

diese Unendlichkeit der Schicksale,

von denen man eines lebt,

und was bleibt davon zurück?«

Noir Désir: Der Wind wird uns tragen

1

Die Seniorenresidenz, die mitten auf einem Feld vor den Toren der Stadt steht, war einst ein Bauernhof. Auf einem gepflegten Rasen wachsen Apfelbäume. Ein Gärtner sammelt die Äpfel auf. Aus Gründen der Hygiene und der Sicherheit dürfen die Bewohner die Äpfel nicht anfassen. Die meisten können sich ohnehin nicht mehr bücken, um sie aufzuheben. Und diejenigen, die schon so stark vom Alter gebeugt sind, dass sie sie vielleicht aufheben könnten, haben keine Lust dazu. Es wäre auch nicht gut für sie.

Einmal aß ein Bewohner zu viele dieser verbotenen Früchte und bekam Durchfall. Alle machten sich über ihn lustig, als er sich im Aufzug in die Hose machte und das flüssige braune Zeug auf seine Pantoffeln tropfte. Er heulte Rotz und Wasser, weil er sich furchtbar schämte und sich so allein fühlte. Als er wegging, hielt er sich mit der einen zittrigen Hand am Geländer fest, die andere hatte er vor den Mund gepresst, als wollte er verhindern, dass auch noch die Zahnprothese herausfiel.

Das gesamte Grundstück ist von einer Mauer umschlossen.

In dem L-förmigen Gebäude gibt es drei Etagen, auf denen die Zimmer liegen.

Auf den ersten beiden Etagen wohnen Senioren, die noch laufen, sich mit dem Rollstuhl fortbewegen und eine Gabel festhalten können (auch wenn beim Essen die Hälfte auf den Boden fällt), die nicht ins Bett machen (auch wenn es hin und wieder einmal vorkommt) und sich noch unterhalten können (auch wenn sie die Fragen vergessen oder alle fünf Minuten darum bitten, dass man die Antworten wiederholt).

Auf der obersten Etage wohnen die anderen, die nichts mehr können. Diejenigen, die nicht mehr wissen, wer sie sind, sich ständig bekleckern, Hilfe beim Waschen und beim Toilettengang brauchen und bei denen man aufpassen muss, dass sie nicht ihren eigenen Kot essen. Dort sind die Bewohner untergebracht, die schreien, weinen, vor sich hin murmeln, stöhnen, brüllen und beißen, weil sie von Visionen heimgesucht werden. Bei einigen ist die Demenz so stark fortgeschritten, dass sie nahezu alle menschlichen Fähigkeiten eingebüßt haben.

Die dritte Etage ist geschlossen, und niemand darf sie ohne Erlaubnis betreten. Zutritt erhält man nur mit einer Magnetkarte. Außerdem braucht man viel Fachwissen und Beruhigungsmittel, um all diese Festplatten, die im Laufe der Jahrzehnte starke Schäden davongetragen haben, vollständig zu löschen. Die Ausgestoßenen der dritten Etage bekommen fast keine Besuche mehr. Sie leben im Vorzimmer des Paradieses, genauer gesagt in der Hölle, abgeschnitten vom Rest der Welt, die leeren Blicke in die Ferne gerichtet und wie Säuglinge auf die Hilfe anderer angewiesen. Ihre Schlafanzüge sehen immer irgendwie schmutzig aus, selbst wenn sie frisch aus der Waschmaschine kommen. Die Bewohner der dritten Etage sind entsetzlich einsam.

Zwei Aufzüge fahren von der Eingangshalle zu den einzelnen Etagen. Der Speisesaal liegt hinter dem Gemeinschaftsraum, in dem die Senioren singen, spielen und andere Beschäftigungsangebote wahrnehmen. Die Leseecke befindet sich neben dem stets düsteren Fernsehzimmer, in dem ein überdimensional großer Fernseher mit leistungsstarken Lautsprechern dafür sorgt, dass alle Julien Lepers oder die Filme und Dokumentationen gut sehen und verstehen können.

Wer das Programm auswählt, weiß ich nicht.

Ich weiß hingegen, dass das Fernsehzimmer ein Beispiel für die gelungene Synthese von Gerontologie und Technologie ist. In diesem Raum voller technischer Spielereien bringt man den Senioren die Handhabung modernster Kommunikationsgeräte bei und vermittelt ihnen den Eindruck, dass man hier Schritt hält mit der neuesten Technik: Handys mit großen Tasten, Touchscreen, Surfen im Internet, Verschicken von E-Mails und natürlich Videospiele. Auf diese Weise können sie sogar ihre alten Knochen mit den neuen Knie- und Hüftgelenken bewegen und die Schmerzen ihrer Arthrose lindern.

Diese Bemühungen gehen meiner Großmutter ziemlich auf die Nerven. Sie hasst es, einmal pro Woche in das Wii-Zimmer gehen zu müssen. Obwohl es in letzter Zeit besser geworden ist, weil sie beim virtuellen Bowling dank meiner Ratschläge und vor allem dank der Ratschläge ihrer Zimmernachbarin wahnsinnige Fortschritte gemacht hat. Die Zimmernachbarin wird von den anderen nur die »Giftnudel« genannt, weil sie zu allem ihren Senf dazugeben muss. Sie ist das Klatschweib der Seniorenresidenz und zieht ständig über die Leute her. Wenn sie ihr Zimmer verlässt, hat sie immer ein kleines Spiralheft bei sich und macht sich in zierlicher, geneigter Schrift unleserliche Notizen. Vor dem virtuellen Bowling zieht sie extra ihre Golfhose an, um sich dann furchtbar aufzuspielen, wenn sie vor der Konsole steht.

»Alle Pins mit einem Wurf, stell dir mal vor! Das war großartig.«

Meine Großmutter ist stolz auf ihren Strike. Auf dem Bildschirm regnete es Konfetti.

Ich hörte ihr lächelnd zu, als sie mir erzählte, dass sie sich bei dem vom Altenheim organisierten Turnier für das Halbfinale qualifiziert hatte. Doch seit ihrem Ausscheiden unmittelbar danach wegen ihrer großen Rivalin, Ginette Turin, findet sie es nur noch bekloppt, mit einem Controller auf Pins zu zielen, die gar nicht existieren. Zudem droht dieser Controller einem ständig aus der Hand zu rutschen, während er die Bewegungen der Spieler überträgt.

Mit achtundachtzig Jahren lebt Mouna mindestens ihr siebtes Leben, aber sie weiß jetzt, dass sie niemals Siegerin bei den Videospielen in der Résidence des Lilas werden wird, die ihren schönen Namen den Fliedersträuchern verdankt, die auf dem Grundstück wachsen.

Bei meinem letzten Besuch sah ich, dass ein drittes Gebäude errichtet wird. Die Warteliste ist so lang, dass man oft drei Jahre warten muss, und durch den Neubau hoffen die Betreiber, den Mangel an Plätzen zu reduzieren. Ja, man muss tatsächlich drei Jahre warten, bis ein Platz frei wird und man ein Zimmer in diesem Altenheim beziehen kann. Die Bewohner verlassen diese Einrichtung nur mit den Füßen voran. Es ist ihre letzte Etappe vor dem Tod.

Das Personal sorgt dafür, dass die Verstorbenen nicht während des Tagesbetriebes abgeholt werden, um die Jüngeren nicht zu schockieren.

Sich in einer solchen Einrichtung anzumelden erfordert daher ein gewisses Gespür für den richtigen Zeitpunkt.

Ebenso wie man sein Kind in der Krippe anmeldet, noch ehe es gezeugt wurde, schlägt die Résidence des Lilas den Familien eine Voranmeldung vor, ehe die Angehörigen die Treppe hinunterfallen und sich den Oberschenkelhals brechen. Oft ist es ein solcher Bruch, der ankündigt, dass eine Mauer demnächst den Blick auf den Horizont begrenzen wird.

Am ersten Tag habe ich den Heimleiter gefragt, welchem Zweck die Flaschenscherben auf der Mauer dienen und wo der Stacheldraht versteckt ist.

Ohne die Fassung zu verlieren, erklärte er mir, dass die Glasscherben, die auf den Steinen kleben, den Stacheldraht ersetzen und dass sich diese Konstruktion seiner Meinung nach besser in die Landschaft einfüge als ein Zaun.

»Außerdem rosten Zäune.«

Die nächste Bemerkung konnte ich mir nicht verkneifen:

»Nun fehlen nur noch die Wachtürme. Die haben sich doch immer bewährt.«

»Jetzt übertreiben Sie mal nicht. Wir müssen schließlich die Sicherheit unserer Bewohner gewährleisten.«

Darum also die Festung und die Glasscherben: um die Alten daran zu hindern, abzuhauen. Die Senioren, die innerhalb dieser Mauern leben, sind Tauben mit gestutzten Flügeln. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und wagen es nicht zu fliehen. Sie haben Glück, wenn sie überhaupt noch durch das frische Gras laufen können.

2

Die Menge in der Kirche erinnert an ein Gedränge der französischen Rugby-Nationalmannschaft. Die Anwesenden unterhalten sich lautstark. Es geht hier zu wie auf der Präsidententribüne einer Pferderennbahn beim Grand Prix. Die VIPs tragen teure Anzüge und unerschwingliche Kleider.

Eine Madame Balmain und ein Monsieur Saint Laurent, ein kleiner Paul Smith und eine Miss Armani, eine Familie Ralph Lauren. Eine große Frau in Zadig & Voltaire erinnert mich an eine grüne Heuschrecke. Sie ist allein gekommen und beobachtet heimlich ein Jackett von De Fursac mit Schalrevers. Dieses hält ein eierschalfarbenes Kleid von Chloé an der Hand, das auf hohen Miu-Miu-Schuhen steht und an dessen gebräuntem Arm ein Prada-Täschchen baumelt.

In dieser Kirche geht es zu wie bei einer Modenschau.

Die Sonne dringt durch die Scheiben, und die Lanze eines Soldaten durchbohrt den Leib Jesu auf einem Gemälde des Kreuzweges, und zwar genau an der zwölften Station.

Mein Blick fällt auf den gekreuzigten Christus. Ich will ihm ins Gesicht sehen, doch die blonden Haare, die auf den gebräunten Schultern der jungen Frau mit dem Prada-Täschchen schimmern, lenken mich ab. Sie beeinträchtigen meine Konzentration, und ich gehöre zu den Leuten, die sich schnell ablenken lassen.

Der Höhepunkt des Spektakels spielt sich ein paar Köpfe beziehungsweise Hüte weiter ab, sieben Meter vom Betrachter entfernt: mitten im Chor.

Hinter dem Altar steht der Pfarrer, der an einen Rockstar erinnert – gebräunter Teint, selbstbewusst, um die fünfzig, im Dienst ergraut und mit diesem leicht anzüglichen Blick älterer Männer.

Er predigt, doziert und schwingt große Reden. In seinem linken Mundwinkel hat sich Speichel angesammelt, und seine Lippen umspielt ein Lächeln. Kurz vor der Zielgeraden schaut er glücklich wie ein Papst durch seine viereckige Brille mit den entspiegelten Gläsern auf das Paar, das er gleich trauen wird.

Der Pfarrer geht um den Altar herum und steigt sicheren Schrittes die drei Stufen hinunter, um für das Finale in Position zu gehen. Wie durch ein Wunder wird er bei seiner Show von der grellen Sonne verfolgt. Die Strahlen durchdringen die Kirchenfenster und erhellen die Szenerie genau in dem Augenblick, als er das Brautpaar traut.

Alice hat auf einen Schleier verzichtet.

Sie trägt ein eng anliegendes Etuikleid. Ein Schnitt, für den sich Frauen mit runden Kurven und schmaler Taille gern entscheiden. Das elegante lange Kleid ist mit feiner Spitze besetzt.

Es hat einen tiefen V-Ausschnitt auf dem Rücken, um den Anwesenden einen Blick auf ihre wohlgeformten Schulterblätter zu gewähren. Der gerade geschnittene Rock, der wie angegossen sitzt, verdeckt ihre schmalen Füße in den Pumps der naiven kleinen Prinzessin, die an diesem großen Tag im siebten Himmel schwebt.

Alice heiratet zum zweiten Mal. Beim ersten Mal vor elf Jahren hat sie mich geheiratet, allerdings nur standesamtlich. Über die Kirche haben wir damals auch gesprochen, doch ich konnte sie überzeugen, darauf zu verzichten und Gott nicht in die Sache hineinzuziehen.

Sie war damit einverstanden gewesen, nicht am Arm ihres Vaters und gefolgt von einem Schwarm Brautjungfern mit unerschütterlichen Mienen in die Kirche zu schreiten. In einem weißen Kostüm unterschrieb sie stattdessen nur im Standesamt die Heiratsurkunde, und das war alles. Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich ihr den Kleinmädchentraum zerstört habe, eines Tages in einem hinreißenden weißen Brautkleid zu heiraten und mit klopfendem Herzen zu ihrem Prinzen an den Altar zu treten.

Angesichts der vielen Menschen, die gekommen sind, um die großartige Trauung dieses Paares zu feiern, denke ich daran, wie viel Mühe Alice sich bei den Vorbereitungen gegeben haben muss. Ich denke auch an ihre ungeheure Freude, sich mit über dreißig endlich die romantischen Kindheitsträume zu erfüllen und in die bessere Gesellschaft einzuheiraten.

Irgendwann zwischen dem Antrag des Neuen und dem großen JA, das sie soeben klar und deutlich ausgesprochen hat, sodass ihre makellosen weißen Zähne zu sehen waren, wird sie gezwungenermaßen auch kurz an mich oder zumindest an uns gedacht haben.

Für sie ist es also an diesem Samstag, dem elften September, das zweite Mal, und vermutlich kommt ihr das alles recht bekannt vor. Sicher, dieses Mal findet die Trauung in einem weniger bescheidenen Rahmen statt. Es geht feierlicher und auch stilvoller zu, doch letztendlich gibt sich das Paar dasselbe schwachsinnige Versprechen ewiger Liebe in guten wie in schlechten Zeiten.

Wenn man sich die Zeit nimmt, zwei Sekunden innezuhalten, und bedenkt, dass sie mit mir die schlechten Zeiten schon erlebt hat, kann sich meine Exfrau in ihrem neuen Leben als wiederverheiratete Frau wohl auf Zeiten reinster Glückseligkeit freuen und die Arme einer verheißungsvollen Zukunft entgegenstrecken.

Stolz wirft sie sich am Arm ihres François in die Brust. Man sieht ihm an, dass er ein Sieger des in Limoges ausgetragenen Triathlons ist: Arme wie meine Oberschenkel, Oberschenkel wie mein Oberkörper. Ein Investmentbanker in der Londoner City, vierzig Jahre alt, ein wenig lichtes Haar, aber nicht allzu sehr, ein breites Gesicht, perfekt renovierte Zähne und das Gehalt eines Vorstandsvorsitzenden eines großen französischen Unternehmens.

Alice hat mir einmal erzählt, dass er in diesen mageren Jahren fast eine Million Dollar pro Jahr plus Bonuszahlungen verdient habe. Daher also die gesamte Kleidung für den großen Tag von Dior, Anzug, Hemd, Krawatte, Socken und Schuhe – idiotisches Outfit fantasieloser Leute.

Er sieht tatsächlich ein bisschen dümmlich aus, dieser Spekulant und Bodybuilder, in seinem Anzug eines Neureichen, als er ihr mit ergriffener Miene diesen über und über mit Diamanten verzierten Ehering aus Weißgold an den Finger steckt.

Kaum war das JA ertönt, brach tosender Beifall aus, sogar einige fröhliche Pfiffe waren zu hören. Durch das laute Echo entstand der Eindruck, es hätten sich zehnmal so viele Menschen hier versammelt, doch es ließ die Mauern nicht erbeben, denn die Kirche ist stabil gebaut.

Lachen und erneuter Gesang, und wieder klingt die Orgel, als gehöre sie nicht hierher. Sie legt sich ins Zeug, um das Spektakel zu begleiten, und schließlich gelingt es ihr, bei dieser Veranstaltung den Ton anzugeben.

Als ich die Hand von Laurence auf meiner Schulter spüre, atme ich tief ein, um zu überspielen, dass ich einen Schreck bekommen habe.

3

»Kommst du, mein Schatz? Es ist alles fertig.«

Laurence hat nichts bemerkt, dank der Tastenkombination »Apfel-N« auf meinem MacBook. Eine Funktion, die Typen wie mir den Arsch rettet. In weniger als einer Sekunde wird ein neues Fenster geöffnet, das die verbotene Datei verdeckt. Problemlos und ohne Risiko wird irgendeine uninteressante Seite von Google gezeigt. Die Vorteile liegen auf der Hand: die Gewissheit, nicht erwischt zu werden, mein Geheimnis zu wahren und mein schändliches Verhalten, meinen Voyeurismus und meine schlecht verheilte Wunde zu verbergen. So bietet sich mir die Möglichkeit, meine Trauer am Leben zu halten und mich weiterhin heimlich nach Alices Leben zu erkundigen.

Alice, die ich von heute auf morgen wegen eines dummen Flirts und eines sexuellen Abenteuers mit einer naiven Schönheit verlassen habe – diesem Typ Frau, auf den Männer eben fliegen. Alice: unsere Trennung, ihre Wut, meine Affäre, meine Reue, meine Gewissensbisse, die Mutter meiner Kinder, die Frau meiner Träume, meine große Liebe.

Die wenigen Male, die sie sich seit unserer Scheidung dazu herabgelassen hat, mit mir zu sprechen, habe ich tief in meinem Inneren gespürt, dass sie nicht anders kann, als mir fast alles vorzuwerfen und zugleich auch das Gegenteil von allem. Ich spüre, dass sie nicht mehr bereit sein wird, mit mir über Persönliches zu sprechen und sich in aller Ruhe in trauter Zweisamkeit an die schönen Dinge zu erinnern.

Meine weinerliche Sentimentalität führt zu nichts, wenn ich Alice mit ihrer versteinerten Miene und der kugelsicheren Weste gegenüberstehe. Ich habe ihre Gefühle mit Füßen getreten und ihr keine andere Wahl gelassen, als sich in ein kaltherziges Monster zu verwandeln. Mit der Zeit vergeht alles, bis auf den Groll meiner Exfrau.

Welche Vorteile ich mir von meiner Trickserei letztendlich verspreche, weiß ich nicht. Jedenfalls wollte selbst Alices soziales Netzwerk mich nicht zum Freund haben.

Hingegen wollte sie die Freundschaft ihrer Tochter, unserer großen Tochter.

Die zehnjährige Alma war entsetzt, dass ihre Mutter verlangte, ihre Freundin bei Facebook zu werden.

»Entweder, du akzeptierst mich auf Facebook als Freundin, oder ich konfisziere deinen Computer.«

Gibt es diese einseitigen Freundschaften in allen Familien?

»Alma, ich will einfach nicht, dass du dich im Internet mit jedem anfreundest. Ich habe dir doch erklärt, dass sich Erwachsene mitunter als Kinder ausgeben, um sich mit kleinen Mädchen zu treffen und ihnen dann etwas anzutun.«

»Ich hab’s verstanden, Mama. Ist okay. Du brauchst mir keinen Vortrag über Pädophile zu halten.«

In diesem Zusammenhang kam mir die Idee.

Wenn Alice sich die Möglichkeit einräumen will, meine Tochter vollkommen ungestraft auszuspionieren, warum sollte ich dann nicht das Recht haben, dasselbe mit ihr zu machen?

In der Familie – oder dem, was davon übriggeblieben ist – spioniert jeder jeden aus. Einige wissen es und andere nicht: Willkommen-im-Leben.com.

Um die Wahrheit vor Alice zu verbergen, musste ich Alma belügen und heimlich ihr Passwort knacken. Das war die einzige Möglichkeit, auf ihr gesamtes Profil zugreifen zu können und heimlich in ihr Leben einzudringen, während ich dabei in meinem neuen Tarnanzug unsichtbar bleibe.

»Was machst du da, Papa?«

»Ein alter Freund hat mich gebeten, auf seine Facebook-Seite zu gehen, aber ich hab kein Konto. Darf ich deins benutzen, mein Schatz?«

»Ein Freund also?«

»Alma!«

»Na gut, Papa, du kannst dich kurz bei mir anmelden, aber niste dich bloß nicht auf meinem Profil ein, okay? Das sind alles persönliche Dinge, und ich will nicht, dass du auf meiner Pinnwand herumschnüffelst. Ich hab schon Mama am Hals, und jetzt auch noch dich, das kommt gar nicht infrage.«

Ich hielt Wort und schrieb mir das Passwort auf ein Post-it. So kehrte ich durch eine kleine Hintertür in Alices Leben zurück. Jetzt kann ich sie durch diesen virtuellen Spion fast jeden Tag sehen und erfahre einige Details aus ihrem Leben. Ich lese idiotische und uninteressante Kommentare, die auf ihrem Profil gepostet werden. Ich spüre ihren Puls und lausche ihrem Herzschlag. Aus der Ferne höre ich wieder etwas von Leuten, die ich früher gut gekannt habe. Jetzt existieren sie für mich praktisch nicht mehr und sind mit allem anderen im Massengrab unserer Trennung gelandet.

Ich erfahre Neues, entdecke ungekannte Seiten an ihr, lasse meiner Fantasie freien Lauf, wünsche mir, an der Stelle des anderen zu sein, ziehe Schlüsse, projiziere meine Gefühle auf ein Phantom und setze indirekt einen Teil meines Lebens mit ihr fort.

Eines Morgens wurden die Fotos eines Anderen auf Facebook veröffentlicht, ein Mann wurde dem Rest der Welt offiziell vorgestellt. Diese großartige Präsentation führte mir vor Augen, dass man sich von allem im Leben erholt und dass das Herz eine nicht totzukriegende Eidechse ist, deren Schwanz immer wieder nachwächst, egal, was passiert.

Es ist stärker als ich. Ich sitze vor meinem Computer und schaue mir immer wieder den Videofilm ihrer Trauung an. Die Kirche ist an diesem Septembertag so gut mit Menschen gefüllt wie ein dickes Schokoladenosterei mit Pralinen.

Ich kenne jedes Detail des Films, den François am 12. September 2010 ins Netz gestellt hat. Der neue Ehemann ist ein Computerfreak. Kaum wachte er nach der Hochzeitsnacht auf, da stellte er schon den Videofilm ins Internet.

Früher zeigten die Männer am Fenster die Laken mit dem Blut der Jungfrau, die sie entjungfert hatten. Heutzutage stellen sie eine QuickTime-Datei ihrer kirchlichen Trauung ins Netz.

Ich finde, Alice sieht in ihrem Kleid einfach umwerfend aus.

Ich hätte Ja sagen sollen zu einer solchen Zeremonie. Das hätte vielleicht nicht viel geändert, aber zumindest könnte ich dann in einem Fotoalbum mit Schwarz-Weiß-Bildern blättern, einem Kultobjekt und Dokument des gebrochenen Treueschwurs.

Noch ein Grund zur Klage:

Ich käme mir mit Sicherheit alt und hässlich vor – ein Bier in einer Hand und mein zerbrochenes Herz in der anderen.

Während ich immer und immer wieder in die ungläubige Miene des Neuen schaue, schießen mir viele Fragen durch den Kopf.

Meine Töchter tragen reizende weiße Kleidchen mit großen Schleifen, und ich finde sie sehr hübsch als Brautjungfern. Mit den Blumenkränzen auf den Köpfen bezeugen sie auf ihre Art Hand in Hand die zweite Eheschließung ihrer Mutter.

Sie müssen es über sich ergehen lassen, dass ihre Mutter und ihr abscheulicher, protziger Stiefvater sich gegenseitig ewige Liebe schwören, bis dass der Tod sie scheidet. Diese verdammte Tradition!

Ja, Alma und Claire sind reizend in ihren Rollen als Musterkinder, die alles akzeptieren und sich dennoch von nichts täuschen lassen.

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