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Diesen Cowboy muss ich küssen

1. KAPITEL

Als Dana Landry ihre eigensinnige Tochter Callie im Reitstall endlich eingeholt hatte, war ihre erste Reaktion Erleichterung. Doch ihre nächste Reaktion war Irritation - eine höchst weibliche Irritation, hervorgerufen von dem Mann, der vor ihrer achtjährigen Tochter hockte und sich lebhaft mit ihr unterhielt.

Callie hatte einen Cowboy entdeckt - und was für einen!

Seine breiten Schultern und das markante Profil verrieten Stärke und Energie; die hautengen abgetragenen Jeans unterstrichen seine männliche Ausstrahlung.

An sich hätte es Dana beruhigen müssen, dass es Callie gut ging. Stattdessen schlug ihr Herz wie verrückt, und das nur wegen dieses Mannes. Nicht etwa, weil er gefährlich aussah. Auch nicht deshalb, weil Callie normalerweise niemals mit Fremden sprach, da sie fast nie eine Antwort erhielt. Dieser typisch texanische Cowboy schien sich sogar gern mit ihr zu unterhalten. Ein Lächeln erhellte seine Züge, ein aufrichtiges Lächeln, kein mitleidiges wie sonst immer. Und Callie hing an jedem seiner Worte oder genauer gesagt, an jeder seiner Gesten.

Denn Callie war taub.

Der Mann sprach mit seinen großen Händen in flüssigen, rhythmischen Bewegungen.

Callie schien vollkommen hingerissen von ihm zu sein. Ein strahlendes Lächeln lag auf ihrem pausbäckigen Gesicht, und ihre blauen Augen leuchteten, während sie sich auf das lautlose Gespräch konzentrierte.

Eine Weile stand Dana wie gebannt da, bevor sie zu den beiden ging. Sie legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern und drehte sie zu sich herum. “Callie Renee Landry, du hättest nicht ohne mich hier hineingehen sollen.”

Der Cowboy richtete sich zu seiner vollen Größe auf, die ebenso beachtlich war wie alles andere an ihm.

“He, ist schon okay”, meinte er. “Ich hab sie gefunden, als sie auf den Bretterverschlag geklettert ist. Sie wollte nur einen Blick auf Pete hier drinnen werfen. Ist ja nichts passiert.”

Der Klang seiner vollen Stimme verblüffte Dana. Sie hatte angenommen, er sei ebenfalls gehörgeschädigt. “Bitte verzeihen Sie”, erwiderte sie lächelnd. “In ihrer Begeisterung bringt meine Tochter sich öfter mal in Schwierigkeiten.”

Sie blickte nach unten, da Callie ihr unaufhörlich auf die Hüfte tippte. Heftig die Hände bewegend, sah ihre Tochter sie stirnrunzelnd an.

Dana sprach ganz deutlich, sodass Callie die Worte von ihren Lippen ablesen konnte. “Du sollst nicht ohne mich loslaufen.”

Der Mann lächelte Callie zu und fuhr ihr durch die roten Haare. “Deine Mom hat recht. Du willst doch nicht, dass sie sich in ihren Reithosen verheddert, nur weil du plötzlich verschwunden bist, oder?”

Er vollführte dabei so flink die entsprechenden Gebärden, dass Dana ihm nicht hätte folgen können, wenn sie ihn nicht zugleich sprechen gehört hätte. Denn sie konnte die Zeichensprache nicht, die er vollkommen zu beherrschen schien.

Callie fand seinen Scherz offenbar sehr komisch und lachte unhörbar. Dana hingegen fand die Situation überhaupt nicht lustig, was jedoch mehr mit ihrer so ungemein weiblichen Reaktion auf diesen Cowboy zu tun hatte als damit, dass Callie weggelaufen war.

Callie machte einige Gebärden und deutete dann auf den Mann.

“Tut mir leid, Süße”, sagte Dana. “Aber du musst ein bisschen langsamer sprechen, damit ich dich verstehen kann.”

Der Cowboy nahm den Hut ab und reichte Dana die Hand. “Ich habe meine guten Manieren vergessen und mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Will Baker.”

Bei seinem Lächeln zeigten sich zwei tiefe Grübchen in den Wangen, und seine weißen Zähne leuchteten in dem gebräunten Gesicht. Das zusammen mit dem sonnengebleichten Haar verlieh ihm einen jungenhaften Charme, aber die dunklen Augen hatten eine Anziehungskraft, die absolut die eines erwachsenen Mannes war.

Dana blinzelte unwillkürlich. “Oh Will …” Es hörte sich seltsam vertraut an, als würde sie ihn bereits kennen. Ein wenig verlegen schaute sie zur Seite, bevor sie ihn anlächelte und seine Hand nahm. “Ich bin Dana Landry.”

“Freut mich, Sie kennenzulernen, Dana.”

Sein Lächeln wurde eine Spur breiter, und auch wenn Dana es nicht wahrhaben wollte, etwas in seinem Blick ließ ihr Herz noch schneller schlagen, und bei der Berührung mit ihm prickelte ihre Haut.

Nachdem er ihre Hand losgelassen hatte, kniete Will sich erneut hin, um mit Callie zu reden. “Willst du mal irgendwann auf dem alten Pete reiten?”

Sofort machte Callie das Zeichen für Ja, obwohl das nicht nötig gewesen wäre. Ihr glücklicher Gesichtsausdruck sagte alles.

“Gut. Dann lass dich bald mal von deiner Mom herbringen. Möchtest du Pete Auf Wiedersehen sagen?”

Energisch nickte Callie mit dem Kopf. Will richtete sich auf und setzte seinen Hut wieder auf, holte einen grünen Eimer, stellte ihn umgekehrt auf den Boden vor der Pferdebox und hob Callie darauf.

Er drehte sich wieder zu Dana. “Nimmt sie hier Reitstunden?”

“Ich wollte sie gerade anmelden, als sie verschwunden ist.”

“Oh. Ich dachte, wegen ihrer Reitkleidung hätte sie schon einige Stunden hinter sich.”

“Sie ist ein wenig geritten. Die Kleidung ist von mir. Callie will sie unbedingt tragen.”

Will hob die Brauen. “Sie reiten also auch?”

“Ich hatte mal Reitunterricht, als ich ungefähr in Callies Alter war. Aber das ist schon mehr als zwanzig Jahre her, und ich habe alles längst vergessen.”

Er musterte sie rasch und lächelte. “Das bezweifle ich.”

Dana verschränkte die Arme und unterdrückte damit das Bedürfnis, den Saum ihres engen dunkelblauen Rocks herunterzuziehen. Obwohl sie ein schlichtes Kostüm trug, fühlte sie sich unter Wills sinnlichem Blick wie nackt, und ihre Haut glühte, als hätte er sie berührt.

Augenzwinkernd meinte er: “Das nächste Mal sollten Sie sich vielleicht etwas Bequemeres anziehen. Es wäre doch schade, wenn Sie hier Ihre schönen Sachen ruinieren.”

Sie überspielte ihre Befangenheit und hob Callies Reitkappe und die Peitsche auf. “Ich werde versuchen, daran zu denken.”

Immer noch spürte sie seinen Blick. Als sie aufschaute, lehnte er lässig an der Box und hatte die Arme gekreuzt, sodass man gut seine muskulösen Unterarme und die goldblonden Härchen darauf sehen konnte.

“An welchen Tagen wird Callie zum Reiten kommen?”, fragte er.

Dana zupfte etwas Heu von der schwarzen Samtkappe. “Donnerstags, falls es klappt.”

“Wieso sollte es das nicht?”

Sie sah ihn an. “Callie hat an einem Reitlehrgang in der Schule teilgenommen. Einer der Lehrer hat ihr empfohlen, jetzt im Sommer noch mehr Stunden zu nehmen, weil sie sich wirklich dafür begeistert. Sie ist so … lebhaft, und es scheint sie zu beruhigen. Aber hier gibt es kein Programm für behinderte Kinder, deshalb wird sie den anderen gegenüber im Nachteil sein.”

Will sah zu Callie, die das Maul des kastanienbraunen Pferdes streichelte, das seinen Kopf ein Stück durch die Eisenstangen schob. “Sie kommt bestimmt gut klar”, erwiderte er. “Und wenn sie lebhaft ist, ist daran doch nichts verkehrt.”

“Ich möchte, dass sie die Grundlagen des klassischen englischen Reitstils erlernt. Schritt und Trab. Unterrichten Sie auch?”

“Nein, Ma’am. Ich habe nur einen Teil des Geländes gepachtet, um Pferde für Rodeos zu trainieren.”

Ein Pferdetrainer. Dana war etwas enttäuscht. Mit einem Reitlehrer, der in der Lage war, sich mit ihr zu verständigen, hätte Callie sofort einen großen Vorteil gehabt. “Arbeiten Sie ausschließlich als Trainer?”

“Außerdem nehme ich noch an Rodeos teil, Lassowerfen im Team.”

Auf ihre verständnislose Miene hin erklärte er: “Zwei Cowboys zu Pferd, die einen Stier jagen. Einer wirft ihm das Seil um die Hörner, der andere um die Beine. Dann legt man das Tier flach. Das schnellste Team gewinnt.”

Dana hätte am liebsten gefragt, weshalb man einem armen Tier so etwas überhaupt antat, sagte dann aber nur: “Klingt interessant.”

“Eigentlich ist es für die Zuschauer ziemlich langweilig.” Will stieß sich vom Zaun ab, hob Callie vom Eimer und stellte sie neben Dana auf die Füße. “Jetzt geh mal mit deiner Mom, damit ihr dich zum Reiten anmelden könnt.” Er zwickte ihr sanft in die Nase. “Und lauf nicht wieder weg.”

Dana setzte Callie die Kappe auf und gab ihr die Peitsche zurück. “Vielen Dank, dass Sie auf sie aufgepasst haben, Mr. Baker.”

“Kein Problem. Und nennen Sie mich doch bitte Will.” Mit der Fingerspitze tippte er sich an den Hutrand. “Bis dann, Mrs. Landry.”

“Nur Dana bitte.”

Callie winkte Will zum Abschied und zog sie zum Ausgang.

Doch Dana wandte sich noch einmal zu ihm um. “Woher können Sie die Gebärdensprache?”

In Wills dunklen Augen flackerte etwas auf. War es Schmerz oder Traurigkeit? Jedenfalls verschwand sein Lächeln.

“Von meiner Familie”, erwiderte er, drehte sich um und ging davon.

Während Callie sie zum Reitplatz zog, kreisten Danas Gedanken um Will Baker und seine knappe Antwort auf ihre Frage. Vielleicht hatte er auch ein gehörgeschädigtes Kind oder seine Frau war taub. Allerdings trug er keinen Ring. Doch das musste ja nichts heißen.

Als sie sich für die Anmeldung zum Reiten anstellten und unter dem Zeltdach warteten, blickte Dana sich um und sah Will nun an der Stalltür lehnen. Die Daumen in die Gürtelschlaufen gehängt, ein Seil über der Schulter, hatte er ein Bein angewinkelt und stützte sich mit dem Stiefel an der Holztür hinter ihm ab. Er bot das Bild eines typischen Cowboys aus dem legendären Wilden Westen. Eines fantastisch aussehenden Cowboys, der ganz und gar nicht ihr Typ war.

Trotzdem stieg eine plötzliche Hitze in Dana auf, die nichts mit der glühend heißen Junisonne zu tun hatte.

“Ihr Scheck bitte. Ma’am?”, sagte die Frau an der Anmeldung.

“Entschuldigen Sie”, murmelte Dana und riss den Blick von Will los. Sie reichte der Frau den Scheck und behielt Callie im Auge, während sie die Formulare unterzeichnete.

Callie stand ein paar Meter entfernt bei einem Jungen von etwa neun Jahren.

Besorgt beobachtete Dana die beiden.

“Wie heißt du?”, fragte der Junge.

Callie zögerte kurz und buchstabierte dann mit den Fingern ihren Namen.

“Ich habe gefragt, wie du heißt”, wiederholte der Junge.

Dana ging hinüber zu ihrer Tochter und legte ihr eine Hand auf die Schulter. “Sie heißt Callie.”

Der Junge zog seine Stupsnase kraus. “Warum hat sie’s mir dann nicht gesagt? Ist sie blöd oder was?”

Danas erster Impuls war es, ihn wegen seiner Unwissenheit zu schelten. Da er es vermutlich jedoch nicht besser wusste, sagte sie nur: “Sie kann dich verstehen, wenn du langsam sprichst.”

“Oh.” Der Junge zuckte die Achseln und lief davon.

Callies niedergeschlagene Miene schnitt Dana ins Herz. Was mochte ihrer Tochter durch den Kopf gehen, wenn sie so unaufmerksamen Menschen begegnete, die es nicht einmal versuchten, sie zu verstehen? Litt sie sehr darunter? Lebte ihre Tochter vielleicht zu abgeschirmt von den Härten der Realität, seitdem sie im Internat war?

Alles, was Dana bisher getan hatte, hatte sie für Callie getan. Nun, da sie eine neue Arbeitsstelle hatte, konnte sie endlich eine größere finanzielle Unabhängigkeit von Rob erlangen. Sobald sie sich an den Ausbildungskosten für Callie beteiligte, würde sie dabei auch mehr zu sagen haben. Aber am meisten wünschte sie sich, mit ihrer Tochter wirklich kommunizieren zu können.

Nicht dass sie es nicht versucht hätte. Aber gleichgültig, welche Form der Kommunikation sie vorgeschlagen hatte, Rob war nicht damit zufrieden gewesen. Er mochte es nicht, wenn Callie die Gebärdensprache verwendete, weil das in der Öffentlichkeit zu sehr auffiele, wie er meinte. Doch das lautsprachliche Konzept lehnte er ebenfalls ab, weil Callies Sprechen sich seltsam anhörte. Im Grunde wollte er nichts anderes als ein normales Kind.

Dennoch hatte Callie die Zeichensprache gelernt, um die anderen Kinder im Internat zu verstehen. Und sie hatte sie so rasch gelernt, dass Dana in der begrenzten Zeit, die sie miteinander verbrachten, nicht mehr mit ihr hatte Schritt halten können.

In diesem Moment lächelte Callie sie liebevoll an. Dann hob sie die Hand, knickte Ring- und Mittelfinger ein und formte das Zeichen, das sie jeden Abend vor dem Schlafengehen gemeinsam machten: “Mom, ich hab dich lieb.”

Zärtlich erwiderte Dana das Lächeln und formte mit den Lippen lautlos die Worte: “Ich hab dich auch lieb.”

Daraufhin drückte Callie sie ganz fest, so als hätte ihre Mutter den Mond für sie vom Himmel geholt.

Dana wurden die Augen feucht. Sie würde alles für ihre Tochter tun, die ihr so viel Liebe und Freude schenkte, und sie nahm sich vor, ab Montag ihre Arbeitszeit zu reduzieren, um mehr mit Callie zusammen sein zu können, solange sie jetzt in den Sommerferien zu Hause war. Und mehr denn je war sie entschlossen, Unterricht in der Zeichensprache zu nehmen.

Sie nahm Callie in die Arme und wirbelte sie herum. Auf einmal fühlte sie sich heiter und beschwingt, bereit, es mit jedem aufzunehmen, der sich dem Glück ihrer Tochter in den Weg stellte. Rob eingeschlossen. Sie wollte Callie ein erfüllteres Leben bereiten. Heute war erst der Anfang. Und vielleicht würde sie ja auch Will Baker davon überzeugen können, ihr dabei zu helfen.

Will musste grinsen, als er Dana am Donnerstagabend aus ihrem schicken Wagen steigen sah. Offenbar entsprach ihre Vorstellung von Freizeitkleidung nicht ganz dem, woran er gedacht hatte. Ein ärmelloses Seidentop und eine schwarze Seidenhose waren für knietiefen Dreck nicht sonderlich geeignet. Nicht dass sie nicht gut ausgesehen hätte, im Gegenteil. Vermutlich würde sie sogar in einem Futtersack gut aussehen.

Will spürte ein vertrautes Ziehen in den Lenden.

Vergiss es, sagte er sich. Diese Frau spielt nicht in deiner Liga. Ihre Welt sind Derbys und Partys. Eine Frau, die es geschafft hatte. Wahrscheinlich führte sie ein perfektes Leben.

In diesem Augenblick kam Callie den Hügel hinuntergerannt, was Will ein Lächeln entlockte. Nein, die kleine Callie würde sich mit ein wenig Schritt und Trab sicher nicht zufrieden geben. Wenn dieses Mädchen seine Tochter wäre, würde er dafür sorgen, dass sie mit dem Lasso umgehen lernte und nicht wie ein Püppchen im Sattel posierte.

Aber im Grunde ging sie ihn ja nichts an.

Callie stürmte an dem Reitplatz vorbei, wo sich die übrigen Schüler schon versammelt hatten, und auf Will zu, wobei ihre Hände sich ebenso schnell bewegten wie ihre Füße. Vor ihm kam sie abrupt zum Stehen und warf die Arme um seine Hüften.

“Wow!” Er schob sie etwas von sich. “Wohin denn so eilig?”

Aufgeregt machte sie die Gebärde für Pferd.

Mit missbilligender Miene kam Dana den Hügel heruntermarschiert und deutete auf Callie. “Wenn du noch einmal wegläufst, ist das das Ende deiner Karriere als Reiterin.”

Callie nickte, doch ihre gerunzelte Stirn zeigte, dass es ihr keineswegs gefiel, auf diese Weise eingeengt zu werden. Will konnte es ihr nicht verdenken. Er hatte auch manchmal das Bedürfnis wegzulaufen. So wie jetzt zum Beispiel.

“Callie scheint Sie ins Herz geschlossen zu haben”, sagte sie mit einer Stimme, die so sanft war wie ihr Lächeln und bei der ihm noch heißer wurde.

Kein Zweifel, diese Frau war attraktiv, mehr als das, sie war sexy. Und sie hatte Klasse. Wahrscheinlich jemand für eine dauerhafte Beziehung. Der Typ Frau, dem er bisher immer aus dem Weg gegangen war. Doch irgendwie hatte er das Gefühl, dass es leichter gesagt als getan war, Dana Landry zu ignorieren.

Anstatt die Flucht zu ergreifen, solange es noch ging, erklärte er: “Da ich für heute fertig bin, werde ich Sie der Lady vorstellen, die Callie unterrichten wird.”

Auf dem Weg zum Reitplatz schob Callie ihre kleine Hand in seine. Ohne sich seine Verblüffung anmerken zu lassen, lächelte er sie an. Das offensichtliche Vertrauen des Kindes bereitete ihm etwas Unbehagen, ähnlich wie ihre viel zu attraktive Mutter.

Er warf einen raschen Seitenblick auf Dana. Sie hatte keine Sommersprossen auf der Nase wie Callie, aber ihre Augen waren von dem gleichen tiefen Blau. Das kastanienbraune Haar hatte sie wie beim letzten Mal zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden, und er fragte sich, wie sie wohl aussähe, wenn sie es offen tragen würde, und ob es nach einer langen Liebesnacht wild und zerzaust wäre.

Nein, diese Frau hatte nichts Wildes an sich, und er hatte bei ihr etwa genauso viel Chancen, wie den Mond mit dem Seil einzufangen.

Außerdem lebte er seit zwölf Jahren allein, und so sollte es auch bleiben. Keine festen Bindungen, keine dauerhaften Verpflichtungen. Ebenso wenig hatte er die Absicht, sich irgendwo niederzulassen, obgleich er sich gelegentlich danach sehnte. Aber er konnte es nicht. Noch nicht. Und vielleicht würde er das sogar niemals können.

Sie näherten sich Marge Golden, die neben dem Reitplatz stand und einer Mutter zuhörte, die die Talente ihres kleinen Phillip mit einer Stimme pries, die Tote hätte wecken können. Will fing Marges Blick auf und grinste, weil sie nun so tat, als müsste sie husten, sich abwandte und dabei die Augen verdrehte.

Nachdem die Frau ihre Rede beendet hatte, brachte er Callie und Dana zu Marge. “Madam, das ist die Schülerin, von der ich dir schon erzählt habe.” Er ließ Callies Hand los, um Zeichen in die Luft zu malen. “Callie, das ist die Chefin hier, aber du kannst Marge zu ihr sagen.”

Marge wandte sich an Dana und erklärte in ihrer rauchigen Stimme: “Will ist der Einzige, der mich Madam nennt. Klingt, als würde ich ein Bordell führen.” Sie lächelte Callie an. “Will, Sag Miss Callie, dass ich mich freue, sie kennenzulernen.”

“Callie kann von den Lippen ablesen”, warf Dana ein.

“Na wunderbar.” Marge drehte sich wieder zu dem Mädchen. “Freut mich, dich kennenzulernen, Callie. Wir können gleich anfangen.”

Dana verkrampfte die Hände. Will nahm an, dass sie nicht wusste, was sie von Marge halten sollte, mit ihrem langen, graubraunen Zopf, der ihr bis zur Taille hing; dem fadenscheinigen Flanellhemd und den verwaschenen Jeans, die aussahen, als würde selbst die Heilsarmee sie nicht mehr annehmen. Aber Marge war die beste Reitlehrerin für Kinder, die er sich vorstellen konnte.

Als Marge Callie nun bei der Hand nahm und sie durchs Tor führte, machte Dana unwillkürlich einen Schritt vorwärts. Will legte ihr die Hand auf den Arm, wobei ihn bei der Berührung mit ihrer bloßen Haut ein eigenartiges Gefühl durchzuckte.

Er räusperte sich. “Kommen Sie mit rüber an den Zaun. Da können Sie zusehen.”

Schweigend folgte Dana ihm. Sobald sie den weißen Zaun erreicht hatten, umklammerte sie das oberste Brett und fragte: “Wohin gehen sie?”

Will zeigte ans andere Ende des Platzes, wo mehrere Pferde angebunden waren. “Dort kriegen sie ihre erste Lektion - das Aufsatteln. Sie sind gleich wieder da.”

Dana war immer noch besorgt. “Ich hoffe, die Lehrerin passt auf sie auf. Callie ist sehr klein für ihr Alter. Ich hätte Marge sagen sollen, dass sie sie im Auge behalten soll, falls …”

“Entspannen Sie sich. Marge weiß, was sie tut. Außerdem reitet Callie eine fünfundzwanzig Jahre alte Stute, die kaum größer ist als ein Pony.”

Nach etwa zehn Minuten kamen zwei andere Schüler auf ihren Pferden auf den Platz geritten, ein Junge und ein Mädchen, schick gekleidet in englischem Reitdress und auf englischem Sattel. Will fand, dass sie in Jeanshemden und Jeans sehr viel besser aussehen würden. Und diese verdammten englischen Sättel hielt er ohnehin für nutzlos. Dann lieber gleich auf dem bloßen Pferderücken sitzen, dachte er.

“Da ist sie”, rief Dana leise.

Callie saß im Sattel auf der grauen Stute, die Füße in den Steigbügeln, die Zügel in beiden Händen.

“Sie sieht gut aus”, erwiderte Will. “Callie wird das schon schaffen.”

“Hoffentlich.” Doch Dana klang wenig überzeugt.

Callie passte konzentriert auf, bis sie näher an den Zaun herangekommen war, dort, wo Dana und Will standen. Sie nahm die Zügel zwischen die Zähne, um ihnen mit den Händen zu sagen: ‘Schaut mich an.’

Das Pferd begann sich wegen der verwirrenden Signale zu drehen. Dana schnappte entsetzt nach Luft, und Will entschied, dass er wohl besser eingreifen sollte.

Er stieg ein paar Latten auf den Zaun, um gut sichtbar zu sein, und erklärte in Gebärdensprache: “Nimm die Zügel aus dem Mund und halt deine Hände ruhig, Callie.”

Callie nickte und nahm wieder die korrekte Haltung ein.

Sobald Will wieder herabgestiegen war, meinte Dana aufgeregt: “Vielleicht müssen wir ihr die Zügel um die Hände binden. Sie liebt die Gebärdensprache so.”

Will lehnte sich mit der Hüfte an den Zaun und sah Dana an. “Warum sprechen Sie nicht in der Gebärdensprache mit ihr?”

“Das tue ich”, entgegnete sie scharf, “jedenfalls etwas. Seit zwei Jahren ist sie in einem Internat für Gehörgeschädigte, und davor hatten wir sie für kurze Zeit in einer Gehörlosenschule, wo sie gelernt hat, von den Lippen abzulesen.”

“Hat sie jemals Sprechen gelernt?”

“Nicht viel. Und inzwischen versucht sie’s gar nicht mehr. Jetzt, da sie die Gebärdensprache kann, scheint sie glücklich zu sein.”

“Kann ihr Vater die Gebärdensprache?”

“Nein. Rob benutzt die Gebärdensprache überhaupt nicht.” Danas Tonfall verriet Missbilligung.

“Und wenn Sie alle zu Hause sind, wie verständigt er sich dann mit ihr?”

“Er lebt nicht bei uns.”

“Sie sind also geschieden?”

“Ja.”

Danas Gesicht wirkte wie versteinert, woraus Will schloss, dass sie die Trennung noch nicht überwunden hatte. Vermutlich trauert sie dem Kerl noch immer nach, dachte er.

“Er erwartet von ihr, dass sie von seinen Lippen abliest”, fuhr Dana fort.

“Und wie soll sie antworten?”

“Indem sie es aufschreibt, durch Zeigen, wie auch immer. Sie stehen sich nicht sehr nah.”

Wills Meinung nach war dies die Untertreibung des Jahres. Wie konnte jemand seinem Kind nahestehen, wenn er nicht mit ihm sprechen konnte? “Und in wieweit beherrschen Sie die Gebärdensprache?”

Dana senkte den Blick. “Nicht besonders gut. Callie ist sehr geduldig mit mir, und ich bemühe mich. Es ist nicht so einfach, wie es aussieht. Aber das wissen Sie ja wohl selbst.” Sie sah ihn an. “Wie lange haben Sie gebraucht, um es zu lernen?”

Wegen seiner Eltern war Will seit seiner Geburt mit der Gebärdensprache aufgewachsen. Ihm war gar nichts anderes übrig geblieben, als sie zu erlernen. Doch das war etwas, was er lieber für sich behielt. Nicht weil er sich dessen schämte, sondern weil er das Mitleid und die Entschuldigungen hasste, mit denen die meisten Leute darauf reagierten.

“Ich hatte viel Übung. Ich finde es am einfachsten, mit dem Mund und den Händen gleichzeitig zu sprechen, wenn Sie so wollen, und beide Welten zusammenzubringen. Es braucht nur etwas Zeit und Übung.”

“Ich weiß, und ich will ja auch versuchen, Unterricht zu nehmen. Allerdings habe ich meinen neuen Job gerade erst angetreten, und deshalb bleibt mir nur wenig Zeit.”

“Hört sich nach einem harten Job an”, meinte er.

Dana lächelte. “Das könnte man so ausdrücken.”

“Was machen Sie denn genau?”

“Ich bin Wirtschaftsprüferin.”

Verdammt, fluchte Will innerlich. Sie verdient wahrscheinlich einen Haufen mehr Geld, als ich je gehabt habe. Noch ein Grund, weshalb sie garantiert nicht an einem Cowboy interessiert ist. Umso besser. So eine Frau kann ich sowieso nicht gebrauchen. Ich kann gar keine Frau gebrauchen.

“Verstehe”, sagte er.

Sie war erstaunt “Was denn?”

“Ihre Kleidung, das Auto. Es passt alles zusammen.”

Dana schien über seinen Kommentar erstaunlicherweise ungehalten zu sein. Dabei verkörperte sie doch genau das Bild der erfolgreichen Karrierefrau.

Ein plötzlicher Windstoß wirbelte Staub und Sägespäne auf.

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