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Diese glühende Leidenschaft …

Emily McKay

Diese glühende Leidenschaft …

PROLOG

Vierzehn Jahre zuvor

Sie waren keine fünf Meilen mehr von der Bezirksgrenze entfernt, als Evie Montgomery-McCain das blau-rot blinkende Warnlicht des Polizeiwagens im Rückspiegel entdeckte. Neben ihr stieß Quinn McCain einen Fluch aus, was in ihrer Gegenwart äußerst selten passierte.

Rasch beugte sich Evie zum Armaturenbrett ihres BMW M3 vor. Nach einem Blick auf das Tachometer schaute sie zu Quinn, ihrem Ehemann – mit dem sie seit genau drei Stunden und fünfundvierzig Minuten verheiratet war.

Die beiden hatten das Ganze schon seit Wochen geplant. Heute, an Evies siebzehntem Geburtstag, waren sie in aller Frühe zum Bezirksrathaus gefahren und hatten sich heimlich trauen lassen. Wenn sie erst verheiratet wären, würde sie niemand mehr trennen können. Weder Evies Vater mit seiner altmodischen Vorstellung von sozialen Schichten noch Quinns Vater, der vollkommen dem Alkohol verfallen war. Das hofften sie jedenfalls.

„Du fährst doch gar nicht zu schnell“, sagte Evie verwundert. „Warum will die Polizei nur, dass wir anhalten?“

Quinn hatte auf einmal einen harten Zug um den Mund und presste die Lippen zusammen. Er umklammerte das Lenkrad jetzt so fest mit beiden Händen, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Er fuhr Evies Auto. Ihr Vater hatte ihn ihr zum sechzehnten Geburtstag geschenkt. Der sündhaft teure Sportwagen tröstete sie jedoch nicht darüber hinweg, dass sie ihr Geschenk drei Wochen zu spät bekommen hatte, weil ihr Vater ihr Geburtsdatum immer wieder vergaß.

Quinn hatte kein eigenes Auto, obwohl vor dem schäbigen Wohnwagen, in dem er mit seinem Vater hauste, ein uralter Chevrolet aufgebockt vor sich hin rostete. Vor einem Monat hatte Quinn endlich genug Geld zusammengekratzt, um vier gebrauchte Reifen dafür zu kaufen. Wochenlang hatte er dann versucht, den Wagen zum Laufen zu bringen. Aber schließlich hatte er es aufgegeben. Die neue Lichtmaschine, die er gebraucht hätte, hätte er niemals bezahlen können. Quinn hatte laut geflucht. Dass er seine Braut nicht im eigenen Wagen zum Standesamt fahren konnte, war für ihn eine herbe Enttäuschung.

Plötzlich wurde Evie flau im Magen. „Warum wollen sie uns nur anhalten?“, fragte sie scheinbar unbekümmert.

Trotz der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von sechzig Meilen bremste Quinn den Wagen von vierundfünfzig auf fünfzig Meilen ab. „Vielleicht ist ein Rücklicht defekt.“

„Bestimmt nicht.“ Je langsamer der Wagen fuhr, desto schneller ging Evies Puls. „Halte einfach nicht an.“

Das Tachometer zeigte jetzt nur noch etwas über dreißig Meilen an. „Aber ich muss ranfahren“, erklärte Quinn und sah sie prüfend von der Seite an. „Evie, was hast du nur?“

Es fiel ihr schwer, ihre böse Vorahnung in Worte zu fassen. „Wenn du anhältst, passiert etwas Schreckliches.“

„Was denn?“

„Das weiß ich nicht genau, aber es wird furchtbar sein, das fühle ich. Alles ist viel zu glatt gelaufen. Mein Vater hat sicher noch eine Gemeinheit geplant. Ich wette, er will dich verhaften lassen oder so was.“

Quinn atmete tief durch. Jetzt galt es, die Nerven zu behalten und vernünftig zu argumentieren. „Aber ich hab doch nichts verbrochen. Sheriff Moroney kann mich nicht festnehmen.“

„Meinem Vater gehört praktisch die ganze Stadt. Er hat überall seine Leute sitzen, die tun, was er sagt.“

„Das ist aber nicht …“

„Legal? Natürlich nicht. Aber das ist die Realität.“ Evie kannte ihren Vater zu gut, um ihn zu unterschätzen. Er setzte seinen Willen immer durch. „Sie finden schon einen Vorwand, um den Wagen zu durchsuchen. Vielleicht behaupten sie, du hättest ihn gestohlen. Denen fällt auf jeden Fall etwas ein, was sie dir anhängen können.“

„Aha, davor hast du also die ganze Zeit Angst. Deswegen sollte ich auch den Chevy wieder flottmachen.“

Evie hätte das nur zu gern abgestritten, aber mittlerweile war sie beinahe panisch. Was soll nur werden? Wenn sie einen Weg finden, uns zu trennen? Wenn sie unser Glück zerstören, das zum Greifen nah ist?

Quinns Stimme riss sie aus ihren düsteren Gedanken. „Ich kann nicht einfach weiterfahren. Irgendwann muss ich anhalten.“

„Aber bitte nicht, solange wir noch im Bezirk Mason County sind“, flehte Evie. „Der Tank ist voll. Du kannst bis Ridgemore fahren und dort an der Polizeistation halten.“

Doch dann sah sie, wie das blinkende Polizeilicht immer schneller näher kam. Als sie über die Schulter nach hinten blickte, bemerkte sie außerdem, dass noch ein zweiter Wagen ihre Verfolgung aufgenommen hatte.

Bis nach Ridgemore brauchten sie noch mindestens zwanzig Minuten. So lange würde die Polizei nicht warten, bis Quinn anhielt. Vielmehr würde sie es als Fluchtversuch deuten. Evie hatte genug Verfolgungsjagden im Fernsehen gesehen. Brutale Szenen von Fahrern, wie sie aus dem Auto gezehrt und misshandelt wurden, spielten sich vor ihrem inneren Auge ab.

„Ich halte jetzt an“, erklärte Quinn mit erstaunlich ruhiger Stimme. „Sheriff Moroney ist ein vernünftiger Mann. Er kennt mich schon ewig und lässt sicher mit sich reden. Irgendwann müssen wir uns sowieso öffentlich dazu bekennen, dass wir geheiratet haben. Warum also nicht gleich?“

„Nein, das brauchen wir nicht. Lass uns einfach verschwinden. Wenn wir uns in Ridgemore bei der Polizei gemeldet haben, können wir überall hingehen. Nach Dallas, Los Angeles oder sogar nach London.“

„Wir können nirgendwo hingehen“, widersprach Quinn. Es war die einzige Sache, bei der sie sich nicht einig waren. „Wir beide besitzen nicht einmal zweihundert Dollar, und du hast noch keinen Highschool-Abschluss. Außerdem möchte ich meinen Vater nicht allein lassen.“ Er schaute seine Frau mit festem Blick an. „Aber ich kann für dich sorgen.“

„Das weiß ich.“

„Du wirst sehen: Alles wird gut. Bald sind wir für immer zusammen.“

Das sagte Quinn jedes Mal, wenn er sich von Evie verabschieden musste.

„Dann werden wir beide verreisen, ganz weit weg, wo wir die Sprache nicht verstehen“, antwortete Evie schwärmerisch. Es gehörte zu den Tagträumen, in die sie sich gern flüchteten. „Wir trinken Kaffee in einem kleinen Bistro am Park und bestellen uns von der Speisekarte Sachen, die wir nicht einmal aussprechen können.“

„Ja, und wir steigen nur in den besten Hotels ab“, ergänzte Quinn.

„Natürlich trinken wir nur echten französischen Champagner.“

„Und du wirst in Diamanten baden.“ Während er das sagte, blinkte er und fuhr an den Straßenrand, um anzuhalten.

„Ich werde dich in Liebe baden“, erwiderte Evie. Aber ihre Stimme klang traurig, weil ihr das Herz schwer war. Sie wünschte sich nichts mehr, als dass sie sich die Gefahr nur einbildete und sich ihre böse Vorahnung in Luft auflöste.

Sobald der Wagen stand, öffnete sie die Tür und sprang hinaus auf die Straße. „Sheriff …“, begann sie, schon umringt von Polizisten.

Der Sheriff ließ sie jedoch nicht weiterreden. „Halte dich da heraus, Evie.“

„Nein.“

Darauf musterte Sheriff Moroney sie streng. „Du hast mit der Sache überhaupt nichts zu tun.“

Quinn war ebenfalls ausgestiegen. „Worum geht es denn, Sir?“

„Du musst mit mir mitkommen, Quinn.“

„Warum?“, wollte Evie wissen. „Er hat nichts getan.“

Der Sheriff ignorierte sie einfach. Er würdigte sie keines Blickes mehr. Dafür nahm er Quinn ins Visier. „Der Wagen, den du fährst, wurde als gestohlen gemeldet.“

Evie durchfuhr es eiskalt. „Das ist mein Wagen. Er ist nicht gestohlen worden.“

„Aber dein Vater hat Anzeige erstattet, Evie. Mach es uns allen nicht noch schwerer.“

„Das können Sie nicht tun! Ich lasse es nicht zu!“ In ihrer Entrüstung hob sie die rechte Hand, ohne zu bemerken, dass sich einer der anderen Polizisten hinter sie gestellt hatte.

Ob er nur übereifrig war oder ihr Verhalten falsch deutete, blieb unklar. Als sie auf den Sheriff zugehen wollte, spürte sie jedenfalls plötzlich, wie jemand sie von hinten mit eisernem Griff umklammerte. Dann wurde sie hochgehoben. Man riss ihr den Boden unter den Füßen weg. Evie stieß einen lauten Schrei aus.

Darauf versuchte Quinn, ihr zur Hilfe zu kommen. Der Sheriff reagierte jedoch blitzschnell: Er rammte ihm sein Knie in den Magen und den Ellbogen in die Schulter.

Als Evie sah, wie Quinn hart zu Boden ging, geriet sie außer sich vor Zorn. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen den Polizisten, der sie festhielt, fuchtelte wild mit den Beinen und schrie noch lauter. Aber es war zwecklos. Sie konnte sich nicht befreien, um Quinn beizustehen.

Hilflos musste sie mit ansehen, wie der Mann, den sie liebte und mit dem sie kaum vier Stunden verheiratet war, in den Wagen des Sheriffs gezerrt wurde. Sosehr sie auch den Sheriff und seine Gehilfen anflehte, Quinn gehen zu lassen, sie hörten ihr gar nicht zu.

Immer wieder beteuerte sie, dass sie nicht entführt worden und ihr Wagen nicht gestohlen worden war. Auch die Waffe, die sie angeblich in Quinns Jackentasche gefunden hatten, hatte sie niemals gesehen. Ebenso wenig konnte sie sich erklären, wie Quinn an das Diamantenkollier ihrer Mutter gekommen war, das sie angeblich bei ihm entdeckt hatten.

Auf der Polizeistation durfte Evie ihren Ehemann weder sehen noch sprechen. Man erlaubte ihr auch nicht, einen Anwalt anzurufen. Ja, noch nicht einmal ein Papiertaschentuch gab man ihr, um ihre Tränen zu trocknen.

Für endlose Stunden saß sie im Warteraum der Wache, bis kurz vor Mitternacht ihr Vater auftauchte. Er gab sich betont ruhig und freundlich, machte ihr nicht den geringsten Vorwurf, sondern versicherte ihr, dass alles gut würde und Quinn freikäme.

Er stellte jedoch eine Bedingung. Evie sollte eine Erklärung unterschreiben, in der ihre Ehe annulliert wurde. Ihr Vater hatte das Papier schon bei sich. Falls sie sich weigerte, würde Quinn angeklagt werden und bei der eindeutigen Beweislage für mindestens fünf Jahre ins Gefängnis kommen.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als das Papier schweren Herzens zu unterschreiben. Ein höllisches Ende ihres siebzehnten Geburtstags. Den hatte sie sich ganz anders vorgestellt.

1. KAPITEL

Quinton McCain sah nicht nur blendend aus, sondern war zudem sowohl bei der Konkurrenz als auch bei seinen Angestellten für seinen scharfen Verstand und seine starken Nerven bekannt.

Weil er niemals auch nur den Anflug eines Gefühls zeigte, gab es eine Menge Gerüchte über ihn und seine Vergangenheit. Manchmal wurden, was das betraf, in der Firma sogar Wetten abgeschlossen.

Quinn war jedoch kein Mann, der sich für Büroklatsch interessierte, und es ließ ihn auch völlig kalt, was die anderen über ihn dachten. Weder versuchte er, die Gerüchte zu entkräften, die über ihn im Umlauf waren, noch bestätigte er sie.

Zum Beispiel kursierte das Gerücht, dass er ein Agent des CIA war. Einem anderen zufolge gehörte er zu einer streng geheimen Sondereinheit der Armee. Ein drittes Gerücht machte ihn zum milliardenschweren Erben einer großen amerikanischen Kette für Autozubehör.

Von einer Ehefrau war aber nie die Rede. Für die meisten Leute war es leichter, sich Quinn als gewissenlosen Killer vorzustellen denn als liebenden Ehemann.

Daher schäumte die Gerüchteküche über, als eines Tages eine Genevieve Montgomery in seinem Sekretariat anrief, sich als seine Exfrau vorstellte und um einen Gesprächstermin bat. Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Als Quinn davon erfuhr, war es schon zu spät, die Sekretärinnen um Diskretion zu bitten.

Am nächsten Morgen, noch bevor er den ersten Schluck Kaffee getrunken hatte, tauchte Derek Messina in seinem Büro auf. Das Unternehmen Messina Diamonds war der größte Kunde von Quinns Firma McCain Security und residierte im gleichen Gebäude. Derek ging Quinn auch sonst nicht gerade aus dem Weg. Aber dass er nichts Besseres zu tun hatte, als gleich vorbeizukommen, obwohl er wichtige Kunden im Haus hatte, gab Quinn doch zu denken.

Er machte ein genervtes Gesicht, um Derek zu signalisieren, wie ungelegen er kam. Denn die Aussicht, Evie nach all den Jahren wiederzusehen, machte Quinn schon ein wenig nervös. Natürlich wollte er das für sich behalten. Aber dann entschied er sich, ihren Besuch wie beiläufig zu erwähnen, damit er die Spekulationen nicht noch weiter anheizte. „Vermutlich hast du es auch schon gehört.“

„Das mit deiner Exfrau?“

Quinn nickte. „Danach zu urteilen, wie jedes Gespräch verstummt, wenn ich in die Büros komme, wird in der Firma über nichts anderes mehr gesprochen. Dabei war ein großer Teil meiner Angestellten früher bei der Armee. Ich hätte nie gedacht, dass sie so auf Bürotratsch anspringen.“

Solche persönlichen Bemerkungen machte Quinn höchst selten, und er hatte eigentlich erwartet, Derek damit zum Lachen zu bringen. Aber der verzog keine Miene. „Du triffst dich heute mit ihr, stimmt’s?“

Quinn gab auf. Er lehnte sich zurück und trank genüsslich seinen Kaffee. „Ja, in ein paar Minuten.“

„Und du weißt nicht, was sie von dir will?“

„Ich habe keinen Schimmer, und es ist mir auch egal.“

„Soll ich vielleicht hierbleiben?“, fragte Derek mit ernstem Gesicht.

Amüsiert schüttelte Quinn den Kopf. „Ich bin erwachsen. Du brauchst mir nicht die Hand zu halten, nur weil meine Ex mich aufsucht. Im Übrigen weißt du, was ich von dieser überstürzten Heirat damals halte.“

„Okay, okay“, beschwichtigte Derek ihn. „Du möchtest nicht über die Sache sprechen. Ja, du willst noch nicht einmal daran denken. Wenn ich nicht dein Freund wäre, würdest du mich am liebsten erschießen. Dann gäbe es auf der Welt zumindest einen Menschen weniger, der davon weiß.“

„Jetzt übertreibst du aber!“, rief Quinn, obwohl er sich ertappt fühlte.

Derek ging nicht darauf ein. „Da sitzt eine Lady im Warteraum. Ist das deine Ex?“

„Keine Ahnung.“ Quinn war schon um sechs Uhr früh in die Firma gekommen. Also konnte er es nicht ausschließen. Aber die Vorstellung gefiel ihm nicht, weil es dann so aussähe, als würde er sich in seinem Büro verkriechen, um Evie auszuweichen.

Tatsächlich wusste er überhaupt nicht, was er davon halten sollte, dass Evie nach all den Jahren plötzlich in seinem Leben auftauchte. Einerseits konnte es ihm bloß recht sein, dass sie sah, wie weit er es gebracht hatte. Andererseits sträubte sich alles in ihm, wenn er nur an sie dachte. Er fand, dass er sich damals ihretwegen wie ein Idiot benommen hatte.

Wie hatte er sie geliebt! Er war ihr so blind ergeben gewesen, wie es nur ein ganz junger, naiver Mann sein konnte, und hätte alles für sie getan. Aber das reiche, gelangweilte Mädchen hatte nur mit ihm gespielt. Sie hatte ihn manipuliert und ihn benutzt, um sich an ihrem Vater zu rächen. Danach hatte sie ihre Ehe schnellstens annulliert und Quinn seinem Schicksal überlassen.

„Vielleicht ist es ganz gut für dich, sie zu sehen“, bemerkte Derek. „Vielleicht klärt sich dadurch einiges für dich.“

Was sollte Quinn dazu sagen? Dass er lieber nackt durch ein Schlangennest kriechen würde? Dass er sein Seelenleben lieber bei einer im Fernsehen übertragenen Therapiesitzung offenbaren würde? Dass er lieber mit einem Fallschirm über Feindesland abspringen würde, selbst wenn der Fallschirm sich nicht öffnete?

Quinns Gesicht musste Bände sprechen, denn Derek klang besorgt. „Vergiss nicht, dass du den Termin auch platzen lassen kannst. Du musst deine Ex nicht empfangen.“

„Ach was, das geht nicht. Wenn ich das tue, fragt sich jeder in der Firma, warum ich sie nicht sehen will. Die Gerüchteküche würde nur noch mehr angeheizt. Oder die Leute würden mich bemitleiden. Das fände ich sogar noch schlimmer.“

Quinn konnte es sich schon vorstellen. Einer der Angestellten würde sich verpflichtet fühlen, ihn in Schutz zu nehmen, und verbreiten, dass der Chef es einfach nicht fertigbrächte, seine Exfrau wiederzusehen. Dann würde er allen furchtbar leidtun, und sie wären alle furchtbar nett zu ihm.

Aber er war ein erfolgreicher Geschäftsmann und gehörte mit seinem beträchtlichen Vermögen zu den einflussreichsten Männern in den Vereinigten Staaten. Auch wenn er nicht für den CIA arbeitete, war er ein ausgezeichneter Scharfschütze und ein Fachmann für Sprengsätze. Solche Männer konnten nichts weniger brauchen als Mitleid.

Entschlossen stand er auf und zog sein Jackett glatt. „Nein, es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sache durchzustehen.“

„Was wirst du ihr sagen?“

„Was immer ich Evie sagen muss, damit sie ganz schnell wieder verschwindet, Teufel noch eins. Aus meinem Büro und aus meinem Leben.“

Evie Montgomery hatte schon fast vergessen, dass sie eine Abneigung gegen Kaschmir hatte, weil die Wolle immer so kratzte, vor allem im Nacken.

Nun war aber der zwölf Jahre alte lavendelblaue Kaschmirpullover das teuerste und exklusivste Stück ihrer Garderobe. So hatte sie ihn vor zwei Tagen zusammen mit dem passenden Rock aus dem hintersten Winkel ihres Kleiderschranks hervorgeholt und zum Lüften aufgehängt. Ihr war nämlich klar geworden, dass sie das Treffen mit Quinn nur durchstehen konnte, wenn sie sich so schick und schön machte, wie es nur ging.

Aber als Evie jetzt in der elegant aufgemachten Büroetage von McCain Security wartete, musste sie sich zusammenreißen, um sich nicht zu kratzen. Sicher spielte auch ihre Nervosität eine Rolle. Immerhin würde sie Quinn zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren wiedersehen. Auf keinen Fall wollte sie ihm mit zerkratzter Haut gegenübertreten.

Wenn er mich eigentlich gar nicht sehen möchte, dachte sie besorgt. Dann kann die nächste Viertelstunde oder so verdammt unangenehm werden, vor allem wenn ich ihn um fünfzigtausend Dollar bitte.

Bevor sie sich die peinliche Szene weiter ausmalen konnte, ging die Tür von Quinns Büro auf. Der ernste Mann, den sie vor ein paar Minuten hatte hineingehen sehen, kam wieder heraus und musterte sie abschätzig. Auf einmal hatte sie das Gefühl, dass er mit Quinn über sie gesprochen hatte. Großartig, ging es Evie durch den Kopf. Als wäre ich nicht schon nervös genug.

Gleich darauf wandte sich die Sekretärin vom Empfang an sie. „Mrs. Montgomery, Mr. McCain lässt jetzt bitten.“

Aufs Äußerste angespannt, betrat Evie das Büro ihres Exmannes. Sie bekam kaum mit, dass die Sekretärin ihr einen Kaffee anbot. Danach stand Evie jetzt auch wirklich nicht der Sinn. Sie konzentrierte sich ganz auf ihre Mission.

Aber in dem Moment, als sie Quinns Gesicht sah, wusste sie, dass es ein Fehler war, ihn überhaupt zu treffen. Sie gab jede Hoffnung auf, dass er verwunden hatte, was damals geschehen war, dass er ihr vielleicht sogar verziehen hatte. Seine Miene spiegelte reinen Hass.

Nicht nur das: Seine ganze Haltung wirkte feindselig. Lauernd stand er hinter seinem Schreibtisch. Dennoch wirkte er, wie immer, kühl und gefasst. Es hätte auch nicht zu Quinn gepasst, seinem Ärger offen Luft zu machen.

Evie war wahrscheinlich der einzige Mensch, der hinter seine Fassade blicken konnte, weil sie ihn seit ihrer Schulzeit kannte. Ihr war völlig klar, dass sich dahinter schäumende Wut verbarg.

Er war nicht darüber hinweggekommen, dass sie die Ehe annulliert hatte, und würde ihr niemals verzeihen. Daher würde es ihm auch nicht einfallen, ihr das Geld zu leihen. Ja, sie konnte froh sein, wenn er nicht den Sicherheitsdienst rief, um sie aus seinem Büro werfen zu lassen.

Fast hätte Evie angefangen, hysterisch zu lachen. Ob die Chefs von Sicherheitsfirmen selbst Bodyguards haben?, ging es ihr plötzlich durch den Kopf.

Quinn sah wirklich nicht so aus, als würde er Schutz brauchen. Mit den Jahren waren seine Schultern breiter geworden. Sein ganzer Körper, der damals lang und schmal wie der eines Profischwimmers gewesen war, wirkte kräftiger und muskulöser.

Nein, er brauchte niemanden, um sie vor die Tür zu setzen. Das würde er spielend selbst schaffen, und vielleicht würde es ihm sogar Spaß machen. Aber dazu war seine Selbstbeherrschung viel zu groß.

Worauf warte ich noch? dachte Evie. Es wird nicht leichter werden.

Sie begann, den Text aufzusagen, den sie seit Tagen eingeübt hatte. „Hallo, Quinn! Wir haben uns lange nicht gesehen.“

Ohne eine Miene zu verziehen, nickte er ihr kurz zu. „Evie.“

„Wie geht es dir?“

„Lass uns die Höflichkeitsfloskeln sparen. Du wärst nicht hier, wenn du nicht etwas von mir wolltest.“

„Du hast recht.“ Evie deutete auf den Stuhl vor Quinns Schreibtisch. „Darf ich mich setzen?“

Er schien einen Moment ernsthaft zu überlegen, bevor er nickte.

Wenn wir uns gegenübersitzen, wirkt er vielleicht nicht mehr so einschüchternd auf mich, sagte sich Evie. Er kam ihr vor wie ein Puma, der gleich zum Sprung über den Tisch ansetzen würde, um seine Beute zu reißen.

Aber ihre Hoffnung, mit ihm auf gleicher Augenhöhe zu sprechen, erfüllte sich nicht. Quinn blieb stehen, als sie sich setzte. Er griff nach seiner Kaffeetasse und stellte sich sogar noch breitbeiniger hin. Evie winkelte schnell die Beine an, um nicht mit seinen Füßen zusammenzustoßen.

Dann hörte sie seine eiskalte Stimme. „Ich sage es besser gleich: Was immer du von mir willst, ich werde es dir nicht geben.“

„Es ist aber nicht für mich. Ich hoffe, das macht auch für dich einen Unterschied.“

„Macht es nicht.“

Evie ließ sich nicht entmutigen. „Es ist für Corbin.“

„Mir ist egal, ob …“

Da sie nichts zu verlieren hatte, unterbrach sie ihn. „Ich brauche dich wirklich, Quinn. Du weißt doch, dass ich dich nicht um Hilfe bitten würde, wenn ich mich an jemand anderen wenden könnte.“

Als er nicht reagierte, fuhr sie fort: „Corbin ist in großen Schwierigkeiten, weil er sich von gewissen Leuten Geld geliehen hat. Es sind die Mendoza-Brüder. Ein Freund von mir, der bei der Polizei ist, hat mir erzählt, dass diese Monster …“ Evie brachte es nicht fertig, die furchtbaren Dinge zu wiederholen, die sie gehört hatte.

Offensichtlich waren die Mendoza-Brüder eine neue Größe in der Welt des organisierten Verbrechens von Dallas. Sie standen im Ruf, dreister und brutaler als alle Konkurrenten vorzugehen. Die Polizei hatte sie zwar in Verbindung mit einer Serie grausamer Morde gebracht, konnte ihnen jedoch nicht genug nachweisen, um ihnen den Prozess zu machen.

Evie klang genauso verzweifelt, wie sie sich fühlte. „Corbin sagt, dass sie ihm drohen, ihm einen Finger abzuschneiden. Aber ich denke, es könnte noch viel schlimmer werden. Er hat Angst, und ich habe große Angst um ihn.“

Tatsächlich kam Evie vor Angst um ihren Bruder fast um. Auch jetzt zitterte sie am ganzen Körper. Corbin war der Einzige von der Familie, der ihr geblieben war. Ihre Mutter hatte sie schon als Teenager verloren. Seitdem war die Beziehung zu ihrem Vater immer unerträglicher geworden, bis sie in offene Feindseligkeit ausgeartet war. Evie durfte nicht auch Corbin noch verlieren.

Einen Augenblick lang kam es ihr so vor, als wäre Quinns Gesichtsausdruck sanfter geworden. Dann reckte er sich und kam hinter dem Schreibtisch hervor, jedoch nur, um sich weiter von ihr zu entfernen. „Warum bist du zu mir gekommen? Ich soll wohl auf deinen Bruder aufpassen, Evie.“ Er machte eine abweisende Geste. „Wahrscheinlich meinst du, dass ich als Chef einer Sicherheitsfirma über Hunderte von Bodyguards verfüge. Aber das ist nicht die Art von Sicherheit, auf die ich spezialisiert bin.“

„Ich weiß schon, was du machst.“

Er zog eine Augenbraue hoch, als wollte er „Tatsächlich?“ fragen.

„Du machst Geld“, erklärte Evie unumwunden. „Sehr viel Geld.“

Diesmal zog Quinn beide Augenbrauen hoch. Evies Direktheit überraschte ihn.

„Ich verlange nicht von dir, dass du Corbins Problem löst“, fuhr sie fort.

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