Logo weiterlesen.de
Diese eine Nacht mit dir

Abby Green

Diese eine Nacht mit dir

1. KAPITEL

Was war nur los mit ihm? Rico Christofides gab sich alle Mühe, seine Gereiztheit zu verbergen und Interesse vorzutäuschen. Immerhin saß er mit einer der schönsten Frauen der Welt in einem der exklusivsten Restaurants Londons. Aber ihm war, als hätte jemand den Ton abgedreht. Alles, was er hörte, war das gleichmäßige Schlagen seines Herzens.

Nachdenklich betrachtete er Elena. Sie gestikulierte temperamentvoll und sprach etwas zu lebhaft. Immer wieder warf sie mit einer gekonnten Kopfbewegung die üppige rote Haarmähne über die eine Schulter und entblößte so die andere. Es sollte verführerisch wirken, tat es aber nicht.

Wie gut er all diese Tricks kannte! Jahrelang hatte er sie bei zahllosen Frauen gesehen, und das noch nicht einmal ungern. Aber im Augenblick verspürte er nach der Frau ihm gegenüber kaum Verlangen. Nachdem sicher war, dass er einige Tage in London verbringen würde, hatte er bei ihr angerufen. Jetzt bereute er es.

Beim Betreten des Restaurants hatte sein Blick eine der Kellnerinnen gestreift. Etwas an der Art, wie sie sich bewegte, ließ ihn aufmerken. Und plötzlich musste er an die einzige Frau in seinem Leben denken, die seine Schutzmauer durchbrochen hatte.

Für die Dauer einer Nacht.

Unwillkürlich ballte er unter dem Tisch die Hand zur Faust. Er war etwas durcheinander, das war alles. Elena sagte gerade etwas, und er lächelte zustimmend. Wie es schien, hatte er richtig reagiert, denn sie plapperte munter weiter.

In der Nacht, als er Gypsy begegnete, waren sie beide in demselben Club gewesen. Gypsy – ob das überhaupt ihr richtiger Name war? Er hatte ihr seinen Namen verraten wollen, doch sie legte ihm den Finger auf die Lippen und sagte mit Nachdruck: „Ich will nicht wissen, wer du bist. Das spielt heute Nacht keine Rolle.“

Er war skeptisch gewesen. Entweder wusste sie verdammt gut, wer er war – schließlich hatte er seit Tagen in den Boulevardblättern für Schlagzeilen gesorgt –, oder aber … Unwillkürlich hatte er geschwiegen und sie nur angeschaut. Sie sah zauberhaft aus. So jung und frisch … und so unverdorben. Und da hatte er zum ersten Mal Zynismus und Misstrauen beiseitegeschoben. „Okay, kleine Verführerin, wie wäre es nur mit den Vornamen?“

Bevor sie etwas sagen konnte, streckte er ihr die Hand hin und stellte sich mit einer ironischen Verbeugung vor. „Rico … zu deinen Diensten.“

Sie legte ihre kleine Hand in die seine und sagte lange Zeit nichts. „Ich bin Gypsy“, erwiderte sie endlich leise.

Ein erfundener Name, klar. Er hatte grinsen müssen. „Gut, spiel ruhig deine kleinen Spielchen, wenn du willst … Im Augenblick interessieren mich ganz andere Dinge als dein Name …“

Blitzartig durchzuckte ihn die Erinnerung an zwei Herzen, die im gleichen Rhythmus schlugen, an schweißnasse Haut und den schlanken Körper jener Frau. An ihre enge, samtweiche Umarmung. Er hatte gespürt, wie ihr Körper bebte, hatte ihr immer heftiger werdendes Stöhnen gehört. Damals hatte er sich hingegeben, wie er sich niemals zuvor und auch nicht danach einer Frau hingegeben hatte.

„Rico, Liebling …“ Elena spitzte schmollend die viel zu roten Lippen. „Du bist ja meilenweit weg. Sag jetzt bitte nicht, dass du an deine langweilige Arbeit denkst.“

Meine langweilige Arbeit und die Millionen, die ich damit verdiene, sind doch der Grund, warum sich Frauen wie Elena von mir angezogen fühlen, dachte er zynisch.

Die Frau von damals war die Einzige gewesen, die nicht völlig aus dem Häuschen geraten war, nur weil er sie sich ausgesucht hatte.

Ganz im Gegenteil. Sie hatte gehen wollen. Und am nächsten Morgen war sie auch verschwunden, nachdem er sie wie ein dummer, unerfahrener Junge einfach allein zurückgelassen hatte. Heute bereute er sein Verhalten. Dabei bereute er doch sonst nie etwas.

Er zwang sich zu einem Lächeln und griff über den Tisch hinweg nach Elenas Hand. Elena schnurrte förmlich, als er ihre Finger umfasste. Schon öffnete er den Mund, um ihr ein belangloses Kompliment zu machen, als eine Kellnerin am Tisch vorbeiging. Sein Körper reagierte sofort auf die Frau. Es war, als würde er etwas spüren, was sein Gehirn noch gar nicht registriert hatte. Rico blickte auf. Es war die Kellnerin, die ihm schon beim Eintreten aufgefallen war. Die Kellnerin, die einen wahren Sturm der Erinnerungen in ihm wachgerufen hatte.

War er jetzt dabei, vollkommen verrückt zu werden? Ein Duft wehte zu ihm herüber, der ihm irgendwie bekannt vorkam. „Was für ein Parfüm benutzt du?“, fragte er beiläufig seine Begleiterin.

Mit verführerischem Lächeln hielt Elena ihm ihr Handgelenk zum Schnuppern hin. „Poison … gefällt es dir?“

Er beugte den Kopf vor, aber noch bevor ihm der Duft richtig in die Nase stieg, wusste er, dass es der falsche war. Wie unter Zwang hob er den Kopf, und sein Blick fiel auf die Kellnerin. Mit dem Rücken zu ihm nahm sie am Nebentisch eine Bestellung entgegen. Dieser Duft! Er erinnerte ihn an … Abrupt zog Elena ihre Hand zurück und stand demonstrativ auf. Sie gab sich keine große Mühe, einen beleidigten Seufzer zu unterdrücken. „Ich gehe mir mal die Nase pudern“, meinte sie und strich sich gekonnt über die in teure Seide gehüllten Hüften. „Wenn ich zurückkomme, bist du hoffentlich nicht mehr so zerstreut.“

Er sah ihr noch nicht einmal hinterher. Der schmale Rücken der kleinen Kellnerin nahm seine ganze Aufmerksamkeit gefangen. Sie hatte eine ganz reizende Figur. Einen festen Po, der von dem engen schwarzen Rock noch betont wurde. Schlanke, wohlgeformte Schenkel und schmale Fesseln. Die Füße steckten in flachen schwarzen Schuhen. So weit, so schlicht.

Sein Blick wanderte über die einfache weiße Bluse, unter der man den BH erahnen konnte, hin zu den Haaren. Sie hatten die Farbe von dunklem Honig und waren sehr lockig. Die Frau hatte sie im Nacken zu einem festen Knoten geschlungen. Was für eine wilde Lockenmähne sie haben musste, wenn sie den Knoten löste! Eine ähnliche wie – leise fluchend schüttelte er den Kopf. Wieso um alles in der Welt verfolgten ihn heute Abend diese Erinnerungen?

Als die Frau sich leicht zur Seite drehte, konnte Rico einen Blick auf ihr Profil werfen. Eine kleine, gerade Nase, ein energisches Kinn und ein voller Mund, konnte man nicht sogar die leichte Andeutung einer Zahnlücke erkennen?

Die Gewissheit traf ihn wie ein Blitz. Sie war es!

Endlich drehte sie sich um. Die großen Menükarten unter den Arm geklemmt, kritzelte sie im Näherkommen auf ihren Bestellblock. Bevor er noch wusste, was er tat, sprang Rico freudig erregt auf und hielt die Frau am Arm fest.

Zuerst verstand Gypsy nicht, was los war. Sie merkte nur, dass jemand sie am Arm festhielt. Sie wollte schon protestieren – da sah sie in diese stahlgrauen Augen.

Wie gelähmt stand sie da und bekam keine Luft mehr.

Der Protest erstarb auf ihren Lippen, und sie blinzelte ungläubig. Das konnte unmöglich er sein. Sie spürte, wie alle Farbe aus ihrem Gesicht wich, und die Geräusche drangen nur noch wie von weit her an ihr Ohr.

Er war es wirklich. Das war der Mann, der sie seit fast zwei Jahren in ihren Träumen verfolgte. Rico Christofides, halb Grieche, halb Argentinier, millionenschwerer Unternehmer und bereits zu Lebzeiten eine Legende.

„Du bist es wirklich!“ Er sprach aus, was sie dachte.

Sie sah die sturmgrauen Augen, die sich in ihre Seele brannten, das rabenschwarze Haar, die leicht gebogene Nase, die dunklen Brauen, das energische Kinn … das alles war ihr so vertraut. Nur in einem waren ihre Träume ihm nicht gerecht geworden. Er war viel größer, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Und da war er wieder, der Schmerz. Der Schmerz darüber, dass dieser Mann am nächsten Morgen so schnell aus ihrem Leben verschwunden war. Nichts als eine kurze Nachricht hatte er zurückgelassen. Sie lautete: Das Zimmer ist bezahlt. R.

Rico stand regungslos da, und Gypsy konnte den Blick nicht von ihm wenden. In diesen Minuten stürzte ihre so mühsam aufgebaute Welt in sich zusammen.

„Rico? Stimmt etwas nicht mit unserer Rechnung?“

Eine weibliche Stimme. Benommen dachte Gypsy, dass sie wohl der bildschönen Rothaarigen gehörte, die ihr schon zuvor aufgefallen war.

Rico achtete nicht auf die Frau. „Du bist es wirklich“, sagte er leise.

Irgendwie brachte Gypsy es fertig, den Kopf zu schütteln und sich von seinem Griff zu befreien. Wieso erinnerte sich einer wie er überhaupt an sie? Sie hatten doch nur eine einzige Nacht zusammen verbracht. Und wieso reagierte sie immer noch mit allen Sinnen auf ihn?

„Tut mir leid. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“

Gypsy ließ ihn stehen und flüchtete in den Personalwaschraum. Über das Waschbecken gebeugt, atmete sie tief durch. Schweißnass und fröstelnd hatte sie nur noch ein Bedürfnis: Nichts wie weg!

Nach jener gemeinsamen Nacht hatte sie feststellen müssen, dass sie schwanger war. Und ihr war klar geworden, dass sie Rico Christofides irgendwann von seiner Tochter erzählen musste. Seiner fünfzehn Monate alten Tochter, deren Augen die gleiche Farbe haben wie die ihres Vaters.

Gypsy erinnerte sich noch gut an das Entsetzen, das sie gepackt hatte bei dem Gedanken, Mutter zu werden. Aber auch daran, dass sie sofort eine tiefe Verbundenheit mit dem kleinen Wesen verspürte, das da in ihr heranwuchs. Gleichzeitig war der Wunsch in ihr erwacht, ihr Kind zu beschützen. Sie wusste ja, wie Rico Christofides mit Frauen umging, die es wagten, ihn als Vater ihres Kindes zu nennen.

Also hatte sie schweren Herzens beschlossen, Lola allein aufzuziehen. Sie wollte in einer starken, unabhängigen Position sein, wenn sie später einmal mit Rico zusammentreffen würde. Ihr Job als Kellnerin, wenn auch in einem vornehmen Restaurant, bot ihr keine gute Ausgangsposition für die Auseinandersetzung mit einem so mächtigen Mann.

Kurz entschlossen traf sie eine Entscheidung, aber sie hatte kein gutes Gefühl dabei. Sie spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht und ging zu ihrem Chef.

„Bitte, Tom!“ Sie hasste es zu lügen, aber ihr blieb keine andere Wahl.

„Ich muss nach Hause zu Lola. Es … es ist etwas passiert.“

Ihr Chef fuhr sich mit der Hand durch das kurz geschnittene blonde Haar. „Lieber Himmel, Gypsy, Sie wissen doch, dass wir nicht genug Leute haben. Kann das nicht noch eine Stunde warten, bis wenigstens der größte Ansturm hinter uns liegt?“

Gypsy fühlte sich miserabel, aber sie schüttelte den Kopf und band bereits ihre Schürze ab. „Es tut mir leid, Tom. Wirklich – Sie können es mir glauben.“

Er machte ein ernstes Gesicht, verschränkte die Arme, und Gypsy überkam ein mulmiges Gefühl. „Mir auch, Gypsy. Es fällt mir schwer, Ihnen das zu sagen, aber so geht es nicht weiter. Während der letzten zwei Wochen sind Sie fast jeden Tag zu spät gekommen.“

Gypsy wollte darauf hinweisen, wie schwierig es war, bei wechselnden Arbeitszeiten immer einen Babysitter für Lola zu bekommen. Aber Tom schnitt ihr das Wort ab.

„Sie machen Ihre Arbeit gut. Aber es stehen Hunderte Schlange, um hier einen Job zu bekommen. Und die werden mich sicher nicht so im Stich lassen wie Sie.“

Er holte tief Luft. „Ich fürchte, Sie sind Ihren Job los, wenn Sie jetzt gehen.“

Gypsy sah Tom an und schüttelte traurig den Kopf. Zum Glück hatte sie ein paar Ersparnisse. Vielleicht würden die sie über die nächsten Wochen retten. „Ich habe keine andere Wahl. Tut mir leid.“

Es dauerte eine ganze Weile, dann trat ihr Chef einen Schritt zurück und breitete bedauernd die Arme aus. „Mir auch, Gypsy. Denn Sie lassen mir keine Wahl.“

Wortlos packte sie ihre Sachen zusammen und trat durch die Hintertür auf die dunkle, nasse Gasse hinter dem Luxusrestaurant.

Später an diesem Abend stand Rico, die Hände in die Hosentaschen vergraben, an dem riesigen Fenster seiner Penthouse-Wohnung im Zentrum Londons. Sein Puls raste immer noch. Der Grund dafür war allerdings nicht die schöne Rothaarige, von der er sich etwas überstürzt verabschiedet hatte. Der Grund war die hübsche Kellnerin, deren plötzliches Verschwinden ihn völlig durcheinanderbrachte.

Rico zog eine Grimasse. Er begehrte sie immer noch!

Dieses übergroße Verlangen und der überwältigende Wunsch, sie zu besitzen, hatten ihn vor zwei Jahren die Flucht ergreifen lassen. Normalerweise kannte er solche Gefühle nicht. Aber heute Abend hatte es ihn wieder erwischt. Warum nur war sie vor ihm davongelaufen?

Er zog einen Zettel aus der Tasche. Der Restaurantchef hatte ihm ihren Namen genannt. Jetzt hatte er also Gypsy Butlers Adresse – wie es schien, hieß sie wirklich so. Er lächelte. Er würde schon noch herausfinden, was ihn an dieser Frau so anzog, mit der er nur eine einzige Nacht verbracht hatte. Und warum, zum Teufel, sie es für nötig hielt, vor ihm davonzulaufen.

Am nächsten Morgen ging Gypsy im Nieselregen vom Supermarkt nach Hause. Die schlafende Lola schob sie in einem schon ziemlich ramponierten Buggy vor sich her.

Kurz hintereinander war das eingetreten, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte: Sie war Rico Christofides begegnet, und sie hatte ihren Job verloren.

Beim Gedanken an Rico bekam sie sofort wieder weiche Knie.

Er sah noch genauso umwerfend gut aus wie zwei Jahre zuvor in der überfüllten Disco.

Damals war sie gerade dabei, ein neues Leben zu beginnen. Viel Leid und Kummer lagen hinter ihr. Für einen erfahrenen Charmeur wie Rico Christofides war sie eine leichte Beute gewesen.

Allerdings hätte sie sich sicher nicht für ihn interessiert, wenn er so angezogen gewesen wäre wie die anderen – schickes Hemd, Blazer und gebügelte Chinos. Aber er sah ganz anders aus, trug T-Shirt und ausgewaschene Jeans. Und die betonten seine schmalen Hüften und die kräftigen Schenkel so, dass es fast unanständig war. Er besaß eine so umwerfend sinnliche Ausstrahlung, dass alle Männer in seiner Umgebung blutarm wirkten.

Das allein hätte ihn allerdings nur zu einem bemerkenswert gut aussehenden Mann gemacht. Aber da war dieser durchdringende Blick gewesen, mit dem er sie angeschaut hatte. Ein dunkler, elektrisierender Blick, der Gypsy, die gerade allein auf der Tanzfläche tanzte, wie vom Blitz getroffen erstarren ließ.

Als sie draußen am Club vorbeigegangen war, hatte sie die laute Musik gehört und plötzlich Lust bekommen, sich auf der Tanzfläche auszutoben. Endlich war sie von ihrem verstorbenen Vater und seiner Kontrollsucht losgekommen. Das wollte sie feiern. Sechs Monate zuvor war er gestorben. Bei seinem Tod hatte sie nichts gefühlt. Wie sollte sie auch um einen Mann trauern, der ihr nie auch nur die kleinste Zuneigung gezeigt hatte?

Als dann dieser blendend aussehende Fremde auf sie zukam, konnte sie plötzlich nicht mehr klar denken. Er sah zu gut aus, zu geheimnisvoll, zu sexy. Und der Blick, mit dem er sie ansah, erschreckte sie zutiefst.

Wie verzaubert hatte sie sich nicht rühren können, bis er dicht vor ihr stand. Es war, als würde sich etwas Schicksalhaftes zwischen ihnen abspielen. Als würde dieser Mann sie für sich fordern.

„Wieso haben Sie aufgehört zu tanzen?“ Seine tiefe Stimme mit dem deutlichen Akzent übertönte den hämmernden Beat.

Ein Ausländer also. Der Blick seiner stahlgrauen Augen, deren Farbe sich von der dunkel getönten Haut abhob, jagte ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken. In dem Moment rempelte sie jemand an, und sie taumelte dem Fremden in die Arme. Als er sie schützend festhielt und an sich drückte, konnte sie spüren, wie muskulös sein Körper war. Allein seine Nähe gab Gypsy das Gefühl, in Flammen zu stehen.

Plötzlich hatte sie echte Angst empfunden. Sie fürchtete nicht um ihre Sicherheit, sie fürchtete um ihren Verstand. „Ich wollte gerade gehen“, stieß sie mit gepresster Stimme hervor und schob ihn heftig von sich.

„Aber Sie sind doch gerade erst gekommen.“

Also beobachtete er sie schon seit ihrem Eintritt! Wenn sie daran dachte, wie selbstvergessen sie getanzt hatte, wurde ihr ganz schwach.

„Wenn Sie unbedingt gehen wollen, komme ich mit“, meinte er.

Seine kühle, arrogante Art machte Gypsy sprachlos. „Aber Sie … Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Dann tanzen Sie jetzt mit mir, und ich lasse Sie gehen.“ Die Tatsache, dass er ihr nicht schmeichelte und auch nicht mit ihr flirtete, verlieh seinen Worten einen Zauber, dem sie nicht widerstehen konnte.

Sie erinnerte sich noch an ihren hilflosen Versuch, ihm zu widerstehen. Am Ende hatte sie dann doch in seinen Vorschlag eingewilligt – nur, damit er sie danach gehen ließ.

Der Tanz bewirkte genau das Gegenteil. Nachdem er so eng mit ihr getanzt hatte, dass sie vor Hitze und Verlangen glühte, beugte er sich zu ihr nieder und flüsterte: „Soll ich dich immer noch gehen lassen?“ Zu ihrer Schande musste sie gestehen, dass sie den Kopf geschüttelt hatte. Es war einfach Schicksal gewesen. Sie begehrte ihn so sehr, wie sie in ihrem ganzen Leben noch niemanden begehrt hatte.

Sie ließ es zu, dass er sie bei der Hand nahm und aus dem Club führte. An diesem Tag hatte sie endlich alles hinter sich gelassen, was sie an ihren Vater band, und dieser Mann erschien ihr wie das Symbol ihrer neuen Freiheit.

Sie ließ es zu, dass er sie verführte … und sie dann am nächsten Morgen fallen ließ wie ein Stück Dreck. Wie billig sie sich gefühlt hatte, als sie seinen Zettel las! Es hatte nur noch das berühmte Bündel Banknoten gefehlt.

Warum musste sie ausgerechnet jetzt daran denken, dass sie sich von diesem Kerl hatte verführen lassen? Der Verkehr stoppte, und Gypsy überquerte die Straße. Er hat sich an dich erinnert … Ihr war klar, dass jede andere Frau diese Tatsache höchst befriedigt zur Kenntnis genommen hätte. Bei ihr löste sie nur Panik aus.

Sie war fast zu Hause. Beim Einbiegen in ihre Straße ergriff sie die altbekannte Verzweiflung. Überall heruntergekommene Häuser. Auf den Treppen der Eingänge lungerten Jugendliche herum, die sich für nichts zu interessieren schienen. Sosehr es ihr selber egal war, wo sie lebte, ihre Tochter hätte sie gerne woanders großgezogen. Es bekümmerte sie, dass ihr Kind in einem so heruntergekommenen Stadtteil leben musste. Selbst den Kinderspielplatz um die Ecke hatten Vandalen zerstört. Sie seufzte tief. Dabei hätte sie in einer viel besseren Gegend leben können. Aber sie hatte keinen Cent vom Geld ihres Vaters haben wollen.

Die glänzende schwarze Luxuslimousine mit den getönten Scheiben hätte einem der Gangster gehören können, die diese Gegend kontrollierten. Aber Gypsy wusste sofort, dass Welten zwischen diesem Auto und den Autos jener Männer lag. Die konnten höchstens davon träumen, jemals so einen Wagen zu fahren.

Während sie näher kam, schwang die hintere Tür auf. Gypsys Herz begann wild zu schlagen, als eine große, dunkle, kräftig gebaute Gestalt ausstieg und sich lässig wie ein Panther in der Sonne reckte.

Nur ein paar Meter von ihr entfernt stand Rico Christofides.

2. KAPITEL

Gypsy trug heute das, was sie immer trug: Ausgebeulte Jeans aus einem Secondhand-Laden und gegen die Januarkälte mehrere alte Pullover übereinander. Außerdem Turnschuhe und einen Parka, ebenfalls secondhand. Ihre wilde Lockenmähne hatte sie unter einer Mütze versteckt, die sie sich tief über die Ohren gezogen hatte. Er dagegen, im langen, schwarzen und sehr teuer aussehenden Mantel, unter dem man den Maßanzug erahnen konnte, war von Kopf bis Fuß der erfolgreiche Großindustrielle.

Sie sah, wie er die grauen Augen zusammenkniff. Sicher bereute er jetzt seinen spontanen Entschluss, sie zu suchen. Als sein Blick auf den Kinderwagen fiel, unter dessen Regenschutz Lola schlief, begann Gypsys Haut zu kribbeln.

Oh Gott, würde er merken, dass sie seine Tochter war?

Ach was, wie sollte er? Ganz im Gegenteil, er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um zu beweisen, dass das Kind nicht von ihm war. Schließlich hatte er so etwas ja schon einmal getan. Stünde seine Vaterschaft allerdings fest, dann würde er Lola unter seine Kontrolle bringen, wie es ihr Vater mit ihr getan hatte, als ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als sie anzuerkennen.

Rico und ihr Vater kamen nämlich aus der gleichen Welt. Es war die Welt der mächtigen Männer, die Erfolg hatten, weil sie keine Rücksicht kannten.

Als sie damals seinen Namen erfuhr, hatte sie nicht glauben wollen, dass sie ihn nicht gleich erkannt hatte. Sie erinnerte sich sogar noch an die verbitterten Worte ihres Vaters. „Wenn du mich schon für skrupellos hältst, dann gehst du Rico Christofides am besten aus dem Weg. Der Mann ist kalt wie eine Hundeschnauze. Wenn ich ihn fertigmachen könnte, würde ich es tun. Aber der Bastard würde noch von den Toten auferstehen, um mir den Prozess zu machen. Ich gäbe etwas drum, seine Arroganz am Boden zu sehen …“

Gott sei Dank war sie in dieser schäbigen Aufmachung. Sie würde ihn davon überzeugen, dass er sich getäuscht hatte. Dann würde er wieder in seine Luxuslimousine steigen und verschwinden. Bis zu dem Tag, an dem sie bereit war, ihm entgegenzutreten. Mit neu gewonnener Sicherheit ging sie weiter.

Rico betrachtete die Frau, die auf ihn zukam. War das wirklich sie? Von Weitem sah sie äußerst unscheinbar aus, ganz ohne Make-up und Schmuck. Und blass war sie. Sie trug irgendeine unförmige Kleidung, die aussah, als käme sie aus der Mülltonne.

Und sie hatte ein Kind! Hatte er sich doch getäuscht? Vielleicht war die Übereinstimmung des Namens reiner Zufall? Er suchte bereits nach einer Entschuldigung für sein Auftauchen.

Doch dann kam sie näher, und alle Vorbehalte lösten sich in nichts auf, als sein Körper mit hilflosem Verlangen auf sie reagierte. Sie war es!

Er erkannte die feinen Gesichtszüge, den vollen Mund und den offenen Blick der grünen, von langen dunklen Wimpern umrahmten Augen. Und ihr Haar! Es quoll in wilden Locken unter der schäbigen Mütze hervor. Alles erinnerte ihn an damals. Er war schlechter Laune gewesen, und er hatte schon gehen wollen, da war sie zur Tür hereingekommen. In engen Jeans und Top. Sie war so ganz anders gewesen als die sorgfältig gestylten Frauen. Auf ihrem Gesicht hatte ein Ausdruck gelegen, als würde sie von inneren Dämonen gejagt. Wie gut er dieses Gefühl kannte!

Unter dem dünnen Shirt zeichneten sich feste Brüste ab. Ohne zu zögern, war sie auf die Tanzfläche gegangen und hatte völlig versunken angefangen zu tanzen. Hingebungsvoll und voller Grazie. Rico verfügte über eine Menge Erfahrung mit Frauen. Doch etwas an dieser geschmeidigen, sinnlichen kleinen Person verzauberte ihn mehr als jede rehäugige Schönheit aus seiner Bekanntschaft. Mit ihren wilden honigfarbenen Locken strahlte sie etwas Stürmisches und Ungebundenes aus.

Sie war schlichtweg hinreißend gewesen. Und sie war es immer noch. Aber wie konnte sie in einem solchen Stadtteil wohnen! Es war eine gefährliche Gegend. Rico verstand selbst nicht, wieso er sich darüber aufregte. Normalerweise weckten Frauen in ihm keine Beschützerinstinkte.

Jetzt stand Gypsy vor ihm, und er vergaß völlig, dass er sich mit einer Entschuldigung aus dem Staub hatte machen wollen.

Gypsy beschloss, so zu tun, als wäre er ein Fremder für sie.

„Entschuldigung, Sie versperren mir den Weg.“

Er rührte sich nicht. Die grauen Augen sahen sie unverwandt an. Dieser Blick! Er ließ in Gypsy Bilder aufsteigen von zwei schweißnassen Körpern, die sich voller Leidenschaft liebten … Verzweifelt versuchte sie ihre Erinnerungen zu unterdrücken.

„Warum bist du gestern Abend davongelaufen?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Diese eine Nacht mit dir" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen