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Diese Nacht darf niemals enden

Julia James

Diese Nacht darf niemals enden

PROLOG

Die warmen Strahlen der Herbstsonne fielen durch das Fenster auf den für zwei gedeckten Frühstückstisch in Alexas Wohnung in Notting Hill. Geschirr und Besteck waren mit Sorgfalt in Antiquitätenläden ausgewählt worden. In einer Kristallvase auf dem Tisch standen Herbstblumen. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee lag in der Luft – genau wie eine unerträgliche Anspannung. Alexa hätte aus Stein sein müssen, um sie nicht zu fühlen.

Bis zu diesem Moment war sie heiterer Stimmung gewesen, ja sogar sinnlicher. Morgens zum Liebesspiel aufzuwachen verlieh ihr immer ein Wohlgefühl, das den ganzen Tag und länger anhielt, selbst wenn sie abends – anders als heute – allein zu Bett ging.

An den Wechsel von einer Nacht voller Sinnlichkeit mit überwältigenden Empfindungen, die sie in ehrfürchtiges Erstaunen versetzten, zur kompletten Gefühlsabstinenz war sie inzwischen gewöhnt. Und so stand sie da, mit nichts anderem als einem Negligé aus blassgrüner Seide bekleidet und der Kaffeekanne in der Hand. Das lange, noch nicht frisierte Haar fiel ihr seidig über den Rücken. Und plötzlich stockte ihr der Atem, so als erinnere sich ihr Körper an die Flutwelle von Emotionen, die ihn gerade erst mit sich gerissen hatte.

Nicht, dass sie diese Emotionen je zeigen würde! Nein, sie zeigte nur die Leidenschaft, die Ausdruck dieser Emotionen war.

Für einen Moment, einen endlos langen Moment, lag Leere in ihrem Blick, dann klärten sich ihre Augen wieder. Alexa hatte akzeptiert – akzeptieren müssen –, dass das, was sie zurzeit bekam, alles war, was sie bekommen konnte. Diese kurze, unendlich wertvolle Zeit, in der sie vor Leben und Intensität glühte und die sie die faden langen Tage allein überstehen ließ, bis das Telefon klingelte und alles andere – Freunde, Arbeit, ihr ganzes Leben – wieder zweitrangig wurde.

Dann würde sie sich für eine Nacht oder manchmal – wenn auch leider nur selten – zwei oder mehr ganz dem Moment hingeben. Wenn das Telefon klingelte und der Anrufer sie zu einem Privatflugplatz bestellte und das Flugzeug sie in eine Weltmetropole, zu einer italienischen Villa, einer Skihütte in den Alpen oder einem Penthouse in Monaco brachte. Ganz gleich, wie lang oder flüchtig der Aufenthalt auch sein mochte.

War es unvernünftig, übereilt und unüberlegt von ihr? Natürlich war es das. Sie wusste es. Wusste es mit dem Teil von sich selbst, der noch gesunden Menschenverstand besaß und den anderen Teil von ihr eigentlich zähmen und kontrollieren müsste. Diesen anderen Teil beherrschten intensive Emotionen, Gedanken und Gefühlen, die als Inspiration für Alexas Leben und ihre Kunst unentbehrlich waren. Und doch wirkte ihr Erscheinungsbild nach außen hin immer kühl und gefasst.

Das war das Bild, das sie der Welt zeigte. Ein Bild, das sie ganz bewusst inszenierte. Nur wenige ihrer Freunde, die meisten aus der Kunstwelt, wussten, dass der äußere Eindruck von gelassener Ruhe lediglich dazu diente, ihr ungezähmtes und intensives Innenleben zu kaschieren. Ein Innenleben, das ein Ventil in den Bildern fand, die sie für sich selbst malte. Ansonsten sah jeder nur die stille Schönheit in ihr. Eine englische Rose mit zarter Haut und hellem Haar. Die wenigsten kannten das Feuer, das tief in ihr brannte.

Von Eltern erzogen, die ein überaus geordnetes Leben führten, war Alexa von Anfang an klar gewesen, wie sehr es die beiden überrascht haben musste, dass ihre einzige Tochter eine außergewöhnliche künstlerische Begabung zeigte, die sich schon zu Beginn der Schulzeit offenbarte. Nicht, dass sie ihr den Weg versperrt hätten. Aber sie schienen immer leicht perplex, dass ausgerechnet ihre Tochter sich der Kunst so sehr verschrieben hatte. Denn Kunst verbanden die beiden mit stürmischen Leidenschaften, extremen Emotionen und vor allem mit dem Hang, ein ungeordnetes und eher chaotisches Leben zu führen.

Vielleicht achtete Alexa darum so streng darauf, das genaue Gegenteil einer exaltierten Künstlerin zu sein – um ihren Eltern einen Gefallen zu tun. Sie führte ein ruhiges und geordnetes Leben und sparte sich die Emotionalität für ihre Kunst auf. Aber sie wusste auch, dass es ihr grundsätzliches Naturell war, sich ruhig und gelassen, ja reserviert, zu verhalten. Seit ihrem Examen an der Kunstakademie führte sie ihr professionelles Leben ebenso routiniert und geregelt wie ihr Privatleben.

Was die Männer betraf … Angezogen von ihrer porzellanen Schönheit kamen und gingen sie. Vor allem jedoch Letzteres, denn bislang war unter ihnen keiner gewesen, der Alexa etwas Besonderes bedeutet hätte. Auf diesem Gebiet hielt sie sich also ebenfalls zurück. Sie genoss die Gesellschaft einiger weniger Freunde, mit denen sie ins Theater, zu Konzerten und auf Aufstellungen ging. Ihr Herz jedoch hatte bisher niemand wirklich berührt, und auch körperlich war es niemandem gelungen, die Sinnlichkeit zu erwecken, die tief in ihr schlummerte.

Niemandem außer dem Mann, der jetzt in der Tür stand. Der Mann, bei dessen Anblick ihr jedes Mal der Atem stockte und ihr Puls in die Höhe schnellte.

So wie jetzt.

Er stand einfach da und dominierte mit seiner Präsenz den Raum, so wie er auch ihre Gedanken dominierte. Ein Meter achtzig pure Männlichkeit, gekleidet in einen makellos sitzenden, hellgrauen Anzug, ausgestattet mit der geschmeidigen Eleganz seines aristokratischen Erbes. Niemand würde Guy de Rochemont für einen Engländer halten. Dabei war sein französischer Nachname nur das zufällige Erbe seines komplizierten multinationalen Hintergrunds. Und nicht zuletzt dieser familiäre Hintergrund hatte das Bankhaus Rochemont-Lorenz zum Inbegriff für Reichtum, Prestige und Macht gemacht.

Guys Augen mit den ungewöhnlich langen Wimpern, die Alexa mit einem einzigen Blick in ein vor Lust machtloses Bündel verwandeln konnten, ruhten auf ihr. Wie immer fühlte sie die Kraft dieser Augen. Doch zum ersten Mal spürte sie auch noch etwas anderes. Etwas störte das Gleichgewicht der enormen Spannung, die zwischen ihnen herrschte.

Alexa wartete ab. Die Kaffeekanne noch immer in der Hand sah sie zu ihm, wie er weiter in die sonnendurchflutete Küche hineinkam. Doch plötzlich wirkte das Sonnenlicht gedämpfter und nicht mehr so warm. Eine Sekunde, so lang wie eine Ewigkeit, verging. Dabei dauerte sie nicht länger als ein Herzschlag.

„Ich muss dir etwas sagen.“ Guys Akzent war kaum hörbar, dennoch schwang eine schwache Andeutung all der Sprachen mit, mit denen er inmitten seiner internationalen Verwandtschaft aufgewachsen war – Französisch, Italienisch, Deutsch und noch ein halbes Dutzend anderer.

Alexa spürte das erste Beben eines Gefühls in sich, für das sie alles gegeben hätte, es nicht zu spüren. Sie konnte es nicht benennen, und das wollte sie auch nicht. Stattdessen wollte sie es ausblenden und ignorieren, weil es möglicherweise eine Tür aufstieß, hinter der etwas lag, das sie zerstören würde. Diese Tür durfte nie geöffnet werden, ganz gleich, was Guy auch sagen mochte.

Sie hörte seine Worte, klar und deutlich ausgesprochen, wie aus weiter Ferne, und doch schnitt jede Silbe wie ein Skalpell durch sie hindurch.

„Ich werde heiraten.“

Wie reglos sie dasteht, fast wie eine der Statuen dieser überbewerteten modernen Künstler, dachte er. Frau mit Kaffeekanne in Küche. Aber auch er schien erstarrt – oder zumindest sein Verstand. Er war in die Küche gekommen und hatte genau gewusst, was er ihr sagen musste, und was seine Worte bedeuteten.

Die Bedeutung war klar und eindeutig. Unvermeidlich.

Ihm war es völlig klar. Ihr auch?

Er musterte sie. Sie stand dort, als wäre die Zeit stehen geblieben. In den großen Augen, die ihn von Anfang an so fasziniert hatten, zeigte sich keine Regung. Absolut nichts. Es waren wunderschöne Augen in einem Gesicht, in dem selbst er mit seinen hohen Ansprüchen nicht den kleinsten Makel finden konnte. Ihre Figur perfektionierte ihre Schönheit und hatte sein Interesse sofort geweckt. Guy war berüchtigt für die Skrupellosigkeit, mit der er ein Ziel verfolgte, wenn sein Interesse erst einmal geweckt war.

Einige der Frauen, für die er sich interessiert hatte, waren der Ansicht gewesen, Spielchen spielen zu müssen, um ihn zu bezaubern, zu ermuntern oder – noch alberner – zu manipulieren. Zu seinem großen Entzücken hatte Alexa keine derartig lächerlichen Versuche unternommen. Sie hatte weder Zögern, Koketterie noch Verschlagenheit gezeigt, sondern die Bedingungen für die Affäre anstandslos akzeptiert, gleich von der ersten gemeinsamen Nacht an. Jene unvergessliche Nacht …

Erinnerungen flackerten in ihm auf, kleine Flammen im trockenen Unterholz. Er erstickte sie sofort. Dieses Feuer musste gelöscht werden, für immer. Es war nicht die Zeit für Erinnerungen, sondern für deutliche Worte.

Brutale deutliche Worte, falls nötig. Er musste sie aussprechen, nicht nur ihretwegen. Es durfte nicht das kleinste Risiko für ein Missverständnis geben.

Die Spannung füllte den Raum zwischen ihnen, seine Worte schnitten kühl und knapp durch die Stille.

„Wir werden uns nicht mehr sehen, Alexa.“

Noch einen Herzschlag lang stand die Zeit still. Eine Ewigkeit in einem Wimpernschlag. Dann, wie in einem Film, der stockend anlief, bewegte Alexa sich wieder. Sie füllte eine Tasse mit frischem Kaffee und bot sie dem Mann an, der nur einen Schritt von ihr entfernt stand.

Ein Schritt, und doch eine unüberbrückbare Entfernung.

„Natürlich“, erwiderte sie sachlich. „C’est bien entendu, so heißt es doch auf Französisch, nicht wahr? Trinkst du noch einen Kaffee, bevor du gehst?“

Kein Gefühl zeigte sich auf ihrer Miene. Sie würde sich kein Gefühl erlauben. Die Hand, mit der sie ihm die Tasse reichte, zitterte nicht. Kaffeedampf stieg zwischen ihnen in die Luft. Alexa schaute offen in sein Gesicht. Auch sein Gesicht verriet nicht das Geringste, so als hätte er nur eine unwichtige Floskel ohne jegliche Konsequenz geäußert.

Er nahm die Tasse nicht an, sondern sah Alexa nur mit undurchdringlicher Miene an. Aber sie versuchte gar nicht erst, darin etwas zu erkennen, und konzentrierte sich allein darauf, die Hand mit der Kaffeetasse ruhig zu halten. Noch eine Sekunde, dann stellte sie die Tasse wie in Zeitlupe auf den Tisch zurück. Dann erst wandte sie sich ihm wieder zu, im Blick nichts als ausgesuchte Höflichkeit.

„Ich hoffe, du erlaubst mir, dir Glück für die Zukunft zu wünschen.“ Ihre Stimme klang ebenso klar und ungetrübt, wie ihr Blick aussah.

Mit graziösen Bewegungen ging Alexa zur Tür. Das war nun also das Ende – der Kaffee unangerührt und eine Hochzeit in Aussicht. Ohne sich umzublicken, ob er ihr folgte, ging sie zur Wohnungstür und zog die Sicherheitskette zurück. Sie trat beiseite und öffnete die Tür für Guy. Er kam näher und hielt einen Moment inne, noch immer mit einer Miene, aus der sich keine Regung ablesen ließ.

„Danke“, sagte er.

Sein Dank könnte ihren Glückwünschen gelten, doch Alexa wusste, dass er sich für ihr gefasstes Verhalten bedankte.

Immer noch ruhte sein Blick auf ihr. „Es war gut, non?“

Lakonisch bis zum letzten Augenblick. Doch das beherrschte sie auch.

„Ja, das war es.“ Flüchtig strich sie mit den Lippen über seine Wange. „Ich wünsche dir alles Gute.“ Dann trat sie zurück. „Leb wohl, Guy.“

Ein letztes Mal blickten sie einander an. Dann nickte er knapp und ging.

Aus ihrem Leben.

Sie sah ihm nicht nach, sondern schloss stattdessen leise die Tür hinter ihm – sehr langsam, sehr bedacht. Anschließend lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen und starrte mit leerem Blick in ihre Diele. Kein Geräusch war zu hören, nicht einmal seine Schritte auf der Treppe.

Guy war fort. Die Affäre war vorbei.

Ihre Finger krümmten sich, die Nägel gruben sich schmerzhaft in ihre Handballen.

Die Limousine wartete vor dem Haus auf ihn. Guy hatte den Wagen bestellt, als er sich angezogen hatte. Weil er gewusst hatte, dass er ihn brauchen würde, sobald er Alexa gesagt hatte, dass er heiraten würde. Er hatte es lange genug aufgeschoben, so lange, bis es sich nicht mehr hatte vermeiden lassen. Sein Fahrer stieg aus und hielt den Wagenschlag für ihn auf, sobald er auf der Außentreppe erschien. Er stieg ein, ohne sich zu bedanken.

Mit starrer Miene lehnte er sich in die ledernen Polster der Rückbank. Es war erledigt. In seinem Leben gab es keine Alexa mehr. Sie würde nie wieder darin auftauchen.

Guy griff nach der Financial Times, die der Chauffeur für ihn bereitgelegt hatte, und begann zu lesen.

Weder auf seinem Gesicht noch in seinen Augen zeigte sich das geringste Gefühl.

Er würde sich kein Gefühl erlauben.

1. KAPITEL

Vor sechs Monaten …

„Darling! Du wirst nicht glauben, wen ich für dich an Land gezogen habe!“

Imogens Stimme überschlug sich vor Aufregung. Alexa, das Telefon zwischen Schulter und Ohr eingeklemmt, konzentrierte sich auf den Lichtreflex auf einem Blütenblatt, der sich als schwierig erwies.

„Alexa? Hast du überhaupt gehört, was ich sage? Du wirst nicht glauben …“

Wenn ihre Freundin und Agentin erst einmal in Schwung war, konnte niemand sie aufhalten, das wusste Alexa. Genau, wie niemand Alexa ans Telefon holen konnte, wenn sie malte – niemand außer Imogen.

„Wen?“, fragte sie also, weil sie wusste, dass Imogen darauf brannte, ihre theatralische Antwort vorzutragen.

„Er ist absolut faszinierend!“, sprudelte sie auch prompt hervor. „Lichtjahre entfernt von den üblichen Langweilern in den steifen Anzügen.“

Ein dramatischer Seufzer drang durch die Muschel. Alexa fragte sich kurz, wer Imogen so aufgeregt haben mochte, dann arbeitete sie weiter an dem Blatt. Wie aus der Ferne hörte sie die begeisterte Stimme durch das Telefon, aber sie achtete nicht wirklich auf die Worte. Imogen besaß nun einmal einen Hang zum Dramatischen.

Irgendwann wurde es still am anderen Ende. Dann rief Imogen: „Und? Bist du nicht hingerissen?“

Alexa runzelte abwesend die Stirn. „Was?“

Ein frustriertes Stöhnen drang an ihr Ohr. „Darling, kannst du mir nicht ein einziges Mal zuhören? Leg den Pinsel weg, wenigstens für zwei Minuten. Selbst du wirst beeindruckt sein, glaub mir. Guy de Rochemont hat angerufen. Nun, natürlich nicht er persönlich“, stellte Imogen richtig, „sondern seine Assistentin hier in London. Und jetzt will ich von dir hören, dass du beeindruckt bist.“ Ihre Stimme senkte sich und wurde leicht heiser. „Sag mir, dass es dir heiß und kalt über den Rücken läuft.“

„Warum sollte es mir heiß und kalt über den Rücken laufen?“

Noch ein frustrierter Seufzer. „Also ehrlich, Alexa. Bei mir brauchst du nicht Miss Unnahbar zu spielen, ich bin schließlich kein Mann. Und glaub nicht, dass dir das bei Guy de Rochemont gelänge. Der Mann ist unglaublich sexy. Du wirst ihm ebenso zu Füßen sinken wie der Rest der weiblichen Erdbevölkerung.“

Die Falte auf Alexas Stirn vertiefte sich. „Sollte ich den Namen kennen?“

Am anderen Ende ertönte ein schrilles Lachen. „Darling, du willst mir doch nicht weismachen …“

Nach wie vor hatte Alexa keine Ahnung, was Imogen mit diesem Anruf bezweckte. Sie beschloss, das Ganze abzukürzen. „Imogen, wer ist der Mann? Warum klingst du so überdreht, und was willst du überhaupt von mir?“

„Hast du etwa wirklich noch nie von ihm gehört?“, ächzte es ungläubig durch die Muschel. „Sein Bild prangt in allen Gesellschaftsmagazinen, natürlich nur in denen mit Niveau. Er steht ganz oben. Pure Klasse aus jeder Pore!“

„Du weißt, dass ich solche Zeitschriften nicht lese“, erwiderte Alexa. „Alles nur Schund.“

„Oh, entschuldige, ich vergaß“, spöttelte Imogen. „Wenn du deine reine Künstlerseele ab und zu mit solchem Schmutz besudeln würdest, wüsstest du, von wem ich spreche. Aber der Name Rochemont-Lorenz sollte sich eigentlich selbst bis in deine elitären Sphären emporgeschwungen haben.“

Bei dem Name klingelte tatsächlich etwas in ihrem Bewusstsein, wenn auch nur schwach. „Megareiche Bankiers, überall auf der Welt vertreten, reichen weit in die Geschichte zurück?“

„Genau die“, trällerte Imogen. „Eine von den ganz großen Dynastien auf der anderen Kanalseite. Sie schwimmen im Geld und haben seit zweihundert Jahren in jedem europäischen Land ein Vermögen gemacht. Die haben ein so dickes Polster im Rücken, dass sie sämtliche Kriege und Krisen überstanden haben. Und Guy de Rochemont ist der Finanzmagier, der die Bank in das einundzwanzigste Jahrhundert katapultiert hat. Der ganze Clan liegt ihm zu Füßen, weil er das Geld für sie scheffelt.“ Ihre Stimme bekam wieder diesen heiseren Ton. „Ich wette, es sind vor allem die weiblichen Clanmitglieder, die sich zu seinen Füßen tummeln – so wie unzählige andere Frauen. Ich bin ja praktisch schon am Telefon in die Knie gegangen, dabei habe ich nur mit der Assistentin gesprochen.“

Unglaublich, wie stark Imogen von diesem Guy beeindruckt war, wer immer er sein mochte. Alexa hatte auf jeden Fall noch nie von ihm gehört. „Worum genau geht es hier, Immie?“

„Worum es hier geht, Darling, ist, dass er Interesse bekundet hat, von dir portraitiert zu werden!“, antwortete Imogen dramatisch. „Wenn es ihm gefällt, bist du für immer eine gemachte Künstlerin, meine Süße. Du wirst dir aussuchen können, wen du dann malst. Keine steifen Anzüge mehr mit dicker Zigarre zwischen den Fingern, nur noch die Schönsten der Schönen. Die sind doch alle eitel wie die Pfauen. Du wirst im Geld schwimmen!“

Alexa zog eine Grimasse. Die Portraitmalerei war Imogens Idee. Schon vor Jahren, direkt nach dem Examen an der Akademie hatte ihre Kommilitonin und Freundin verkündet, dass sie nicht gut genug sei, um von der Kunst leben zu können, und darum lieber ins kommerzielle Management einsteigen werde.

„Du wirst meine erste Klientin“, hatte sie Alexa fröhlich informiert. „Ich werde das Geld für dich nur so scheffeln, du wirst schon sehen. Ab jetzt wird nicht mehr gehungert, um Farben und Leinwand bezahlen zu können!“

„Ich lege es gar nicht darauf an, mit meiner Kunst Geld zu verdienen“, erwiderte Alexa.

„Nun, nicht alle von uns können es sich leisten, so idealistisch zu sein“, lautete Imogens schnippische Antwort darauf. Doch als sie den verletzten Ausdruck in den Augen der Freundin sah, bereute sie ihre Worte sofort. Sie schlang die Arme um Alexa. „Tut mir leid. Ich mit meinem großen Mundwerk. Verzeihst du mir?“

Imogens Familie, groß, laut und warmherzig, hatte Alexa im ersten Semester nach dem Flugzeugabsturz ihrer Eltern aufgenommen und ihr geholfen, den Albtraum und den Verlust zu überstehen. Die Familie hatte nicht nur alles getan, um sie zu trösten, sondern sie auch tatkräftig darin unterstützt, ihr Erbe zu sortieren. Ein Vermögen war es nicht, aber vorsichtig investiert hatte das Geld es Alexa ermöglicht, eine Wohnung zu kaufen, Studiengebühren und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und noch eine Summe zurückzubehalten. So war sie nicht ausschließlich von den Erlösen ihrer Künstlerkarriere abhängig.

Nichtsdestotrotz stand Imogens Entschluss fest, die Freundin zu einem Star in der Kunstwelt zu machen. „Mit deinem Aussehen kann gar nichts schiefgehen. Du bist ein PR-Traum!“

„Ich dachte immer, es kommt vor allem darauf auf, ob ich gut bin oder nicht“, konterte Alexa trocken.

„Sicher, aber wir beide wissen doch, wie die Welt funktioniert. Gutes Aussehen ist da immer von Vorteil.“

Doch Alexa blieb unnachgiebig. Sie wollte nicht mehr Schein als Sein verkörpern. Was genau sie wollte, wusste sie allerdings auch nicht so recht. Sie mochte die verschiedensten Stile und Medien, und wenn sie mit etwas anfing, ging sie immer völlig in dem neuen Projekt auf. Einen klaren artistischen Weg sah sie jedoch nicht vor sich liegen.

Das war wohl auch der Grund, weshalb Imogen ihren Kopf bei den Portraits durchsetzte. Laut Imogen besaß Alexa ein besonderes Talent für Portraits. Als Dank für die viele Hilfe hatte Alexa Portraits von Imogens Familie gemalt, und Imogen war der Ansicht, dass es eine Schande wäre, ein solches Talent brachliegen zu lassen. Als Imogen kurz darauf tatsächlich zwei Aufträge ergattert hatte, war Alexa nach langem Zögern einverstanden gewesen, den Plänen der Freundin zu folgen. Jetzt, vier Jahre später, musste sie zugeben, dass es sich gelohnt hatte – zumindest in finanzieller Hinsicht.

Ihr großzügiges Wesen machte es ihr leicht, die Modelle im besten Licht zu zeigen. Angesichts der Tatsache, dass die Portraitierten immer korpulenter und älter wurden, je weiter Alexa auf der Honorarleiter nach oben kletterte, war das keine geringe Leistung. Nichtsdestotrotz machte es ihr Spaß, den Ausdruck von wacher Intelligenz, Lebenserfahrung und Charakterstärke auf die Leinwand zu bannen. Jene Eigenschaften, die diese Männer dorthin gebracht hatten, wo sie jetzt standen: in die obersten Unternehmenspositionen.

Darum war sie auch keineswegs begeistert über die Aussicht, ein Portrait von Guy de Rochemont malen zu müssen. So, wie Imogen ihn beschrieben hatte, handelte es sich um einen ausgemachten Playboy, der ein riesiges Vermögen geerbt hatte und jetzt durch die Welt jettete, um noch mehr Geld zu machen. Vermutlich war er verwöhnt, überheblich und als der neue glänzende Stern eines altehrwürdigen Bankhauses furchtbar von sich selbst eingenommen.

Außerdem hatte Imogen behauptet, dass er sexy war.

Alexa verzog den Mund. Reich, eingebildet und sexy. Na großartig. Er konnte ja nur der Unsympath des Jahres sein.

Dieses Vorurteil erhärtete sich einige Tage später, als Alexas erstes Treffen mit Guy de Rochemont, für das Imogen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, im letzten Moment abgesagt wurde. Die herablassende Stimme seiner Assistentin am Telefon zeigte Alexa genau, welche Stellung ihr zukam – die einer Bittstellerin, zweifelsohne nur einer von vielen.

Als Imogen später anrief, um sich atemlos nach dem Ablauf des Treffens zu erkundigen und zu erfahren, ob er in natura wirklich so sexy sei, sagte Alexa nur schlicht: „Das kann ich nicht beurteilen. Das Treffen wurde abgesagt.“

Sofort verfiel Imogen in die Rolle der verständnisvollen Trösterin. „Oh, Darling, er ist ja auch so beschäftigt. Ständig ergibt sich etwas Dringendes, um das er sich kümmern muss. Und seine Assistentin ist eine richtige Zicke. Also, auf wann ist das Treffen verschoben worden?“

„Ich weiß es nicht, und es ist mir auch gleich.“

„Wenn du wüsstest, wie lange ich daran gearbeitet habe, um diesen Termin für dich zu bekommen. Nun, wie dem auch sei, dann muss ich der Zicke eben Honig um den Bart schmieren und einen anderen Termin vereinbaren.“

Keine zehn Minuten später rief Imogen wieder an. „Volltreffer! Morgen Abend diniert er im Le Mireille. Er ist einverstanden, sich vor dem Essen kurz mit dir an der Bar zu treffen.

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