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Diese Lippen muss man küssen

1. KAPITEL

Verblüfft starrte Brad Price auf das winzige Mädchen, das ihn anstrahlte, während es energisch versuchte, sich seinen kleinen runden Fuß in den Mund zu stopfen. Wann hatte Sunnie ihr rosa Söckchen verloren? Vor kaum zwei Minuten waren sie im Texas Cattleman’s Club angekommen, und schon hatte sie einen nackten Fuß. Wie konnte man mit knapp sechs Monaten so schnell sein?

Ebenso ratlos starrte er auf die Papierwindel in seiner Hand. Was, um Himmels willen, hatte er sich nur dabei gedacht, als er sich bereit erklärt hatte, die Tochter seines verstorbenen Bruders bei sich aufzunehmen? Er hatte doch keine Ahnung, wie man mit einem Säugling umging. Eher noch könnte er ein Raumschiff zum Mond steuern …

Als er sich entschloss, Sunnie zu adoptieren, hatte er sogar daran gedacht, sich nicht mehr für die Präsidentschaft des TCC zur Wahl zu stellen. Aber er hatte vielen seiner Clubfreunde versprochen, sich aufstellen zu lassen. Und Versprechen hielt er grundsätzlich. Außerdem war er fest von den Werten überzeugt, für die der Club mit seinem starken sozialen Engagement stand, und hatte sich vorgenommen, Sunnie in ebendiesem Sinn zu erziehen. Zudem hatte er das, was der Club brauchte, nämlich immer einen kühlen Kopf. Und was die Zukunft der Organisation betraf, hatte er bereits einen soliden Plan ausgearbeitet.

Seit einigen Jahren ließ der Zusammenhalt der alten Garde und der jüngeren Mitglieder nach, und genau das wollte Brad verhindern. Ihm kam es auf die Solidarität und die gemeinsamen Ziele der Mitglieder an, etwas, was für den TCC immer wichtig gewesen war. Und er wollte, dass sie sich wie früher für ihre Heimatstadt Royal in Texas einsetzten und Verantwortung übernahmen.

Wenn er es allerdings nicht endlich schaffte, Sunnie die Windel zu wechseln, waren alle seine ehrenwerten Überlegungen vergebens. Denn dann würde er es nicht pünktlich zur Generalversammlung des Clubs schaffen, um seine Vorstellungen darzulegen. Und das hätte mit großer Wahrscheinlichkeit zur Folge, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Clubs eine Frau, die dazu noch das einzige weibliche Mitglied war, zur Präsidentin gewählt würde. Das konnte er auf keinen Fall zulassen!

Brad schloss die Augen und zählte bis zehn. Ich kann das. Schließlich hatte er einen Abschluss als Finanzplaner und hatte seinen Doktor an der Universität von Texas gemacht, sogar mit summa cum laude. Da wäre es doch gelacht, wenn er an so etwas Simplem wie Windelwechseln scheitern würde. Aber wie fing man die Sache an? Und wenn er das Kind von der alten Windel befreit und die neue zurechtgelegt hatte, wie sollte er die um Sunnies Bäuchlein befestigen?

Während er sich die alte Windel genau ansah, versuchte er sich zu erinnern, was ihm seine Haushälterin Juanita in Bezug auf dieses Problem geraten hatte. Doch da er in Gedanken noch an seiner Wahlrede gefeilt hatte, war er nicht besonders aufmerksam gewesen. Und nun war Juanita nicht mehr erreichbar, weil sie nach Dallas zur Geburt ihres dritten Enkelkindes geflogen war. Warum hatte er sich nur nichts aufgeschrieben? Oder zumindest besser zugehört?

Gerade als er sich entschlossen hatte, eine der weiblichen Angestellten des Clubs zu bitten, ihm zu helfen, hörte er, wie die Tür zum Garderobenraum aufgestoßen wurde. „Gott sei Dank …“, murmelte er vor sich hin, in der Hoffnung, dass jemand hereingekommen war, der mehr Ahnung vom Windelnwechseln hatte als er. „Würden Sie so nett sein und mir helfen?“

„Mit dem größten Vergnügen, Mr Price.“

Bei dem nur allzu vertrauten Ton dieser weiblichen Stimme wandte Brad sich hastig um. Ausgerechnet! Mit einem leicht ironischen Lächeln auf den vollen roten Lippen und vor der Brust verschränkten Armen lehnte Abigail am Türrahmen. Solange er denken konnte, waren Abigail und er in allen Lebensbereichen Rivalen gewesen. Und dass auch sie sich um die Präsidentschaft des Clubs bewarb, hatte ihn in den letzten Monaten besonders erbost. Dennoch erschien sie ihm in diesem Moment wie ein rettender Engel.

„Wie macht man denn dieses Ding bloß an dem Baby fest?“ Verstört hob er die Papierwindel hoch.

Lachend zog Abby ihren Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. „Willst du etwa behaupten, dass der große Bradford Price vor einem Problem steht, das er nicht mit seiner beeindruckenden Logik lösen kann?“

Natürlich nutzte sie die Situation aus, um sich über ihn lustig zu machen … Doch er beherrschte sich und grinste nur leicht. „Sehr witzig, Abby. Willst du mir nun helfen oder nicht?“

Lächelnd trat sie an das Sofa heran, auf dem die Kleine lag, mit den Beinchen strampelte und fröhlich vor sich hin brabbelte. „Hast du wirklich keine Ahnung, wie man das macht?“

Das ist ja wohl offensichtlich! Aber er hütete sich, sie anzufahren, denn er war auf sie angewiesen. Diese verdammte Windel. „Hilfst du mir jetzt, oder muss ich mir jemand anderen suchen, der dazu bereit ist?“

„Selbstverständlich wechsele ich die Windel.“ Abby legte ihre Handtasche ab und setzte sich neben Sunnie aufs Sofa. „Aber nicht, um dir zu helfen.“ Sie kitzelte die Kleine, die vor Vergnügen quiekte. „Sondern um diesen kleinen Engel von seiner schmutzigen Windel zu befreien.“

„Warum auch immer. Hauptsache, es wird getan.“ Und zwar schnell, denn er musste noch jemanden finden, der auf die Kleine aufpasste, während er seine Rede hielt. Wenn alle Kandidaten gesprochen hatten, würden sie den Raum verlassen, damit die Mitglieder sich beraten konnten. Und er würde mit Sunnie nach Hause fahren. Sie beide hatten sich ihren Mittagsschlaf verdient.

Dabei hatte der Tag kaum begonnen. Aber auf ein Baby aufzupassen, war sehr viel anstrengender, als er gedacht hatte. Zu allen möglichen und unmöglichen Uhrzeiten musste so ein Säugling gefüttert werden. Und das ganze Zeug, das man mitnehmen musste, wenn man mit so einem Wesen das Haus verließ.

„Warum hast du die Kleine denn nicht zu Hause bei deiner Haushälterin gelassen?“ Abby sah ihn fragend an, während sie sich das lange kastanienrote Haar zurückstrich und nach der Wickeltasche griff, die Juanita vor ihrer Abreise noch gepackt hatte.

„Sie musste ganz schnell weg, weil bei ihrer jüngsten Tochter morgen ein Kaiserschnitt gemacht wird. Das kam vollkommen überraschend. Wahrscheinlich wird sie ein paar Wochen in Dallas bleiben.“

Beeindruckt sah er zu, wie Abby die Babytücher und den Puder aus der Tasche holte, dann die Kleine hochhob und ihr eine weiße Unterlage mit rosa Häschen darauf unterschob. Woher wussten Frauen, was in einem solchen Fall zu tun war? Hatten sie ein bestimmtes Gen, das den Männern fehlte?

Das musste wohl so sein. Abby und er waren gleich alt, und bevor Sunnie in seinem Leben aufgetaucht war, waren sie beide kinderlos gewesen. Und dennoch wusste Abby, ohne zu zögern, wie mit dem Baby umzugehen war, während er keine Ahnung hatte.

In Windeseile hatte sie die Kleine von der alten Windel befreit, gesäubert und ihr dann die saubere Windel umgelegt. „Hiermit befestigst du die Windel.“ Sie zeigte Brad die beiden kurzen Klebestreifen, die ihm vorher nicht aufgefallen waren. „Du musst nur darauf achten, dass sie fest sitzen, ohne dass sie dem Baby unbequem sind, und …“

Fasziniert von Abbys sanfter melodischer Stimme bemerkte Brad erst nach ein paar Sekunden, dass sie aufgehört hatte zu sprechen. „Ja, und?“

„Hast du mir überhaupt zugehört, Brad? Du kannst dich nicht darauf verlassen, dass immer jemand einspringt, wenn Sunnie eine neue Windel braucht.“

„Ja, ich habe zugehört.“ Allerdings hatte er weniger auf das geachtet, was sie sagte, sondern eher darauf, wie sie es sagte. Aber das würde er lieber für sich behalten.

„Was war mein letzter Satz?“ Sie sah ihn zweifelnd an.

Abby hat die blauesten Augen in ganz Texas, ging ihm durch den Kopf, blau wie die wilden Glockenblumen im Frühsommer. Warum war ihm das nur früher nie aufgefallen?

„Nun, Mr Price?“ Abby nahm Sunnie hoch, stand auf und blickte Brad lächelnd an. „Deine Nichte und ich warten.“

Verdammt, was hatte sie nur gesagt? Doch er konnte sich nicht erinnern, vor allem nicht, als Abby das Kind an sich drückte und ihm einen Kuss auf die weiche Wange gab. Den Anblick würde er nie vergessen, auch wenn er sich nicht erklären konnte, warum nicht … „Also, du hast …“

Was zum Teufel war denn bloß mit ihm los? Warum konnte er sich plötzlich nicht mehr konzentrieren? Und das ausgerechnet vor ihr? So etwas war ihm doch noch nie passiert. Warum musste er dauernd daran denken, wie sich Abbys Lippen wohl auf seiner Haut anfühlen würden? „Also, du hast gesagt, ich muss darauf achten, dass die Windel fest sitzt, mit diesen Klebedingern. Und dass sie dem Baby nicht unbequem sein darf.“ Erleichtert atmete er auf.

„Das hat aber lange gedauert. So viel Zeit hast du nicht immer, wenn es um die Bedürfnisse der Kleinen geht. Du bist jetzt ihr Daddy. Sunnie ist abhängig von dir und muss sich darauf verlassen können, dass du weißt, was zu tun ist.“

Er nickte betreten. Abby hatte recht. Manchmal fragte er sich, ob er sich nicht zu viel aufgeladen hatte, und die Verantwortung bedrückte ihn. „Sunnie wird es an nichts fehlen, darauf kannst du dich verlassen. Ich werde alles dafür tun, dass sie bestens versorgt wird.“ Irgendwie ärgerte es ihn, dass sie ihm das nicht zutraute. „Du solltest mich doch eigentlich gut genug kennen, Abby. Mit halben Sachen gebe ich mich nicht zufrieden. Wenn ich mir etwas vornehme, mache ich es ganz oder gar nicht.“

Sie musterte ihn nachdenklich, dann lächelte sie kurz. „Das hoffe ich.“

Beide schwiegen und betrachteten Sunnie, die ihren Kopf vertrauensvoll an Abbys Schulter legte und die Augen schloss. Offenbar war sie müde und wollte schlafen.

Abby wiegte die Kleine leicht hin und her. „Was für ein Riesenglück du hast, dass Sunnie jetzt ein Teil deines Lebens ist“, murmelte sie leise.

„Ich weiß.“ Irgendwie rührte ihn die Bemerkung, die ihr von Herzen kam, und ohne nachzudenken, hob er die Hand und strich Abby liebevoll über die Wange. „Du wirst eines Tages eine wunderbare Mutter sein, Abigail Langley“, sagte er weich.

Sie öffnete die Augen und sah ihn derart verzweifelt an, dass er zusammenzuckte. „Entschuldige, Abby.“ Wie hatte er nur vergessen können, dass ihr Mann Richard vor einem knappen Jahr gestorben war. Und dass die beiden immer Kinder gewollt hatten. „Aber ich bin sicher, dass du eines Tages deine eigene Familie haben wirst.“

Ohne Brad ins Gesicht zu schauen, schüttelte sie den Kopf. „Ich wünschte, es wäre so.“ Sie sah ihn an. „Aber ich fürchte, Kinder hat das Schicksal für mich nicht vorgesehen.“

„Wie kommst du denn auf diese Idee? Du hast noch genug Zeit. Du bist doch erst zweiunddreißig. Selbst wenn du keinen Mann findest, mit dem du für den Rest deines Lebens zusammenbleiben willst, kannst du ein Kind haben. Viele Frauen entscheiden sich dazu, allein ein Kind aufzuziehen.“

Sie schluckte. „Leider ist das nicht so einfach.“ Tränen standen ihr in den Augen.

„Vielleicht kommt es dir nur im Augenblick schwierig vor, aber später denkst du sicher anders darüber.“

Jetzt konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten. „Zeit spielt dabei keine Rolle.“ Schluchzend wischte sie sich über die Wange.

„Aber Abby, was ist denn los?“, fragte er verwundert. Normalerweise war sie nicht so nah am Wasser gebaut.

Sie schwieg ein paar Sekunden lang. „Ich … ich kann keine Kinder bekommen.“

Oh Gott, auf diese Idee wäre er nie gekommen! Wie gedankenlos von ihm, immer weiter auf dem Thema herumzureiten. „Abby, es tut mir wahnsinnig leid. Ich hatte ja keine Ahnung …“

Sie putzte sich kräftig die Nase. „Wie solltest du“, sagte sie dann leise. „Aber ich weiß es schon eine ganze Weile. Eine Woche nach Richards Beerdigung erhielt ich die Testergebnisse.“

Am liebsten hätte Brad sie in die Arme genommen und getröstet. Selbst nach einem Jahr hatte sie noch Schwierigkeiten, ihr Schicksal zu akzeptieren. Aber war das ein Wunder? Erst starb der geliebte Mann, und kurz darauf musste sie erfahren, dass sie nie Kinder haben würde. Schrecklich. Und so tat er tatsächlich, was sein Gefühl ihm eingab: Er legte die Arme um sie und seine kleine Nichte und wiegte beide sanft hin und her.

Sogleich musste er daran denken, dass es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der er sich danach gesehnt hatte, sie in den Armen zu halten und fest an sich zu pressen. Damals musste er ungefähr sechzehn gewesen sein und noch in der Pubertät. Eines Tages hatte er Abby, seine ewige Rivalin bei allen Wettkämpfen, in einem ganz anderen Licht gesehen. Was hätte er dafür gegeben, ihren schlanken, aber schon voll entwickelten Körper an sich zu drücken …

Leider interessierte sie sich in der Zeit mehr für Richard Langley, und dabei war es auch geblieben. Damals hatte Brad sich damit getröstet, dass es wahrscheinlich das Beste war, denn Abbys Wirkung auf ihn war einfach zu stark gewesen, als das eine Beziehung hätte gut gehen können. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, so war es auch heute noch so. Auf keine Frau reagierte er so impulsiv wie auf Abby.

„Vielleicht sollten wir uns allmählich in den Sitzungssaal begeben“, schlug sie leise, aber mit fester Stimme vor und unterbrach damit Brads Schwelgen in der Erinnerung. „Die Sitzung wird bald anfangen.“ Anscheinend hatte Brads tröstende Umarmung ihr gutgetan.

Zögernd ließ er sie los und trat einen Schritt zurück. „Stimmt. Und ich muss noch jemanden finden, der auf Sunnie aufpasst, bevor die Reden anfangen.“ Kurz blickte er auf die Uhr.

„Was meinst du, wie lange wird sie noch schlafen?“ Vorsichtig legte Abby die Kleine in die Tragetasche. „Falls sie während der Reden schläft, brauchst du niemanden. Denn dann kann ich auf sie achten, während du deine Wahlrede hältst. Und sonst bist du ja da.“

Misstrauisch sah Brad sie an. Seitdem Sunnie bei ihm lebte, gab es so etwas wie einen Waffenstillstand zwischen Abby und ihm. Das bedeutete aber nicht, dass er auch nur eine Sekunde lang glaubte, Abby wolle ihm behilflich sein, weil sie ihm die Präsidentschaft gönnte, die ihr selbst so wichtig war. Allerdings würde ihr so etwas Schäbiges, wie das Baby mitten in seiner Rede aufzuwecken, auch nicht einfallen. In all den Jahren, die sie gegeneinander angetreten waren, waren sie immer fair gewesen.

„Würde dir das wirklich nichts ausmachen?“

„Nein, natürlich nicht.“ Sie steckte die Babytücher und den Puder zurück in die Wickeltasche. „Aber glaub nicht, dass ich so selbstlos bin und dir die Präsidentschaft gönne. Im Gegenteil. Ich freue mich schon auf meinen Triumph, wenn das Wahlergebnis während des Weihnachtsballs verkündet wird.“

Sie sah ihn aus blitzenden Augen kämpferisch an. Er grinste. „Ich weiß, du tust das nicht für mich, sondern …“

„Für Sunnie.“ Nachdrücklich nickte sie, griff nach ihrer Handtasche und der Wickeltasche und wandte sich zur Tür.

„Klar.“ Brad nahm die Tragetasche hoch, in der Sunnie friedlich schlief. „Aber mach dich darauf gefasst, dass du in Kürze die beste Rede deines Lebens hören wirst.“

„Ha, Price, du hast ja immer schon gern den Mund zu voll genommen.“ Lachend trat sie aus dem Garderobenraum in den Flur. „Aber um mich zu beeindrucken, musst du schon etwas mehr bieten.“

„Du wirst dich noch wundern.“ Er lächelte geheimnisvoll.

Mit einem kurzen Blick überzeugte Abby sich davon, dass Sunnie durch das Hin und Her nicht aufgewacht war. Brad hatte die Tragetasche auf einen freien Stuhl zwischen sich und Abby gestellt. Gespannt schaute Abby in die Runde. Die Kandidaten für sämtliche Positionen des Clubs hatten sich hier versammelt. Noch bis vor sieben Monaten hatten Frauen keinen Zutritt zum TCC gehabt, der seit seinem Bestehen ein reiner Männerclub gewesen war. Abby hatte das Eis gebrochen, aber leider nicht wegen ihrer Qualitäten, wie sie sich eingestehen musste. Der Grund dafür war, dass Tex Langley, der Urururgroßvater ihres verstorbenen Mannes, den Club vor mehr als einhundert Jahren gegründet hatte und es immer üblich gewesen war, dass ein Langley im Vorstand saß. Nach Richards Tod hätte mit diesem Brauch gebrochen werden müssen, hätte Abby sich nicht zu Wort gemeldet.

„Als Nächstes spricht Ms Abigail Langley.“

Schnell vergewisserte Abby sich noch einmal, dass Sunnie schlief, dann stand sie auf und trat hinter das Rednerpult. Während sie von den Vorhaben erzählte, die sie als Präsidentin des Clubs anstoßen wollte, ließ sie den Blick über die Zuhörer schweifen. Dass die älteren Mitglieder alles andere als glücklich darüber waren, dass eine Frau in ihre Männerdomäne eingebrochen war und sich nun auch noch um das höchste Amt bewarb, war nicht zu übersehen. Euer Pech! Die alten Kerle mussten endlich begreifen, dass sie im einundzwanzigsten Jahrhundert lebten und Frauen ebenso fähig und zielstrebig waren wie Männer.

Nachdem sie die einzelnen Stichpunkte aufgezählt und erörtert hatte, kam sie auf ihr Lieblingsthema zu sprechen. „Der Bauausschuss hat einen Architekten engagiert und konnte bereits die Pläne für das neue Clubhaus vorlegen. Ich hoffe und wünsche mir, dass Sie diesem Projekt positiv gegenüberstehen und den Neubau als ein Symbol für die spannende Zukunft des Clubs betrachten. Abschließend möchte ich Sie noch bitten, dass Sie Ihre Wahl aufgrund dessen treffen, was ich hier ausgeführt habe, und dass mein Geschlecht oder mein Nachname dabei keine Rolle spielen. Ich danke Ihnen.“

Als Abby zurück zu ihrem Platz ging, standen die jüngeren Mitglieder auf und klatschten begeistert, während die älteren nickten, wenn auch widerwillig. Sie war zufrieden mit sich und überzeugt davon, nicht nur ihrem Geschlecht, sondern auch dem ehrwürdigen Namen Langley gerecht geworden zu sein. Nun war es an den Mitgliedern zu entscheiden, wie die Zukunft des Clubs aussehen würde.

„Na, Price, immer noch so siegessicher?“ Sie warf Brad einen herausfordernden Blick zu und setzte sich.

Er stand auf und zwinkerte ihr kurz zu. „Kein Problem, Darlin’.“

Obwohl sie wusste, dass Brad wie alle Texaner zu Frauen generell „Darlin’“ sagte, es also nichts Besonderes bedeutete, wurde ihr ganz heiß. Wie albern! Am besten dachte sie nicht weiter über diese Reaktion nach, sondern konzentrierte sich auf Brads Rede. Er sprach sehr gut und hatte eine Menge Ideen, die zum Teil mit ihren übereinstimmten. Aber deswegen würde sie sich noch lange nicht geschlagen geben.

Solange sie denken konnte, waren Brad Price und sie Konkurrenten bei allen möglichen Wettkämpfen gewesen. Mal hatte er gewonnen, mal sie, aber beide hatten immer hart gekämpft. Unwillkürlich musste sie lächeln, als sie daran dachte, dass das schon von der ersten Klasse an so gewesen war. Beide wollten sie Klassenbester sein. In der Mittelstufe ging es dann um die Position des Klassensprechers und in der Oberstufe um die besten Abschlussnoten. Erstaunlicherweise war ihr Durchschnitt genau gleich, sodass sie sich die Ehre teilen mussten, die Rede auf der Abschiedsfeier halten zu dürfen.

All die Jahre waren sie Rivalen gewesen, mal spielerisch, dann wieder sehr ernsthaft. Zwar hatten sie sich nicht wirklich gehasst, aber sie waren auch nie Freunde gewesen. Deshalb hatten Brads teilnehmende, ja, geradezu besorgte Bemerkungen im Garderobenraum sie vorhin zutiefst berührt. Vielleicht war ihr deshalb herausgerutscht, dass sie keine Kinder bekommen konnte.

Das hatte sie selbst überrascht, denn normalerweise sprach sie nicht über dieses Thema. Warum dann mit ihm? Selbst einige ihrer engen Freundinnen wussten nichts darüber, doch ausgerechnet Brad Price hatte sie dieses quälende Geheimnis anvertraut?

Während Abby noch über ihr eigenes merkwürdiges Verhalten nachdachte, reckte Sunnie sich in der Tragetasche und machte leise Geräusche. Rasch warf Abby einen Blick auf Brad, dann sah sie wieder das Baby an. Ganz bestimmt würde die Kleine sich gleich lautstark bemerkbar machen, und so griff Abby schnell nach der Wickeltasche, hob die Kleine aus dem Tragebett und entfernte sich in Richtung Doppeltür. Schon nach wenigen Minuten folgte Brad mit der Tragetasche, und auch die anderen Männer, die sich für verschiedene Vorstandsposten zur Wahl gestellt hatten, strömten aus dem Saal.

„Morgen wird zwar abgestimmt“, sagte Brad zu Abby und stellte die Tasche ab. „Aber das Ergebnis wird erst auf dem Weihnachtsball verkündet.“

„Dann sind wir für heute fertig?“ Abby steckte Sunnie einen Schnuller in den Mund.

„Ja. Gott sei Dank. Ich glaube, ich sollte mit der jungen Dame nach Hause fahren. Es ist Zeit für ihre Flasche. Und dann werden wir wohl beide Siesta machen.“

„Hast du schon mal daran gedacht, eine Nanny einzustellen?“ Abby wiegte Sunnie sanft auf den Armen hin und her.

„Nein, und ich habe auch nicht die Absicht.“ Er schüttelte stur den Kopf. „Ich habe mich bereit erklärt, die Kleine aufzuziehen, und bin mir meiner Verantwortung voll bewusst. Ich werde sie nicht an jemanden abschieben, sondern nur einen Babysitter bestellen, wenn ich abends mal weg bin oder wegen einer wichtigen Konferenz nicht rechtzeitig zu Hause sein kann.“

„Aber wie um Himmels willen willst du die nächsten Wochen ohne deine Haushälterin überstehen? Eigentlich hast du doch keine Ahnung, wie man mit einem Baby umgeht.“ Hoffentlich stellte er sich beim Flaschengeben nicht so hilflos an wie beim Wechseln der Windel … Als er sich mit der Hand durch das dichte dunkle Haar fuhr, war ihr klar, dass auch ihm der Gedanke nicht ganz geheuer war, allein für Sunnie sorgen zu müssen.

„Das wird schon irgendwie gehen. Und wenn ich gar nicht weiterweiß, rufe ich Sheila an, die Frau meines besten Freundes Zeke. Oder meine Schwester Sadie. Sheila ist Krankenschwester und hat auf Sunnie aufgepasst, bevor ich die Kleine adoptiert habe. Eine von den beiden wird mir sicher helfen.“ Er sah Abby lächelnd an. „Übrigens vielen Dank, dass du auf Sunnie geachtet hast, während ich meine Rede gehalten habe. Das war wirklich sehr nett.“

„Keine große Sache.“ Abby stellte die Wickeltasche ab und kniete sich dann hin, um Sunnie in die Tragetasche zu legen. Sorgfältig befestigte sie den Sicherheitsgurt und stopfte die weiche rosa Decke auf allen Seiten fest. Ohne Brad anzusehen, sagte sie: „Ich wohne nicht weit von dir entfernt. Falls du Probleme hast und Sheila oder Sadie nicht erreichst, kannst du gern bei mir durchrufen. Vielleicht kann ich dir helfen.“

„Danke, das werde ich mir merken.“

Langsam stand sie auf, und beide sahen sich eine Zeit lang an, bevor ihnen klar wurde, dass die anderen bereits alle gegangen waren.

Plötzlich grinste Brad. „Hast du mal nach oben gesehen?“

„Nein. Warum?“

Er wies auf etwas, das über ihr von einem der dicken Balken hing. „Du stehst unter einem Mistelzweig.“

„Oh … Ich hatte keine …“ Der Atem stockte ihr, als Brad auf sie zutrat und ihr die Arme um die Taille legte. „Äh … keine Ahnung.“ Er wollte sie doch nicht etwa küssen?

„Aber dir ist klar, dass ich es tun muss, oder?“, flüsterte er, als habe er ihre Gedanken gelesen. „Es ist nun mal Tradition.“

Bevor sie erwidern konnte, dass sie doch noch nicht einmal Freunde seien und sie von diesem Brauch gar nichts halte, hatte er sie schon an sich gezogen und küsste sie so sanft, wie sie es nie vermutet hätte. Dennoch spürte sie seine Erfahrung. Seine Lippen waren weich und fest zugleich und streichelten ihre derart routiniert, dass sie sofort allen Gerüchten glaubte, die sie über ihn gehört hatte. So konnte nur ein Mann küssen, der entweder eine Naturbegabung hatte oder aus Erfahrung wusste, wie man mit Frauen umging. Wahrscheinlich traf auf Brad Price beides zu.

Da ihre Knie nachgaben, legte sie ihm die Hände auf die breiten Schultern. Die Kraft, die von seinem muskulösen Körper ausging, war durch das schwarze Armani-Jackett hindurch zu spüren, was ihren Stand nicht gerade stabilisierte. Im Gegenteil, ihr Herz schlug wie verrückt, und als Brad sie fester an sich zog, legte Abby ihm die Arme um den Hals und ließ sich gegen ihn sinken.

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