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Dies sind die Namen

Über das Buch

Sie waren dreizehn, am Ende sind sie nur noch fünf. Eine Gruppe illegaler Migranten. Von skrupellosen Schleppern irgendwo östlich der Karpaten ausgesetzt. Monatelang irren sie durch die Steppe – aber haben sie die Grenze ihres Landes überhaupt jemals überquert? In der osteuropäischen Stadt Michailopol, in der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Gesetzlosigkeit und Korruption herrschen, ist Pontus Beck Polizeikommissar. Job, Wohnung und regelmäßiger Sex sind ihm sicher, aber etwas Entscheidendes fehlt. Ein Lied aus seiner Kindheit bringt ihn auf die Spur. Was hat das Schicksal der Flüchtlinge mit dem des Polizisten in einer Zeit des Umbruchs zu tun? Wonach sind alle diese Menschen auf der Suche und was wäre es, das zu finden sich lohnt? In seinem großen Roman, der schon im Titel auf den Exodus anspielt, hebt Tommy Wieringa das Thema von Flucht und Exil auf ein neues gedankliches Niveau.

TOMMY WIERINGA

DIES SIND DIE NAMEN

Roman

Aus dem Niederländischen
von Bettina Bach

Carl Hanser Verlag

Für Hazel, für Zoë

Der Meister sprach: »Solange die Eltern leben, soll man nicht in die Ferne reisen. Und wenn man verreisen muss, soll man sie wissen lassen, wohin man geht.«

KAPITEL 1
DAS WIRKLICHE DING

Pontus Beg war nicht auf die Weise alt geworden, wie er es sich vorgestellt hatte. Etwas fehlte. Es fehlte sogar eine ganze Menge. Als kleiner Junge war er eine Zeitlang mit einer Schutzbrille auf der Nase über den Hof seines Vaters spaziert, die Hände hinter dem Rücken verschränkt – so hatte er sich das vorgestellt. Manchmal hatte er einen Ast als Spazierstock genommen. Sein größter Wunsch war es gewesen, alt zu sein, langsam und bedächtig. Ein Kapitän, der Stürme gelassen übersteht. Als weiser Mann sterben.

Dann entzündeten sich beide Nasenflügel, und er beschloss, die Brille auf die Schleifmaschine in der Scheune zurückzulegen und das Alter in Ruhe abzuwarten, statt ihm entgegenzurennen.

Wie ein alter Mann fühlte er sich erst, seit er einen kalten Fuß hatte. Er war dreiundfünfzig, noch zu jung, um wirklich als betagt zu gelten, doch er las die Zeichen. Ein Nerv im unteren Rücken war eingeklemmt. Seither fühlte sich sein linker Fuß immer kalt an. Morgens im Bad sah er, dass seine Füße eine unterschiedliche Farbe hatten. Der rechte war rötlich, wie es sich gehörte, aber der linke war ganz blass. Wenn er ihn drückte, spürte er fast nichts. Als wäre es gar nicht sein eigener. Sterben beginnt bei den Füßen, dachte Beg.

So würde er aussehen, der Weg zum Ende: ein allmähliches Auseinanderdriften von Körper und Geist.

Der Name ist der Gast des wirklichen Dings, hatte ein Philosoph aus dem alten China gesagt, und so empfand er, Pontus Beg, es in zunehmendem Maße – er war der Gast und der Körper das wirkliche Ding. Und nun begann dieses Ding also, sich seines Gastes zu entledigen.

Die Tage werden kürzer, das Leben kehrt sich nach innen. Nachts bleiben die Gewitterschauer lange über der Ebene hängen. Beg steht am Fenster und sieht dem Unwetter hinterher. Es wetterleuchtet in der Ferne, ein Netz glühender Risse am Himmelsgewölbe. Mit einem warmen und einem kalten Fuß steht er auf dem PVC und merkt, dass er sich noch nachschenken muss, um wieder einschlafen zu können.

Je älter er wird, desto mehr entwickelt sich der Schlaf zu einem unzuverlässigen Freund.

Sein Wohnblock steht am Rande der Stadt. Sie sollte eigentlich nach Osten erweitert werden, es gab halbherzige Bauvorbereitungen, aber dann hatte sich das zerschlagen, und so sieht er immer noch auf einen Wildwuchs von Schuppen und Gemüsegärten und die unermessliche Weite der Steppe dahinter. Das ist zwar ein Zeichen von Stillstand, aber von ihm aus kann es so bleiben, er mag diesen Blick.

In der kleinen Küche holt er die Flasche Kubanskaya aus dem Tiefkühlfach und schenkt sich ein. Er ist kein schwerer Trinker, im Gegensatz zu den meisten Menschen östlich der Karpaten mäßigt er sich.

Dann kehrt er ans Fenster zurück und sieht mit unbeständigen Gedanken in den Köcher der Nacht.

Im Schlafzimmer hustet seine Haushälterin. Einmal im Monat nimmt er sie für eine Nacht in Beschlag, allerdings gibt dieser Ausdruck ihr Verhältnis nicht richtig wieder. Zutreffender wäre es zu sagen, dass sie sich eine Nacht pro Monat mit Beschlag belegen lässt. Sie bestimmt, welche Nacht, immer irgendwann vor ihrer Menstruation. Die Rechentafel ihrer Fortpflanzungsorgane ist ihm ein Rätsel, er denkt lieber nicht darüber nach. Er hört es dann schon, wenn es so weit ist.

Ihre fruchtbaren Tage reserviert seine Haushälterin für ihren Verlobten, einen zehn Jahre jüngeren Lkw-Fahrer. Mit Containern voller Gebrauchsartikel aus dem Reich der Mitte pendelt er in die Hauptstadt, von dort ergießt sich der Ramsch dann wie eine Flutwelle über die Basare im ganzen Land. Geduldig wartet Sita auf den Tag, an dem er ihr einen Heiratsantrag macht.

Egal, was die beiden anstellen, sie wird und wird nicht schwanger – wenn es so weitergeht, bleibt Sita kinderlos. Sie verbringt eine Menge Zeit auf Knien in der Benediktinerkirche. Inmitten goldener Heiligenfiguren und Plastikblumen betet sie inständig um ein Kind. Der Priester im Beichtstuhl belauscht die Geheimnisse der Leute; wenn er in seiner schwarzen Kutte die Stufen hinabsteigt, zeichnet seine Hand ein Kreuz über ihrem Kopf, und er segnet sie und die knienden Bauersfrauen mit ihren bunten Kopftüchern. Sie spürt das Brennen des Kreuzes auf ihrem Scheitel – bestimmt wird der Samen in dieser Nacht erblühen.

An der dünnen Kette um ihren Hals baumeln neben einem goldenen Kreuz auch die Medaillons der für Fruchtbarkeit zuständigen Heiligen.

Frauen sind die Lasttiere des Glaubens, denkt Pontus Beg, auf ihren Rücken tragen sie das Heilige durch die Welt.

Nie konnte er Sita dazu bewegen, ein Auge zuzudrücken und ihm eine fruchtbare Nacht zu schenken. Er ist der festen Überzeugung, dass der Fahrer der Versager ist. Es liegt am Laster, das ständige Sitzen tut Männern nicht gut. Es quetscht ihnen die Eier ab.

Ein Kind? Will er denn ein Kind?

»Komm bloß nicht auf dumme Gedanken, Pontus«, sagt Sita.

Er meint es nicht ernst, glaubt sie, und falls doch, sollte er es lieber nicht tun.

Beg schätzt ihre Dienste im Bett höher als die außerhalb. Sie ist keine gute Haushälterin. Statt zu putzen, räumt sie auf. Ein Pott Schmierseife reicht bei ihr für ein ganzes Jahr. Der Zeitpunkt, an dem er etwas hätte sagen können, ist längst vorbei – Gewohnheit hat die Verhältnisse gefestigt, daran ist nicht mehr zu rütteln. So wie es jetzt ist, wird es immer bleiben. Sie räumt auf, und er hält den Mund.

Wenn Sita bei ihm ist, trinkt er mehr als sonst. Dann sitzen sie zusammen am Tisch und rauchen und reden. Er erzählt ihr Anekdoten, in denen sie völlig aufgeht. Sie lacht und gruselt sich, eine dankbare Zuhörerin. Manches hat er im Laufe der Jahre drei oder vier Mal erzählt, doch sie mag seine Geschichten aus dem Leben eines Polizeibeamten. Zusammen mit Sita stimmt ihn Alkohol nicht nostalgisch, sondern fröhlich und übermütig. Er sehnt die Abende mit ihr herbei, sie sind die Höhepunkte seines Lebens.

Dann legen sie sich ins Bett. Das Licht geht aus.

Wenn sie bei ihm ist, liegt er oft wach. Er fragt sich, ob er nicht schon zu lange allein ist, um sich daran zu gewöhnen, dass jemand neben ihm liegt.

Das zum einen, und dann noch die andere Sache.

Im Schlaf unterhält Sita eine lebhafte Beziehung zu ihrer Mutter. In seinem Bett geht es nachts hoch her. Zuerst, nach der Liebe, schlafen beide für eine oder zwei Stunden. Dann fängt es an. Dann setzen die beiden Frauen das durch den Tod abrupt unterbrochene Gespräch fort. Beg weiß noch, wie er sie zum ersten Mal nachts reden hörte. Eine Weile hatte er dem Teil der Unterhaltung gelauscht, der sich in dieser Welt abspielte, ohne zu wissen, wer sich auf der anderen Seite befand. Es drehte sich nicht um tiefgründige Geheimnisse aus dem Jenseits, nur um den Preis des Mehls, die Qualität der Eier und darum, welch eine Schande es für Frauen in Kauflaune darstellt, dass die Geschäfte andauernd leer sind. Wie bei einem Telefonat, dem man leicht folgen kann, auch wenn man nur eine Seite hört.

Als Beg es nicht mehr aushielt vor Langeweile, rüttelte er sie wach.

»Du sprichst im Schlaf.«

Sie hatte sich aufgesetzt und geschimpft: »Du hast uns unterbrochen, Pontus! Wie soll ich sie denn jetzt wiederfinden?«

Seither verlässt er das Bett, wenn ihm das Geschwätz zu viel wird, wie heute Abend. Mit einem warmen und einem kalten Fuß steht er am Fenster und starrt auf das Unwetter über der Steppe.

KAPITEL 2
NACH WESTEN

Am Himmel über der Steppe krachte es. Im Windschatten einer niedrigen Sanddüne lag eine kleine Gruppe Menschen zusammengekauert im Unwetter. Ihre Kleidung war durchnässt, sie waren bis auf die Knochen durchgefroren. So hatten sie schon unzählige Nächte auf die Rückkehr des Tages gewartet, wie die ersten Menschen auf Erden, geduckt unter dem wütenden Himmel. Doch die Nacht wollte nicht enden. Die Dunkelheit erstreckte sich bis zum Rand der Welt, die Erde hatte aufgehört, sich zu drehen, es würde keinen neuen Tag mehr geben.

Fünf Männer, eine Frau und ein Kind. Sie wussten nicht mehr, weshalb sie sich jeden Tag von Neuem in Bewegung setzten – mechanisch wie Sonnenblumen folgten sie dem Lauf der Sonne. So wie sie auch atmeten, gingen sie eben.

Immer weiter nach Westen mussten sie, hatte der Mann gesagt.

Das war lange her. Trockenheit herrschte in der Ebene, die Sonne brannte die Erde sauber. Morgens leckten sie den Tau von der Plastikfolie, die sie abends zu diesem Zweck ausgebreitet hatten, den Rest des Tages lebten sie mit verzweifeltem Durst. Einem Durst, der jeden Gedanken beherrschte, der einem kühle Wasserstellen vorgaukelte, den Klang tropfender Wasserhähne in die Ohren zauberte. Sie flehten um Regen. Jedes Wort aus ihrem Mund schmeckte nach rostigem Eisen. Das Kind, ein Junge, nahm die Haut an seinem Unterarm zwischen Daumen und Zeigefinger und zog sie hoch. Die Haut blieb stehen, mit einem scharfen Knick wie ein gefaltetes Blatt Papier.

Im Norden sahen sie graphitfarbene Wolken, doch die Wolken kamen nie näher.

Trotzdem kam eines Tages der Regen.

Zuerst wenig, ein paar Tropfen, die sie willkommen hießen wie Brot vom Himmel. Sie tanzten unter den Wolken, jeder Tropfen ein Gebet. Ihr Durst wurde gestillt. Es fiel mehr Regen, als es Gebete gab. Dann beteten sie um einen trockenen Tag, eine Nacht, in der ihre Kleider nicht bis auf den letzten Faden durchnässt würden. Auf dem Gesicht des Jungen glühte Fieber. Ein paar Mal hatte die Frau geglaubt, dass er es nicht bis zum Morgen schaffen würde, doch jedes Mal stand er wieder auf und ging weiter. Mit aller Macht wollte er zu denen gehören, die übrig blieben, denen, die es schafften.

Die Träume, mit denen jeder von ihnen aufgebrochen war, waren nach und nach verdorrt und eingegangen. Sie unterschieden sich in Größe und Gewicht, lebten bei manchen länger fort als bei anderen, aber am Ende waren sie alle zunichte. Die Sonne hatte sie pulverisiert, der Regen spülte sie weg.

Der Junge sah Flugzeuge am Himmel. Er folgte ihrer Bahn mit den Augen. Noch nie hatte er eines von nahem gesehen, doch er wusste von dem Wunder, dass Reisende in einer Welt ein- und in der anderen wieder ausstiegen; dazwischen lagen nur wenige Stunden. In seinem Bergdorf waren Flugzeuge Punkte am Himmel, sie zogen weiße Schleppen hinter sich her. Ein Onkel war nach Amerika geflogen und nie mehr zurückgekehrt. Später waren seine Tante und fünf Cousins und Cousinen hinterhergereist.

Der Junge hatte einen Flieger aus Holz und Eisendraht gebaut, sein Bruder fragte: »Wie soll denn ein Flugzeug fliegen, das Propeller und einen Düsenmotor hat?«

Er versuchte, ihm die unterschiedlichen Grundprinzipien zu erklären, gab aber nach einer Weile auf, weil er es selbst nicht genau wusste.

Sein Bruder war dageblieben. Er war körperlich schwach. Also hatten sie ihn losgeschickt, obwohl er zwei Jahre jünger war. Er war für die große Reise als geeignet befunden worden. Nicht mit dem Flugzeug, sondern über Land. Das Reisegeld steckte vorn in seinen Schuhen. Das Paar, das er bei seinem Aufbruch getragen hatte, war längst verschlissen und unbrauchbar. Als ein Mann in der Ebene gestorben war – da waren sie noch viele –, hatte er ihm die Schuhe weggenommen. Vorsichtig hatte er sie ihm von den Füßen gestreift, aus Angst, der Tote könnte auf einmal die Augen aufreißen und laut rufen: »Hilfe! Ein Dieb!«

Doch der Mann blieb tot, und deshalb gehörten sie nun ihm, die beiden großen, verstaubten ADYDOS-Sportschuhe.

Der Tag kam mit schmuddeligem Licht. Sie setzten ihre steifen Gliedmaßen wieder in Bewegung. Morgens war der Sand schwer und nass, das Gras schlug ihnen gegen die Beine.

Im Lauf des Vormittags machte der Junge einen wichtigen Fund. Eine Zigarettenschachtel, halb unter dem Sand begraben. Plastiktüten wurden in die Steppe geweht und verfingen sich im Gestrüpp, nicht aber Zigarettenschachteln, die wurden auf den Boden geworfen und blieben liegen. Also gab es noch irgendwo andere Menschen, vielleicht waren sie sogar hier gewesen, er hielt den Beweis ihrer Existenz in der Hand! WESTERN stand in verblassten roten Buchstaben auf der Schachtel. Unter der Zellophanhülle hatte sich Kondenswasser gebildet. Vielleicht würden sie ja endlich auf das langersehnte Dorf stoßen oder auf eine kleine Stadt, die sich schon aus der Ferne mit einem funkelnden goldenen Zwiebelturm ankündigte. Er schüttelte den Sand aus der feuchten Schachtel und steckte sie in die Tasche. Dort waren schon ein halbmondförmiger Stein und das Messer, das sein Bruder ihm geschenkt hatte. Er hatte Eisendraht um den Griff gewickelt, die Klinge war von kleinen Rostlöchern zerfressen. Nachts umklammerte der Junge das Messer. Mit einem freudigen Schaudern stellte er sich vor, es jemandem ins Herz zu bohren.

Seine Finger strichen übers Zellophan. Am liebsten hätte er der Frau von seinem Fund erzählt, doch er presste die Lippen zusammen. Andernfalls würde der Zauber brechen. Das Zeichen war nur für ihn bestimmt. Es würde nur wirken, wenn er schwieg. Sonst nicht. Dann würden sie noch jahrhundertelang über die Ebene irren. Und er wäre daran schuld, weil er den Mund nicht gehalten hatte.

Sie schleppten sich durch den Sand. Unabsehbar war die Weite, die sie durchquerten. Die Landschaft vor ihnen war genau dieselbe wie die hinter ihnen, und die zur Rechten unterschied sich in nichts von der zur Linken. In der Steppe waren der Himmel über ihrem Kopf und der Boden unter ihren Füßen die einzigen Anhaltspunkte.

Schnell wurden ihre Schritte hinter ihnen ausgelöscht. Sie waren auf der Durchreise, hinterließen keine Spuren und keine Erinnerung.

Als der große Mann gegen Mittag schrie, er sehe ein Dorf – »Häuser! Da! Ein Dorf! Ein Dorf!« –, wunderte sich der Junge nicht. Er wäre zwar fast vor Freude geplatzt, aber überrascht war er nicht.

Er stürmte voran, in die Richtung, in die der große Mann mit zitternder Hand wies. »Wo?«, rief er.

»Da!«

Der Junge sah nichts, doch er rannte in die angegebene Richtung. Der große Mann entdeckte immer alles früher als die anderen, er war der geborene Späher.

Der Junge rannte, er schwebte über dem Sand. Ein Auserwählter lief da, einer, den Gott ausgesucht hatte, um ihm früher als den anderen von seinen Absichten zu erzählen. Hunger und Müdigkeit waren verschwunden. Das Gras peitschte ihm gegen die Beine, die Lunge brannte ihm in der Brust. Da waren die ersten Häuser.

»Hey!«, schrie er, um sich bei den Bewohnern bemerkbar zu machen. »Hey, ihr da!«

Das Dorf war in der Ebene eingesunken, rund und abgerieben wie erodiertes Gestein. Er rannte auf eine große Scheune zu. Die Sparren waren verrottet, das Dach hing durch wie der Rücken eines alten Gauls. Der Junge bog in eine Gasse zwischen den Häusern, in der das Gras so hoch stand wie in der Ebene. Ein lautloser Schrei stieg in ihm auf, doch noch weigerte sich sein Gehirn zu akzeptieren, was er sah – leere, stumme Fenster, überwucherte Straßen.

Keine lebende Seele.

»Hallo?«, schrie er. »Ist da jemand?«

Seine Frage hallte zwischen den Häusern aus Lehm und Holz wider.

»Wo seid ihr?«

Er rüttelte an halb verrotteten Türen, rannte in ein Haus nach dem anderen. Leer. Leer, und die Menschen waren fort. Im Herzen des Dorfes stürzte er in ein kleines Gotteshaus. Das spärliche Licht, das durch die oberen Fenster ins Innere fiel, enthüllte die Verwüstung. Heilige Bücher waren zu Asche und kleinen Fetzen zerfallen – der erkaltete Brand. Der Junge bahnte sich einen Weg zwischen den rußgeschwärzten Bänken und Schränken hindurch und ging zum Tabernakel hinauf. Dort sank er auf die Knie. Die Hände vorm Gesicht, beugte er sich vor und winselte wie ein wundes Tier.

So fanden ihn die anderen.

KAPITEL 3
TRANSAKTIONEN

Um halb sieben stand Pontus Beg neben seinem Bett und streckte sich, als müsste er sich aus einem Würgegriff befreien.

Er wusch sich und gurgelte mit Mundwasser. Im Spiegel sah er einen massigen Mann mit ergrauendem Haar auf Brust und Schultern. Er dachte an den Jungen, der beim Wehr im Kanal schwimmen ging – an seinen glatten, haarlosen Körper. Diese Schwerelosigkeit – Erinnerung an einen anderen.

In den Rohren rauschte das Abwasser der Bewohner über ihm. Ein Wasserfall, wenn jemand die Spülung zog. Die Gezeiten des Gebäudes. Seit Anfang Oktober war die Heizung in Betrieb, das Haus dehnte sich aus, es knackte, heißes Wasser floss ächzend durch die Rohre.

In den Falten des Duschvorhangs versteckte sich der Becher mit Sitas Obergebiss. Beg erinnerte sich an ihre echten Zähne. Sie hatten im Lauf der Jahre ein immer dunkleres Braun angenommen. Beim Lachen legte Sita die Hand vor den Mund. Sie schämte sich für ihre Zähne in der Farbe von Tabaksaft, fürchtete aber nichts so sehr wie den Zahnarzt. Beg hatte ihr Geld gegeben, damit sie sich die Zähne ziehen und ein neues Obergebiss anfertigen ließ. Sie bat um Vollnarkose und blieb zahnlos, bis ihre dritten Zähne fertig waren.

Der Zahntechniker hatte ganze Arbeit geleistet: Wenn sie jetzt lachte, sah es aus, als öffnete sich eine Schatztruhe voller Juwelen.

Zähne kann ich ihr kaufen, dachte Beg, aber ihren Mund nicht dazu bringen, zu sagen, was ich will.

Sita lebte nach dem beinharten Regime der Frauen. Sie arbeitete schwer, konnte mit Nonsens nichts anfangen. Für sie lagen die Nächte mit Beg auf einer Linie mit ihren Tätigkeiten im Haushalt: Staub wischen, den Boden fegen, Essen kochen, waschen, bügeln und seine abgetragenen Hemden und Uniformen ausbessern. Jede dieser Aufgaben erfüllte sie langsam und andächtig; im Bett meinte er manchmal, sie vor sich hin summen zu hören.

Beide hatten einen leicht nachvollziehbaren Vorteil voneinander, keiner fühlte sich irgendwie benachteiligt. Beg betrachtete die Regelung als ideale Ehe, in Sitas Augen war es eine hervorragende Anstellung.

Er ging ins Schlafzimmer. Ein scharfer Zug um ihren eingefallenen Mund. Im Schlaf hatte sie einen missbilligenden Ausdruck. So sah ihr Gesicht im Ruhezustand nun mal aus, über ihren Charakter sagte es nichts.

Er schüttelte sie an der Schulter.

»Ja, ja«, murmelte sie.

In der Küche schöpfte er sich kalte Suppe aus dem Topf und löffelte sie. Zwischendurch biss er vom Roggenbrot ab.

»Du schlabberst«, rief Sita aus dem Bad. »Wie ein Schwein.«

Beg lächelte. Ja, es war in jeder Hinsicht eine gute Ehe.

Im Warteraum des Polizeipräsidiums sprangen zwei Männer auf, als Beg hereinkam. Sofort begannen sie, hektisch aufeinander einzureden. Der eine hatte ein Schaf überfahren, das dem anderen gehörte. Der zweite Mann sagte, die Herde habe die Straße schon überquert gehabt, als plötzlich noch ein Tier hinterhergekommen sei, »ein Mutterschaf, wissen Sie«, unterbrach ihn der erste, »ein Prachtexemplar!«.

Beg wusste, dass das Überfahren fremder Schafe eine komplizierte Sache war. Alten Nomadensitten zufolge war man nicht nur für das getötete Tier verantwortlich, sondern musste den Besitzer auch noch für mehrere Generationen in der Zukunft entschädigen – der Hirte hatte also sozusagen einen Glückstag gehabt, wenn ein Mutterschaf überfahren wurde.

»So ein schönes, kräftiges Tier ham Sie noch nie gesehen!«, jammerte der Hirte.

»Schluss jetzt!«, rief Beg.

Hinter dem Schalter spielte Oksana am Computer Patience.

»Wo ist Koller?«, fragte Beg.

Oksana sah auf. »Seine Frau hat angerufen. Ein Abszess in der Achselhöhle. Er konnte vor Schmerzen nicht schlafen, hat sie gesagt. Jetzt ist er beim Arzt.«

»Wie viele von den Dingern hat er denn?«, fragte Beg verärgert.

»Das andere war eine Fistel. Am Hintern.«

»Und wer nimmt jetzt die Anzeige auf?«

Oksana sah über Begs Schulter zu den Männern im Warteraum. »Eigentlich hat Koller Dienst.«

Beg schüttelte den Kopf. »Klingeln Sie Mentschow aus den Federn.«

Er schenkte sich eine Tasse Tee ein und ging in sein Büro. Dort war es warm, er nahm seinen eigenen Geruch wahr – den seines Körpers vermischt mit dem von Zigarettenrauch. Er wollte den Computer einschalten. Der Bildschirm blieb schwarz. Noch einmal drückte er den Knopf, aber es tat sich definitiv nichts. Er rief Oksana. Sie klopfte an die Tür und trat ein. Ihr Rock lag eng an, dort, wo der Gummizug einschnitt, konnte er die Umrisse ihrer Unterwäsche erkennen. Die obersten Knöpfe ihrer weißglänzenden Bluse standen offen. Beg fand, dass man sich im öffentlichen Dienst nicht so blicken lassen durfte. Im Bordell Morris vielleicht, aber nicht im Polizeipräsidium.

Hilflos sah er auf den Bildschirm.

»Schon wieder kaputt?«, fragte sie.

Er rollte seinen Stuhl zurück. Oksana ging in die Hocke und drückte auf POWER. Sie stand wieder auf und umrundete den Schreibtisch. »Na bitte. Ist doch logisch.«

Sie hielt ihm den Stecker entgegen. Sie würde den Putzfrauen die Hölle heiß machen, sagte sie und stöpselte den Computer wieder ein. Ächzend setzte er sich in Gang, der Bildschirm leuchtete auf.

Beg sehnte sich nach seiner Schreibmaschine.

Nach einer Stunde kam Oksana, um ihm mitzuteilen, dass Koller und Mentschow immer noch nicht da seien. Die Männer würden aber noch warten.

»Richten Sie Koller aus, dass ich ihm sämtliche Knochen breche, wenn er nicht sofort hier auftaucht. Er hat Wochenenddienst, verdammt noch mal! Eine Fistel hindert einen doch nicht daran, Anzeigen aufzunehmen.«

»Ein Abszess.«

»Egal.«

»Ich werde es ihm etwa mit diesen Worten weitergeben.«

Beg öffnete den kleinen Tresor in seinem Büro. Ganz unten lagen die monatlichen Abgaben. Geld in Beuteln, in Umschlägen, in gefalteten Papierbögen, zusammengehalten von Büroklammern oder Gummibändern. Geld, das seine Leute am Straßenrand für Geschwindigkeitsübertretungen eingenommen hatten, fürs Überfahren roter Ampeln, für Barfußfahren – ganz sicher war es verboten, sich ohne Schuhe ans Steuer zu setzen. Der Wagen wurde angehalten, dann fragte man den Fahrer, ob er als Verkehrssünder registriert werden wolle. Das war das Startsignal für die Transaktion. Niemand wollte polizeilich erfasst werden. Die Bußgelder wurden an Ort und Stelle entrichtet.

Beg zählte alles zusammen und teilte es nach Dienstgrad und -jahren auf. Vor ihm lag ein dickes Bündel Scheine, das er zu einer Reihe kleinerer Bündel umschichtete. Er steckte das Geld in Umschläge, versah sie mit den Namen der Empfänger. Am Monatsersten holte sich jeder seinen Anteil ab.

In diesem Land bestiehlt jeder jeden, dachte Beg, und wer nicht stiehlt, der bettelt. Überall hielt jemand die Hand auf – kein Haus wurde gebaut, kein Dienst geleistet, ohne dass irgendjemand einen Teil des mit der Transaktion verbundenen Geldes einstrich. Das System war allumfassend; ein gewaltiges Netz von Schmiergeldern, Bestechung, Erpressung und Diebstahl – wie man es auch nennen wollte. Als Polizeikommissar befand er sich etwa auf halber Höhe der Leiter; große Hände sackten die fetten Brocken über ihm ein, kleine Hände grapschten sich die Krümel unter ihm. Jeder beteiligte sich daran, alle profitierten von diesem Wirtschaftssystem, und alle litten darunter.

Gegen Mittag verließ er das Präsidium und fuhr zu Tina Bazookas Bar zum Essen. Michailopol: seine Stadt. Laut dem letzten Zensus neununddreißigtausend Einwohner. Früher gab es in der Grenzstadt ein renommiertes Institut für Kernforschung und einen Eishockeyverein, der zweimal in Folge aufstieg und um ein Haar Landesmeister geworden wäre. Beg erinnerte sich noch an die Aufregung. Anfang des vergangenen Jahrhunderts, zur Blütezeit Michailopols, wurden hundertfünfzigtausend Einwohner gezählt. Der Bahnhof verband die Stadt mit dem Rest der Welt, stündlich fuhren fünfzehn Züge ab. Jetzt wusste Beg nicht einmal mehr, wo die Gleise gelegen hatten. Der Stahl war herausgerissen und zu Schuppen oder Zäunen verbaut worden. Die Bahnschwellen wurden in kalten Wintern kleingehackt und durch den Ofen gejagt. Den Art-Nouveau-Bahnhof gab es noch, jedoch in einem derartigen Stadium des Verfalls, dass er nicht mehr zu retten war. Ein Bestattungsunternehmer lagerte seine Särge in einem Nebengebäude.

Der Untergang Michailopols hatte sich genauso stürmisch vollzogen wie sein Aufstieg. Sechzehn orthodoxe und katholische Kirchen gab es früher, und zwei Synagogen. Die Gottesdienste der armenisch-apostolischen Kirche lockten die Jungen aus dem weiten Umkreis wie Fliegen an, denn es gab keine schöneren Mädchen als die armenischen.

Beg erinnerte sich noch an die Prügeleien nach der Messe – die Väter und Brüder gegen die Bauernlümmel, die es auf ihre Töchter und Schwestern abgesehen hatten.

Auch die Armenische Kirche war schon lange verschwunden.

Er parkte vor Tinas Bar und ging hinein.

»Pontus, Schätzchen«, begrüßte ihn Tina, als er sich an die Theke setzte.

Tina Bazooka – selbst Heiligenfiguren kamen bei ihrem Anblick ins Schwitzen.

Sie strich Beg über den Handrücken. Bordellmanieren wird man nicht mehr los.

Sie habe ihren Sohn besucht, er wohnte bei ihrer Mutter im Süden. Tina schob Hackbraten in die Mikrowelle und schenkte ihm Bier ein. Sie zeigte ihm Fotos ihres Sohnes auf dem Handy.

»Schon so groß«, sagte Beg.

»Nächstes Jahr hole ich ihn hierher.«

Er schob das Handy über den Tresen zurück. An der plüschigen neonfarbenen Hülle baumelten billige Herzchen.

»Warum auch nicht? Hier fehlt es an nichts. Schulen …«

»Aha, und was noch?«, fragte sie spöttisch.

»Ein Schwimmbad.«

»Geschlossen.«

»Wirklich?«

»Mit den Mädchen waren wir früher immer mal schwimmen. Das geht jetzt nicht mehr.«

Beg suchte nach anderen Angeboten für Kinder. »Der Valentinspark. Da gibt es …«

»Das Vergewaltigerwäldchen? Das soll wohl ein Witz sein!«

»Da ist ein Spielplatz.«

»Er ist dreizehn.«

»Dann kann er Fußball spielen«, sagte Beg zufrieden.

Tina drehte sich abrupt um und ging ans andere Ende der Theke. Beg hatte einen Fehler gemacht, jetzt fiel es ihm wieder ein – zu spät, was für ein Trottel er doch war! –, der Fuß ihres Sohnes. Tina hatte immer dem Atomregen die Schuld an der Missbildung gegeben, ihr Heimatdorf lag in einem berüchtigten Testgebiet. Ihre Bemühungen, ihrem Sohn einen Ausweis für Opfer von Atomversuchen zu beschaffen, waren gescheitert. Immer noch wurden regelrechte Monster geboren, Mutanten; dagegen war ein Klumpfuß gar nichts. Es war auch nicht gerade förderlich, dass das Kind wahrscheinlich im Morris gezeugt und in einem Michailopoler Krankenhaus geboren worden war.

Beg aß den Hackbraten und trank das Bier. Aus dem Augenwinkel linste er zu Tina. Wie konnte so etwas bloß geschehen? Auf ihrem Busen wippte ein schweres goldenes Kreuz. Tina hatte sich von ihrem alten Leben verabschiedet, und wie alle anderen in der Bar zerfraß sich Beg vor Gram.

Unter ihren ehemaligen Freiern kursierte ein Witz: »Nehmt dieses Brot, das ist mein Leib«, sagte Jesus von Nazareth beim letzten Abendmahl zu seinen Jüngern. »Nehmt diesen Leib, das ist mein Brot«, sagte Tina Bazooka zu ihren Freiern.

Als sie eine Bar eröffnete, folgten ihr die meisten Kunden. Ihr Hackbraten schmeckte allen ausgezeichnet, doch ihr Körper wäre ihnen tausendmal lieber gewesen.

Am Anfang war es eine ziemliche Umstellung, aber alle gaben sich Mühe.

Eigentlich, fand Beg, war der Übergang erstaunlich friedlich verlaufen. Vielleicht klagte aber auch keiner, weil jeder seinen Anteil an ihr gehabt hatte.

KAPITEL 4
DAS VERLASSENE DORF

Schweigend verteilen sie sich auf die Häuser. Sie durchsuchen Zimmer, Küchen, Vorratsschränke und rufen einander aus dunklen Kellern. Der große Mann bricht durch eine morsche Treppe. Es ist nichts Essbares zurückgeblieben, nichts, womit sie ihren Hunger stillen könnten. Fluchend schlägt Vitaly mit einem Stuhlbein eine Zimmereinrichtung kurz und klein. Er schwenkt das Holzstück wild herum, bis ihm der kalte Schweiß ausbricht und er zittert wie ein Fieberkranker. Er sinkt zu Boden, Übelkeit überkommt ihn in Wellen.

In einem überwucherten Gemüsegarten findet die Frau ins Kraut geschossene Kartoffeln. Mit den Händen gräbt sie ein paar runzlige kleine Knollen aus der nassen Erde. Die meisten sind verfault, der stinkende Saft färbt ihre Finger schwarz.

Als sie am Dorfrand einige Apfelbäume entdecken, holen sie den Jungen. Die Vögel und Insekten haben nicht alles Obst weggefressen, eine Menge hängt noch. Einige Äpfel sind braun und mit Schimmel besprenkelt, andere bloß verschrumpelt.

Der Junge wirft die Äpfel hinunter, sie schlagen sich den Bauch mit dem alten, fauligen Obst voll, bis sie nicht mehr können. Der Saft schäumt um ihren Mund. Der Junge schaut von oben über die wellige Ebene, macht große Bissen und lacht unter Tränen.

Später kehren sie einer nach dem anderen von ihren Beutezügen zurück. In einem Innenhof zünden sie ein Feuer an. Der Himmel ist grau und verhangen, es ist ein kalter Tag. Der Junge mustert seine Weggefährten, schmutzige, ausgehungerte Spukgestalten – ihm ist, als sähe er sie zum ersten Mal.

Der große Mann hat einen Topfdeckel aus Eisen gefunden, der ihn nachts beschützen soll. Auf dem Kopf trägt er einen Helm aus dünnen Stangen und feinmaschigem Draht. Früher wurde Obst und Gemüse darunter aufbewahrt.

Der Wilderer ist noch nicht wiedergekommen. Sie füttern das Feuer mit Händen voll staubigem Stroh und Zaunlatten aus dem hohen, dunklen Holzschuppen im Innenhof. Als die Glut heiß genug ist, füllen sie Wasser in einen verbeulten Topf und werfen die paar kümmerlichen Kartoffeln hinein. Es dauert ewig, bis erste Dampfschwaden aufsteigen. Nach einer Weile klaubt die Frau die Knollen aus dem Topf, die anderen sehen zu, wie sie sie unter ihnen verteilt. Sie pusten und lassen die Kartoffeln auf den Fingern tanzen, dann schlingen sie sie mit Schale und allem hinunter und verbrennen sich den Mund.

Die Frau will im Dorf bleiben, einen Tag Pause, eine Nacht im Trockenen, beim Feuer, doch der Tag ist noch jung – Vitaly, der Wilderer und der große Mann beschließen weiterzugehen. Der Mann aus Aschgabad spült sich den schmerzenden Mund mit kaltem Wasser aus.

Sie werfen brennende Holzscheite in die Gebäude. Bald brechen mit dunkelroten Flammen durchsetzte Rauchsäulen aus den Dächern der Scheunen und Häuser. Mit dem Feuer im Rücken verlassen sie das Dorf.

Sie sind an den letzten Häusern vorbei, als der Junge sich umdreht und den Rauch zum Himmel aufsteigen sieht. Ein Freudenfeuer. Stichflammen schießen aus den Dächern. Der Junge schneidet eine Grimasse. Sein Inneres jauchzt. Die Euphorie der Zerstörung. Zur Hölle mit dem ganzen Plunder.

In seiner Tasche findet er die leere Zigarettenschachtel. Er wirft sie auf den Boden und verscharrt sie mit den Füßen im Sand.

»Tot«, flüstert er, »tot.«

Die anderen sind fast außer Sichtweite, er kann nicht länger stehen bleiben und kehrt dem brennenden Dorf den Rücken zu.

Eine Schimäre geht vor ihm her – ein bunter Trupp Sonderlinge, behängt mit irrwitzigen, auf ihren Eroberungszügen zusammengeklaubten Gegenständen. Der Neger mit einem roten Stück Stoff um den Schädel, die Frau mit dem auf ihrem Rücken baumelnden Topf. Der große Mann hat sich den Deckel umgeschnallt, den Helm aus Fliegengitter balanciert er auf dem Kopf. In der Hand hält er einen knorrigen Besenstiel.

Das Dorf hat ihnen trotz der bitteren Enttäuschung Mut gemacht; es scheint, als kämen sie jetzt schneller voran. Unmöglich kann es der einzige Flecken weit und breit sein. Gemeinschaften leben nie so isoliert. Das nächste Dorf wird zum Brennpunkt ihrer Gedanken. Auf den Feldern vor sich sehen sie Traktoren, rauchende Schornsteine, Vieh. Freundliche Bienenstöcke am Dorfrand … Sie brauchen bloß hinzugehen …

Über ihnen schieben sich Wolkenbänke langsam ineinander. Perlmuttfarbenes Licht schimmert an den Bruchkanten. Es fängt leise an zu nieseln. Der große Mann hält sich den Deckel über den Kopf.

Der Abend bricht herein, ohne dass sie das Dorf ihrer Träume erreicht haben. Mit jedem Schritt hat sich die herrliche Fata Morgana ein bisschen mehr aufgelöst. Niedergeschlagen sitzen sie in der Dämmerung im Sand. Der Wilderer ist weggegangen, er legt seine Schlingen. Der Junge spürt die auf ihnen lastende Schwere, das aufziehende Gewitter; er sieht sie einen nach dem anderen an. Gleich wird jemand bluten müssen.

Er holt einen Apfel aus der Tasche und fährt über die runzlige Schale. Ein Apfel – was für eine Kostbarkeit wäre er gestern noch gewesen, was für ein karger Lohn ist er heute.

Fast immer geraten Vitaly und der Mann aus Aschgabad aneinander. Das war von Anfang an so, seit das Schicksal sie zusammengeführt hat und sich die Kräfte in der Gruppe verteilten.

Vitaly und der Mann aus Aschgabad.

Der Junge sieht sie auf denselben Gedanken kommen, er weiß, dass der Wille des einen hart auf den des anderen prallen wird – Eisen auf Eisen.

Der Wilderer ist ein Einzelgänger, er hält sich aus dem Königsstreit heraus. Der große Mann ist bloß ein Vasall, er folgt dem Stärksten.

Die Frau, der Junge und der Neger nehmen andere Rollen ein. Beute. Opfer. Zuschauer. Am besten machen sie sich unsichtbar.

Laut trommeln in der Dämmerung Tropfen auf den Metalldeckel über dem Kopf des großen Mannes. Er jammert leise. »Warum sind wir nicht dageblieben? Der gute Gott hat uns ein Dorf zum Übernachten gegeben, ein Dach über dem Kopf, aber wir haben es nicht verstanden. Wir haben nicht gehört.«

»Du wolltest doch selber weg«, erklingt die Stimme des Mannes aus Aschgabad im Halbdunkel.

»Ich nicht! Er!«

Es klingt, als hätte jemand einen Hund getreten. Sie blicken zu Vitaly – auf ihn deutet die Hand des großen Mannes. Er sitzt reglos da, mit gesenktem Kopf. Sein Wutausbruch vorhin hat seine Kräfte aufgezehrt.

Der Wilderer taucht aus dem hohen Federgras auf. In einiger Entfernung zum Rest lässt er sich auf dem Boden nieder. Die Arme schlingt er um die Knie, den Kopf zieht er zwischen die Schultern. Er ruht wie ein Berg.

Jetzt knöpft sich der große Mann den Jungen vor. »Zeig mal, wie viele Äpfel du noch hast. Los, zeig her.«

»Trottel«, sagt der Junge, bereit, aufzuspringen und wegzurennen.

»Gib mir deine Äpfel, Junge. Ich bin doppelt so groß wie du! Warum hat er genauso viele Äpfel bekommen wie ich? Ich hasse Ungerechtigkeit. Er muss mir seine Äpfel geben!« Er richtet sich etwas auf. »Komm, leer deine Taschen aus, Junge.«

»Ich denk nicht dran.« Der Junge rutscht ein Stück nach hinten.

Der große Mann ächzt. »Hört euch das an! Hört doch! Verprügeln sollte man ihn, das Böse aus ihm rausdreschen.« Er schließt die Augen und wiegt den Kopf wie eine trauernde Frau. »Almaty, o Almaty! Vater aller Äpfel! Aller Äpfel der Welt, rot wie Mädchenwangen. Der lässt mich eher krepieren, als dass er mir seine Äpfel gibt. In was für einer Welt leben wir? O weh, o weh.«

Der Junge schnaubt. »Trottel«, wiederholt er.

In der Dunkelheit, in sicherer Entfernung zu den anderen, wickelt er sich in ein Stück Plastik. Er hat es aus einem Stall geholt, ein Zipfel lugte aus einem getrockneten Misthaufen. Er hat es herausgezogen und den Mist mit einem Stein abgeschabt. Dann hat er es zusammengefaltet und unter die Jacke gesteckt.

Tropfen pladdern aufs Plastik. Er kann nicht einschlafen, fürchtet, dass der große Mann ihm die Äpfel stehlen könnte. Seine Augen versuchen, die Finsternis zu erfassen, die Dunkelheit zu durchbohren – Silhouetten, deren Form sich verändert, Bewegungen, die einen Menschen verraten.

Er ist allein. Sein Herz schlägt heftig. Bereit zuzustechen, umklammert er das Messer.

Im letzten Blau der Dämmerung hat der Mann aus Aschgabad die Frau mitgenommen. Vitaly war zu erschöpft, sie ihm abspenstig zu machen. Eine Zeitlang hat der Junge die Hände auf die Ohren gepresst, doch sie hat kein einziges Mal geschrien.

KAPITEL 5
DIE ZWEITE HÄLFTE DES ABENDS

Pontus Beg aß sein Abendbrot. Er nahm sich zweimal Suppe. Seine Arme lagen auf dem Tisch, der Fernseher lief ohne Ton. Er hörte Radio. Nachrichten und Tagesmeldungen, manchmal Musik. Ein Stück Sehne knirschte ihm zwischen den Zähnen. Wenn Sita nicht da war, kam ihm seine Wohnung ungastlich vor. Der Atem der Verlassenheit blies ihm in den Nacken.

Lange Zeit hatte er nicht verstanden, woher der Knoten in seinem Magen kam, und als er es dann begriff, ärgerte es ihn. Er wollte nicht über Dinge nachdenken, die sich nicht ändern ließen. Spüren wollte er sie auch nicht. Gefühle waren etwas für glückliche Menschen.

Regentropfen zogen glitzernde Bahnen über die Scheibe. Er trat ans Fenster und schloss sein Spiegelbild aus, indem er die Vorhänge zuzog. Den Teller und die Suppenschale trug er in die Küche, ließ etwas Wasser einlaufen und spülte sie ab. Vor langer Zeit, als sich die Konturen seines Daseins abzeichneten, war ihm klargeworden, wie wichtig es war, in der Wohnung ein Minimum an Ordnung zu halten. Kochen würde er, die Mahlzeiten am Tisch einnehmen – langsam, ohne zu schlingen, als sähe ihm Sita unter ihren buschigen Augenbrauen hervor zu –, dann das Kochgeschirr, das Besteck und den Teller abspülen und wegräumen.

An der Polizeiakademie war er zwei Mal wegen Ascheresten und Fettflecken auf der Uniform getadelt worden. Bei der Vereidigung seines Jahrgangs hatte Kommandant Diniz eine Ansprache gehalten. Jewgeni Diniz war ein Arschloch, aber seine Worte waren genauso auf Hochglanz poliert wie seine Stiefel. Er kannte sich aus, hatte ein großes intellektuelles Interesse; Beg erinnerte sich, dass er das für einen Polizeibeamten bemerkenswert fand.

Beg lauschte seiner Rede, es war das erste Mal, dass er von einem alten Chinesen namens Konfuzius hörte. Wenn Konfuzius in einem Land das Sagen gehabt hätte, erklärte Diniz, hätte er als Erstes den Sprachgebrauch verbessert. Wenn der Sprachgebrauch nicht richtig sei, sei das Gesagte nicht das, was gemeint würde. Und wenn das Gesagte nicht das sei, was gemeint würde, kämen die Werke nicht zustande. Kamen die Werke nicht zustande, so würden Kunst und Moral nicht gedeihen. Gediehen diese nicht, sei die Rechtsprechung nicht richtig. Und wenn die Rechtsprechung nicht richtig sei, dann wisse das Volk nicht, was zu tun sei. Deshalb dürfe man keine Willkür bei der Wortwahl dulden. Nur darauf komme es an.

Diniz holte weit aus, beschrieb stattliche Horizonte. Beg war ungeduldig. Doch im Zug auf dem Weg zum Bauernhof seiner Eltern ging ihm plötzlich die verdeckte Gesellschaftskritik seines Kommandanten auf. Die Worte des alten Philosophen waren nicht als Warnung für die Absolventen gedacht, sondern als Erklärung für den heutigen Zustand des Staates. Ihr Land befand sich am Ende des von Konfuzius beschriebenen stufenweisen Niedergangs. Ihnen stand nur noch das Chaos bevor. Die Gesellschaftsordnung war bloß eine scheinbare, eine undurchsichtige Eisschicht, deren Dicke sich nicht abschätzen ließ, bis man sich aufs Eis stellte und einbrach.

Vielleicht hatte der Staat in der damals herrschenden nervösen Paranoia ja die Worte eines alten chinesischen Gelehrten überhört.

Seither stieß Pontus Beg überall auf das Modell des allmählichen Niedergangs. Es begann mit einer winzigen Kleinigkeit und endete in heillosem Durcheinander. In jedem Lebensbereich galt es, diese Kleinigkeit zu identifizieren, zu isolieren und unschädlich zu machen. Deshalb kochte er jeden Abend, setzte sich jeden Abend zum Essen an den Tisch, spülte ab und räumte alles ordentlich weg. Wider die Verwahrlosung, das Abgleiten, einen elenden Tod.

Bestimmt war dieser Diniz längst gestorben, oder er war steinalt und zählte in irgendeiner kleinen Wohnung seine Knöpfe oder starrte aufs stumpf gewordene Metall seiner Medaillen.

Durch ihn hatte Beg das Interesse an der östlichen Philosophie entdeckt; er las Konfuzius, Dschuang Dsi und Laotse und störte sich nicht daran, dass er nicht immer alles verstand.

Beg stellte die Flasche auf den Tisch. Im Radio hieß es, der ehemalige Verkehrsminister sei tot in seiner Datscha gefunden worden. Er habe sich zweimal in den Hinterkopf geschossen, meldete die Nachrichtensprecherin.

Beg schenkte sich ein. Der Schraubverschluss kullerte über den Tisch davon. »Auf dein Wohl, Ministerchen«, sagte er mit zur Decke gehobenem Blick, »dem einzigen Selbstmörder der Welt, der sich eigenhändig zwei Kugeln in den Hinterkopf jagt!«

Seine Beschäftigungen reichten gerade einmal für den halben Abend. Der Tag hatte sich nach und nach verlangsamt und war jetzt ganz zum Stillstand gekommen. Der zweite Teil des Abends war ein Pflegeheim, in dem man ergeben auf den Tod wartete. Mit leisem Erstaunen und nicht allzu viel Hoffnung auf Gnade.

Er genehmigte sich vier Wodkas. Vier, keinen mehr. Ein Wiegenlied. Teil seiner kleinen Ordnung. Fünf Gläser hieße, mit einem warmen und einem kalten Fuß durch die Wohnung zu streifen, sich die Kehle heiser zu rauchen und auf der Suche ...

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