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Die zweite Chance

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Foto: Gloria Tailor

Michael von Deband

Michael von Deband, Jahrgang 1975, lebt und arbeitet in Nürnberg. Mit „Die zweite Chance“ legt er seinen ersten Roman vor, der zugleich die Geburtsstunde der beiden ermittelnden Kommissare Stewes und Jason ist.

Der Diplomingenieur, der als Projektmanager unzählige Projekte sowohl im In- als auch im Ausland führt, holte sich Inspirationen für dieses Buch aus seiner Studienzeit, seinen vielen Reisen und dem breitgefächerten Potpourri an Freizeitaktivitäten.

Die technischen Ideen und das damit verbundene Knowhow brachte seine Berufswahl mit sich.

Die Motivation und vor allem den Mut der eigenen Kreativität zu diesem Buch freien Lauf zu lassen, schöpfte er aus der Erkenntnis, dass im Leben alles erreichbar ist, wenn man fest an seine Idee glaubt.

„Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres.“

Gotthold Ephraim Lessing

Kapitel 1

Wie jeden Morgen verließ sie kurz vor sieben Uhr ihre Wohnung und machte sich auf den Weg zu Arbeit. Der kleine Einkaufsladen öffnete zwar erst um acht, aber sie kam freiwillig immer etwas früher und half Henrik, ihrem Chef beim Auffüllen der vom Vortag meist leergekauften Regale. Sie verdiente nicht gerade viel und die Arbeitszeiten verlangten hohe Flexibilität von ihr, aber sie war überglücklich, dass sie in diesen nicht gerade einfachen Zeiten überhaupt einen Job hatte. Außerdem war sie der Meinung, dass sie mit Henrik nicht den schlechtesten Chef hatte. Wie gewohnt stieg sie in ihr altes und reparaturbedürftiges Auto und schaltete schon fast automatisch das museumreife Radio ein, um die Nachrichten zu hören. So hatte sie das Gefühl immer auf dem Laufenden zu sein und nichts zu verpassen. Außerdem unterhielt sie sich gerne in ihrer gemeinsamen Mittagspause mit Henrik über die aktuellen Geschehnisse und die neusten Trends. Während sie aus ihrer Ausfahrt auf die Hauptstraße, die direkt zu dem kleinen Laden führte herausfuhr, konzentrierte sie sich zwar noch leicht verschlafen, aber dennoch aufmerksam auf den Verkehr und auf die angenehm klingende Stimme des Nachrichtensprechers:

"... Gestern Abend gab es einen Großeinsatz der örtlichen Polizei und Feuerwehr. Ersten Angaben zufolge wurde die Polizei in ein nahegelegenes Waldstück gerufen, in dem sie einen schrecklichen Fund machte. Der ermittelnde Kommissar S. Stewes bestätigte zum aktuellen Zeitpunkt lediglich, dass mehrere tote Personen geborgen worden waren. Um wen es sich bei den Toten und ob es sich um einen schrecklichen Unfall oder eine Straftat handelt ist derzeit noch völlig unklar. …“

Plötzlich war sie hellwach. Ungläubig und betroffen schüttelte sie langsam den Kopf. Solche schrecklichen Tragödien lösten in ihr große Emotionen aus und wenn sie noch dazu direkt in ihrem Umfeld passierten umso mehr.

Kapitel 2

Halb verschlafen stand Sarah Larson vor ihrem großen Spiegel im Badezimmer und betrachtete sich sorgfältig. Mit ihren 33 Jahren sah sie noch überdurchschnittlich gut aus und dessen war sie sich sehr wohl bewusst. Schließlich kannte sie genug Frauen gleichen Alters, die mindestens 10 Jahre älter wirkten. Die vielen Stunden im Fitnessstudio und die tägliche Körperpflege zeigten ihre Wirkung. Nicht, dass sie ihr ganzes Leben ihrem Aussehen widmete, aber sie wusste die Vorzüge dessen in der überwiegend von Männern dominierten Welt zu schätzen. Ob als kleines Kind, Schülerin, Studentin oder jetzt im Berufsleben – das Aussehen wurde ihr zumindest nie zu spürbarem Nachteil. Schon früher hatte bereits bei Papa das kleinste Klimpern mit ihren tiefblauen Augen ausgereicht, um das gewünschte Ziel zu erreichen. In wirklich schwierigen Fällen musste sie noch ihre Augenbrauen einsetzen und das Ganze mit einem leisen Schnaufen untermalen. Erstaunlicherweise funktionierte diese Taktik bis heute aber nur bei Papa. Aus unerklärlichen Gründen war Mama immer dagegen immun gewesen. Jetzt, so wiederholt sich die Geschichte, versuchte ihre eigene mittlerweile vier Jahre alte Tochter Jessica auf die Lösung dieses Rätsels zu kommen. Schon während Sarahs gesamter Schulzeit waren ihr, zum Leidwesen ihrer Mitschülerinnen, fast alle Jungs zu Füßen gelegen hatte. Fast täglich hatte sie Liebesbriefe bekommen, doch Sarah hatte sich nie wirklich für einen von ihnen begeistern können. Sie hatte sich auf ihre schulischen Aufgaben konzentriert und trotz der vielen, zum Teil lästigen Verehrer hatte die Schulzeit ihr im Großen und Ganzen immer sehr gut gefallen. Schließlich hatte es doch etwas Schönes an sich gehabt immer im Mittelpunkt zu stehen. In der Studienzeit war dies auf eine subtilere Art und Weise geschehen. Sie hatte es nie nachweisen können und keinen direkten Vergleich, aber ihr Bauchgefühl hatte ihr stets gesagt, dass sie vor allem bei jüngeren Dozenten in mündlichen Prüfungen immer einen kleinen Vorteil gegenüber den Mitkommilitonen, vor allem den männlichen, hatte und das nicht nur ihres Aussehens wegen. Ob die Vermutung zutreffend gewesen war oder nicht hatte für sie persönlich letztendlich keine Rolle gespielt. Was sie aber mit Gewissheit wusste war, dass dies keinerlei Auswirkungen auf ihren Abschluss gehabt hatte. Den hätte sie so oder so als beste ihres Jahrgangs abgeschlossen. Doch jetzt, als Assistenzärztin, konnte sie schon froh sein, wenn ihr jemand im Alltagsstress mal die Tür aufhielt oder ihr ab und zu ein gehetztes Lächeln schenkte. Die ganze Sache hatte jedoch, wie jede Medaille, auch eine Schattenseite. Sie musste im Laufe ihres Lebens feststellen, dass man als Frau mit den Eigenschaften hübsch UND intelligent auf dem Singlemarkt eindeutig das Prädikat eines Ladenhüters bekam. Die Männer hatten einfach panische Angst vor dieser Paarung.

Das ferne Klingeln des Weckers unterbrach schließlich ihre Gedanken. Gründlich wusch sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser, putzte sorgfältig die Zähne und kämmte ihr schulterlanges blondes Haar. Anschließend legte sie dezentes Makeup auf. Ganz ohne fühlte sie sich irgendwie nackt im Gesicht, aber zu viel wirkte in ihrem Beruf unseriös. Sie war fast fertig, als Martin, ihr Ehemann ins Badezimmer kam und sie liebevoll fragte: »Guten Morgen, mein Schatz! Warum hast du mich denn nicht geweckt?«

Sarah hasste diesen Kosename. „Schatz“ - so nannten sich aus ihrer Sicht nur frischverliebte Teenager, aber nicht erwachsene und verheiratete Menschen. Außerdem war sie der Meinung, dass der Kosename „Schatz“ nicht wirklich von viel Einfallsreichtum zeugte. Diese Abneigung hatte sie ihrem Mann jedoch immer geschickt verschwiegen. Schließlich hatte Martin, milde ausgedrückt, einen leichten Hang zu übertriebener Romantik. Es würde ihn mit Sicherheit kränken zu hören, dass der von ihm bestimmt sehr mühevoll ausgewählte Kosename seiner Angebeteten nicht gefiel. Der eigentliche Grund jedoch war, dass sie sich keinen neuen Kosenamen mehr merken wollte.

»Ich bin vor dem Wecker aufgewacht und dachte mir ich lasse dich noch ein bisschen schlafen. Ich brauche doch eh immer ewig im Bad«, antwortete sie freundlich lächelnd und drehte sich zu ihm um. Er nahm sie in den Arm und drückte sie ganz fest an sich. Zärtlich legte Sarah ihren Kopf auf Martins Schulter und schloss für einen kurzen Moment die Augen. In den Armen ihres Ehemannes fühlte sie sich immer wohl und sicher. Er war einen Kopf größer als sie und zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens sehr gut gebaut gewesen. Bedingt durch seinen beruflichen Aufstieg und das zunehmende Alter hatte aber auch er in den letzten Jahren ein bisschen an Bauchumfang zugelegt, was Sarah aber nie wirklich gestört hatte. Nach seinem BWL Studium hatte er schon seit Jahren mit sehr großem Engagement in einem regionalen mittelständischen Unternehmen gearbeitet. Vor einem Jahr wurde dieser Ehrgeiz dann schließlich belohnt. Und so war er zum Leiter der Einkaufsabteilung befördert worden, was leider zur Folge hatte, dass sie als Ehepaar nicht mehr so viel Zeit zusammen verbringen konnten, was Sarah aber nicht wirklich als störend empfand. Vor dem Hintergrund, dass sie wusste, egal welchen Wunsch sie auch hätte und wie stressig es für Martin werden würde, er alles versuchen würde diesem nachzukommen, genoss sie ihre neu dazugewonnene Freiheit sehr.

»Was ist denn los, mein Schatz?«, riss Martin sie aus ihren Gedanken.

»Ach, nichts!«, antwortete Sarah immer noch leicht verschlafen.

»Ich bin einfach nur froh, dass ich heute meinen letzten Arbeitstag habe. Dann ist endlich der wohlverdiente Urlaub angesagt. Auch wenn ich die drei Wochen alleine mit Jessica verbringen muss, bin ich echt froh mal wieder so richtig abschalten zu können.«

»Das kann ich mir wirklich vorstellen. Das hast du dir aber auch wahrlich verdient«, antwortete Martin und fuhr vorsichtig mit seiner Hand durch ihr frisch gekämmtes Haar.

»Kannst du dir wirklich nicht ein paar Tage frei nehmen? Du bist doch der Chef«, fragte Sarah noch einmal nach.

»Leider nein! Ich werde aber trotzdem immer versuchen etwas früher nach Hause zu kommen, damit wir ein bisschen mehr Zeit für uns haben. So wie ich dich kenne, wird es dir dennoch nicht langweilig werden. Ich habe mich schon darauf eingestellt, dass ich im Haus bald nichts mehr an seinem alten Platz finden werde und mich neu orientieren muss«, antwortete Martin mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht.

Dies war ihm bestimmt schwer gefallen, denn er hasste jegliche Art von Veränderungen. Er liebte Ordnung und klare Strukturen in seiner gewohnten Umgebung. Vor allem aber liebte er ihre gemeinsamen vier Wände. Sarah hingegen liebte es, dieses, ihr gemeinsames Zuhause immer wieder neu zu gestalten. In dem Zusammenhang hatten sie nur eine Regel: Sein Arbeitszimmer war für sie tabu.

Sie hatte nicht das Gefühl, dass er etwas vor ihr zu verbergen hatte. Es war einfach sein eigenes Reich und das respektierte und akzeptierte sie auch ausnahmslos.

»Ich habe eine Überraschung für dich, mein Schatz«, erwiderte er, während sie sich mit einem leichten Druck aus seiner Umarmung löste. Dabei schaute sie ihn verdutzt an.

»Frag nicht«, sagte Martin und machte eine theatralische Handbewegung, während er weiter sprach.

»Lass dich einfach überraschen! Ich verrate dir nur so viel: Deine Eltern holen Jessica später aus dem Kindergarten. Sie bleibt bis morgen bei ihnen. Und mein letzter Tipp: dein Lieblingsitaliener«, grinste Martin schelmisch.

»Ich kenne dieses Grinsen«, antwortete Sarah und versuchte dabei die Erstaunte zu spielen.

»Und was bedeutet es deiner Meinung nach?«

»Du willst mich heute Abend flachlegen!«, sprach Sarah provokant, um ihn wie so oft herauszufordern. Ihr romantischer Ehemann nahm sehr zu ihrem Bedauern solche Wörter niemals in den Mund.

»Vielleicht«, entgegnete er und überhörte ihre Provokation bewusst.

»Du hättest Detektiv werden sollen«, fügte er noch lächelnd hinzu.

»Das Bad ist jetzt frei! Ich mache uns Frühstück. Kommst du gleich mit unserer kleinen Prinzessin runter? Ihre Anziehsachen hab ich schon rausgelegt«, murmelte Sarah ihm emotionslos zu und verließ das Badezimmer.

»Guten Morgen, meine kleine Prinzessin!«, sagte sie, als Martin ein paar Minuten später mit Jessica auf dem Arm in die Küche kam. Wie jeden Morgen sah sie auch heute noch total verschlafen aus, eben ganz die Mama. Frei nach dem Motto: „Was interessiert mich das Wetter vor 11 Uhr?“

Da galt die Devise. Am besten so wenig wie möglich ansprechen.

»Frühstück ist fertig.«

»Schau mal, Jessi, Mami hat für dich einen Kakao und einen leckeren Toast mit Erdbeermarmelade gezaubert. Hm, lecker!«, versuchte Martin Jessica das Frühstück schmackhaft zu machen (wohlwissend, dass er keine Antwort zu erwarten brauchte).

»Sie ist das Ebenbild meiner Sarah«, dachte er, als er Jessica besonnen betrachtete. Mit ihren blonden Locken und den blauen Augen war sie ebenso hübsch wie ihre Mama, aber auch genauso zickig.

»Da werden sich noch einige Männer an ihr die Zähne ausbeißen. Aber alles zu seiner Zeit. Bis dahin wird ja hoffentlich noch ein wenig Zeit vergehen«, dachte er bei sich, während er Jessica liebevoll betrachtete.

»Hmmm, mein Kaffee ist wirklich köstlich. Da bin ich gleich fit für den Tag. Dein Kakao ist bestimmt genauso lecker, oder Jessi?«, richtete Martin erneut das Wort an seine Tochter und streckte sich dabei übertrieben gekünstelt.

Aber nichts. Keinerlei Reaktion. So startete er wie jeden Morgen einen zweiten Versuch: »Man, ist der Toast lecker. Jessi, wenn du dich nicht beeilst, esse ich deinen Toast gleich mit!«

Jessi warf ihm einen bösen Blick zu und umschlang mit ihrer rechten Hand beschützend den Teller. Ein Wort kam nicht über ihre Lippen. Manchmal klappte es Jessica mit dieser Taktik fröhlich zu stimmen, aber heute war da eindeutig nichts zu machen. So beendeten sie schließlich das Frühstück, Sarah räumte alles auf und Martin kümmerte sich wie immer um Jessica. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten waren sie als Familie mittlerweile ein sehr gut eingespieltes Team geworden, zumindest was den allmorgendlichen Ablauf anging. So zog Martin Jessica Jacke und Schuhe an und packte ihre Tasche zusammen. Da sie heute bei den Großeltern übernachtete musste alles mit, auch der Teddy. Nachdem er diesen schon einmal mitten in der Nacht quer durch die ganze Stadt zu den Großeltern chauffieren musste, weil Jessi ohne ihren Teddy nicht einschlafen konnte, würde er ihn sicher nie mehr irgendwo vergessen. Nachdem nun endlich alles im Auto verstaut war, verabschiedeten sich beide von Sarah. Martin gab ihr einen Kuss auf die Wange, Sarah hingegen gab lediglich Jessica einen Kuss und drückte sie zum Abschied für einen Moment nochmal ganz fest an sich. Das war ihr tägliches Ritual. An der Wohnungstür angekommen, drehte Martin sich noch einmal um und sagte: »Ich wünsche dir einen ruhigen letzten Arbeitstag, Schatz und vergesse unser Date heute Abend nicht. Den Tisch beim Italiener habe ich für 20 Uhr reserviert. Ich freue mich! Bis später. Ich hab dich lieb.«

»Ja, ich freue mich auch!«, entgegnete Sarah nüchtern.

Nachdem Martin mit Jessi ins Freie trat, schaute Sarah ihnen kurz winkend nach und ließ anschließend die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Sie lehnte sich gegen diese und atmete ein paar Mal tief durch. Endlich war sie alleine. Sie brauchte einfach ihre Zeit, bis sie in der Früh in die Gänge kam. Da war ihr so früh am Morgen überdurchschnittlich aktiver Martin nicht unbedingt die beste Gesellschaft für sie. Deshalb ging er mit Jessi immer als erstes aus dem Haus, brachte sie zum Kindergarten und fuhr anschließend direkt weiter in die Arbeit. So freute sich Sarah jeden Tag auf die halbe Stunde, die sie nur für sich hatte. Diese nutzte sie meist um in Ruhe die zweite Tasse Kaffee zu trinken und genüsslich eine Zigarette zu rauchen. Sie rauchte nicht viel und hatte sich zwei klare Regeln zu diesem Thema auferlegt.

Erstens: Sie rauchte niemals vor Jessica, um ihr kein schlechtes Vorbild zu sein.

Zweitens: Sie rauchte, soweit es sich vermeiden ließ auch nicht vor Martin.

Er hatte es zwar mittlerweile akzeptiert, aber eine Zigarette schmeckte einfach nicht in seiner Gegenwart. Er sagte meistens nichts, aber sein kritischer Blick reichte ihr schon aus um auf den Genuss zu verzichten. Doch kaum hatte sie sich heute hingesetzt und genüsslich an ihrer Zigarette gezogen, klingelte schrill und laut ihr Handy.

»Was hat er denn nun schon wieder vergessen?«, fragte sie sich laut und verdrehte dabei ihre blauen Augen. Sie trank einen großen Schluck Kaffee aus ihrer Tasse, in der Hoffnung, dass das Handy endlich sein lästiges Klingeln aufgab. Doch ihr Wunsch blieb unerfüllt. Deshalb stand Sarah seufzend auf, ging zu ihrer Handtasche und holte das lästige Gerät heraus. Als sie auf das Display blickte, breitete sich jedoch sofort ein Lächeln auf ihren Lippen aus.

»Du störst, ich bin im Stress!«, sagte Sarah, nachdem sie die grüne Telefonhörertaste auf Ihrem Handy gedrückt hatte. Sie versuchte dabei gestresst zu klingen. Am anderen Ende der Leitung hörte sie das unverkennbare, herzliche und laute Lachen ihrer langjährigen Freundin Alex.

»Was gibt es da denn bitte zu lachen?«, hakte Sarah immer noch schauspielend nach.

»Es ist einfach nur schön zu hören, dass sich manche Dinge im Leben nie ändern«, hörte sie immer noch lachend ihre Freundin sagen.

»Lass mich raten. Du sitzt mit einem Kaffee und einer Zigarette in der Hand am Frühstückstisch und versuchst in die Gänge zu kommen.«

»Ok, ok, ok. Ich weiß, ich kann dir nichts vormachen. Aber mit dem Frühstücktisch liegst du falsch.«, antwortete Sarah schnaufend und fuhr fort: »Du weißt gar nicht, wie ich mich freue dich zu hören. Es ist schon wieder ewig lange her, seit wir das letzte Mal miteinander telefoniert haben. Und du wirst es nicht glauben, aber ich hab auch gerade an dich denken müssen.«

Wirklich sehr froh ihre Freundin zu hören, ging Sarah in den Garten hinaus, setzte sich wieder hin und zog kräftig an ihrer Zigarette. Fast 5 Jahre war es mittlerweile her, seit Alex ihr verkündet hatte, dass sie das Gefühl habe etwas in ihrem Leben verändern zu müssen. Sie wollte etwas Neues ausprobieren, ihren Horizont erweitern und sich selbst neu finden. Sarah kannte sie schon damals lange genug, genau genommen seit dem Kindergarten, um zu wissen, dass nichts und niemand Alex von dieser Idee abbringen könnte. Es dauerte keinen Monat und Alex hatte einen neuen Job, eine neue Wohnung und stand mit gepackten Koffern, einem vor Freude strahlendem Gesicht und voller Aufbruchsstimmung vor Sarahs Tür um sich endgültig zu verabschieden. Sarah freute sich damals sehr für ihre beste Freundin und bewunderte ihren Mut. Sie selbst hätte einen solchen Schritt nie gewagt. Sie brauchte Sicherheit und Geborgenheit. In die weite Ferne hatte es sie nie gezogen. Als Alex weg war, fühlte es sich anfangs so an, als hätte Sarah eine Schwester verloren. Sie telefonierten zunächst täglich, aber das war irgendwie nicht dasselbe. Das gemeinsame Shoppen, das Ratschen bei einem Kaffee zwischendurch, all das fehlte. Mit der Zeit wurden die Telefonate schließlich weniger, aber die große Sympathie und mit ihr die langjährige Freundschaft blieben auch weiterhin bestehen. Insgeheim hoffte Sarah noch immer, dass für Alex die alte Heimat in absehbarer Zeit die Ferne sein würde, in die sie sich zurücksehnte. Bis jetzt wartete sie darauf jedoch leider vergebens.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, unterbrach Alex laute Stimme ihre Gedanken.

»Ja, klar!«, antwortete Sarah wieder in der Realität angekommen.

»Klingt aber nicht wirklich überzeugend, Süße!«, entgegnete Alex argwöhnisch und fuhr weiter fort: »Und nachdem wir ein bisschen geplaudert hatten, sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass wir uns endlich einmal wieder alle treffen müssen. Lange Rede - kurzer Sinn. Er ruft Kevin und Oli an und ich hab gesagt ich kläre es mit dir. Und, was sagst du dazu?«

»Ich nehme an du sprichst von Tomek?«, stellte Sarah geistesabwesend fest.

»Von wem den sonst, Süße? Ich finde die Idee super. Ich hab jetzt Urlaub und Tomek zufällig auch. Er meinte die anderen beiden bekommen das mit dem Urlaub bestimmt auch hin. Kevin sowieso. Der ist ja schließlich selbständig und außerdem kennst du ihn ja. Wo Tomek und Oli sind, ist auch er nicht weit. Jetzt müssen wir nur hoffen, dass Oli Zeit hat«. Alex plapperte wie ein Wasserfall. Ihre schier unendliche Begeisterung am anderen Ende der Leitung war nicht zu überhören.

»Wo hast du Tomek denn eigentlich getroffen?«, fragte Sarah von der Informationsflut merklich überfordert sachlich nach.

»Sarah, das habe ich dir doch gerade eben schon erzählt. Wie sieht es denn bei dir aus? Hast du Zeit?«

Sarah holte gerade Luft, um zu antworten, als ihr Alex schon wieder voller Lebhaftigkeit ins Wort fiel.

»Wir dachten, wir machen wie in alten Zeiten mal wieder richtig einen drauf. Das Wetter soll super werden. Beste Voraussetzungen also für Party, Abenteuer und chillen. Weißt du eigentlich, wie lange das schon her ist?« Alex hielt kurz inne, holte laut hörbar tief Luft und plapperte weiter munter drauf los ohne Sarah die Chance einer Antwort zu geben.

»Wann haben wir uns das letzte Mal alle gemeinsam gesehen?«.

Wieder kurze Pause. Sarah hörte Alex erneut tief Luft holen. Sie wollte die Chance nutzen und antworten. Es war aussichtslos. Alex referierte schon wieder weiter.

»Ich denke die Auszeit hat uns allen gut getan. Mit Tomek konnte ich mich sogar schon wieder richtig gut unterhalten. Wir haben den ganzen Nachmittag miteinander verbracht. Es war echt schön. Fast wie in alten Zeiten.«

Wieder entstand eine kurze Pause. Nach dem kurzen Moment der Stille fragte Alex: »Bist du noch dran?«

»Ja, ja, klar! Du lässt mich gar nicht zu Wort kommen«, erwiderte Sarah leicht vorwurfsvoll.

»Aha! Ok! Ja und was sagst du jetzt dazu? Wann hättest du Zeit?«

Wieder entstand eine kurze Pause. Diesmal wartete Alex bis Sarah das Wort ergriff.

»Also ich hab heute meinen letzten Arbeitstag und anschließend drei Wochen Urlaub. Wir hab…«

Lange hielt Alex Rededisziplin nicht an. Sie fiel Sarah erneut unbedacht ins Wort.

»Fahrt ihr etwa weg? Oh Mist, sorry! Vor lauter Aufregung hab ich ja nicht mal gefragt, wie es euch geht. Was macht Jessica? Sie ist bestimmt schon wieder gewachsen. Mit Martin läuft es ja eh super. Der ist so ein lieber Kerl. Da hast du echt einen überragenden Fang gemacht mit ihm. Sehr bedauerlich, dass er keinen Bruder hat. Der wä…«

»Alex!«, schrie Sarah laut in ihr Telefon. Es herrschte plötzlich Totenstille in der Leitung.

»Ja? Rede ich schon wieder zu viel?«, fragte Alex verdutzt und vorsichtig leise nach.

»Du? Nein, kaum«, sagte Sarah lächelnd und bekam endlich bisschen Zeit um ihre Gedanken neu zu sortieren.

»Ich finde die Idee gut«.

»Wie? Nur gut? Die ist genial! OK, ich weiß was dir durch den Kopf geht, aber das ist so lange her und alles geklärt. Das passiert in den besten Familien. Vergeben und vergessen. Also was ist los?«, sprach Alex wieder wie ein Wasserfall.

»Wie habt ihr euch das denn eigentlich genau gedacht?«, schaffte Sarah zu fragen.

»Sollten Kevin und Oli Zeit haben, das werde ich heute noch von Tomek erfahren, würden wir uns schon am Samstagnachmittag bei Tomek treffen.«

»Also das wäre morgen!«, bemerkte Sarah und merkte sogleich wie sich ihr Puls rasant beschleunigte. Sie griff spontan nach der neben ihr liegenden Zigarettenschachtel, entnahm dieser mit zittrigen Händen eine Zigarette und zündete diese an. Tief inhalierte sie den Rauch, der sie sofort ein bisschen beruhigte.

»Scharfsinnig, Süße. Wir dachten uns, je weniger Zeit du zum Nachdenken hast, umso besser. Wir kennen dich alle einfach zu gut. Hast du für mich ein Zimmer frei? Oli würde dann bei Tomek schlafen«, plapperte Alex weiter voller Begeisterung.

»Was wäre denn, wenn ich keinen Urlaub hätte oder wir wegfahren würden?«, fragte Sarah gedankenverloren nach.

»Hast du aber und wegfahren tut ihr offensichtlich auch nicht! Also? Ich hab das Gefühl du freust dich gar nicht«, meckerte Alex bissig.

»Doch, doch. Es kommt nur alles sehr spontan und überraschend. Ich freu mich aber riesig. Ganz ehrlich. Sag mir doch einfach im Laufe des Tages nochmal Bescheid, ob es klappt. Klar kannst du bei uns schlafen. Du weißt doch, hier ist immer ein Zimmer für dich frei.«

Sarah sah auf die Uhr und stellte fest, dass sie schon viel zu spät dran war.

»Du, Alex. Sorry! Ich muss jetzt leider los. Bin sowieso schon zu spät dran. War schön dich zu hören und ich freu mich schon auf euch. Ich hoffe, dass es bei den anderen auch klappt. Ich muss es dann nur noch irgendwie Martin verkaufen. Er hat zwar eh keinen Urlaub, aber er wollte trotzdem ein bisschen mehr Zeit mit mir und Jessi verbringen.«

»Ach, so wie ich ihn kenne, wird er nichts dagegen haben. Um ganz sicher zu gehen machst du euch beiden heute einfach einen schönen Abend und kümmerst dich gut um ihn. Du hast es schließlich selbst in der Hand und … «.

»Alex, stopp! Ich kenne dich lang genug und weiß ganz genau was jetzt kommt und was du meinst. Ich hab es schon verstanden«.

»Ja, davon bin ich überzeugt, Süße. Ich melde mich dann später nochmal. Ciao!«

Ehe Sarah antworten konnte, war die Leitung bereits tot. Typisch Alex. Hastig trank Sarah den letzten Schluck ihres inzwischen kalten Kaffees, packte ihre Sachen zusammen und verließ das Haus.

Auf dem Weg zur Arbeit dachte sie die ganze Zeit über Alex Anruf nach. Auf der einen Seite freute sie sich tatsächlich auf das Wiedersehen mit den alten Freunden. Auf der anderen Seite hatte sie aber auch Angst davor. Sie dachte an die gemeinsame Studienzeit, in der sie als Clique einfach unzertrennlich gewesen waren. Damals hatte sie mit Alex und Oliver in einer WG gewohnt. Sie musste lächeln, als sie an ihren ursprünglichen Plan, von dem sie beide in ihrem jugendlichen Leichtsinn so grenzenlos begeistert waren, dachte. Sie und Alex wollten die große Freiheit genießen und zusammen ziehen, weg von den Eltern, um ihren eigenen Platz zum Studieren, aber vor allem zum Feiern zu haben. Sie wollten all die Klischees selbst erleben, die sie über das Studentenleben gehört und gelesen hatten. Sie wollten frei sein. Schon bald merkten sie aber, dass das Leben doch etwas teurer und komplizierter war, als ursprünglich gedacht und so musste das Partyzimmer schließlich noch mit einem weiteren Bewohner belegt werden. Sarah wollte damals unbedingt eine reine Mädchen WG, aber Alex war für ein bisschen Abwechslung. Außerdem hatte Alex zu dieser Zeit Oliver kennengelernt. Er suchte zufällig gerade eine WG und zufällig verstand sich Alex auf Anhieb super mit ihm. Er passte absolut nicht in ihr Beuteschema, aber hatte viele Freunde, die dies taten. Zufällig gefiel ihm das Zimmer sehr gut und zufällig standen eines Abends auch seine ganzen Sachen im nun ehemaligen Partyzimmer. An diesem Abend hatte Sarah auch ihren ersten und einzigen großen Streit mit Alex gehabt. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, wie wütend sie gewesen war, wie sie die Tür hinter sich laut zugeknallt hatte und wütend aus der gemeinsamen Wohnung gestürmt war. Sarah wusste sofort, dass Olis Einzug, im Gegensatz zu Alex vergeblichen Erklärungsversuchen keine Verkettung von Zufällen, sondern ein von ihr lang gehegter Plan gewesen war, in den sie Post Factum involviert worden war und das ärgerte sie am meisten. Sie hatte aber zu ihrem größten Bedauern nach einer halben Schachtel Zigaretten feststellen müssen, dass es nicht wirklich viele Alternativen für sie gab. Lediglich die eine: Zurück zu den Eltern. Und das war absolut nicht in Frage gekommen. Sarahs Sichtweise auf die neu entstandene Situation hatte sich jedoch noch am gleichen Abend schlagartig geändert. Denn Oli konnte das, was sie beide überhaupt nicht konnten – kochen. Und während Sarah ihrem Ärger mit einigen Zigaretten vor der Haustür Luft machte und schmollte, hatte Oli ein traumhaftes Einstandsdinner für alle zubereitet. Mit vollem Magen war er ihr dann sofort viel sympathischer als zuvor gewesen und mit der folgenden Nachspeise hatte er endgültig ihr Herz erobert. In den darauffolgenden Tagen und Wochen hatte sich Oli als ein wahrer Sternekoch entpuppt. Er entsorgte alle Fertiggerichte aus der Küche und kochte fortan fast jeden Tag etwas Leckeres für seine Mädels, wie er sie liebevoll nannte. Er übernahm auch die Wocheneinkäufe und schaffte sogar, dass am Ende des Monats noch ein bisschen was vom Haushaltsgeld, das sie zusammenlegten übrig blieb. Sein BWL Studium zahlte sich an dieser Stelle voll und ganz aus. Aus der Dreier-WG war schon bald eine Fünfer-WG geworden, zumindest was das Essen betraf. Kevin, ein sehr guter Studienkollege von Oli hatte sich dazugesellt und kurz darauf war auch Tomek hinzugekommen, seines Zeichens wiederum ein sehr guter Freund von Kevin. Zu Alex großem Leidwesen war unter den Jungs jedoch kein potenzieller Lover für sie dabei, aber die Gruppe hatte dennoch, oder wahrscheinlich eher deswegen, viel Spaß zusammen. Die Abende wurden immer länger und die Freundschaft immer tiefer. Erstaunlicherweise, zur großen Überraschung der anderen beiden Mitbewohner, hatte es Oli immer noch trotz Feiern und Mehrung der Mittesser geschafft mit dem doch sehr bescheidenen Haushaltsgeld auszukommen. Er hatte das geschafft, was sie zu zweit nie hinbekommen hatten. Vor allem konnte Sarah sich aber noch ganz genau an die verdutzten Gesichter der anderen erinnern, als sie und Tomek sich das erste Mal küssten. Alex war damals so vor Freude ausgeflippt und hatte gleich beschlossen, dass es groß gefeiert werden musste. Ihre Süße hatte endlich einen Lover. Das war das Motto der Party gewesen - von Alex höchstpersönlich ausgewählt. Am nächsten Morgen hatte Sarah nicht nur ihren ersten Lover, sondern auch ihren ersten Rausch hinter sich. Zudem hatte sie ihre erste und letzte Nacht über der Toilettenschüssel verbracht. Das hatte im Nachhinein dennoch etwas Gutes an sich, denn selbst Alex hatte begriffen, dass in der Nacht nichts mit Tomek gelaufen war und somit waren lästige Fragen ausgeblieben. Tomek und sie waren wirklich glücklich gewesen in der Anfangszeit. Tomek war der Mann, auf den sie immer gewartet hatte. Er hatte keine Angst vor ihr, konnte ihr Paroli bieten und brachte sie immer zum Lachen, nicht selten über sie selbst. Er hatte immer einen coolen Spruch auf Lager gehabt und sie einfach in allem was er tat begeistern können. Und erst der Sex! In den vier Jahren ihrer Beziehung hatte sie den besten und spontansten Sex ihres Lebens! Der Vergleich dazu fehlte ihr zu dem Zeitpunkt zwar, aber dessen war sie sich schon damals absolut sicher. Sie hatte nicht nur das männliche Wesen kennengelernt, sondern mit Hilfe von Tomek auch eine Menge über sich selbst herausgefunden. Da sie aber so unterschiedlich waren wie nur zwei Menschen unterschiedlich sein können, war es im Laufe der Zeit immer wieder zu Streitigkeiten, Versöhnungen und anschließendem grandiosen Versöhnungssex gekommen. Sie hatte eben eine moderne und ausgeglichene ON/OFF Beziehung geführt. Zum Ende des Studiums hin war die Beziehung aber immer anstrengender geworden, es hatte nur noch Streit gegeben und selbst Alex Anfangseuphorie war gegenüber Tomek geschwunden. Sarah hatte schließlich mit Ende ihres Studiums auch die Möglichkeit gesehen neu zu beginnen, alleine ohne die anderen. Und alleine bedeutete auch ohne Tomek. Es war ihr nicht leicht gefallen den Schritt zu gehen und es war auch keine einfache Zeit für die Freundschaft aller Beteiligten gewesen. Es wurde nicht mehr so viel gekocht und auch die gemeinsamen Treffen waren immer weniger geworden. Wer konnte, blieb der WG schließlich fern. Alex war Sarah hingegen immer beigestanden und hatte versucht zu helfen, wo sie nur konnte. Mit Tomek hatte Sarah noch mehrmals versucht sich auszusprechen und fast hatte sie sich überreden lassen einen zweiten Versuch mit ihm zu starten, aber letztendlich war es Alex unter Zuhilfenahme von Oli und Kevin gewesen, die ihr das ausgeredet hatten.

Die schrille und laute Stimme des Pförtners riss sie aus ihren Gedanken.

»Kann ich bitte Ihren Ausweis sehen?«.

»So ein Depp!«, dachte sich Sarah jedes Mal. »Kann er oder will er sich mein Gesicht nicht merken?«

Sie blieb aber jedes Mal freundlich, denn sie schob sein Verhalten auf die Gründlichkeit, mit der er seinen Job machte.

»Bitte«, sagte sie charmant und reichte ihm den Ausweis.

»Danke, Sie können passieren, Frau Doktor Larson«.

Sarahs Arbeitstag verlief wie immer, stressig, chaotisch und vor allem zügig. Nur ein einziges Mal hatte sie Zeit für einen ekligen, lauwarmen Kaffee aus dem Automaten und eine Zigarette dazu. Und selbst diese konnte sie nicht wirklich genießen, denn sie wurde ständig von anderen Kollegen angesprochen. Der übliche Alltag. In der einen freien Minute schaute sie auf ihr Handy und las mit wieder vor Aufregung klopfendem Herzen eine SMS von Alex: „Süße, alles in trockenen Tüchern. Wir sind morgen alle bei Tomek. Um 19 Uhr. Oli kocht. Hunger nicht vergessen! Freu mich! KUSS. GLG Alex.“

Zum Nachdenken blieb ihr keine Zeit, denn kaum hatte sie die Nachricht zu Ende gelesen, wurde sie schon zu einem Notfall gerufen. Auf dem Weg zu ihrer Station überlegte sie kurz, wie sie das alles Martin beibringen sollte und ärgerte sich kurz darauf über sich selbst, dass sie überhaupt nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet hatte. Wie sollte er denn schon reagieren? Wie immer. Er würde kein Wort sagen, seine Meinung nicht kundtun und allem verständnisvoll zustimmen. Der Mann, wenn man ihn im herkömmlichen Sinne als solchen bezeichnen konnte, hatte einfach aus ihrer Sicht kein Rückgrat. Oder mit Tomeks Worten ausgedrückt, keine Eier. Innerlich wünschte sie sich manchmal Martin würde einfach ausrasten, sie anbrüllen und stinksauer auf sie sein, aus dem Haus rausrennen und laut die Türe hinter sich zuschlagen. Aus diesem Grund versuchte sie ihn hin und wieder absichtlich herauszufordern. Aber nichts. Er blieb einfach immer ruhig. Martin war eben ganz anders wie Tomek damals. Bei Tomek stünde in so einem Fall die Beziehung wieder auf OFF. Nicht aber bei Martin. Wenn sie so recht überlegte war er eigentlich der perfekte Mann. Er gab ihr ausnahmslos das, was sie im Leben brauchte: Sicherheit, Zuneigung und Liebe. Deshalb beschloss sie ihm heute einen „netten“ Abend für seine Fürsorge und sein Zuvorkommen zu bescheren.

Am frühen Abend verließ Sarah schließlich das Krankenhaus und fuhr ohne Umwege auf direktem Weg nach Hause. Dort angekommen schenkte sie sich ein Glas Rotwein ein, ging ins Badezimmer und ließ sich ein wohlduftendes Schaumbad ein. Anschließend stellte sie ihre Lieblingsmusik laut an und sank genüsslich in den herrlich nach Rosen duftenden Badeschaum. Sie hatte noch etwas Zeit für sich, um nach der Arbeit runter zu kommen, sich zu entspannen und sich für den heutigen Abend mit Martin hübsch zu machen. Nachdem sie das Glas Wein geleert hatte, merkte sie wie hungrig sie eigentlich war. Auf leeren Magen stieg ihr der Wein sehr schnell zu Kopf. Langsam rappelte sie sich auf, stieg aus der Wanne, trocknete sich ab und begann ihre Haare zu föhnen. Nachdem diese perfekt gestylt waren, widmete sie sich ihrem Makeup. Diesmal durfte es schön auffällig und ausgefallen sein. Sie wollte Martin heute Abend besonders beeindrucken. Auch wenn sie manchmal das Gefühl hatte, er stehe eher auf den schlichten Typ Frau. Aus ihrer Zeit mit Tomek hatte sie gelernt, dass die meisten Männer es lieben sich mit einer sexy Frau an ihrer Seite in der Öffentlichkeit zu zeigen und damit verbunden das Gefühl zu haben, von anderen Männern beneidet zu werden. Für Tomek war das ein Spiel gewesen. Die Blicke hatten ihm einen regelrechten Kick gegeben. Um den Kick zu steigern, die anderen herauszufordern und ihnen einen weiteren Grund zu geben ihn zu hassen und noch mehr zu beneiden, hatte er Sarah immer wieder vor den Augen der anderen ignoriert. Er hatte sie alleine stehen lassen, sich mit anderen Frauen unterhalten, war hin und wieder zu ihr hergekommen, hatte sie leidenschaftlich vor den anderen geküsst und im nächsten Moment wieder stehen gelassen. Diese Dominanz und Unberechenbarkeit hatte sie oft genug verzweifeln lassen. Sie hatte aber auch immer Neugier und Abenteuerlust in ihr geweckt. Tomek war unberechenbar und das hatte ihr unglaublich imponiert. Von ihm hatte sie keine Komplimente oder Blumen zu erwarten brauchen. Wenn er ihr Zuneigung zeigen wollte, hatte er sie ins Schlafzimmer gezerrt und es ihr richtig besorgt. Heute wollte sie wieder einmal versuchen Martin ein bisschen aus der Reserve zu locken. Sie wollte nicht, dass er ihr einfach sagt, dass sie toll aussieht. Sie wollte es spüren. Also holte sie ihr neues Kleid aus dem Schrank und zog es an. Es saß perfekt. Es ging bis kurz über die Knie. Somit war genug ihrer schlanken Beine zu sehen und das weit ausgeschnittene Dekolleté gab genug Einblick, um nicht nur Martins Herz höher schlagen zu lassen. Sie zog die farblich passenden High Heels zu ihrem Outfit an und sofort wirkten ihre Beine noch länger und reizvoller. Anschließend suchte sie in ihrem Schmuckschränkchen nach den passenden Accessoires. Sie entschied sich für eine schlichte Kette und die dazu passenden Ohrringe. Nachdem sie noch ein wenig Parfüm aufgelegt hatte, betrachtete sie ihr vollbrachtes Werk im Spiegel. Sie selbst fand sich ausgesprochen sexy und so hoffte sie, dass auch Martin diese Meinung teilen würde. Anschließend begab sie sich in die Küche und wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als die Wohnungstür sich öffnete und Martin hereinkam.

»Hallo, Schatz, ich bin wieder da!«, rief er euphorisch, während er sich die Schuhe auszog und anschließend in die Küche kam.

»Hi«, entgegnete Sarah knapp.

»Wow! Du siehst ja fantastisch aus«, staunte Martin vor Begeisterung, als er sie erblickte.

»Ich habe dir etwas mitgebracht. Die sind für dich, mein Schatz«, murmelte er und übergab ihr einen riesigen Strauß frischer Lilien.

Das waren Sarahs Lieblingsblumen.

Martin gab ihr einen dicken Kuss auf den Mund und sagte: »Gib mir bitte dreißig Minuten zum Duschen und Umziehen. Ich beeile mich! Ich hab schließlich großen Hunger. Du hoffentlich auch?«

Nachdem Martin ohne ihre Antwort abzuwarten im Bad verschwunden war, stellte Sarah die Blumen in eine Vase auf dem Wohnzimmertisch, betrachtete sie eine Weile und ging anschließend in den Garten hinaus. Es war ein lauer Sommerabend. Sie setzte sich in den Schaukelstuhl und zündete sich eine Zigarette an. Sie nahm ihr Handy aus der Handtasche und schrieb eine SMS an Alex, die sie vor lauter Arbeit im Laufe des Tages ganz vergessen hatte.

„Hi, Maus. Das ist echt klasse, dass es morgen klappt. Weißt du schon was es zu Essen gibt? ;-) Was soll ich außer Hunger noch mitbringen? Wie lange bleibst du? GLG Bussi S.“

Noch einmal zog sie kräftig an ihrer Zigarette, inhalierte tief und blies den Rauch genüsslich aus, während sie die gerade eben verfasste Kurznachricht überflog. Anschließend drückte sie auf senden. Einen Augenblick später teilte ihr das Handy mit einem Vibrieren mit, dass sie eine Antwort erhalten hatte.

“Ich bin noch gar nicht da und du willst mich schon loswerden? NA SUPER!“

Sarah grinste und tippte.

„ZICKE!“

Sie drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und hörte wieder ihr Handy vibrieren.

„Ich bleibe bis Sonntag nächste Woche“.

„Super, schon einen Plan was wir machen wollen?“

Sarah hörte den Föhn im Bad. Sie wusste, dass Martin gleich fertig war. Wieder vibrierte ihr Handy.

„Süße! Die Frage war wohl überflüssig. So weit haben wir natürlich nicht gedacht. :-)“

Schmunzelnd und gleichzeitig resigniert schüttelte sie langsam ihren Kopf und schrieb: “War einen Versuch wert! ;-). Gehe jetzt mit Martin essen. Bis Morgen. GLG S.“

„Du hast es selbst in der Hand, Süße … ;-). Bis morgen. Viel Spaß. GLG“.

Erneut musste Sarah grinsen. Als sie gerade ihr Handy wieder in ihrer Handtasche verstaute, hörte sie ihren Ehemann die Treppe runter kommen. Als er auf die Terrasse trat, sagte er: »Schatz, ich bin soweit. Können wir?«

»Ja«, antwortete Sarah und erhob sich.

Ihr gemeinsamer Lieblingsitaliener war nur ein paar Autominuten von ihrem Zuhause entfernt. Man hätte auch zu Fuß gehen können, aber wenn Sarah sich recht erinnerte, hatten sie das noch nie gemacht. Während der kurzen Fahrt sprachen sie kein Wort miteinander. Am Ziel angekommen stiegen sie aus dem Auto und schlenderten Hand in Hand zum Eingang. Kaum hatten sie die Trattoria betreten, stand schon Giovanni, der Besitzer vor ihnen.

»Sarah, Martin! Wie schön euch zu sehen. Wie geht es euch? Ich hab euch extra euren Stammplatz freigehalten«, sagte er in perfektem Deutsch, während er zuerst Sarah und anschließend Martin herzlich zur Begrüßung umarmte. Als Sohn italienischer Einwanderer in Deutschland geboren und aufgewachsen, bediente Giovanni keines der typischen Klischees, die man oft mit einem italienischen Trattoriabesitzer assoziierte. Er beherrschte sowohl Deutsch als auch Italienisch akzentfrei und hatte zu Sarahs großem Bedauern zu viele der deutschen Tugenden übernommen, was aber keinerlei negativen Einfluss auf das überragende Essen hatte.

»Folgt mir bitte!«, sagte Giovanni und deutete mit der Hand in Richtung des reservierten Tisches.

»Danke, Giovanni! Uns geht es prima. Und selbst?« fragte Martin interessiert nach während er seinen rechten Arm freundschaftlich auf Giovannis Schulter legte.

»Bestens, danke. Das Geschäft läuft prima und das Wetter ist auch schon fast wie in Italien. Ich hab mir erlaubt euch als Aperitif zwei Hugo vorzubereiten. Die gehen natürlich aufs Haus. Lasst sie euch schmecken. Die Karten bringe ich euch auch gleich.«

Nach einem weiteren kurzen Smalltalk verschwand Giovanni in der Küche. Währenddessen nahmen Sarah und Martin am Tisch Platz und stießen mit einem lautem Klirren der Gläser auf einen schönen Abend und Sarahs Urlaubsbeginn an.

»Wie war dein Tag heute?«, fragte Martin verträumt.

»Wie immer stressig. Es gab gleich drei Notfälle. Und deiner?«, fragte Sarah obligatorisch nach um den offiziellen Teil so schnell wie möglich abzuschließen.

»Bei mir gab es auch viel zu tun. Wir haben einen großen Auftrag bekommen und müssen schnellstmöglich alle Einkaufsmodalitäten klären.«

Giovanni trat an den Tisch und übergab ihnen die Karten.

»Danke«, antworteten beide freundlich lächelnd im Chor.

»Bitte. Was darf ich euch zum Trinken bringen? Wie immer?«

»Ja bitte. Eine Flasche Wasser und eine Flasche deines besten Weines«, antwortete Martin souverän.

Sobald Giovanni verschwunden war, fragte er: »Wo waren wir stehen geblieben? Ah, ja, der große Auftrag. Mit mehr Details will ich dich eigentlich gar nicht belasten. Wir sollten das Thema wechseln und nicht mehr von der Arbeit sprechen.«

»Gute Idee«, erwiderte Sarah erleichtert, da sie sich heute keine weiteren Details seiner für sie so langweiligen Arbeit anhören musste.

»Haben sich deine Eltern bei dir gemeldet?«

»Warum sollten sie?«

Sarah sah ihn mit fragendem Blick an.

»Nein, nur so. Dann hat mit dem Abholen von Jessi bestimmt alles geklappt«, rechtfertigte er sich und machte eine kurze Pause, während er die Karte studierte.

»Weißt du schon was du essen möchtest?«, erkundigte sich Martin über den Rand der Karte blickend.

»Hm, schwierig, schwierig!«

»Als Vorspeise probiere ich heute Pulpo auf Rucolasalat. Klingt sehr verlockend.«

»Ich nehme die fein geschnittenen Kalbsscheiben in Thunfischsauce. Bestellst du bitte zwei zusätzliche Teller mit? So können wir von beidem kosten«, fügte Sarah hinzu.

Ob alleine oder mit Freunden machten sie es immer so. Die bestellten Speisen kamen alle auf den Tisch und jeder bediente sich nach Lust und Laune. Auch die Rechnung wurde immer brüderlich geteilt. Es war ein Ritual, das aus Sarahs alter WG Zeit stammte. Waren sie alleine essen, so beglich Martin immer die Rechnung. Obwohl diese vom gemeinsamen Konto abgebucht wurde, bestand er stets auf dieses Detail.

»Mach ich, mein Schatz.«

Wie gerufen trat Giovanni an den Tisch, stellte das Wasser ab und öffnete professionell den Wein. Anschließend schenkte er Martin ein Glas zum Kosten ein. Martin ergriff das Glas, betrachtete es, roch geübt daran, nahm einen kleinen Schluck und nickte zustimmend, nachdem er die Prozedur professionell abgeschlossen hatte. Daraufhin schenkte Giovanni Sarah ein Glas ein und anschließend auch ihrem Ehemann. Danach füllte er die Wassergläser und fragte: »Habt ihr schon gewählt?«

»Ja!«, antwortete Martin und verkündete Giovanni ihre gemeinsame Wahl.

»Die Hauptspeise haben wir noch nicht gewählt. Wie immer fällt die Entscheidung schwer bei der großen und verlockenden Auswahl.«

»Kein Problem, ich serviere zuerst die Vorspeisen. Wir haben ja Zeit«, bemerkte Giovanni und wandte sich zum Gehen ab.

»Danke, Giovanni.«

Sie mochten beide Giovanni. Er war so herrlich unkompliziert und die Trattoria urgemütlich. Vom ersten Tag an waren sie per Du und fühlten sich sofort wie ein Teil seiner italienischen Familie.

»So, was gibt es Gutes zum Hauptgang?«, unterbrach Martin die Stille.

»Ich nehme den Seeteufel in Safransauce. Und du?«

»Damit hab ich auch geliebäugelt. In dem Fall entscheide ich mich aber für den überbackenen Lammrücken mit Kartoffeln und Salat. So haben wir eine gute Mischung aus Fisch und Fleisch.«

Giovanni trat diskret an den Tisch heran und servierte die Vorspeise. Während sie diese genossen, unterhielten sie sich über belanglose Themen wie das Wetter, Einkäufe und Arbeiten, die in den nächsten Monaten an Haus und Garten anstanden. Dann wurden sie von Giovanni unterbrochen: »Hat es euch geschmeckt? Darf ich die Teller abräumen?«

»Ja, bitte. Es war wieder einmal köstlich. Deine Köche haben sich erneut selbst übertroffen«, schwärmte Sarah, während sie sich mit der Hand über den Bauch streichelte.

»Danke, Senhorita.«

Giovanni räumte unauffällig die Teller der Vorspeise ab, nahm die Bestellung des Hauptgangs, die ihm Martin diktierte entgegen und verschwand in der Küche.

»Hast du schon eine Idee, was du Schönes in deinem Urlaub machst?«, erkundigte sich Martin neugierig, nachdem Giovanni außer Hörweite war. Sarah schaute ihn mit ihren großen blauen Augen an. Diesen Blick kannte Martin nur zu gut und erwiderte deshalb: »Oh weh, ich hab es geahnt. Worauf darf ich mich einstellen? Ist es schlimm?«

»Alex kommt mich besuchen«, platzte Sarah ohne Umschweife nach einer Weile mit ihrem schon so oft geübtem Unschuldsblick heraus.

»Na was für ein Zufall!«, entgegnete Martin schmunzelnd.

»Diesmal ist es wirklich so. Wir haben es nicht geplant«, rechtfertigte sich Sarah und erklärte weiter. »Heute früh hab ich eine Nachricht von ihr bekommen, dass sie auch Urlaub hat und gerne vorbeikommen würde.«

»Ich will es dir ausnahmsweise mal glauben«, verkündete Martin theatralisch mit einem Augenzwinkern und fuhr ohne Unterbrechung beschwichtigend fort. »Ist doch super. Da könnt ihr ein paar schöne Tage miteinander verbringen. Deine Eltern würden sich sicherlich auch freuen, wenn sie Jessi eine Weile bei sich haben könnten. Ich kümmere mich dann um den Rest.«

»Wirklich?« Sarah setzte wieder charmant ihre großen blauen Augen ein.

»Das wäre echt super lieb von dir. Sie kommt aber nicht alleine.«

Martin blickte sie skeptisch an und zog dabei seine rechte Augenbraue hoch.

»Sondern?«

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