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Blutstolz

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. PERSONENVERZEICHNIS
  7. PROLOG
  8. KAPITEL EINS
  9. KAPITEL ZWEI
  10. KAPITEL DREI
  11. KAPITEL VIER
  12. KAPITEL FÜNF
  13. KAPITEL SECHS
  14. KAPITEL SIEBEN
  15. KAPITEL ACHT
  16. KAPITEL NEUN
  17. KAPITEL ZEHN
  18. KAPITEL ELF
  19. KAPITEL ZWÖLF
  20. KAPITEL DREIZEHN
  21. KAPITEL VIERZEHN
  22. KAPITEL FÜNFZEHN
  23. KAPITEL SECHZEHN
  24. KAPITEL SIEBZEHN
  25. KAPITEL ACHTZEHN
  26. KAPITEL NEUNZEHN
  27. KAPITEL ZWANZIG
  28. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  29. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  30. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  31. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  32. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  33. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  34. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  35. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  36. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  37. KAPITEL DREISSIG
  38. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  39. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  40. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  41. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  42. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  43. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  44. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  45. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  46. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  47. KAPITEL VIERZIG
  48. KAPITEL EINUNDVIERZIG
  49. KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
  50. KAPITEL DREIUNDVIERZIG
  51. KAPITEL VIERUNDVIERZIG
  52. KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
  53. EPILOG
  54. DANKSAGUNG

Über die Autorin

Evie Manieri wuchs in Philadelphia auf und studierte Mittelalterliche Geschichte und Theaterwissenschaften in Connecticut. Durch Erfahrungen im Schauspiel hat sie eine besondere Vorliebe für komplexe Figuren entwickelt, was sie gekonnt in ihre Romane einfließen lässt. Blutstolz ist ihr Debütroman und Auftakt einer detailreichen Fantasy-Trilogie.

Manieri lebt mit ihrer Familie in New York. Für weitere Informationen besuchen Sie ihre Webseite: www.evimanieri.com

EVIE MANIERI

BLUTSTOLZ

DIE ZERSCHLAGENEN REICHE

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Hubert Straßl

Für Mr Robert Frick von der Garretford Elementary School,
in Drexel Hill, Pennsylvania.

PERSONENVERZEICHNIS

DIE NORLÄNDER

Arnaf – ein Soldat, Eonars persönlicher Leibwächter

Beorun – ein Soldat

Daem – ein Soldat, Rhos Freund

Eleana – Eonars Gemahlin, Mutter von Eofar, Frea und Isa

Eofar – einziger Sohn Eonars, des Statthalters

Eonar – der Statthalter, Vater von Eofar, Frea und Isa

Falkar – ein Soldat, Freas Leutnant

Finlas – ein Soldat

Frea – die ältere Tochter des Statthalters

Ingeld – ein Soldat

Isa – die jüngere Tochter des Statthalters

Jeter – ein Soldat

Kharl – ein Soldat

Ongen – ein Soldat

Rho – ein Soldat von edler Geburt

Varnat – ein Soldat

DIE SHADARI

Alkar – Freiheitskämpfer der Shadari, Anhänger Faroths

Beni – Dramashs Freund

Binit – Freiheitskämpfer der Shadari, Anhänger Faroths

Cara – Dramashs Freundin

Daryan – der letzte Daimon (König), Shairavs Neffe

Dramash – Sohn Faroths und Sarias, Harothas Neffe

Elthion – Freiheitskämpfer der Shadari, Anhänger Faroths

Faroth – der Zwillingsbruder von Harotha, Freiheitskämpfer der Shadari

Hakim – ein Tempelsklave

Harotha – die Zwillingsschwester von Faroth, Freiheitskämpferin der Shadari

Josah – ein Sklave aus den Minen

Majid – Shairavs Helfer

Meena – Daryans Tante

Omir – ein Tempelsklave

Rahsa – eine Tempelsklavin

Rasabal – eine Tempelsklavin

Sami – Freiheitskämpfer der Shadari, Anhänger Faroths

Saria – Faroths Gemahlin, Dramashs Mutter

Shairav – der Letzte der Ashas, Daryans Onkel

Thal – ein Tempelsklave

Tebrin – ein Tempelsklave

Trini – Elthions Mutter

Veshar – ein Tempelsklave

DIE NOMAS

Brigeth – eine Heilerin der Nomas

Dannika (Danni) – zweiter Maat auf der Veruna

Jachad Nisharan – der König, Sohn des Sonnengottes Shof

Mairi – eine Heilerin der Nomas

Nisha – die Königin, Jachads Mutter

Raina – eine Heilerin der Nomas

Der Blendling, auch als Meiran bekannt

PROLOG

Auszug aus dem Manuskript Die Geschichte Shadars,
von Daryan (dem neunten Daimon dieses Namens)

Das Werk, das ihr nun in Händen haltet, mag in euren Augen verrucht und abscheulich sein. Vielleicht glaubt ihr gar, dass ich mit der Niederschrift eine unverzeihliche Sünde begangen habe – doch ich werde weder Tinte noch Papier für Worte der Rechtfertigung vergeuden. Sollte ich mich wahrhaftig gegen die Götter versündigt haben, dann bete ich, dass ihr Zorn allein mich trifft. Ich bete, dass sie ihrem Volk weiteres Leid ersparen.

Dies ist meine Erinnerung. Als sich die Dinge ereigneten, war ich ein neugeborenes Kind, gesäugt, gewickelt und geschützt vor der Welt. Und obgleich mir damals die Worte fehlten, die Geschehnisse zu beschreiben, hindert mich das heute nicht daran, mich zu erinnern. Ich kann die Ereignisse sehen, wenn ich die Augen schließe. Erst sind sie weit weg, dann kommen sie näher, und ich kann das Blut und den Rauch riechen und die salzige Gischt auf den Lippen schmecken.

Die Fischerboote kamen in der Morgendämmerung zurück; die Fischer mitsamt ihren Frauen und Kindern machten sich ­eilends daran, den nächtlichen Fang auszuladen. Es war ein kühler Morgen im Shadar. In der Luft lag noch die Kälte der Wüstennacht, als die Sonne über dem Meer aufging und die Gipfel der angrenzenden Berge in ihren goldenen Glanz hüllte. Die Schiffe wurden rasch entleert, ohne dass jemand auch nur ein einziges Wort sprach. Alle halfen dabei, den Fang auf die Karren zu laden und an die Stelle zu schaffen, wo die Frauen die Fische säubern und salzen würden, während ihre Väter, Männer und Brüder schliefen.

Hin und wieder blickten sie hoch zum Tempel, zu dem roten Felsen, der sich über den nördlichen Stadtrand erhob. Die Ashas, die geweihten Priester und Priesterinnen der Shadari, gingen dort in dem uralten, geheimnisumwitterten Labyrinth ihren heiligen Pflichten nach und versammelten sich in den dachlosen Kammern, um für die herabblickenden Götter Gebete in den Sand zu schreiben. Aus dem Nachthimmel blickten diese wohlwollend darauf hinab und bewegten den Sand als Antwort. So beteten die Ashas voller Zuversicht; sie gingen in den unveränderlichen Ritualen ihres Tuns auf und waren zufrieden mit den reich gefüllten Opferkörben. In ein paar Monaten würden sie über die verborgene Treppe in die Stadt herabkommen, um Kandidaten für die Aufnahmeriten zu erwählen, mit ihren Liebsten das Lager zu teilen und ihre Kinder in Pflege zu geben. Die Menschen am Strand lebten in dem beruhigenden Glauben, dass ihre Ashas die Wünsche der Götter kannten und achteten.

Die letzten Netze wurden verstaut, und die Shadari begaben sich auf den Heimweg. Bald würde die Stadt lebendig werden. All jene, die sich um die Reben und die Haine und die Tiere kümmerten, würden aufstehen und in den Bergen ihrer Arbeit nachgehen.

Ein Fischer blieb allein am Strand zurück, als die anderen gingen, gebannt von der Schönheit der Morgensonne, die sich auf dem Meer spiegelte. Als er den Glanz nicht mehr ertragen konnte, wandte er sich um; augenblicklich spürte er, wie die warmen Sonnenstrahlen seine dunklen Locken liebkosten. Er blickte auf den schlafenden Shadar mit seinen Straßen, Plätzen und den in goldenen Schimmer getauchten weißen Häusern und dachte, wie glücklich sie doch waren, dass ihnen die Götter einen solchen Ort zum Leben gegeben hatten. Dann blickte er zum Himmel empor, um ihnen zu danken, bevor sie vor der Sonne wichen und zur Ruhe gingen. Zuletzt blickte er noch ein Mal auf die endlose Weite des Meeres des Unheils.

Und da sah er, dass er nicht mehr allein war.

Ein Schiff – nein, drei Schiffe – segelten auf Shadar zu. Mit scharfem Blick beobachtete der Fischer die drei dunklen Punkte und erkannte, dass es sich um wesentlich größere Schiffe als die einfachen Fischerboote der Shadari oder Nomas handelte. Als sie in den Hafen glitten, sah er außerdem, dass die großen Segel in Fetzen hingen und die Schiffe schwer beschädigt waren. Noch befremdender jedoch war, dass sich niemand an Bord befand, weder in der Takelage noch an Deck: Das waren Geisterschiffe. Dennoch fuhren sie in fester Formation, eines voraus, die anderen beiden dicht dahinter.

Ein kalter Schauer lief dem Fischer den Rücken hinab. Er schloss die Augen, in der Hoffnung, dass die Schiffe verschwunden wären, wenn er sie wieder öffnete.

Doch sie verschwanden nicht.

An jenem Tag versammelten sich wiederholt Shadari am Strand – so wie es ihre Arbeit zuließ –, voller Fragen und Mutmaßungen, Ängste und Hoffnungen. Viele Male erklärte sich jemand bereit, mit dem Boot dorthin zu fahren, wo die Schiffe draußen im tiefen Wasser ankerten, um die Besucher im Shadar willkommen zu heißen. Aber jedes Mal war die Angst eines Nachbarn stärker, und so warteten sie alle ab, ohne etwas zu unternehmen. Sie blickten zum Tempel und fragten sich, was die Ashas über die Ankömmlinge dachten, und hofften, sie würden zum Strand herabkommen und ihrem Volk sagen, was zu tun sei. Doch die Ashas ließen sich nicht blicken.

Der Tag verging langsam, und als die Sonne schließlich hinter den Bergen zu verschwinden begann, machten die Fischer ihre Boote für den nächtlichen Fang bereit. Geisterschiffe oder nicht – es galt Fische zu fangen. Beim ersten schwachen Schimmer der Götter am Himmel riefen die Trommeln zum Abendgebet. Das Leben ging weiter.

Doch der Fischer, der die Schiffe als Erster gesehen hatte, vermochte sein ungutes Gefühl nicht abzuschütteln. Während er seine Netze überprüfte, glitten seine Blicke immer wieder hin­über zu den leeren Decks der drei Schiffe. Sie sahen aus, als hätten sie Stürme und haushohe Wellen hinter sich, als wären sie gegen Felsen geschleudert worden und an tückischen Küsten auf Grund gelaufen. Ihre Mannschaften mussten schrecklichen Ungeheuern in den Rachen geblickt und den verführerischen Duft fremdartiger Blüten gerochen haben. Die Shadari fuhren nicht über das Meer, und sie durchquerten auch die Wüste nicht weiter als bis zu den Bergen im Westen. Der Shadar war immer genug für sie gewesen. Welches Unheil mochte jemanden zu solch einer Reise veranlassen, wie sie diese drei Schiffe unternommen hatten?

Er wartete auf das Erscheinen der Sterne. Wenn sie über den Shadar wachten, würde alles in Ordnung sein.

Während der Fischer zum purpurnen Himmel emporblickte, entdeckte er einen schwarzen Fleck am Horizont – einen Schatten, der sich über dem Meer formte, sich ausbreitete und größer wurde. Dann war es kein Schatten mehr, sondern es waren mehrere schwarze Körper: mächtige fliegende Wesen. Der Fischer erkannte sie sofort als Dereshadi, jene Geschöpfe, welche die Seelen der Übeltäter nach dem Tod in die Tiefen der Erde hinabtrugen. Geister strömten plötzlich aus dem Inneren der Schiffe hervor, wogten über das Deck, bestiegen die Beiboote und die herbeifliegenden Kreaturen.

Für die Shadari waren die Geister seelenlose Riesen. Ihre Haut war bleich, hatte die Farbe des Todes und war gezeichnet von feuchten dunkelroten Wunden. Sie hatten gischtweißes Haar, das voller Schmutz war. Ihre Wangen waren hohl, ihre Körper von Hunger gezeichnet, aber sie hielten große, blitzende Schwerter in den Fäusten.

»Eshofas Kinder!«, schrie eine Frau. Panik brach in der Stadt aus, als sich die Botschaft verbreitete, dass die verdammten Kinder der Göttin der Verräter herankamen.

Diese Wesen, die wie lebendig gewordene Leichen aussahen, brachen über die Shadari wie der Zorn der Hölle herein, töteten, was ihnen vor die Klingen kam, und tauchten die Straßen der Stadt in rotes Shadariblut. Sie sagten kein einziges Wort, sie bewegten sich ohne jedes Geräusch in Reih und Glied wie ein Schwarm fleischfressender Fische. Jene Shadari, die einen von ihnen verwundeten, sahen ihr Blut, das silberblau wie eine Haifischflosse war – allerdings nur kurz, denn die Angreifer hielten umgehend ihre Schwerter ins Feuer und schlossen ihre Wunden mit dem glühenden Eisen, ohne im Kampf innezuhalten.

Vom Rücken der fliegenden Kreaturen herab stahlen Eshofas Kinder Nahrungsmittel und schafften sie auf ihre Schiffe. Die Shadari schrien nach den Ashas, schlugen ihre Trommeln und kreischten Klagen und Bitten den unerklimmbaren Berg empor, doch der Tempel blieb stumm und dunkel.

Als die Sonne wieder aufging, waren die Shadari erlöst: Die Eindringlinge hatten sich auf ihre Schiffe zurückbegeben. Doch sie ließen einen Ort der Verwüstung und des Todes zurück.

Die Shadari schlugen ihre Trommeln erneut und blickten zum Tempel empor, doch von dort kam immer noch keine Hilfe.

Als die Sonne unterging, kamen die Seelenlosen wieder, dieses Mal gestärkt durch ihre Beute von der Nacht zuvor. Erneut erlitten die Shadari großes Unheil. Schreiend flehten sie ihre Priester und Priesterinnen um Hilfe. Sie waren zu schwach ohne den Schutz der Ashas und verloren ohne deren Rat. Schweigen war die Antwort.

In der dritten Nacht kamen die Angreifer wieder, doch dieses Mal erhielten die ohne Unterlass schlagenden Trommeln eine Antwort, während die Dereshadi ihr Verderben über die Stadt brachten. Die Shadari kamen aus ihren Verstecken hervor. Jetzt endlich würden die Ashas ihre Magie einsetzen und die Feinde unter dem Wüstensand begraben! Die Shadari strömten auf die Straßen und Strände, kletterten auf ihre Dächer und blickten voller Hoffnung zum Tempel hinauf.

Der Fischer stand am Strand und schwenkte den Speer, mit dem er seit langer Zeit Nahrung aus dem Wasser geholt und der nun Blut von anderer Art gekostet hatte. Er sah zum Tempel hin­auf, voller Hoffnung beim Anblick der weiß gekleideten Gestalten auf dem Dach, die dort in einer langen Reihe im Mondschein an den Rand traten. Die leidgeprüften Shadari brachen in Jubel aus, und Fäuste wurden triumphierend erhoben.

Als der erste Körper in die aufschäumende Gischt des Meeres stürzte, blinzelte der Fischer. Als der zweite Körper fiel, riss er entsetzt die Augen auf. Die Ashas, ihre Beschützer, nahmen sich selbst das Leben.

Wir erfuhren später, dass die geisterhaften Eindringlinge, die Seelenlosen – Norländer nannten sie sich selbst –, nicht weniger erstaunt beobachteten, wie nacheinander die Priester an den Rand des Tempeldachs traten und ins Meer sprangen. Die lange Reise von ihrer eisigen Heimat war voller Gefahren gewesen, aber der armselige, hilflose Widerstand der Shadari hatte ihre Zuversicht wiederhergestellt. Sie sahen bereits die Minen vor sich, in denen sie nach dem schwarzen Erz graben würden – jenem wundersamen Material, für das sie an diese Küste mit ihren ahnungslosen Bewohnern gekommen waren. Schon konnten sie den Schwefel aus den Schmieden riechen, in denen sie das Erz schmelzen und das Metall mit ihrem eigenen reinen Blut verbinden würden. Und sie konnten bereits die großen Schwerter in ihren Fäusten spüren, die nicht nur den Händen ihrer Träger, sondern auch deren Gedanken gehorchen würden. Das war die geheime Eigenschaft des schwarzen Erzes, die nur sie kannten.

Nacheinander hörten die Trommeln auf zu schlagen. Die Stille der Seelenlosen war vollkommen.

KAPITEL EINS

Da ist er«, sagte sie mit ihrer zeit- und geschlechtslosen Stimme zu Jachad, ihr Tonfall in gleichem Maße ausdruckslos.

Jachad hielt neben ihr und ließ sein Bündel in den Wüstensand fallen. Er folgte ihrer Blickrichtung über die grauen Dünen und vereinzelten Felsformationen, weiter zu den Bergen im Osten, wo über dem großen viereckigen Gebäude des Tempels eine schwarze Kreatur mit mächtigem Flügelschlag auf sie zustrebte. Majestätisch hoben und senkten sich ihre Schwingen im ersten silbergrauen Schein der einsetzenden Morgendämmerung. Der lange Schwanz des Wesens steuerte seinen Flug wie das Ruder eines Schiffes, während die nadelspitzen Krallen der Hinterbeine durch die Luft schnitten. In einem breiten Ledersattel auf seinem Rücken saß eine Gestalt in einem schimmernden weißen Gewand.

»Also, ich kann nur hoffen, dass er es ist«, erwiderte Jachad ernst. »Wenn nicht, dann bekommen wir große Schwierigkeiten.« Mit einer geübten Bewegung löste er das dünne Tuch um seinen Kopf und fuhr sich mit einer sommersprossigen Hand durch den hellroten Haarschopf. Dann drehte er sich stirnrunzelnd zu seiner Begleiterin. »Und du bist sicher, dass du es so machen willst?«, fragte er.

Statt zu antworten, griff sie in eine verborgene Tasche ihres schmutzigen, mehrfarbigen Gewandes und zog ein kleines, in einen roten Stofffetzen gewickeltes Bündel hervor.

»Du kannst nicht einmal sicher sein, dass er sich erinnert …«, gab er zu bedenken.

Sie warf ihm das Bündel zu.

»Vorsicht!«, entfuhr es ihm, während er es hastig auffing und an seine Brust drückte. Er hielt es dort einen Augenblick und presste es an sein Herz. Dann wickelte er den Inhalt mit zitternden Fingern aus und betrachtete ihn. Der Korken der kleinen Glasflasche war noch mit einer dicken Schicht Wachs versiegelt, das Gefäß zur Hälfte gefüllt mit einer sirupartigen, dunkelroten Flüssigkeit. Jachad seufzte erleichtert.

»Du könntest mir wenigstens sagen, ob es wirkt«, murrte er und sah sie an. Sie hatte ihre Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber er konnte ihr silbergrünes Auge schimmern sehen. »Wenn er schon so dumm ist, es selbst zu versuchen, würde ich mich besser fühlen, wenn ich wüsste, dass ich ihn nicht vergifte.«

»Das Risiko werdet ihr beide eingehen müssen.« Sie wandte sich um und setzte ihren Weg in östlicher Richtung nach Shadar allein fort, ohne sich noch einmal umzusehen.

»Es wird nicht lange dauern. Geh nicht zu schnell!«, rief er ihr nach. Aber die Stille der Wüste verschluckte seine Worte. Falls sie ihn gehört hatte, antwortete sie nicht.

Jachad ließ auf seiner rechten Handfläche eine ölige Schicht erscheinen und schnippte mit den Fingern darüber, um eine kleine Feuerkugel zu erzeugen. Sie war nicht viel größer als eine Murmel. Er nahm sie zwischen die Finger. Er wusste, dass es für ihn das Beste wäre, eine Konfrontation zu vermeiden, aber er fühlte sich noch immer ein wenig betrogen. Früher oder später mochte es dazu kommen, und dann wollte er bereit sein.

Sie hatte mit ihren weit ausholenden Schritten bereits einige Entfernung zurückgelegt, als die Kreatur mit anmutigem Schwingenschlag zwischen den verwehten Dünen landete und der Reiter sich aus dem verworrenen Gurtzeug befreite. Der große Mann hatte die Kapuze seines weißen Mantels nach hinten geschlagen und die Handschuhe in seine Ärmel gesteckt. Er würde sie erst brauchen, wenn die Sonne über den Horizont stieg. Sein langes weißes Haar war mit einem Lederband nach hinten gebunden. Der Griff eines gewaltigen Breitschwertes ragte über seine rechte Schulter. Aber Jachad fiel auch auf, dass der bleichen Haut seines Gegenübers jenes leichte, an Fischschuppen erinnernde Schillern fehlte, das sein eigenes Volk an den Norländern immer bewundert hatte, und dass Falten unter seinen silbergrauen Augen waren, als fehle es ihm an Schlaf.

»König Jachad?«, krächzte der Norländer.

»Lord Eofar«, erwiderte er lächelnd. Er öffnete seine rechte Hand, und die kleine Feuerkugel erlosch in einer schwarzen Rauchfahne. »Ich freue mich, Euch zu sehen. Ihr habt meine Botschaft also erhalten.«

»Allerdings. Danke«, antwortete Eofar.

Seine Züge blieben so reglos, sein Gesicht so starr, dass sich Jachad fragte, ob sich seine Lippen überhaupt bewegt hatten. Die Worte, die der Norländer sprach, fielen wie Blei in den Sand, ohne Leben und Ausdruck. Es war offenkundig, warum die Shadari sie auch nach all den Jahren noch »die Seelenlosen« nannten.

»Ich hatte nicht erwartet, dass Ihr persönlich kommt«, fuhr Eofar fort.

»Ach, sagen wir einfach, dies ist ein ganz besonderer Anlass. Außerdem hatte ich noch etwas anderes in dieser Gegend zu tun.«

»Braucht Euch Euer Volk nicht?«

Jachad lachte. »Ich hätte gedacht, Ihr wüsstet längst, dass Ihr meinen Titel nicht allzu ernst nehmen solltet. Wir Nomas brauchen einen König ungefähr so sehr wie eine Schlange ein Paar Stiefel.«

Der Norländer war einen Moment damit beschäftigt, den Wasserbeutel von seinem Gürtel zu lösen und einen tiefen Schluck zu nehmen. Dann rieb er seinen Hals. »Es ist sehr trocken hier draußen.«

Jachad wusste, was Eofar erwartete, aber obwohl ihm dieses Geschäft mehr einbringen würde, als sein ganzer Stamm im letzten Halbjahr erwirtschaftet hatte, zögerte er. »Wir können reden, Norländer, wenn es Euch lieber ist«, zwang er sich zu sagen.

›Ah, ich danke Euch‹, erwiderte Eofar sofort, doch dieses Mal waren seine Worte direkt in Jachads Kopf, ohne dass ein Laut zu hören war. Es hätte Jachad nicht so viel ausgemacht, wenn das alles gewesen wäre, doch zusätzlich zu den Worten drang auch alles auf ihn ein, was Eofar fühlte: ein zudringliches Gemisch aus Erleichterung, Erwartung, Unbehagen, Aufregung, Furcht und einer Reihe feiner, nicht mehr deutbarer Empfindungen, begleitet von wirbelnden Farben und fremdartigen Bildern. Aus Gründen, die niemand wirklich verstand, konnten sich einige Völker – die Shadari vor allem – nicht mit den Norländern verständigen: Die Worte und Gefühle kamen einfach nicht bei ihnen an. Jachads Meinung nach war dies einer der wenigen Vorteile, welche die Shadari genossen. Er presste die Fäuste an die Schläfen und versuchte sich zu konzentrieren. Sicher empfanden die Norländer einander nicht mit der gleichen Intensität, ein solches Leben wäre schier unerträglich.

›Ihr braucht mir nicht zu danken‹, erwiderte er schließlich. ›Es tut mir leid, dass Ihr den unbequemen Weg in die Wüste auf Euch nehmen musstet, aber der Nachschub für die Garnison wird erst in ein paar Wochen geliefert, und in Eurer Nachricht stand, dass es dringend sei.‹

›Nein, ich bin Euch dankbar für diesen Treffpunkt‹, versicherte ihm Eofar. ›Da Frea die Garnison leitet, geschieht nichts ohne ihr Wissen. Und ich möchte, dass sie hiervon nichts erfährt.‹

›Lady Frea leitet nun die Garnison?‹ Normalerweise waren die Nomas immer gut informiert, aber diese wichtige Information war den Karawanen wohl entgangen. ›Heißt das, Euer Vater … Ich hoffe, der Statthalter ist nicht erkrankt?‹, berichtigte Jachad sich, taktvoll darum bemüht, nur eine leichte Besorgnis erkennen zu lassen. Die Norländer hatten augenscheinlich keine Schwierigkeiten, einander zu belügen, aber er konnte nie sicher sein, ob auch er Dinge verbergen konnte, die er für sich behalten wollte. In diesem Moment hegte er nicht gerade den Wunsch, seine Gefühle für den alten Statthalter Eonar vor dessen einzigen Sohn auszubreiten.

›Mein Vater lebt noch‹, erwiderte Eofar freudlos, seine Betrübtheit traf Jachad wie ein Spritzer schlammigen Lehms. ›Frea leitet die Minen schon seit geraumer Zeit. Nur eines hat sich jetzt verändert: Wir brauchen nicht mehr vorzugeben, dass Vater noch immer die Entscheidungen trifft. Außerdem kann sie nun die Sklaven drangsalieren, so viel sie will.‹

›Und Eure andere Schwester?‹

›Isa?‹

›Als ich das letzte Mal im Tempel war, erschien sie mir fast erwachsen. Ich hatte angenommen, dass Euer Vater sie inzwischen nach Norland zurückgeschickt hätte, um sie dort zu verheiraten.‹ Je früher, desto besser, dachte Jachad insgeheim und hoffte sehr, dass sein Gedanke auch insgeheim blieb.

›Sie ist noch hier‹, sagte Eofar, doch seine Gefühle waren so finster, dass Jachad den Eindruck hatte, dem Norländer würde dieses Thema noch weniger gefallen als das davor.

›Aber wir sind nicht zum Schwatzen hergekommen, nicht wahr?‹, stellte Jachad entschieden fest. Mit einer pathetischen, überschwänglichen Geste brachte er das Fläschchen zum Vorschein und hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger hoch. ›Das Offenbarungselixier der Shadari, wie gewünscht. Es war schon vor der Invasion schwer zu bekommen, denn nur den Shadari-Ashas, die damit in die Zukunft schauten, war der Besitz erlaubt. Viele glauben, dass die Ashas es bei der Invasion durch Euer Volk anwendeten und die Visionen sie zu ihrem berühmten Sprung in den Tod trieben. Ich kann das natürlich nicht bestätigen, aber ich garantiere Euch, dass dies die absolut echte Flüssigkeit ist. Soweit ich weiß, ist es das einzige Fläschchen, das es auf der ganzen Welt gibt.‹

Eofars Augen leuchteten auf, als er die Ware begutachtete. ›Es ist nicht einmal halb voll‹, beschwerte er sich. Seine Enttäuschung war jedoch offensichtlich gespielt. Sein Verlangen griff wie zwei gierig ausgestreckte Hände danach. ›Ihr habt in Eurer Botschaft nicht erwähnt, wie viel Ihr dafür wollt.‹

›Ich verlange fünfunddreißig.‹

›Sudras?‹

Jachad schüttelte entschuldigend den Kopf. ›Adler.‹ Er spürte Eofars Bestürzung und nutzte die Gunst des Augenblicks. ›Wenn Ihr statt mit Münzen mit imperialem Erz bezahlen würdet …‹

›Das ist unmöglich.‹ Die Worte fielen wie Eisenbarren, dumpf und schwer. ›Frea weiß über jede einzelne Unze Bescheid. Die Minen waren in letzter Zeit nicht so ergiebig. Wir erwarten das kaiserliche Schiff in diesen Tagen, und wir haben nur acht von fünfundzwanzig Schwertern fertig, die wir nach Norland schicken sollen.‹ Er griff unter seinen Mantel und brachte eine dicke, kleine Börse zum Vorschein. ›Ich habe einunddreißig. Mehr kann ich im Augenblick nicht auftreiben, ohne Vater oder Frea zu bitten. Vielleicht in ein paar Monaten …‹ Er brach ab.

Jachad kratzte sich am Kopf und suchte verzweifelt zu verbergen, dass er bereit gewesen wäre, fünfundzwanzig zu akzeptieren. Letztendlich sagte er lächelnd: »Also gut, einunddreißig. Und einen könnt Ihr als Glücksbringer behalten, also bleiben dreißig. Schließlich kennen wir uns schon so lange.‹

Eofars Woge der Erleichterung ließ Jachad fast nach hinten taumeln. Er wickelte die kleine Flasche wieder in das Stück Stoff und hielt es dem Norländer lächelnd entgegen. Instinktiv griff Eofar danach. Seine Hand kam nah genug, dass Jachad die Kälte spüren konnte, die von seiner Haut ausstrahlte, bevor sie sich beide erinnerten und voneinander zurückwichen.

›Verzeiht‹, entschuldigte sich Jachad rasch. ›Ich vergaß, dass Ihr keine Handschuhe anhabt.‹ Er legte das kleine Päckchen vorsichtig in den Sand zwischen ihnen. Eofar nahm rasch das Fläschchen und hinterließ an derselben Stelle seine Börse für Jachad.

›Meinen Dank, König Jachad.‹

›Ach, seid nicht so formell. Ich danke Euch auch für ein gutes Geschäft.‹ Er öffnete die Börse und warf Eofar eine Münze zu, die dieser geschickt mit seiner bleichen Hand auffing. ›Um ehrlich zu sein, mir käme das Geld gerade recht. Die Zusammenkunft steht in ein paar Tagen bevor, und ich habe ein Auge auf einen feschen kleinen zweiten Maat geworfen. Eine Frau, die eine Vorliebe für Armbänder hat.‹

›Die Zusammenkunft‹, wiederholte Eofar, während er seinen Mantel öffnete und die Flasche sorgsam in die Tasche seines Hemdes steckte. ›Sie dauert nur ein paar Wochen, dann trennt Ihr Euch wieder. Die Frauen kehren mit ihren Schiffen aufs Meer zurück und Ihr Männer zu Euren Karawanen in die Wüste. Dann vergeht wieder ein Halbjahr, bevor Ihr Euch wiederseht. Es will mir nicht in den Sinn, wie jemand freiwillig solch ein Leben führen möchte.‹

›Ja, weil Euresgleichen einander lieber die ganze Zeit über das Leben schwer macht, nicht?‹, entgegnete Jachad lächelnd. ›Nomasmänner lieben die Wüste, und unsere Frauen lieben das Meer. So ist es immer gewesen. Weder die Frauen noch wir möchten unsere Vorlieben aufgeben.‹

›Ihr könntet Zugeständnisse machen: Verbringt einen Teil der Zeit in der Wüste und einen anderen auf dem Meer – und wärt so stets zusammen.‹

›Ja, das wäre das Rezept für eine glückliche Familie, nicht? Abwechselnd unglücklich sein.‹

›Ich glaube dennoch, dass es bei Euch Männer gibt, die lieber mit ihren Frauen zusammen wären, als in der Wüste herumzuziehen, und Frauen, die lieber bei ihren Männern wären als auf einem Schiff.‹

›Die gibt es natürlich auch‹, erwiderte Jachad und bemühte sich, seine Ungeduld zu verbergen, indem er sich bemühte, besonders gut gelaunt zu wirken. Sie führten dieses Gespräch nicht zum ersten Mal, und seine Antwort war immer gleich. Das Geschäft war seinen Erwartungen entsprechend verlaufen, und jetzt wollte er, dass sich Eofar zurückzog, sodass er seine Begleiterin einholen konnte. Er hatte jedenfalls keine Lust, seine Zeit damit zu vergeuden, die Gepflogenheiten seines Volkes erneut mit einem Norländer zu diskutieren. Es war schlimm genug, dass ihn in der Stadt die offene Feindseligkeit der Shadari erwartete, die auch nach über zwanzig Jahren den Nomas nicht verziehen, dass sie ihnen gegen die Norländer nicht zu Hilfe gekommen waren.

Während er die Unterhaltung fortführte, ging er langsam auf Eofars Triffon zu und hoffte dabei inständig, dass der Norländer ihm folgen würde. ›So etwas passiert hin und wieder … es gibt kein Gesetz dagegen. Manchmal geht es gut, manchmal nicht. Die Menschen sollten mit ihrem Leben tun und lassen können, was sie wollen, denkt Ihr nicht auch?‹

›Ich schätze, ja‹, sagte Eofar und folgte Jachad zu seinem Reittier.

Es hob den mächtigen Kopf von seinen Vorderpranken und setzte sich auf, als sie herankamen. Jachad tätschelte sein raues Fell. Gleichzeitig begutachtete er die kleinen, runden Ohren, die aus langhaarigeren Fellbüscheln hervorlugten, die tiefen Augen unter der wuchtigen Stirn und die lange Schnauze. Da die geheimen Gänge der Ashas zum Betreten und Verlassen des Tempels für immer verloren waren, boten die Triffons die einzige Möglichkeit, ihn zu betreten. Auch Jachad war gezwungen, jedes Mal auf einem der Tiere zu fliegen, wenn er mit dem Statthalter wegen des Nachschubs für die Garnison und seiner kleinen Geschäfte mit den Soldaten verhandeln musste. Er hatte sich im Lauf der Jahre daran gewöhnt. Bei den letzten Flügen hatte er sogar die Augen geöffnet.

›Braves Mädchen, Aeda‹, sagte Eofar, als sich das Tier ein wenig tiefer hockte, damit er leichter aufsitzen konnte. Er legte sich das Gurtzeug an und griff nach den Zügeln. Plötzlich hielt er inne. ›Wer ist das?‹

Jachad drehte sich um und tat so, als blickte er in die Richtung, in die der Norländer wies. Es hatte keinen Sinn, zu leugnen, dass sie zu zweit gekommen waren. Eofars scharfen Norländeraugen entgingen selbst im trügerischen Dämmerlicht die halb verwehten Fußspuren nicht, die vom Treffpunkt wegführten. Jachad erinnerte sich daran, dass die beste Lüge eine abgewandelte Version der Wahrheit war, und antwortete: ›Oh, sie ist bloß eine Geschäftspartnerin. Ich begleite sie in den Shadar. Sie hat einige Narben im Gesicht, deshalb habe ich sie vorausgeschickt, da ich weiß, wie Ihr Norländer über solche Dinge denkt. Ich wollte Euch den Anblick ersparen.‹

›Sollte ich fragen, welchen Geschäften sie nachgeht?‹

›Nur, wenn Ihr es wissen wollt‹, entgegnete Jachad gespielt gleichmütig.

›Nein, ich glaube nicht‹, erwiderte Eofar. ›Lasst alle solcherart Gepeinigten …‹ Er brach ab.

›Was meint Ihr?‹

›Was? Oh, nichts. Es ist aus dem Buch der Halle. Die heilige Schrift der Norländer.‹ Eofar starrte gedankenvoll über die Dünen auf die schwindende Gestalt. ›Wusstet Ihr, dass man in Norland deformierte Säuglinge, verwundete Soldaten und ähnliche Leute in den Wald bringt und sie dort erfrieren lässt? Es heißt, wenn Onfar – unser Gott des Lebens und des Todes – eine Person für würdig hält, dann heilt er ihr Gebrechen und führt sie wieder nach Hause.‹

›Ja, davon habe ich gehört‹, sagte Jachad und unterdrückte mühsam den Grimm, den diese unerwartete Enthüllung in ihm auslöste. ›Und wie viele hat er schon für würdig befunden?‹

Eofar antwortete, ohne den Blick von Jachads Begleiterin zu wenden: ›Keinen.‹

Jachad drückte seine Finger aneinander, um die kleinen Funken zu verbergen, die zwischen ihnen zuckten, und trat zurück, um nicht von Aedas gewaltigen Schwingen erfasst zu werden. ›Die Sonne geht auf. Ihr macht Euch besser auf den Rückweg.‹

Eofar stieß einen Pfiff aus. Der Triffon duckte sich und schnellte dann in die Luft. Einen Augenblick später waren die beiden hoch über der Wüste auf dem Weg zurück zum Tempel. Jachad sah ihnen nach, bis ihre schattenhaften Gestalten mit der Fassade des Tempels verschmolzen.

Dann hob er sein Bündel auf und eilte seiner Begleiterin hinterher.

Er konnte ihrer Spur leicht folgen, obgleich ihre Fußabdrücke schon bald nicht mehr genau in östlicher Richtung verliefen, wohin sie ursprünglich gegangen war. Sie wurden immer wieder unregelmäßig, als ob seine Begleiterin gestolpert wäre. Dann begann die Spur noch stärker von der Ostrichtung wegzuführen. Jachad sah sich um und entdeckte den Grund dafür: Sie strebte auf einen Kreis niedriger, vom Sand glatt geschliffener Felsblöcke zu, die sich etwas weiter nördlich befanden. Jachad hielt an und beobachtete, wie sie ein Dutzend Schritte vor den Steinen ins Stolpern geriet und auf die Knie fiel. Sofort begann er, zu ihr hinzueilen. Doch er hatte noch keine allzu große Strecke zurückgelegt, als sie bereits wieder auf den Beinen war, und einen Moment später verschwand sie zwischen den Felsen.

Der Morgenwind strich über die Wüste und raschelnd durch Jachads glänzende Seidengewänder, ein flüsternder Gruß, mit dem ihn der neue Tag willkommen hieß. Der Sand wirbelte und wanderte zu seinen Füßen, und die ersten Sonnenstrahlen leuchteten hinter den verschwommenen Bergen. Jachad Nisharan, der König der Nomas, ließ sein Bündel in den Sand fallen und sank auf die Knie, um zu seinem Vater zu beten – dem Sonnengott Shof.

Jeden Tag absolute Ungestörtheit in der Morgen- und Abenddämmerung, und das ohne Ausnahme: So lautete die Bedingung, die sie gestellt hatte. Es war die gleiche Bedingung, die sie jedem stellte, der ihre Dienste wünschte, und in den zwei Wochen, da sie und Jachad miteinander unterwegs waren, hatte er sich stets daran gehalten.

Der Wind wurde kräftiger und blies aus dem Westen, vom Meer her.

Er beobachtete die Felsen und leckte sich nachdenklich die Lippen. Düstere Warnungen hallten durch seinen Verstand. Er hatte diesen Augenblick hinausgeschoben, doch sie würden Shadar vor Sonnenuntergang erreichen und er möglicherweise nie mehr wieder solch eine Chance haben. Er musste es mit eigenen Augen sehen. Wenn er diese Gelegenheit verstreichen ließ, hätte er ebenso gut bei seinem Stamm auf der anderen Seite der Wüste bleiben können.

Er stand auf. Während er sich auf die Felsen zubewegte, erstarb der Wind, und der über die Wüste dahinwehende Sand sank leise zischend zu Boden. Jachad ließ sein Bündel fallen und glitt leise durch den schmalen Spalt zwischen zwei Felsen.

Er sah sie sofort. Sie lag mit dem Gesicht nach oben und geschlossenen Augen halb begraben im Sand. Die langen Finger ihrer rechten Hand waren ausgestreckt und gruben tiefe Rillen in den Boden. Während er sie beobachtete, bäumte sich ihr Körper heftig auf. Als es abklang, lag sie wieder flach auf dem Rücken, doch nun vollkommen reglos. Er sank auf die Knie und kroch vorwärts.

Ihr nachtschwarzes, mit einem Tuch nach hinten gebundenes Haar quoll aus der Kapuze heraus und bildete einen gespenstischen Kontrast zum grauen Schimmer ihrer Haut. Er richtete den Blick unerschrocken auf jede Narbe in ihrem Gesicht: die gerade weiße Linie auf ihrer breiten Stirn, das sichelförmige Mal auf ihrer hohlen Wange, die gezackte Linie, welche die Form ihrer schmalen bläulichen Lippen zu einem immerwährenden Feixen verzerrte. Das Band der Augenklappe über dem rechten Auge zerschnitt ihre Züge in separate Teile, sodass ihr Gesicht aussah, als wäre es zerbrochen und dann wieder notdürftig zusammengefügt worden. Aber unter den Narben und der Augenklappe konnte Jachad noch immer das Gesicht seiner einstigen Spielgefährtin sehen, des vierzehnjährigen Mädchens, das sie vor fast acht Jahren gewesen war.

»Meiran?«, flüsterte er zaghaft und streckte seine sommer­sprossige Hand aus, um die schwarzen Haarsträhnen auf ihrer feuchten Stirn wegzustreichen. Er konnte eine leichte Kühle spüren, die von ihrer perlgrauen Haut ausging. Doch in dem Augenblick, da er sie berührte, richtete sie sich auf und packte ihn an der Kehle.

»Wer ist da? Wer bist du?«, kreischte sie und würgte ihn mit einer Hand, während sie mit der anderen blindlings durch die Luft fuchtelte.

»Ich bin es«, keuchte er und versuchte sich vergeblich aus ihrem Griff zu lösen. Dann spürte er ihre Finger an seinem Bauch, und plötzlich hatte sie sein Messer. In Panik schlug Jachad seine Hände zusammen. Sogleich zuckten orangefarbene Flammen über seine Handflächen. »Meiran«, rief er heiser, »ich bin es, Jachad!«

Sie ließ seinen Hals los. Doch im nächsten Augenblick stürzte sie sich auf ihn, und ihr Knie traf ihn hart an der Brust und sandte ihn zu Boden. Als die Spitze seiner eigenen Klinge auf sein Gesicht zuraste, warf er die Arme hoch. Eine Wand aus Flammen loderte vor ihm auf.

Sie wich vor der knisternden Glut zurück und fiel nach hinten zwischen seine strampelnden Beine. Das Messer flog ihr aus der Hand und landete außer Reichweite im Sand.

»Meiran!«, rief er erneut, während er rücklings von ihr wegkroch. »Meiran, erinnere dich, wo wir sind … Ich bin es …«

Endlich entspannte sie sich und sank in den Sand. Jachad beobachtete noch immer keuchend, wie sie zitternd tief Luft holte, dann mit einem Finger die schwarze Augenklappe über das silbergrüne Auge schob. Es war das dunkelbraune rechte Auge – runder und ein wenig größer als das linke –, welches sich kurz auf Jachad richtete.

Er stieß ein langes, erleichtertes Seufzen aus und ließ sich vor ihr in den Sand fallen. Sie saß ihm gegenüber, den Blick ins Nichts gerichtet. Ihr narbiges Gesicht war ausdruckslos. Die Wüste um sie herum war vollkommen still.

»Es ist viel schlimmer geworden als früher, nicht wahr?«, fragte er schließlich.

Doch Meiran sprach zur gleichen Zeit. »Du hast dein Versprechen gebrochen«, warf sie ihm vor. Und dann fügte sie hinzu: »Das war vor langer Zeit.«

»Ich weiß«, erwiderte er als Antwort auf beide Bemerkungen. Sie schien nicht wirklich wütend zu sein. Das war schon etwas. »Sieben Jahre. Du kannst mir keinen Vorwurf machen, wenn ich wissen möchte, ob es dir gut geht. Sieben Jahre ohne ein Wort von dir. In den ersten drei wussten wir nicht einmal, ob du noch lebst. Und als ich dann von diesem Söldner hörte …« Er ließ den Satz unvollendet und musterte ihr Gesicht. »Mehr als einmal war ich nahe dran, nach dir zu suchen.«

Ihre Lippen öffneten sich, schlossen sich jedoch wieder; sie schluckte hinunter, was sie sagen wollte. Jachads Haut prickelte. Er hatte sie fast so weit gehabt, dass sie etwas kundtat, das sie nicht preisgeben wollte.

»Aber ich nahm an, dass du mich schon finden würdest, wenn du es wolltest«, fuhr er ruhig fort, als hätte er ihre Reaktion gar nicht bemerkt. »Dafür spricht der Umstand, dass du hier bist. Ich versuche dich nur zu verstehen. Du tauchst nach all den Jahren bei meiner Karawane auf – gerade als die Shadari haben verlauten lassen, dass sie dich anheuern wollen. Du erscheinst mit einer Flasche Elixier – gerade wenn es gebraucht wird. Und all das ohne irgendwelche Erklärungen.« Er erhob sich, um sein Messer zu holen. Als er es in die Scheide schob, beobachtete er sie aus dem Augenwinkel. Sie atmete ruhiger, und ihre Arme ließ sie müde her­abhängen. Zum ersten Mal sah sie erschöpft aus. Aber sie hörte ihm zu. Er kam zurück und setzte sich wieder. »Und? Hast du je versucht, eine Heilung zu finden?«

Der Blick ihres rechten Auges blieb auf den Sand gerichtet. »Ich habe Besseres zu tun.«

»Was denn? Nach Shadar zu gehen?«, fragte Jachad und gestattete sich einen Hauch Sarkasmus.

»Dafür werde ich bezahlt. Und du wirst dafür bezahlt, mich hinzubringen, schon vergessen?«

Er lachte spöttisch. »Das Geld, das die Shadarisklaven für ihren Aufstand zusammengekratzt haben, kann es wohl nicht sein. Schließlich sollst du der größte Söldner sein, den die Welt je gesehen hat. In all den Jahren hast du niemals einen Kampf verloren. Du hast alles getan – Armeen kommandiert und Hel­­den im Zweikampf besiegt. Du hast den Turm in Treborn mit einem Dutzend Männern in einem einzigen Tag genommen, nachdem ihn König Grayson fast ein Jahr lang belagert hatte. Bis heute weiß niemand, wie es dir gelang, die chastische Armee aus dem Kabor-Pass herauszuholen.« Er lächelte stolz. »Unsere Meiran.«

Sie sah zu ihm auf. »Das ist nicht mein Name.«

»Also, ›der Blendling‹ ist es ebenso wenig, und ich werde dich ganz sicher nicht so nennen. Meiran ist ein guter Nomasname, gegen den du früher nichts einzuwenden hattest«, erklärte er und fuhr sich mit der Hand durch das feuerrote Haar.

Sie grummelte etwas Unverständliches.

»Möchtest du eine lustige Geschichte hören?«, fragte er, nun da sie ihm endlich zuhörte. »Sie handelt von deinem Pakt mit Dämonen. Man sagt, dass du dich in der Morgen- und Abenddämmerung fortstiehlst, um ein kleines Kind zu opfern. Dass du das Herz herausschneidest und es isst, bevor es zu schlagen aufhört. Natürlich sind kleine Kinder auf einem Schlachtfeld nicht so leicht aufzutreiben, aber augenscheinlich …« – er machte eine Kunstpause – »… hast du deinen eigenen Vorrat dabei.« Er grinste, und schließlich entfloh ihr ein trockener, krächzender Laut, der ein Lachen sein mochte. Jachads sommersprossige Wangen röteten sich triumphierend, und er ließ ein paar Funken springen und schnippte sie verspielt auf den Boden.

Dann erhob sich Meiran, klopfte den Sand aus ihren Kleidern und zog ihre Kapuze zurecht. Sie ging voraus zwischen die Felsen, und er hob sein Bündel auf und warf es sich über die Schulter. Sie schlugen erneut den Weg zu den Bergen ein. Jachad bemühte sich, mit seinen kürzeren Schritten mitzuhalten, bis er schließlich stehen blieb.

Sie setzte ihren Weg ein paar Schritte ohne ihn fort, aber dann blickte sie zurück.

Er versuchte den kalten Knoten in seinem Magen zu ignorieren und zwang sich, die Frage zu stellen, für die er bisher nicht den Mut fand. »Warum kehrst du zurück, Meiran? Sag mir, warum jetzt, nach der langen Zeit?«

Die Sonne begann gerade über die Berggipfel zu steigen und färbte die tieferen Felsen in Gold und Kupfer. Da sie mit dem Rücken zur Sonne stand, konnte er nichts von ihr sehen, außer ihrer dunklen Silhouette.

»Es gibt eine Geschichte, die ich schon seit langer Zeit hören wollte«, erwiderte sie nach einem Moment. »Jetzt will ich sie hören.«

Er trat zu ihr, als sie sich wieder nach den Bergen umwandte. »Und dann? Was ist dann?«, fragte er. Er spähte unter ihre Kapuze und sah ihr braunes Auge über die Landschaft vor sich wandern: über die niedrigen Berge, hinter denen die kleinen weißen Häuser der Stadt verborgen lagen, über den Tempel, den längst vergangene Menschen mit noch älterer Magie aus einem einzigen Felsen geschlagen hatten, und – hinter all dem – über das schimmernde Band des Meeres.

»Ich werde sie beenden.«

KAPITEL ZWEI

Rho saß am Rand seiner Pritsche in ihrem stickigen Kasernenzimmer und beobachtete mit Widerwillen, wie Daem eine weitere kandierte Frucht aus dem Glas nahm, sie auswickelte und in seinen Mund schob. Ein Tropfen roter Flüssigkeit rann über das eotanische Wappen seines Tapperts hinab und tropfte auf den staubigen Steinboden.

›Was soll der missgünstige Blick? Wenn du eine willst, frag einfach‹, meinte Daem scherzhaft und streckte sich auf seinem zerwühlten Bett aus.

›Danke, ganz bestimmt nicht‹, erwiderte Rho, stand von seinem Lager auf und ging mit den Stiefeln in der Hand zum einzigen Tisch des Raumes. ›Es ist mir ein Rätsel, wie du dieses süße Zeug so früh am Abend – oder überhaupt – in dich hineinstopfen kannst, ehrlich.‹ Er ließ sich auf den seiner Überzeugung nach unbequemsten Stuhl der Welt sinken – möglicherweise verdiente aber auch einer der drei anderen im Raum diese fragwürdige Auszeichnung – und goss sich einen Becher Wein ein.

›Für mich ist es nicht früh. Das ist der Vorteil, wenn man lange Zeit auf Tagpatrouille war. Jetzt beginnen die angenehmen Norländerstunden für mich. Und behaupte nicht, dass dich nicht der Neid frisst.‹ Der süßliche Duft der Frucht breitete sich in dem viereckigen, niedrigen Raum aus, während er kaute, und vermischte sich mit den Gerüchen von Lampenöl, Staub und Schweiß. ›Du kannst nicht erwarten, dass ich mit leerem Magen zu Bett gehe.‹

Von seiner Pritsche in der anderen Ecke des Raumes rief Ingeld: ›Wie soll irgendjemand schlafen können, wenn ihr beiden Trif­fon­ärsche nicht endlich das Maul haltet?‹

›Ist das nicht dein letztes Glas?‹, fragte Rho Daem. ›Ich dachte, du wolltest sie für später aufheben.‹

Ingeld drehte sich im Bett um und bedachte Rho mit seinem bleichen, leicht schimmernden Hinterteil. ›Falls dir das noch nicht klar ist: Einige von uns müssen heute Nacht tatsächlich ihre Pflichten erfüllen‹, murrte er.

›Ja, Ingeld, bitte erzähl uns noch mal von all den dir anbefohlenen Aufgaben, die du für Lady Frea die ganze liebe lange Nacht zu erledigen hast‹, spöttelte Daem. ›Wir können nicht genug darüber hören. Was hast du uns denn bisher verschwiegen? Bist du jetzt auch ihr Reichsverteidigerstiefelwichser?‹

Rho lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und streckte seine langen Beine aus. Er hatte nie diese geradezu abartig fanatische Loyalität verstanden, die Lady Frea in diesen mittelmäßigen Idio­ten weckte, aus denen zu einem guten Teil die Shadarikaserne bestand. Nach vier Jahren dachte er wehmütig an die Zeit zurück, als er das alles noch amüsant gefunden hatte. ›Tut mir leid, dass wir dich gestört haben, aber wir dachten nicht, dass irgendetwas von unserer kleinen Unterhaltung deine außerordentlichen Wälle von Selbstgefälligkeit durchdringen könnten, mit denen du dich umgibst.‹

›Komm wieder runter, Rho. Mir steht dein aufgeblasenes Arregador-Getue bis zum Hals.‹ Ingels jäher Zorn kam wie ein Hammerschlag, aber Rho hatte schon lange aufgehört, ihn ernst zu nehmen. ›Wen kümmert es, dass du aus einem der zwölf Hochclans kommst? Du sitzt hier genauso fest wie wir alle.‹

›Also, wir lassen hier besser die Clans aus dem Spiel‹, mahnte Daem freundlich.

›Sagt ausgerechnet der Aelbar‹, stichelte Ingeld. ›Ihr Burschen von den Hochclans steckt doch immer unter einer Decke. Na ja, nach dem, was Lady Frea von dir hält, Daem, sehe ich schwarz für eine Versetzung. Du wirst wahrscheinlich den Rest deines Lebens hier verbringen.‹

›Um auf deine Frage zurückzukommen‹, sagte Daem und ignorierte Ingeld stillvergnügt, während er eine weitere Süßigkeit auswickelte. ›Ich brauche sie jetzt nicht für später aufzuheben, denn bald werde ich mir wieder welche kaufen können. Wir kriegen unseren Sold, wenn das Schiff aus Norland eintrifft, und dann kommen auch die Nomas wieder her …‹

›… wie Fliegen zu einem Scheißhaufen‹, beendete Ingeld den Satz für ihn.

›Es reicht!‹ Der letzte von Rhos Mitbewohnern, Ongen, richtete sich auf seinem Bett auf und schwang seine kräftigen Beine über den Rand. Das Band hatte sich aus seinem Haar gelöst, während er schlief, und die wirren weißen Strähnen klebten an seinem dicken Hals. ›Bei Onfars heiligem Sack! Hat euch niemand beigebracht, andere mit eurem Gerede zu verschonen?‹

Daem setzte sich auf und meinte: ›In so einem kleinen Raum? Wofür hältst du das hier? Etwa für die große Halle in Ravindal? Und wenn wir schon beim Thema sind …‹ Er verstummte kurz, während er unter sein zerknülltes Kopfkissen griff. ›Das lag auf dem Tisch, als ich am Nachmittag von meiner Patrouille zurückkam.‹

Er wollte das Buch quer durch den Raum zu Ongen schleudern, allerdings war sein Wurf nicht kräftig und treffsicher genug, sodass es zum Tisch hinflog. Rho fing es im Flug und erkannte den einfachen Ledereinband wieder. Es war das einzige Buch, das Ongen besaß: eine schlecht gedruckte Ausgabe der Schlachtenverse aus dem Buch der Halle.

›Ongen, wir freuen uns alle, dass du lesen lernst‹, sagte Rho gedehnt und genoss Daems boshaftes Grinsen, ›aber du solltest das Buch nicht herumliegen lassen. Du hast Glück, dass es die Sklaven nicht verbrannt haben.‹

›Glück?‹, blaffte Ongen. ›Das war ihr Glück, meinst du wohl.‹

›Schließ es nächstes Mal lieber in der Truhe ein. Ist sicherer.‹ Er beugte sich hinab, um seine Stiefel anzuziehen.

›Warum soll ich? Sind wir die Herren hier, oder sie? Mir ist ihre Religion total egal.‹

›Na, dann vergiss es. Wenn du dein Buch los sein willst, dann lass es halt offen herumliegen.‹

›Nein, mir stinkt das zum Himmel‹, widersprach Ongen. ›Warum muss ich wegen denen meine Sachen einsperren. Wäre die Bestrafung schlimm genug, würden sie schon damit aufhören.‹

›Nein, das glaube ich nicht. Statthalter Eonar hat hier mehr als zwanzig Jahre lang das Sagen gehabt. Meinst du nicht, dass er das schon versucht hat? Es ist einfach ihre Religion. Sie hat sie fest im Griff.‹

›Ihre Religion ist unsinnig. Sie beten die Sterne an, oder die Sterne sind Götter oder so ähnlich. Was hat das mit Büchern zu tun? Das Problem ist: Wir sind einfach zu nachsichtig mit denen. Ich sag dir, wenn man ihnen …‹

Der Vorhang vor dem Eingang wurde zur Seite geschoben, und eine barfüßige Sklavin, die ein formloses, ungefärbtes Gewand und ein braunes Kopftuch trug, kam mit einem Korb frischer Wäsche herein.

›… ihnen die Hände abhacken oder ein paar von ihnen dafür töten würde, hätten sie es rasch gelernt.‹ Ongen sah zu, wie das Shadarimädchen den Korb an der Wand abstellte und lautlos ein Stück näher zu seiner Pritsche trat, um den Korb mit der Schmutzwäsche aufzuheben.

›Oder wir könnten ihnen Lesen und Schreiben beibringen‹, schlug Daem vor. ›Das würde ihnen wirklich eine Lehre sein.‹

›Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie nur so tun, als ob sie uns nicht verstehen‹, meinte Ongen. Seine silbernen Augen, die zu klein für sein breites Gesicht waren, folgten der Sklavin auf dem Weg zur Tür. ›Die hier hat uns vielleicht eben zugehört. Ich meine, wie können wir tatsächlich sicher sein, dass sie es nicht können? Und warum können sie es nicht? Andere Völker können es doch auch, viele von ihnen.‹

›Wer weiß?‹, sagte Ingeld. ›Vielleicht, weil sie aus der Wüste stammen. Spielt doch keine Rolle.‹

›Die Nomas kommen auch aus der Wüste.‹

›Die Nomas kommen viel herum‹, erwiderte Ingeld. ›Wenn man weit genug zurückgeht, findet sich vielleicht sogar der eine oder andere Norländer in ihrem Stammbaum. Darauf würd ich wetten.‹

›Haben die Nomas überhaupt Stammbäume?‹, fragte Daem. ›Vermutlich eher ein paar trockene Zweige.‹

Rho stand auf und griff nach seinem Schwert. Er hatte genug von der Zankerei. Sie erinnerte ihn zu sehr an seine Brüder.

›Warum bist du eigentlich schon so früh auf den Beinen?‹, wollte Daem von ihm wissen.

›Ich weiß, wohin er geht‹, sagte Ongen grinsend. ›Lady Frea hat ihn an Klein Isa abgegeben, wie eine alte Hose.‹

›Lady Isas Namengebungstag ist morgen, und ich helfe ihr bei den Vorbereitungen‹, erklärte Rho in einem Tonfall, der Ongen seinen ganzen Missmut spüren ließ.

›Sie wird also in der Tat Lady Frea herausfordern?‹, fragte Daem.

›Natürlich‹, erwiderte Ingeld. ›Sie wird dem Schwert ihrer Mutter einen Namen geben, nicht wahr?‹

Rhos Waffe fühlte sich schwerer als gewohnt an, als er sie mitsamt der Scheide aufhob und sich über die Schulter legte. Es war ein Familienschwert, alt und unansehnlich, und in seinem Griff steckte ein großer, ungeschliffener Edelstein, der einem Vogelei glich. Seine vier älteren Brüder hatten sich für die neuen imperia­len Klingen entschieden, so war es an ihn gelangt. Er erinnerte sich an den Eifer, mit dem er damit für seinen eigenen Namengebungstag geübt hatte. Als der Tag kam, war sein ältester Bruder Gavin so betrunken aufgetaucht, dass er kaum stehen konnte und die ganze Zeremonie zu einem Witz wurde. Und später waren seine Brüder wütend auf Rho gewesen, als sie nüchtern wurden und herausfanden, dass er dem Schwert den Namen Schicksalsklinge gegeben hatte.

›Ich hätte auch nichts dagegen, mit Lady Isa zu üben‹, sinnierte Daem. ›Oh, beruhige dich, Rho. Was erwartest du denn? Es gibt nur zwei Norländerfrauen in der ganzen Kolonie, und die andere ist Lady Frea. Wenn du willst, dass ich an jemand anderen denke, dann musst du den Kaiser schon dazu bringen, ein paar Frauen herzuschicken.‹

›Ich verstehe gar nicht, warum es hier keine gibt‹, klagte Ingeld. ›Es gab einen Haufen Frauen in der Garnison in Thrakya.‹

›Schuld ist der Statthalter, nicht der Kaiser‹, sagte Rho. ›Er hat die Stationierung von Frauen hier verboten, als seine Frau …‹

Er brach ab, als er Falkars Schritte im Korridor wahrnahm, die sich mit großer Hast näherten. Auch die anderen bemerkten es und drehten sich dem Eingang zu. Im nächsten Moment schob der Leutnant, bewaffnet und in voller Uniform, den Vorhang zur Seite.

›Aufstehen und fertig machen. Lady Frea befiehlt alle hinunter zu den Minen. Die Triffons werden bereits gesattelt.‹

›Alle? Warum, was ist los?‹, wollte Ingeld wissen, während er voller Eifer hochschnellte. ›Ist etwas geschehen?‹

›Fragt Rho‹, erwiderte Falkar kurz und verschwand wieder. Als er fort war, bestürmten die drei Mitbewohner Rho mit Fragen.

›Beruhigt euch doch. Ich bekam letzte Nacht in den Minen etwas mit. Die Sklaven hörten sich an, als planten sie etwas – eine Art Aufstand. Das habe ich Lady Frea gemeldet. Das ist alles.‹

›Oh. Na dann‹, sagte Ongen und ließ sich wieder auf seine Pritsche fallen. Die Holzbeine des einfachen Gestells ächzten unter seinem Gewicht. ›Und ich dachte schon, wir bekämen wirklich etwas Lohnendes vor die Klingen. Du machst mich krank, Rho.‹

›Dann schlage ich vor, dass du das Quartier wechselst. Auf seine Gesundheit sollte man achten.‹

Wie begriff Ongen nicht, dass dies ein Witz war. ›Ich glaube es einfach nicht, dass die ganze Garnison in Alarmbereitschaft ist, nur weil du wieder in Lady Freas Hosen kriechen möchtest.‹

›Da hat er so wenig Chancen wie ein Eiszapfen in der Wüste‹, meinte Ingeld, während er sich frische Beinkleider aus dem Wäschekorb holte.

Daem lehnte sich an die Wand zurück. ›Ich sag es nicht gern, Rho, aber damit hat er recht.‹

›Wenn ich nicht bald irgendwo hinkomme, wo wirklich gekämpft wird, dreh ich noch durch‹, beteuerte Ingeld, während er sein Schwert gürtete. Es war eine billige, ziemlich neue Klinge, die er ein wenig übermütig Heldenruhm genannt hatte. ›Ich meine, was ist so großartig an einem Imperium, wenn wir nur herumstehen und Sklaven im Auge behalten? Wie sollen wir auf die Weise unseren Platz in Onfars Halle verdienen?‹

›Das weiß ich auch nicht … Was stellt Das Buch denen in Aussicht, die an Langeweile sterben?‹ Daem zog seinen Tappert über den Kopf aus, noch während sich die anderen ankleideten. ›Dieser Ort wäre nicht der Abladeplatz des Imperiums, wenn es hier jemanden zu bekämpfen gäbe. Ich halte es für einen Witz, dass wir hier für die Herstellung der imperialen Schwerter sorgen, obwohl keiner von uns wichtig genug ist, eines zu besitzen. Onfar scheint wohl doch einen Sinn für Humor zu haben.‹

›Warum ziehst du das aus?‹, fragte ihn Rho.

›Ich komme nicht mit. Lady Frea hat mich zur Tagpatrouille eingeteilt‹, erinnerte ihn Daem. ›Ich bin nicht einer, der Befehle missachtet.‹

›Doch, das bist du.‹

›Nicht die Befehle, die ich mag.‹

›Zieh dich wieder an.‹

›Es geht hier nicht um imperiale Schwerter. Ich würde keinem von denen einen Namen geben, selbst dann nicht, wenn der Befehl vom Kaiser höchstpersönlich käme‹, beteuerte Ingeld. ›Warum, glaubst du, hat Frea keines? Ein richtiger Norländer besiegt seine Feinde nicht mit Tricks. Doch das Imperium ist dabei, uns zu verändern. Ein Norländer zu sein bedeutet heute nicht mehr dasselbe wie früher. Ich war da bei der Eroberung von Thrakya, als Bogenschützen – Söldner – zum Einsatz kamen … Bogenschützen! Der Bogen ist die Waffe des Feiglings. Das wirst du sehen, wenn Onfar über uns richtet. Ich wette, er bewertet einen Sieg, der mit einer Stahlklinge wie den unseren errungen wurde, zehnmal höher als einen Sieg mit einer schwarzen Klinge.‹

›Lord Eofar hat ein imperiales Schwert. Behauptest du, dass er deshalb ein Feigling ist?‹, fragte Daem.

›Nein, das habe ich nicht gesagt‹, beeilte sich Ingeld zu erwidern.

›Und vergiss nicht, dass Statthalter Eonar auch eines hat‹, fügte Rho hinzu.

Darauf hatte Ingeld, der sich inzwischen angekleidet hatte, keine Antwort. Er und Ongen gingen zum Eingang. Auf dem Weg hinaus ergriffen beide hastig ihre weißen, sonnensicheren Umhänge. Rho lehnte sich an die Wand und wartete geduldig, bis Daem die Stiefel anhatte. Dann fiel ihm auf, dass Ongen wieder sein Buch auf dem Tisch liegen gelassen hatte. Er holte den Schlüssel aus dem Versteck unter dem Stuhl, schloss die Truhe in der Ecke auf und warf den Band zu ihren anderen Büchern, die dort zusammen mit Papier, Schreibfedern und Tinte aufbewahrt wurden. Als er zuschloss, war auch Daem marschbereit.

›Ich habe wirklich gehört, dass sie etwas planen‹, erklärte er seinem Freund. Er war verärgert, dass es Ongen gelungen war, Zweifel in ihm zu wecken, aber er konnte sie nicht abschütteln.

›Das glaube ich dir.‹

›Frea wird nicht erfreut sein, wenn ich mich geirrt habe.‹

Daems Mitgefühl vertrieb seine Sorgen. ›Mach dir keine Gedanken, ich weiß genau, was du brauchst.‹ Er griff in das kleine Glas mit den kandierten Früchten, in dem nur noch eine einzige lag, nahm die Süßigkeit heraus und drückte sie Rho in die Hand. ›Hier. Du sollst die Letzte haben.‹

Wider Willen amüsiert, steckte Rho das zweifelhafte Geschenk in seine Tasche. ›Danke‹, sagte er trocken, ›aber ich heb sie mir für später auf.‹

KAPITEL DREI

Eofar stand mitten in seinem Schlafzimmer und neigte das Fläschchen mal zur einen und dann zur anderen Seite, wobei er zusah, wie die rote Flüssigkeit hin und her floss. Er hatte nicht geschlafen. In der Dunkelheit seines fensterlosen Raumes fiel es ihm leicht, sich den morbiden Fantasien hinzugeben, die er in den letzten fünf Monaten nach und nach in seiner Seele geweckt hatte. Mehrere Stunden vor Sonnenaufgang hatte er schließlich aufgegeben, Hemd und Hose vom Abend zuvor angezogen und sich wieder hingesetzt, um sich auszuschelten, weil er – nach allem, was ihn das Elixier gekostet hatte – nicht den Mut fand, es anzuwenden.

Erst sagte er sich, dass das Risiko, es einzunehmen, zu groß war: Er hatte keine Ahnung, welche Wirkung es auf ihn haben würde. Auch wenn es für die Shadari harmlos war, so konnte doch keiner wissen, wie ein Norländer darauf reagieren würde. Es war nicht auszuschließen, dass es ihn vergiftete. Dann sagte er sich, dass das Elixier zu wertvoll war, um es zu vergeuden. Sie würden Geld brauchen, um weit genug fortzugehen – dorthin, wo sie ein neues Leben beginnen konnten … auf die Antineanischen Inseln vielleicht oder nach Prol Irat. Und er hatte alles, was er besaß, für das Elixier ausgegeben.

Das war jedoch schon vor Stunden gewesen. Je länger er zögerte, desto weniger Kraft fand er, sich etwas vorzumachen. Er hatte Angst vor der Wahrheit. Alles andere war nur Selbstbetrug.

Er riss das Wachssiegel vom Korken und warf die Stücke auf den Steinboden. Der Korken fühlte sich warm an, und die Luft entwich mit einem leisen Knall, als er ihn herauszog. Ein bitterer Duft stieg aus dem Flaschenhals.

Doch als er Geräusche von einer Person jenseits des Vorhanges auf dem Korridor hörte, stopfte er den Korken wieder zurück und steckte das Fläschchen in seine Tasche. Er hielt den Atem an und lauschte. Die Schritte waren leise. Von einem barfüßigen Sklaven vielleicht. Konnte das schon Daryan mit frischer Bettwäsche und Frühstück sein? Nein, dafür war es zu früh. Daryan würde noch in seiner kleinen Kammer am Ende des Ganges schlafen.

Sein Blick glitt einen Moment lang zu seinem Schwert, Kampfesgunst, das in seiner Hülle an der Wand hing. Er hatte die große Ehre, neben seinem Vater die einzige Person im Shadar zu sein, die ein imperiales Schwarzklingenschwert ihr Eigen nennen durfte. Es war wunderschön: Zwei silberne Griffons mit goldenen Krallen und Augen wanden sich vom Heft empor, ihre ausgebreiteten Schwingen bildeten den Handschutz. Die Querstange war mit einer Reihe geschliffener Kalipsetsteinen besetzt. Sein Vater hatte den Griff speziell für ihn in Auftrag gegeben, als er noch ein Junge gewesen war. Als er es bekam, dachte er, dass er nichts in seinem Leben je mehr lieben würde als dieses Schwert. Der Tag der Namensgebung war – seit dem Tod seiner Mutter – der erste wirklich glückliche Tag in seinem Leben gewesen. Selbst Frea war es nicht gelungen, ihm den Tag zu vergällen. Sie hatte erklärt, dass ein echter Kämpfer keiner billigen Tricks bedurfte, um eine Schlacht zu gewinnen – aber ihr verbitterter Neid hatte seinen Stolz nur noch vergrößert.

Jetzt widerte ihn schon der bloße Anblick an.

Jedes Mal wenn er auf die glänzende, schwarze Klinge starrte, spiegelten sich darin die hageren Gesichter der Männer wider, die ihr Leben als Sklaven in den Minen verbrachten. Er sah die hoffnungslosen Gesichter ihrer Familien, die sich um ihr tägliches Brot anstellten: Greise, Frauen und Kinder, die verhungern würden, wenn ihre Söhne, Männer und Väter zu fliehen versuchten, starben oder zu krank zum Arbeiten wurden. Er dachte an die jungen Männer und Frauen, die von ihren Familien gerissen und hierher in den Tempel gebracht wurden, um in der Dunkelheit bis zum Ende ihres Lebens Eofar und seine Familie sowie die Soldaten der Garnison zu bedienen.

Die Klinge bebte in ihrer Hülle – eine Erwiderung auf seine Aufmerksamkeit –, und die Triffonflügel schlugen leise gegen die steinerne Wand. Er entschied, die Waffe hängen zu lassen. Er sagte sich, dass es ein Geräusch geben würde, wenn er sie herabnahm, und falls ihn jemand belauschte, dann wollte er ihn über­­raschen.

Er schlich an dem niedrigen Podest vorbei, auf dem seine Bettstatt stand, und an den massiven norländischen Möbelstücken – einem geschnitzten Stuhl, einem kleinen Schreibpult, einer Truhe mit einem festen Schloss für seine Bücher und Schreibsachen –, bis er nah genug am Vorhang war, um hinaussehen zu können. Seine Kammer lag an der Kreuzung von zwei Gängen. Einer verlief parallel zu seinem Zimmer in Nord-Süd-Richtung, der andere begann an seinem Eingang und verlief etwa zwanzig Schritte gen Westen, bevor er einen weiteren Nord-Süd-Korridor kreuzte, der in ganzer Länge entlang der Westmauer des Tempels verlief. Dieser Gang war, wie die meisten entlang der Außenmauern, in bestimmten Abständen mit kleinen Fensteröffnungen versehen. Von dem Eingang zu seinem Zimmer aus konnte Eofar direkt auf eines dieser Fenster blicken.

Und dort entdeckte er Isa. Der Laden war noch geschlossen, aber der Riegel stand bereits offen, und ein schmerzhafter Licht­strahl drang wie ein funkelndes Juwel durch einen kleinen Spalt.

Sie hielt ihre Hand in das Licht.

›Isa!‹, schrie Eofar und stürzte los.

Sie zog ihre Hand zurück, gerade als winzige blaue Flammenzungen über ihre Handfläche leckten, und wirbelte zu Eofar herum. Ihr langes weißes Haar flog um ihre Schultern.

›Verdammt, zeig mir deine Hand!‹, forderte er sie auf. Er packte sie am Handgelenk und zog sie zu sich, als sie ihre Hände in den weiten Ärmeln ihres Gewandes zu verbergen suchte. ›Isa. Lass sehen.‹

›Lass mich los‹, verlangte sie hoheitsvoll, aber er verstärkte nur seinen Griff und begutachtete das Fleisch. Ein paar blaue Flecken waren alles, was er auf ihrer Handfläche entdeckte. Die Adern unter ihrer halb durchsichtigen Haut waren von gesundem Blau und ohne Anzeichen des schwarzen Giftes, das bei einer schweren Verbrennung entstand. ›Da … siehst du?‹, sagte sie. ›Es ist nichts.‹

›Wir hatten eine Abmachung‹, erinnerte er sie streng, aber er öffnete seinen Griff, und sie entzog ihm ihre Hand. ›Du hast es mir versprochen. Ich sagte dir, dass ich es Vater berichten würde, wenn ich dich wieder dabei erwische.‹

›Dann möchte ich gern sehen, wie du das machst. Bittest du Frea, für dich zu petzen?‹, fragte sie beißend. Sie wusste, wie unerträglich es war, dass Vater seit Monaten nur noch mit Frea gesprochen hatte.

›Was du da anhast, mag ja angenehm im Bett sein, aber hältst du es wirklich für das Richtige zum Herumspazieren? Du bist kein kleines Mädchen mehr!‹, erwiderte er heftig. Sie stand vor ihm in einem dieser luftigen, weiten Spitzengewänder, die in Norland üblicherweise über mehreren Lagen Kleidung getragen wurden, durch die weitaus weniger vom Körper zu sehen war.

›Es ist zu heiß für etwas anderes‹, klagte sie, aber er sah, dass sie den Kragen an ihrem Hals ein wenig enger zog.

›Dir wäre nicht so heiß, wenn du dein Haar flechten würdest‹, riet er ungeduldig. ›Am besten gehst du wieder zu Bett und schläfst noch eine Weile. Genau das werde ich jetzt auch tun.‹ Er wandte sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer.

›Warte, Eofar. Ich muss mit dir reden. Über Frea.‹ Als er sich wieder umwandte und zurückkehrte, blitzten ihre silbergrauen Augen vor Empörung. ›Sie bleibt dabei, dass sie nicht gegen mich kämpfen wird.‹

›Nun, ich bin noch immer ihrer Meinung‹, entgegnete er, obgleich er wusste, dass diese Antwort das Gespräch nur verlängern würde. ›Ich habe es dir schon einmal gesagt. Wir sollten es einfach nicht tun. Behalte doch das Schwert, wenn du es unbedingt haben willst. Keiner wird es erfahren. Und Frea ist es einerlei. Es kümmert sie nicht, was du tust.‹

Er hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde, seit Isa im Alter von zehn Jahren das üppig mit Juwelen besetzte Schwert aus der Gruft ihrer Mutter unbeirrt in ihr Zimmer geschleppt hatte. Als älteste Tochter hatte Frea das erste Anrecht auf die Klinge, aber sie wollte nichts damit zu tun haben. Für ihren eige­nen Tag der Namensgebung hatte sie Blutstolz nach ihren eige­nen genauen Vorgaben bei den Schwertschmieden in Ravinsur in Auftrag gegeben. Aber es gab nun einmal die alte Norländer-Sitte: Wenn Isa das Schwert ihrer Mutter tragen wollte, musste sie am Tag ihrer Namensgebung mit ihrer Schwester darum kämpfen. Das war ihr siebzehnter Geburtstag. Morgen.

Isas wortloser Zorn traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. ›Ich verstehe dich nicht, Eofar. Es steht im Buch der Halle. Wie kannst du einfach die Tradition ignorieren …?‹

›Weil es ein sinnloses Ritual ist, Isa‹, erklärte er müde. Er hatte das Thema so satt. ›Zwei Frauen hauen ein paarmal mit den Schwertern aufeinander ein, dann lässt sich die ältere eine kleine Wunde am Arm schlagen. Und anschließend versammeln sich alle in der Halle zum Saufen. Es ist doch nur ein Spektakel, um vor den Nachbarn anzugeben. Hier draußen ist es völlig sinnlos. Es gibt niemanden, den es zu beeindrucken gilt.‹

›Das ist nicht der Grund, warum du nicht willst, dass ich kämpfe. Du denkst, ich kann nicht gewinnen. Eofar, du weißt nicht, wie gut ich bin. Rho hat mit mir geübt, und er sagt, er hat noch keine …‹

›Ich weiß, dass Frea dich verletzen wird, und zwar ohne Rücksicht, wenn du dumm genug bist, sie herauszufordern.‹

›Und was soll ich deiner Meinung nach tun, wenn wir nach Norland zurückkehren, Eofar?‹, erwiderte sie bitter. Sie spreizte ihre langen weißen Finger und verschränkte sie dann ineinander. Er spürte den Unterton ihrer Furcht wie ein flaues Gefühl in der Magengrube. ›Was erzähle ich den Leuten, wenn sie mir Fragen über meinen Tag der Namensgebung stellen? Dass meine Familie das alles nicht für wichtig hielt? Bedeutet dir unsere Ehre denn gar nichts?‹

Eofar schloss die Augen. Das war die Art von Streitgespräch, die er nicht mit ihr führen wollte, und schon gar nicht jetzt. ›Isa, wahrscheinlich werden Jahre vergehen …‹

›Frea sagt, dass sie alles daransetzen wird, dass wir vor dem nächsten Winter abgelöst werden.‹

›Darauf hat Frea kaum Einfluss. Das entscheidet der Kaiser.‹

Isa wandte den Blick zum verschlossenen Fenster, als könne sie durch die Läden hindurchsehen – bis hin zu den schneebedeckten Bergen von Norland. ›Aber eines Tages werden wir sicherlich zurückkehren. Das müssen wir. Es ist unsere Heimat.‹

›Eine Heimat, die wir nie gesehen haben‹, rief er ihr ins Gedächtnis. ›Vielleicht möchtest du ja gar nicht dort leben, wo es immer finster ist, hoch oben auf einem eisbedeckten Berg. Vielleicht haben wir uns … verändert, hier draußen in der Wüste, abgeschnitten von allem.‹

›Das ist doch lächerlich‹ entgegnete sie, aber er spürte, dass sie irgendein Gefühl vor ihm zu verbergen trachtete. Er hatte einen Nerv getroffen. ›Natürlich werden wir heimkehren. Hier gibt es nichts für uns.‹

›Aber das könnte es‹, stellte er fest. ›Arbeit, Freunde …‹

›Freunde?‹, fragte sie ungläubig. ›Wen? Die Soldaten? Oder meinst du etwa die Sklaven?‹

›Sie sind Shadari, Isa‹, erwiderte er verärgert. ›Sie waren nicht immer Sklaven, und eines Tages werden sie vielleicht keine mehr sein. Und ja, warum nicht?‹

›Weil ich weiß, was sich ziemt, und du offenbar nicht. Wie diese Frau.‹ Das Blut schoss ihr ins Gesicht, und ihre bleichen Wangen verfärbten sich bläulich. ›Es geziemt sich nicht, dass ein unverheirateter Mann eine Leibdienerin hat. Vater hätte das nie erlauben dürfen.‹

›Harotha ist tot, Isa‹, sagte er mit einem warnenden Unterton. ›Sie ist vor fünf Monaten gestorben. Das weißt du.‹ Er zwang sich, ruhig zu bleiben. ›Aber, was ist mit Daryan? Er ist mein Freund, und er war früher auch deiner … fast wie ein Bruder. Du kennst ihn, seit du fünf warst. Bei Onfar, ihr habt miteinander in diesen Gängen gespielt, als du klein warst, und jetzt behandelst du ihn, als wäre er nur irgendein unsichtbarer Diener.‹

›Daryan ist also dein Freund?‹

›Ja.‹

›Und du vertraust ihm?‹

›Ja, warum nicht?‹

›Warum nicht?‹, wiederholte sie, ein bitterer Triumph lag in ihrer Stimme. Dann marschierte sie los und gab Eofar mit einem Wink zu verstehen, ihr zu folgen. Beide schritten den west­lichen Korridor entlang und dann um eine Ecke zum Eingang von Daryans Zimmer. Isa deutete mit ihrem weißen Arm in die dunkle Öffnung. ›Wo ist er dann jetzt?‹

Eofar trat an ihr vorbei und blickte in den kleinen Raum. Das Strohlager war unordentlich, und die Betttücher lagen halb auf dem Boden, als ob Daryan in großer Hast aufgestanden wäre. ›Ich weiß es nicht, Isa‹, erwiderte er abwehrend. ›Vielleicht hat er viel zu tun. Vielleicht ist er im Waschraum. Vielleicht ist er bei einem hübschen Mädchen. Viel interessanter scheint mir die Frage zu sein‹, sagte er, während er sich zu seiner Schwester umdrehte und ihr direkt in die Augen sah, ›woher du gewusst hast, dass er nicht hier ist – wenn du nicht bereits hier gewesen bist, weil du ihn gesucht hast?‹

Eine Mischung aus Betroffenheit und Gereiztheit schlug ihm entgegen. Doch bevor sie antworten konnte, taumelte sie plötzlich, als ob sie von hinten gestoßen worden wäre. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel auf ein Knie nieder. Über ihrem Kopf sah Eofar die Person, die gerade um die Ecke gekommen und mit ihr zusammengestoßen war.

Die Sklavin, die verzweifelt bemüht war, das riesige Bündel in ihren dünnen Armen nicht fallen zu lassen, brauchte einen Augenblick, bis ihr klar wurde, mit wem sie zusammengestoßen war. Dann stieß sie einen spitzen Schrei aus, der wie ein Messer durch Eofars Kopf stieß. »Es tut mir leid, mein Lord! Meine Lady!«, entschuldigte sie sich hastig mit gesenkter Stimme, in der die Sklaven mit ihren Herrschaften sprechen mussten. Ihr Name war Rahsa. Sie war neu im Tempel, aber er erkannte sie an dem ungewöhn­lichen rötlichen Ton ihres Haares, das unter ihrem Kopftuch hervorsah, und ihrer sonderbaren Art.

»Man hat mir aufgetragen, die Läden für die Nacht zu öffnen und die Sachen in die Wäscherei zu bringen. Ich wusste nicht … Darf ich …« Offenkundig ohne recht zu überlegen, schob sie das Bündel unter einen Arm und griff mit der Hand nach Isas Arm, um ihr aufzuhelfen.

Isa schrie vor Schmerz auf, als die Berührung der Shadari auf ihrem kalten Fleisch brannte, was Rahsa natürlich nicht hören konnte, und riss sich heftig los, doch die Kälte von Isas Haut biss bereits in Rahsas Finger. Die Sklavin unterdrückte ihren eigenen Schrei, als ihr dämmerte, welchen schrecklichen Fehler sie begangen hatte. Sie ließ ihr Bündel fallen und starrte zitternd und mit weit aufgerissenen Augen auf Eofar und Isa.

»Es t-tut mir leid«, stammelte sie.

»Verschwinde!«, zischte ihr Isa drohend in Shadari zu.

Rahsa drehte sich um und floh den Korridor hinab, ohne ihr Bündel aufzuheben. Eofar hörte das Klatschen ihrer nackten Füße auf dem Steinboden.

›Isa! Großer Onfar, war das wirklich notwendig? Ich weiß, dass es wehtut, aber so eine kurze Berührung bringt dich nicht um‹, schalt er verärgert, als Rahsa in der Dunkelheit verschwand. ›Du hast dem armen Mädchen eine Todesangst eingejagt. Du jammerst über Frea, aber manchmal bist du nicht viel besser als sie.‹

Isa stand langsam auf. Ihre Gefühle verschmolzen zu einer bitteren Entschlossenheit, während sie reglos wie eine Statue aus Eis vor ihm stand. ›Ich werde Frea zwingen, gegen mich zu kämpfen‹, erklärte sie kalt, ›auch ohne deine Hilfe.‹ Dann wandte sie sich um und ließ ihn allein im Korridor stehen.

Ihre Gefühle waren wie grelle Farben. Er war immer erschöpft und verwirrt nach einem Gespräch mit ihr. Er wünschte sich, sie hätte das kleine Mädchen bleiben können, das so gern ihre dünnen Arme um seinen Hals legte und ihren weißen Kopf an seine Schulter drückte.

Er klopfte leicht auf die harte Ausbeulung, die das Fläschchen in seiner Hemdtasche hervorrief, und machte sich auf den Weg zurück in sein Zimmer.

›Lord Eofar!‹

Zwei Soldaten der Garnison, die den Gang entlangkamen, schritten gerade an seinem Zimmer vorbei. Sie waren einsatzbereit gekleidet und trugen ihre bestickten Tapperte, weiße, sonnensichere Umhänge, und auf dem Rücken ihre Breitschwerter.

›Was ist, Rho?‹, fragte er ungeduldig, als er zu ihnen trat.

›Tut mir leid, mein Lord, ich wollte nur wissen, ob Ihr vielleicht Lady Isa gesehen habt. Ich suchte sie in ihrem Zimmer, aber dort war sie nicht.‹

›Ja, sie war eben hier, aber ich weiß nicht, wohin sie gegangen ist‹, erwiderte Eofar. ›Weshalb?‹

›Ich sollte heute Abend mit ihr üben, aber Lady Frea hat alle in die Minen befohlen. Das wollte ich ihr mitteilen.‹

Eofar hielt mit der Hand am Vorhang zu seinem Zimmer inne. ›Ich möchte nicht, dass du sie ermutigst, Rho‹, mahnte er ihn in gereiztem Tonfall. ›Ich weiß, dass du es damit Frea heimzahlen willst, aber Isa könnte dabei verletzt werden.‹

Er spürte Rhos Ärger, aber der Soldat war zu gut erzogen, gegenüber dem Sohn des Statthalters aufzubegehren. Es hatte eine Zeit gegeben, als er dachte, dass Rho und er Freunde werden könnten. Doch dann hatte ihn Frea unter ihre Fittiche genommen – und zudem in ihr Bett –, und als sie ihn schließlich fallen ließ, war es zu spät gewesen.

›Komm schon, Daem‹, sagte Rho zu seinem Kameraden, und Eofar sah ihnen nach, während der Schritt ihrer Stiefel durch die leeren Rotsteingänge hallten.

›Wartet!‹, rief er nach einem Augenblick und rannte ihnen nach. ›Warum hat Frea alle in die Minen befohlen?‹

Rhos kalter Missmut verdunkelte sich zu Besorgnis. ›Es gibt vielleicht Ärger heute Nacht. Ich habe ein Gespräch zwischen Sklaven mitgehört. Es klang, als ob sie etwas planten.‹

›Einen Aufstand?‹, fragte Eofar scharf.

›Hörte sich für mich so an‹, antwortete Rho.

Wenn einer es wissen würde, dann er, dachte Eofar. Augenscheinlich völlig mühelos und einfach so nebenbei hatte Rho Shadari fließender als jeder andere in der Garnison sprechen gelernt – Eofar, der sein ganzes Leben hier verbracht hatte, nicht ausgenommen. ›Haben sie irgendwelche Namen genannt?‹

Rho verriet eine Spur Misstrauen. ›Nein. Jedenfalls hörte ich keinen.‹

Eofar nickte. Er blickte auf Rho und Daem in ihren makellosen Uniformen und war sich plötzlich schmerzlich seines zerknitterten und feuchten Hemdes bewusst. Er wusste, wie die Soldaten über ihn dachten. Er kannte den Klatsch, der vor drei Monaten die Runde machte, nachdem sein Vater die Leitung der Garnison an Frea übertragen hatte, obgleich er um gut zwei Jahre der ältere war. Er versuchte es zu ignorieren, so gut es ging. Es gab für ihn Wichtigeres, um das er sich Sorgen machen musste. ›Na dann, viel Glück da unten.‹

Er ging zu seinem Zimmer zurück, duckte sich automatisch unter dem Balken des Eingangs, der nicht für jemanden seiner Größe gedacht war, stieg auf das Podest und setzte sich auf sein Bett. Er nahm das Fläschchen aus seiner Tasche, kippte es auf die eine Seite, dann auf die andere.

Er zog den Korken heraus, träufelte ein paar Tropfen auf seine Zunge und schluckte sie. Dann wartete er.

KAPITEL VIER

Mit einem bangen Gefühl wurde Daryan bewusst, wie spät er eintreffen würde. Er blieb an der Tür stehen und blickte schuldbewusst auf die anderen Shadari, die um den Scheiterhaufen standen. Doch keiner schaute zu ihm: Alle hatten ihre tränenden Augen fest auf die Flammen gerichtet. Es waren wenigstens sechzig Leute. Wahrscheinlich wären noch weitere der etwa zweihundert Sklaven im Tempel gekommen, wenn es ihre Pflichten erlaubt hätten.

So leise er konnte, mischte er sich unter die Trauernden. Die Flammen hatten bereits das Gewand des toten Mädchens erreicht; binnen Kurzem loderten sie über den Körper und verzehrten den dünnen Schleier, der das Gesicht bedeckte. Er sah zu, wie die Kleidungsstücke verkohlten. Der schwere, tranige Geruch der Öle, in denen die Kleider getränkt waren, breitete sich im Raum aus. Es stank, aber es überdeckte zumindest andere, noch weniger angenehme Gerüche. Beißender Rauch qualmte um den Scheiterhaufen und wehte durch den Raum, doch die Zugluft ließ den größten Teil durch die Öffnung in der Decke zu den Sternen hinaus entweichen. Erstickende Hitze schlug ihm entgegen und erinnerte ihn an die Wärme seines Bettes. Er seufzte tief.

»Ich weiß. Sie war so jung. Und sie war erst ein paar Wochen hier«, flüsterte die junge Shadarifrau neben ihm mitfühlend. Sie hielt ihre Hände an ihr Herz gedrückt, doch als sie seinen Blick gewahrte, ließ sie sie rasch in den Ärmeln ihres Gewandes verschwinden. Ihre Finger waren geschwollen und wundgescheuert, vermutlich vom Bodenreinigen. »Sie hätte sich sehr geehrt gefühlt, dass du hier bist, Daimon.«

Ein großer Mann an ihrer Seite, dem die Frau kaum bis an die Schultern reichte, stieß sie leicht an. »Du sollst ihn doch nicht so nennen, Mariya«, erinnerte er sie mit leiser, tiefer Stimme.

Die Frau drückte ihre geschwollene Hand an den Mund. »Es tut mir wirklich leid, Dai-«, begann sie und unterbrach sich selbst. »Ich meine, es tut mir leid, Daryan«, berichtigte sie sich und unterstrich ihre Worte mit einem scheuen Lächeln.

»Schon gut«, sagte er. Mit einem warmherzigen Blick erwiderte er ihr Lächeln und wandte sich dann wieder dem Feuer zu.

Von der anderen Seite des Scheiterhaufens, hinter den zuckenden Flammen, starrten ihn die Augen seines Onkels Shairav unter den dichten schwarzen Brauen finster an. Daryans Lächeln verschwand.

Der große Mann – Daryan erinnerte sich, dass er Omir hieß – blickte zur Dachöffnung empor. »Fast dunkel«, murmelte er unruhig.

Auch Daryan blickte hoch und hielt besorgt nach Anzeichen von Patrouillen der Weißen Wölfin Ausschau. Wenn jemand auf einem Dereshadi über den Tempel flog, konnte ihm der Rauch nicht entgehen.

Er blickte wieder in den Ring ernster Gesichter. Die Seelenlosen hatten das Verbrennen von Verstorbenen als Vergeudung von Rohstoffen gebrandmarkt und untersagt – so wie sie auch Trommeln wegen des Lärms und eine ganze Reihe anderer Shadari­rituale verboten, die ihnen auf die eine oder andere Weise unangenehm waren. Die Strafe für die Teilnahme an diesem Ritual und für die damit verbundenen Verbrechen des Öl- und Strohdiebstahls sowie der Exhumierung der Mädchenleiche aus den Grabstätten der Seelenlosen würde höchst unerfreulich sein. Und doch hatten sie sich, bis auf eine Wache draußen im Korridor, alle hier in diesem unbenutzten Raum zusammengefunden, um die Seele eines Mädchens freizusetzen, das die meisten von ihnen kaum kannten.

Shairav schritt nach vorn in den Kreis und ergriff einen Topf voll Sand, den ihm ein wartender Shadari entgegenhielt. Daryan fand, dass er in seinen bunten zeremoniellen Gewändern mit ihren auf indigoblauem Grund angebrachten, grob gearbeiteten, silbernen und goldenen Sternbildern lächerlich aussah. Doch seine dunklen, tief liegenden Augen, die straffen Schultern und das von Silber durchzogene schwarze Haar besaßen immer noch ihre Ausstrahlung. Shairav schüttete den Sand auf den Boden, während die übrigen Shadari auf den Steinen niederknieten und zur Seite blickten. Alle, außer Daryan, wandten gewissenhaft die Augen ab, während der alte Priester das Gebet in den Sand schrieb. Daryan beobachtete Shairav genau und formte mit den Lippen lautlos die Worte, während sie unter den spitzen Fingern des Ashas erschienen.

»Du wendest den Blick nicht ab?«, flüsterte Mariya mit einer Spur Furcht in der Stimme.

»Nein. Für mich ist es keine Sünde, denn ich bin der … du weißt schon«, erwiderte er flüsternd. »Nicht viele Leute wissen es, aber es ist eines der alten Privilegien. Alle Daimone konnten lesen und schreiben. Mein Onkel sagte mir, dass mein Vater und mein Großvater keinen Wert darauf legten, aber ich wollte, dass er es mich trotzdem lehrte.«

Mariya sah mit großen Augen zu ihm hoch. »Wozu?«

Er antwortete mit einem leichten Schulterzucken, aber als sie den Blick wieder senkte, griff er verstohlen an seine Brust. Er konnte das flache, viereckige Objekt spüren, das in einer Tasche unter seinem Gewand verborgen war.

»Wir schreiben diese Gebete an die Götter im Namen ihrer Tochter Inada«, stimmte Shairav feierlich an, »dass sie herabblicken und ihren Geist zu sich holen mögen in ihren ewigen Reigen.«

»Die Götter sind gnädig«, murmelten die Versammelten.

Shairav ergriff den ausgefransten Saum seiner Robe und wischte damit über den Sand, sodass die heilige Schrift von nun an nur noch für die Augen der Götter sichtbar sein würde. »Der Geist eurer Tochter Inada ist nun frei vom Fleisch und kehrt in den Wind und den Sand zurück. Mögen die Götter diese Nacht und alle Nächte über uns wachen.«

Die Zeremonie war vorüber. Auf einen Wink von Shairav machten sich die Shadari daran, mit einem Haufen dafür mitgebrachter Decken das Feuer zu löschen. Daryan trat zurück, um Platz zu machen, und stieß heftig mit jemandem hinter ihm zusammen.

»Es tut mir leid«, murmelte er, aber seine Entschuldigung ging in einem Chor besorgter Mitgefühlsbekundungen für seine Person unter. »Mir fehlt nichts, wirklich«, begann er, doch dann entdeckte er einen älteren Mann mit einer langen Nase und scharfem, wachem Blick. »Thal!«, rief er, trat zu ihm und ergriff ihn rasch am Arm. Er zog ihn ein wenig aus der Hörweite der anderen. »Hast du ihn gefragt? Was hat er gesagt?«

Thal setzte zum Sprechen an, doch dann änderte sich der Ausdruck seiner Augen plötzlich. Im selben Moment drang Dereshadi-Gestank in Daryans Nase.

»Was soll er mich gefragt haben?« Sein Onkel stand hinter ihm. Er hatte die Asha-Roben bereits abgelegt und trug sein braunes Stallmeistergewand, in dem er schon mehr als fünfzig der stinkenden Tiere auf die Welt gebracht hatte. Seine Augen waren blutunterlaufen vom Rauch.

»Wir dachten …«, begann Daryan, aber er wurde sofort unterbrochen.

»Es war meine Idee, Shairav’Asha«, log Thal. »Diese Zeremonien sind so ermutigend für alle, und wir dachten, dass wir vielleicht auch für Harotha …«

»Daryan und ich haben bereits darüber gesprochen«, knurrte Shairav, wobei er nicht Thal, sondern Daryan ansah. Er beendete das Binden seiner Schärpe mit einem verärgerten Ruck. »Ich kann die Begräbnisriten nicht ohne eine Leiche vollziehen. Habt ihr ihre Leiche gefunden?«

Daryan knirschte mit den Zähnen. »Du weißt, dass wir sie nicht haben.«

»Eben.«

»Aber sie muss in einer der Grabstätten sein. Wir haben nur noch nicht die richtige gefunden. Wir suchen immer noch …«

»Das tut ihr seit fünf Monaten.« Shairav schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid. Ich kann nichts für euch tun.«

Ermutigt durch Thals Anwesenheit und die während ihrer Tätigkeiten immer wieder verstohlen zuschauenden und lauschenden Shadari, bat Daryan: »Du bist unser einziger Asha … der letzte Asha. Kannst du dir nicht etwas ausdenken? Ein neues Ritual? Wir bitten dich nicht, deine Kräfte zu benutzen, sondern nur, ein paar Gebete für sie zu sagen. Nach allem, was sie für uns getan hat …«

»Sie hat Ärger verursacht, das hat sie getan …«, begann Shairav heftig und hielt plötzlich inne.

Daryan blieb der Rest der Lektion erspart, weil Schritte im Korridor zu hören waren, die näher kamen. Die Shadari hielten inne und lauschten.

»Sie haben uns gefunden!«, rief jemand.

»Die Weiße Wölfin«, keuchte ein anderer.

Einen Augenblick später erkannte Daryan den Schopf röt­lichen Haares wieder, als eine ...

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