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Die zärtliche Rache des Millionärs

Prolog

„Sie ist es.“

Max Fortunes gemurmelte Worte gingen im Stimmengewirr der Party unter. Er bemerkte es nicht. Sein Blick hing wie gebannt an der Frau, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Seit dem Moment, als er den Wohnsitz seiner Verwandten in Dakota betreten hatte, konnte er die Augen nicht von ihr abwenden.

Ihre Körperhaltung, die Art, wie sie mit geneigtem Kopf der Unterhaltung der um sie stehenden Partygäste folgte, weckte in ihm längst vergessen geglaubte Gefühle. Als sie sich zur Seite drehte und er ihr Profil sah, durchzuckte ihn eine Schockwelle von Erinnerungen und Emotionen.

Es war tatsächlich Diana Fielding.

Sie war inzwischen zehn Jahre älter, aber ihre Stupsnase war unverkennbar, ebenso wie die tief ansetzenden Augenbrauen, die ihrem Gesicht eine Ernsthaftigkeit verliehen, die nicht zu ihrem hinreißenden Lächeln passen wollte. Auch den erstaunlichen Kontrast zwischen ihrem milchweißen Teint und dem schwarzen Haar hätte er immer und überall erkannt. Sie trug die Haare noch lang, mutmaßte er. Der Knoten am Hinterkopf, zu dem sie es aufgesteckt hatte, behinderte nicht den Blick auf ihren Schwanen­hals.

Es gab einmal eine Zeit, da hatte Max jeden Zentimeter der zarten Haut an diesem Hals mit Küssen bedeckt und auch jeden Zentimeter ihres hochgewachsenen schlanken Körpers.

Was, zur Hölle, hatte dieser Körper in South Dakota zu suchen?

Max war erst an diesem Nachmittag angekommen. Trotz der anstrengenden Flüge von seinem Wohnort in Australien über Neuseeland und Los Angeles hatte er die Einladung zu dieser Party ohne Zögern angenommen. Es war die perfekte Gelegenheit, um Nash Fortunes Familie kennenzulernen. Case, Creed, Eliza, Blake und Skylar, alle seine Cousins und Cousinen an einem Ort. Er schätzte diese Art von Effizienz. Außerdem kam ihm die Einladung von Nash und seiner Frau Patricia auch deshalb gelegen, weil Sioux Falls eine hervorragende Basis war, um von dort aus die Pferdezuchtbetriebe aufzusuchen, die auf seiner Liste standen.

Nun sah er sich allerdings mit der Erinnerung an den schlimmsten Moment in seinem Leben konfrontiert. Das war eine Zugabe, auf die er durchaus hätte verzichten können.

„Was ist los, Kumpel? Du siehst aus, als wärst du einem Gespenst begegnet.“

Max wandte den Kopf zur Seite und registrierte den eindringlichen Blick seines Freundes Zack Manning. Zack kam aus Neuseeland. Neben ihrer langjährigen Freundschaft waren sie auch durch eine geschäftliche Partnerschaft verbunden.

„Kein Gespenst“, erklärte er, zuckte betont gleichgültig mit den Schultern und schenkte seinem heftig hämmernden Herzen keine Beachtung. „Nur eine Frau, von der ich einmal geglaubt habe, sie zu kennen.“

Zack musterte das Objekt seiner Aufmerksamkeit und pfiff leise durch die Zähne. „Also, an diese Frau erinnerst du dich doch bestimmt.“

Max nickte abwesend. Wie hätte er sie je vergessen können?

„Sie sieht europäisch aus“, entschied Zack. „Wie eine russische Prinzessin.“

Natürlich war sie das nicht, aber sie kam aus einem vornehmen Elternhaus. Das verriet nicht zuletzt ihre durch Sprachunterricht geschulte gehobene Ausdrucksweise. Sie hatte es gehasst, wenn er sie darauf hinwies, und diesen Umstand heruntergespielt, bis er erwähnte, wie sexy er ihre Sprechweise fand. Von da an setzte sie ihre Sprache als Instrument der Verführung ein und war immer erfolgreich.

„Es sieht so aus, als würden wir der Prinzessin gleich vorgestellt werden“, sagte Zack.

Als Max den Blick wieder auf Diana und das Grüppchen von Menschen um sie richtete, spannte sich jeder Muskel in seinem Körper an. Neben ihr stand seine Cousine Eliza und winkte ihnen einladend zu. Jetzt hatte er eine Erklärung für Dianas Anwesenheit auf dieser Party. Eliza und sie waren seit der Collegezeit befreundet. Vermutlich hatte Eliza sie eingeladen. Er hätte sich eigentlich an diese Verbindung erinnern müssen, zumal sie indirekt zu seiner ersten Begegnung mit Diana geführt hatte.

Eliza winkte nun mit beiden Händen. Er konnte diese Aufforderung nicht länger ignorieren und auch nicht Zack, der ihm einen Ellenbogen in die Seite stieß.

„He, Fortune, was ist los? Ich habe noch nie erlebt, dass du zögerst, eine schöne Frau zu treffen.“

„Ich bin nicht hier, um Frauen zu treffen.“

„Das ist gut“, erwiderte sein Freund. „Denn bei deiner finsteren Miene rennen sie ohnehin alle schreiend davon.“

Max riss sich zusammen, das schuldete er seinen Gastgebern und den anderen Gästen. Er bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck und verscheuchte die düsteren Gedanken aus seinem Kopf. Darin hatte er über die Jahre hinweg, weiß Gott, genug Übung bekommen.

Zehn Jahre, sieben Monate und zwei Wochen, um genau zu sein.

Als Eliza ihn bei der Hand nahm und ihn in die kleine Gruppe zog, schaffte er sogar ein Lächeln. Es war ein wenig starr, aber immerhin.

„Case kennst du ja schon“, sagte seine Cousine und deutete auf den ältesten ihrer Brüder, dem er am Nachmittag bereits begegnet war. „Das ist seine Freundin Gina Reynolds. Und hier haben wir Diana Young.“

Nicht Diana Fielding. Nicht mehr.

„Hallo, Max.“

Beim Klang ihrer Stimme war sein Lächeln wie weggeblasen. Er erinnerte sich an ihre erste Begegnung und an den warmen Ausdruck in ihren graugrünen Augen. Und er erinnerte sich an das letzte Mal, als er sie gesehen hatte. An diesem Tag war er mit einem Diamantring in der Brusttasche nach New York gereist, um dann unentdeckt im Schatten alter Bäume zu beobachten, wie sie über einen mit Blüten bestreuten Gartenweg schritt. Zum Traualtar, vor dem ein anderer Mann auf sie wartete.

„Diana … Young, richtig?“

Er sah ihr an, wie verwirrt sie war, und bemerkte, wie sehr seine kühle Nachfrage sie verletzte.

Doch das war nichts im Vergleich zu dem Dolch, den sie ihm zehn Jahre zuvor in den Rücken gestoßen hatte. Sie hatte ihn verraten und ihm das Herz gebrochen. Jedenfalls hatte er das damals so empfunden. Später hatte er sich eingeredet, dass er nur unter verletzter Eitelkeit litt und dass sie lediglich an seinem männlichen Ego gekratzt und seine Pläne durchkreuzt hatte. Diese Wunde sollte eigentlich nicht mehr schmerzen.

Das tut sie auch nicht, versuchte er, sich selbst zu überzeugen.

Es war nur der Schock, ihr so gänzlich unerwartet zu begegnen. Ihr Anblick hatte ihn getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Er bemerkte, dass Eliza, Case und Gina ihn neugierig musterten, aber es war ihm unmöglich, die höfliche Fassade um der Etikette willen aufrechtzuerhalten. Auf keinen Fall konnte er sich jetzt über Belanglosigkeiten unterhalten, ebenso wenig war er in der Stimmung, seine frühere Beziehung zu Diana Fielding-Young zu erklären.

„Wenn ihr mich entschuldigen wollt, ich möchte Patricia und Nash begrüßen. Ich habe die beiden noch gar nicht gesehen.“ Ihm war klar, wie steif seine Worte sich anhörten und er rang sich ein Lächeln für die Freundin von Case ab. „Es war nett, Sie kennenzulernen, Gina.“

Diana hatte er nichts zu sagen. Jedenfalls nichts, was man auf einer Party in höflichem Umgangston von sich geben konnte. Nach einem kurzen Nicken ging er weg.

1. KAPITEL

In den vergangenen zwei Wochen hatte Diana erfolglos versucht, einem Wirrwarr höchst unterschiedlicher Gefühle Herr zu werden. Sie war gleichermaßen enttäuscht, aufgeregt und verärgert. Außerdem bewegten sie noch ein Dutzend anderer Emotionen, die zu kompliziert und verwirrend waren, als dass sie sie genau benennen konnte.

Als sie nun den überdachten Gang vor dem Stallgebäude entlangging, das Skylars Pferde beherbergte, hätte sie dennoch irgendeines dieser Gefühle dem vorgezogen, was sie gerade empfand. Sie war so nervös und angespannt, dass es ihr vorkam, als würde ihr Nervenkostüm vibrieren.

Wenigstens passe ich damit an diesen Ort, dachte sie selbstironisch. In den Boxen des Stalls standen ausnahmslos hochgezüchtete Vollblutpferde, die unter gewissen Umständen wohl ähnliche Nervenbündel waren wie sie selbst in diesem Moment.

Für ihren bewegten Gemütszustand konnte Diana weder ihre Angst vor Pferden noch den Anlass für ihren frühmorgendlichen Besuch des Familienanwesens der Fortunes verantwortlich machen, obwohl es schon ziemlich aufregend war, dass sie gleich ihre ersten Auftragsfotos schießen würde.

Für ihre bloßliegenden Nerven gab es jedoch einen anderen Grund. Immerhin lief sie Gefahr, ihm zu begegnen, Max Fortune, der sich in Ställen ebenso zu Hause fühlte wie in seinem eigenen Wohnzimmer.

Es gefiel ihr überhaupt nicht, dass seine zurückweisende Reaktion auf der Party vor zwei Wochen einen solchen Ansturm von bestürzenden Emotionen bei ihr ausgelöst hatte. Seit sie Max dort getroffen hatte, schien sie nicht mehr sie selbst zu sein. Hatte er sie nicht erkannt? Erinnerte er sich nicht an sie? Oder hatte er sich deshalb so abrupt von ihr abgewandt, weil er ihre gemeinsame Vergangenheit nicht zur Sprache bringen wollte?

Es hatte nicht viel genützt, dass sie sich ständig davor warnte, so viel Energie an eine längst verflossene Affäre zu verschwenden. Seit drei Jahren war sie nun Witwe und hatte endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Nach ihrem Umzug nach Sioux Falls war es ihr gelungen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Seit Kurzem war sie sogar in der Galerie ihres Mentors angestellt.

Endlich hatte sie ein gewisses seelisches Gleichgewicht und Zufriedenheit erlangt. Eine Naturgewalt wie Max Fortune war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.

Während der Fahrt von Sioux Falls zum Anwesen der Fortunes hatte sie sich das immer wieder vorgebetet. Der anstehende Auftrag war für ihre Bestrebungen entscheidend, deshalb war es gerade heute besonders wichtig, konzentriert und zielgerichtet zu sein. Sie durfte sich auf keinen Fall ablenken lassen.

So sehr sie sich auch zusammenzureißen versuchte, es war sinnlos. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie das Geräusch sich nähernder Hufschläge auf dem alten Kopfsteinpflaster hörte. Sie blickte über die Schulter, um den vierbeinigen Ankömmling in Augenschein zu nehmen. Das Pferd wurde von Skylar geführt. Diana atmete erleichtert auf und schickte ein stilles Dankesgebet zum Himmel. Lächelnd beobachtete sie, wie das jüngste von Nash Fortunes fünf Kindern abrupt stehen blieb.

„Oh, Diana. Du bist schon da. Es ist noch viel zu früh“, stellte Skylar fest und runzelte die Stirn.

„Ich weiß“, erwiderte sie und senkte schuldbewusst den Kopf. Sie hatte sich gedacht, dass es wahrscheinlich besser wäre, zu ihrem ersten Auftrag zu früh zu erscheinen als zu spät. „Ich kann warten, bis du fertig bist. Du musst dich meinetwegen nicht abhetzen.“

„Ist schon in Ordnung. Ich bin ziemlich sicher, dass Max dein Model bereits auf Hochglanz gestriegelt und für die Kamera vorbereitet hat.“

Das ungeduldige Pferd neben Skylar stampfte energisch mit den Hufen. Diana trat vorsichtshalber einen Schritt zurück. Ihr Herz hämmerte wie wild, aber daran war nicht die Unmutsäußerung des stattlichen Tieres schuld. „Max?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.

„Max Fortune. Unser australischer Cousin. Hast du ihn nicht auf der Party neulich getroffen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr Skylar fort: „Dann lernst du ihn eben jetzt kennen. Max und sein Freund Zack Manning wollen in Australien ein Gestüt aufbauen. Sie sind hier, um sich Pferdezuchtbetriebe anzusehen und Pferde zu kaufen. Dein Model ist eine seiner Neuerwerbungen, eine echte Schönheit. Er hat sie letzte Woche in Kentucky gekauft.“

„Willst du damit sagen, dass ich Fotos von Max Fortunes Pferd machen soll?“ Diana schloss kurz die Augen und wünschte, sie könnte ihre Worte zurücknehmen. Nicht die Frage an sich, aber Skylar hatte ihr den Auftrag erteilt, ohne dabei einen dritten Beteiligten zu erwähnen. Die Frage war also berechtigt, jedoch nicht der entsetzte Tonfall, in dem sie sie gestellt hatte.

Zwischen Skylars Augenbrauen entstand eine tiefe Falte. „Ich hatte keine Ahnung, dass das für dich ein Problem ist.“

„Oh, es ist kein Problem. Wirklich nicht“, log Diana.

„Bist du sicher? Du hast den Namen des armen Max ausgesprochen, als wolltest du gleich auf ihn schießen, und zwar nicht mit der Kamera.“

Genau das hatte sie befürchtet. Ein absolut unprofessioneller Start bei ihrem ersten Auftrag. Dabei hatte Skylar ihr ein großes Kompliment damit gemacht, sie zu engagieren, statt sich an einen Spezialisten für Pferdeaufnahmen zu wenden.

„Wäre es dir lieber, wenn ich jemand anderen beauftrage?“

„Oh nein. Das ist nicht nötig“, erklärte Diana schnell. Sie stand schließlich als Fotografin hier und nicht als Frau, die verletzt war wegen einer weit zurückliegenden Affäre oder einer kürzlich erlittenen Zurückweisung. Sie würde es schon schaffen. Sie konnte höflich, sachlich und sogar freundlich sein. „Ich bin hier, um auf alles zu schießen, worauf du deutest. Und ich meine nur mit der Kamera.“

„Wirklich?“

Diana setzte ein Lächeln auf, das Skylar hoffentlich als zuversichtlich interpretieren würde. „Ja, auf jeden Fall. Also, wo finde ich deinen australischen Cousin?“

Diana folgte der Beschreibung ihrer Freundin, verließ den überdachten Gang und ging zu einem der beiden Flügel, die im Zuge des Ausbaus von Skylars Unternehmen den ursprünglichen Stallungen hinzugefügt worden waren. Das große u-förmige Gebäude war kaum noch als Stall zu bezeichnen, vielmehr als luxuriöse Unterkunft für die vierbeinigen Kostbarkeiten, die Skylar hier züchtete. Eine Unterkunft, die peinlich sauber und im Gegensatz zum kalten Wintermorgen draußen behaglich warm war.

Diana befreite sich von ihren Handschuhen und lockerte ihren Schal. Sie war bereit, mit der Arbeit zu beginnen. Um ihren zitternden Händen etwas zu tun zu geben, rückte sie den Riemen der Fototasche auf ihrer Schulter zurecht, dann zwang sie ihre Füße zu einem energischen Schritt.

Eines hatte sie von ihrer berühmten Mutter gelernt: wie man souveräne Präsenz an den Tag legte, selbst wenn im Inneren ein Sturm tobte.

Bei der vorletzten Box blieb sie stehen und nahm eine bestens einstudierte selbstsichere Pose ein. Alles, was sie über der Halbtür sehen konnte, war der Schweifansatz eines großen Pferdes. Das war wohl die Schönheit aus Kentucky, obwohl sie sich im Moment nicht gerade von ihrer Schokoladenseite präsentierte.

Zuerst glaubte sie, das Tier sei allein in der Box, dann hörte sie jedoch seine Stimme. Er sprach zu leise, als dass sie die Worte hätte verstehen können, aber sie erkannte den tiefen, sonoren Klang.

Ihr Körper schien ihn ebenfalls zu erkennen. Nicht von den Tagen, die sie mit Max in seinen Ställen verbracht hatte, sondern von den Nächten in seinem Bett. Er erwachte zum Leben und befand sich in hellem Aufruhr, ohne dass sie irgendetwas dagegen unternehmen konnte.

Ein hämmerndes Herz, weiche Knie und prickelnde Haut konnte sie im Augenblick überhaupt nicht gebrauchen. Das Rascheln von Stroh verriet ihr, dass Max sich auf der anderen Seites des Pferdes auf sie zubewegte.

Als er in ihr Sichtfeld kam, trat sie einen Schritt zurück und holte tief Atem. Er sah genauso aus wie der Max, den sie so lange vergeblich zu vergessen versucht hatte.

In der Westernjacke und dem breitkrempigen Hut wirkte er wie ein waschechter Cowboy. Früher fand er es immer sehr amüsant, wenn sie diesen Ausdruck gebrauchte. In Australien sagte man nicht Cowboy, sondern Cattleman. Max arbeitete in den Viehzuchtbetrieben seiner Familie, verbrachte aber auch viel Zeit hinter dem Schreibtisch, um die Verwaltung dieser Betriebe zu organisieren.

Jedenfalls war das damals so gewesen.

Max Fortune trug zwar wie früher einen Hut, der seine grünen Augen beschattete, und sein Haar war immer noch so lang, dass es unter dem Hutrand hervorschaute, doch ansonsten konnte sich in zehn Jahren viel geändert haben.

Bei ihr zumindest hatte es das getan, allerdings nicht ihre heftige Reaktion auf diesen Mann.

Alles in ihr vibrierte, hämmerte und erhitzte sich, während sie beobachtete, wie er die Hand zärtlich über das glänzende Fell des Pferdes gleiten ließ.

„Du wirst es gut bei mir haben, Süße“, raunte er der Stute leise zu.

Diana verspürte ein Ziehen im Bauch, als er auf die Halbtür zukam. Sie erhaschte einen Blick auf sein hinreißendes Lächeln und hatte das Gefühl, ihr Magen befände sich im freien Fall.

Das war nicht der grimmige Fremde, den sie auf der Party getroffen hatte. Dieser Max war der Liebhaber, an den sie sich erinnerte, ein Mann, dessen Lächeln ihr weiche Knie verursachte, der immer zu Scherzen aufgelegt war und gern und oft lachte.

Bei ihrem Anblick verschwand sein Lächeln jedoch wie weggewischt und sein Gesichtsausdruck wurde so eisig wie ein Wintertag in Dakota.

Diana widerstand der Versuchung, schützend die Arme um sich zu legen und ihren Schal wieder zuzubinden. Angestrengt suchte sie nach einer passenden Eröffnung, aber alles, was ihr einfiel, war die Begrüßung, die sie auch schon vor zwei Wochen auf der Party benutzt hatte. „Hallo, Max.“

„Diana.“

Das war alles. Kein „Hallo“, kein „Guten Morgen“. Nur ihr Name in einem fast beleidigend gleichgültigen Tonfall.

Diese Begrüßung beantwortete aber eine ihrer Fragen, er erkannte sie sehr wohl. Sie hatte sich sein unfreundliches Benehmen auf der Party also nicht eingebildet. Diese Erkenntnis tat weh, allerdings war er nun mal ihr Kunde. Sie musste das alles vergessen und sich auf ihren Auftrag konzentrieren.

„Ist das die Stute, die ich fotografieren soll?“, fragte sie sachlich.

Du bist die Pferdefotografin?“

War das denn so schwer zu glauben? Diana verbiss sich eine schnippische Erwiderung. Die Antwort auf ihre ungestellte Frage stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Damals schon hatte er sie damit geneckt, dass sie einen geisteswissenschaftlichen Universitätsabschluss hatte. Er hatte sich über ihren von der feinen Gesellschaft geprägten Lebensstil lustig gemacht, ebenso darüber, dass in ihrem Lebenslauf keinerlei berufliche Erfahrung auftauchte. Jetzt hatte sie die Gelegenheit, ihm zu beweisen, dass sie sehr wohl in der Lage war, etwas von praktischem Nutzen zu tun, und das auch noch tadellos.

„Deshalb bin ich hier“, erklärte sie knapp und öffnete ihre Fototasche.

„Tatsächlich?“

Beunruhigt durch seinen skeptischen Ton sah sie auf und bemerkte seinen eindringlichen Blick, mit dem er sie von Kopf bis Fuß musterte. „Welchen Grund sollte meine Anwesenheit sonst haben?“

„Keine Ahnung. Soweit ich mich erinnere, hast du eine Höllenangst vor Pferden.“

„Das ist lange her, Max. Ich bin nicht mehr das Mädchen von damals.“

Sein Gesichtsausdruck änderte sich. Diana befürchtete schon, er würde eine Bemerkung über die Vergangenheit machen oder über die vielen Stunden, die er damit verbracht hatte, die ängstliche New Yorkerin dazu zu überreden, in den Sattel eines seiner Pferde zu steigen.

Vielleicht hatte sie seine Miene falsch gedeutet, denn er sagte kein Wort über ihre gemeinsame Geschichte. Stattdessen lenkte er das Gespräch auf die gegenwärtige Situation.

„Du siehst nicht aus, als ob du gekommen wärst, um mit Pferden zu arbeiten“, stellte er fest. „Du trägst einen Rock.“

Sie runzelte die Stirn und blickte an sich herab. Hatte sie etwa gegen die ungeschriebene Kleiderordnung für Pferdefotografen verstoßen? Ja, sie trug tatsächlich einen Rock, aber es war ein konservativer Glockenrock, und dazu einen Strickpullover und Stiefel mit flachen Absätzen. In diesem Outfit konnte sie gleich im Anschluss zu dem Treffen des Wohlfahrtsausschusses gehen, für den Eliza sie eingespannt hatte, ohne vorher nach Hause fahren und sich umziehen zu müssen.

„Soweit ich es verstanden habe, ist Skylar meine Auftraggeberin“, sagte sie kühl, aber höflich. „Ich soll ein Pferd fotografieren. Sie hat nicht erwähnt, dass es dir gehört. Glaub mir, ich bin genauso überrascht wie du, doch ich bin bereit, den Auftrag zu erledigen. Falls es wegen einer bestimmten Perspektive erforderlich ist, mich zu verrenken oder schmutzig zu machen, musst du es nur sagen. Skylar leiht mir sicher ein Paar Jeans.“

In seinem Gesicht zuckte ein Muskel, er erhob jedoch keine weiteren Einwände. Diana beschloss, das als gutes Zeichen zu nehmen, aber nur deshalb, weil dieser Auftrag viel zu wichtig war, als dass sie ihn leichtfertig hätte ablehnen können. Sie setzte all ihre Energie und Leidenschaft daran, sich einen Namen als Fotografin zu machen. Seit langer Zeit hatte sie zum ersten Mal wieder ein Ziel vor Augen. Der Anfang ihrer Traumkarriere schloss leider die Zusammenarbeit mit einem Mann ein, der zuletzt eine ähnliche Leidenschaft bei ihr ausgelöst hatte. Grausame Ironie des Schicksals. Sie würde sich von diesem Streich, den ihr das Leben spielte, jedoch nicht von der Verwirklichung ihrer Pläne abhalten lassen. Am Morgen war sie beseelt von dem Gedanken aufgebrochen, vor sich selbst zu bestehen. In den letzten fünf Minuten hatte sich das geändert, jetzt war es ebenso wichtig, vor Max zu bestehen.

Sie nickte kurz und deutete auf das Pferd, das hinter ihm stand und genüsslich Heu kaute. „Das ist also der Auftrag.“

„Genau.“

Sie sah Max in die Augen und glaubte, dort eine gewisse Akzeptanz ihrer neuen Rolle zu erkennen, zwar zögernd und widerwillig, aber immerhin, daher gestattete sie sich erleichtert ein dezentes Aufatmen. „Dann lass uns darüber sprechen, welche Art von Fotos dir vorschwebt.“

„Was schlägst du vor?“, fragte er. „Du bist hier die Expertin.“

Dies war ein Test, so viel war ihr klar. Max Fortune wusste immer ganz genau, was er wollte. Das hatte sie gleich bei ihrer ersten Begegnung erfahren. In jener Nacht hatte er beschlossen, dass er sie in seinem Bett wollte. Damals war er der Experte gewesen, heute war sie an der Reihe.

Als ihr bewusst wurde, welcher Herausforderung sie sich stellen musste, zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. Sie hatte schon einmal Pferde fotografiert, die von Skylar, um genau zu sein. Dabei hatte es sich um eine Aufgabe aus ihrem Fotokurs gehandelt. Sie hatte viele Stunden damit zugebracht, vor einer Gruppe von Fohlen auf dem Koppelzaun zu hocken oder bäuchlings auf der gefrorenen Weide zu liegen. Nur auf diese Art war es möglich gewesen, die vor Leben sprühenden, verspielten Jungtiere abzulichten und gleichzeitig die einzigartige Persönlichkeit jedes Tieres einzufangen.

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