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Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle

Über den Autor

Arto Paasilinna, 1942 in Kittilä/Lappland geboren, ist Journalist und einer der populärsten Schriftsteller Finnlands. Für seine Bücher wurde er mit einer Reihe von Literaturpreisen ausgezeichnet. Inzwischen hat er rund vierzig Romane mit großem Erfolg veröffentlicht. Arto Paasilinna hat weltweit eine große Fangemeinde.

ARTO PAASILINNA

DIE WUNDERSAME REISE EINER FINNISCHEN GEBETSMÜHLE

Roman

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Am Horizont des in Nebel getauchten Inselarchipels konnte man undeutlich eine seltsame Boje ausmachen, die nicht auf der Seekarte verzeichnet war. Über ihr schwebte kreischend ein Schwarm neugieriger Möwen. Für ein Seezeichen war das Gebilde allerdings zu kompakt und zu kurz, wie ein stumpfer Brocken ragte es aus einer Untiefe im Meer empor. Und so entpuppte es sich aus der Nähe betrachtet denn auch als Mensch. Tatsächlich stand dort ein Mann bis zur Taille im windstillen Meer. Ab und zu entrangen sich seiner Kehle dumpfe Hilferufe, die niemand hörte.

Der Mann im Meer war Entwicklungschef in einer Immobilienfirma und hieß Lauri Lonkonen. Er trug einen durchnässten hellgrauen Sommeranzug, eine blaue Seidenkrawatte und in der Brusttasche ein gleichfarbiges Einstecktuch. Er war kräftig gebaut und um die vierzig. Der Mann versuchte, die Möwen, die ihn bedrängten, zu verscheuchen. Von Zeit zu Zeit landete eines der Tiere frech auf seinem Kopf, um sich die Federn zu putzen und anschließend in seinem Haar einen Klacks zu hinterlassen.

Lauri Lonkonen balancierte vorsichtig auf dem Felsen, der unter dem Wasser aufragte. Dessen mit Algen bedeckte Oberfläche war so glatt, dass er keinen Schritt zu machen wagte aus Angst, er könnte ins Meer stürzen. Und Lauri wusste, dass das nichts Gutes zur Folge hätte. Zurzeit, Anfang Juni, blieben die Abende lange hell, aber das Meerwasser war kalt, die Bedingungen schwierig. Wegen des Nebels konnte man weder eine der Inseln noch das Festland sehen. So blieb Lauri nur die Hoffnung, dass das Wetter aufklarte, dennoch schickte er auch ein hilfloses Stoßgebet zum Himmel: Möge das ruhige Wetter anhalten und kein Seegang aufkommen. Die gelegentlich von fern her eintreffende, lautlose Dünung durchnässte seine ohnehin feuchte Kleidung schon jetzt bis zu den Schultern, manchmal sogar bis zum Kinn. Lauri sagte sich, dass nun also das Ende seines Lebens ganz nahe wäre. Es würde ein einsamer Tod durch Ertrinken im offenen Meer sein. Die rabiaten Möwen machten ihm mit ihrer Anwesenheit sein schweres Schicksal auch nicht leichter.

Lauri Lonkonen nahm sich vor, nicht klein beizugeben. Er hatte Familie – eine einigermaßen nette Ehefrau und zwei heranwachsende Söhne, die er in dieser harten Welt noch nicht sich selbst überlassen konnte. Lauri hatte von Beginn an nach besten Kräften für sie gesorgt. Er war ein anständiger Mann, wohnte in Espoo und kümmerte sich mit Freuden um den kleinen Vorgarten seines Reihenhauses und die vielen Hobbys seiner Familie. Lauri war auch kein besonders eifriger Trinker, nein, obwohl er im Laufe seines Berufslebens sogar zeitweise als Journalist gearbeitet hatte. Und soeben hatte sich ihm wieder eine neue Lebensphase eröffnet, denn seine Arbeit als Entwicklungschef in der Immobilienfirma war am Vortag zu Ende gegangen. Genau deshalb stand Lauri Lonkonen mit klatschnassem Ausgehanzug im frühjahrskalten Meer. Eigentlich war es geradezu ein Wunder, dass nicht längst sein Leichnam im Finnischen Meerbusen umhertrieb oder, auch das hätte passieren können, geradewegs auf den Meeresgrund gesunken war, denn Lauri war vor ein paar Stunden von der Leiter eines Swimmingpools auf einem schnellen Ausflugsboot ins Wasser gefallen. Auf der Welt passieren bedauerlich oft Unglücksfälle, große und kleine, das nimmt nie ein Ende.

Lauri hatte an einer Klausurtagung seiner Firma teilgenommen, die im Kasino von Hanko stattgefunden hatte. Die zwanzig Mitarbeiter der Immobilienfirma Wohnwelt waren mit einem Charterbus von Helsinki nach Hanko chauffiert worden, dort hatten sie sich zurückgezogen, um über die weiteren Entwicklungen in der Firma und die daraus resultierenden Herausforderungen zu beraten. Man hatte sachlich diskutiert und sich für die Firma ins Zeug gelegt. Lauri Lonkonen hatte einen gut vorbereiteten Vortrag gehalten und neue Ideen präsentiert, deren Verwirklichung der kleinen Immobilienfirma auf dem umkämpften Wohnungsmarkt zum Aufstieg in die obere Mittelklasse verhelfen sollten. Ihm schwebte vor, für die Kunden eine ganz eigene Lebensphilosophie zu entwickeln, bei der es nicht mehr nur ums bloße Wohnen in trockenen Räumen gehen sollte. Der Mensch sollte sich ein Nest schaffen können, dieses nach seinem eigenen Geschmack und dem seiner Familie einrichten und gleichsam in der Wohnung leben, als wäre sie ein Pyjama, den man zur Nacht überstreift. Die Wohnung würde dann über ihn ebenso viel aussagen wie ein Kleiderensemble samt Schmuck und Accessoires über seinen Träger.

Die anderen Chefs und die Mitarbeiter der Immobilienfirma hatten nicht recht begriffen, was das Neue an der Botschaft des Entwicklungschefs sein sollte. Hatten die Leute nicht auch bisher ihre Wohnungen nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet? Sollten sie künftig so etwas wie Wohnfreaks werden? Und wie sollte ein derartiges Verhalten den Wert einer Immobilie steigern können?  

Lauri Lonkonen hatte versucht zu erklären: Sollte das modebewusste Wohnen um sich greifen, würden die Leute häufiger ihre Wohnung wechseln, was natürlich auch den Umsatz steigern würde. Einiges deutete bereits auf eine solche Entwicklung hin, auch wenn man bislang noch nicht direkt von Modetrends im Bereich des Wohnens sprechen könne. In Zukunft könnte es aber durchaus normal werden, dass der Mensch seine Wohnung wechseln würde wie seine Kleidung, oder eher noch wie sein Auto. Wenn der fahrbare Untersatz altert und das Modell aus der Mode kommt, dann beginnt die Karosserie zu rosten, und es fallen Reparaturen an. Der Besitzer fackelt nicht lange und marschiert ins Autohaus, um seine alte Schrottkiste gegen einen neuen Wagen einzutauschen. So ähnlich sollten die Leute auch im Hinblick auf Immobilien handeln. Die alte Bude endlos zu renovieren entsprach nicht mehr dem Zeitgeist. Das brachte nur eine Menge Kosten mit sich, und das Ergebnis war nicht immer befriedigend und schon gar nicht besonders chic. Dauernd dieselben alten Wände und der ungünstige Grundriss. In einem neuen Zuhause hingegen hätten die Leute reichlich Gelegenheit, modischen Trends zu folgen, und nebenbei würden sie ihr überschüssiges Geld in die Kassen der Immobilienfirma schaufeln.

Lauri Lonkonen bezeichnete seine Gedanken als neue »Wohnidee«, glaubte aber, einen griffigeren und ansprechenderen Slogan entwickeln zu können, sofern man ihm genügend Zeit gab und ihm die nötigen Mittel garantierte, damit er an seiner Idee feilen konnte.

Der flotte Vortrag riss weder die Kollegen mit, noch konnte er Lauris Stellung als Entwicklungschef der Firma festigen.

Am zweiten Tag der Klausurtagung sprach ein externer Experte, ein Banker aus dem Nachbarland Schweden, und er berichtete davon, welch ausgezeichnete Erfahrungen man dort mit der Rekrutierung junger, aufstrebender Fachkräfte gemacht hatte. Mehrere Unternehmen hatten sämtliche Mitarbeiter über vierzig entlassen, ungeachtet ihrer fachlichen Qualifikationen und ihrer Arbeitsmoral, und dafür jüngere Leute eingestellt, manche erst zwanzig, die meisten um die dreißig. So hatte die Unternehmensleitung ein Überaltern der Belegschaft verhindern können. Tatsächlich nämlich waren Vierzigjährige auf dem besten Wege, einfach zu alt zu werden. Bald schon würden sie in Rente gehen, und was sollte dann aus der Firma werden, wenn man nicht rechtzeitig vorsorgte und jüngere Mitarbeiter engagierte?

Der Bericht wurde von den Chefs und besonders von den jungen Mitarbeitern der Wohnwelt begeistert aufgenommen. Die positiven Erfahrungen der Schweden betrachteten sie als Ansporn, diese Neuerung auch in der kleinen finnischen Immobilienfirma einzuführen.

Am Nachmittag legte Geschäftsführer Ralf Soininen beim Spaziergang im Park des Kasinos seinem Entwicklungschef nahe, ebenfalls über einen anderen Schonplatz nachzudenken. Lauri fragte, ob das als Kündigung zu verstehen sei, worauf der Geschäftsführer bestätigte, dass seine Äußerung durchaus so interpretiert werden konnte. Er versprach seinem Entwicklungschef bereitwillig ein halbes Jahr bezahlten Urlaub.

Lauri dachte über sein Alter nach. Er war in der Tat im Winter vierzig geworden, fühlte sich aber trotzdem weder ausgebrannt noch hatte er je einen Gedanken ans Rentnerdasein verschwendet.

Gegen Abend wurde die Klausurtagung mit einer unterhaltsamen Schiffstour beendet. Die Firma hatte ein geräumiges und schnelles Ausflugsschiff gemietet, das mit der Belegschaft eine Tour durch den Nationalpark Inselarchipel machen sollte. In der Kombüse hantierte ein Koch, der ein schmackhaftes Essen zubereitete. Auf beiden Decks wurde Sekt ausgeschenkt, außerdem nach Wunsch auch Wein oder Bier. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Auf der Tagung hatte man viel Neues und Interessantes erfahren, man hatte den Zusammenhalt, zumindest unter den jungen Mitarbeitern, gefestigt, hatte wunderbare Pläne für die Zukunft geschmiedet und überhaupt viele angenehme Eindrücke gewonnen.

Die allgemeine Ausgelassenheit erfasste freilich nicht jeden Teilnehmer. Lauri Lonkonen und ein paar andere ältere Mitarbeiter mochten in den Frohsinn der jüngeren Kollegen nicht einstimmen.

Lauri Lonkonen trank ein Glas Sekt und ging dann, erfüllt von trüben Gedanken, aufs Unterdeck und nach hinten zum Swimmingpool. Er schloss die Tür zum Salon, setzte sich auf die Leiter des Pools und lehnte sich ans Geländer, er war ganz allein. Ihm war zumute, als wäre er unschuldig zu einer harten Strafe, schlimmer noch als Gefängnis, verurteilt worden. Beschäftigungslos für den ganzen Rest seines Lebens. Dabei war er noch relativ jung, wie er fand.

Am späteren Abend, zur Zeit des Sonnenuntergangs, breitete sich unglaublich schöner Nebel auf dem Meer aus. Die Abendkühle ließ das Metallgeländer des Swimmingpools feucht werden. Auf dem oberen Deck vergnügte sich die übrige Gesellschaft lautstark, einige Teilnehmer gingen auf die Brücke und erkundigten sich beim Kapitän, wie viele Knoten das Schiff machte und wie schnell es beschleunigen konnte. Geschäftsführer Soininen bat um Erlaubnis, kurz die Leistung der Motoren erproben zu dürfen. Widerstrebend willigte der Kapitän ein, wies Soininen allerdings darauf hin, dass er abrupte Bewegungen vermeiden sollte, das Schiff verfügte über mehr als 400 PS.

Kaum hatte Soininen die Erlaubnis erhalten, setzte er sich auch schon auf den Platz des Steuermanns, er packte die Gashebel, zog sie kräftig zurück und erschrak selbst darüber, wie das Schiff vorwärtsschoss. Die Beschleunigung war so unglaublich vehement, dass Lauri Lonkonen, der unten am Swimmingpool saß, sofort vom glatten Aluminiumdeck ins Meer rutschte. Das Schiff brauste davon, bevor sich der Ärmste an der Leiter des Pools festhalten konnte. Die feiernden Kollegen hörten seine Hilferufe nicht, sie schrien selber lauthals im Rausch der Geschwindigkeit. Als der Kapitän das Schiff wieder übernahm, hatte es sich schon weit von Lauri Lonkonen entfernt, der inzwischen im Meer paddelte. Bald hüllte Nebel das Schiff ein. Lauri schwamm im kalten Wasser, allein und dem Tode nahe.

Der unglückliche und arbeitslose Entwicklungschef schwamm auf den feuerrot schimmernden nordwestlichen Horizont zu. Der Sonnenuntergang war unglaublich schön. Es war eine grausame Ironie des Schicksals, in einer so wunderbar schönen Meereslandschaft ertrinken zu müssen. Lauri sah im Geiste seine Frau und seine Kinder vor sich, auch seine Freunde, schließlich kamen ihm sogar fromme Gedanken. Denn die Situation war immerhin ernst genug, um dem lieben Gott womöglich bald Arbeit zu verschaffen.

2

Produktentwickler Kalle Homanen, 43, Privatunternehmer und Erfinder, war in seinem Laboratorium mit der Verwirklichung seiner neuesten Ideen beschäftigt. Für die Arbeit nutzte er zwei Räume im Keller eines Mehrfamilienhauses in Martinlaakso. Er selbst wohnte in einem kleinen Zweizimmerappartement in Espoo. Homanen hatte eine Frau und drei Kinder, Letztere hatten bereits das Elternhaus verlassen, die beiden Töchter studierten, der Sohn war bei der Armee.

Kalle Homanen war eng mit Lauri Lonkonen befreundet. Die beiden Männer kannten sich von der Armee, also seit zwanzig Jahren. Beide hatten zur selben Zeit ihren Wehrdienst in Hiukkavaara bei Oulu, in der Schützenkompanie der nördlichen Brigade, abgeleistet. Bei ihrer ersten Begegnung wären fast die Fäuste geflogen, denn beide hatten das obere Bett in der Rekrutenstube für sich beansprucht. Es war jedoch nicht zur Schlägerei gekommen, denn der aus Rauma stammende Zugführer, Feldwebel Rannikko, hatte im schönsten Dialekt seiner Heimat erklärt:

»Sie da liegen erst mal oben, und Sie da nehmen die untere Koje.«

Lauri bekam das obere Bett, und Kalle musste nach unten. Als sie beklagten, dass sie die Befehle des Feldwebels nicht verstehen würden, wies er sie an, in die Buchhandlung zu gehen, sich das Werk von Hj. Nortamo mit Volksweisheiten aus Rauma zu kaufen und diese auswendig zu lernen. Andernfalls bekämen sie zwei Wochen Ausgehverbot und müssten außerdem jeden Abend den Fußboden im Hauptflur der Kompanie bohnern.

Lauri und Kalle wurden also mit dem speziellen Dialekt von Rauma bestens vertraut. Während sie den Wortschatz paukten, wurden sie gute Freunde. Am Ende kamen sie auf die Idee, selber den Dialekt zu benutzen, und zwar immer dann, wenn die anderen Rekruten oder sonstige Außenstehende nichts von ihrem Gespräch verstehen sollten. Die Sprachkenntnisse waren ihnen vor allem im Tanzlokal nützlich, wenn sie verbotenerweise den Kauf von Schnaps planten oder sich darüber austauschten, wer welches Mädchen nach Hause bringen sollte. Nachdem sie den Dialekt erst einmal beherrschten, kamen sie auch mit dem cholerischen Feldwebel besser aus. Später wurde er als Ausbilder in den Flottenstützpunkt Turku versetzt, und beim Abschied schloss er sogar Brüderschaft mit Lauri und Kalle.

Lauri hatte Kalle zu den günstigen Arbeitsräumen in Martinlaakso verholfen, und Kalle seinerseits hatte die veralteten Skontosysteme der Wohnwelt modernisiert. Lauri hatte seinem Freund außerdem beim Aufsetzen der komplizierten Patent- und Modellschutzanträge geholfen. Beide waren zudem Mitglieder in der bibliophilen Gesellschaft Finnlands.

Kalles Arbeitsräume erinnerten eher an eine Metallwerkstatt als an ein steriles Laboratorium. Im größeren Raum standen diverse Arbeitsgeräte: ein Schraubstock, eine Drehbank, eine Bohrmaschine, eine Hobelbank und einiges mehr. In der Mitte prangten zwei riesige Tische, bedeckt mit großen Zeichnungen, den Entwürfen des Erfinders. Im kleineren Raum befanden sich ein Kühlschrank und eine Sitzecke sowie die Bibliothek und der Computer. Hoch oben, fast unter der Decke, waren ein paar schmale Fenster, durch die Kalle hinausschauen konnte, um zu prüfen, ob es draußen regnete oder nicht. Die Arbeitsbeleuchtung bestand aus Neonröhren.

Kalle hatte den ganzen Tag fieberhaft gearbeitet, und es war schon später Abend, aber er machte noch keine Anstalten, nach Hause zu gehen. Seine Frau Anita hatte vorhin kurz hineingeschaut und ihm ein paar Piroggen gebracht, die mit Schinken und Lachs belegt waren. Er hatte Tee gekocht, und sie hatten sich über alles Mögliche unterhalten.

Anita hatte dickes braunes Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel. Sie war eine schmucke Person und sich dessen durchaus bewusst. Oft äußerte sie Bedauern, dass sie nach dem Abitur nicht studiert hatte, denn sie besaß, zumindest ihrer eigenen Meinung nach, ausgezeichnete Voraussetzungen für hohe und anspruchsvolle Posten. An der Seite von Kalle und als Mutter dreier Kinder sowie bei zweitrangiger Büroarbeit war ihr Leben ziemlich eintönig gewesen, und ihre angeborenen Fähigkeiten waren nicht recht zur Geltung gekommen. Allerdings war Kalle ein durchaus akzeptabler Ehemann und auch keineswegs dumm.

Die studierenden Töchter des Ehepaares hatten bereits Sommerferien, beide hatten einen Ferienjob angenommen. Ihr Studium verlief bestens. Der Sohn würde zum Wochenende auf Urlaub kommen. Kalles Frau fand, dass die Mädchen zum Sommer ein Auto brauchten, und Kalle versprach, ihnen sein altes zu überlassen. Er würde sich ein neues kaufen.

Kalle Homanen hatte seinerzeit keine fachliche Ausbildung erworben, er war kein Ingenieur, nicht mal Techniker. Trotzdem hatte er sich mithilfe von Fachliteratur ein umfangreiches technisches Wissen angeeignet – im Grunde genommen entsprachen seine Kenntnisse, vor allem aber seine praktischen Erfahrungen, mindestens denen, die ein Ingenieursstudium vermittelt. Kalle hatte in vielen Metallwerkstätten und -fabriken gearbeitet und im Laufe seines Lebens unzählige Erfindungen gemacht, von denen etliche patentiert worden waren. Den größten Teil seines jetzigen Einkommens bildeten somit auch die Vergütungen aus seinen Patenten.

Im Keller des Martinlaaksoer Mehrfamilienhauses hatte es Ratten gegeben, aber Kalle hatte ihnen mit einem hinterhältigen Apparat den Garaus gemacht. Das Gerät bestand aus einer Blechkiste von der Größe eines Koffers und einem ausgeklügelten Locksystem, dem die Tiere nicht widerstehen konnten. Auch diese Rattenfalle war patentiert worden, und die Produktionsrechte hatten, vor allem aus China und Japan, hübsche Summen auf Kalles Konto gespült, insgesamt mehr als vierzigtausend Euro. Als Erinnerung an die Ratten des Hauses gab es in der Ecke des Arbeitsraumes einen großen Vogelkäfig mit einem Hamsterrad darin, das von einer fahlgrauen Rattengreisin angetrieben wurde. Als Anita ihren Besuch beendet hatte und wieder gegangen war, fütterte Kalle das Tier mit Piroggenkrümeln. Er gab ihm auch Wasser, und, derart gestärkt, flitzte die Ratte eine gute halbe Stunde im Hamsterrad herum.

Kalle Homanen hatte allerdings gerade im Moment Interessanteres vor, als sich mit seiner alten Ratte zu beschäftigen. Er hatte eine, wie er fand, revolutionäre Methode entwickelt, mit der sich die Luftwirbel eliminieren ließen, die die großen Düsenflugzeuge verursachten und die beim Starten und Landen die Flugsicherheit auf den stark frequentierten internationalen Airports gefährdeten. Heutzutage war der Flugverkehr so lebhaft, und die Maschinen stiegen in so kurzen Abständen auf, dass der Sog einer startenden Maschine sofort durch einen neuen verstärkt wurde. Die enormen Luftwirbel, die die Düsenmotoren hinter sich erzeugten, schädigten unter Umständen die nachfolgenden Maschinen. Im schlimmsten Falle konnte es dazu kommen, dass sie nicht mehr zu steuern waren und sogar abstürzten.

Kalle Homanen hatte lange über das Problem nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass es nützlich wäre, hinten an den Düsenmotoren regulierbare Querblätter aus Aluminium anzubringen, mit deren Hilfe sich die Luftwirbel jeweils nach den Seiten oder, alternativ, nach oben oder unten lenken ließen. So bräuchten sich die nachfolgenden Maschinen nicht mehr vor den starken und gefährlichen Wirbeln in Acht zu nehmen. Kalle hatte berechnet, dass die Querblätter nicht sehr groß zu sein brauchten, denn wichtiger als ihre Größe wäre die richtige Anbringung am hinteren Teil der Motoren. Sobald die Maschine ihre normale Reiseflughöhe erreicht hätte, könnten die Blätter für die Dauer des Fluges eingeklappt, in Ruhestellung gebracht werden, damit keine Bremswirkung von ihnen ausginge.

Das war eine grandiose Idee, die nach dem Entwurf eines Patentantrags oder zumindest nach Ideenschutz für die Planungsphase verlangte. Und da wäre wieder Kumpel Lauri gefragt. Schade nur, dass Lauri Entwicklungschef in der Immobilienfirma war. Kalle hätte sich gewünscht, dass sie sich zusammentun und eine gemeinsame Entwicklungsfirma gründen würden, die die Patente für seine Erfindungen besorgte und die Produkte weltweit vermarktete.

Außer den Wirbelverteilern für Düsenmaschinen hatte Kalle eine ganze Reihe weiterer faszinierender Ideen entwickelt. Zurzeit bastelte er an einer viersprachigen Gebetsmühle, eine Erfindung, die besonders in der dritten Welt auf Interesse stoßen würde. Die moderne Gebetsmühle wäre eine Art sprechender und Rat gebender Talisman, oder besser noch ein mechanischer Freund, der sich um die religiösen und gegebenenfalls auch um die anderen Probleme seines Besitzers kümmern würde. Die Mühle würde ihm sagen, wie er in schwierigen Situationen handeln und zu welchem Gott er beten sollte, welchen Göttern er wiederum lieber nicht vertrauen und wie er sich vor betrügerischen Sekten hüten könnte. In der Gebetsmühle ließen sich mithilfe der modernen Technik bis zu einer Million Alternativen unterbringen, aus denen das Gerät dann selbstständig jene wählen würde, die am besten zur jeweiligen Situation passte. Das Gerät wäre also eine Art Mittelsmann der Gottheit, ein Interpret zwischen Weltlichkeit und Religion. Kalle schätzte, dass die Gebetsmühle, wenn sie eines Tages in Serienproduktion ginge, höchstens anderthalb Kilo wiegen würde, sodass sie auch auf Reisen genutzt werden könnte.

Kalle machte sich allerdings Gedanken darüber, ja er begann sogar zu befürchten, dass das komplizierte Hochleistungsgerät von allein und ohne menschliche Hilfe irgendwelche sonderbaren Botschaften aussenden könnte. Vielleicht würde es sogar etwas Gefährliches initiieren …, es kam immerhin durchaus vor, dass Maschinen und Geräte streikten oder so reagierten, als besäßen sie die Intelligenz und Charaktereigenschaften eines Menschen.

Kalle erinnerte sich an ein seltsames Unglück, das kurz nach dem Krieg auf dem Bauernhof seines Großvaters in Mittelfinnland passiert war. Bei starkem Gewitter, während die Blitze zuckten und der Donner grollte, war der im Schuppen abgestellte Traktor ganz von allein angesprungen und in vollem Tempo losgefahren. Er hatte die Wand des Schuppens durchbrochen, war auf den Hof geprescht und hatte unterwegs dem draußen angepflockten Bullen ein Hinterbein zerquetscht. Das außer Rand und Band geratene Fahrzeug hatte erst wieder zur Ruhe gebracht werden können, als das Gewitter abgeklungen war. Zuvor hatte es am Waldrand dicke Kiefern gerammt.

Den Christen, so sagte sich Kalle, brauchte er die Gebetsmühle nicht anzubieten, aber was sprach dagegen, dass er für sie ein Kruzifix für den Haus- und Reisegebrauch entwickelte, das sprechen und seinen Besitzer in Glaubensfragen beraten könnte? Und selbst wenn es nicht zum Mittler zwischen Gott und gläubigem Nutzer taugen würde, so sollte es doch zumindest fromme Lieder singen können.

Kalle Homanen arbeitete noch an vielen weiteren Ideen, die zu brauchbaren Erfindungen werden könnten, allerdings benötigte er die Hilfe von Lauri Lonkonen.

Kalle rief seinen Freund an, wurde aber enttäuscht. Lauri antwortete nicht, und es gab auch keine Mitteilung von seinem Handy. Im Laufe des Abends versuchte Kalle es immer wieder, aber eine Verbindung kam nicht zustande. Das war so gar nicht Lauris Art. Im Allgemeinen sorgte er dafür, dass er erreichbar war, und schaltete nicht einfach grundlos sein Handy ab. Kalle beschloss, Lauris Frau Irma anzurufen. Er entschuldigte sich, dass er sie so spät noch störe, aber er habe ein besonders wichtiges Anliegen. Irma berichtete, dass ihr Mann an einer Klausurtagung seiner Firma in Hanko teilgenommen habe und längst zusammen mit seinen Kollegen im gecharterten Bus zurück sein müsste, doch aus irgendeinem Grunde zu Hause noch nicht aufgetaucht sei. Womöglich sei er versackt?

»Ein bisschen seltsam ist das Ganze schon. Lauri kommt normalerweise nicht verspätet von seinen Reisen heim und schlägt eigentlich auch nicht über die Stränge.«

Kalle Homanen beschloss, bis zum Morgen zu warten und dann einen neuen Kontaktversuch zu starten. Es konnte ja durchaus möglich sein, dass der solide und seriöse Mann nun, nachdem er vierzig geworden war, doch noch übermütig wurde, es einmal richtig krachen ließ und vergaß, rechtzeitig nach Hause zu kommen.

3

Am frühen Morgen wurde Lauri Lonkonens Situation unerträglich. Seine Füße froren, der ganze Körper war wie taub. Zum Glück hatten sich die Möwen auf ihre angestammten Klippen verzogen.

Lauri war durstig und bekam auch Hunger. Wo war Irma, seine Frau, vermisste sie ihn gar nicht? Wie gern hätte er jetzt ein paar von ihren Eierkuchen und zum Hinunterspülen zwei Glas Weißwein. Unsinn, nicht nur zwei Glas, lieber gleich eine ganze Flasche, und zwar halbtrockenen Elsässer Weißen. Aus einem Kristallkelch, kein billiger Plastikbecher, nicht in dieser Situation. Beim Abschiedstrunk galt es, den Stil zu wahren.

Er war müde, aber wenn er jetzt im Meer einschlafen würde, bedeutete das unweigerlich den Tod durch Ertrinken. Er musste wach bleiben und auf den Morgen warten. Vielleicht würde sich dann die Sicht bessern, und jemand würde ihn aus seiner misslichen Lage befreien. Wenn nur das ruhige Wetter anhielte! Bei Sturm würde er sich nicht auf dem Felsen halten können. Lauri zerrte sein Handy aus der Tasche. Es war nass geworden, das Display blieb dunkel. Zum Glück war die Armbanduhr wasserdicht, die Zeiger standen auf vier. Noch viel Zeit, um dazustehen und über sein Leben nachzudenken.

Gegen sechs Uhr morgens kam eine leichte Brise auf, die ein dickes Bündel Seile vor sich hertrieb, wahrscheinlich waren sie von irgendeinem Handelsschiff gefallen. Bald darauf trieben etwa zwanzig große Ballen vom offenen Meer heran, aber was sie enthielten, blieb Lauri verborgen, da die Packen zu weit weg waren und er keine Lust hatte, hinzuschwimmen, um den Inhalt zu untersuchen.

Wenige Minuten später kam ein weiterer Ballen angeschwommen, und diesmal trieb er fast direkt in Lauris Arme. Der Ballen war etwa einen Meter lang und einen halben Meter dick, und er war mit durchsichtiger Plastikfolie umhüllt. Die Seiten waren mit Worten in kyrillischen Buchstaben beschriftet, woraus Lauri schloss, dass es sich um Ware handelte, die von einem russischen Frachtschiff über Bord gegangen war. Er riss die Verpackung auf. Zum Vorschein kamen rote und gelbe Gummistiefel, Erstere in kleinen Kindergrößen, die Letzteren dafür riesig, offenbar für Bergleute bestimmt. Erfreut suchte sich Lauri das größte Paar heraus, das so aussah, als ob es ihm passte. Ohne Bedenken stieß er seine Slipper von den Füßen und schlüpfte langsam in die Gummistiefel. Er musste sich zu dem Zweck so tief niederkauern, dass sein Kinn die Wasseroberfläche berührte. Es klappte. Sein bisheriges Schuhwerk kam an die Oberfläche. Wieso schwammen seine Schuhe eigentlich? Lauri nahm an, dass die Slipper sich schon bald mit Wasser vollgesaugt hätten, auf den Grund sinken und vielleicht den Miesmuscheln der Ostsee als geeigneter Unterschlupf dienen würden. Jetzt standen seine Füße fest und sicher auf dem glitschigen Felsen. Seine eigenen Sommerschuhe hatten einst eine ordentliche Stange Geld gekostet, sie waren das Qualitätsprodukt einer Schuhfabrik aus Tampere, aber ihnen jetzt nachzutrauern war sinnlos. Wichtig war einzig und allein, dass er auf dem Felsen im Wasser Halt hatte, der Gummiindustrie des Nachbarlandes sei Dank.

Lauri griff sich mehrere Paar Kinderstiefel, schüttete das Meerwasser aus und steckte in einen der Stiefel sein Handy, in der Hoffnung, dass es allmählich trocknen und dann wieder funktionieren würde. Die übrigen Exemplare sollten ihm dazu dienen, die Möwen zu verjagen, falls sie wieder aufkreuzen und sein Haupt als Rastplatz missbrauchen würden. Und so geschah es, dass gleich das erste kreischende Biest einen roten Gummistiefel an den Kopf bekam und nach dieser bösen Überraschung von weiteren Störungen absah. Der große, kräftige Mann stand, mit Gummistiefeln an den Füßen, in einer Untiefe des Inselarchipels und zeigte ein zufriedenes Siegerlächeln.

Lauri trocknete weiter sein Handy im Kinderstiefel, und der Erfolg stellte sich ein, als er den Akku unter den Achseln wärmte. Es war Sonntag, sodass seine Frau nicht antwortete, als er sie anrief. Irma pflegte am Wochenende stets bis mittags im Bett zu liegen. Das Verschwinden des Gatten änderte nichts an ihren Gewohnheiten. Daraufhin rief er seinen guten Kumpel Kalle Homanen an, aber dessen Telefon war besetzt. So blieb ihm nichts weiter übrig, als weiter aufrecht auf dem Felsen im Inselarchipel zu stehen. Zum Glück hatte er solide Gummistiefel an den Füßen, sodass ihm nur mehr Schlafmangel, Hunger und Durst zu schaffen machten. Die Hoffnung wollte er trotzdem nicht aufgeben. Wer weiß, was das Leben noch alles für ihn bereithielt. Sorgenvoll dachte er, dass, wenn man ihn nicht innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden retten würde, seine Füße in dem frühjahrskalten Wasser, das vermutlich kaum mehr als zehn Grad hatte, erfrieren könnten. Die schweren Bergmannsstiefel waren voll Wasser, aber anders als in den flachen Sommerschuhen erwärmte sich das Wasser durch die Fußarterien, sodass vorerst keine unmittelbare Erfrierungsgefahr bestand. Auch die Knie froren nicht, denn die Stiefelschäfte reichten bis zu den Oberschenkeln. Lauri wertete es als göttlichen Glücksfall, dass das Stiefelpaket direkt zu ihm geschwommen war. Denn ohne wäre er sicher längst mit abgestorbenen Füßen zusammengebrochen und womöglich als Folge der Hypothermie ertrunken.

Dem in Seenot geratenen Mann ging so allerlei durch den Kopf. Wäre angesichts des nahenden Todes nicht der richtige Moment, die Bilanz seines Lebens zu ziehen? Aber welche? Nichtiges Leben, noch nichtigerer Tod. Schade nur, dass die Werke Pfeffer des Hohns und Salz des Spotts von Larin-Kyösti und Das Haus des tragischen Dichters von Jarkko Laine, die er sich als Abendlektüre zur Klausurtagung mitgenommen hatte, in seiner Reisetasche auf dem Schiff geblieben waren. Hier hätte er Zeit gehabt, sich in die Texte zu vertiefen, die Gedanken und die wunderbare Sprache der Autoren zu genießen. Andererseits – die Bücher wären kaum mehr in lesbarem Zustand gewesen, das Meerwasser hätte sie verdorben, und die Umschlagbilder wären längst verblasst.

Da seine Frau nicht antwortete, wählte Lauri erneut die Nummer seines besten Freundes. Die wasserdichte Uhr zeigte die siebte Stunde an.

»Hier Lauri, grüß dich. Ich telefoniere mit dem Gummistiefel eines russischen Kindes, und ich habe keine Ahnung, wie lange der Akku noch hält. Alles ist nass, und meine Achseln schwitzen. Würdest du im Namen unserer alten Freundschaft die Notrufzentrale der Küstenwache alarmieren?«

Kalle Homanen erkannte schnell, in welch gefährlicher Situation sich sein Kumpel befand. Er bat Lauri, das Handy abzuschalten und darauf zu warten, dass ein Flugzeug oder Helikopter der Küstenwache ihn aufspürte. Aus den groben Ortsangaben, die er von Lauri bekam, schloss er, dass der Verunglückte sich irgendwo im westlichen Teil des Nationalparks Inselarchipel befand.

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