Logo weiterlesen.de
Die wilden Kerle Level 2.02

Inhalt

Für immer wild

Gewitternachtregenduft

Ein Sieg, der ins Wasser fällt

Die Ur-Wilden Kerle

Das „Ich-lass-die-Hosen-runter-Spiel“

Wild und wütend

Ostereiszeitalptraumnacht

Die Wiedergeburt

Donnerschlag-kompatibel

Willi, hau ab!

Ein Tag mit Vanessa

Erwachsene Dreizehn

So wild wie noch nie

Herz ohne Herz

Unter Verrätern

Einfach nur Angst

Wo bleibt Marlon?

Das Schicksalsrad

Du musst dich entscheiden, Vanessa

Der Freestyle Soccer Contest Teil 1

Tränen im Regen

Mit dem Herz eines Wolfs

FÜR IMMER WILD

Für immer wild!

Für immer gut!

Für immer voll von dieser Wut!

Sei immer wild!

Sei immer gut!

Egal was du tust!1

GEWITTERNACHTREGENDUFT

Es blitzte und donnerte, als wir nach Mitternacht aus Donnerschlag kamen, und der Regen, der uns bis auf die Haut durchnässte, kühlte unsere überhitzten Gemüter. Wir lachten uns an. Wir riefen die Namen der anderen Kerle, als wären es glücksbringende Zaubersprüche.

„Hey, Raban!“

„Hey, Nerv!“

„Leon, hast du das gesehen?!“

Und zu unserer Hymne, die aus dem High-Noon-D-Day-Thunder-Blaster in Julis Beiwagenfahrrad röhrte, zu „Alles ist gut, solange du wild bist!“ sah jeder in den strahlenden Augen des anderen noch einmal das alles entscheidende Tor.

Wir sahen Nerv in die Tiefe stürzen. Wir sahen Klettes entsetzten Blick. Doch während sie und die Wölfe glaubten, dass Nerv auf dem Boden zerschellen würde, spannten wir längst das Banner der Biestigen Biester zu einem rettenden Sprungtuch auf.

Nerv, der das wusste, holte mit dem linken Bein Schwung, zog das rechte und stärkere kaltschnäuzig nach und ließ dem armen Gilead, dem Tormann der Wölfe, nicht den Hauch einer Chance.

Die lavarote Kugel schlug rechts unten ein, lief diagonal durch das Netz bis hoch in den Winkel und bauschte die Maschen dabei so unbeschreiblich Schmetterlingsflügel-Traumwolken-weich, dass wir es gar nicht fassen wollten. Ja, und genauso Schmetterlingsflügel-Traumwolken-weich fiel Nerv, der die Arme zum Sieg bis zu den Sternen streckte, in das von uns gespannte Sprungtuch, um danach noch mindestens ein Dutzend Mal jauchzend und jubelnd wieder nach oben zu fliegen.

Krumpelkrautrüben-und-Spitzbubenschlitzohr-gerissener-Höllenhund! Habt ihr das verstanden?! Wir gehörten dazu: zur Liga der Besten. Der „Liga der Neun“, und wir würden schon bald, ja, schon in zwei Wochen, am Sonntag nach Ostern, unser erstes Match in Donnerschlag spielen: im Freestyle Soccer Contest, hört ihr?! Verfuchst, und egal welche hinterhältigen Regeln sich hinter diesem Namen versteckten, uns schreckte nichts ab. Wir waren bereit! Und weil ich, Marlon, heute ihr Anführer war, führte ich die letzten sieben Kerle, die es noch gab, aus dem Wilden Wald2 und durch die Magische Furt3 zurück in die Stadt, über die der uns kühlende Gewitterregen längst hinweggezogen war.

Mein Bruder Leon, der Slalomdribbler, Torjäger und Blitzpasstorvorbereiter, klebte wie ein Schatten an mir. Neben ihm zog Raban, der Held, dessen Coca-Cola-Glas-Brillengläser wie zwei Scheinwerfer strahlten, seinen Traktor­hinterradreifen über den noch nassen Asphalt, und ihm folgten die beiden Flaggschiffe des nachtschwarzen Pulks. Markus, der Unbezwingbare, und Maxi „Tippkick“ Maximilian, der Mann mit dem härtesten Bums der Welt, trieben ihren Bäckerradseifenkistenkreuzer mit gedoppelter Fuß- und Handpedalkraft über die Straße, und neben ihnen sangen Juli „Huckleberry“ Fort Knox, die Viererkette in einer Person, und Nerv, der nervt, im Blaster-geboosterten Beiwagenrad das Lied unseres Sieges. Unsere Scheinwerfer strahlten wie junge Sonnen. Die Schwungradturbos4 sirrten in den Motorradtanks, und auf denen blitzte das fauchende Logo.

„Raaaah!“, sangen wir alle und weckten die Stadt.

Alle sollten es wissen. Wir waren wieder da. Die wildeste Mannschaft war wieder zurück, und das konnte kein Fluch und keine Verwünschung verhindern:

„Seid ihr denn völlig durchgeknallt!“

„So eine Frechheit!“

„Die Kinder von heute haben überhaupt keine Manieren!“

„Wo sind eure Eltern?!“

Abbildung

„Müsst ihr nicht ins Bett?“

„Euch sollte man …! Hört ihr?!“

Doch von uns prallte das ab. Wir lachten uns an und jagten zu Maxis Haus in der Alten Allee. Wir weckten Julis Mutter auf, wir jauchzten vorm Eisdielenhaus meines Vaters, wir ließen die Rosenkavaliersgasse erzittern und jagten Markus’ Vater einen Schrecken ein.

„Fußball, ich komme!“, hörte er in dem Augenblick, als er davon träumte, dass Markus ihm sagte, was er schon seit Jahren von seinem Sohn hören wollte:

„Papa, ich will ein Golfprofi werden.“

Doch dann hörte er uns: „Fußball, ich komme!“ Er fuhr aus dem Schlaf und rannte zum Fenster, unter dem wir vorbeisausten.

„Fußball, ich komme!“, sangen wir alle zusammen und Markus am lautesten. „Denn ohne dich, Fußball, bin ich einfach nichts!“

Ich führte den Pulk an, und ich war so glücklich, dass ich für einen Moment alles vergaß. Ja, ich hatte vergessen, was im Spiel passiert war. Dass Vanessa gegangen war, ja, und warum und wieso und wie wütend sie dabei gewesen war. Wütend und traurig, ja, und verzweifelt. Verzweifelt darüber, dass ich mich heimlich mit April, der Wölfin von Ragnarök, getroffen hatte. Dass ich ihr erlaubt hatte, mich zu küssen, und dass April mich gebeten hatte, zu den Wölfen zu kommen.

Verfuchst! Das hatte ich alles in meiner Freude vergessen, denn ich war doch da. Ich war bei den Wilden Kerlen geblieben, und weil ich so glücklich war, fuhr ich in die Waldfriedhofstraße hinein. Ich sah meine Freundin hinter dem Fenster. Ich winkte ihr zu, und meine Stimme überschlug sich vor Freude, als ich ihr zurief: „Wir haben’s geschafft! Komm mit in den Teufelstopf, damit wir es Willi erzählen! Damit wir uns bei ihm bedanken können!“

Ich strahlte sie an. Ich sah sie noch einmal über den Bretterzaun tanzen. Den windschiefen Bretterzaun, der um den Teufelstopf stand. Sie rannte mit verbundenen Augen über das Tor, und während die Wölfe von Ragnarök, die unserem Training vom Hügel aus zusahen, vor Staunen ihren Spott vergaßen, bestand Vanessa für uns den Lancelot-Test hoch zwei.

Ich sah noch einmal, wie alles passierte: Mein Pass war zu ungenau. Er war viel zu kurz. Er würde Vanessa nicht mehr erreichen. Da sprang die Unerschrockene vom Zaun, hinaus auf die Steppe, ergriff eine der Fahnen, die vom Turm herabhing – dem Turm in der Ecke –, und schwang sich an ihr wie an einer Liane auf den Bolzplatz zurück. Dort streckte sie sich, kratzte das Leder, kurz bevor es den Boden berührte, mit der Zehenspitze aus der Luft und schlug es todsicher zu mir herüber.

„Raaah!“, rief ich laut. „Komm schon, Vanessa! Wir haben’s geschafft! Komm mit in den Teufelstopf!

Ich strahlte sie an und ballte die Faust. Ich konnte die Tränen in ihren Augen nicht sehen. Und um sie zu spüren, ja, um Vanessas Tränen zu fühlen, wie ich, der sie liebte, es eigentlich musste, roch die Welt viel zu gut. Die Luft war nach dem Regen so sauber und rein, und die Farben, die man im Dunkeln erkennen konnten, glänzten, als hätte man alles gerade erst ganz frisch gestrichen. Als wäre alles gerade eben geboren. Als strotzte alles vor wilder Kraft. Und mit der Entschlossenheit, alles zu können, raste ich an der Spitze der Kerle hinaus auf die Steppe und über den Hügel. Wir waren so schnell, dass wir darüber sprangen. Wir jauchzten und schrien.

„Hey, Willi, wach aus deinem Dornröschenschlaf auf!“

„Die Zeit der Träume ist vorbei!“

Wir sahen den Vollmond am Himmel stehen, und wir sahen, wie er in den Teufelstopf fiel. Ja, er schien aus dem Bolzplatz – nicht vom Himmel herab –, und im selben Moment, als die Gewitterwolken sein Antlitz verhüllten, als es plötzlich ganz dunkel wurde, stand die Welt kopf.

„Marlon, pass auf!“, hörte ich Leon hinter mir schreien.

„Rübengeschleimtes Schwefeldesaster!“, rief Nerv neben Juli, und dann tauchte mein BMX-Motocross-Fahrrad auch schon in den See, bohrte sich dort in den fußtiefen Schlick, bäumte sein extrabreites Hinterrad auf und warf mich über den Lenker.