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Die wilden Kerle Level 2.01

INHALT

Der Lockruf

Dornröschenschlafträume

Der Seitfallflugvolley-Dampfhammer-Booster

Wenn man das Gras schreien hört …

Der Freestyle Soccer Contest

Camelot erwacht

Einmal wild, immer wild oder niemals wild gewesen

Haltet die Ohren fest! Jetzt wird es stürmisch!

Lass das biest frei!

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Kalt erwischt

Jetzt geht es los!

Willi aus der Asche

Der Lancelot-Test

Hexen und Wölfe

Wer nichts riskiert, verliert sich selbst

Der LT hoch zwei

Lebendig begraben

Hi! Ich wollt dich nicht stören, aber hast du mal zeit?

Das Leben ist hart und ungerecht

Donnerschlag

Schlüpfer, Skalps und böse Geheimnisse

Ein letztes Mal wild

Die grosse Versuchung

Freundschaft ist alles

DER LOCKRUF

Willst du es wissen?

Willst du wissen, ob du stark genug bist?

Stark genug, um deinen Traum zu leben?

Dann wag dich nach Donnerschlag.

Donnerschlag, hörst du?!

Denn das ist der Ort, an dem sich dein Schicksal entscheidet.

Dort wirst du siegen, ja siegen!

Oder

für immer untergehen.

DORNRÖSCHENSCHLAFTRÄUME

„Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss!“

Das sagt meine Mutter immer, wenn die Pferde mit mir durchgehen und sie mich beruhigen will. Doch ich heiße Nerv, und das ist mein Schicksal:

Meine Mutter ist die Hexe von Bogenhausen, und wenn das Leben ein langer ruhiger Fluss ist, bin ich eine Fliege. Eine Fliege, die mit ihren sechs Beinen, den Flügeln und ihrem allerwertesten Popo in einem Glas Honig feststeckt, während draußen vor ihrer Nase der Grizzlybär rockt.

Also vergesst alles, was ruhig ist! Besonders den Fluss! Kommt mit mir mit. Lasst uns durch Stromschnellen raften und ein paar Wasserfälle hinabspringen. Lasst uns den rockenden Bär dabei als Kanu benutzen und das Leben in vollen Zügen genießen. Denn das ist es wert!

Es sei denn, ihr zieht es vor, euer Dasein ab jetzt als heimliche Kopfkissenzipfellutscher unter der Bettdecke eurer Mutter zu fristen. Aber dort verpasst ihr dann das:

Den Klassiker. Ich rede von dem Klassiker. Dem Klassiker der Klassiker in der Dimension 8, der Liga der wildesten Fußballmannschaft der Welt. Die Kerle gegen den Turnerkreis. Und das noch im Teufelstopf. Im Hexenkessel aller Hexenkessel. Im Herzen des Wilde Kerle Lands.

Erinnert ihr euch etwa nicht mehr an die erste Saison? Ich meine den Tag, an dem der Turnerkreis im letzten Spiel der Hinrunde die beste Mannschaft der Welt mit vier zu drei besiegte. Als er sie für immer und ewig und sechs unaufholbare Punkte zurück auf den zweiten Platz verbannte. Nein? Dann lasst euch das mal von Raban erzählen. So wie er es mir erzählt hat. Als die stahlgrauen Spieler die Sturmwolken hinter sich herzogen, um mit ihnen den Indianersommerhimmel über dem Teufelstopf zu verbarrikadieren.

Oder fragt Rocce über die Revanche im Betonkrater am Rande der Stadt. Im Novemberwindstadion des Turnerkreises, in dem die Wilden Kerle die Stahlgrauen gleich zweimal besiegten. Einmal mit und einmal ohne Annika. Die Drachenreiterin, die damals als vierzehntes und letztes Mannschaftsmitglied zu den Kerlen stieß und die ihnen nicht nur zur ersten Meisterschaft, sondern auch zu den legendären Schwungradturbos an ihren noch legendäreren Fahrrädern verhalf.

Genau dieser Turnerkreis fegte jetzt durch den Teufelstopf und blies den Wilden Kerlen um Leon, den Slalomdribbler, Torjäger und Blitzpasstorvorbereiter, und seinem um ein Jahr älteren Bruder Marlon, der Nummer 10, die Staubkörner ins Gesicht. Doch die beiden liebten den Sturm. So wie Vanessa ihn liebte, wenn sie weit auf Rechtsaußen ihre langen Karibik-Sonnenuntergangs-Haare als Kometenschweif hinter sich herzog. Wenn Juli „Huckleberry“ Fort Knox, die Viererkette in einer Person, seine Mütze festhalten musste, aus deren von tausend Spielen gegerbtem Schirm schon der Pappendeckel hervorzulugen begann. Wenn Maxi „Tippkick“ Maximilian, der Mann mit dem härtesten Bumms der Welt, seinen Trippel M. S., den Mega-Mörser-Monster-Schuss gegen den Wind stellte. Und wenn Raban, der Held, – so wie jetzt – Maxis Steilpass dann folgte. Wenn er, der längst keinen falschen Fuß mehr besaß, von links in den Strafraum des Turnerkreises stieß. Wenn er das Leder dort mit dem Hinterkopf auf den Elfmeterpunkt lenkte, auf dem Leon schon wartete. Und der drehte sich jetzt mit dem Rücken zum Tor. Er hob seine Arme wie Adlerschwingen. Sie fingen den Wind ein und auf ihm erhob sich die Nummer 13 hoch in die Luft. Er holte entschlossen mit dem linken Bein Schwung und riss dann mit dem rechten die Sturmwolken auf, indem er den Ball mit einem Briefmarken-Besenschrank-Fallrückzieher in den linken Winkel katapultierte.

Ich sprang von der Sessellehne auf das rote Plüschsofa und schlug dabei einen Salto rückwärts. Ich streckte die Arme aus. Ich ballte die Fäuste. Ich schrie: „Heiliger Santa und Panther im Krumpenkrautrüben gekrächzten Muckefuckhimmel!“ Ich war hundeglücklich. Ich lag auf dem Rücken und strahlte als einziger Zuschauer auf der aus Sesseln und Sofas gebauten Tribüne durch die aus dem Polster gesprungene Feder aufs Spielfeld hinab. Dort feierten meine Idole das drei zu null. Verflixt, ihr habt richtig gehört. Es stand, Schwarz gegen Stahlgrau, drei zu null, und das nach gerade mal sieben Minuten.

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Ja, und es ging direkt weiter. Markus, der Unbezwingbare, fischte den Fernschuss des verzweifelten Turnerkreisspielmachers aus dem oberen Eck. Er rollte im Fallen ab, sprang sofort auf und dachte gar nicht daran, einen auf „Oh-hab-ich-da-gerade-eben-nicht-echt-cool-gehalten“ zu machen. Sondern er warf den Ball sofort in den Lauf der nachtschwarzen 99, und Raban war wieder einmal mein Held. Mit einer simplen Körpertäuschung ließ er den ersten Stahlgrauen links an sich vorbei ins Seitenaus taumeln. Den zweiten verwandelte er mit einem doppelten Übersteiger und einem rotzfrechen Durch-die-Beine-Tunnelpass in einen tasmanischen Teufelskreisel, der schwindelig und belämmert zuschauen musste, wie Rabans Pass Leon erreichte.

Der Mittelstürmer der Kerle wurde vom Sohn des Turnerkreistrainers verfolgt. Doch bevor dieser über die Dimension 8 hinaus bekannte Knochenbrecher Leons Beine wegsäbeln konnte, kickte der den Ball mit der Hacke. Er sprang über die Sensenbeine seines Gegners hinweg und zog gleichzeitig den Kopf ein. So konnte Marlons Pass über ihn hinwegsausen und zu Vanessa gelangen.

Die Unerschrockene rannte auf rechts. Sie erwischte den Ball an der Eckfahne volley und drosch ihn in den Rücken der Turnerkreisabwehr. Die schlidderte sechsbeinig über den sandigen Boden und sah aus schreckgeweiteten Augen Maxi „Tippkicks“ Meisterwerk. Der traf den Ball aus vollem Lauf und donnerte ihn vom Rand des Sechseners wie an der Schnur gezogen zwei Staub aufkräuselnde Fingerbreit über den nicht mehr vorhandenen Rasen aufs Tor. Dort barsten die Fäuste des stahlgrauen Keepers. Sie lenkten den Ball gegen den rechten Pfosten und von da prallte die Kugel zurück gegen die Nase des Torwarts. Der schrie vor Wut auf und wurde dann wehrlos und blutbeschmiert Zeuge, wie das eirig spinnende Leder über die Linie torkelte.

„Vier zu nuuuhhhhl!“ Ich tanzte vor Freude auf dem Sofa. „Hey Willi! Hast du das gerade gesehen? Das war barcelonisch-sommermärchenhaft-schön!“ Ich hüpfte über drei Sessel hinunter zu ihm an den Spielfeldrand: „Und das ist der Turnerkreis. Das einzige Team, das uns in der Dimension 8 noch gefährlich werden kann.“

Ich strahlte ihn an: Willi war der beste Fußballtrainer der Welt. Auch wenn er nicht immer so aussah. Und das war ganz besonders heute der Fall. Sein Hut war zerknittert, als hätte er ihn in der Nacht als Kopfkissen benutzt. Das rot-weiß gepunktete Hemd hing ihm aus der Nadelstreifenhose. Die weißen Punkte hatten sich hinter kaffeebraunen Flecken versteckt und die Zehen lugten dafür vorn aus den Schlangenlederstiefeln heraus.

„Hey Willi! Das war ein Triple M.S., wie er im Lehrbuch steht!“, rief ich und tanzte um den Trainer herum.

Doch meine Wilden Kerle ließen mir dafür nicht viel Zeit. Vanessa köpfte den Ball, noch während ich „Lehrbuch“ sagte, zum fünf zu null ein. Und als ich deshalb vor Freude über die 13 Sofas und 15 Sessel der Haupttribüne wie über Trampoline hüpfte, erhöhten Juli und Marlon auf sechs und sieben.

Beim rockenden Grizzly! Das war mein Team, und mein sehnlichster Wunsch war es, einmal einer von ihnen zu werden. Versteht ihr das alle? Davon träumte ich jede Nacht und das jetzt schon seit anderthalb langen Jahren. Ich fläzte mich in einen Sessel, streckte vergnügt die Beine aus und sah dabei zu, wie die Kerle verschnauften. Sie schraubten das Tempo etwas herunter, sodass es zur Pause „nur“ elf zu null stand. Aber vielleicht hatte Willi noch mehr Tore erwartet. Denn als Edgar, der Pinguin, der Butler von Markus’ Eltern und das Ehrenmitglied der Wilden Kerle e.W., die zweite Halbzeit anpfiff, lag der beste Trainer der Welt schnarchend im Schaukelstuhl vor seinem Kiosk. Der stand in der hintersten Ecke des Teufelstopfes und duckte sich dort alt und baufällig an den Bretterzaun, der das Stadion wie eine windschiefe und löcherige Zahnreihe umschloss.

DER SEITFALLFLUGVOLLEY-
DAMPFHAMMER-BOOSTER

„Hey Marlon!“, rief Leon und grinste seinen um ein Jahr älteren Bruder an. „Hörst du das Sägewerk? Willi wird alt!“

Das Schnarchen ihres Trainers ließ die Planken im losen Bretterzaun zittern, und als Marlon das sah, wurde er für einen Augenblick ernst. Seine Augen verdunkelten sich, wie sich die Sonne verdunkelt, wenn sich eine erste Gewitterwolke, die sich klammheimlich über den sonst so blauen Himmel geschlichen hat, plötzlich vor sie schiebt.

Für einen Moment sah er den Teufelstopf nicht mehr als das stolze Stadion, sondern als eine langsam in sich zusammenfallende, alte Ruine. Ihm schien es, als hätte er eine böse Vision. Eine schreckliche Eingebung. Doch dann lief Vanessa an ihm vorbei und das strahlende Lächeln in ihren fast schwarzen Augen holte den Wilden Kerl sofort wieder in die Wirklichkeit zurück. Er wischte sich die Gewitterwolke aus dem Gesicht, sah noch einmal zum schnarchenden Willi und wandte sich dann an seinen Bruder.

„Genau“, sagte Marlon. „Ganz offensichtlich scheinst du Willi zu langweilen. Dann zeig ihm doch mal, was in einem Wilden Kerl steckt!“ Er schenkte Leon ein listiges Grinsen und schob ihm den Ball vom Anstoßpunkt zu.

Sofort war ich wach. Die zweite Halbzeit hatte begonnen und sie war wie ein Lieblingsfilm. Ich meine einen Film, den man sich nicht oft genug anschauen kann, auch wenn man jede Szene bereits in- und auswendig kennt. Leon passte blitzschnell zu Maxi zurück. Der spielte direkt und schickte Raban auf links tief in die Hälfte des Turnerkreises hinein. Ja, und verflixt, Raban war einfach mein Held. Der Kerl, der seine Coca-Cola-Glas-Brille inzwischen wie einen Orden trug, pflückte den Ball im Lauf aus der Luft, köpfte ihn über den ihn attackierenden Verteidiger, rutschte durch dessen Beine hindurch und schlug das Leder im Rücken des verdatterten Turnerkreisspielers mit einem Scherenschlag in den Strafraum hinein. Dort sauste Juli „Huckleberry“ Fort Knox, die Viererkette in einer Person, der in diesem Spiel so gut wie arbeitslos war, wie ein Torpedo über den Boden. Er presste die karierte Schirmmütze mit einer Hand auf den Kopf, hob die andere schon zum Victory-Zeichen und rammte die Kugel mit seinem Tieffliegerflugkopfball unhaltbar ins Netz. Das bauschte sich auf, so wie sich nur ein Tornetz aufbauschen kann: schmetterlingsflügel-traumwolken-weich.

Und dieses einzigartige Gefühl, das man dabei im Bauch empfindet – im Bauch, an den Schläfen, auf der Stirn und den Augen –, spürte ich an diesem Tag noch ein Dutzend Mal.