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Die wankelmütige Meerjungfrau

Über die Autorin

P. J. Brackston lebt mit ihrem Partner und ihren beiden Kindern in den Black Mountains in Wales, einer wilden, bergigen Gegend. Sie hat an der Lancaster University den Master of Arts in Kreativem Schreiben erworben und ist Gastdozentin an der University of Wales in Newport. Sie liebt Märchen, Geschichte, alles, was Spaß macht, und starke Frauen, und so tanzte eines Tages die Idee zu Gretel, der Privatdetektivin aus Gesternstadt aus dem Bayern des achtzehnten Jahrhunderts durch ihren Kopf. Von ihrer lebhaften Vorstellungsgabe abgesehen, lässt Brackston sich beim Schreiben auch von den Bergen und Wäldern inspirieren, von denen sie in Wales umgeben ist.

Mehr auf www.pjbrackston.com

P. J. Brackston

Die wankelmütige
Meerjungfrau

Ein Hänsel und Gretel Krimi

Aus dem Englischen von
Frauke Meier

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine sehr, sehr gute Freundin
Maddy Westlake, weil schon alleine der Gedanke
an sie mich lächeln lässt

1

Das Schiff war zweifellos beeindruckend. Natürlich war Gretel bewusst, dass Schiffe, wenn sie im Hafen lagen, tendenziell größer wirkten, da der Mensch mehr daran gewöhnt war, sie von ferne am Horizont zu schauen. Doch auch unter Berücksichtigung dieses Phänomens sah der Viermaster, der derzeit vor ihr aufragte, immer noch überwältigend aus. Ein Schauer der Erregung rasselte über ihr Rückgrat, sodass die Stäbchen ihres Korsetts hörbar knarrten, ganz so, als würden sie schwache, geisterhafte Rufe von sich geben, um ihre Brüder vor dem Schicksal zu warnen, das Walbein in dieser Gegend nur zu häufig zu gewärtigen hatte. In Momenten des Müßiggangs – von denen manche sagen mochten, sie wären zahlreich, welche sie selbst jedoch als allzu rar betrachtete – hatte sie oft davon geträumt, eine Kreuzfahrt zu unternehmen. In jenen Tagen hatte sich ihr geliebtes, bunt gemustertes Sofa in eine luxuriöse Koje in einer geräumigen Kabine verwandelt, die sanft in der Dünung sommerlicher See schwankte, während plätschernde Wellen und kreischende Seevögel ihr ein Schlaflied sangen und der Duft kunstvoll zubereiteter Meeresfrüchte zugleich besänftigend und stimulierend in ihre Nase drang. Sie hatte in den ergötzlichsten Fantasien von Sonnenuntergängen geschwelgt, die sich in einer ruhigen See spiegelten; von Spaziergängen auf Deck in ihren allerfeinsten Gewändern; von erlesenen Speisen in der nicht minder erlesenen Gesellschaft des Kapitäns; von Abenden, geprägt von gebildeter und bezaubernder Unterhaltung. Was bedeutete, dass ihr die Entscheidung, den angebotenen Fall zu übernehmen, nicht schwergefallen war. Als die Briefmöwe, geschickt vom Kapitän höchstpersönlich, mit dem Ersuchen um ihre Dienste als private Ermittlerin in ihrem Haus in Gesternstadt eingetroffen war, hatte sie gleich gewusst, dass sie zusagen würde.

»Hör mal, Schwester mein, diese Truhen sind außerordentlich schwer. Was um alles in der Welt hast du da drin?«

Leider umfasste Gretels Vision einer kultivierten, niveauvollen Kreuzfahrt nicht die enorm breite, enorm bayrische und – in ihren Augen – enorm lästige Gegenwart ihres Bruders.

»Hör mit dem Gejammer auf, Hans. Ich habe dir gesagt, du sollst einen Träger engagieren.«

»Keiner da. Alle weggeschnappt von den regulären Kreuzfahrern, die wissen, worauf sie sich eingelassen haben.«

Wie um seine Worte zu unterstreichen rauschte in diesem Moment ein teuer ausstaffiertes Paar in einer Wolke aus Puder und Parfüm vorüber, gefolgt von einem hohen Stapel Designertruhen und Koffern auf einem Handwagen, der von schwer keuchenden Trägern geschoben wurde. Gretel seufzte. Es wäre so viel einfacher, so viel kostengünstiger und so viel, so rundum unentrinnbar netter ohne einen Hans, der ihren Stil unterminierte. Welche Hoffnung blieb ihr noch, in den höheren Kreisen der besseren Gesellschaft akzeptiert zu werden, wenn sie von einem Bruder begleitet wurde, auf dessen Stirn mehr oder weniger in fettem Tuschestrich »provinziell und stolz darauf« geschrieben stand? Jedes Mal, wenn ihre Arbeit Reisen erforderlich machte, gelobte sich Gretel feierlich, nicht zuzulassen, dass Hans sie begleitete, und absolut und uneingeschränkt jedes Mal reiste sie am Ende à deux. Hans fand stets irgendeinen Grund, irgendwelche mildernden Umstände, irgendein Druckmittel, um seine Sache zu vertreten. Bei dieser Gelegenheit hatte er darauf beharrt, sie könne unmöglich die beängstigend lange Reise von Gesternstadt durch den Großteil von Deutschland zum Hafen von Bremerhaven allein antreten. Der Weg war zu weit und zu gefährlich. Gretel hatte gekontert, seine Gegenwart würde rein gar nichts dazu beitragen, die Reise kürzer zu machen, und schließlich hätte sie ihn schon häufig aus einer Gefahr errettet, wogegen er einer Rettung ihrer Person kaum auch nur nahegekommen sei. Hans hatte dagegengehalten, dass sie weiter reisen würde als je zuvor und ohne Zweifel jeder Gattung von ruchlosen Rüpeln, Haderlumpen und Deppen begegnen musste. Darauf hatte sie ihm erklärt, sie sei außerstande zu sehen, inwiefern es hilfreich sein solle, deren Zahl zu erhöhen, indem sie ihn mitnähme. Seine Antwort hatte aus zwei Tagen des Schmollens und der Gereiztheit bestanden, während deren keine Tür im Haus nicht zugeknallt worden war. Schließlich hatte sie kapituliert, zum Teil, um ihnen beiden eine heftige Zimmermannsrechnung zu ersparen, vor allem aber, weil er, so sehr es sie schmerzte, das einzugestehen, nicht ganz unrecht hatte. Eine alleinreisende Frau musste einfach jeder denkbaren Art unerwünschter Aufmerksamkeit zum Opfer fallen. Dies war eine Geschäftsreise, und auch in Bremerhaven konnte kein Mann, keine Frau und auch keine private Ermittlerin das Rad der Zeit aufhalten. Wollte sie an Bord der Arabella sein, wenn das Schiff die Segel zu seiner zweiten Kreuzfahrt der Sommersaison setzte, konnte sie es sich nicht leisten, en route aufgehalten oder behindert zu werden. Hans brauchte weiter nichts als seine Ausmaße, um lästige Zeitgenossen, die ein Interesse hegten, ihre Lage auszunutzen, wirkungsvoll abzuschrecken.

Ob es nun sein Verdienst war, dass sie ihre Reise unbehelligt hatte hinter sich bringen können, oder eher nicht, würde sie nie genau wissen, aber am Ende zählte so oder so nur das erwünschte Resultat, und sie waren gemeinsam beizeiten in Bremerhaven eingetroffen.

»Komm, Hans. Trödel nicht so.«

»Zum Kuckuck, Gretel, ich tue mein Bestes. Warum ein Mensch mit so viel Gepäck reisen muss, ist mir unbegreiflich.«

»Glücklicherweise ist von dir nicht gefordert, zu begreifen. Ah, da sind wir ja schon.« Sie hatten die Stelling erreicht, die vom Kai auf das Schiff führte. Ein fesch uniformierter junger Seemann, der eine Schriftrolle voller Namen in der Hand hielt, trat vor.

»Euer Name, Fräulein?«, erkundigte er sich.

»Ich bin Gretel aus Gesternstadt. Ja, die Gretel«, fügte sie hinzu, um der unausweichlichen Frage zuvorzukommen. »Ich bin auf Ersuchen des Kapitäns dieses guten Schiffs gekommen, der mich bereits erwartet, weshalb ich dankbar wäre, wenn ich rasch an Bord kommen dürfte. Ich nehme an, es steht jemand zur Verfügung, der uns zu unseren Quartieren geleiten wird?«

Aber der Junge schüttelte den Kopf. »Vergebt mir, Fräulein, doch Ihr seid hier nicht aufgeführt.«

»Was? Nicht?«

»Nicht?«, erklang matt das Echo aus Hans’ Mund hinter den Truhen.

»Ich fürchte, nein.« Der Seemann erbleichte, als er den zunehmend finsteren Ausdruck in Gretels Gesicht erblickte.

»Da muss ein Irrtum vorliegen. Sei so freundlich und sieh noch einmal nach. Gretel aus Gesternstadt, eine Kabine mit zwei Kojen, reserviert auf der Arabella, die heute ablegen soll.«

»Die Arabella? Aber, Fräulein, dies ist nicht die Arabella

»Nicht?«

»Nicht?«, schnaubte Hans, der allmählich unter der Last des Gepäcks ins Taumeln geriet.

»Dies ist die Holdes Glück, das Flaggschiff der Thorsten-Sommer-Flotte. Die Arabella liegt dort drüben.«

Gretel drehte sich um, um der Richtung zu folgen, in die der junge Mann zeigte, griff nach dem silbernen Opernglas, das an ihrer Brust ruhte, und hielt es sich vor die Augen. Sie wusste, sie dürfte nicht überrascht sein. So spielte nun einmal das Leben. Etwas Prachtvolles und Herrliches und Aufregendes schimmerte verlockend direkt vor ihren Augen auf, nur um sogleich durch etwas weit Schlichteres und Profaneres ersetzt zu werden. Die Arabella war, um der Wahrheit Genüge zu tun, kein schlechtes Schiff. Sie sah angemessen solide und robust aus, und sie war auch angemessen groß. Aber sie war nicht elegant. Nicht stilvoll. Sie war nicht die Art von Schiff, die so heiter durch die seidenen Wasser von Gretels Fantasie gesegelt war. Wo die Holdes Glück mit polierten Mahagonimasten, glänzenden Messingbeschlägen und -ornamenten aufwartete, begnügte sich die Arabella mit einem alltäglichen Aussehen und pechgeschwärzten Oberflächen. Wo die Holdes Glück mit hochwertigen Flaggen und Wimpeln, Tauen und Takeln protzte, mit Balustraden und Geländern und schimmernden Bullaugen, beschränkte sich die Arabella auf ein nüchternes, Edel-ist-was-nützt-Dekor ohne überflüssigen Schnickschnack. Im Grunde war bereits an der Galionsfigur jedes Schiffes alles abzulesen. Am Bug der Holdes Glück ritt eine auserlesene Schönheit im Botticelli-Stil mit zarter Stirn, sanftem Blick und einer dekorativ angeordneten Robe. Die Arabella jedoch sollte offensichtlich von einer Frau mit dem Bekleidungsstil einer Hure, den muskulösen Armen eines Hafenarbeiters und einem passenden, harten Ausdruck in den Augen auf See geleitet werden. Gretel überlegte, warum wohl keine Pfeife zwischen ihren Zähne klemmte.

Nachdem sie das kurze Stück den Kai hinunter getrottet und über den beängstigend schmalen Steg an Bord des korrekten Schiffs geeiert waren, wies Gretel Hans an, ihre Kabine zu suchen und sich samt ihres Gepäcks dort einzurichten.

»So?« Hans lehnte sich schwer an die größte Truhe und tupfte sich die verschwitzte Stirn mit einem grauen Taschentuch ab. »Und was hast du vor, während ich deine gesamte Garderobe hierhin und dorthin karre?«

»Ich werde den Kapitän aufsuchen und mich vorstellen.«

»Kann ich nicht vorerst alles einfach hier lassen? Will sagen, nach solch einer umfangreichen Reise braucht ein Mann eine Erfrischung und so …« Gretels finsterer Blick raubte ihm die Sprache.

»Hans, muss ich dich daran erinnern, dass dies eine Geschäftsreise ist? Dass ich hier bin, um eine Arbeit zu erledigen, für die ich hoffe, bezahlt zu werden? Und dass ich mich, sollte es mir nicht möglich sein, mich auf die anstehende Aufgabe konzentrieren zu können, als unzulänglich erweisen könnte, und folglich die Bezahlung ausbleiben könnte … hast du die Konsequenzen bedacht, die solch ein Ende für dich zeitigen würde?«

»Nicht allzu viele Abende in der Schenke, könnte ich mir vorstellen.«

»Für lange Zeit. Also, tu, was ich dir sage. Du wirst schon schnell genug zum Tresen kommen, das verspreche ich dir.«

Das Hauptdeck der Arabella trug wenig dazu bei, Gretels Eindruck von dem Schiff vorteilhaft zu beeinflussen. Größtenteils war es allein jenen Dingen gewidmet, die zur Seefahrt notwendig waren, statt den Bedürfnissen derer zu dienen, die seiner Eigenschaft als Kreuzfahrtschiff wegen an Bord waren. Zugeständnisse an die Bequemlichkeit der Gäste waren spärlich gesät. Hier und dort fanden sich Sitzgelegenheiten mit Blick aufs Meer, manche aus Holz und stationär, andere von der gestreiften Stoffliegevariante. Ein abgenutzter und unvollständiger Satz Wurfringe belegte ein unbedeutendes Eckchen. Mehr war nicht im Angebot. Seeleute in großer Zahl kletterten durch die Takelage und über Poller und so weiter. Anstelle von Uniformen trugen die Männer eine schmuddelige Mischung aus rustikaler Matrosenkleidung, die keine Rückschlüsse auf Rang oder Funktion ihres Trägers gestattete, was Gretel Sorge bereitete. Wie sollte sie erkennen, wen sie nach einem Teller Stullen zu fragen und wen als Kapitän anzureden hatte? Ein schmutziger Bursche in einer ausgeleierten Hose und einem kurzärmeligen Hemd – dessen Zweck zweifellos darin bestand, die prallen Muskeln und die verwegenen Tätowierungen zu offenbaren –, der damit beschäftigt war, ein Tau aufzuwickeln, blickte von seiner Arbeit auf und starrte sie an. Gretel bemühte sich um ihr strahlendstes Lächeln.

»Wärst du so nett, mir zu verraten, wo ich den Kapitän finden kann?«, fragte sie.

Langsam richtete sich der Matrose auf und kniff misstrauisch die Augen zusammen.

»Da an achtern wird er sein«, brummte er. »Ihm seine Kabine liegt unter der Poop«, fuhr er auf eine Weise fort, als hätte er es mit einem Einfaltspinsel zu tun. »Zum Heck, Frau. Zum Heck!« Mit einer Kopfbewegung deutete er zum hinteren Teil des Schiffs, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder ganz dem Tau widmete.

Gretel war noch damit beschäftigt, den Mundvoll scheinbar unzusammenhängender und unverständlicher Worte zu sortieren, als eine laute, gebieterische Stimme sie mehr oder weniger aus den Latschen riss.

»Gretel aus Gesternstadt! Da seid Ihr ja, und eine Labsal für die trüben Augen, wenn ich das so sagen darf!«

Gretel drehte sich um und sah in einiger Entfernung, die Hand am Steuerrad, den Kapitän Tobias Ziegler stehen. In seinem engen, silbern betressten scharlachroten Mantel und dem mit Federn geschmückten französischen Marinedreispitz, der ganz herausragend dazu passte, gab er eine fesche Figur ab. Von ihrem Standort aus konnte Gretel einen üppigen Bart ausmachen, edle, markante Züge und dunkle, dunkle Augen, die wunderbar geeignet waren, eindringliche Blicke zu verbreiten. Der Kapitän stieg von dem herunter, was, wie sie später erfahren sollte, das Poopdeck war, sprang einfach die Treppe hinunter, eine Hand auf jedem der Geländer, und seine Füße berührten nicht ein Mal die polierten hölzernen Stufen. Im Nu war er an ihrer Seite und hatte schwungvoll den Hut abgenommen, unter dem ein beeindruckender Kopf voller glänzender schwarzer Löckchen hervorkam, die er im Nacken locker zusammengebunden hatte. Er verneigte sich tief und machte ein unnötiges Theater aus der ganzen Sache. Trotz ihrer Abneigung gegen derartige Effekthascherei ertappte sich Gretel dabei, ihren Fächer aus der Rocktasche zu ziehen und unter dem Kinn zu positionieren.

»Kapitän Ziegler«, sagte sie mit einem Nicken.

»Seid willkommen, Fräulein. Willkommen an Bord der guten Arabella

»Ich freue mich, hier zu sein, und bin bereit, Euch meine Hilfe in dem rätselhaften Fall der Meerjungfrauen anzubieten.«

Bei diesen Worten veränderte sich auf einmal die Haltung des Kapitäns. Ohne noch weiter auf Etikette zu achten, trat er vor, packte Gretel am Ellbogen und dirigierte sie grob zu einem weniger bevölkerten Abschnitt des Decks.

»Passt auf, Fräulein!«, zischte er. »Meine Männer sind jetzt schon kopfscheu genug. Es wird nicht gut ankommen, sollten sie erfahren, dass ich um Hilfe bei der Suche nach der Wahrheit hinter diesen Sichtungen ersucht habe. Sie dürfen nicht wissen, warum Ihr hier seid. Ich bitte Euch dringend, diskret vorzugehen!«

Gretel befreite ihren Arm und griff zu ihrer Lorgnette, um ihren neuen Klienten genauer zu inspizieren. Aus dieser kurzen Entfernung und unterstützt durch die Gläser sah sie einen gänzlich anderen Burschen vor sich.

Seine Statur war unverändert rank, doch der rote Mantel war eindeutig militärischer Herkunft und wies eine beunruhigende Flickstelle direkt über dem Herzen auf, deren Form und Größe auf ein Loch hindeuteten, von dem man sich allzu gut vorstellen konnte, dass eine Muskete es hinterlassen haben könnte. Die Federn an seinem Hut bildeten keinen prachtvollen Busch, sondern sahen aus, als wären sie direkt aus einer Vielzahl von vorüberziehenden Seevögeln und bäuerlichem Federvieh gerupft worden. Der Bart war, wenngleich äußerst männlich, besorgniserregend ungepflegt, und sie hegte den Verdacht, dass der Glanz der Kapitänslocken nicht die Folge seiner guten Gesundheit und Vitalität war, sondern von einem Öl herrührte. Oder irgendeinem Fett. Menschlichem oder was immer.

»Ich versichere Euch, mein Herr, ich bin der Inbegriff der Diskretion. Meine Nachforschungen werden gründlich und gewissenhaft sein, und ich werde Erfolg haben, doch nicht, wie ich betonen möchte, durch hudlige Methoden. Ich muss annehmen, es war meine Reputation, die Euch veranlasst hat, um meine Dienste zu ersuchen. Diese Reputation liegt mir mehr am Herzen als mein eigener Bruder, und ich würde nichts tun, was sie ankratzen könnte.«

»Das ist allerdings gut zu hören.« Der Kapitän entspannte sich ausreichend, um Gretel ein breites Lächeln zukommen zu lassen. In dem Augenblick, in dem er das tat, überfiel sie jäh eine Erinnerung. Seine weißen, doch ungewöhnlichen Zähne, von denen zwei sich leicht kreuzten, verbündeten sich mit dem braunen Gesicht und den tief liegenden Augen, um ein längst vergessenes Wissen in ihr wachzurufen. Aufzuwühlen, wie eine Kreatur auf dem Meeresboden den feinen Sand aufwühlen mochte, um dabei eine Wolke aus Wirrnis und Düsternis freizusetzen. Was diese Erinnerung genau beinhaltete, wollte sich ihr nicht offenbaren. Noch nicht. Im Stillen nahm sie sich vor, den wirbelnden Sand im nächsten verfügbaren ruhigen Moment sorgfältig zu sieben.

Der Kapitän fuhr fort: »Darf ich vorschlagen, dass wir die Mannschaft glauben lassen, Ihr befändet euch lediglich auf einer Erholungsreise?«

»Ich warte bereits mit atemloser Spannung auf die Wonnen und Annehmlichkeiten, die eine Seereise auf der Arabella zu bieten haben mag«, gab sie zurück.

Sollte Kapitän Ziegler die Ironie in ihren Worten bemerkt haben, so ließ er sich davon nichts anmerken. Stattdessen senkte er erneut die Stimme und sprach: »Diese Reise muss erfolgreich sein, Fräulein. Gerüchte über das Verschwinden zweier meiner Seemänner haben bereits die Runde gemacht, und es gibt schon jetzt Gerede über Meerjungfrauen. Es braucht nicht viel, um zahlende Kundschaft abzuschrecken, das ist die schlichte Wahrheit. Meerjungfrauen sind ein böses Omen für Seeleute, und einige werden vermutlich heimlich abheuern, sollten noch mehr Berichte über die fischigen kleinen Jungfern auftauchen, die in diesen Gewässern singen.«

»Wenn ich recht verstehe, teilt ihr die Furcht vor diesen … Kreaturen nicht?«

»Das tue ich in der Tat nicht. Es gibt auf Erden nicht ein Lebewesen mit Schuppen, das Tobias Ziegler je geängstigt hätte. Im Meer gibt es mehr als genug Raum für uns alle, meint Ihr nicht auch?«

»Eine vortreffliche Denkweise, Kapitän. Doch ich für mein Teil denke lieber an auf dem Meer, statt in dem Meer.«

Ein kleinerer Tumult hinsichtlich der Verladung des Proviants forderte die Aufmerksamkeit des Kapitäns. »Ich muss mich um mein Schiff kümmern, Fräulein. Vergebt mir. Wir werden uns bald weiter unterhalten.«

»Nur noch eines, ehe Ihr geht … Ihr geht nicht davon aus, dass die beiden vermissten Matrosen sich von dem Gedanken an Meerjungfrauen haben verscheuchen lassen? Ihr nehmt an, dass es eine andere Erklärung für ihr Verschwinden gibt?«

»Das tue ich. Und ich bin bereit, großzügig für die Aufdeckung des wahren Grundes zu bezahlen. Mein Auskommen hängt davon ab.«

»Ihr dürft Euch beruhigen, Kapitän Ziegler, Ihr habt die richtige Person um Hilfe ersucht.« Sie sah ihm nach, als er davonstolzierte, um seinen Männern Befehle zu erteilen. Der Mann besaß eine gewisse Ausstrahlung, sogar eine gewisse Attraktivität, wenngleich sein Charme in Gretels Augen eine Spur zu roh war, einen Mangel an Finesse aufwies. Dennoch war, als sie ihn bei der Führung seines Schiffes beobachtete, unverkennbar, dass er den Respekt und die Gunst seiner Mannschaft genoss. Ihr fiel auch auf, dass ihre Mitpassagiere ein wenig ruhelos umherschlenderten, zweifellos warteten sie so ungeduldig wie sie selbst darauf, dass sie Segel setzten und in See stachen. Da war ein kleiner Mann in zweckmäßiger Kleidung, der ganz für sich allein gespannt auf das Wasser hinausblickte; ein junges Paar, von denen ein jeder so hingerissen vom anderen war, dass sie ebenso gut in einer Höhle hätten weilen können, so viel Interesse gönnten sie ihrer Umgebung; und drei Frauen in einem gewissen Alter am anderen Ende des Schiffs, die eifrig mit ihren Fächern wedelten und ihre Sonnenschirme auf eine Art in den Fingern drehten, die alles in allem zu kokett für ihre Jahre war. Was sonst noch an Kreuzfahrtgästen an Bord war, verbarg sich unter Deck, und Gretel hegte den Verdacht, dass jene Mitreisenden noch einen oder zwei Tage brauchen würden, um auf schwankenden Brettern Standfestigkeit zu entwickeln.

Auf einmal merkte sie, dass die Anstrengungen solch einer langen Reise und die vielen Tage unterwegs sie einholten. Bevor sie sich zum Abendessen kleidete, musste sie sich ein wenig hinlegen und ein belebendes Glas von irgendetwas trinken. Als sie sich gerade in Bewegung setzen wollte, erregte etwas am äußersten Rand ihres Blickfelds ihre Aufmerksamkeit. Ohne recht zu wissen, was sie erwartete, aber in dem Wissen, dass da etwas war, wandte sie sich um. Doch wie genau sie auch hinschaute, sie konnte nichts entdecken, das der erhaschten Bewegung entsprochen hätte, diesem flüchtigen Aufblitzen von Farbe, das ihr aufgefallen war. Sie lugte durch ihr Opernglas, aber da war nichts. Seufzend kam sie zu dem Schluss, dass die Müdigkeit ihre Sehkraft ungünstig beeinflusste, also suchte sie den saubersten Matrosen an Deck und tippte ihm mit dem silbernen Opernglas auf die Schulter.

»Sei so gut und bring mich zu meiner Kabine, ja? Zwei Kojen. Gretel aus Gesternstadt. Schau, ob du herausfinden kannst, wo ich untergebracht bin.«

Der Junge – er dürfte nicht einmal mündig gewesen sein – hatte ein nettes Gesicht und ein frohes Gebaren, das, so dachte Gretel, in den kommenden Jahren zweifellos dahinschwinden würde, ganz besonders, falls er weiterhin auf einem so gewöhnlichen Schiff dienen würde, umgeben von ebenso gewöhnlichen Mannschaftskameraden.

»Gewiss, Fräulein. Hier entlang, wenn’s beliebt«, sagte er und hastete voraus.

»Bist du im Besitz einer Liste der Passagiere und ihrer jeweiligen Quartiere?« Gretel musste sich beeilen, um mit dem Jungen mitzuhalten, als der eine Treppe hinunterstürmte, die so steil war, dass sie besser Leiter genannt werden sollte.

»Nein, Fräulein«, rief er über die Schulter, während er sie durch einen immer schmaler werdenden Gang und dann einige weitere Stufen hinab geleitete. »Und es würde mir auch nicht helfen, denn ich kann kein Wort lesen. Aber ich weiß, wo unsere Passagiere untergebracht sind. Folgt mir, bitte.«

Bald ging es noch ein Deck tiefer, sodass Gretel schon fürchtete, sie würden bald im Laderaum angekommen sein.

»Und du bist sicher, wir sind auf dem rechten Wege? Denn wenn wir noch tiefer hinabsteigen, müssen wir uns doch gewiss bald unter dem Meeresspiegel wiederfinden.«

Darauf lachte der Junge. »Oh, nein, Fräulein! Wie sollten die Kanonen denn je abgefeuert werden, wären sie nicht oberhalb des Wassers?«

»Die Kanonen?«

In einem Gang, so beengt, dass selbst der Junge mit seiner schmalen Statur ihn beinahe ausfüllte, blieb er stehen. Gretel war nicht wohl innerhalb dieser Wände, die sie zu erdrücken schienen.

»Ja, Fräulein. Als das Schiff umgewidmet wurde, hat man das Deck, auf dem vormals die Geschütze standen, den Passagieren zugewiesen, sodass die Luken, durch die sie einst gefeuert haben, zu Bullaugen umgebaut werden konnten. Zu sehr guten dazu. Ich bin sicher, Ihr werdet sehr zufrieden sein.«

Ehe Gretel Zeit hatte, die Information zu verarbeiten, verkroch er sich in einen Schrank und winkte ihr zu, vorbeizugehen.

»Alle anderen an Bord haben ihre Kajüte bereits bezogen. Es ist nur noch eine am Ende des Gangs für Euch übrig.«

Ein Blick offenbarte ihr einen Stapel Gepäck auf dem Korridor, den sie als ihr Eigen erkannte.

»Danke«, sagte sie zu dem Jungen und drückte ihm eine Münze in die Hand. »Verrate mir deinen Namen, falls ich dich noch einmal brauche.«

»Der Name ist Will, Fräulein. Habt vielen Dank, Fräulein!« Mit diesen Worten flitzte er dorthin zurück, woher er gekommen war, und seine elastischen jugendlichen Beine und seine knabenhafte Lebensfreude trugen ihn mühelos die Stufen empor.

Gretel quetschte sich weiter voran, bis sie durch ihre eigenen Truhen zum Anhalten gezwungen wurde.

»Hans!«, rief sie. »Wo zum Teufel steckst du?«

Die schmale Tür öffnete sich. Hans’ Körpermasse füllte den ganzen Rahmen aus. »Du hast dir Zeit gelassen. Macht Durst, den unbezahlten Träger zu geben, weißt du?«

»Warum ist das Gepäck immer noch hier draußen?«

Er breitete die Arme zu einer Geste der Hilflosigkeit aus, so weit wie es der beengte Raum gestattete – mit anderen Worten, so gut wie gar nicht.

»Es heißt, das oder wir. Alles passt nicht rein.«

»Was? Schmarrn! Lass mich mal sehen. Zur Seite!«

»Hier gibt es keine Seite.«

»Um Himmels willen, Hans, mach’s nicht so schwierig. Lass mich rein!«

Es folgte ein Moment des Drängelns und Pressens, der Gretel eine Nähe zu ihrem Bruder aufbürdete, die zu erdulden sie nie zuvor gezwungen gewesen und die künftig zu vermeiden sie einen weiten Weg zu gehen bereit war. Endlich, keuchend und begleitet von einem Ploppen, errang sie Zugang zu der Kabine. Klein war ein zu großes Wort dafür. Sie versuchte, sich das Kämmerchen als Bijou vorzustellen, in der Hoffnung, es klänge ein wenig größer und kultivierter. Es funktionierte nicht. Ihr wurde bewusst, dass das, was sie für einen Schrank gehalten hatte, als Will sie hatte passieren lassen, doch eine weitere Kabine von ähnlich dürftigen Ausmaßen sein musste. Es gab ein Etagenbett, das sich über die ganze Länge des Raums zog. Die Lücke zwischen der oberen und der unteren Koje wirkte durchaus großzügig bemessen, verglichen mit der Lücke zwischen der oberen Koje und der Decke, die offenbar für eine Person ausgelegt war, die weder über Brüste noch über einen Bauch gebot. Was sowohl Hans als auch sie selbst ausschloss. In einer Ecke war ein winziger Tisch befestigt, vor dem ein winziger Stuhl stand, dessen seidenes Kissen niemanden über seine bäuerliche Herkunft hinwegtäuschen konnte. Auf der anderen Seite des Raums – gerade so weit entfernt, wie ein Mensch mühelos spucken konnte, wenn er denn die Neigung verspürte, was Gretel derzeit durchaus tat – befand sich das versprochene Bullauge. Der Messingrahmen war durchaus erfreulich, und tatsächlich drang Tageslicht herein und fiel auf den abgenutzten Teppich. Bedauerlicherweise machte die Tatsache, dass es sich etwa auf Höhe ihrer Fußknöchel befand, es weitgehend unbrauchbar, wollte man einen Blick auf die Außenwelt werfen. Die ihr bereits jetzt wie eine ferne Erinnerung vorkam. Die Kajüte selbst bestand natürlich aus Holz, abgenutzt und blank poliert durch viele Jahre des Gebrauchs, was Gretel den Eindruck vermittelte, in einer viel gereisten Packkiste zu stehen. Oder vielleicht in einem Sarg. Sie ergab sich einem Schaudern. Jeglicher Gedanke daran, matt auf dem Bett zu liegen und an einem kleinen Gläschen Weinbrand zu nippen, löste sich in Luft auf.

Hans steckte sich eine Zigarre in den Mund und zog sein neues silbernes Feuerzeug aus der Tasche. Dieses moderne Gerät hatte er extra für die Reise erstanden, ausgehend von der Annahme, dass der Seewind ein Streichholz allzu leicht ausblasen würde. Mit dem Daumen schlug er den Hahn.

»Hans, wenn du anfängst, hier Zigarrenrauch zu verbreiten, ist in wenigen Augenblicken die ganze Luft verbraucht.«

»So? Nun werde ich also noch der kleinsten Freude beraubt?«

Gretel schubste ihn zur Tür hinaus. »Komm einfach mit!«, beschied sie ihn und ging ebenfalls hinaus. »Drei Dinge brauchen wir jetzt dringend: Luft, Bier und eine Nachbesserung!«

2

Die Bar an Bord der Arabella bestand aus einem Raum mit niedriger Decke und dem ganzen Charme und Liebreiz einer vergessenen Schenke am Wegesrand.

»Ah!«, machte Hans. »Das gefällt mir schon besser. Genau, was ein ganzer Kerl braucht. Guter Mann«, wandte er sich an den Barmann, »einen Krug von deinem besten Bier, wenn’s genehm ist.« Er glitt auf einen Barhocker und bewies dabei eine Gewandtheit, die in einem scharfen Kontrast zu seinen Ausmaßen stand. Gretel setzte sich vorsichtig auf die gegenüberliegende Seite. Die Hocker waren ausreichend hoch, dass ihr Besetzer, hatte er sie erst erklommen, unangenehm dicht unter der Decke klebte, und Gretel kam zu dem Schluss, dass dies nicht der Raum war, in dem sie ihre herrliche neue Perücke tragen würde. Das prachtvolle Stück, ein Geschenk, dass sie sich nach ihrem erschöpfenden Einsatz in Nürnberg gemacht hatte, lag behaglich in seiner Kiste in ihrer Kabine und wartete auf den Augenblick seines Debüts. Doch erforderte es ein gänzlich anderes Umfeld, als dieses Schiff es bisher dargeboten hatte, sodass Gretel schon fürchtete, sie würde vorerst keine Gelegenheit bekommen, die Perücke oder eines der feineren neuen Gewänder zu tragen, die sie allein wegen dieser Kreuzfahrt erstanden hatte.

»Hier, bitte, der Herr, und dies für Euch, Madame.« Der Barmann stellte zwei hohe Biergläser vor ihnen ab. Er war ein schlanker Mann, präsentabel, gepflegt und aufmerksam. Die perfekte Kombination für einen Barmann.

Gretel prostete ihm zu. »Auf deine Gesundheit«, sagte sie, ehe sie die Hälfte ihres Trunks in durstigen Schlucken herunterkippte und sich mit einem Spitzentaschentuch den Schaum von den Lippen tupfte. »Dein Akzent … den zu bemerken ich nicht umhinkam … ist er vielleicht englischer Herkunft?«

»Madame verfügen über ein scharfes Gehör! Ich stamme aus einem kleinen Küstenstädtchen namens Brighton, aber ich habe die Gestade meines guten alten Englands schon viele Jahre nicht mehr gesehen.«

Hans leerte sein Glas und knallte es auf den Tresen. »Ah, höchst annehmbar! Noch eines, Kellner!«, verlangte er und fügte zwecks Interpunktion einen herzhaften Rülpser hinzu.

Gretel runzelte die Stirn. »Verzeih meinem Bruder. Wir haben eine lange und staubige Reise hinter uns. Seine Manieren haben ein wenig gelitten.«

»Denkt Euch nichts, Madame. Mein Zartgefühl hat eine harte Schale gewonnen, das kann ich Euch versichern.« Er beugte sich zu ihr herüber, lugte an dem halb leeren Glas vorbei und beichtete: »Ich gestehe, als ich als Schiffskellner auf der Arabella angefangen habe, war ich schockiert. Oh!«, er verdrehte die Augen zum Himmel, »Ihr würdet nicht glauben, welche Grobheiten und Obszönitäten ich erdulden musste!«

»Zweifelsfrei von der Mannschaft.«

»Mannschaft, Passagiere, Kapitän.« Bedeutungsvoll schlug er sein Handtuch wie eine Peitsche. »Dergleichen hatte ich noch niemals gehört. Ich schwöre, es ist, als setzte der Aufenthalt an Bord eines Schiffes den Menschen den Floh ins Ohr, es stünde ihnen frei, all die Feinheiten und die Vornehmheit fallen zu lassen, die dieses unkultivierte Leben, das wir alle durchlaufen müssen, erst erträglich machen. Auf mein Wort. Liebe Güte, ich kann Euch gar nicht sagen, wie das ist«, verkündete er kopfschüttelnd, ergriff ein Glas und fing an, es voller Elan zu polieren.

»Wie wahr«, stimmte Gretel ihm nickend zu. »Wie es heißt, verabsäumen jene, die zur Erholung außer Landes reisen, tendenziell, neben ihrem Gepäck auch ihr gewohntes Niveau und ihre Würde einzupacken.«

»Madame, das ist die reine Wahrheit! Und sollten sie sie doch dabei haben, so habe ich noch keinen Beweis dafür gesehen. Würde? Hört meine Worte!«

Gretel und Hans sahen sich verstohlen unter den Gästen der Bar um. Sie alle wirkten gänzlich respektabel und dezent.

Der Barmann, der ihre Gedanken erriet, fügte hinzu: »Oh, im Hafen pflegen sie alle Zurückhaltung, aber wartet, bis wir Segel setzen.« Er polierte das Glas in seiner Hand, bis es glänzte. »Ooh, ja! Sind wir erst auf See, werden die Leute ihr wahres Gesicht offenbaren.«

»Wie interessant. Ich hörte, die Schiffsbelegschaft ist um zwei Personen vermindert.« Sie beugte sich vor und verfiel in ein Flüstern. »Kanntest du die Mannschaftsangehörigen, die … nicht mehr hier sind?«

Die Augen des Schiffskellners blitzten auf. »Das tat ich nicht, Madame, denn ich bin erst jüngst auf dieses Schiff gekommen, aber ich habe Gerede gehört. Einer war ein Proviantmeister mit vielen Jahren Erfahrung, der andere ein Ausguck, ein Junge in zartem Alter. Niemand hatte jedoch eine Erklärung für ihren Weggang zu bieten. Es ist, als wären sie einfach verschwunden!«

»Das muss sehr beunruhigend sein für den Rest der Mannschaft.«

»Es gibt tatsächlich Unruhe unter den Männern, Madame. Ich würde lügen, würde ich anderes behaupten.«

»Sag mir, Kellner, eine andere Sache … gibt es auch bessere Kabinen als die auf dem Unterdeck? Man hat uns, wie es scheint, eine etwas unzulängliche Unterkunft zugewiesen.«

»Ooh, nun, Madame, da gibt es nur die Kapitänskajüte. Soweit ich weiß, ist das alles. Wir Seeleute müssen uns mit den Hängematten im Lagerraum begnügen.« Dem ließ er ein Tsts folgen und verdrehte erneut die Augen. »Was für Bettgenossen!«

Gretel nickte mitfühlend. »Ihr scheint mir ein Mann zu sein, der weiß, wo der Barthel den Most holt. Jemand, der weiß, was um ihn herum vor sich geht. Es muss doch Gerüchte gegeben haben …« Sie nippte an ihrem Bier und gab dem Barmann Zeit, sich zu überlegen, wie viel er ihr erzählen wollte. In ihren Jahren als Ermittlerin hatte sie gelernt, diejenigen zu erkennen, die lebten, um zu reden; die bei Klatsch und Tratsch erblühten; die niemals ein belauschtes Wort oder ein einmal erhaschtes merkwürdiges Verhalten vergaßen. Solch ein Mann konnte sich für ihre Untersuchung als höchst nützlich erweisen. In diesem Moment jedoch betrat eine korpulente Gestalt die Bar, ein Mann, umgeben von der unverkennbaren Aura der Autorität, der ein strenges Gesicht sein Eigen nannte, dessen volle Kraft sich nun gegen den Schiffskellner richtete und ihn augenblicklich zum Schweigen brachte. Gretel aber ließ nicht zu, dass Ärger Besitz von ihr ergriff. Es blieb noch genug Zeit, die Bar ein weiteres Mal aufzusuchen.

»Meine Herren, meine Damen«, wandte sich der stattliche Mann an die kleine Gesellschaft. Seine Kleidung war außerordentlich fein, wie Gretel bemerkte, trumpfte auf mit exzellenter Schneiderarbeit und kostbaren Stoffen. Er trug eine große Uhr an einer schweren Goldkette, die er nun aus der Tasche zog, um nach der Zeit zu schauen, ehe er sie wieder zuklappte. »Ich freue mich, Euch mitteilen zu können, dass die Arabella im Begriff ist, in See zu stechen.« Er sah sich im Raum um, und sein Blick erfasste jede anwesende Person in einer Weise, als wolle er sich die Gesichter genau einprägen. Gretel lief ein Schauer über den Leib, als seine Augen sie studierten, doch nur für einen Moment. Schließlich verneigte er sich steif und ging seiner Wege.

Diese Information wurde mit erwartungsfrohem Gemurmel aufgenommen. Leute erhoben sich, um die Bar zu verlassen, machten sich auf den Weg zu den oberen Decks, von denen aus sie das Ablegemanöver beobachten und all jenen, die gekommen sein mochten, um sie zu verabschieden, zuwinken konnten.

»Komm, Hans, wir müssen uns ins Getümmel stürzen, Vorfreude zeigen, die Rolle der begeisterten Kreuzfahrtteilnehmer spielen.«

»Müssen wir? Mir gefällt es hier ganz gut«, sagte er, lehnte sich zufrieden an den Tresen und griff nach seinem frisch aufgefüllten Glas. Gretel fehlte die Kraft, um ihn zu beschwatzen.

»Wie du willst. Wenn wir auf See sind, werde ich zurück in dieses Priesterloch von einer Kabine gehen und mich zum Abendessen umkleiden. Ich wüsste es zu schätzen, würdest du derweil mit Abwesenheit glänzen.«

»Wenn das bedeutet, ich darf bleiben, wo ich bin, tue ich dir diesen Gefallen gern.«

Oben auf Deck suchte sich Gretel einen Platz an der dem Kai zugewandten Reling. Die Gruppe der Gratulanten war erbärmlich klein, und weder Wimpel noch Kapelle standen bereit, um die Reisenden zu verabschieden. Weiter hinten am Kai jedoch versammelte sich gerade eine weitaus farbenfrohere und elegantere Menschenmenge nahe der prächtigen Holdes Glück. Seufzend wandte Gretel sich ab und widmete ihre Aufmerksamkeit den Aktivitäten auf Deck. Dabei fiel ihr Blick auf den Schiffsjungen.

»Will!«

Als sie ihm zuwinkte, eilte er herbei.

»Sag mir, wer ist dieser umherstolzierende Bursche in dem eleganten Mantel?«

»Das ist Herr Hoffmann, der Quartiermeister, Fräulein.«

»Ist er ein wichtiger Mann?«

»Oh, ja, Fräulein. Er untersteht allein dem Kapitän.«

»Danke, Will.« Sie überließ ihn wieder seiner Arbeit, die reichlich und reichlich hektisch zudem war, da das Setzen der Segel offenbar jeden einzelnen Mann an Bord erforderte. Matrosen schwangen sich über ihr durch die Takelage oder zerrten an diesem Tau oder jenem Hebel. Sie beobachtete Kapitän Ziegler, der, immer noch in strahlendem Rot, am Steuerrad stand und Befehle erteilte, während Herr Hoffmann, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, über Deck schritt und einen Tadel hier, eine Zurechtweisung dort fallen ließ. Wo der eine sich protzig zur Schau stellte, war der andere ein Musterbild stiller Entschlossenheit und demonstrierte ein stets wachsames Auge. Wo der erste sich durch Glanz und Charme auszeichnete, bestand der zweite aus Schläue und Schärfe. Ihr kam der Gedanke, dass jeder der beiden Männer auf seine eigene Art Macht besaß und dass derart voluminöse Persönlichkeiten nur selten friedvoll an einem Tisch sitzen konnten. Gretel überlegte, ob an Bord der Arabella tatsächlich genug Platz für beide war.

An Land wurden die Taue gelöst, auf Deck geworfen und dort eilends zusammengerollt und verstaut. Der Anker wurde gelichtet. Ein oder zwei Segel entrollt. Und bei all dem hallte Kapitän Zieglers Stimme so klar wie die Schiffsglocke, wies aber auch ähnliche Anzeichen der Verwitterung auf. Der Quartiermeister wandelte zwischen den Matrosen herum, verteilte Ansporn und Tadel, wo immer es notwendig war. Weniger hochgestellte Männer erteilten Anweisungen, die, zumindest in Gretels landverliebten Ohren, aus einer Aneinanderreihung unverständlicher Bestandteile der Seemannssprache bestanden, nichtsdestoweniger die eine oder andere kraftvolle Seefahrertätigkeit hervorbrachten. Kaum einen Augenblick später spürte sie, wie das Schiff einen mächtigen Satz tat, ehe es still und unbeachtet auf das offene Meer hinausglitt. Sie konnte ein klitzekleines Gefühl der Enttäuschung nicht unterdrücken. Ein paar Wimpel. Der ein oder andere Jubelruf. Vielleicht hier und da eine geworfene Handvoll Reis. Gleich, was es wäre, es wäre willkommen gewesen. Hätte viel dazu beigetragen, sie glauben zu lassen, dass sie wirklich dabei war, auf einem Kreuzfahrtschiff zur Reise ihres Lebens in See zu stechen. Stattdessen hatte sie den Eindruck, sich auf einem bis an das Schandeck vollgestopften Kahn zu befinden, der sich heimlich aus dem Hafen stahl in der Hoffnung, den Zöllnern zu entgehen.

Doch, so ermahnte sie sich in Gedanken, sie war kein zahlender Passagier. Sie war hier, um zu arbeiten. Und arbeiten würde sie. Sie würde herausfinden, was die beiden fehlenden Mannschaftsangehörigen ereilt hatte. Sie würde ermitteln, ob in diesen dunklen, kalten Wassern Meerjungfrauen lebten oder nicht. Sie würde ihrem extravaganten, absonderlichen Klienten Antworten liefern und er ihr Geld. Das war eben der Lauf der Dinge. Bei diesem Gedanken fühlte sie sich gleich so viel besser, dass sie sich bereitfand, sich den beengten Verhältnissen in ihrer Kabine zu stellen, um sich den Staub von der Reise abzuwaschen und sich zum Abendessen zu kleiden.

Der Mangel an Raum führte dazu, dass sie sich schnaubend abrackern musste, um ein Gewand aus ihrer Truhe zu holen, sich aus ihren Reisekleidern zu schälen, in den zur Verfügung stehenden fünf Zentimetern lauwarmen Wassers zu baden und sich in das ausgewählte Kleid zu kämpfen. Als sie am Ende in den Spiegel schaute, den sie klugerweise mitgenommen hatte, erschrak sie vor ihrem eigenen Haar. Leise Flüche vor sich hin murmelnd, die alle auf den Umstand Bezug nahmen, wie viel einfacher alles wäre, ginge es an Bord ausreichend elegant zu, dass sie ihre heiß geliebte und doch noch nicht ein Mal ausgeführte Perücke tragen könnte, kämpfte Gretel darum, ihre zunehmend krausen Locken in eine Form zu bringen, die wenigstens entfernt ordentlich wirkte. Freizügig trug sie Puder auf und fügte einen verschwenderischen Spritzer Parfüm hinzu, ehe sie den Gang hinaufging. Seitwärts, da der Schnitt ihres Kleides zu großzügig ausfiel, um eine Vorwärtsbewegung zu gestatten. Eine Person, die weniger verliebt in die Mode war, weniger der Herausforderung verbunden, stets mit dem Neusten des Neuen mitzuhalten, wenn es um Haute Couture ging, hätte sich vielleicht für ein paar einfachere Gewänder für die Tage auf See entschieden, doch solch ein Mensch war Gretel nicht. Und so kam es, dass sie sich nun wie eine Krabbe einen Weg durch das Schiff bahnte. Während dieser unvorteilhaften Reise bekam sie das seltsame Gefühl, dass sie verfolgt wurde, aber wann immer sie sich auf dem Gang umschaute, lag der leer hinter ihr. Sie quetschte sich weiter voran auf dem Weg, der noch strapaziöser wurde, als sie die beinahe vertikal verlaufenden Treppen hinaufkletterte, sodass sie, als sie den Speiseraum erreichte, unter einem eklatanten Mangel an Atem, Beherrschung und Menschenliebe litt.

Der Raum selbst tat auch nichts dazu, ihre gute Stimmung wiederherzustellen. Er war großzügig bemessen, doch war das kein Vorzug, lag es doch allein daran, dass die Anzahl der Besucher gering war. Jede Speisegesellschaft saß ein gutes Stück von der nächsten entfernt, sodass die einzelnen Tische an Rettungsflöße erinnerten, die über eine unbekannte See trieben. Offenbar hatte man sich bemüht, den Raum ein wenig auszuschmücken – da gab es seidene Girlanden an den Fenstern, seidene Kissen auf Hartholzstühlen und keinen Mangel an Lampen –, doch zusammengenommen wirkte all das eher planlos und halbherzig. Und braun. Sehr braun. Exakt so braun wie das Holz, das Haut und Knochen des Schiffes selbst bildete. Als wäre einfach alles mit einem sirupartigen Lack überzogen worden. Sogar die ungepflegte Mixtur aus Bedienpersonal, unter dem sie einige der Mannschaftsangehörigen erkannte, die noch vor wenigen Stunden damit befasst gewesen waren, das Schiff reisebereit zu machen. Sie trugen nun sauberere Kleidung, doch nichts konnte ihre salzversehrte Haut und die schwieligen Hände überdecken, wenn sie den Damen Stühle hielten und Getränke mal hierhin, mal dorthin brachten. Erfreut stellte sie fest, dass auch der Schiffskellner aus der Bar unter ihnen weilte. Zumindest er sah aus wie jemand, dem man das Servieren von Speisen anvertrauen konnte.

Wie in der Bar war auch hier die Decke unangenehm niedrig. In solch einem großen Raum wirkte das, als würde sie sich unmerklich immer weiter senken. Gretel sah mindestens drei Passagiere, die sich beim Gehen duckten oder den Kopf einzogen. Die seltsame Bauweise versetzte sie in Erstaunen. Bei der Planung der Arabella schien niemand auch nur einen Gedanken an den Eindruck, den sie im Inneren vermittelte – oder dessen Auswirkung auf das Wohlbefinden der Kundschaft –, verschwendet zu haben. Wie sie sich erinnerte, hatte Will ihr erzählt, das Schiff sei zum Kreuzfahrtschiff umgebaut worden, was ihr hinsichtlich seiner vorherigen Inkarnation arg zu denken gab. Umso mehr, als diese offenbar Kanonen notwendig gemacht hatte.

»Gretel! Hier drüben!«, drang Hans’ fröhliche Stimme über den allgemeinen Trubel an ihr Ohr. Als sie näher kam, wurde der Grund für seine gute Laune offenbar. Seine Wangen leuchteten auf eine ganz spezielle Weise, seine Augen funkelten auf eine ganz spezielle Weise, eine Weise, die nur gutes Bier in großen Mengen hervorzubringen imstande war. »Du kommst keinen Moment zu früh«, informierte er sie. »Das Abendessen wird gleich serviert, und man hat mir versichert, wir dürfen uns auf ein Festessen von einiger Güte in angenehmer Atmosphäre freuen.«

»Es fällt mir schwer, das zu glauben«, beschied sie ihn, als sie neben ihm Platz nahm. Ihr Tisch war für sechs Personen eingedeckt, und all ihre Mitreisenden mit einer Ausnahme hatten bereits ihre Plätze eingenommen. Sie nickte ihnen zu und tauschte Höflichkeiten aus, während sie noch darum bemüht war, ihre Röcke in dem wenigen Freiraum, den der Stuhl bot, anzuordnen. Gerade, als sie das Tafelsilber inspizieren wollte und Hans den allgegenwärtigen Kellner herbeirief, um Wein zu bestellen, verkündete ein durch Handschuhe gedämpfter Applaus der versammelten Gesellschaft die Ankunft von Kapitän Ziegler.

»Hrmpf«, machte Hans an der Zigarre vorbei, die unangezündet zwischen seinen Zähnen klemmte, »keine besonders guten Manieren, nicht wahr? Dass der Kapitän zu spät kommt. Will sagen, wenn der Rest von uns imstande ist, pünktlich hier zu sein …«

»Seine Verspätung beruht nicht auf mangelnder Organisation, Hans. Das ist geplant. Dies ist ein Mann, der den großen Auftritt bevorzugt.«

»Meinst du?«

Während sie zuschauten, bedankte sich der Kapitän mit einer Verneigung für den warmen Empfang. Er ließ seinen gefiederten Dreispitz in großem Bogen durch die Luft gleiten, ehe er ihn wieder auf den Kopf setzte. Auf dem Weg zu seinem Tisch hielt er immer wieder inne, um hier eine Hand zu küssen, dort spielerisch auf eine Schulter zu klopfen, dem einen oder anderen Gast einen längeren Blick zu schenken oder lasziv zu zwinkern, wenn es angemessen schien. Seinem Schritt haftete ein Selbstvertrauen und eine Arroganz an, die zugleich lächerlich narzisstisch und enorm anziehend war. Sein Zauber legte sich über sämtliche Anwesenden wie eine warme Woge an einer tropischen Küste. Sogar Hans schmolz dahin.

»Er kommt hierher!«, piepste er. »Schau! Schau, Gretel, er wird mit uns speisen. Wir sitzen am Kapitänstisch!«

»Beruhige dich, Hans, ehe du noch diese abscheuliche Zigarre verschluckst.«

»Ah, Fräulein Gretel!« Der Kapitän verneigte sich erneut, nahm ihre Hand und drückte sie an seine Lippen.

Nun, Gretel hatte schon früher Handküsse erhalten. Viele Male. Da gab es Küsse, die sie lieber vergessen wollte, und Küsse, an die sie sich ewig erinnern würde. Bedauerlicherweise mehr von ersteren als von letzteren, aber so war das nun einmal. Etikette, Tradition, gute Manieren, das alles war dazu angetan, sich diese Freiheit herauszunehmen, und an guten Tagen führte das dazu, dass sie sich vorkam wie eine Königin. Oder vielleicht wie ein Papst. An anderen bereitete es ihr eine Gänsehaut. Aus dem Augenwinkel nahm sie die eifersüchtigen Blicke jener Frauen wahr, die nicht mit der vollen Wucht der Aufmerksamkeit von Kapitän Ziegler gesegnet waren. Und zweier Männer, wie sie bemerkte. Außerdem fiel ihr auf, dass Hans auf seine »Das ist meine Schwester, wisst ihr?« Art strahlte. Aber darüber hinaus – nichts. Keine Violinen. Keine himmlischen Chöre. Keine Sehnsucht, schwach zu werden. Keine Sehnsucht nach irgendetwas, um genau zu sein. So charmant der Mann auch sein mochte, er erreichte sie nicht. Gretel wusste, dass das in Anbetracht der Tatsache, dass sie mit diesem Mann eine Ermittler-Auftraggeber-Beziehung unterhielt, eine wirklich gute Sache war, und dass es der Zusammenarbeit nur zuträglich sein konnte, bliebe alles, wie es war. Ihr war ebenfalls bewusst, dass dieser Mangel an Verlockung ihr EINEN ANDEREN ins Gedächtnis rief. Einen Mann, der, ganz im Gegensatz zu dem Kapitän, durchaus in der Lage war, sie zu erreichen. Einen Mann, dessen Gegenwart sie schmerzlich vermisste. Einen Mann, von dem sie in diesem Moment wünschte, er würde ihre Handfläche mit seinen Zähnen kratzen. Aber das war lange her und weit weg. Sie musste sich mit dem begnügen, was zur Hand war. Buchstäblich.

»Bewahrt Euch Euren Appetit für das Mahl, Kapitän«, gebot sie und entzog ihm die Hand. »Wie ich hörte, ist es die Wartezeit wert.«

»Oh, das ist es gewiss«, versicherte er. »Unser Koch wurde an keinem geringeren Ort als Paris ausgebildet.« Er sah ihr tief in die Augen. »Ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht enttäuscht sein.«

»Davon bin ich auch überzeugt!«, zirpte Hans.

»Ich bin nicht leicht zu beeindrucken«, warnte Gretel.

»Ich werde es mir zur persönlichen Pflicht machen, dafür zu sorgen, dass Ihr es seid«, entgegnete der Kapitän.

»Ich werde es bestimmt sein! Ich bin leicht zu beeindrucken!«, verkündete Hans, der in seiner Begeisterung an einen Welpen erinnerte und doch nicht in der Lage war, die Aufmerksamkeit Kapitän Zieglers zu erringen.

»Hoffen wir, dass der Koch bei seiner Arbeit ebenso engagiert ist«, bemerkte Gretel und rief den Kellner, um mehr Wein zu ordern und die Lage zu entschärfen. Sie wusste, was der Kapitän im Sinn hatte. Welchen besseren Weg sollte es geben, um jeden, den es interessierte, davon zu überzeugen, dass sie lediglich zu Erholungszwecken an Bord war, nicht aber in ihrer Eigenschaft als Ermittlerin, als dafür zu sorgen, dass alle Anwesenden sie mit dem Herrn des Schiffs flirten sehen konnten? Doch dies war keine List, die voranzutreiben sie sich bemüßigt fühlte.

Endlich nahm der Kapitän Platz. An einem Nachbartisch sah Gretel Herrn Hoffmann, der gelangweilt auf seine Taschenuhr blickte. Als erneut Wein eingeschenkt und der erste vieler Gänge serviert wurde, musterte sie prüfend die anderen Passagiere am Tisch. Ihr gegenüber saß ein junges Paar, das ungefragt verriet, dass es sich in den Flitterwochen befand. Und zweifellos waren Rudi und Lena Schmidt erfüllt von der unvermeidbaren Glut der Liebe und der Leidenschaft. Ganz zu schweigen von der Unmenge an Geld, die sie jüngst dafür aufgewendet hatten, all dem Geltung zu verschaffen. Neben ihnen saß ein einsamer Mann in mittleren Jahren, den sie ebenfalls schon auf Deck gesehen hatte. Sein Name war Dr. Becker, ein Ruheständler, der ihnen erzählte, er sei ein begeisterter Vogelbeobachter und hoffe, viele seltene Spezies bei den Besuchen auf den berühmten wilden Inseln vorzufinden, die die Küste Schleswig-Holsteins tüpfelten.

Hans hatte nur Augen für das Essen.

»Ich sage dir, Schwester mein, dies ist exzellent. Lundeneier, zart pochiert, auf einem Nest aus knusprigem Seetang. Höchst entzückend.« Dann langte er kräftig zu und merkte gar nicht, dass Dr. Becker erbleichte und seinen Teller von sich schob. »Mmm! Köstlich. Ein Triumph für die Geschmacksknospen. Was für ein Glück, dass wir solch eine Küche an Bord haben, was?« Vergnügt rammte er Gretel den Ellbogen in die Seite, während sie noch staunte, wie enorm schnell sein Interesse am Kapitän durch einen kleinen Teller mit Essen ausgelöscht worden war. Hans fuhr fort: »Wenn der Rest des Mahls so gut ist wie dies, nun, dann haben wir wirklich einen außerordentlichen Schmaus vor uns.«

Ob sich seine Worte als wahr erweisen würden oder nicht, blieb abzuwarten, denn in diesem Moment stürmte Will, der Schiffsjunge, lauthals brüllend in den Speiseraum.

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