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Die vierte Zeugin

Alf Leue; Caren Benedikt; Heike Koschyk; Katrin Burseg; Lena Falkenhagen; Marlene Klaus; Martina André; Oliver Pötzsch; Peter Prange; Tanja Kinkel; Titus Müller; Ulf Schiewe

Die vierte Zeugin

Historischer Roman

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Inhaltsübersicht

DRAMATIS PERSONAE

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

EPILOG

ANMERKUNGEN ZUM EINSTURZ DES KÖLNER STADTARCHIVS

SCHLUSSWORT DER HERAUSGEBER

DRAMATIS PERSONAE

(in der Reihenfolge ihres Auftretens)

 

Prolog

von Tanja Kinkel

 

MATHIS VON HOMBURG

Anwalt der Agnes Imhoff

(von Ulf Schiewe)

 

RICHARD CHARMAN

Londoner Kaufmann und Kläger im Prozess gegen Agnes Imhoff

(von Alf Leue)

 

STINGIN BRUWILER

Magd im Hause Imhoff

(von Marlene Klaus)

 

ADOLF VON SCHAUMBURG

Koadjutor des Erzbischofs und geistlicher Berater der Agnes Imhoff

(von Titus Müller)

 

GERLIN METZELER

Geborene Ragnarsdottir und Cousine der Agnes Imhoff

(von Heike Koschyk)

 

URSEL RUMPERTH

Pächterin des Imhoff’schen Gasthauses

Zum kleinen Ochsen

(von Caren Benedikt)

 

HIERONYMUS HAUSER

Oberster Richter am Ratsgericht zu Köln

(von Katrin Burseg)

 

AGNES IMHOFF

Witwe und Beklagte im Prozess

(von Martina André)

 

SOPHIE ELVERFELDT

Geborene Imhoff, Tochter von Agnes Imhoff

(von Lena Falkenhagen)

 

AUGUSTIN VON KÜFFEN

Assistent des Anwalts Mathis von Homburg, später selbst Advokat

(von Oliver Pötzsch)

 

Epilog

von Peter Prange

 

Anmerkungen zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs

von Tanja Schurkus

 

Schlusswort der Herausgeber

von Heike Koschyk und Alf Leue

PROLOG

Geneigter Leser, teuerste Leserin, willkommen in Köln! Nur zu, treten Sie näher, betreten Sie Colonia Agrippina. Wir sind eine freie Reichsstadt, und jeder ist willkommen, vor allem, wenn er Handel zu uns bringt. Nun ja, nicht jeder. Ketzer sehen wir hier nicht so gerne. Vor ein paar Jahren hat unser Erzbischof Herrmann von Wied die Schriften Luthers öffentlich verbrennen lassen, aber das muss man verstehen. Mit dem Weiterbau des Doms will es einfach nichts werden, seit die Spenden und der Erlös aus dem Ablassgeschäft zurückgehen. Betrachten Sie doch das traurige Ergebnis: ein Südturm, der einem verfaulten Zahnstummel gleicht, mit einem Holzkran, der seit Jahren, ach was, Jahrzehnten vor sich hin modert; und ein Querhaus, das gibt es überhaupt nicht. Dagegen muss man etwas unternehmen, sonst ist unser Bestreben, den größten und schönsten Dom im Reich zu erbauen, bald endgültig zum Scheitern verurteilt.

Am heutigen Sonntag allerdings wird Seine Exzellenz der Erzbischof nicht über die Übel der Ketzerei predigen. Dass er überhaupt spricht, ist ungewöhnlich; an vielen Sonntagen lässt er sich vertreten, von seinem Koadjutor Adolf von Schaumburg. Das ist ein Mann mit Zukunft, heißt es bei uns in Köln, ein kluger, feiner Herr, der es noch selbst zum Bischof bringen könnte. Nun schaut er für gewöhnlich ernst drein, aber gar so viele Falten wie heute, die hat er sonst nicht auf der Stirn. Und sehen Sie, wie er zum Dom schreitet? Mit hängenden Schultern, als wäre er ein armer Sünder vor der Kirchbuße und nicht der engste Vertraute des Erzbischofs, dem er auch heute wieder bei der Predigt beistehen wird. Was sich dahinter wohl verbirgt, das möchten unsere klatschfreudigeren Mitbürger gerne wissen und beschließen, sich doch zur Sonntagsmesse sehen zu lassen. Womöglich liegt ihm der Tod des Tuchhändlers Imhoff im Magen, ist doch die Imhöffin sein Beichtkind und gewiss untröstlich. Auch wenn böse Zungen meinen, was sie am meisten vermissen werde, seien die rauschenden Feste, die ihr Gemahl zu veranstalten pflegte. Ganz in Brüsseler Spitze und Seide hat er sie immer gekleidet, der Andreas Imhoff, und wie gut hat sie es getragen! Eine Schönheit, unbestritten, unsere Agnes Imhoff, und so mancher Kölner hat den verstorbenen Andreas um sie beneidet. Und eine liebenswerte Gastgeberin war sie auch. Jeder ist gerne zu ihren Festen gegangen. Nicht, dass jeder eingeladen war. Ein Auge auf reiche Gäste hat Andreas Imhoff schon gehabt, oder wenigstens auf solche, die seinem Geschäft nützen konnten.

Der sehnige Kerl mit den aschblonden Haaren zum Beispiel, der jetzt gerade auf den Dom zueilt, der war eingeladen. Ein englischer Kaufmann, Richard Charman geheißen; niemand hat sich gewundert, dass er bei den Imhoffs gerne gesehen war, bei seinem Geld. An der Messe teilgenommen hat er dagegen noch nie, und es wundert, ihn heute hier zu sehen. Ob die Engländer noch als richtige Christen zählen, ist eine knifflige Frage, seit ihr fetter König Henry es sich in den Kopf gesetzt hat, sich selbst zum Oberhaupt seiner Kirche zu ernennen, obwohl er doch den Luther hasste wie die Pest. Aber nun herrscht ja seine älteste Tochter Maria, die eine ordentliche Katholikin ist, und vielleicht will Meister Charman sich schon einmal auf ein gut katholisches Leben einstimmen, ehe er auf seine Insel zurückkehrt. Nach der sauren Miene zu schließen, die er gerade zieht, stimmt ihn die Aussicht darauf nicht eben glücklich. Nehmt Euch zusammen, Gevatter! Wenn Seine Exzellenz predigt, gibt man sich als Zuhörer beeindruckt, will man hier in Köln weiterhin reüssieren. Der Mann, auf den Ihr gerade zueilt, wird Euch genau das Gleiche raten. Helmbert Bellendorf ist Anwalt, und er weiß, wie wichtig es ist, sich mit der Kirche gut zu stellen.

Er ist außerdem endlich einmal jemand, der freudig beschwingt durch die Gegend stolziert, statt schmerzlich die Augen zu verdrehen, und das heißt bei ihm gewiss, dass er einen neuen Fall am Haken hat. Einen fetten, einträglichen, denn für weniger ist er nicht zu haben, unser Meister Bellendorf. Schaut ihn an, geneigte Leserin, teurer Leser. Das ist spanische Seide, die er trägt, und sein Siegelring ist wuchtig genug, um auf drei Finger einer weniger zupackenden Hand zu passen. Ein solcher Mann übernimmt keine Fälle, bei denen er sich nicht einen klaren Sieg verspricht.

Gespannt ist man bei unseren Kölnern schon sehr, denn die Gerüchteküche hat seit dem Tod des Imhoffers nicht aufgehört zu brodeln, und jeder will wissen, welche Leichen denn noch in den so gut bestückten Kellern verborgen sind. Schließlich strömen sie nicht alle zu unserem immer noch nicht fertig gebauten Dom, um von den Leiden Christi zu hören. Abgesehen vielleicht von solchen treuen Seelen wie die kleine Magd Stingin, die bei den Imhoffs im Dienst war und jeden Tag mit den Knien den Kirchboden glattwetzt, seit ihr Herr gestorben ist. Dabei hat sie nie den Eindruck gemacht, sehr an ihm zu hängen. Wenn man sie ihre Herrschaft rühmen hörte, dann war es immer Agnes’ Name, den sie im Mund führte, und sie kam aus dem Loben und Preisen der Imhöffin gar nicht mehr heraus. Nur seit dem Tod des Andreas ist sie mit Stummheit geschlagen, wenn sie nicht gerade betet und den süßen Herrn Jesus um Gnade bittet. Aber Stingin ist eben eine Magd, und niemand achtet auf sie.

Die Gevatterin dagegen, die jetzt die Kirche betritt, weiß, wie man Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dabei ist sie bloß mit einem Hutmacher verheiratet, die Gerlin Metzeler, nicht mit einem reichen Tuchhändler wie Andreas Imhoff. Aber so, wie sie die Treppe zum Dom hinaufschreitet, könnte sie eine Königin sein, hochgewachsen, elegant und unbekümmert darum, wessen Blicke auf ihr ruhen. Sie taucht beileibe nicht jeden Sonntag zur Messe auf, ganz wie ihr verstorbener Vater, ein unmöglicher Mensch mit einem heidnischen Namen aus dem fernen Norden, aber heute ist sie hier. Vielleicht, um ihrer Cousine zur Seite zu stehen, der Witwe Imhoff? Dabei sollen die beiden nicht immer ein Herz und eine Seele gewesen sein. Einige unserer Bürger beschwören, dass der verstorbene Andreas zuerst um Gerlin warb, ehe er sich für Agnes entschied, aber das ist nun schon Jahre her. Sie hat dann den Hannes Metzeler genommen, die blonde Gerlin, und ihm drei Söhne geschenkt, so dass sie wohl mit ihrem Schicksal zufrieden ist, auch wenn ihr Gatte häufiger die Schenken heimsucht, als es für sein Geschäft gut sein kann. Heute Morgen scheint er nüchtern zu sein, aber er geht einen halben Schritt hinter seiner Gattin und kneift die Augen zusammen im hellen Licht der Septembersonne. Es war wohl wieder eine lange Nacht gestern. Gerlin achtet nicht auf ihn. Stattdessen schaut sie sich um, als warte sie auf jemanden, und tatsächlich, da kommt sie: Agnes Imhoff, in dunklen Witwenkleidern, wie es sich geziemt, mit ihrer kleinen Tochter an der Seite.

Einen Nachfolger für das Geschäft ihres Gemahls hat sie noch nicht gefunden, die Imhöffin, und sie hat auch keinen Bruder, Schwager oder Vater, der sie zur Messe geleiten könnte. Sie kommt alleine. Manche Leute fragen sich, wie lange das so bleiben wird: Eine reiche Witwe, schön und von angenehmer Wesensart, noch jung genug, um weitere Kinder zu bekommen – nach so einer Partie leckt sich doch jeder die Finger. Aber es gibt auch andere Gerüchte. Gerüchte, die besagen, dass es mit den Geschäften des Tuchhändlers Imhoff zum Schluss gar nicht so gut stand. Eine arme Witwe mit einem kleinen Gör, das zu jung ist, um verheiratet zu werden, und einem nur auf der Tasche liegt, ist natürlich eine ganz andere Angelegenheit. Zwar soll ihr der verstorbene Andreas vor seinem Tod sein gesamtes Hab und Gut überschrieben haben, doch wenn davon nichts mehr vorhanden ist, nützt es niemandem, nicht wahr? Ein Mann will schließlich wissen, wo er steht, und so gibt es niemanden, der sie anspricht, um ihr sein Geleit anzutragen.

Manche Augen richten sich auf den Engländer, der so häufig bei Imhoffs ein- und ausging. So verbunden war er dem Ehepaar, dass er ihnen Geld geliehen haben soll, und nicht nur kleine Summen. Springt Richard Charman der Witwe Imhoff zur Seite, begrüßt er sie zumindest, wie es einem alten Gastfreund gebührt? Das tut er nicht. Stattdessen wendet er sich ab.

Oh, teurer Leser, mir scheint, wir müssen das Schlimmste annehmen. Richard Charman will sein Geld zurückhaben und hält es offenbar nicht für möglich, auf friedliche Weise zu seinem Recht zu kommen. Meister Charman, da seht Ihr, wohin es führt, wenn man sein Vermögen für weltliche Dinge ausgibt. Hättet Ihr die gleiche Summe für den Bau des Doms gespendet, dann hätten wir alle etwas davon gehabt, und unsere Nachkommen noch dazu. Meint Ihr wirklich, dass die schöne Agnes es Euch wiedergeben kann? Immerhin war es ihr Gemahl, der Schulden machte. Wie es bei Euch Engländern zugeht, mag der Himmel wissen, aber hierzulande darf man treue Gattinnen eigentlich nicht für das belangen, was ihre Männer ausgegeben haben. Doch das weiß Helmbert Bellendorf nur zu gut, keiner besser als er, und wenn er trotzdem so siegesgewiss in die Gegend schaut, nun, dann muss es noch andere Umstände geben, die unseren Kölnern noch nicht bekannt sind.

Die Imhöffin grüßt ihre Cousine Gerlin Metzeler und betritt mit ihr den Dom. Ungeachtet des Anlasses kann niemand leugnen, dass es sich bei den beiden um den schönsten Anblick von Köln handelt. Wäre er nicht auf eine Art zu Tode gekommen, die uns allen Rätsel aufgegeben hat, würde ich sagen, dass jeder Mann gerne in den Schuhen des verstorbenen Andreas gesteckt hätte. So eine Wahl zu haben, wer wünschte sich das nicht?

Bis auf Seine erzbischöflichen Gnaden, versteht sich. Bischöfe anderen Ortes mögen es mit ihrem Gelübde nicht so genau nehmen und als Domherren uneheliche Söhne versorgen, zusammen mit ihrer ehelichen Verwandtschaft, doch bei uns in Köln herrschen keine solch lockeren Zustände. Nun, zumindest nicht bei dem derzeitigen Amtsinhaber. Nein, unser Erzbischof ist ein vorbildlicher Kirchenfürst, der jetzt, gestützt von dem jungen Adolf, zur Kanzel schreitet, um mit seiner Predigt zu beginnen.

»Wer ohne Schuld ist«, zitiert er aus dem Johannisevangelium, »der werfe den ersten Stein.«

Nun sind wir in Köln alle gute Katholiken, die des Doktor Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche nicht mit spitzen Fingern anfassen würden, doch Sie, meine geschätzten Leser, dürfen mir ruhig gestehen, dass Ihnen der Satz bekannt vorkommt. Ganz recht, das ist es, was unser Herr Jesus Christus sagte, als ihm die Priester und Schriftgelehrten die Ehebrecherin brachten, die für ihre Sünde mit dem Tod durch Steinigung büßen sollte. Was um alles in der Welt will der Erzbischof ausgerechnet mit dieser Stelle aussagen? Ein Wespennest brummt, summt und braust nicht aufgeregter als die Zuhörer nach dieser Lesung.

Wollen Sie mehr erfahren? Dann blättern Sie weiter, edler Leser, vortreffliche Leserin. Blättern Sie und hören Sie von Korruption und Gerechtigkeit, von Liebe und Ränke, von Macht und dem Kampf um Wahrheit. »Was ist Wahrheit?«, fragte einst Pilatus, und hier in Köln haben wir eine Antwort darauf. So dachten wir jedenfalls …

KAPITEL 1

Oktober 1534

»Du hältst dich für den besten Advokaten der Stadt, Mathis von Homburg«, sagte Elspeth giftig, »aber deine Töchter standesgemäß zu verheiraten, das gelingt dir nicht.« Ah, dachte Mathis, darum ging es mal wieder, und stieß einen gequälten Seufzer aus.

Seine Frau funkelte ihn an, als sie sich ihm gegenüber niederließ. Ihre Leibesfülle, wie immer in ein zu enges Mieder gezwängt, umgab sie fest wie ein Panzer, und ihr üppiger Busen wogte im Takt der Bewegungen.

»Elspeth, nicht am Frühstückstisch, ich bitte dich«, sagte Mathis und warf seinen Töchtern einen hilfesuchenden Blick zu.

Von Gret erntete er ein zaghaftes Lächeln, doch Anna, die Erstgeborene, saß steif neben ihrer Mutter und runzelte die Stirn. Er zuckte mit den Schultern und widmete sich den Scheiben kalter Ochsenbrust auf seinem Teller.

»Wie lange soll Anna noch warten?«, ereiferte sich seine Frau. »Ihre besten Jahre schwinden dahin, während ihr Vater nichts Besseres zu tun hat, als seine Nase in Bücher zu stecken, um Schlitzohren und Halsabschneider vor dem Galgen zu retten.«

Elspeth hatte noch nie Verständnis für seinen Beruf gehabt. Er sah zu, wie sie sich die Butter besonders dick aufs Weißbrot schmierte und Honig darüber träufelte.

»Ich wünschte, du hättest so ein Glück wie die Imhoff«, sagte sie zu Anna. »Die hat einen reichen Mann aus allererster Familie ergattert. Jetzt ist sie Witwe, und das Vermögen gehört ihr.«

Gierig biss sie ins Brot und kaute genüsslich. Eine Honigspur klebte ihr am Kinn. Plötzlich hatte Mathis keinen Hunger mehr und schob den Teller weg.

»Ich muss fort«, sagte er und erhob sich.

»So einen wie den Imhoff solltest du für deine Tochter finden.« Elspeth leckte sich die Finger ab. »Mein Gott, die Kleider, die die Frau trägt. Und wie sie durch die Stadt stolziert, als gehörte ihr halb Köln.«

»Ich bezweifle, dass die Ehe besonders glücklich war«, sagte Mathis kühl, während die Magd ihm in seine knöchellange, pelzverbrämte Schaube half.

»Wie kommst du darauf? War doch ständig ein Kommen und Gehen in ihrem Haus. Die schönsten Feste in ganz Köln. Speise und Trank vom Feinsten. Hast du vergessen, wie oft wir selbst geladen waren?«

»Jemand soll sie verklagt haben«, sagte Gret. »Weißt du davon, Vater?«

Natürlich wusste er. Es war ja schon Stadtgespräch. Die schöne und angesehene Agnes Imhoff wurde vor den Richter gezerrt. Um Betrug sollte es gehen. Und dann noch der seltsame Tod ihres Mannes. Zum Mäulerzerreißen gab es kaum Genüsslicheres.

»Nichts von Bedeutung, mein Schatz.« Von Homburg verabscheute jedes Getratsche, und in den langen Berufsjahren war ihm Verschwiegenheit zur zweiten Natur geworden.

»Hat jemand meine Lesegläser gesehen?« Als er sie nicht auf dem Tisch finden konnte und alle den Kopf schüttelten, erfasste ihn ein Anflug von Panik, denn ohne Lesegläser war das Arbeiten unmöglich geworden.

»Sie waren doch eben noch da.«

»Ihr habt sie am Hals baumeln, Herr«, sagte die Magd.

Tatsächlich. Erleichtert setzte er sich sein dunkles Barett auf den Kopf. Es ließ ihn größer erscheinen, wie er fand, und gab ihm etwas Würdevolles. Er beugte sich vor, um seine Töchter auf die Wangen zu küssen, nickte seiner Frau zu und verließ das Haus.

 

Die Familie von Homburg bewohnte ein geräumiges Anwesen in der Mühlengasse, an der Ecke zum Alten Markt und ganz in der Nähe des Doms. Mathis zog den breiten Pelzkragen der Schaube enger um den Hals, denn das schöne Oktoberwetter war einem grauen, nieseligen Tag gewichen, Vorbote des nasskalten Winters, wie er am Niederrhein üblich ist.

Doch das kühle Wetter tat ihm gut. Es ließ sich besser denken. Entgegen seinen üblichen Gewohnheiten entschloss sich Mathis zu einem Spaziergang, denn in Wahrheit hatte er gar keinen Termin am Vormittag. Mit dem gewaltigen Südturm des Doms im Rücken, der von einem hölzernen Baukran überragt wurde, marschierte er Richtung Rheinufer.

Gott bewahre, wenn Elspeth von den heimlichen Angelegenheiten erführe, in die er verwickelt war und die gefährliche Folgen für ihn und die Familie haben könnten.

Am Ufer angekommen, erfasste ihn eine Windböe, bauschte den Mantel, wollte ihm das Barett entführen. Es roch nach Fisch und Algen. Vor ihm auf dem Rhein, den Möwen gleich, schwankte ein Segel in der Brise und hielt gegen die Strömung an. Es war eines jener schlanken Flussboote, das sich geschickt mithilfe von Wind und Ruder an den Kai treiben ließ, wo fleißige Hände die Leinen fingen. Fröhliche Begrüßungen, Scherze flogen hin und her. Eine Weile schaute er zu, dann schlenderte er weiter.

Lastkähne wurden beladen, Fischer landeten ihren Fang, und die ersten Dirnen lauerten frierend auf ortsfremde Seeleute, denen die Heuer in der Tasche brannte. Das übliche Bild am Kölner Flussufer, dessen Einzelheiten er kaum wahrnahm, da ihn Wichtigeres beschäftigte.

Obwohl er jeden Sonntag zur Messe ging und oft mehr als andere dem Opferstock zuwendete, war er kein Eiferer im Glauben. Die Rituale ließen ihn ohne innere Beteiligung, in der Beichte sah er keinen Sinn mehr. Was ging es einen Pfaffen an, was er seinem Gott zu sagen hatte?

Im Gegensatz zu Elspeth, die streng an der alten Kirche festhielt, war ihm die Heuchelei der Geistlichkeit unerträglich geworden. Wie hatte man nur auf den aberwitzigen Einfall kommen können, Gottes Vergebung in Form von Ablassbriefen zu verkaufen, nur um in Rom das mit der Leichtgläubigkeit der Menschen ergatterte Geld bei Orgien und Festgelagen zu verprassen?

Irgendwann hatten ihn Luthers Gedanken beeindruckt. Trotz seiner gemäßigten Haltung und Abscheu gegenüber jeder Art von Aufruhr hatte er mehr über den neuen Wind erfahren wollen, der durch Gottes Kirche wehte, hatte Luthers Schriften gelesen, die im Stillen und unter der Hand herumgereicht wurden. Und aus anfänglicher Neugier war Überzeugung geworden. Die Neuordnung der Liturgie, die Abschaffung des Zölibats, die Rückbesinnung auf die reine Verkündung Jesu, all dies hatte ihn angesprochen. Wahrhaft begeistert aber war er über die neue Christenfreiheit, wie Luther sie verkündete. Niemand sollte mehr zwischen dem einzelnen Menschen und seinem Gott stehen. So war eines zum anderen gekommen, und nach ersten heimlichen Treffen hatte Mathis sich schließlich den Protestanten, wie sie sich nannten, angeschlossen. Niemand wusste davon, am wenigsten Elspeth.

Jetzt, siebzehn Jahre nach Luthers Thesen, war der Protest stärker denn je. Leider gab es neben besonnenen Stimmen auch wirre Volksverhetzer, die zu Brand und Bilderstürmen riefen. An vielen Orten war offener Widerstand ausgebrochen, nur um blutig niedergeworfen zu werden. Anderswo wurden die Reformer vom Hochadel unterstützt, zweifellos aus selbstsüchtigen, politischen Gründen. Und doch erschien ihm all dies wie die Geburtswehen einer neuen Zeit.

In Köln aber hatte der Erzbischof und Kurfürst Hermann von Wied alles in fester Hand. Vor vierzehn Jahren hatte er Luthers Schriften öffentlich verbrennen lassen, und es war nicht so lange her, dass man die Prediger Fliesteden und Clarenbach auf den Scheiterhaufen gezerrt hatte. Außerdem hatte von Wied erst kürzlich ein Edikt erlassen, wonach geheime Versammlungen der neuen Lehre verboten, die »Winkelprediger« und deren Anhänger, wie es in der Schrift wörtlich hieß, »ohne alle Gnade zu strafen« und überhaupt »solches Unkraut auszurotten und zu vertilgen« sei.

Seitdem lebte Mathis in Angst und Schrecken. So sehr er sich der Sache verpflichtet fühlte, war er doch nicht zum Märtyrer geboren. Immer seltener hatte er den verbotenen Zusammenkünften beigewohnt. Schließlich musste er an die Zukunft seiner Kinder denken. Er würde sich zurückziehen. Gleich heute Abend war Gelegenheit, den anderen Brüdern die Entscheidung mitzuteilen.

Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er schon eine ganze Weile an der gleichen Uferstelle verharrt und in den Fluss gestarrt hatte. Ein breiter Anlegesteg ragte weit in die Strömung hinaus, und zwischen Holzpfeilern und Sandufer hatte sich durch angeschwemmtes Treibholz ein Winkel toten Wassers gebildet, auf dem Herbstlaub, Unrat und fauler Schleim schwappten.

Hier hatte man vor knapp zwei Monaten Andreas Imhoffs Leiche gefunden, mit dem Gesicht nach unten in der stinkenden Brühe treibend. Am Tag zuvor war der Mann noch bei guter Gesundheit gewesen, dann nur noch ein Stück Treibgut, das der Fluss ans Ufer gespuckt hatte. Der Gedanke ließ Mathis schaudern.

Dass gelegentlich Tote im Wasser trieben, war nicht ungewöhnlich. In einer großen Handelsstadt wie Köln führte manches Gesindel seine dunklen Geschäfte. Gewalt unter Rivalen, Messerstechereien zwischen Seeleuten, aufmüpfige Huren, Landstreicher, die sich zu Tode gesoffen hatten oder im Winter an einer Straßenecke erfroren waren. Genug unbekannte Opfer, die die Stadtwache kurzerhand in den Fluss warf, weil niemand für eine christliche Beerdigung zahlen wollte.

Dass man sich überhaupt die Mühe gemacht hatte, Andreas’ Leiche aus dem Wasser zu fischen, war nur seiner feinen Kleidung zu verdanken, denn ein toter Bürger verdiente selbstverständlich eine andere Behandlung. Laut Untersuchung hatte Andreas eine Kopfverletzung davongetragen. War es Mord gewesen? Oder nur ein Unfall? Vielleicht war er irgendwo von der Uferböschung auf einen Felsen gestürzt. Ein Rätsel, das zu allerlei Gerede und Mutmaßungen geführt hatte.

Beim Klang einer Kirchenglocke schreckte von Homburg hoch. Er wandte sich ab und machte sich eilig auf den Weg zu seiner Kanzlei, die sich auf der anderen Seite des Neumarktes befand.

Elspeth irrte, wenn sie Agnes Imhoff beneidete. Hinter der ehrbaren Fassade war ihr Mann Andreas in Wahrheit ein Spieler und Schelm gewesen, der es geschafft hatte, mit seiner Verschwendungssucht das elterliche Vermögen durchzubringen. Wer wusste dies besser als sein Anwalt? Hatte er, Mathis, ihn doch oft genug mit juristischen Kniffen aus einer brenzligen Lage gerettet.

Er zwängte sich durch das rege Treiben auf dem Neumarkt, wo ihn gelegentlich jemand ehrerbietig grüßte, was er mit einem gefälligen Kopfnicken beantwortete. Dann trat er in die Gasse, in der seine Kanzlei lag.

Das feine Fachwerkhaus gehörte einer ältlichen Witwe, und im Handelskontor ihres verstorbenen Gatten war die Kanzlei entstanden. Ein großer Vorraum, in dem sich seine zwei Schreiber an Stehpulten mühten, mit ein paar unbequemen Stühlen für Besucher und einer Regalwand, die vom Boden bis zur Decke mit Büchern und Folianten vollgestopft war. Nicht alle von besonderer Bedeutung. Doch sie vermittelten den Eindruck höchster Gelehrsamkeit, was die meisten von Mathis’ Mandanten gebührend einschüchterte, bevor sie das Allerheiligste, seinen eigenen Raum, betreten durften. Im hinteren Bereich des Hauses war das alte Lager zum Aktenarchiv umgestaltet worden, wo Aufzeichnungen der haarsträubendsten Geschichten aus zwanzig Jahren Anwaltspraxis schlummerten.

Mathis erklomm die drei Stufen und hatte kaum die Hand auf die Klinke gelegt, da wurde die Tür schon von innen aufgerissen. Im Rahmen stand Augustin, sein junger Gehilfe, und machte ein besorgtes Gesicht.

»Endlich, Meister, seid Ihr da«, flüsterte er. »Die Frau Imhoff wartet seit einer geschlagenen Stunde.«

 

Agnes Imhoff war selbst bei nüchterner Betrachtung eine äußerst anziehende Frau.

Sie erhob sich anmutig, als er das Barett vom Kopf riss und sich ihr nach einer Verbeugung näherte.

»Ich hatte noch anderweitig zu tun«, murmelte er entschuldigend, denn um diese Uhrzeit pflegte er längst bei der Arbeit zu sein. Seine Befangenheit ärgerte ihn, aber die Imhoff schien stets diese Wirkung auf ihn zu haben.

»Magister von Homburg«, sagte sie und lächelte etwas zaghaft, nicht so selbstbewusst, wie er sie sonst kannte, und es kam ihm vor, als ob ihre Augen feucht schimmerten. »Es tut mir leid, dass ich Euch so ganz ohne Ankündigung überfalle.«

Sie blickte ihm forschend in die Augen, als wollte sie sich vergewissern, ob er noch ihr Freund war, denn seit dem Tod ihres Mannes hatten sie sich nicht mehr gesehen.

»Es ist wie immer eine Ehre«, sagte er höflich.

Sie war fast so groß wie er und erlesen gekleidet, wie man es von ihr kannte. Ihr blassgelbes Seidengewand bestand aus einem langen Faltenrock, der die schmale Taille betonte, und bauschigen Ärmeln, unter deren Schlitzen die weißen Spitzen und Fältchen ihres Hemdes hervorlugten. Das dunkle Haar sittsam hochgesteckt, von einer Calotte umfasst, darüber aber ein keckes, mit Pfauenfedern besetztes Barett. Und ihr schulterbedeckender Goller stand vorne offen, so dass sein Blick sich einen peinlichen Augenblick lang in ihrem gut gefüllten Ausschnitt verfing.

Zum Glück rettete ihn Augustin, indem er seinem Meister Schaube und Kopfbedeckung abnahm.

»Ich bitte Euch, doch in meiner Stube Platz zu nehmen«, sagte von Homburg, immer noch etwas verlegen, und wies den Weg. Gut, dass jemand daran gedacht hatte, ein Feuer im Kamin zu entzünden. Er wies Augustin an, Erfrischungen zu bringen. Agnes nahm vor seinem alten Eichentisch Platz.

»Wie kann ich Euch behilflich sein, Frau Imhoff?«, fragte er, nachdem er sich ebenfalls gesetzt und gereizt einen Stapel Akten zur Seite geschoben hatte. Augustin musste mal wieder vergessen haben, sie einzuräumen.

»Es ist so«, antwortete sie, und ihre Stimme klang etwas zittrig. »Ich habe eine Vorladung erhalten. Zumindest glaube ich, dass es eine ist. Voller lateinischer Worte …«

Sie nestelte in ihrem Täschchen, das mit einem schmalen Riemen am Gürtel befestigt war, zog ein aufgebrochenes Dokument hervor und reichte es ihm über den Tisch.

»Ich habe schon gehört«, sagte er, faltete den Bogen auseinander und setzte umständlich seine Lesegläser auf. Er hielt sie mit einer Hand fest, denn sie hatten die dumme Angewohnheit, bei jeder unpassenden Gelegenheit herunterzufallen.

Er hatte kaum das Schriftstück mit dem Siegel des Kölner Ratsgerichts überflogen, als der junge Augustin auf einem Tablett eine Karaffe Wein und Becher hereinbalancierte. Etwas ungeschickt schenkte er Agnes ein, nicht ohne ihr einen unverhohlen bewundernden Blick zu schenken. Sie schien es nicht zu bemerken und dankte ihm mit ernstem Kopfnicken.

»Am besten bleibst du hier und machst Notizen«, sagte Mathis. Augustin sah erstaunt auf, denn dies war nicht des Meisters Gepflogenheit, aber aus unerfindlichen Gründen wollte er heute wohl nicht mit seiner Mandantin allein gelassen werden.

»Also«, von Homburg räusperte sich. »Es handelt sich um eine Klageschrift in Sachen Charman gegen Imhoff.« Er studierte den Inhalt noch einmal genauer. »Eine unbezahlte Lieferung, wie ich sehe.«

»Nun hat er also doch geklagt«, sagte sie, und die Tränen traten ihr in die Augen. Sie griff erneut in ihr Täschchen und zog ein spitzenbesetztes Tüchlein hervor, mit dem sie sich, sichtlich verlegen über diese Gefühlsregung, die Augen tupfte. »Er hatte mir versprochen, alles gütlich zu regeln.«

»Ihr habt dies mit dem Kläger persönlich besprochen?« Mathis nahm die Lesegläser ab und blickte sie erstaunt an. Doch sie nickte nur, ohne weitere Erklärung.

»In welchem Sinne gütlich?«, fragte er dann.

»Die Ware war verdorben, und Andreas hat sie zurückgeschickt. Deshalb hat er sie auch nicht bezahlt. Er war auf dem Weg gewesen, die Sache mit Charman zu klären. Und dann ist er auf unerfindliche Weise …« Sie ließ den Satz unbeendet.

»Ja«, sagte Mathis, peinlich berührt. »Mein tiefstes Beileid, übrigens.«

Agnes starrte stumm auf die Hände in ihrem Schoß, die das Tüchlein umkrampft hielten. Angespannt saß sie da, leicht vorgebeugt, als wagte sie nicht, sich anzulehnen.

»Eine ungewöhnlich hohe Summe«, ließ Mathis nach einer Weile vernehmen. Er steckte sich noch einmal die Lesegläser auf die Nase und studierte die Klageschrift. »Zweihundertachtzig Kölnische Mark Silber. Und alles in einer einzigen Bestellung. Wollte Andreas ganz Köln mit flandrischem Tuch ausstatten?« Den spöttischen Unterton hatte er sich nicht verkneifen können.

»Ich weiß es nicht«, hauchte sie.

Er deutete auf das Dokument. »Hier wird behauptet, die Ware sei keineswegs verdorben gewesen. Solches sei von Andreas nur vorgetäuscht worden. Außerdem habe er vor dem Rücktransport die flandrische Ware gegen schäbiges Tuch vertauscht. Stimmt das?«

»Wie soll ich das wissen, Meister Mathis?«

»Habt Ihr die Lager durchsucht?«

»Es ist nichts da, außer einem Kästchen mit billigem Bernsteinschmuck, einigen Ballen Wolle und einer großen Fuhre Holz aus Schweden.«

»Kein Tuch?«

»Nichts dergleichen.«

»Könnte er es weiterverkauft haben?«

Sie zuckte hilflos mit den Schultern.

»Hatte er kürzlich Umgang mit einem ortsfremden Kaufmann? Hat er nichts erzählt? Von einem großen Geschäft geredet?«

»Ich habe mich nie um Andreas’ Geschäfte gekümmert.«

Mathis schwieg einen Augenblick und dachte nach. Es war still in der Stube. Nur Augustins Federkiel war zu hören.

Agnes richtete sich plötzlich auf. »Was wollen die denn von mir? Andreas ist tot, und ich habe das Geld nicht.« Sie holte tief Luft, als ob ihr jemand die Kehle zuschnürte, was Mathis ungewollt dazu verführte, erneut auf ihren üppigen Busen zu starren. Rasch zwang er den Blick auf ihr Gesicht.

»Aber Ihr habt den Schuldschein mit unterschrieben.«

»Das habe ich immer getan. Andreas wollte es so.«

»Ihr müsst doch an seinen Geschäften beteiligt gewesen sein, wenn ihr regelmäßig unterschrieben habt. Warum sollte man das sonst tun?«

Agnes rang die Hände. »Nein. Ich schwöre es!« Es klang wie die Stimme eines gequälten Kindes. Aber dann fasste sie sich wieder. »Ich habe nichts damit zu tun«, sagte sie mit neuer Festigkeit. »In seine Geschäfte habe ich mich nie eingemischt. Außerdem war er mir gegenüber immer sehr verschwiegen. Frauen seien zu dumm fürs Geschäft.«

Als Mathis sie prüfend ansah, widerstand sie seinem Blick. Weit aufgerissene, hellbraune Augen starrten ihn an. Ihr Kinn war angehoben, die vollen Lippen fast trotzig geschürzt. Da war ein kleines Mal über ihrer rechten Oberlippe, das er bisher nicht bemerkt hatte.

Er wandte den Blick von ihr ab und sah aus dem Fenster. Ob sie wohl log? Unwahrscheinlich, dass Andreas seiner Frau nicht davon erzählt hatte. Immerhin handelte es sich um einen sehr großen Auftrag. Andererseits, seine Geschäfte waren oft undurchsichtig und bei Gott nicht immer sauber gewesen. Und seine geringschätzige Meinung von Weibern war allgemein bekannt.

»Hat sich eigentlich Näheres über den Tod Eures Gemahls ergeben?«, wandte er sich erneut an sie.

Sie schüttelte den Kopf. »Ein Unfall, wie es aussieht.«

Andreas’ Tod schien sie nicht sonderlich zu berühren.

»Er soll in den Rhein gefallen sein?«, fragte er etwas schärfer als beabsichtigt. »Einfach so?«

Bei seinen Worten breitete sich ein Anflug von Röte über ihr Gesicht. »Andreas hat gern getrunken.«

»Nur gut, dass er Euch noch kurz zuvor die Häuser überschrieben hat«, meinte er trocken.

Dabei handelte es sich um das Imhoff’sche Wohnhaus, ein schönes Bürgerhaus in guter Lage. Das war gewiss Einiges wert. Dazu das Gasthaus Zum kleinen Ochsen, von dessen Pacht sie lebte.

»Was geschieht jetzt?«, fragte sie atemlos wie ein flüchtiges Reh.

»Charman wird versuchen, sich das Geld bei Euch zu holen. Und wenn Ihr nicht zahlen könnt, wird er die Häuser pfänden wollen.«

»Oh, mein Gott«, rief sie und legte die Hände vor den Mund. Sie war plötzlich weiß wie ein Laken geworden. »Das ist alles, was ich besitze. Wo soll ich wohnen, wovon leben? Ich habe ein Kind. Wie soll ich es ernähren?«

Ihre Worte bestätigten seinen Verdacht. Vom Imhoff’schen Vermögen war nichts mehr vorhanden. Nach einer Pfändung würde sie womöglich mittellos sein. Dass Andreas irgendwo noch weitere Reichtümer versteckt haben könnte, bezweifelte Mathis. Er konnte nicht umhin, an die teure Mitgift seiner Töchter zu denken. Dies war kein Fall, an dem sich verdienen ließ.

»Nun«, sagte er, legte die Lesegläser weg und erhob sich. »So weit wird es gewiss nicht kommen.«

Agnes war aufgesprungen. Als er um den Schreibtisch herum auf sie zuging, erfasste sie seine Hände. »Ihr werdet mir helfen, Mathis, nicht wahr? Ich kann mich doch auf Euch verlassen?«

Nun hatte sie ihn beim Vornamen genannt. Er zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln, um seine Verlegenheit nicht zu zeigen. »Es sind immerhin noch drei Wochen bis zur Verhandlung. Ich werde mich melden.«

Doch sie wollte seine Hände nicht loslassen, hielt sich an ihnen fest wie eine Ertrinkende. »Ich habe doch niemanden«, flüsterte sie mit feuchten Augen.

»Es wird sich alles finden«, murmelte er und fasste sie sanft am Ellbogen, um sie hinauszugeleiten.

 

»Ihr wart wenig entgegenkommend, Meister«, sagte Augustin, nachdem Agnes Imhoff gegangen war. Von Homburg saß wie üblich hinter seinem Schreibtisch verschanzt und spielte mit den Augengläsern.

»Sie hat also Eindruck auf dich gemacht«, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen.

»Wem würde sie nicht gefallen, Meister?«, grinste Augustin.

»Ja, sie hat ihre Bewunderer, denke ich«, brummte Mathis. »Mir ist sie allerdings zu eitel. Sollte sich züchtiger kleiden. Von einer verwitweten Frau wird Bescheidenheit erwartet.«

»Ach Meister. Ich kann nicht glauben, dass Euch der Anblick einer schönen Frau so völlig kalt lässt.«

Mathis konnte sich für einen winzigen Augenblick ein kleines Lächeln nicht verkneifen, aber gleich runzelte er wieder die Stirn und blickte Augustin streng an. »Für uns ist sie keine Frau, sondern eine potentielle Mandantin. Ein bisschen Respekt, junger Mann. Und wir lassen uns nicht von Gefühlen leiten.«

»Ja, Meister.«

Manchmal fand von Homburg den Jungen etwas zu zwanglos und für sein Alter reichlich selbstbewusst. Außerdem legte er zu viel Wert auf seine äußere Erscheinung. Trug die Haare zu lang und war immer nach der neuesten Mode gekleidet, etwas, das Mathis verachtete. Woher der Bursche das Geld hernahm, war ihm ein Rätsel, schließlich zahlte er ihm kaum mehr als einen Hungerlohn.

Augustin von Küffen stammte zwar aus einer angesehenen Anwaltsfamilie, aber die Eltern waren beide vor etwa zwei Jahren verstorben. Sein Onkel hatte sich mit allerlei Winkelzügen das Familienvermögen unter den Nagel gerissen und den Neffen mittellos seinem Schicksal überlassen. Mathis, der mit Augustins Vater gut befreundet gewesen war, hatte sich seiner erbarmt und bei der Witwe eine Dachkammer für ihn gemietet. Und zu seiner Überraschung hatte sich Augustin vom anfänglichen Botenjungen zum fast unersetzlichen Gehilfen gemausert.

Mathis klemmte sich die Augengläser auf die Nase und studierte noch einmal die Klageschrift, die Agnes zurückgelassen hatte.

»Flandrisches Tuch. Ich wette, das war wieder so ein Imhoff’scher Schelmenstreich«, sagte er. »Wäre nicht das erste Mal. Ich habe schon lange darauf gewartet, dass es ein böses Ende nimmt.«

Er fluchte, als ihm die Gläser von der Nase unter den Schreibtisch fielen. Er hatte mal wieder vergessen, sie sich um den Hals zu hängen.

Augustin bückte sich und reichte sie ihm.

»Habt Ihr nicht oft bei ihnen verkehrt?«

»Natürlich. Der Mann war mit dem halben Stadtrat befreundet, und auf seinen Festen gingen die Hohen Herren ein und aus. Sollte ich solche Einladungen ausschlagen?«

»Dann werdet Ihr Frau Imhoff also vertreten.«

»Ich weiß nicht. Ein schwieriger Fall.«

»Aber sie hat doch nichts zu befürchten. Die Sache ist eindeutig.«

Mathis blickte erstaunt auf. »Aha, mein junger Meister Advokat«, sagte er spöttisch. »Vielleicht solltest du sie vertreten. Dann kann ich mir die Mühe sparen.«

»Aber Meister, für die Schulden ihres Mannes kann eine Ehefrau doch nicht belangt werden.«

»Und woher weiß der Herr das?«

»Ich studiere die Gesetzestexte, wenn Ihr bei Gericht seid.« Er sagte das ohne die geringste Verlegenheit.

»So ist das also«, murrte Mathis. »Anstatt dich um mein Archiv zu kümmern, wie es dir befohlen ist.« Er deutete auf den Stapel Akten, der immer noch seinen Schreibtisch zierte. »Das kannst du gleich wegbringen.«

»Aber es stimmt doch, was ich sage. Ich habe erst vor kurzem die Abschrift eines Gutachtens darüber gelesen. Bei uns im Archiv. Bezieht sich auf römisches Recht. Ein Senatsbeschluss aus dem Jahre 46. Danach ist es Frauen sogar untersagt, für ihre Ehemänner Bürgschaften einzugehen.«

»Nun ja. Solange die Imhoff nicht als eigenständige Geschäftsfrau handelte, hat sie nichts zu befürchten.«

»Soll ich schon mal die Akte für den Fall anlegen?«

Von Homburg betrachtete eingehend seine Fingernägel durch die Lesegläser. »Nein«, sagte er. »Ich werde sie nicht vertreten.«

»Aber warum um Himmels willen nicht?«

»In Wahrheit habe ich mich schon viel zu lange mit Andreas Imhoffs undurchsichtigen Geschäften herumgeplagt. Irgendwann macht man sich selbst dabei die Finger schmutzig. Wir werden uns diesmal heraushalten.«

Augustin sprang auf. »Aber sie ist nur eine Frau. Sie hat nichts mit den Geschäften ihres Mannes zu tun und sie braucht Hilfe. Ihr habt es doch gehört.«

»Dein Mitgefühl ehrt dich, Augustin. Obwohl man sich fragen muss, ob du genauso mitfühlend wärest, wenn sie weniger ansehnlich wäre. Aber glaub mir, so unschuldig kann sie nicht sein. Hast du nicht gesehen, wie sie sich gewunden hat, als ich den Tod ihres Mannes ansprach? Ich glaube nicht an einen Unfall. Hier geht es um mehr als Betrug. Dieser Fall ist wie ein Stein, den man besser nicht umdrehen sollte. Zu viele hässliche Würmer könnten sich darunter verbergen.«

»Aber …«

»Gleich morgen werde ich mit Ruprecht Balthasar sprechen. Ein guter Anwalt. Er hat in letzter Zeit ein wenig Pech gehabt. Er wird sich gern um die Sache kümmern. So, und nun geh und hol mir die Akte der Familie Altentorf. Wir können nicht den ganzen Tag vertrödeln.«

Augustin öffnete den Mund zum Widerspruch, enthielt sich jedoch einer Antwort, lud sich stattdessen den Stapel Akten auf den Arm und verließ mit steifem Rücken die Stube. Nur die Tür schloss er lauter als gewöhnlich.

Mathis lächelte über diesen Abgang. Natürlich würde sich der Junge mit seinen achtzehn Jahren noch gründlich die Hörner abstoßen müssen, aber man konnte schon erkennen, dass etwas aus ihm werden würde. Und falls er sich für den Anwaltsberuf entschlösse, würde Mathis ihn unterstützen.

Wenig später reichte ihm Augustin die angeforderte Akte herein. »Ein Bote von Dr. Hauser war gerade hier«, murmelte er etwas widerwillig.

»Und?«

»Er bittet Euch, bei ihm vorzusprechen. Es sei ungeheuer dringend.«

Von Homburgs Gesicht legte sich in Falten.

»Teufel noch eins«, knurrte er. »Wieso meinen die Herren Richter, sie können unsereins herumkommandieren, wie es ihnen beliebt?« Zähneknirschend kam er auf die Füße. »Der Hauser verhandelt den Fall Charman gegen Imhoff. Wenn der mich plötzlich sprechen will, hat das nichts Gutes zu bedeuten.«

KAPITEL 2

Oktober 1534 – 12. 11. 1534

Erster Verhandlungstag

Von Homburg hatte sich die Schaube übergeworfen und eilte nun missmutig durch die Gassen, das Barett gegen den erneuten Nieselregen tief ins Gesicht gezogen.

Statt in einer warmen Gaststube beim Mittagsmahl zu sitzen, musste er durch halb Köln hetzen. Zum Henker mit dem Mann, aber es half nichts. Einen Vorsitzenden des Ratsgerichts durfte man nicht warten zu lassen.

Trotz des ungemütlichen Wetters war die Stadt belebt, und als er durch die Spornmachergasse schritt, fasste ihn jemand am Ärmel.

»Ach, du bist es«, sagte er ein wenig ungehalten, als er Magnus Hansen, den beleibten Fellhändler, erkannte. »Ich habe es eilig.«

»Das sehe ich«, erwiderte Magnus behäbig. Der Mann trug seinen Bauch wie ein Aushängeschild biederen Wohlstands vor sich her. »Sehen wir uns heute Abend?« Hansen beugte sich vor, und Mathis konnte Bierdunst in seinem Atem riechen. »Unser übliches Treffen. Du warst schon lange nicht mehr bei uns, Bruder.«

»Nicht auf offener Straße«, flüsterte Mathis und sah sich ängstlich um. »Und nenn mich nicht Bruder.«

»Heute lesen wir aus der neuen Bibel.« Magnus zwinkerte ihm fröhlich zu.

»Ist das Alte Testament denn auch schon übersetzt?«

»Voll und ganz.«

»Wie seid ihr daran gekommen?«

»Elmer ist gerade aus Sachsen zurückgekehrt. Da kann man sie kaufen. Druckfrisch, sag ich dir.«

Luthers Neues Testament war schon vor zwölf Jahren erschienen, und auch Mathis besaß eine der verbotenen Ausgaben. Der Wunsch, endlich eine vollständige Bibel in deutscher Sprache in der Hand zu halten, war auch in ihm übermächtig.

»Noch etwas«, raunte Magnus Hansen hinter vorgehaltener Hand. »Heute ist ein Prediger aus Münster dabei. Du musst unbedingt kommen.«

Mathis erschrak. »Seid ihr des Wahnsinns?« Mühsam versuchte er, seine Stimme leise zu halten. »Du weißt doch, was sie mit denen machen, die sie erwischen.«

Drei Frauen in Ordenstracht kamen ihnen entgegen. Die beiden Männer lüpften höflich ihre Kopfbedeckungen und schwiegen betreten.

»Jetzt hab dich nicht so«, raunte Magnus, als die frommen Frauen sich entfernt hatten. »Wir müssen zusammenstehen. In allen deutschen Landen. Nur so kann sich die neue Lehre durchsetzen.«

»Wenn wir nicht alle vorher am Galgen enden«, zischte Mathis ärgerlich zurück.

Protestantische Eiferer hatten mit Gewalt ganz Münster an sich gebracht. Es herrschte Zügellosigkeit und Vielweiberei. Katholiken wurden vertrieben oder umgebracht. Jan van Leiden, der selbsterklärte König der Wiedertäufer, schlug ihnen auf dem Marktplatz eigenhändig den Kopf ab. Und seit Monaten belagerten bischöfliche Truppen die Stadt. Es konnte nur ein böses Ende nehmen.

»Ich muss weiter.« Frostig nickte er Magnus zu und eilte davon. Das heutige Treffen war auf jeden Fall zu meiden. Wenn man sie mit so einem Aufrührer ertappte … Nicht auszudenken!

 

»Mein lieber von Homburg!«

Dr. Hieronymus Hauser kam ihm freundlich lächelnd entgegen, nachdem ein ältlicher Diener ihm Barett und Schaube abgenommen hatte.

»Bei dem Wetter setzen wir uns doch besser ans Feuer.«

Der Richter führte seinen Gast zu gepolsterten Stühlen, die im Halbkreis um einen kleinen gemauerten Kamin standen, in dem ein Feuer loderte. Kein Wunder, dass es hier so stickig ist, dachte Mathis und nahm Platz.

»Ihr gönnt Euch doch ein Schlückchen Wein, oder?«

Hauser trug seinem Diener eine Bestellung auf, ohne auf Mathis’ Antwort zu warten. Händereibend trat er an den Kamin, als wäre ihm kalt.

Ein kleiner Mann war dieser Richter Hauser, aber drahtig und mit hellwachen braunen Augen. Überhaupt war alles an ihm in dunklen Tönen gehalten, von der Haarfarbe, über die matte Haut bis hin zum hochgeschlossenen, schwarzen Wams und den passenden Kniehosen. Das einzig Auffällige an seiner Person war der große, goldene Siegelring an der rechten Hand, den die Richter der Stadt als Zeichen des kirchlichen und weltlichen Rechts trugen.

Mathis nahm einen Weinkelch aus der Hand des Dieners entgegen. Ein venezianisches Meisterwerk aus geschliffenem Kristall. Auch nach der Ausstattung des Raumes und den erlesenen Möbeln zu urteilen, schien Hauser ein Freund von Bequemlichkeit und verschwenderischer Fülle zu sein. Lebte dieser Mann über seine Verhältnisse?

»Auf Euer Wohl.« Der Richter lächelte ihm zu, worauf sich beide einen Schluck genehmigten.

Von Homburg war entschlossen, wachsam zu bleiben, denn Hausers umgängliche Art hatte schon manchen unbedarften Anwalt aufs Glatteis geführt. Sein Verstand war so scharf und giftig wie der Dolch eines Borgias. Nannten sie ihn deshalb nicht den »Kardinal«? Oder war es wegen seines heiligen Namenvetters, des Verfassers der Vulgata, der ersten lateinischen Bibel? Bei dem Gedanken an Bibelübersetzungen fühlte Mathis sich auf einmal unwohl in seiner Haut.

»Schön, dass wir wieder einmal das Vergnügen haben, gemeinsam für die Gerechtigkeit zu wirken«, eröffnete Hauser das Gespräch und schenkte ihm ein weiteres, warmes Lächeln.

»Wie darf ich das verstehen?«

»Der Fall Imhoff. Ich gehe davon aus, dass Ihr die Dame vertreten werdet. Andreas Imhoff war doch Euer Mandant.«

»Ich hatte im Gegenteil vor, den Fall abzugeben.«

Hausers Lächeln kühlte sich merklich ab. »Es wird Euch bekannt sein, dass Andreas Imhoff kurz vor seinem Ableben den gesamten Besitz seiner Gemahlin Agnes überschrieben hat.«

»Ich selbst habe die Dokumente aufgesetzt.«

Hauser nickte verdrossen. »Ihr wisst so gut wie ich, dass diese vermaledeite Praxis überhandgenommen hat. Fast immer in betrügerischer Absicht, um sich Verpflichtungen zu entziehen.«

»Das muss das Gerichtsverfahren ergeben.«

»Ganz recht. Und das Verfahren Charman versus Imhoff bietet dazu eine ausgezeichnete Gelegenheit. Deshalb brauche ich Euch, denn kein anderer Anwalt kennt die Verhältnisse der Imhoffs so gut wie Ihr.«

Mathis bedachte den Richter mit einem misstrauischen Blick. »Ich kann wohl kaum aussagen … die Schweigepflicht.«

»Das weiß ich doch selber.« Dr. Hauser warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. »Nein, nein. Ihr sollt die Imhoff ganz ordentlich vertreten. Mit einem kleinen Unterschied: Die Gerechtigkeit verlangt, dass wir endlich diesem Treiben ein Ende bereiten und ein Exempel statuieren.«

»An Agnes Imhoff.«

»So ist es.«

»Um wessen Gerechtigkeit handelt es sich denn?«

Dr. Hauser bedachte Mathis mit einem strengen Blick, denn der beißende Spott war ihm nicht entgangen. »Um die des Deutschen Reiches«, sagte er würdevoll. »Auf Wunsch von höchster Stelle. Genügt Euch das?«

Mathis saß lange verdutzt auf seinem Stuhl und dachte nach. Dann erhob er sich. »Es tut mir leid«, sagte er leise. »Dazu gebe ich mich nicht her.«

Hausers linke Hand spielte ohne Unterlass mit dem richterlichen Siegelring an seinem Finger.

»Oh, ich glaube schon, mein Guter«, entgegnete er kühl. »Setzt Euch wieder hin. Wir sind noch nicht fertig.« Er nahm einen Schluck Wein und schmatzte ein wenig mit den Lippen. »Ein feines Tröpfchen, findet Ihr nicht?«

Mathis war trotzig entschlossen, stehen zu bleiben.

»Was Ihr verlangt, ist gegen geltendes Recht. Der Anspruch gegen Frau Imhoffs Besitz ist ungültig. Sie wird ohne Zweifel den Prozess gewinnen.«

»Warum wollt Ihr sie dann nicht vertreten?«

»Ich habe … persönliche Gründe.«

Stumm blickte Mathis dem Richter in die Augen, als wollte er sagen, das ginge ihn zum Teufel nichts an.

Hauser lächelte dünn. »Wie dem auch sei, Ihr werdet mir helfen, die Sache zu meiner Zufriedenheit abzuschließen. Natürlich bleibt diese kleine Absprache unter uns, wir verstehen uns, nicht wahr?«

»Und wenn ich mich weigere?«

Es war unerträglich heiß im Raum, und Mathis spürte, wie sich Schweiß auf seiner Stirn bildete. Richter Hauser starrte ihn aus kalten Augen an. Wie der Habicht seine Beute, dachte Mathis.

»Das würde Euch schlecht bekommen, denn ich weiß sehr wohl, mit welchem ketzerischen Gesindel Ihr Euch abgebt. Der Erzbischof und die Heilige Inquisition würden sich ein Fest daraus machen. Mit einem Freudenfeuer als Abschluss sozusagen.« Er lachte herzlich über seinen kleinen Scherz.

Von Homburgs Herz krampfte sich in der Brust zusammen, und es war ihm einen Augenblick lang, als könnte er nicht atmen. In grellen Farben sah er die zuckenden Flammen des Scheiterhaufens vor sich. Jesses Maria! Bevor ihm die Knie den Dienst versagten, ließ er sich in den Stuhl fallen.

»Mir persönlich ist es gleich, mit wem Ihr Eure Abende verbringt«, hörte er Hauser wie aus weiter Ferne sagen. »Und wenn wir uns in dieser Sache verstehen, soll es Euer Schaden nicht sein.«

 

Agnes Imhoff war sichtlich erfreut darüber gewesen, dass er sie vertreten würde.

»Ich bin Euch so dankbar, Meister von Homburg«, hatte sie gesagt und lange seine Hand gedrückt. »Nun ist mir nicht mehr bange.«

Eiligst hatte er sich davongemacht. Wie ein Schuft war er sich vorgekommen. Auch wenn er Zweifel bezüglich Agnes’ Unschuld hegte, war es mit seiner Berufsehre unvereinbar, ein solch schändliches Spiel mit ihr zu treiben. Er wusste nicht, wen er mehr hasste, den Kardinal oder sich selbst.

Die nächsten Tage hatte er in übelster Laune mit der Vorbereitung zweier weiterer Prozesse verbracht, Augustin hin und her gescheucht und die beiden Schreiber mit Diktaten, kleinlichen Berichtigungen und Neuabschriften schier zur Verzweiflung getrieben.

Schließlich graute kalt und verhangen der erste Prozesstag. Dünne Nebelschlieren krochen vom Fluss herauf und erste Schneeflocken trieben durch die Gassen, sammelten sich in windgeschützten Ecken, um bei zunehmendem Tageslicht zu zerfließen und in Pfützen überzugehen.

Es war der zwölfte Tag des Monats November, und von Homburg schritt eilig, dick in Schal und Schaube gehüllt, auf seine Kanzlei zu. In der Spornmachergasse kreuzte ein halbes Dutzend Berittener seinen Weg. Helme und Brustpanzer glänzten feucht im fahlen Licht, und an ihren Abzeichen und Wimpeln erkannte Mathis sie als Soldaten der erzbischöflichen Leibgarde. Ein Anblick, der ihn neuerdings beunruhigte. Er versuchte, die Beklemmung zu verscheuchen und seine Gedanken auf das bevorstehende Verfahren zu lenken.

Ganz Köln schien dieser Tage nichts Besseres im Sinn zu haben, als über den vermaledeiten Prozess zu tratschen. Um Unsummen von Geld ginge es, wurde geflüstert, um schnöden Betrug, vielleicht sogar um Mord. Und Meinungen gab es so viele wie Klatschmäuler. Dieser hochmütigen Imhoff geschähe es nur recht, sagten die einen. Eine arme Witwe vor Gericht zu zerren, darüber entrüsteten sich andere. Überhaupt, was diesem Engländer einfiel, brave Kölner Bürger zu verklagen. Dazu das hartnäckige Gerücht eines flämischen Komplotts. Schließlich wusste jeder, dass alle Flamen Protestanten waren und den Kölnern übel wollten.

Von Homburg schloss die Tür auf und ärgerte sich, dass er wie so oft der Erste in der Kanzlei war. Hatte Augustin verschlafen? Die Räume lagen in dämmrigem Halbdunkel. Wo zum Teufel hatten sie wieder die Zunderbüchse versteckt? Schließlich fand er sie auf dem Kaminsims, wo sie eigentlich immer lag. Mit seinen schlechten Augen und den Händen steif vor Kälte hantierte er unbeholfen mit Stahl und Feuerstein, bis es ihm endlich gelang, den Zunder zu entfachen und eine Kerze anzuzünden.

Mit den Augengläsern in der Hand begann er, alle Aufzeichnungen und Dokumente des Falls in seine abgewetzte Ledertasche zu stecken. Dann setzte er sich, immer noch in Mantel und Schal gehüllt, auf seinen Stuhl, schob die Hände zum Wärmen in die Ärmel und dachte nach.

Wie immer vor einer Verhandlung versuchte er sich in den Anwalt der Gegenseite zu versetzen. Dieser Helmbert Bellendorf lebte seit Jahren in England. Er war vor Tagen angereist und hatte sich im feinsten Gasthof der Stadt einquartiert. Ein viel gerühmter Anwalt mit einem gewissen Ruf von Gerissenheit. Mehr hatte er bei den Kölner Kaufleuten, die Verbindungen nach London hatten, nicht herausfinden können.

Von Homburg hatte Agnes noch einmal eindringlich befragt. Sogar Leute, die im Imhoff’schen Kontor und Lager beschäftigt gewesen waren. Sie hatte sich dort nie sehen lassen, was für ihre Beteuerung sprach, nichts mit Andreas’ Geschäften zu tun gehabt zu haben. Eigentlich war die Sache also klar, und die Klage war abzuweisen. Warum aber war dann ein berühmter Anwalt wie Bellendorf hier? Was hatte der in der Tasche?

Den Kardinal natürlich. Und der verdammte Richter hatte seinerseits ihn, Mathis von Homburg, höchstpeinlich in der Zwickmühle. Ihn, der sich immer so viel auf seine Unbestechlichkeit eingebildet hatte. Der Gedanke an Hausers Drohung traf ihn jedes Mal wieder wie ein Schlag in die Magengrube.

In der Schreibstube rumorte es, und kurz darauf steckte Augustin ein verschlafenes Gesicht durch die Tür.

»Ihr seid schon auf?«

»Wie du siehst«, antworte Mathis ungehalten.

»Heute geht’s in die Schlacht, Meister«, erwiderte Augustin fröhlich und machte sich an der Ledertasche zu schaffen.

»Was machst du da?«

»Ich sehe nach, ob wir nichts vergessen haben.«

»Ist schon gut.« Mathis wollte ihm die Tasche abnehmen.

»Es fehlt das Gutachten«, rief Augustin erschrocken. »Habt Ihr es wieder zurückgelegt, Meister?«

»Ich?«

»Macht nichts, ich hol es schnell.«

Augustin verschwand in Richtung Archiv.

»Ja, hol nur das verdammte Gutachten. Es nützt ja ohnehin nichts«, murmelte Mathis und hängte sich seinen schwarzen Talar um die Schultern. Auf in die Schlacht? Wohl eher auf die Schlachtbank. Gleich wie es ausging, er kam sich schon geschlagen vor.

 

Der Domhof grenzte an die Südflanke des Doms. In den umliegenden Gebäuden waren Bereiche der kirchlichen und weltlichen Magistratur untergebracht. So auch das Ratsgericht, wo sämtliche causae minores verhandelt wurden. Also alles außer Verbrechen, die mit Tod oder Verstümmelung geahndet wurden und dem Blutgericht vorbehalten waren.

Agnes Imhoff wartete bereits. Sie war in Begleitung ihrer Magd und eines kleinen Mädchens.

»Meine Tochter Sophie.« Ihre Stimme klang angespannt. Sie war in einen dunklen Umhang gehüllt, dessen Kapuze ihr bleiches Gesicht halb verdeckte. Sie sah übernächtigt aus.

»Das Kind darf nicht in den Saal«, sagte Mathis.

»Ich weiß. Stingin bringt sie gleich nach Hause.«

Die kleine Sophie trug eine warme Haube, unter der blonde Locken hervorlugten. Sie kam Mathis recht schmächtig vor. Das Gesichtchen schien nur aus Augen und blassen Sommersprossen zu bestehen. Schüchtern an die Mutter geschmiegt, sah sie neugierig zu den Männern auf, von denen besonders Augustin es ihr angetan zu haben schien. Der erwiderte den ernsten Kinderblick mit einem Lächeln, beugte sich zu ihr hinunter und fasste ihr sanft ans Kinn.

»Keine Sorge, Sophie. Deine Mama hat nichts zu befürchten. Bald ist sie wieder daheim.«

Agnes warf ihm einen dankbaren Blick zu. »Ich hoffe, Ihr habt Recht, junger Herr«, sagte sie und bemühte sich um ein Lächeln.

Der Domhof füllte sich mit Leuten, von denen viele unverhohlen auf die kleine Gruppe um Agnes Imhoff starrten und miteinander tuschelten.

Mathis räusperte sich umständlich. »Heute geht es in der Hauptsache um die editio actionis, Frau Imhoff, die schriftliche und mündliche Einreichung der Klage und unsere formelle Entgegnung. Da Ihr nicht vorhabt, den Kläger zu befriedigen, müsst Ihr Euch innerhalb einer Frist von zwanzig Tagen dem Fortgang des Verfahrens stellen. Um die Sache zu beschleunigen, schlage ich vor, dass wir auf diese Frist verzichten und gleich mit der Beweisaufnahme beginnen.«

»Wie Ihr es für richtig haltet, Magister von Homburg.«

Jawohl, dachte er nicht ohne Schuldgefühle, die ganze unangenehme Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen, das wäre wohl das Beste.

»Noch etwas. Vor dem eigentlichen Prozess werden Kläger wie Beklagte den Kalumnieneid schwören müssen.«

»Was ist das?«

»Nur eine Förmlichkeit, die aber durchaus ernste Folgen haben kann. Man schwört, berechtigte Gründe für die eigene Stellungnahme zu haben und keine Verleumdungen oder falsche Anklagen zu führen. Wird man im Nachhinein dessen überführt, kann es empfindliche Strafen nach sich ziehen.«

»Ich klage doch niemanden an.«

»Natürlich nicht. Dennoch müssen beide Seiten schwören.«

»Ich will nichts als in Frieden leben und meine Tochter erziehen«, sagte sie gequält.

»Tja. Das wollen wir wohl alle«, erwiderte Mathis und klemmte sich seine Tasche fester unter den Arm. »Gut. Dann wollen wir mal.«

Agnes beugte sich zu ihrer Sophie und küsste sie. Stingin nahm die Kleine bei der Hand und machte sich mit ihr auf den Weg. Das Mädchen ging unwillig, ließ sich ziehen, trippelte dann aber doch etwas verloren neben der Magd her. Agnes sah ihr mit feuchten Augen nach. Dann gab sie sich einen Ruck.

»Lasst uns hineingehen, Magister«, sagte sie.

Sie drängten sich durch die inzwischen gut gefüllte Vorhalle. Manche nickten ihr freundlich zu, eine Frau sprach sie kurz an und drückte ihr die Hände. Aber da waren vor allem solche, die sie mit gehässiger Genugtuung beäugten.

»Was wollen die alle hier?«, raunte sie erschrocken.

Mathis hatte in seinem langen Berufsleben längst aufgehört sich zu fragen, warum die Welt so voller Neider war, die nichts ergötzlicher fanden, als andere in den Staub getreten zu sehen.

»Prozesse werden am öffentlichen Aushang bekannt gegeben«, sagte er. »Und Euer Fall scheint die Gemüter zu erregen.«

Am Eingang zum Gerichtssaal standen Wachen mit langen Hellebarden, blank polierten Helmen und Brustpanzern. Sie hielten die Menge zurück, grüßten aber höflich, als sie von Homburg und Augustin erkannten, und ließen die drei in den Saal. Düster und eisig war es in dem altehrwürdigen, holzgetäfelten Raum. Ein wenig modrig roch es, und das zaghafte Kaminfeuer vermochte kaum, die klamme Kälte zu vertreiben. An der Stirnseite befand sich eine erhöhte Estrade, auf der, flankiert von den Schöffenbänken, das breite Richterpult thronte.

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