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Die verschollenen Prinzen von Ambria (6-teilige Serie)

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Raye Morgan

Happy End am Mittelmeer

1. KAPITEL

Darius Constantijn, Prinz aus dem Königshaus von Ambria, lebte inkognito unter dem Namen David Dykstra in London. Nach dem Putsch, bei dem seine Eltern ums Leben gekommen waren, war er als kleiner Junge gerettet und außer Landes gebracht worden.

David hatte keinen tiefen Schlaf, normalerweise hätte ihn das kleinste Geräusch dazu gebracht, leise, mit einer Waffe in der Hand, sein luxuriöses Penthouse zu durchsuchen. Er war bereit, sein Leben zu verteidigen.

Dass er glaubte, in Gefahr zu sein, war keine abwegige Idee. Der Sohn der gestürzten Monarchenfamilie stellte durch seine bloße Existenz eine ständige Provokation für die neuen Machthaber seines Landes dar.

Aber heute Nacht waren seine Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft geschwächt. Er hatte eine Cocktailparty für fünfzehn Londoner Prominente gegeben, sie waren alle in Feierlaune gewesen und viel zu lang geblieben. Es kam nicht mehr oft vor, dass er zu viel trank, doch heute spürte er die Wirkung des Alkohols.

Als er nun ein Baby weinen hörte, glaubte er zunächst an eine Halluzination.

„Babys“, murmelte er vor sich hin und verharrte einen Moment, um sicher zu sein, dass der Raum sich nicht mehr drehte, ehe er es wagte, die Augen zu öffnen. „Warum können sie ihre Probleme nicht für sich behalten?“

Das Schreien hörte jäh auf, nur war er inzwischen wach. Er horchte angestrengt. Es musste ein Traum gewesen sein. Hier gab es kein Baby. Hier konnte keines sein. Dies war ein Haus für Erwachsene. Das wusste er genau.

„Babys nicht erlaubt. Verboten“, murmelte er und schloss die Augen.

Aber er öffnete sie sofort wieder, als er den kleinen Störenfried von Neuem hörte. Diesmal erklang nur ein Wimmern, doch es war echt. Nicht geträumt.

Aber es ergab alles keinen Sinn. Unmöglich, es konnte kein Baby in seinem Apartment sein. Hätte einer seiner Gäste ein Kind mitgebracht haben, hätte er dies gewiss bemerkt. Und sollte dieselbe unmanierliche Person das Baby in der Garderobe vergessen, wäre sie nicht unterdessen zurückgekommen, um das Kind abzuholen?

Er versuchte, die Störung mit einem Achselzucken abzutun und wieder einzuschlummern, aber das ging nun nicht mehr. Die Beunruhigung war da. Er würde erst weiterschlafen, wenn er sicher war, dass er sich in einer babyfreien Wohnung befand.

Seufzend wälzte er sich schließlich aus dem Bett, zog eine Jeans an, die er in einem Stapel Kleidung auf einem Stuhl fand, und begann, leise durch die Räume zu pirschen, wobei er einen nach dem anderen inspizierte und sich verdrossen fragte, warum er überhaupt ein Apartment mit derart vielen Zimmern gemietet hatte. Im Wohnzimmer standen überall kristallene Weingläser herum, und zerknüllte Papierservietten lagen auf Tischen und Stühlen. Um Mitternacht hatte er das Catering-Team nach Hause geschickt – ein Fehler, wie er jetzt erkannte. Aber wer hätte ahnen können, dass seine Gäste bis fast drei Uhr morgens bleiben würden? Egal, die Zugehfrau würde morgen früh kommen und alles wieder blitzblank putzen.

„Keine Partys mehr“, schwor er sich laut, als er auf eine lange Federboa trat, die jemand hatte liegen lassen. „Ich lasse mich einfach auf die Feste der anderen einladen. Meine Informationsquellen kann ich behalten und den Ärger anderen überlassen.“

Einstweilen aber musste er seine Wohnung durchsuchen, ehe er zurück ins Bett gehen konnte. Er schlich weiter.

Und dann fand er das Baby.

Es schlief. Er öffnete die Tür seines kaum genutzten Fernsehzimmers, und da lag es in einer ausgezogenen Schublade, die als improvisiertes Babybettchen diente. Sein Mündchen war geöffnet, und die runden Bäckchen plusterten sich mit jedem Atemzug ein wenig auf. Es schien ein süßes Kind zu sein, aber er hatte es noch nie vorher gesehen.

Während er schaute, zuckte das Baby unwillkürlich zusammen, reckte die Ärmchen in die Höhe und ließ sie langsam wieder sinken. Aber es wachte nicht auf. Eingekuschelt in seinen pinkfarbenen Strampelanzug, schien sich das Kind ganz wohlzufühlen. Schlafende Babys waren gar nicht so schlimm. Aber er wusste genau, was passierte, wenn sie aufwachten, und vor dem Gedanken grauste ihm.

Es war ausgesprochen ärgerlich, ein ungeladenes Baby in den eigenen vier Wänden vorzufinden, und es war offensichtlich, wer schuld daran war – die langbeinige Blondine, die schlafend auf seinem Freischwinger-Sofa lag. Auch sie hatte er noch nie vorher gesehen.

„Was zum Teufel geht hier vor?“, fragte er leise.

Keiner von beiden rührte sich, und er wollte sie auch nicht wecken. Er brauchte noch ein, zwei Momente, um die Situation einzuschätzen und einige nüchterne Entscheidungen zu treffen. All seine Überlebensinstinkte waren alarmiert. Er war sich sicher, dass er es hier nicht mit gewöhnlichen Übernachtungsgästen zu tun hatte. Sie mussten etwas mit seiner Herkunft, der fürchterlichen Putschgeschichte und seiner ungewissen Zukunft zu tun haben.

Er war sich sogar sehr sicher, die beiden würden sich als Gefahr entpuppen – vielleicht sogar als die Gefahr, mit der er all die letzten Jahre gerechnet hatte.

David war jetzt hellwach. Er musste schnell denken und klar urteilen. Sein Blick fiel auf die Frau, und ungeachtet seines Argwohns fühlte er sich sofort zu ihr hingezogen. Obwohl ihre Beine irgendwie seltsam hingestreckt waren und ihn an ein noch unbeholfenes Fohlen erinnerten, waren sie wohlgeformt, und ihr kurzer Rock, der verführerisch hochgerutscht war, während sie schlief, offenbarte selbige nun auf eine ganz bezaubernde Art. Das gefiel ihm, trotz allem.

Ihr Gesicht war fast vollständig von einer wilden Lockenmähne verdeckt, aber ein zartes, kleines Ohr schaute heraus. Sie war nicht blutjung, aber ihre ungezwungene Haltung ließ sie unbekümmert und unschuldig wirken, und sie hatte etwas an sich, dass sie auf den ersten Blick liebenswert machte. Die Frau übte einen Reiz aus, der ihn unter anderen Umständen hätte lächeln lassen.

Aber jetzt runzelte er doch die Stirn und konzentrierte seinen Blick auf das hinreißende kleine Ohr. Es war mit einem auffälligen Ohrring geschmückt, der ihm vertraut erschien. Bei genauerem Hinsehen erinnerte ihn die Form an das einstige Wappen Ambrias – das Wappen der Königsfamilie.

Adrenalin schoss in sein Blut, sein Herz begann zu rasen, und er wünschte, er hätte die Waffe mitgenommen, die er normalerweise nachts trug. Nur eine kleine Gruppe von vertrauten Menschen wusste von seiner Verbindung zu Ambria, und sein Leben hing davon ab, dass dies geheim blieb.

Wer zum Teufel war diese Frau?

Er würde es herausfinden.

„Hallo, aufwachen!“

Ayme Negri Sommers kuschelte sich tiefer in ihre Sofaecke und versuchte, die Hand zu ignorieren, die sie an der Schulter schüttelte. Jedes Molekül ihres Körpers widersetzte sich dem Weckruf. Nach den beiden Tagen, die hinter ihr lagen, war Schlaf ihre einzige Rettung.

„Wachen Sie auf“, setzte der Mann barsch nach. „Ich habe einige Fragen, die nach Antworten verlangen.“

„Später“, murmelte sie in der Hoffnung, er würde weggehen. „Bitte, später.“

„Jetzt.“ Er schüttelte sie wieder an der Schulter. „Hören Sie mich?“

Ayme hörte ihn, aber ihre Augen wollten sich nicht öffnen. Sie verzog das Gesicht und stöhnte. „Ist es schon Morgen?“

„Wer sind Sie?“, fragte der Mann, ihre Frage ignorierend. „Was machen Sie hier?“

Er ging nicht weg. Sie würde mit ihm sprechen müssen, fürchtete sie. Ihre Augenlider fühlten sich an wie Sandpapier, und sie war nicht einmal sicher, ob sie aufgehen würden, wenn sie sie eindringlich darum bat. Aber irgendwie schaffte sie es doch. Geblendet von dem Lichtstrahl, der durch die geöffnete Tür fiel, blinzelte sie den ärgerlich blickenden Mann an, der sie genau beobachtete.

„Wenn Sie mich nur noch eine Stunde schlafen ließen, könnten wir das vielleicht vernünftig besprechen“, schlug sie leicht lallend vor. „Ich bin so müde und fühle mich gerade wenig menschlich.“

Das war natürlich gelogen. Menschlich war sie in Ordnung, aber so schlecht sie sich auch fühlte, reagierte sie auf diesen Mann nicht nur typisch menschlich, sondern auch eindeutig weiblich. Er war unglaublich attraktiv. Sie sah sich das dichte, dunkle Haar an, das ihm verwegen-charmant in die Stirn fiel, die leuchtend blauen Augen, die breiten Schultern und den entblößten Oberkörper mit den trainierten Muskeln.

Wow.

Sie hatte ihn vorhin gesehen, aber von Weitem und entschieden dezenter bekleidet. Von Nahem und halb nackt war viel besser. Das konnte sie nur jedem empfehlen, und unter anderen Umständen hätte sie jetzt gelächelt.

Aber die Situation war nicht zum Lachen. Sie würde ihm erklären müssen, was sie hier tat, und das würde nicht einfach werden. Sie versuchte, sich aufzurichten und gleichzeitig – mit wenig Erfolg – ihr widerspenstiges Haar mit beiden Händen in Form zu bringen. Und die ganze Zeit dachte sie darüber nach, wie sie am besten auf den Grund ihres Kommens zu sprechen kommen konnte. Sie hatte das deutliche Gefühl, dass es kein willkommenes Thema war.

„Sie können so viel schlafen, wie Sie wollen, sobald wir Sie dahin gebracht haben, wo Sie hingehören, wo immer das auch ist“, meinte er eisig. „Und das ist garantiert nicht hier.“

„Da irren Sie sich“, antwortete sie. „Ich bin nicht ohne Grund hier. Leider.“

Klein Cici brabbelte im Schlaf, und beide erstarrten. Aber die Kleine schlief wieder tief ein, und Ayme seufzte erleichtert auf.

„Wenn Sie sie aufwecken, werden Sie sich um sie kümmern müssen“, flüsterte sie mahnend. „Ich bin momentan nicht zurechnungsfähig.“

Er zischte. Zumindest klang es für sie so, aber sie war gerade nicht in der Verfassung, etwas klar zu beurteilen. Vielleicht hatte er auch unterdrückt geflucht. Ja, wahrscheinlich war es so. Auf jeden Fall schien er nicht erfreut.

Seufzend ließ sie die Schultern hängen. „Hören Sie, ich weiß, Sie sind auch nicht in Bestform. Ich habe Sie vorhin schon gesehen, als wir hier ankamen. Sie haben Ihre Party sichtlich etwas zu viel genossen. Deshalb habe ich erst gar nicht versucht, mit Ihnen zu sprechen. Wir beide könnten etwas Schlaf vertragen.“ Sie schaute ihn hoffnungsvoll an. „Lassen Sie uns fürs Erste Waffenstillstand schließen und …“

„Nein.“

Seufzend ließ sie den Kopf wieder sinken. „Nein?“

„Nein.“

„Okay, also gut. Wenn Sie darauf bestehen. Aber ich warne Sie, ich kann kaum einen zusammenhängenden Satz bilden, nachdem ich tagelang nicht richtig geschlafen habe.“

Er blieb hart und stellte sich vor sie, mit den Händen an den Hüften. Seine Jeans saß tief, gab den Blick frei auf einen flachen, muskulösen Bauch und den verführerischsten Bauchnabel, den sie je gesehen hatte. Ayme starrte darauf und hoffte, auf diese Weise seine Aufmerksamkeit abzulenken.

Es funktionierte nicht.

„Ihre Schlafgewohnheiten kümmern mich nicht“, sagte er kalt. „Ich will nur, dass Sie gehen und dorthin verschwinden, wo immer Sie auch hergekommen sind.“

„Tut mir leid.“ Immer noch benommen schüttelte Ayme den Kopf. „Das ist unmöglich. Der Flieger, in dem wir saßen, ist schon längst weg.“ Sie schaute zu der friedlich im Schubkasten schlummernden Cici. „Die Kleine hat fast den ganzen Flug über geschrien. Von Texas bis hier“, ergänzte sie, in der Hoffnung, wenigstens sein Mitleid zu erwecken. „Verstehen Sie, was das bedeutet?“

Statt eines Zeichens von Anteilnahme runzelte er die Stirn wie jemand, der an einer komplizierten Frage herumrätselte. „Sie sind mit einem Direktflug aus Texas gekommen?“

„Nun ja, nicht ganz. In New York mussten wir umsteigen.“

„Texas?“, wiederholte er leise, als könne er es nicht glauben.

„Texas“, wiederholte sie langsam, falls er Probleme mit dem Wort haben sollte. „Sie wissen schon, der Staat mit dem einen Stern in der Flagge. Der große, im Süden, neben Mexiko.“

„Ich weiß, wo Texas liegt.“

„Gut. Wir sind da nämlich sehr empfindlich bei uns zu Hause.“

„Sie hören sich auch an wie eine Amerikanerin.“

Ayme blickte ihn unschuldig an. „Klar doch. Wie sollte ich mich sonst anhören?“

Wie gebannt sah er auf ihre Ohrringe. Verunsichert berührte sie einen davon mit den Fingerspitzen. Was interessierte ihn so daran? Der Schmuck war das Einzige, was ihr noch von ihrer leiblichen Mutter geblieben war, und sie trug ihn immer. Sie wusste, dass ihre Eltern aus dem kleinen Inselstaat Ambria stammten und dort gelebt hatten. Genau wie ihre Adoptivfamilie, aber das war lange her.

Aber schließlich stand ihre Anwesenheit hier in unmittelbarem Zusammenhang mit Ambria. Das würde er natürlich rasch erfahren. Dennoch machte sie sein starkes Interesse irgendwie nervös. Wahrscheinlich war es besser, zum Thema Cici zurückzukehren.

„Wie ich schon sagte, der Flug war kein Vergnügen für Cici, und das ließ sie jedermann während der gesamten Atlantiküberquerung wissen.“ Seufzend erinnerte Ayme sich an die langen Stunden. „Alle an Bord hassten mich. Es war schrecklich. Wieso bekommen Menschen überhaupt Babys?“

Er riss die Augen auf und hob demonstrativ eine Braue. „Keine Ahnung. Verraten Sie es mir.“

Ayme schluckte. Das war ein Fehler gewesen. Einen solchen Schnitzer konnte sie sich nicht leisten. Er hielt Cici für ihr Baby, und das sollte er auch weiterhin glauben, zumindest vorerst. Sie musste mehr aufpassen.

Wenn sie doch besser schauspielern könnte! Ach, wahrscheinlich hätte selbst ein Profi bei diesem Auftritt Probleme gehabt. Schließlich hatte sie während der letzten Woche viel durchgemacht. Vor wenigen Tagen war sie noch eine ganz normale, frisch gebackene Rechtsanwältin gewesen, die in einer auf ambrisches Einwanderungsrecht spezialisierten Kanzlei gearbeitet hatte. Und plötzlich war ihre Welt eingestürzt. Unglaubliche Dinge passierten, Dinge, die sie nicht einmal zu denken gewagt hätte. Dinge, mit denen sie sich wohl befassen musste, aber nicht jetzt. Jetzt noch nicht.

Nach wie vor hatte sie Angst, dass nichts je wieder normal würde. Ihr Leben hatte eine solch enorme Wendung genommen, dass sie sich wie in einem Albtraum fühlte. Sie konnte resignieren, sich ins Bett legen und bis auf Weiteres die Decke über den Kopf ziehen – oder sie versuchte, sich darum zu kümmern, was von ihrer Familie noch übrig war, und die kleine Cici dorthin zu bringen, wo sie hingehörte.

Die Entscheidung erübrigte sich natürlich. Sie war daran gewöhnt, das zu tun, was man von ihr erwartete, und verantwortungsbewusst zu handeln. Und jetzt war sie eben hier und würde zielstrebig das zu Ende bringen, was sie sich vorgenommen hatte.

Sowie ihre Aufgabe erfüllt war, würde sie mit einem Seufzer der Erleichterung nach Texas zurückkehren und versuchen, die Scherben ihres Lebens wieder zu kitten. Bis dahin aber musste sie – dem kleinen Leben in ihrer Obhut zuliebe – stark bleiben, ganz egal, wie schwer es auch werden würde.

Und so lange, das wusste sie, musste sie auch lügen. Obwohl es gegen ihre Natur war. Normalerweise gehörte sie zu jenen Menschen, die jedem offenherzig ihre Lebensgeschichte erzählten. Aber diesen Impuls musste sie jetzt unterdrücken.

Aber es war eine schmerzliche Lüge. Die Welt um sie herum musste glauben, dass Cici ihr Baby war. Sie war zwar noch nicht lange Rechtsanwältin, aber sie kannte sich gut genug aus, um zu wissen, dass es ihren ganzen Plan gefährdete, wenn jemand herausfand, dass Cici nicht zu ihr gehörte, darüber hinaus war ihr klar, dass sie nicht befugt war, einfach so mit dem Kind durch die Welt zu reisen. Wenn sie aufflöge, würde man Sozialarbeiter hinzuziehen. Bürokraten würden sich einmischen und Cici ihr weggenommen werden, und wer wusste schon, was noch Furchtbares passieren würde.

Zudem war ihr die Kleine schon ans Herz gewachsen. Und selbst wenn es nicht so wäre, würde sie alles für Samanthas Baby tun.

„Nun, Sie wissen, was ich meine“, ergänzte sie.

„Es ist mir eigentlich ziemlich egal, was Sie meinen. Ich will wissen, wie Sie hierhergekommen sind. Ich will wissen, was Sie hier machen.“ Seine blauen Augen verdunkelten sich. „Vor allem will ich, dass Sie woandershin gehen.“

Ayme zuckte zusammen. Aber konnte sie es ihm verdenken? „Okay“, sagte sie und riss sich zusammen. „Lassen Sie es mich versuchen zu erklären.“

Hatte er spöttisch gelächelt?

„Ich bin ganz Ohr.“

Sie wusste genau, dass er das ironisch meinte. Er schien sie nicht sonderlich zu mögen. Die meisten Menschen mochten sie auf den ersten Blick. Feindseligkeit war sie nicht gewohnt.

Dabei war alles an diesem Mann unglaublich attraktiv, das musste sie zugeben. Wirklich zu schade, dass sie sich neben Männern wie ihm immer noch wie ein ungelenker Teenager fühlte. Sie war fast ein Meter achtzig groß, und das schon seit ihrer Pubertät. Bis zur Abschlussklasse der High School hatte sie alle Jungen überragt, was ihr sehr unangenehm gewesen war. Jetzt sei sie gertenschlank und wunderschön, sagten ihr die Leute, aber sie fühlte sich immer noch wie dieses unbeholfene, zu groß geratene Kind.

„Also gut.“

Sie stand auf und begann, unruhig hin und her zu laufen. Womit sollte sie anfangen? Sie hatte gedacht, mit diesem Besuch alles schnell klären zu können, doch seit sie hier war, schien die Situation weitaus komplizierter. Das Problem war, sie wusste nicht, was ein Mann wie er alles wissen wollte. Sie hatte rein instinktiv gehandelt, als sie sich Cici schnappte und fast fluchtartig mit ihr nach London aufbrach. Vermutlich hatte sie Panik. Was aber unter den Umständen nur verständlich war.

Sie atmete tief durch. Sie hatte diesen Mann nicht ohne Grund aufgesucht. Welcher war es noch gewesen? Ach ja. Jemand hatte ihr gesagt, er könne ihr helfen, den Vater der kleinen Cici zu finden.

„Können Sie sich an eine junge Frau namens Samantha erinnern?“, fragte Ayme aufgeregt. „Klein, blond, hübsch, mit vielen klimpernden Armreifen?“

Er sah aus, als verlöre er endgültig die Geduld. Etwas erschrocken bemerkte sie, dass er seine herabhängenden Hände zu Fäusten geballt hatte. Ein paar Augenblicke später fing er an, sich frustriert die Haare zu raufen. Sie wich einen Schritt zurück – für alle Fälle.

„Nein“, antwortete er leise, fast zornig. „Nie von ihr gehört.“ Er musterte sie scharf. „Von Ihnen habe ich auch noch nie gehört. Obwohl Sie mir Ihren Namen noch nicht genannt haben.“

„Oh.“ Sie zuckte kurz. Wie hatte sie das vergessen können? „Tut mir leid.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Ich bin Ayme Sommers aus Dallas.“

Er ließ sie einen Takt zu lang mit ihrer ausgestreckten Hand stehen und wirkte nach wie vor, als könne er das alles nicht glauben. Im ersten Moment dachte sie, er würde sich weigern, ihr die Hand zu reichen, und siedend heiß fragte sie sich, was sie dann machen würde. Aber schließlich lenkte er doch ein und ergriff ihre Hand, hielt sie fest und ließ sie nicht mehr los.

„Interessanter Name“, bemerkte er trocken, während er ihr unerbittlich in die Augen sah. „Jetzt verraten Sie mir den Rest.“

Ayme blinzelte ihn an und versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen. Sie wurde sich plötzlich seiner warmen Haut auf eine Weise bewusst, die sie sehr irritierte. Angestrengt versuchte sie, nicht auf seinen Brustkorb zu schauen.

„Was meinen Sie damit?“, stieß sie hervor. „Welchen Rest?“

Er zog sie näher heran, und sie starrte ihn verunsichert an. Wollte er sie einschüchtern? Und wenn ja, warum?

„Was verbindet Sie mit Ambria?“

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Wie kommen Sie darauf?“

Er neigte ihr den Kopf zu. „Das Wappen Ambrias auf Ihrem Ohrring ist nicht zu übersehen.“

„Oh.“ Jetzt konnte sie überhaupt nicht mehr klar denken. Es war erstaunlich, dass sie noch wusste, wer sie war. Sie fasste sich mit ihrer freien Hand ans Ohr. „Die meisten kennen es nicht.“

Er kniff die Augen zusammen. „Aber Sie.“

„Oh ja.“

Ayme lächelte ihn an, er wich beinahe selbst einen Schritt zurück. Ihr Lächeln schien den Raum zu erhellen. Es war angesichts der Umstände unangebracht. Er musste wegschauen, aber er ließ ihre Hand nicht los.

„Meine Eltern stammten aus Ambria. Auch ich wurde dort geboren. Mein Geburtsname ist Ayme Negri.“

Soweit er wusste, klang das wie ein typisch ambrischer Name. Aber er wusste eigentlich zu wenig. Dieses Mädchen mit dem Wappen als Ohrschmuck kannte sich womöglich weitaus besser in seinem Land aus als er.

Er starrte sie an und erkannte fassungslos, dass er tatsächlich nur unzureichende Kenntnisse über das Land besaß, in dem seine Familie jahrtausendelang geherrscht hatte. Er wusste nicht, was er Ayme fragen sollte. Er wusste nicht einmal genug, um sich ein paar Testfragen auszudenken, mit denen er ihre Glaubwürdigkeit prüfen konnte. Die ganzen Jahre hatte er inkognito leben müssen und während dieser Zeit nicht wirklich viel über die Kultur und Traditionen gelernt. Er hatte Bücher gelesen, mit Leuten gesprochen, sich an Dinge aus seiner Kindheit erinnert. Und er hatte einen sehr guten Lehrer gehabt. Aber das reichte nicht. Er wusste im Grunde kaum etwas über sich und über die Familie, der er entstammte.

Und quasi wie ein unangekündigter Test war jetzt Ayme gekommen. Und er hatte nicht gelernt.

Ihre Hand in seiner fühlte sich warm an. Er suchte ihren Blick. Ihre Augen leuchteten fragend, ihr Mund war leicht geöffnet, als wartete sie aufgeregt darauf, was als Nächstes passierte. Sie wirkte wie ein junges Mädchen in Erwartung des ersten Kusses. Allmählich hatte er das Gefühl, als wäre der Alarm, der wie eine Trillerpfeife in seinem Kopf geschrillt hatte, ein falscher gewesen.

Aber wer war sie wirklich, und warum war sie hier? Sie wirkte so aufrichtig, so ungezwungen. Er konnte nichts Arglistiges an ihr entdecken. Kein Attentäter konnte so friedlich und unschuldig aussehen.

Es war schwer zu glauben, dass man sie geschickt hatte, um ihn zu töten.

2. KAPITEL

„Ayme Negri“, wiederholte er leise. „Ich bin David Dykstra.“

Er schaute ihr aufmerksam in die Augen, als er den Namen nannte. War da nicht ein leichtes Flackern? Wusste sie, dass es ein Pseudonym war?

Nein, da war nichts. Es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass sie etwas wusste. Und eigentlich wunderte ihn das nicht. Hätte sie ihn umbringen wollen, hätte sie es gekonnt, als er schlief.

Trotzdem musste er auf der Hut sein. Seit er sechs Jahre alt gewesen war und man ihn nach dem Putsch in Ambria in jener Sturmnacht außer Landes gebracht hatte, hatte er stets mit jemandem gerechnet, der ihm nach dem Leben trachtete.

Damals wurden die Palastanlagen niedergebrannt und seine Eltern getötet. Und höchstwahrscheinlich starben auch einige seiner Geschwister – obwohl er das nicht sicher wusste. Ihn aber hatte man retten und heimlich in die Niederlande bringen können, zur Familie Dykstra.

All das war fünfundzwanzig Jahre her. Aber eines Tages, das wusste er, würde er sich seinem Schicksal stellen müssen. Aber vielleicht noch nicht heute.

„Ayme Negri“, wiederholte er nachdenklich. Immer noch hielt er ihre Hand, als hoffe er, ihre Beweggründe würden sich über die Berührung verraten.

Eine Frau aus Ambria, aufgewachsen in Texas.

„Sagen Sie etwas auf Ambrisch“, sagte er herausfordernd. Wenn es um einfache Zusammenhänge ging, standen seine Chancen gar nicht so schlecht, dass er wenigstens ein bisschen verstand. Er hatte zwar seit seiner Kindheit nicht mehr Ambrisch gesprochen, aber manchmal träumte er noch in seiner Muttersprache.

Doch wie es aussah, schien Ayme bei diesem kleinen Test nicht mitmachen zu wollen. Für einen kurzen Moment blitzte Zorn in ihren Augen auf.

„Nein“, verwahrte sie sich entschieden und hob ihr ausnehmend hübsches Kinn. „Ich muss Ihnen doch nichts beweisen.“

Er warf den Kopf zurück. „Ist das Ihr Ernst? Erst brechen Sie in mein Penthouse ein, und jetzt spielen Sie sich so auf?“

„Ich bin nicht eingebrochen“, empörte sie sich. „Ich kam genauso durch die Tür wie Ihre anderen Gäste.“

Sie war zusammen mit einer Schickeria-Clique im Aufzug nach oben gefahren, hatte eine hübsche junge Frau mit einer Federboa angelächelt, die Frau hatte zurückgelächelt und sich danach wieder ihrem attraktiven, schon leicht angeheiterten Begleiter gewidmet.

Lachend hatte die Gruppe schließlich das Apartment betreten und Ayme unbemerkt im Flur stehen lassen. Von dort hatte sie den Gastgeber im Wohnzimmer mit einer Frau tanzen und dabei leicht taumeln sehen, als hätte er sich entweder frisch verliebt oder zu viele Rum-Cocktails getrunken. Deshalb hatte sie entschieden, sich unauffällig zu entfernen. Schließlich war sie in das Fernsehzimmer geschlüpft, wo sie die Schublade entdeckte, die sie als Bettkästchen für Cici nutzte.

„Ich erinnere mich nicht, Sie eingeladen zu haben“, wandte David kühl ein.

„Ich habe mich selbst eingeladen.“ Sie hob ihr Kinn noch höher. „Nur weil Sie mich nicht bemerkt haben, bin ich noch lange keine Kriminelle.“

Er verbiss sich die scharfe Antwort, die ihm auf der Zunge lag. Wenn er herausfinden wollte, was wirklich vor sich ging, musste er ihr Vertrauen gewinnen. Er durfte sie nicht in die Defensive drängen.

Und er wollte die Zusammenhänge nicht nur aus reiner Neugier herausfinden, sondern vor allem, weil es mit Ambria zu tun hatte. Aus einem unerfindlichen Grund war aus heiterem Himmel eine junge Frau aus seiner Heimat bei ihm aufgetaucht. Warum?

„Sorry, tut mir leid“, entschuldigte er sich schroff. Er atmete tief durch und beruhigte sich wieder, als sein Blick auf das Baby fiel. In seiner großen Adoptivfamilie hatten viele kleine Kinder gelebt. Sie schreckten ihn nicht. Sie machten nur oft einfach zu viel Arbeit.

„Hören Sie, lassen Sie uns ins Wohnzimmer gehen. Dann können wir alles bereden, ohne Ihre Kleine zu wecken.“

„Einverstanden. Aber ich weiß nicht, ob ich Cici nicht besser mitnehmen sollte, statt sie hier allein zu lassen“, gab sie zu bedenken. Cici war praktisch immer bei ihr, seit Sam sie an diesem Regentag in Texas bei ihr zurückgelassen hatte. Das schien ihr jetzt schon eine gefühlte Ewigkeit her, dabei war nicht einmal eine Woche vergangen. „Sehen Sie sich die Kleine an. Jetzt schläft sie wie ein Engelchen“, flüsterte sie und musste plötzlich lächeln. Cici in der Schublade sah so süß aus.

„Wie alt ist die Kleine?“

Das war eine weitere Frage, die sie nicht sicher beantworten konnte. Sam hatte ihr keine Papiere dagelassen, nicht einmal eine Geburtsurkunde.

„Sie heißt Cici“, bemerkte Ayme, um Zeit zu gewinnen.

„Schöner Name. Also, wie alt ist die Kleine?“

„Ungefähr sechs Wochen“, gab sie an und versuchte vergeblich, sicher zu klingen. „Vielleicht zwei Monate.“

Er starrte sie an. ‚Skeptisch‘ war für seinen Gesichtsausdruck eine noch zu milde Beschreibung.

Sie strahlte ihn an. „Schwer zu merken. Die Zeit vergeht.“

„Stimmt.“

Nach kurzem Zögern – Cici würde sicher schreien, wenn ihr etwas fehlte – verließ Ayme mit David den Raum. Auf dem Weg zum Wohnzimmer griff er sich ein Hemd aus dem Dielenschrank, zog es an, knöpfte es aber nicht zu. Sie drehte sich schnell weg, damit er nicht merkte, wie gebannt sie ihn angesehen hatte, und erblickte ein bodentiefes Panoramafenster mit einer traumhaften Aussicht.

Atemlos ging sie darauf zu. Es war vier Uhr morgens, aber überall glitzerten noch die Lichter der Großstadt. Autos fuhren über die Avenues, ein Flugzeug schwebte mit blinkenden Positionslichtern durch den Nachthimmel. Doch was sie mit einem Mal vollkommen verwunderte, waren die vielen Menschen, die sie trotz der frühen Morgenstunde unten auf der Straße sah und die ihrem gewohnten Leben nachgingen. Alles schien ganz normal. Aber es war nicht wie immer. Die Welt war vor einigen Tagen aus den Angeln gehoben worden. Nichts würde je wieder so sein, wie es gewesen war. Wussten diese Leute das nicht?

Für einen Moment wünschte sie sich sehnsüchtig, auch zu diesen Ahnungslosen zu gehören, in einem glänzenden Auto durch die Nacht zu fahren, einer Zukunft entgegen, die nicht so viel Kummer für sie bereithielt wie die, die sie nach ihrem Abenteuer in Großbritannien erwartete.

„Wow. Von hier können Sie fast ganz London überblicken, nicht wahr?“ Sie presste die Nase förmlich an die Scheibe.

„Nicht ganz“, antwortete er und blickte auf die Lichter der Stadt. Hier war sein Lieblingsplatz. Von hier konnte er auch das repräsentative Bürogebäude in der Innenstadt sehen, von wo aus er die britische Filiale der Reederei seines Adoptivvaters leitete. „Aber die Aussicht ist wirklich spektakulär.“

„Und wie!“ Sie stand mit ausgebreiteten Armen, Hände und Gesicht gegen die Scheibe gepresst, um sich alles genau anzuschauen, und fast schien es, als wolle sie selbst gleich losfliegen. „So große Städte sind irgendwie beängstigend“, bemerkte sie nach einer Weile. „Man hat das Gefühl, dass jeder sich selbst der Nächste ist.“

David zuckte die Achseln. „Sie kennen sich hier nicht aus. Der Ort ist quasi Neuland für Sie.“ Er verzog den Mund. „Wie heißt es doch so schön in dem Song von den Doors: ‚People are strange, when you’re a stranger‘, ‚die Leute sind seltsam, wenn du ein Fremder bist.‘“

Ayme nickte, als freue sie sich über dieses Zitat. „So kam ich mir vor, als ich heute Abend herkam. Wie eine Fremde in einem seltsamen Stadtteil.“

Beinahe lächelte er, gegen seinen Willen. Er musste bei dieser Frau hochgradig vorsichtig bleiben. Noch wusste er nicht, warum sie hier war, und nach seiner Erfahrung konnte es ihn teuer zu stehen kommen.

„Dieser Stadtteil ist wohl kaum seltsam. Er gilt als exklusiv, und die Immobilien hier sind teuer“, sagte er. „Vielleicht vermissen Sie die Langhornrinder und die Cadillacs.“

Sie sah ihn missbilligend an. Der kaum verhohlene Dünkel in seiner Stimme war ihr nicht entgangen. „Wissen Sie, ich bin nicht das erste Mal außerhalb von Texas. Kurz vor Abschluss meines Studiums war ich ein Semester in Japan.“

„Dann sind Sie wohl eine richtige Weltenbummlerin?“, mokierte er sich. Im selben Augenblick bereute er seine kleine Spitze schon. Er musste aufpassen. Das Gespräch drohte zu persönlich zu werden. Er sollte langsam zur Sache kommen.

„Okay, raus damit.“

Sie zuckte überrascht zusammen. „Womit?“

Für einen Moment fühlte er sich unbehaglich. Zwar wirkte sie nach außen hin, als wäre sie eine sehr offene und fast naiv sorglose junge Frau, die frohen Mutes in die Welt hinauszog, was immer da draußen auch auf sie wartete. Ihre Augen aber offenbarten eine ganz andere Wahrheit. Er sah in ihnen etwas Tragisches, Angst und Unsicherheit. Und was immer Aymes Geheimnis war, er hoffte, dass es nichts mit ihm zu tun hatte.

„Wer sind Sie, und was machen Sie hier?“, fragte er wieder. „Warum bringen Sie einen kleinen Säugling mitten in der Nacht in eine fremde Stadt? Und wie sind Sie überhaupt hierhergekommen?“

Sie starrte ihn an und rang sich schließlich ein Lächeln ab. „Puh. Das ist ja ganz schön viel, um eine halb wache Frau damit zu konfrontieren.“

Er seufzte nur entnervt. „Sie konfrontierten mich mit einem sechs Wochen alten Baby. Also, raus mit der Sprache.“

„Nun gut. Meines Erachtens schilderte ich bereits, wie ich hier hereinkam. Eine Party-Clique nahm mich mit, und niemanden kümmerte es.“

Den Portier würde er später noch zur Rede stellen, dachte David.

„Wie gesagt, ich heiße Ayme Negri Sommers. Ich komme aus Dallas, Texas. Und …“ Sie schluckte schwer, sah ihm schließlich direkt in die Augen. „Und ich suche Cicis Vater.“

Diese Auskunft traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er wusste genau, dass er sich nun auf gefährliches Terrain begab und jeden Schritt sorgfältig zu prüfen hatte.

„Ach, tatsächlich?“, bemerkte er betont ungezwungen. „Wo haben Sie ihn denn verloren?“

Sie nahm die Frage ernst. „Das ist ja das Problem. Ich weiß es nicht genau.“

Er starrte sie verblüfft an. Machte sie Witze?

„Aber wie ich aus verlässlicher Quelle hörte, könnten Sie mir bei der Suche helfen.“

„Ich? Wieso ich?“

Sie begann mit der Antwort, brach ab und schaute sichtlich betreten zu Boden. „Wissen Sie, deshalb ist es doch so schwierig. Ich weiß es nicht genau. Meine Quelle meinte, Sie wüssten ihn zu finden.“ Erwartungsvoll blickte sie wieder auf.

„Sie glauben also, es ist jemand, den ich kenne?“, fragte David immer noch ganz ratlos. „Denn ich bin es nicht.“

Als sie zögerte, rief er erschrocken aus: „Also! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein! Ich hätte wohl von so einem kleinen Wesen erfahren, und ich weiß ganz genau, dass ich Sie nie vorher gesehen habe.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf.

Ayme seufzte. „Ich werfe Ihnen doch gar nichts vor.“

„Gut. Also, warum sind Sie hier?“

„Nun, der Mann, der mir riet, Sie aufzusuchen, hat mit der Kanzlei zu tun, für die ich arbeite.“

„Er ist aus Texas? Und er denkt, er weiß, wen ich kenne?“ Kopfschüttelnd drehte David sich um und begann, frustriert auf und ab zu gehen. „Das ist lächerlich. Woher kannte er überhaupt meinen Namen?“

„Er sagte mir, dass Sie sich in denselben gesellschaftlichen Kreisen bewegen wie Cicis Vater und dass ich mir keine Sorgen machen sollte. Sie würden ihn finden.“

„Ach, sagte er das, ja?“ Aus irgendeinem Grund machte ihn das Gespräch immer wütender. Er blieb stehen und stellte sich ihr gegenüber. „Dieser Mensch, der Cicis Vater sein soll – dieser Mensch, den ich finden soll – wie heißt er?“

Sie drehte sich halb weg. Auf dem Weg zum Flughafen von Dallas hatte sie sich alles so einfach ausgemalt. Ihr Plan war, nach London zu fahren, Cicis Vater zu finden, ihm sein Baby zu geben und wieder heimzureisen. Sie hatte sich nicht darauf eingestellt, jemandem nebenbei die ganze ungereimte Geschichte erklären zu müssen.

Mit einem herzzerreißenden Seufzer drehte sie sich wieder zu ihm und antwortete gespreizt: „Nun ja, darin liegt das Problem. Ich weiß nicht genau, wie er heißt.“

Die Situation wurde wirklich langsam absurd. Sie suchte den Mann, der ihr Kind gezeugt hatte. Sie wusste nicht, wo er war. Sie kannte seinen Namen nicht. Aber sie war hergekommen, weil sie Hilfe suchte. Und er sollte ihr diese Hilfe gewähren? Warum gerade er?

Er stand zwar im Ruf, jeden zu kennen, der bestimmten gesellschaftlichen Kreisen angehörte. Aber er brauchte wenigstens einen Anhaltspunkt, um eine mögliche Suche beginnen zu können.

„Was wollen Sie tun, wenn Sie ihn finden? Den Typen heiraten?“

„Wie bitte?“ Ayme sah so schockiert aus, als wäre dieser an sich naheliegende Gedanke geradezu ungeheuerlich. „Nein. Natürlich nicht.“

„Ich verstehe“, antwortete er, obwohl er rundweg nichts begriff.

Sie biss sich auf die Lippe. Sie war so müde. Sie konnte nicht mehr klar denken. Sie wollte einfach nur wieder schlafen.

„Wie soll ich jemanden finden, dessen Namen ich nicht kenne?“

„Wenn es einfach wäre, könnte ich es allein.“

„Verstehe. Ich bin Ihre letzte Rettung, nicht wahr?“

Nach kurzem Überlegen nickte Ayme. „So ziemlich.“ Flehend schaute sie ihn an. „Glauben Sie, Sie können mir helfen?“

Er betrachtete ihr hübsches Gesicht mit den geheimnisvoll dunklen, schläfrigen Augen, den blonden Wuschelkopf, ihre leicht bebende Unterlippe.

Einen kurzen Moment lang stellte er sich vor, ihr geradeheraus zu sagen: „Himmel, nein. Ich werde Ihnen nicht helfen. Sie geben mir nichts und fordern Wunder. Ich habe Besseres zu tun, als in ganz London jemanden zu suchen, den ich nie finden werde.“

Anschließend würde er in seine Tasche greifen und Ayme Geld für ein Hotelzimmer geben. War das nicht eine wunderbare Vorstellung?

Aber als er ihr ins Gesicht sah, wusste er, dass es so nicht ging. Gerade kamen ihr die Tränen, als könnte sie seine Gedanken lesen und wüsste, dass er sie und ihre Probleme loswerden wollte.

„Also gut“, sagte er ihr schroff und ballte die Hände zu Fäusten, um sich der instinktiven Versuchung zu erwehren, Ayme tröstend zu berühren. Sicherheitshalber verlieh er seiner Stimme noch eine Spur Ironie. „Wenn Sie das alles ein bisschen überfordert, hysterisch, wie Sie gerade sind …“

„Ich bin nicht hysterisch!“

Er hob eine Braue. „Das ist Ihre subjektive Wahrnehmung und eigentlich irrelevant. Warum gehen wir nicht logisch und methodisch vor? Dann können wir vielleicht etwas erreichen.“

„Und wieder zurück ins Bett?“

„Noch nicht.“ Er lief erneut auf und ab. „Sie müssen mir unbedingt ein paar Fragen beantworten. Zum Beispiel, was für eine Beziehung genau haben Sie zu Ambria? Erzählen Sie mir alles.“

Längst fragte er sich nicht mehr, ob sie ihm Böses wollte. Sie war offenbar wirklich so vollkommen unschuldig, wie sie wirkte. Und überhaupt, welcher Meistermörder würde so amateurhaft eine junge Frau mit einem Baby die Drecksarbeit machen lassen? Es ergab einfach keinen Sinn.

„Meine Eltern stammten aus Ambria“, begann Ayme. „Ich wurde dort geboren, aber das war kurz vor dem Putsch. Meine leiblichen Eltern kamen bei den Gefechten um. Ich kann mich überhaupt nicht an sie erinnern. Zusammen mit vielen anderen Flüchtlingskindern wurde ich außer Landes und in die Staaten gebracht und dort adoptiert. Ich war erst etwa achtzehn Monate alt, deshalb waren meine Adoptiveltern für mich immer mein Papa und meine Mama.“ Sie zuckte die Achseln. „Ende der Geschichte.“

„Machen Sie Witze? Das war doch erst der Anfang.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie. „Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie aus Ambria stammen?“

„Nun, die Familie Sommers hat auch ambrische Wurzeln. Obwohl sie in der zweiten Generation Amerikaner waren. Also erzählten sie mir einiges, und es gab auch Bücher. Aber dennoch ist mir die Kultur nicht besonders vertraut.“

„Aber Sie wissen von dem Putsch gegen die alte Monarchie? Sie wissen, dass der Granvilli-Clan ihn verübte und viele Menschen dabei umkamen?“

„Hm … ich glaube.“

„Aber viel wissen Sie darüber nicht?“

Ayme schüttelte den Kopf.

„Also haben Sie keine Familie mehr in Ambria?“

„Familie?“ Sie starrte ihn verblüfft an. „Nicht dass ich wüsste.“

„Ich nehme an, sie wurden alle von den Putschisten getötet?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht, ob es die Putschisten waren.“

„Wer sonst?“

Nervös befeuchtete sie mit der Zunge ihre Unterlippe. „Na ja, ehrlich gesagt, weiß ich nicht, auf welcher Seite meine Eltern standen.“

Das machte ihn sprachlos. Der Gedanke, ein vernünftiger Mensch könnte die Putschisten unterstützen, die seine eigenen Eltern getötet und die Macht in seinem Land übernommen hatten, war für ihn unvorstellbar. Aber wenn Ayme länger blieb, konnte er womöglich herausfinden, wer ihre Eltern waren und welche Rolle sie spielten.

„Da nun geklärt ist, wer Sie sind, sollten wir wieder auf das eigentliche Thema kommen. Warum sind Sie wirklich hier?“

Ayme seufzte. „Ich habe Ihnen erzählt …“

Er unterbrach sie kopfschüttelnd. „Sie haben mir eine Menge Unfug erzählt. Erwarten Sie wirklich, dass ich Ihnen glaube, dass Sie den Vater Ihres Kindes nicht kennen? Wie wäre es, wenn Sie mir zur Abwechslung mal die Wahrheit erzählten?“

Sie fühlte sich wie ein Tier in einer Falle. Sie hasste es zu lügen. Wahrscheinlich konnte sie es deshalb so schlecht. Sie musste ihm irgendetwas erzählen. Etwas Schlüssiges. Unbedingt. Denn sollte er sich weigern, ihr zu helfen, steckte sie wirklich in Schwierigkeiten. Das wurde ihr allmählich klar.

Aber ehe sie sich etwas Gutes ausdenken konnte, erscholl ein Weinen im Penthouse. Verunsichert blickte Ayme in die Richtung, aus der die Laute kamen. Ob Tag oder Nacht, dieses Kind schien nie länger als eine Stunde schlafen zu wollen.

„Ich habe ihr erst vor einer Stunde das Fläschchen gegeben. Sie kann doch nicht schon wieder Hunger haben, oder?“

„Aber natürlich“, meinte David. „Babys haben immer Hunger.“

Ayme biss sich auf die Lippe und sah ihn an. „Aber in den Büchern steht doch alle vier Stunden …“

„Babys haben aber keine innere Uhr“, merkte er an und empfand ein wenig Mitgefühl gegenüber der jungen Mutter, aber auch viel Ungeduld.

„Stimmt.“ Sie warf ihm einen schiefen Blick zu. „Aber man sollte meinen, dass sie ab und an doch auf die Uhr gucken könnten.“

Er lächelte amüsiert. Er konnte nicht anders. Wenn er es zuließ, würde er wohl anfangen, sie zu mögen, dachte er bei sich, während er ihr in das Fernsehzimmer folgte und ihr dabei zusah, wie sie versuchte, Cici beruhigend über das Köpfchen zu streicheln. Die Kleine schrie lauthals, Streicheln brachte hier überhaupt nichts.

„Probieren Sie doch mal, die Kleine zu wickeln“, schlug er vor. „Vielleicht ist die Windel voll.“

„Meinen Sie?“ Der Gedanke schien ihr neu. „Aber gut, ich probiere es.“

Sie hatte eine große, vollgepackte Wickeltasche, aber wusste offenbar nicht, wonach sie suchte. Er schaute ihr einige Minuten zu, ging schließlich zu ihr, zog eine Wickeldecke aus der Tasche und breitete sie auf dem Sofa aus.

„Ich kann das“, wehrte sie ab.

„Selbstverständlich können Sie das. Ich will nur helfen.“

„Ich weiß. Tut mir leid“, räumte sie entschuldigend ein, griff sich eine Papierwindel, legte sie auf der Decke bereit und nahm Cici aus ihrem Bettkästchen.

„Na, mein kleines Mädchen“, gurrte sie. „Jetzt machen wir dich wieder fein sauber.“ David stand daneben und beobachtete sie, was Ayme sichtlich nervös machte. „Können Sie nicht irgendwo anders hingehen?“

Eines wusste er sicher – diese Frau hatte keine Ahnung, wie man ein Baby versorgte. War das nicht verrückt? Es sei denn … ja, das war es. Sie war nicht die Mutter! Konnte es nicht sein. In sechs Wochen hätte jeder mehr gelernt als sie.

„Genug jetzt, Ayme Negri Sommers“, bedeutete er ihr schließlich bestimmt. „Sagen Sie die Wahrheit. Wessen Baby ist das?“

Völlig erschrocken blickte sie auf. „Meins.“

„Lügnerin.“

Einen Moment schaute sie ihn sichtlich verunsichert an. Schließlich hob sie die Hände hoch. „Okay, jetzt haben Sie mich. Es ist nicht wirklich meins. Woran haben Sie es bemerkt?“

„Daran, dass Sie überhaupt keinen blassen Schimmer von Babypflege haben“, eröffnete er ihr, nahm ihr die Windel aus der Hand und machte sich daraufhin selbst ans Werk. „Daran, dass Sie auf der Windelpackung die Gebrauchsanleitung nachlesen müssen.“

Ayme seufzte aufrichtig. „Das musste wohl so kommen. Trotzdem fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich hasse es, eine Lüge zu leben.“ Eher dankbar als grollend schaute sie ihn an. „Aber woher wissen Sie so viel über Babys?“

„Ich bin in einer großen Familie aufgewachsen. Wir mussten alle mit anpacken.“

„Bei uns gab es leider keine Babys. Bei uns gab es nur mich und Sam.“

Cici war sauber und hatte eine frische Windel. David hob sie hoch, nahm sie in den Arm, und sie kuschelte sich zufrieden an. Er lächelte widerstrebend. Es war fast wie Radfahren. Wusste man einmal, wie man ein Baby zu halten hatte, vergaß man es nie mehr.

Er drehte sich wieder zu Ayme. „Wer ist dieser Sam, von dem Sie immer reden?“

„Mei…ne Schwester Samantha. Sie war Cicis Mutter.“

Ayme schluckte. Zum ersten Mal, seit sie von zu Hause fort war, wurde ihr richtig deutlich, wie schrecklich das alles war. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi. Sie schloss die Augen, ließ sich auf das Sofa sinken und kämpfte gegen die Dunkelheit an, die sie zu erfassen drohte, wann immer sie auch nur einen Moment an Samantha dachte. Ebenso ging es ihr mit ihren Eltern, die beide auch bei dem Unfall gestorben waren.

Es war viel zu schwer, um es zu ertragen. Sie durfte nicht darüber nachdenken, und sie durfte David auch nichts davon erzählen. Noch nicht. Vielleicht niemals. Der Schmerz war einfach noch zu frisch.

Sie wappnete sich und erklärte zögerlich: „Sam starb vor einigen Tagen bei einem Autounfall.“ Ihre Stimme zitterte, aber sie wollte das jetzt durchstehen. „Ich … ich habe mich um Cici gekümmert, als es passierte. Es kam alles so plötzlich. Es …“

Mit tiefen Atemzügen versuchte Ayme, sich selbst zu beruhigen. Schließlich räusperte sie sich und fuhr fort: „Nun versuche ich, sie dorthin zu bringen, wo sie hingehört. Ich versuche, ihren Vater zu finden.“ Sie blickte auf, selbst ganz überrascht, dass sie es wirklich durchgestanden hatte. „So. Jetzt wissen Sie alles.“

Er sah sie starr an. Die Trauer in ihrer Stimme spiegelte sich auch in ihrer Körpersprache und im Tonfall ihrer Stimme wider. Er zweifelte nicht eine Sekunde, dass alles wahr war, was sie ihm gerade erzählt hatte, und es berührte ihn auf eine Weise, wie er es nicht erwartet hätte.

Es drängte ihn sehr, das Baby hinzulegen und diese Frau in die Arme zu nehmen. Wenn jemand Trost brauchte, dann Ayme. Aber er versagte es sich. Er wusste, es würde nicht gut gehen. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war Mitleid.

Doch um zum eigentlichen Punkt zurückzukehren: Er verstand weiterhin nicht, warum sie ausgerechnet zu ihm gekommen war.

„Ayme, ich bin nicht Cicis Vater“, sagte er unverblümt.

„Oh, das weiß ich. Ich weiß, dass Sie es nicht sind, aber Sie werden mir helfen, ihn zu finden“, sagte sie ernst. „Sie müssen es einfach. Und da Sie aus Ambria sind …“

„Ich habe nie gesagt, dass ich aus Ambria bin“, unterbrach er. Das musste er klarstellen. Für den Rest der Welt war er ein in Holland geborener und aufgewachsener niederländischer Staatsbürger. So war es seit fünfundzwanzig Jahren, und so sollte es auch bleiben.

„Na ja, Sie wissen viel mehr über Ambria als andere.“

„Stimmt“, musste er widerstrebend einräumen.

Ayme erhob sich vom Sofa und fing an – wie David vor ein paar Minuten – auf und ab zu gehen. Sie fühlte sich erschöpft. Aber sie hatte noch viel zu tun. Als sie zu ihm hinüberschaute, bemerkte sie, dass Cici an seiner Schulter eingeschlafen war.

„Wären Sie nur auf dem Flug über den Atlantik bei mir gewesen.“

„Versuchen Sie nicht, vom Thema abzulenken“, mahnte er leise und drehte sich um, um das kleine Wesen auf seinem Arm vorsichtig in das improvisierte Bettchen zu legen. „Wenn Sie meine Hilfe wollen, brauche ich mehr Informationen von Ihnen. Ich kann nichts tun, solange ich die Rahmenbedingungen nicht kenne.“

Sie nickte. Er hatte natürlich recht. Aber wie konnte sie diese verrückte Situation erklären? Unruhig ging sie zur Tür und lehnte sich an den Pfosten. Von hier hatte sie einen guten Blick auf das Panoramafenster und konnte die Aussicht über die Stadt genießen. Das Lichtermeer, das sich zu ihren Füßen ausbreitete, verströmte noch immer eine fieberhafte Energie – trotz der nächtlichen Stunde.

Sie warf den Kopf zurück und begann.

„Sam erzählte mir nicht viel über Cicis Vater. Übrigens hatte ich sie fast ein Jahr nicht gesehen, als sie mit dem Baby im Arm aufkreuzte. Ich ahnte nichts.“ Sie fasste sich mit der Hand an die Stirn, als würde ihr der Schock noch einmal bewusst. „Was soll’s, jedenfalls sagte sie nicht viel. Sie verriet mir nur, dass Cicis Vater aus Ambria stammte. Dass sie ihn in London getroffen hatte. Und dass sie sich im Moment nichts mehr auf der Welt wünschte, als ihn zu finden und ihm das Baby zu zeigen.“

Natürlich hatte es auch andere Momente gegeben, sogar Stunden, in denen Sam so tat, als wäre es ihr alles absolut egal – besonders, als sie ohne ihr Baby verschwand. Aber davon musste David nicht erfahren.

„Sam nannte Ihnen wirklich nicht den Namen dieses Typen?“

Sie zögerte. „Sam nannte mir einen, aber …“

„Welchen? Sie müssen ihn mir nennen, Ayme. Ich sehe nicht, wie ich Ihnen helfen kann, wenn Sie ihn mir verschweigen.“

Sie ging einige Schritte zum Panoramafenster, und er folgte ihr. „Haben Sie jemals die Sterne betrachtet?“, wollte sie wissen.

„Nicht oft“, antwortete er ungeduldig. „Würden Sie beim Thema bleiben?“

Sie blickte so zögernd zu ihm auf, als koste es sie Überwindung. „Wissen Sie etwas über die verschollene Königsfamilie aus Ambria?“, fragte sie.

3. KAPITEL

Einen Augenblick glaubte David, er habe Ayme falsch verstanden. Dann wurde ihm schlagartig klar, was das, was sie gerade gesagt hatte, für ihn bedeutete. Ihm blieb fast die Luft weg.

„Hm, sicher“, brachte er hervor. „Jedenfalls hörte ich von ihnen. Was ist mit ihnen?“

Ayme zuckte entschuldigend die Achseln. „Na ja, Sam behauptete, dass Cicis Vater einer aus der Familie war.“

„Interessant.“

David hustete. Er hatte schon davon gehört, dass Spuren anderer Familienmitglieder gefunden worden waren. Meistens führten diese aber ins Leere. Einmal jedoch war er auf einen Hinweis gestoßen, der ihn schließlich zu seinem ältesten Bruder führte, dem Kronprinzen. Gab es vielleicht darüber hinaus noch andere Brüder, die gerettet worden waren?

„Welcher genau“, hakte er neugierig nach, allerdings ohne wirklich viel zu erwarten.

„Sam meinte, es sei der Zweitgeborene, namens Darius.“

Der Raum schien ihm zu wachsen und wieder zu schrumpfen, als habe er ein Halluzinogen eingenommen. Er musste seine ganze Willenskraft zusammennehmen, um sein inneres Gleichgewicht nicht zu verlieren. Ayme redete weiter, erzählte ihm mehr über ihre Schwester, aber er konnte sich nicht auf das konzentrieren, was sie sagte.

Sam hatte ihn … ihn… als Vater ihres Babys genannt. Aber das war unmöglich. Unglaublich. Falsch. Oder?

Er stellte schnell einige Berechnungen an. Wo war er vor zehn oder zwölf Monaten gewesen? Welche Dates hatte er gehabt? Im Laufe der Jahre hatte er an vielen falschen Orten nach Liebe gesucht. Als er noch jünger war, gab es eine Zeit, in der er in erster Linie auf Eroberung aus war und die wichtigen Fragen – wenn überhaupt – erst später stellte. Er blickte nicht stolz auf jene Zeit zurück und war sich sicher, sie deutlich hinter sich gelassen zu haben. Aber was hatte er letztes Jahr gemacht, und wieso konnte er sich nicht richtig erinnern?

Cicis süßes Gesichtchen tauchte vor seinem geistigen Auge auf. War es ihm vielleicht irgendwie vertraut? Spürte er eine Verbundenheit? Irgendetwas?

Eine ganze Weile rang er mit sich, suchte aufrichtig nach Beweisen, kam aber zu der Gewissheit, dass es keine gab. Nein, er war sich sicher, es hatte nichts dergleichen gegeben. Allein der Gedanke war verrückt.

„Haben Sie je von ihm gehört?“, fragte Ayme weiter. „Wissen Sie viel über ihn? Haben Sie eine Idee, wo wir ihn finden könnten?“

„Wir?“ Sie glaubte wirklich, er würde alles einfach so stehen und liegen lassen und ihr helfen, oder? Das Problem war, er hatte eigentlich genau das Gegenteil zu tun. Er musste unauffällig verschwinden, und zwar schnell. Sie wusste nicht, in welcher Gefahr er womöglich schwebte. Sie war wie eine scharfe Handgranate in seine Wohnung gerollt. Die Dinge konnten jeden Moment explodieren.

„Nein“, meinte er kurz. „Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, dass ich es wissen könnte?“

„Wie gesagt, man empfahl Sie mir als jemand, der mir eventuell helfen könnte.“

Ayme wirkte nervös. Er hasste es, sie zu enttäuschen. Aber das war eine ernste Lage, und die erforderte jetzt seine ganze Aufmerksamkeit.

„Man empfahl mich?“ Ein eisiger Schauer jagte über seinen Rücken. „Wer genau empfahl mich?“

„Ein Mann aus dem Umfeld meiner Anwaltskanzlei. Er hatte ständig mit Ambria zu tun, und er kannte Sie.“

Er ließ diese Aussage auf sich wirken und grübelte darüber nach. Von seinen ambrischen Wurzeln wussten nur engste Vertraute. Der Rest der Welt hielt ihn für einen Holländer. Wie zum Teufel hatte jemand in Texas das herausfinden können?

„Wie heißt er?“, drängte er weiter und blickte sie so forschend an, als könne er ihr die Information entlocken, wenn er es nur intensiv genug versuchte.

„Carl Heissman. Kennen Sie ihn?“

Bedächtig schüttelte er den Kopf. Den Namen hatte er noch nie gehört, zumindest konnte er sich nicht erinnern.

„Ich kannte ihn eigentlich auch nicht bis …“

„Wie kamen Sie mit ihm in Kontakt? Sind Sie zu ihm gegangen und haben ihn um Hilfe gebeten?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nicht direkt. Ich ging ins Büro, stellte einen Urlaubsantrag und erklärte das mit Cici.“

„Aber wie kontaktierte er Sie?“

„Mein Chef muss ihm von mir erzählt haben, woraufhin er mich wohl anrief.“

Sein Puls raste. „Er nannte Ihnen meinen Namen am Telefon?“

„Nein. Er schlug ein kleines Weinlokal in der Stadt als Treffpunkt vor. Dort setzten wir uns auf die Terrasse.“

„Wo man ihn nicht abhören konnte“, entfuhr es David.

„Was?“, fragte Ayme perplex. Was hatte das alles zu bedeuten? Warum machte er so ein Problem daraus? Entweder er konnte ihr helfen oder nicht. Ihrer Meinung nach war der Mann in Texas nebensächlich.

„Fahren Sie fort.“

„Nun, so, wie er über Sie sprach, ging ich davon aus, dass er Sie kannte. Er nannte mir Ihren Namen, Ihre Adresse, bot mir sogar an, die Reisekosten zu übernehmen.“

Als er Letzteres hörte, riss David erstaunt die Augen auf. „Wieso das denn?“

Sie zuckte die Achseln. „Ich fand es merkwürdig. Doch ich vermutete, dass vielleicht die Anwaltskanzlei dahintersteckte. Ich habe kein Geld angenommen, aber …“

„Aber Sie wissen nicht recht, wer er ist oder was er genau mit Ihrer Kanzlei zu tun hat, oder? Er tauchte wie aus heiterem Himmel bei Ihnen auf.“

Sie warf ihm einen betont missbilligenden Blick zu, weil er sie unterbrochen hatte, redete aber weiter.

„Er gab mir eine Nummer, unter der ich ihn anrufen sollte, wenn ich Cicis Vater gefunden hätte.“ Sie hielt nach einem Telefon Ausschau. „Meinen Sie, ich sollte es jetzt tun?“

David unterdrückte einen frustrierten Ausruf. Das fehlte noch!

„Sie haben ihn noch nicht angerufen?“

„Nein.“

„Dann tun Sie es auch nicht.“

„Warum nicht?“

„Sie haben doch Cicis Vater nicht gefunden, oder?“

„Kann schon sein.“ Sie blickte ihn nachdenklich an.

Mit einem schweren Seufzer wandte er sich ab. Er wusste, dass er sie unmöglich diese Nummer wählen lassen konnte. Über den Anruf wäre er ganz genau zu orten. Doch wie konnte er ihr das begreiflich machen, ohne die Hintergründe zu verraten?

Wer auch immer dieser Carl Heissman war, dieser Mann spielte ein Spiel. Ein tödliches Spiel.

Er schaute wieder zu Ayme, musterte sie, versuchte, auf Details zu achten, die er bis jetzt vielleicht übersehen hatte. Warum war sie wirklich hier? War ihre Geschichte ein Täuschungsmanöver? Ein Trick, um ihn aus seinem Versteck zu locken?

Was auch immer. Er musste schleunigst von hier weg und darauf hoffen, dass ihm derjenige, der Ayme geschickt hatte, noch nicht auf der Spur war.

Lauernd, wie eine Katze auf dem Sprung, sah er zu ihr. Sein ganzer Argwohn war zurückgekehrt. Diese Frau war bei ihm eingedrungen wie die Vorhut einer kleinen feindlichen Armee, und er würde von nun an ständig auf der Hut sein müssen. Er konnte es sich nicht leisten, ihr zu vertrauen.

In diesem Augenblick klingelte das Festnetztelefon.

Sie schauten sich in die Augen, während es einmal klingelte, zweimal …

Schließlich lief David los, hob ab und starrte auf das Display: ‚Nummer unterdrückt‘ wurde angezeigt. Aber niemand meldete sich am anderen Ende.

Seine Gesichtszüge versteinerten, und sein Puls raste so, dass er kaum atmen konnte. ‚Nummer unterdrückt‘ erschien sonst nie. Die wenigen Menschen, die seine geheime Privatnummer kannten, wurden alle mit ihrer Nummer angezeigt. Nur diesmal nicht.

Der Anrufer jetzt hatte genau seinen aktuellen Aufenthaltsort lokalisieren können. David war davon überzeugt, dass dieser Mensch nicht mitten in der Nacht anrief, um sich nett zu unterhalten. Dies war die Gefahr, die er immer geahnt und erwartet hatte – und solange er sie nicht genau kannte, musste er sie um jeden Preis meiden.

Und mehr als das: Er musste vor ihr fliehen.

Er drehte sich um, um Ayme anzusehen, und fragte sich, ob ihr die Bedeutung des nächtlichen Anrufers klar war, ob sie vielleicht sogar wusste, wer er war und warum er anrief. Aber sie blickte unschuldig und neugierig. Und er konnte nicht glauben, dass jemand mit ihren Augen eine perfekte Lügnerin war. Nein, sie wusste nicht mehr als er. Er hätte alles darauf gewettet.

„Sie wollten doch schlafen, oder?“, fragte er sie, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte. „Meinetwegen gehen Sie ins Gästezimmer nach nebenan und legen sich ein paar Stunden hin. Morgen wird es Ihnen besser gehen.“

„Wunderbar.“ Aymes Augen leuchteten kurz vor Dankbarkeit. Sie hoffte nur, dass Cici so viel Erbarmen hatte, sie auch ein wenig ausschlafen zu lassen. In der Regel hatte sie ihr seit Tagen nur einen kurzen Schlummer erlaubt.

Sie blickte zu David. Er wirkte in sich gekehrt und schien über ein Problem nachzudenken. Zudem sah er etwas angespannt aus. Das machte sie umso dankbarer.

Sie war froh, dass er so gelassen auf ihre Anwesenheit reagierte. Die meisten Leute hätten sie wohl längst hinausgeworfen. Er jedoch hatte nichts dagegen, dass sie blieb. Zum Glück! Sie freute sich schon, sich in das warme, weiche Gästebett zu legen und zu schlafen, als ihr plötzlich Zweifel kamen.

Er hatte nichts darüber gesagt, ob er selbst auch schlafen wollte, oder?

„Was werden Sie machen?“

Er zuckte eher geistesabwesend die Achseln. „Ich muss ein paar Geschäfte unter Dach und Fach bringen.“

Ayme wusste, dass es eine Ausrede war, aber das sagte sie ihm nicht. Sie war viel zu müde, um sich mit ihm zu streiten. Es war gerade viel reizvoller, an eine kuschelige Decke und ein richtig flauschiges Kissen zu denken. Daher folgte sie ihm ins Gästezimmer und wartete noch, bis er Cici in ihrem Bettkästchen geholt und sie neben ihr Bett gestellt hatte, ohne das Baby dabei aufzuwecken.

Lächelnd schaute sie ihm zu, wie er die Kleine zudeckte. Richtig liebevoll.

„Also, bis später“, verabschiedete er sich, und nachdem er aus der Tür war, zog sie Rock und Pullover aus, behielt nur die Unterwäsche an und ging zu Bett. Sie schlief gleich ein, begann sogar aus irgendeinem Grund gleich zu träumen, und ihre Träume waren voller großer, dunkelhaariger Männer, die David sehr ähnlich sahen.

Unterdessen bereitete David seine Abreise vor. Er hatte diesen Tag geplant, seit er sich ausmalen konnte, was der Granvilli-Clan mit ihm machen würde, wenn ihre Agenten ihn aufspürten. Er wusste, dass alle Überlebenden des ambrischen Königshauses umgebracht werden sollten, weil sie eine ständige Gefahr für das neue Regime darstellten.

Und er und sein älterer Bruder Monte waren tatsächlich eine Gefahr, ob der Granvilli-Clan es schon wusste oder nicht. Sie beide jedenfalls waren fest dazu entschlossen, den Machthabern gefährlich zu werden. Ende der Woche sollte er in Italien eintreffen, um sich mit anderen aus Ambria auszutauschen und die Rückkehr an die Regierung ernsthaft in Angriff zu nehmen. Eigentlich konnte er genauso gut auch jetzt schon aufbrechen. Was hielt ihn hier noch? Im Büro hatte er bereits alle Vorkehrungen für seine längere Abwesenheit getroffen.

Und er musste allein gehen. Ayme konnte er nicht mitnehmen, warum auch? Warum sollte er sich für sie verantwortlich fühlen? Er versuchte, diesen Gedanken auszublenden. Es würde ihr hier gut gehen. Vor zwei Stunden wusste er nicht einmal, dass es sie gab. Warum sollte er sich ihr gegenüber zu irgendetwas verpflichtet fühlen?

Das tat er auch nicht. Aber dem ambrischen Volk fühlte er sich verpflichtet. Und es war Zeit, dieser Verpflichtung nachzukommen.

Er machte sich daran, alles zu erledigen, was zu erledigen war. Er vernichtete Papiere und Dokumente, die nicht den falschen Leuten in die Hände fallen sollten. Dafür brauchte er eine Weile, während deren er stets mit einem Ohr horchte, ob nicht das Telefon noch einmal klingelte. Aber es gab keine weiteren Störungen mehr in dieser Nacht. Der Himmel färbte sich eben ins Morgenrot, als David mit seinen Vorkehrungen fertig war.

Schnell zog er sich schließlich einen dunkelblauen Pullover aus Kaschmir über und schaute sich ein wenig unschlüssig in seinem Schlafzimmer um. Blieb ihm noch Zeit, einiges in seine Reisetasche zu packen? Egal – er musste etwas mitnehmen, und es lag ja alles griffbereit.

Am Ende zog er seine weiche Lederjacke an und ging zur Tür. Trotz aller Vernunftgründe, die er angeführt hatte, fühlte er sich mies, Ayme so allein zu lassen. Sie kannte niemanden in der Stadt. Niemanden außer ihm.

Sie kannte ihn nicht wirklich, oder? Eigentlich war es lächerlich, grübelte er, blieb aber doch zögernd in der Tür stehen. Vielleicht konnte er den Portier bitten, nach ihr zu sehen. Das konnte er tun. Es würde ihr gut gehen.

Genau. Er ging einen Schritt weiter, stoppte und stieß einen schlimmen Fluch aus. Er wusste, er konnte sie nicht verlassen.

Es ließ sich nicht sagen, wer der Anrufer gewesen war. Auch nicht, wer hinter ihm her war – David war nur überzeugt, dass es sich um einen Agenten des Granvilli-Clans handelte. Was, wenn der Attentäter nach seiner Abreise in das Apartment kam? Wer würde Ayme beschützen? Der Portier sicher nicht.

Nein, er konnte sie nicht allein lassen – auch wenn sie diejenige war, die ihm das alles eingebrockt hatte. Er war fast sicher, dass sie selbst überhaupt nichts davon ahnte. Sie war ein unschuldiges Opfer. Er konnte sie nicht verlassen.

Leise drehte er sich um und ging zurück, öffnete die Tür des Gästezimmers und schaute hinein.

„Ayme? Tut mir leid, Sie wecken zu müssen, aber ich muss gehen, und ich will Sie hier nicht allein lassen.“

„Hm?“ Verwundert und verschlafen schaute sie zu ihm hoch. „Was ist los?“

„Sorry, aber Sie kommen mit mir mit.“ Er blickte sich suchend um. „Haben Sie noch mehr Garderobe?“

Blinzelnd versuchte Ayme – benommen wie sie war – den Sinn der Frage zu verstehen. „Ich habe meine Tasche in der Ecke stehen gelassen.“ Sie nickte mit dem Kopf grob in die Richtung.

Er hielt ihr die Hand hin. „Kommen Sie.“

Sie nahm seine Hand und besah sie sich wie einen Fremdkörper. „Wohin gehen wir?“

Er zog sie leicht hoch, und sie wehrte sich nicht, schob sich halb aus dem Bett.

„Weg von hier.“

„Warum?“

„Warum? Weil Bleiben zu gefährlich ist.“

„Oh.“

Das Argument schien Ayme zu überzeugen. Sie taumelte aus dem Bett wie ein schläfriges Kind, wickelte das Laken um sich und hielt Ausschau nach ihrer Kleidung. David wollte sich schon diskret umdrehen, aber der Anblick, den sie bot – in den Stoff gehüllt, eine Schulter nackt und ihre langen, zart gebräunten Beine größtenteils entblößt, ließ ihn wie gebannt stehen bleiben. Sie war von einer weichen, anmutigen Schönheit, die ihm den Atem raubte und ihn an ein längst vergessenes Märchen erinnerte …

Ambria. Die Sage vom See. Er wusste noch, wie er auf dem Schoß seiner Mutter saß und sie die Seiten des Bilderbuchs umblätterte und ihm die Geschichte vorlas.

„Guck mal, Darius. Ist sie nicht wunderschön?“

Die Frau saß auf einem Felsen über dem See, weinte in die Hände, und ihr fließendes Gewand ähnelte Aymes Laken sehr. Seltsam. All die Jahre hatte er nicht daran gedacht, und jetzt, während er Ayme zuschaute, wie sie sich nach ihren verstreuten Kleidungsstücken bückte, sah er das Bild wieder deutlich vor Augen. Als Junge hatte er genauso empfunden wie jetzt.

Na ja, nicht ganz genauso. Er war kein Junge mehr, und außer der plötzlich aufsteigenden Zuneigung gab es nun noch ein anderes Gefühl, das damit zu tun hatte, wie samtig ihm ihre Haut im Licht der Lampe besonders an den Stellen erschien, an denen das Laken heruntergerutscht war und er den Ansatz ihrer Brüste und die zarte Spitze ihres trägerlosen Büstenhalters sehen konnte, die aus diesem verführerischen Dekolleté blitzte.

Aus irgendeinem mysteriösen Grund beschleunigte sich sein Puls wieder, und diesmal hatte es nichts mit einem Anruf zu tun.

Ayme schaute auf und fing seinen Blick auf. Sie sah ihn ebenfalls an, aber ihr Blick war kühl und fragend.

„Wo sagten Sie, gehen wir hin?“

„Ich sagte es nicht. Lassen Sie sich überraschen.“

„Ich mag keine Überraschungen.“ Nachdenklich biss sie sich auf die Lippe und probierte es mit einem Gegenvorschlag. „Ich könnte mit Cici hierbleiben, bis Sie wieder zurück sind.“

„Ich weiß nicht, wann das sein wird. Vielleicht nie.“

Das bestürzte sie. „Oh.“

„Auch weiß ich nicht, wer vielleicht zu Besuch kommt. Also kommen Sie besser mit mir mit.“

„Ich verstehe.“ Sie merkte jetzt, wie ernst seine Stimme klang. „Wenn Sie mich für einen Moment entschuldigen würden?“, fragte sie und gab ihm höflich, aber bestimmt zu verstehen, dass sie das Laken fallen lassen musste und sie absolut nicht gewillt war, es zu tun, solange er im Raum war.

„Natürlich“, sagte er leicht betreten und steuerte langsam Richtung Wohnzimmer.

Aber dann blieb er stehen und sah wieder zu ihr herüber. Woran dachte er? Zu viel daran, was er bei ihrem Anblick empfand, und zu wenig daran, seinen Leib und sein Leben zu schützen. „Moment“, stieß er hervor und machte auf dem Absatz kehrt. „Hören Sie, Ayme, ich muss es wissen, und ich muss es jetzt wissen: Sind Sie verkabelt, oder tragen Sie einen Peilsender?“

Ayme raffte das Laken fester um ihre Brust. Was war das, Spion gegen Spionin? „Was? Wovon sprechen Sie?“

„Ich meine das ernst. Ich muss das prüfen.“

Sie wich zurück und machte große Augen, als sie begriff, was er vorhatte. Sie zog den Leinenstoff fest um sich. „Oh nein, das werden Sie nicht.“

„Ich kann nicht anders. Sollten Sie etwas bei sich tragen, muss ich es entfernen.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Ich schwöre, ich trage nichts bei mir.“

„So geht das nicht.“ Er bedeutete ihr, näher zu kommen. „Kommen Sie her.“

„Nein!“

„Möglicherweise sind Sie verwanzt und wissen es nicht einmal“, sagte er ernst und hielt seine Hand auf. „Geben Sie mir Ihr Handy.“

Das konnte sie ihm geben.

„Bitte!“ Sie warf es ihm zu, zog das Laken noch einmal fest und achtete darauf, außerhalb seiner Reichweite zu bleiben.

David öffnete das kleine Fach, zog den Akku heraus und schaute nach. Nichts. Er legte den Akku zurück, machte das Handy aus und warf es Ayme wieder zu. „Bitte lassen Sie es aus. Empfangsbereit ist es ein ständiger Peilsender.“

Seltsam, bis vor Kurzem hätte sie das Ausschalten ihres Mobiltelefons noch wie das Abschneiden ihrer Sauerstoffzufuhr empfunden. Doch jetzt störte es sie nicht. Die meisten, die sie vielleicht hätten anrufen wollen, waren fort. Die ihr wichtigsten Menschen lebten nicht mehr. Schaudernd schob sie den Gedanken beiseite.

Allmählich wieder bei klarem Verstand, wunderte sie sich allerdings, was dieser Sicherheits-Check sollte. Normalerweise, zumindest ihrer Erfahrung nach, behandelte man doch so keine Übernachtungsgäste. Warum zum Kuckuck tat David das?

Sie legte das Handy hin und sah ihn scharf an. „Würden Sie mir vielleicht erklären, warum es hier plötzlich zu gefährlich ist? Und warum verspüren Sie das Bedürfnis, nach Wanzen und Peilsendern zu suchen? Erwarten Sie eine Art feindliche Invasion in Ihren vier Wänden?“

Seine Mundwinkel zuckten, doch der Blick seiner blauen Augen zeigte keine Spur von Humor. „Ich bin nur vorsichtig. Vorsicht ist besser als Nachsicht, wie man so schön sagt.“

„Und dennoch fühlte ich mich all die Jahre sicher, ohne mich je einer Leibesvisitation unterzogen zu haben. Das war vermutlich nur naiv, nicht wahr?“

Die spöttische Spitze entging ihm nicht. „Ayme, mir behagt das ebenso wenig wie Ihnen.“

„Tatsächlich?“

David ging einen Schritt vor und sie den entsprechenden zurück, um schön außer Reichweite zu bleiben. „Wissen Sie eigentlich, wonach Sie genau suchen?“

Er nickte. „Würden Sie jetzt bitte eine Minute stehen bleiben?“

„Ich denke nicht daran.“ Sie wich zur Seite aus.

„Ayme, seien Sie vernünftig.“

„Vernünftig!“ Sie lachte laut auf. „Mich auf Wanzen zu durchsuchen, das nennen Sie vernünftig? Ich nenne es unzumutbar, und ich werde es nicht dulden.“

„Sie werden es müssen.“

„Würden sich mögliche Wanzen nicht eher an meiner Kleidung oder in meinem Gepäck befinden?“

Er nickte beipflichtend. Sie hatte absolut recht. Andererseits, nachdem sie nun durch ihn vorgewarnt war, musste er seinen Plan durchziehen, ohne ihr die Möglichkeit zu geben, hinter seinem Rücken alle mutmaßlichen Beweise verschwinden zu lassen.

„Ich werde auch Ihre Sachen durchsuchen. Aber zuerst sind Sie dran.“ Er kommentierte ihr seitliches Ausweichen mit einem strengen Blick. „Halten Sie still.“

Ayme griff nach einem Stuhl, schob diesen zwischen sich und ihn und blickte herausfordernd zu ihm herüber. „Warum machen Sie das, David? Wer verfolgt Sie?“

Er schob den Stuhl zurück und kam einen Schritt näher.

„Wir haben keine Zeit, darüber zu sprechen.“

„Nein, halt“, rief sie aus, rollte halb über das Bett und landete wieder auf ihren Füßen, ohne ihr Laken zu verlieren. Jetzt stand das Bett zwischen ihnen, und sie war sehr zufrieden mit sich. „David, sagen Sie mir, was hat sich geändert? Als Sie mich hier vorfanden, waren Sie zuerst verärgert, sicher. Aber jetzt ist es anders. Jetzt sind Sie irgendwie nervöser.“ Ayme dachte nach. „Es war dieser Anruf, nicht wahr?“

Nach kurzem Zögern räumte er es ein.

„Wissen Sie, wer der Anrufer war?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, aber es war wie eine Warnung. Mir wurde klar, dass ich Ihnen gegenüber viel zu leichtsinnig war.“

„Leichtsinnig! Da bin ich anderer Ansicht.“

„Genug. Wir müssen hier weg. Aber zuerst muss ich Sie überprüfen. Jemand könnte Ihnen eine Wanze zugesteckt haben.“

„Unbemerkt?“

„Darauf verstehen sich diese Leute. Sie sind Experten darin, Kleidung, Taschen, selbst den menschlichen Körper an den unglaublichsten Stellen mit einem GPS-Sender zu versehen.“

„Wer? Wer würde so etwas tun?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht dieser Mensch, der Ihnen meinen Namen nannte.“

Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. Das ergab überhaupt keinen Sinn. „Aber er hat mir Ihre Adresse gegeben. Er wusste schon, wo Sie wohnen. Warum sollte er …?“

„Ayme, ich weiß es nicht“, unterbrach er sie. „Würden Sie jetzt bitte stillstehen und mich nachsehen lassen? Ich verspreche, ich werde nicht …“

„Nein!“ Sie wollte gerade wieder mit dem Kopf schütteln, als ihr eine Lösung einfiel. „Ich werde es tun“, schlug sie entschlossen vor und warf die Haare zurück.

Verblüfft starrte er sie an. „Sie werden es tun? Was werden Sie tun?“

Sie lächelte verwirrt. „Ich werde es tun. Ich selbst. Warum nicht? Wer kennt meinen Körper besser?“ Fast übermütig lachte sie ihn an. „Sie werden mir vertrauen müssen.“

Er sollte ihr vertrauen? Das ging nicht, oder?

Warum nicht? fragte eine Stimme in seinem Kopf. Sieh dir dieses Gesicht an. Wenn du dieser Frau nicht vertrauen kannst, dann kannst du niemandem vertrauen.

An und für sich war seine Devise immer gewesen: Vertraue niemandem. Doch manchmal musste selbst er Zugeständnisse an die Realität machen.

„Nun gut“, lenkte er ein. „Fangen Sie an. Ich werde sehen, wie Sie es machen.“

Ich werde das sehen“, korrigierte sie ihn. „Sie werden sich meine Garderobe und meine Taschen ansehen und mir dabei den Rücken zuwenden. Ist das klar?“

„Ayme“, begann er verärgert, aber sie bedeutete ihm nur mit einer Kopfbewegung, dass er sich umdrehen sollte. Da sich die Dinge offenbar nur so vorantreiben ließen, und sie wirklich losmussten, tat er widerstrebend das, was sie wollte.

Systematisch sah er ihre Sachen durch. Dank einiger Security-Kurse, die er in letzter Zeit absolviert hatte, besaß er bei dieser Art Suche mittlerweile eine gewisse Routine, und es erschien ihm deshalb auch nicht seltsam, Amys Slips und BHs in die Hand zu nehmen. Er musste einfach glauben, dass sie auch ihre Pflicht tat, während sie unaufhörlich auf ihn einredete – und er nichts fand.

„Ich kann es wirklich nachvollziehen, wissen Sie“, erklärte sie gerade. „Und ich möchte meine Sache hier gut machen, denn sollte ich mit Ihnen mitkommen, wären Cici und ich, wie ich glaube, wohl ebenso in Gefahr wie Sie.“

„Sie haben es erfasst. Das ist der springende Punkt.“

„Ich will nur, dass Sie wissen, dass ich wirklich akribisch bin.“

„Fein.“

„Ich sehe an den unglaublichsten Stellen nach.“

Allein die Vorstellung weckte Fantasien in ihm, denen er keinen freien Lauf lassen wollte und die er seufzend abschüttelte.

„Sind Sie fertig?“, fragte er schließlich und wartete auf das Okay, sich wieder umdrehen zu dürfen.

„Fast. Hören Sie, in einer Fernseh-Show habe ich einmal gesehen, wie jemandem so ein kleiner Peilsender irgendwie unter die Haut geheftet wurde. Meinen Sie, das ist wirklich möglich?“

„Sicher.“

Sie zögerte. „Nun gut, ich habe jeden Zentimeter Haut untersucht, jede Verdickung genau betrachtet und nichts Verdächtiges entdeckt. Aber um ganz sicherzugehen …“

Er drehte sich um und sah sie an. Sie stand genauso da wie vorher, hielt das Laken über ihrer Brust fest und schaute ihn mit ihren großen, dunklen Augen an.

„Was?“

Sie seufzte. „Ich kann meinen Rücken nicht sehen. Und ich komme auch nicht dran.“

Er blieb stehen und schaute sie an. „Oh.“

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Sie werden es machen müssen.“

„Oh“, wiederholte er, und plötzlich war sein Mund trocken, und es fühlte sich an, als hätte er schon zu lange die Luft angehalten.

„Na gut.“

Er war bereit.

4. KAPITEL

Das war Wahnsinn!

Leise fluchend versuchte David, seine starke Reaktion in den Griff zu bekommen. Ayme war nur eine Frau. Er war mit so vielen Frauen zusammen gewesen, dass er sie kaum mehr zählen konnte. Er wurde nicht mehr nervös, wenn sie ihm nahe kamen. Das hatte er schon vor Jahren überwunden. Warum also hämmerte sein Herz jetzt so, während er sich Ayme näherte, um ihren Rücken abzutasten?

Sie stand schüchtern da, hielt das Laken mit einer Hand über der Brust, mit der anderen in Höhe der Hüfte fest, sodass der Rücken nicht tiefer als bis zum Steißbein zu sehen war. Die gesamte Rückenfläche war frei, wurde nur unterhalb der Achsel vom schmalen Verschluss ihres Spitzen-Büstenhalters verdeckt. Aber das nahm David nicht wahr. Er strich ihr die Haare aus dem Nacken und tastete mit den Fingern über ihre warme Haut, die wie Feuer in seiner Handfläche zu brennen schien.

„Also gut, ich mache, so schnell ich kann“, sagte er an und räusperte sich, um das alberne Beben seiner Stimme zu stoppen. „Ich werde nur mehrmals mit der flachen Hand über Ihren Rücken fahren.“

„Lassen Sie keine Stelle aus.“ Tapfer hob sie den Kopf. „Ich werde es schon verkraften“, ergänzte sie tief durchatmend, als David seine Finger wandern ließ. „Aber trödeln Sie nicht.“

Nicht trödeln.

Aus irgendeinem Grund hallten die Worte in ihm nach, während er sich voranarbeitete. Ihre Haut war seidig, warm wie ein Sommertag, absolut verführerisch, und jeder Zentimeter schien auf seine Berührung zu reagieren. Aber er schwor sich, es nicht wahrzunehmen, selbst wenn es ihn verrückt machte. Er würde nicht wahrnehmen, wie gut sie roch oder wie süß sich ihre Kurven in seinen Händen anfühlten.

Warum also atmete er so schnell? Warum spannte sich sein Körper an? Das war Wahnsinn. Er reagierte, wie er ewig nicht mehr auf eine Frau reagiert hatte. Dabei untersuchte er nur ihren Rücken auf Fremdkörper.

Er schloss die Augen, als er ein letztes Mal seine Hand so tief nach unten gleiten ließ, wie er es sich selbst zugestand, und wich dann zurück, hörte sich mit plötzlich brüchiger Stimme sagen: „Ihre Unterwäsche müsste auch geprüft werden.“

Er fluchte verärgert, spürte, dass er so rot wurde wie nie zuvor, aber Ayme sah nicht nach hinten. Sie fasste unter das Laken, zog mit zwei schnellen Handgriffen BH und Slip aus und untersuchte beides selbst.

„Da ist nichts dran“, erklärte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen. „Sie können meinetwegen auch nachsehen.“

„Ich nehme Sie beim Wort“, sagte er schroff.

Das war unglaublich. Er fühlte sich wieder wie sechzehn. Wohin sollte das nur führen? Eine fast elektrische Spannung lag in der Luft. Spürte nur er das, oder ging es ihr ebenso? Es war wohl besser, sich nicht darauf einzulassen. Er ging aus dem Raum, ohne ihr noch einen Blick zu schenken.

„Moment“, rief sie ihm nach. „Meinen Sie, ich bin sauber?“

Unwillig drehte er sich noch einmal halb um, mied aber ihren Blick. „Ich denke ja, ich habe nicht das geringste Anzeichen entdecken können.“

„Gut. Also verdächtigen Sie mich nicht länger?“

Er drehte sich ganz um und sah ihr direkt in die dunklen Augen. „Ich verdächtige jeden, Ayme. Nehmen Sie es nicht persönlich.“

Sie machte eine Bewegung, die als Schulterzucken gedacht war, aber mehr einem nervösen Zucken glich. „Ich versuche es. Aber es ist nicht leicht.“

Sein Blick verfing sich mit ihrem, und er schien ihn nicht zurückziehen zu können. Er hatte ein Zittern in ihrer Stimme bemerkt, die Spur eines Gefühls, das er nicht näher bestimmen konnte, und es hatte ihn irgendwie berührt. Auf einmal fühlte er sich verwirrt und war unsicher, wie er reagieren sollte.

„Gehen Sie schon mal vor, und ziehen Sie sich an“, fügte er schroff hinzu, nachdem es ihm endlich gelungen war, sich von ihr abzuwenden. Ohne sich noch einmal umzusehen, ging er aus dem Zimmer. „Wir brechen in einer Minute auf.“

Sie antwortete nicht, und David ging in die Küche, goss sich ein Glas Wasser ein, trank es hastig und versuchte vor sich selbst das, was gerade geschehen war, zu rechtfertigen.

Es war selbstverständlich nicht das, wonach es aussah. Wie sollte es das auch sein? So etwas tat er nicht. Seine übertriebene Reaktion auf ihren Körper war allein durch die äußeren Umstände bedingt – die leise Furcht, die Erinnerungen an seine eigene tragische Vergangenheit. Kaum ungewöhnlich. Nichts Alarmierendes.

Sie war nur ein Mädchen.

Erleichtert und entschlossen ging David gewohnt souverän zurück ins Gästezimmer. Zum Glück war Ayme bereits angezogen und reisefertig, und als er ihr in die Augen schaute, fiel ihm nichts Besonderes auf – kein Bedauern, kein Groll, keine Gefühle, die ihm Unbehagen bereiteten.

„Kommen Sie. Wir müssen hier weg.“ Er schulterte seine Reisetasche und griff sich das Baby. „Ich nehme Cici. Sie tragen das Gepäck, okay?“

David lief am Aufzug vorbei zum Treppenhaus. Es war ein langer, langer Abstieg, aber schließlich erreichten sie das Erdgeschoss, gingen zum Parkhaus und dort bis zu einem schnittigen Sportwagen. Er ließ Ayme mit dem Baby einige Meter entfernt warten und bereitete die Abfahrt vor.

Er hatte alles richtig gemacht. Er hatte das Nummernschild ausgetauscht, unter der Motorhaube und unter dem Wagen nach Sprengstoff gesucht. Dennoch zuckte er zusammen, als er den Motor mit der Fernbedienung startete, und empfand große Erleichterung, als es nicht ‚Boom‘ machte.

Ein neuer Tag, ein weiterer, riskanter Schritt, dachte David, als er Ayme ins Auto half, für Cici eine Kissenburg auf dem Rücksitz baute und nach und nach alle Baby-Utensilien verstaute.

Und nun das nächste Dilemma – sollte er in eine Großstadt fahren, wo sie in der Menge untertauchen konnten, oder in eine ländliche Gegend, wo niemand auch nur auf den Gedanken käme, sich mit ihnen zu befassen? Ausnahmsweise entschied er sich für das Land.

Aber bis dorthin war es noch ein weiter Weg. Zuerst fuhr David nicht in die Richtung, in die er eigentlich wollte, sondern in die entgegengesetzte. Nach einer Stunde erreichten sie den Rand eines Naturparks, wo er parkte, ausstieg und Ayme samt Cici mit all ihren Habseligkeiten schnell aus dem Wagen komplimentierte. Anschließend stoppte er ein vorbeifahrendes Taxi, dirigierte den Fahrer in eine vollkommen andere Richtung und ließ ihn an einer Tankstelle halten, wo er eines seiner anderen Autos hatte bereitstellen lassen. Dieses Modell war klein, kastenförmig, gänzlich unauffällig und somit das genaue Gegenteil zu seinen sonstigen Wagen.

Ayme bemühte sich, weiterhin eine freundliche Miene zu wahren. Sie wollte nicht meckern. Aber als sie sich in das kleine, enge Gefährt quetschte, konnte sie sich nicht verkneifen zu sagen: „Der Sportwagen gefiel mir besser.“

„Mir auch, glauben Sie mir. Das ist mein Inkognito-Auto.“

Er warf ihr lächelnd einen Seitenblick zu, der Humor und echte Wärme ausstrahlte und ein gewisses Prickeln in ihr auslöste. Es war gut zu wissen, dass er auch dazu fähig war. Sie hatte schon befürchtet, er wäre nur mürrisch und wenig freudvoll.

Gern hätte sie ein wenig zusammen mit ihm gescherzt, aber sie traute sich nicht, noch nicht. Wenn er recht hatte, flohen sie hier vor einer Gefahr. Nicht gerade die Zeit für sorglose Heiterkeit.

Gefahr. Ayme blickte durch das Fenster auf die vorbeiziehenden Häuser. Sie wünschte, sie wüsste etwas mehr über diese Gefahr. Wer war dieser Mensch, und warum verfolgte er David?

Kurz dachte sie wieder an die Geschehnisse vorhin im Gästezimmer. Die Art und Weise, wie ihr Körper auf einige heiße Blicke dieses Mannes reagiert hatte, war die einzige Gefahr, die ihr im Moment zu schaffen machte. Eine eindeutige und unmittelbare Gefahr. Das stellte er für ein Mädchen wie sie dar.

Frau, korrigierte sie sich selbst. Du bist eine Frau. Also verhalte dich auch so!

„Entspannen Sie sich doch“, sagte er wieder zu ihr gewandt. „Es dauert noch ein paar Stunden, bis wir am Ziel sind.“

„Ich bin entspannt. Machen Sie sich um mich keine Sorgen.“

„Warum versuchen Sie nicht, ein bisschen zu schlafen, solange Cici schlummert?“

Es war ein vernünftiger Vorschlag, aber sie war in keiner vernünftigen Stimmung. Obwohl sie die Müdigkeit in den Knochen spürte, hatte sie noch zu viel Adrenalin in sich, um jetzt zu schlafen. „Aber dann kann ich kein Sightseeing mehr machen“, gab sie ihm zur Antwort. „Ich möchte doch etwas von der Landschaft mitbekommen.“

Er blickte im Vorbeifahren auf die tristen Häuser. „Hier gibt es gerade kaum Landschaft zu sehen. Mehr Industriebrachen.“

Nickend betrachtete sie alles mit großen Augen. „Das habe ich schon bemerkt.“

„Wir fahren einen Umweg, und ich fürchte, die Route führt uns nicht durch die schönsten Flecken von England. Ich versuche, Aufsehen zu vermeiden und Orte zu umgehen, in denen mich womöglich jemand kennt. Aber in einer Stunde etwa gibt es schönere Ansichten.“

„Okay. Ich probiere zu schlafen.“ Ayme kuschelte sich in den Sitz, schloss die Augen und schlief auf der Stelle ein.

David nahm das mit Erleichterung auf. Solange sie schlief, konnte sie keine Fragen stellen. Was Ayme betraf, waren seine Gefühle wirklich gemischt. Warum hatte er sie mitgenommen? Er hätte sie allein zurücklassen sollen, das wäre wahrscheinlich vernünftiger gewesen. Aber er fühlte sich in irgendeiner Weise für sie verantwortlich, und er wollte für ihren Schutz sorgen.

Andererseits würde sie sich letztendlich nicht gerade bei ihm dafür bedanken, sie in diese wilde Katz-und-Maus-Jagd mit hineingezogen zu haben. In einem netten Hotel in einer touristisch reizvollen Stadt, wo sie sich die Zeit mit Shopping, Sightseeing oder was auch immer vertreiben konnte, wäre sie wohl besser aufgehoben gewesen, während er durch verschiedene Städte und Länder hätte reisen können, ohne auf ein Baby Rücksicht nehmen zu müssen. Wenn Ayme das Kind erst einmal einen Tag lang durch die Gegend getragen hatte, würde sie vielleicht so eine Lösung akzeptieren.

Es war ein reizvoller Gedankengang, er hatte allerdings eine schwerwiegende Schwachstelle, und das fiel ihm ziemlich schnell auf. Irgendein Mensch da draußen zeugte unter seinem Namen Babys. Er musste herausfinden, wer es war, und ihm Einhalt gebieten. Solange er das nicht erledigt hatte, sollte er besser die junge Frau im Auge behalten, die ihm dieses spezielle Problem aufgeladen hatte.

Na ja, das war nicht ganz fair. Das Problem hatte die ganze Zeit bestanden. Er hatte nur nichts davon gewusst, bis sie bei ihm auftauchte.

Das alles war vielleicht nur ein Vorwand, weil er sie bei sich haben wollte und sie gerne ansah. Er schaute sie an. Ihr Anblick war absolut hinreißend.

Er hatte nie zu denen gehört, die sich von einem schönen Gesicht bezirzen ließen. Schließlich gab es davon viele, und romantische Abenteuer hatte er seinerzeit reichlich genossen. Er würde es nicht zulassen, dass eine kleine, fatale Anziehung seinen Plänen im Weg stand.

Er war nüchtern und pragmatisch, wenn es darum ging, zusammen mit seinem Bruder die Rückeroberung ihres Landes zu erreichen. In Zeiten wie diesen war Romantik nicht angesagt. Selbst ein flüchtiger Flirt konnte einem Mann den Verstand rauben und ihn von seinen Zielen ablenken. Das, was er und sein Bruder planten, sah nach Schwierigkeiten aus, war gefährlich und womöglich verhängnisvoll.

Beziehungen waren unangebracht. Punkt, aus, Ende.

David fragte sich, und das nicht zum ersten Mal, was Monte wohl zu alldem sagen würde. Er wollte ihn anrufen, aber dies war weder der richtige Ort noch die richtige Zeit. Er musste irgendwohin, wo es sicher war. Später – sobald sie eine Übernachtungsmöglichkeit in Küstennähe gefunden hatten – würde er eine Möglichkeit finden, seinen Bruder zu kontaktieren.

Ayme schlief zwei Stunden, und als sie aufwachte, reckte und streckte sie sich wie ein Kätzchen, sah ihn an und blinzelte, als sei sie überrascht, ihn zu sehen. „Hallo, Sie sind ja immer noch da.“

„Wo sollte ich denn sonst sein?“, fragte er halb amüsiert.

„Seit mein Leben zu einem Albtraum wurde, bin ich ständig auf traumhafte Ereignisse gefasst. Es könnte ja der verrückte Hutmacher aus ‚Alice im Wunderland‘ am Steuer sitzen oder zumindest ein wütender Igel.“

„Es ist ein Siebenschläfer“, murmelte er, während er abbremste, um auf der schmalen Straße ein entgegenkommendes Fahrzeug passieren zu lassen.

„Okay, ein wütender Siebenschläfer.“ Sie lächelte, fand es lustig, dass er die Details der Geschichte von Alice im Wunderland kannte. „Sie sind also weder noch.“

„Nein. Früher allerdings warf man mir vor, einen Hang zum weißen Kaninchen zu haben.“ Er lächelte sie von der Seite an. „Immer zu spät und in Eile.“

„Ach.“ Sie nickte weise. „Nervige Eigenschaft.“

„Ja. Angeblich soll Unpünktlichkeit eine Form von Egoismus sein, aber ich glaube, es ist etwas völlig anderes.“

„Und was?“, fragte sie wissbegierig, weil sie selbst bei allem und jedem zu spät kam und gern eine neue, schöne Ausrede erfahren wollte.

Bevor aber David ihr antworten konnte, meldete sich Cici vom Rücksitz aus lauthals zu Wort und bat um Aufmerksamkeit.

„Puh, die hat Hunger.“ Ayme nahm ein vorbereitetes Fläschchen aus der Wickeltasche, beugte sich damit nach hinten zur Rückbank und hielt es Cici an den Mund. Die Kleine nuckelte sofort begierig daran, nicht einmal die nicht angewärmte Milch schien sie zu stören, so hungrig war sie. „Apropos Hunger, wir haben bestimmt nichts für uns zu essen dabei, oder?“ Ayme blickte zu David.

„Ich glaube nicht.“

„Hm. Und beabsichtigen wir, das in naher Zukunft zu ändern?“

Er seufzte auf. „Ich denke, wir können einen Stopp einlegen, wenn wir etwas Vielversprechendes sehen.“

„Schön. Sie wollen ja sicher nicht, dass ich wie das Baby zu schreien anfange, oder?“, fragte sie scherzhaft, schaute wieder zu Cici und war die nächsten zehn Minuten damit beschäftigt, die Kleine zu füttern.

„Wir brauchen auch schnell eine richtige Babyschale“, bemerkte David mit einer Kopfbewegung nach hinten. „Wenn mich die Polizei anhält, werden sie uns dieses improvisierte Bettchen nicht durchgehen lassen und uns beide womöglich wegen akuter Kindesgefährdung verhaften.“

„Als ich klein war …“, erzählte Ayme, nachdem sie sich aufatmend vergewissert hatte, dass Cici satt und zufrieden wieder schlummerte, „… legte mein Vater mich in ein Wäschekörbchen, befestigte es auf dem Beifahrersitz neben sich und nahm mich mit auf seine tägliche Route durch Texas.“

„Das waren noch Zeiten, als man so etwas machen konnte.“ Er nickte bedauernd. „Diese Zeiten sind vorbei.“

„Leider.“

Fast hätte er gelächelt, als er sich vorstellte, wie sie als kleines Spätzchen über den Rand des Körbchens in die Welt hinausblickte. „Warum fuhr denn dein Vater so viel herum?“, fragte er nebenbei. „War er Handelsreisender?“

„Nein, er arbeitete für das Landwirtschaftsministerium. Dort betreute er das Ressort für Nutzpflanzen wie Baumwolle und Mais und beriet die Leute fachmännisch. Meine Mutter arbeitete damals als Schulsekretärin, deshalb kümmerte sich tagsüber meistens mein Vater um mich und meine Schwester. Als wir älter waren, spielten wir mit den vielen Tieren auf unserer Farm.“ Sie seufzte. „Ich mochte Tiere immer irgendwie lieber als Menschen.“

„Ach?“

„Na ja, als ich ein Kind war. Jetzt haben sich die Dinge geändert.“

Wieso hatte er das komische Gefühl, dass sie sich gar nicht so sehr verändert hatte? Bisher wusste er noch wenig von ihr, doch er hatte den Eindruck, dass sie viel und hart arbeitete und kaum etwas nur so zum Spaß tat. Jemand sollte ihr zeigen, wie sich das Leben leichter nehmen ließ.

Jemand. Nicht er, natürlich, aber jemand.

Sie hielten vor einem kleinen Kaufladen an, in dem es alles zu geben schien. David ging hinein und kam mit einer Tüte in der einen und einer Babyschale in der anderen Hand wieder heraus. Er befestigte die Babyschale auf der Rückbank, bettete behutsam die schlafende Cici um, und dann fuhren sie auch schon wieder los.

„In der Tüte sind übrigens Sandwichs“, sagte er und bedeutete Ayme, sich eins zu nehmen.

„Das ist aber hoffentlich nicht eins von diesen typisch britischen, oder?“ Argwöhnisch blickte sie ihn an. „Mit vegetarischer Paste oder so etwas Schrecklichem?“

Seine Mundwinkel zuckten. „Diese Hefe-Brotaufstriche isst man in Australien und Neuseeland. Ich komme aus Holland. Dort isst man Bücklinge!“

„Was ist ein Bückling?“

„Das ist ein geräucherter Hering.“

„Fisch?“ Sie packte das Sandwich aus. „Oh, nein! Wie das schon riecht!“

„Köstlich riecht das. Na los! Es wird Ihnen schon schmecken.“

Ayme hatte einen Bärenhunger, aß daher auch alles auf, aber mäkelte die ganze Zeit, während David sein Sandwich genussvoll verzehrte.

„Das war gut“, meinte er, als er fertig war. Aus irgendeinem Grund hatte Ayme ihn mit ihrem ständigen Meckern über das Essen in gute Stimmung versetzt. „Damit werden wir bis heute Abend durchhalten.“

Ayme rollte mehr scherzhaft als ernst mit den Augen und schlief, weil das Essen sie müde gemacht hatte, ein paar Minuten später ein.

Sie dabei einfach nur anzusehen ließ ihn lächeln. Er verbiss es sich und probierte stattdessen, einen mürrischen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Er würde sie nicht an sich herankommen lassen. Das schaffte er doch, oder?

Als er nicht widerstehen konnte, sie dennoch wieder anzusehen, war ihm klar, dass wohl eher das ‚oder‘ zutraf. Aber egal, es hatte nichts zu bedeuten. Es lag nur daran, dass sie so natürlich und so völlig anders war als die Frauen, die er kannte. Schon seit Jahren war er mit einer Gruppe mondäner Intellektueller zusammen. Und das aus guten Gründen. Er hatte früh herausgefunden, dass man viele Informationen sammeln konnte, wenn man mit den richtigen Leuten zusammen war und zuhören konnte. Es gab eine große Lücke in seinem Leben. Deshalb musste er ganz spezielle Informationen einholen.

Vor fünfundzwanzig Jahren war er mitten in dieser Schreckensnacht aufgewacht und aus dem brennenden Schloss gestürmt, in dem er die ganzen sechs Jahre seines jungen Lebens verbracht hatte. Mittlerweile wusste er, dass etwa zeitgleich seine Eltern und wohl auch viele seiner Geschwister getötet wurden. In sein Zimmer aber war ein alter Mann gekommen, dessen Gesicht ihm nach wie vor in seinen Träumen erschien, und hatte ihm in dieser Nacht das Leben gerettet.

Nachdem ihn fremde Menschen von seinem Inselstaat in die Niederlande geschmuggelt hatten, landete er tags darauf, aufgewühlt und traumatisiert, bei der fröhlichen Familie Dykstra. Man sagte ihm, das sei sein neues Zuhause, seine neue Familie, und dass er nie mehr von Ambria sprechen, nie jemandem etwas aus seiner Vergangenheit erzählen dürfe. Die Menschen, die ihn dorthin brachten, tauchten unter und wurden nie mehr gesehen – zumindest nicht von ihm. Und plötzlich war er ein Dykstra, ein Holländer. Und er durfte keine Fragen stellen.

Die Dykstras waren gut zu ihm. Seine neuen Eltern schenkten ihm wirklich viel Liebe, aber es gab so viele Kinder in der Familie, man konnte leicht in der Menge untergehen. Alle mussten mit anpacken, und er lernte es, sich um die Jüngeren zu kümmern. Er lernte auch, zuzuhören und unauffällig Informationen zusammenzutragen. Von Anfang an wollte er herausfinden, was mit seiner Familie geschehen war, und mit möglichen Überlebenden Kontakt aufnehmen. Als er älter war, fing er an, die richtigen Leute zu treffen und das Vertrauen der Reichen und Mächtigen zu gewinnen. Und allmählich konnte er sich auch einiges zusammenreimen.

Im Laufe der Jahre schnappte er zahlreiche Gesprächsfetzen auf, die ihn zu Suchaktionen auf dem ganzen Kontinent veranlassten, bis er schließlich vor sechs Monaten erfolgreich war.

Er spielte gerade Tennis mit seinem Freund Nico, dem Sohn eines französischen Diplomaten, als der junge Mann auf einmal im Aufschlag innehielt und ihn mit dem Ball in der Hand musterte.

„Weißt du was …“, sagte er kopfschüttelnd, „… letzte Woche bei einem Abendessen in Paris traf ich jemand, der dein Zwilling hätte sein können. Es war beim Festbankett für den neuen Außenminister. Er sah fast aus wie du.“

„Wer? Der Außenminister?“

„Nein.“ Nico lachte. „Dieser Jemand. An seinen Namen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber er gehörte, glaube ich, zur britischen Gesandtschaft. Du hast nicht zufällig einen Bruder in der Regierung?“

Mittlerweile schlug Davids Herz so heftig, als wäre er gerade achthundert Meter in Rekordzeit gelaufen. Er wusste, dass dies vielleicht der Lichtstreif am Horizont war, auf den er gehofft hatte. Aber er musste cool bleiben und so tun, als wäre es nichts als ein Zufall. „Nicht, dass ich wüsste“, antwortete er also. „Alle meine Brüder sind erfolgreiche Geschäftsleute und leben in Amsterdam.“ Er lächelte betont lässig. „Und keiner sieht mir sehr ähnlich.“ Damit meinte er in Wahrheit seine Adoptivbrüder, doch niemand wusste, dass er kein leiblicher Sohn der Dykstras war, und es war ihm nur recht, dass es auch so blieb.

Nico zuckte die Achseln, schlug auf, und sie setzten ihr Match fort. David stellte zwar noch ein paar beiläufige Nachfragen, aber Nico konnte ihm nicht mehr sagen.

Trotzdem war es ein Anfang, und er konnte Nachforschungen anstellen. Zuerst besorgte er sich eine Namensliste aller Teilnehmer des Festbanketts. Anschließend suchte er im Internet nach Fotos von ihnen, bis er endlich glaubte, den Mann gefunden zu haben.

Sein Name war Mark Stephols. Er konnte sich täuschen, aber je öfter er sich die Fotos von ihm ansah, desto sicherer war David sich. Um aber absolut sicherzugehen, musste er Mark persönlich treffen.

Doch wie kam er an ihn heran? Er konnte doch nicht einfach bei einer Veranstaltung auf ihn zugehen und sagen: „Hallo, sind Sie mein Bruder?“ Denn wenn er es wirklich war, durften sie auf keinen Fall nebeneinanderstehen, sodass jeder die Ähnlichkeit bemerkte und womöglich Fragen stellte. Also wartete er auf die passende Gelegenheit, färbte sich die Haare dunkler und ließ sich einen Schnurrbart wachsen.

In dieser Situation erwies es sich als nützlich, hochrangige Vertraute in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen zu haben. Schon bald erhielt er eine Einladung zu einem Empfang, bei dem auch Mark Stephols erwartet wurde. Als sie einander mit den Worten vorgestellt wurden: „Mr. Stephols, darf ich Ihnen Mr. David Dykstra von Dykstra Shipping vorstellen?“, sahen sie einander an und trotz des gefärbten Haars, trotz des Schnurrbarts, spürten sie sofort, dass sie miteinander verwandt waren.

Sie reichten sich die Hand, und Monte flüsterte: „Komm in den Rosengarten.“

Wenige Minuten später trafen sie sich heimlich und starrten sich an, als wollten sie nicht glauben, was sie sahen.

David fing an zu reden, Monte hingegen legte einen Finger auf die Lippen. „Pst, die Wände haben Ohren.“

David lächelte, obwohl er vor Aufregung bebte. „Die Sträucher auch?“

„Man kann nie wissen. Vertraue nichts und niemandem.“

„Dann lass uns ein paar Schritte gehen.“

„Gute Idee.“

Sie spazierten einige Minuten durch den Garten, tauschten Höflichkeiten aus, bis sie weit genug entfernt vom Haus waren, um sich etwas sicherer zu fühlen.

Irgendwann sagte Monte aus heiterem Himmel: „Erinnerst du dich an das Schlaflied, das unsere Mutter sang, wenn sie uns zu Bett brachte?“

David blieb stehen, versuchte sich konzentriert zu erinnern. Wie ging das noch?

Schließlich schloss er die Augen und begann leise zu murmeln, als hole er die Worte aus einer anderen Zeit, von einem anderen Ort. In seinem Kopf hörte er die Stimme seiner Mutter. Über seine Lippen kam das ambrische Schlaflied.

Als er geendet hatte und die Augen wieder öffnete, drehte er sich zu seinem Bruder. Mark war still geblieben, aber die Tränen strömten ihm über die Wangen. Er ergriff Davids Hand und hielt sie fest.

„Endlich“, flüsterte er. „Endlich.“

5. KAPITEL

Ayme schlief nicht lange, und bald saß sie aufrecht da und ließ die Schönheit der Landschaft auf sich wirken.

„Ich hätte schon früher nach Europa kommen sollen. Leider nahmen mich mein Jurastudium und mein beruflicher Einstieg sehr in Anspruch, und ich wollte auch immer für die Familie da sein.“

Bei den letzten Worten wurde ihre Stimme leicht brüchig, und sie musste ihre aufsteigenden Gefühle hinunterschlucken. Es würde eine Zeit geben, um mit Trauer und Schmerz umzugehen. Doch diese Zeit war noch nicht gekommen.

„Und einen Freund gab es nicht?“, fragte David. „Ich bin sicher, Sie haben zu Hause jemanden, der auf Sie wartet.“

„Eigentlich nicht“, gestand sie.

„Wirklich nicht?“

„Wirklich nicht. Nach dem College begann ich mit dem Studium, und danach arbeitete ich in der Kanzlei. Es blieb einfach keine Zeit für Freunde.“

„Sie machen Witze. Die meisten Frauen nehmen sich die Zeit.“

„Na ja, ich nicht. Ich wollte immer unbedingt mein Bestes geben, Erfolg haben und meine Eltern stolz auf mich machen.“

„Ihre Adoptiveltern, nicht wahr?“

Sie nickte und biss sich auf die Lippen.

„Hm.“ Er nickte auch. „Weil du dachtest, es sonst nicht wert zu sein, geliebt zu werden, wolltest du unbedingt eine Einser-Schülerin sein, nicht wahr?“

Sie lächelte flüchtig. Zum einen, weil er sie anscheinend verstand, zum anderen, weil er sie plötzlich geduzt hatte. Aus Versehen?

Nein. Er schüttelte den Kopf, als hätte er ihre Frage gehört, und sie nickte, denn ihr gefiel die vertrauliche Anrede. Du, das klang so nah, so …

„Und deine Schwester Sam?“, unterbrach er ihre Gedanken.

„Sam war nicht so gut.“ Sie wünschte, sie hätte es nicht gesagt. Sie hatte doch nie mehr auch nur ein böses Wort über ihre Adoptivschwester verlieren wollen. Sie legte sich die Hand aufs Herz, als könne sie so den Schmerz zurückdrängen, und sprach weiter: „Ich kam mit einigen anderen Kindern nach Texas, die ebenfalls ihre Eltern bei dem Putsch verloren hatten. Wir wurden fast alle in amerikanische Familien mit ambrischen Wurzeln vermittelt.“

„Demnach war es eine organisierte Rettungsaktion.“

„Irgendwie. Aber das habe ich dir doch schon erzählt, oder nicht? Ich wurde von der Familie Sommers in Dallas, Texas, adoptiert, und ich wuchs auf wie andere amerikanische Kinder.“ Sie sah die Gesichter ihrer Eltern verschwommen vor ihrem geistigen Auge und hatte einen Kloß im Hals. Sie waren so gute Menschen gewesen. Das Leben war nicht fair.

„Du erinnerst dich überhaupt nicht an Ambria?“, hakte David nach.

Ayme schaute ihn an. „Ich war achtzehn Monate alt, als ich es verließ.“

„Etwas zu jung, um die politische Geschichte des Landes zu verstehen“, räumte er ein. „Also weißt du gar nichts über das Land?“

„Doch, etwas.“ Sie zuckte die Achseln. „Es gab im Haus einige Bücher.“ Sie bekam leuchtende Augen, weil sie sich an etwas erinnerte. „Einmal kam ein Onkel vorbei, sagte Sam und mir, dass wir beide richtige Ambrianerinnen seien, und erzählte uns einiges.“ Sie lächelte, als sie daran dachte, wie begeistert sie und Sam an seinen Lippen gehangen hatten und wie stolz sie gewesen waren, zu etwas zu gehören, das sie von all ihren Freunden unterschied. Ambrianerin. Das klang irgendwie exotisch.

„Schade, dass deine Eltern dir nicht mehr erzählt haben.“

„Ja, vielleicht.“ Ayme nickte. Aber sie mussten sich ja nicht nur um die Erziehung von uns beiden Mädchen kümmern. Sie hatten beide auch noch ihren Beruf und brachten uns nebenbei zur Tanzschule und zur Geigenstunde, und …“

Sie bewegte sich unruhig. Das war wieder zu schmerzhaft. Sie hatte ihm noch nicht von ihren Eltern erzählt, wusste auch nicht, ob sie es je tun würde. Sie wusste nur, wenn sie es tat, würde sie zusammenbrechen, und das wollte sie auf keinen Fall. Deshalb war es besser, beim Thema Vergangenheit zu bleiben.

„Sie waren großartige Eltern“, sagte sie, obwohl es rechtfertigend klang. „Sie hatten nur nicht so eine Verbundenheit zu Ambria, glaube ich.“ Ihre Miene hellte sich auf. „Aber als Ambrianerin bekam ich ein Stipendium der rechtswissenschaftlichen Fakultät und nach dem Examen sogar schnell eine Anstellung.“

Er horchte auf. Das war der springende Punkt. „Du arbeitest in einer ambrischen Anwaltskanzlei?“

„Na ja, viele Kollegen sind ambrischer Herkunft. Aber wir sprechen nicht ambrisch.“

Das war alles sehr interessant. Die Verbindung zu Ambria war am Ende viel wichtiger, als sie ahnte – dessen war er sich sicher. Sein Kiefer spannte sich an, und er musterte sie, weil er im Grunde immer noch weder wusste, warum sie aufgekreuzt war, noch wer sie geschickt hatte.

Gewiss gab es dafür eine durchaus mögliche Erklärungen. Sie konnte, wenn auch unwissentlich, eine Strohfrau des wahren Attentäters sein. Oder jemand, der die Lage auskundschaften und sicherstellen sollte, dass er, David, niemals zu einer Gefahr für das derzeitige Regime in Ambria wurde. Es war schwer zu sagen, aber er war zunehmend davon überzeugt, dass sie nicht mehr wusste als das, was sie ihm erzählt hatte.

Gleichwohl hätte er sie nicht mitnehmen sollen, denn sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ende der Woche wurde er beim Jahrestreffen der ambrischen Exilgemeinde in Italien erwartet. Er hatte sich auf die Zukunft von Ambria zu konzentrieren, nicht auf Ayme und Cici. Er durfte sie nicht mitnehmen.

Also – was machte er jetzt mit ihnen?

Er hatte Ayme versprochen, ihr bei der Suche nach Cicis Vater zu helfen, und er wollte sein Versprechen halten. Das machte die Sache nicht einfacher, zumal sein Name im Spiel war und ihm nicht viel Zeit blieb. Aber er hatte einige Kontakte. Er würde tun, was er konnte, um zu helfen.

Ihm fiel nur Marjan an, seine Adoptivschwester, die mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in einem kleinen Bauerndorf im Norden Hollands lebte. Der Ort war schön abgelegen, dort konnte man gut untertauchen.

„Würdest du also sagen …“, griff er das Gespräch wieder auf, „… dass es dich nicht wirklich interessiert, wer Ambria regiert?“

„Nicht interessiert?“ Sie sah ihn verblüfft an. „Hm, das habe ich mir nie überlegt.“

„Natürlich nicht.“

Er wandte sich ab, und seine Lippen verzogen sich in einem Anflug von Bitterkeit. Interessierten sich nur noch er und sein Bruder dafür? Falls dem so wäre, würde es schwer sein, andere für ihre Sache zu gewinnen. Allerdings musste er zugeben, dass seine Gefühle auch erst durch seine Beziehung zu seinem Bruder so stark geworden waren. Als er Monte noch nicht kannte, hatte er ein großes, sogar brennendes, aber recht diffuses Interesse an Ambria. Es bedurfte eines intensiven Erfahrungsaustausches mit seinem Bruder, um es präziser auszuformen.

Es war spannend gewesen, und ein Lebenstraum hatte sich erfüllt, als er Monte fand. Trotzdem fiel es ihnen beiden schwer, eine Beziehung zueinander aufzubauen. Den meisten Kommunikationswegen konnten sie nicht vertrauen, durften nirgendwo zusammen erscheinen, weil sie sich so ähnlich sahen, mussten bei jeder Unterhaltung, die sie führten, damit rechnen, abgehört zu werden. Bis eines Tages Monte die rettende Idee kam – ein sechswöchiger Segeltörn durch die Südsee.

Sie trafen sich in Bali und brachen von dort aus auf, um sich besser kennenzulernen und sich auf Vorgehensweisen für Angehörige im Exil lebender Königsfamilien zu verständigen. Sie stritten heftig, versöhnten sich noch heftiger, tauschten Ideen aus, Hoffnungen, Träume und Gefühle, und am Ende waren sie sich so nah, wie sich nur zwei Brüder sein konnten, und heckten einen Verschwörerplan aus.

Sie entschieden sich dafür, ihre Pseudonyme beizubehalten. Das war unabdingbar für das Überleben. Monte wollte sich wie gehabt auf dem internationalen Parkett bewegen, dort Informationen sammeln – und schließlich Unterstützer –, und David wollte bei seinen Bekannten in der Welt des Jetsets Erkundigungen einholen. Ihr oberstes Ziel war es, ihre verschollenen Geschwister zu finden und die Befreiung Ambrias und ihre Rückkehr auf den Thron voranzutreiben.

So gesehen hatte er einen großen Vorsprung Ayme gegenüber. Er konnte nicht davon ausgehen, dass sie die gleichen Ziele verfolgte wie er, wenn sie von den meisten Dingen nicht einmal gehört hatte.

Weil ihr Gespräch verebbt war, schaute sich Ayme unterdessen schon seit einer Weile die Gegend an. Der Morgen war gekommen und wieder gegangen, und der Nachmittag warf lange Schatten. Die Landschaft war jetzt weitaus interessanter mit ihren schachbrettartig angeordneten Feldern, wunderschönen grünen Hecken und idyllischen Städtchen. So hatte sie sich England immer vorgestellt.

Nach wie vor aber gab es auf dieser Reise, was sie betraf, viele offene Fragen, die sie plagten. Wohin fuhren sie, zum Beispiel? Und warum?

Sie steuerten eine Tankstelle an, in deren Nähe David eine Grünanlage bemerkte.

„Möchtest du aussteigen und dir die Beine vertreten?“, schlug er vor, nachdem er auf einen kleinen Parkplatz gefahren war. „Ich muss telefonieren.“

Sie stiegen aus, und David begab sich außer Hörweite, rief Monte an und berichtete ihm gleich von Ayme und dass sie ihn begleitete.

„Du bringst sie aber nicht mit nach Italien, oder?“ Monte klang nicht begeistert.

„Aber nein, nur zu meiner Schwester. Marjan wird sich um sie kümmern.“

„Gut.“

„In der Zwischenzeit könntest du mir aber einen Gefallen tun.“

„Jeden. Das weißt du.“

„Es geht nur um Informationen. Erstens muss ich etwas über einen Autounfall irgendwann letzte Woche außerhalb von Dallas, Texas wissen. Eine junge Frau namens Samantha Sommers wurde getötet. Was war es für ein Unfall, gab es Zeugen, Überlebende et cetera. Zweitens brauche ich alles, was du über Ayme finden kannst, Ayme Sommers. Sie arbeitet als Rechtsanwältin in einer Kanzlei in Dallas, die spezialisiert ist auf ambrisches Einwanderungsrecht.“

„Wird erledigt.“

„Noch etwas. Es scheint jemanden zu geben – wahrscheinlich im Großraum London –, der getarnt als Prinz Darius Kinder in die Welt setzt.“

Das gab Monte zu denken. „Hm. Nicht gut.“

„Nein. Meinst du, du kannst Erkundigungen einholen?“

„Mehr als das. Ich kann strafrechtliche Maßnahmen gegen ihn einleiten.“

„Ohne eigene Interessen erkennen zu lassen?“

„Exakt. Mach dir keine Sorgen.“

„Gut. Also, entweder lockt er mit diesem Königstrick die Damen ins Bett, oder …“

„Oder er ist ein Agent, der dich aus dem Versteck locken will.“

„Hm.“

„Wahrscheinlich ist es Letzteres, aber wir werden sehen.“ Monte wechselte den Tonfall, sprach weniger ernst. „Übrigens, David, das muss ich dir noch schnell sagen. Ich habe die perfekte Frau für dich.“

David warf den Kopf zurück. Er schätzte seinen Bruder sehr, aber dieses Thema hatte ihm von Anfang an nicht behagt.

„Ich brauche im Moment keine Frau“, konterte er. „Und wenn ich sie bräuchte, könnte ich sie allein finden.“

„So magst du deine Geliebten finden, Darius. Deine Ehefrau aber ist eine Staatsangelegenheit.“

Im Stillen bedauerte David seine Reaktion. Wieso hatte er bloß so bissig reagiert? Er hatte das Thema schon mit seinem Bruder diskutiert, und er wusste genau, dass er eine Frau, die richtige Frau an seiner Seite brauchte, die ihre gemeinsame Sache unterstützte. Das gehörte zu den Verpflichtungen eines Prinzen.

„Familien sind die Bausteine unserer Gesellschaft“, redete Monte munter weiter. „Heirate, lebe in einer stabilen Beziehung. Das haben wir doch schon besprochen. Nur so hilfst du uns, das Ambria von morgen zu gestalten.“

„Das will ich ja auch“, warf David schnell ein. „Sorry, Monte. Ich bin nur müde und gerade etwas gereizt.“

„Gut. Warte, bis du sie siehst. Sie ist wunderschön. Sie ist intelligent. Und sie will dir mit ihrem ganzen Herzblut zur Seite stehen und dafür kämpfen, das Regime des Granvilli-Clans zu stürzen.“ Man hörte seine Freude. „Ich habe keine Sorge über deine Reaktion. Es wird dich umwerfen, wenn du sie siehst.“

„Bestimmt.“

David widersprach nicht, aber verzog das Gesicht, weil er Montes Lobeshymne doch etwas übertrieben fand. Andererseits konnte er seine Meinung auch nicht einfach abtun. Er hatte sich so viele Jahre ziellos treiben lassen, arbeitete für das Unternehmen seines holländischen Vaters, machte dort seine Sache auch gut, doch er war nicht mit dem Herzen dabei. Erst seit Monte und er sich gefunden hatten, wusste er, wofür er lebte. Es war seine Lebensaufgabe, seine übrige Familie zu finden und ihr die Rückkehr an die Macht zu ermöglichen.

„Halte mich auf dem Laufenden, so gut du kannst“, verabschiedete sich Monte von ihm, und David versprach es. Er beendete die Verbindung, ging langsam wieder zurück zu Ayme und dem Baby und blieb nur einmal kurz stehen, um das Handy in einen Müllbehälter zu werfen. Er konnte nicht vorsichtig genug sein, und er hatte immer weitere Handys als Reserve dabei.

Die Grünanlage war hübsch, und in der Mitte befand sich ein kleiner See mit einer Brücke, von der aus man einen wunderbaren Blick auf die silbrigen Fischchen hatte, die unten im Wasser hin und her flitzten.

„Sieh nur, Cici. Da sind Fische“, hörte David Ayme sagen, während sie die Kleine so vorsichtig und unsicher über das Geländer hielt, dass er lächeln musste.

„Ich glaube, sie ist noch etwas jung, um schwimmen zu gehen“, merkte er an. „Komm, gib mir lieber die Kleine, bevor sie ins Wasser fällt.“

Wie selbstverständlich nahm er Cici in den Arm. Ayme seufzte. Bei ihm sah es so leicht aus, und ihr bereitete es solche Schwierigkeiten.

Sie blieb hinter ihm stehen und schaute ihm eine Weile zu. Als er sich zu ihr drehte und sich ihre Blicke begegneten, sah sie jedoch schnell weg. Nach wie vor brodelten viele Fragen in ihr, und sie brauchte einige Antworten.

„Okay, es gibt etwas, das ich noch nicht verstehe“, platzte sie heraus, als sie über den Rasen zurückliefen. „Wenn du Holländer bist, warum interessierst du dich dann so für Ambria?“

Erst sah er erschrocken aus, danach wie jemand, der etwas zu verbergen suchte. „Wie kommst du darauf, dass ich mich für Ambria interessiere?“

„Ich bitte dich! Was du auch sagst, es schwingt immer mit.“

Hm. Das war keine gute Neuigkeit. Er musste besser aufpassen. Auf der anderen Seite war es auch unhöflich, ihr solche Informationen vorzuenthalten. Bald würden es alle wissen. Sobald er in Italien war, würde wahrscheinlich alles aufgedeckt werden. Ganz bestimmt war es mehr als fair, wenn sie zu den Ersten gehörte, die es erfuhren. Nur jetzt noch nicht.

„Wir können später darüber reden“, sagte er ausweichend.

„Moment mal.“ Sie stellte sich vor ihn und stemmte empört die Arme in die Hüften. „Dagegen protestiere ich.“

Ihre dunklen Augen blitzten, und ihr hübsches Gesicht drückte Entschlossenheit aus. In diesem Moment über sie zu lachen war keine gute, aber eine verlockende Idee. Ayme sah so verdammt süß aus.

„Wovon sprichst du?“, fragte er nun.

Kopfschüttelnd seufzte sie. „Ich begreife es nicht. Vor wem fliehen wir, verflixt?“

„Vor der Gefahr.“

„Welcher Gefahr?“ Sie hob die Hände in die Luft. „Ich verstehe nicht, wodurch ich mich in Gefahr gebracht habe. Ich bin nur mit einem Flugzeug nach England gejettet, um nach Cicis Vater zu suchen. Brachte mich das etwa in Gefahr?“

David raufte sich das Haar. „Nicht direkt. Es brachte mich in Gefahr.“ Er atmete tief ein und langsam wieder aus. „Und da wir gerade Verbündete sind, brachte es dich auch in Gefahr.“

Sie hob das Kinn und musterte ihn mit einer Spur von Rebellion im Blick. „Dann sollte ich nicht mehr deine Verbündete sein.“

Das war ihr einfach so herausgerutscht, und sie war gespannt auf seine Reaktion. Eigentlich machte ihr der Gedanke Angst, nicht mehr seine ‚Verbündete‘ zu sein. Derzeit hatte sie keine Ahnung, was sie ohne ihn machen sollte. Und sie wollte es nicht ernsthaft herausfinden.

„Vielleicht“, sagte er so gleichmütig, als mache es ihm nichts aus. „Es ist wirklich keine schlechte Idee. Wir könnten ein nettes Hotel für dich suchen und ein Zimmer buchen …“

Sie sah, wie gekonnt er die kleine Cici hielt, und sie betrachtete sein so stolzes, anziehendes Gesicht. Wollte sie das hier wirklich, mit allen Gefahren, gegen die sterilen Wände eines Hotelzimmers eintauschen? Würde es nicht dazu führen, dass sie von Ort zu Ort ziehen musste, bis sie jemand fand, der ihr helfen konnte?

Hm. Vielleicht sollte sie sich das noch einmal überlegen. Sie würde sich erst von ihm trennen, wenn sie es unbedingt musste. Sie würde bleiben und der Dinge harren, die da kommen sollten. Das war ihr klar. Ihm wahrscheinlich auch.

„Andererseits …“, fuhr sie daher beschwichtigend fort, „… könntest du mich aber auch netterweise darüber aufklären, was hier vor sich geht, damit ich es verstehe und vorbereitet bin. Zuweilen möchte ich nämlich auch eigene Pläne machen können.“

Er spannte die Kiefermuskeln an. „Du willst wissen, was los ist.“

„Ja, das will ich.“

Er nickte. Man konnte wirklich Pferde mit ihr stehlen. Sie hatte ein Recht auf mehr Information. Alles konnte er ihr nicht sagen. Aber mehr als bisher. Das war ein Wagnis. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er es wagen konnte.

„Also gut, Ayme“, begann er. „Ich bin Ambrier, wie du schon richtig vermutet hast.“

„Wusste ich’s doch!“ Ihre Augen funkelten vergnügt, und sie wollte ihm um den Hals fallen und ihm triumphierend einen Kuss geben, doch sie hielt sich tapfer zurück. „Da steckt aber noch mehr dahinter“, sagte sie stattdessen.

Er schaute sie so durchdringend an, dass ihr das Siegerlächeln gefror. „Ich arbeite zusammen mit anderen Ambriern daran, die unrechtmäßigen Machthaber zu stürzen und unser Land zurückzugewinnen.“

Fassungslos sah sie ihn an. „Im Ernst? Kein Wunder, dass man hinter dir her ist.“

Kein Wunder. Das war seine Entscheidung. Aber nicht ihre. Also, warum zum Teufel wollte sie sich und das Baby in eine solche Gefahr bringen?

Vielleicht wollte sie ihm Danke sagen, aber das war nicht nötig. Hieß es jetzt Abschied nehmen?

Mit ernster Miene sprach er eindringlich weiter. „Die jetzigen Machthaber Ambrias haben ihre Spione überall. Sie wollen jeden Widerstand im Keim ersticken. Daher muss ich vorsichtig sein, und deshalb, fürchte ich, verfolgt man mich.“

„Okay.“ Sie verschränkte die Arme über der Brust, als wolle sie sich selbst beruhigend umarmen. „Jetzt verstehe ich. Danke, dass du es mir gesagt hast.“ Sie schaute ihn mit großen Augen an. „Glaub mir, ich werde dein Vertrauen nicht enttäuschen.“

Es drängte ihn, sie zu küssen. Sie wirkte so rein und ehrlich mit ihrem sinnlichen, leicht geöffneten Mund, den von der frischen Luft geröteten Wangen, und er meinte, nie jemand Schöneres als sie gesehen zu haben. Der Drang ging vorüber.

Aber er hinterließ ein anderes Gefühl – Schuld.

Sie vertraute ihm.

Ach, verdammt, dachte er.

Schuld schnürte ihm die Kehle zu. Er belog sie immer noch, verschwieg ihr weiterhin einiges. Sie wusste nicht, dass er eigentlich der Mann war, den sie suchte. Na ja, so ganz stimmte das nicht, aber fast. Wenn sie wusste, wer er wirklich war, könnte sie sich darauf konzentrieren, den wahren Vater zu finden. Andererseits konnte sie aber auch ihn für den Kindsvater halten. Was dann?

Er hatte keine Zeit für einen DNA-Test. Er musste in weniger als einer Woche in Italien sein. Und er konnte ihr nichts davon erzählen – noch nicht. Vielleicht nie.

Sie gingen zurück zum Auto, und nachdem alle wieder an Bord waren, fuhren sie los. Aber die ganze Zeit dachte er an das Gespräch. Es gab noch so vieles, was er ihr nicht sagen durfte, aber etwas mehr durfte es schon sein.

„Und noch eine Wahrheit, Ayme“, verkündete er ihr nach einigen Kilometern. „Die Wahrheit ist: Ich bin wie du.“

„Wie ich?“

„Ja. Ich bin auch ein Waisenkind aus Ambria. Gleich nach dem Putsch wurde ich von einer holländischen Familie adoptiert.“

Sie durchdachte das Gehörte eine Weile und spürte ein warmes Gefühl der Verbundenheit mit diesem Mann. Auch wenn ihr sein Blick nicht signalisierte, dass er diese Verbundenheit irgendwie auch empfand. Von der Seite wirkte er nach wie vor wie aus Stein gemeißelt.

Nun konnte sie einige Informationslücken schließen. Sie wusste, warum David fürchtete, verfolgt zu werden. Auch wusste sie, warum er so starke Gefühle für Ambria hegte und warum er Verbindungen zur ambrischen Exil-Gemeinde hatte, mit deren Hilfe sie vielleicht Cicis Vater finden konnte. Aber sie wusste nicht …

„Okay“, sagte sie entschlossen. „Raus damit. Noch eine Wahrheit. Ich verstehe, warum du das Gefühl hattest, aus deinem Apartment verschwinden zu müssen. Und warum du immer weiterwillst. Was ich aber nicht verstehe – warum hast du mich mitgenommen?“

6. KAPITEL

Das war eine sehr gute Frage, und David war sich nicht sicher, ob er den Mut hatte, sie zu beantworten, auch für sich selbst. Er schaute zu Ayme.

Es sollte ein kurzer Blick werden, aber etwas in ihrem hübschen Gesicht hielt ihn einen Augenblick zu lang. Er musste das Auto zurück in die Spur bringen und seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zuwenden.

Aus irgendeinem Grund schien Ayme ihn jedes Mal aufs Neue in ihren verführerischen Bann zu ziehen. Warum, konnte er nicht sagen. Sicher, sie war hübsch, aber da war noch etwas anderes, etwas, das mit dem Geheimnis zwischen Männern und Frauen zu tun hatte und das auf ihn wirkte und das er anscheinend nicht abschalten konnte.

„Komm, David“, hörte er sie sagen. „Verrate es mir. Warum hast du mich mitgenommen?“

Er zuckte die Achseln. „Rate doch selbst.“

„Weil ich so charmant und schön bin?“ Ihr gelang ein ironischer Unterton, den er amüsant fand.

„Natürlich.“

Sie rollte mit den Augen. „Nicht wirklich. Was war ausschlaggebend?“

Er hielt mit beiden Händen das Lenkrad fest.

„Na gut, wenn du wirklich meine ehrliche Antwort willst, dann sage ich es dir.“ Er zögerte, sprach dann aber weiter. „Vielleicht fällt es dir schwer, es zu verstehen. Vielleicht meinst du, ich übertreibe. Vielleicht hältst du mich sogar für verrückt. Am besten, du lässt mich erst mal einfach ausreden.“

„Natürlich.“

„Erstens …“ Er atmete tief durch. „Erstens musste ich immer damit rechnen, dass mir eines Tages jemand nach dem Leben trachten würde, auf die Gründe möchte ich nicht eingehen.“

Ayme saß ganz still, gab nur einen erstickten Laut von sich. Das ignorierte er.

„Als du bei mir auftauchtest, musste ich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass du darin verwickelt warst.“

„Du hast mich für eine Killerin gehalten?“ Der Gedanke schockierte sie zutiefst.

Er sah ihr direkt in die Augen und zuckte die Achseln. „Aber sicher! Warum nicht?“

Sie schnaubte empört, und er fuhr fort.

„Es scheint aber eher dein Carl Heissman zu sein. Und wenn du bei mir bist, kannst du ihn nicht kontaktieren und ihm sagen, wo ich bin.“

„David.“ Ayme stöhnte auf. „Was habe ich getan, dass du …“

„Nichts. Und glaube mir, ich unterstelle dir gar nichts. Ich bin vor denen auf der Hut, die dich geschickt haben.“

„Mich geschickt?“ Sie schüttelte ratlos den Kopf. „Mich hat niemand geschickt. Ich kam von allein.“

„Jemand hörte von deinen Plänen, fragte dich aus und nannte dir meinen Namen. Warum?“

Sie musste zugeben, dass er nicht ganz unrecht hatte. Sie erinnerte sich, wie überrascht sie gewesen war, als Heissman sich mit ihr treffen wollte. Aber dann war er so nett, besorgt und charmant, dass ihre Zweifel schnell verflogen. Aber nun hatte David ihnen neue Nahrung gegeben.

Sie konnte seine Sichtweise verstehen, dennoch erschien ihr alles immer noch verrückt. Menschen, die andere Menschen töteten, waren ihr fremd. Attentate. Killer. Spione. So etwas gab es im Fernsehen und im Kino, nicht im wahren Leben.

Sagte er die Wahrheit, oder war er einfach nur paranoid? Sie schaute ihn an, und je öfter sie das tat, desto sicherer war sie sich, dass er selbst glaubte, was er sagte.

Wurde es damit wahr? Wer wusste es?

„Die ganze Geschichte hat einen kleinen Haken“, merkte sie an. „Hättest du mich nicht mitgenommen, hätte ich nicht gewusst, wo du bist. Also hätte ich auch niemandem etwas verraten können, oder?“

Sein Mund verzog sich süffisant. Das war ihm offenbar auch aufgefallen. Aber er meinte nur: „Stimmt.“

Sie wartete kurz, aber als er nichts mehr dazu sagte, runzelte sie die Stirn.

„Jedenfalls dachte ich, du wolltest mich vor den Bösen schützen, wer immer sie auch sind. Sagtest du das nicht?“

„Das sagte ich wohl.“

„Aber wir wissen nicht, wer die Bösen sind, oder? Ich meine, wir wissen, dass sie zu diesen Putschisten aus Ambria gehören, aber wir wissen nicht, wie sie aussehen oder wie sie heißen. Richtig?“

„Ganz richtig. Das ist ein ziemlich großes Problem, findest du nicht?“

„Ich finde, das ist irgendwie verrückt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht hätten wir im Penthouse bleiben und dort auf sie warten sollen. Dann wüssten wir jetzt mehr. Außerdem kannst du nicht dein ganzes Leben immer auf der Flucht sein.“

„Ich weiß es nicht. Ich habe gerade erst damit angefangen.“

Sie gab einen Laut der Verzweiflung von sich, und er lächelte.

„Wir haben ein Ziel, Ayme. Wir sind nicht zum Spaß auf der Flucht.“

„Ach was? Wie wär’s, wenn du mich einweihst, wo sich dieses Ziel befindet?“

„Noch nicht.“

Ihr Seufzer klang leicht ungeduldig. „Aber dann störe ich doch nur. Ich kann nicht begreifen, warum du mich mitgenommen hast.“

„Weil ich mich irgendwie für dich verantwortlich fühle. Weil du meine Hilfe brauchst. Reicht das?“

„Du willst mir also wirklich helfen?“

„Natürlich. Ich habe es dir doch versprochen.“

Sie lehnte sich in den Sitz zurück und versuchte nachzudenken. Sagte man nicht so etwas wie ‚vom Regen in die Traufe kommen‘? Genau so kam sie sich gerade vor. Schon bei der Suche nach Cicis Vater hatte sie sich hilflos gefühlt. Jetzt suchte sie immer noch nach diesem Mann und wurde auch noch von Attentätern verfolgt.

Es war fast, als hätte sie das nächste Level in einem Videospiel erreicht. Plötzlich wurde der Schwierigkeitsgrad erhöht, und man musste schneller werden.

Wie es aussah, gehörte David einer Liga an, die das jetzige Regime in Ambria stürzen wollte. Schade nur, dass sie nicht mehr darüber wusste, sodass sie entscheiden konnte, ob er zu den Guten gehörte oder nicht, oder ob …

Leise Geräusche von der Rückbank unterbrachen ihre Überlegungen und signalisierten ihr, dass Cici wieder wach war. Aber diesmal weinte die Kleine nicht, sondern gluckste so vergnügt vor sich hin, als wüsste sie, dass sie den Küstenort erreicht hatten, in dem sie übernachten wollten.

„Wo werden wir uns einmieten?“, fragte Ayme und blickte im Vorbeifahren sehnsüchtig auf das herrliche Grandhotel Ritz mit seinen livrierten Pagen, die vor den großen Glastüren die Gäste in Empfang nahmen.

„Wir müssen noch ein bisschen weiter“, antwortete David, bremste ab, um ein Straßenschild zu lesen, und bog in eine Nebengasse ein.

Sie fuhren noch ein ganzes Stück und entfernten sich immer mehr von den eleganten, festlich illuminierten Eingangsbereichen und den großen leuchtenden Laternen davor. Bald waren sie ganz von Dunkelheit umgeben.

„Da wären wir“, meinte David irgendwann und fuhr auf einen etwas schäbigen Parkplatz. „Das ist das Gremmerton.“

Ayme sah nur Ölpfützen und eine fleckige Hauswand. „Eine fabelhafte Adresse“, murmelte sie leise zu sich selbst.

„Hast du etwas gesagt?“ David schaute flüchtig zu ihr, als er den Motor abschaltete.

„Nein“, antwortete sie schlecht gelaunt. „Nichts.“

Er verzog das Gesicht. Er wusste genau, was sie dachte, aber er bemühte sich nicht, ihr zu erklären, warum er ausgerechnet dieses Hotel gewählt hatte. Das musste sie schon selbst herausfinden. Wollte man nicht gefunden werden, sollte man sich besser an Orte begeben, an denen einen niemand vermutete.

„Wir haben kaum noch Milchpulver“, bemerkte er, als sie das Gepäck aus dem Auto nahmen, um es ins Hotel zu tragen.

„Als wir eben abbogen, habe ich an der Ecke einen Supermarkt gesehen. Wenn wir auf unserem Zimmer sind und du kurz auf Cici aufpassen könntest, würde ich schnell dorthin laufen und etwas kaufen.“

„Einverstanden.“

Ihr Zimmer lag im zweiten Stock. Es war nicht wirklich schlecht, obwohl in einer Ecke die Tapeten abblätterten und von der Decke nur eine nackte Glühbirne baumelte.

Aber es gab nur ein Bett.

Sie sah es eine ganze Weile starr an und warf schließlich David einen ratlosen Blick zu. „Was machen wir jetzt? Eventuell können wir um ein Beistellbett bitten.“

„Nein“, antwortete er ruhig und beobachtete fasziniert ihre wechselnde Mimik. „Wir tun so, als wären wir eine Familie. Wir werden uns das Bett teilen.“

Sie machte große Augen. „Ich weiß nicht, ob das richtig ist.“

Er verbiss sich ein Lächeln und musste sich räuspern, ehe er antworten konnte. „Meinst du etwa, Ayme, dass ich mich nicht unter der Kontrolle habe? Meinst du wirklich, ich würde in der Nacht über dich herfallen?“

Sie guckte sehr streng. Offenbar war es genau das, was sie befürchtete.

„Okay“, sagte sie. „Um ehrlich zu sein, ich habe noch nie mit einem Mann in einem Bett geschlafen.“

„Nein!“ Er tat überrascht, und wünschte gleich, er hätte es nicht getan.

Er wollte nicht, dass sie glaubte, er mache sich über sie lustig. Ihre Betroffenheit war wirklich süß. Verglichen mit anderen Frauen, die er kannte, bezaubernd.

„Nein, wirklich“, sagte sie ernst. „Ich weiß nicht, was dann passiert. Ich … kenne Männer nicht sehr gut.“ Bekümmert schüttelte sie den Kopf. „Man liest so viel …“

„Ayme, vergiss, was du gelesen hast.“

Er streckte die Hand nach ihr aus. Es schien ihm selbstverständlich, sie zu trösten. Er nahm ihr hübsches Gesicht in seine Hände und lächelte sie an.

„Pass auf, was ich dir jetzt sage. Ich will nicht verhehlen, dass ich mich zu dir hingezogen fühle. Aber das hat nichts zu bedeuten. Und außerdem kann ich damit umgehen. Ich werde nicht mitten in der Nacht verrückt vor Lust werden.“

Sie nickte, aber blickte immer noch zweifelnd. Es hatte also nichts zu bedeuten, wenn er sich zu ihr hingezogen fühlte.

Mittlerweile war ihm klar geworden, dass er sie überhaupt nicht hätte anfassen sollen, und er zog sich zurück und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans.

Er hatte gesagt, dass ihm die Berührung und Nähe nichts bedeuteten. Jede Anziehung zwischen ihnen war nur ein natürlicher Geschlechtstrieb, mehr nicht. Auf eine andere Frau hätte er genauso reagiert.

Na toll, dachte sie traurig. Erst einem Mädchen das Herz zum Rasen bringen. Und dann sagen, es hätte nichts zu bedeuten.

Aber was hatte sie erwartet? Sie schaute ihn an. Er war ein außergewöhnlicher Mann. Wahrscheinlich traf er sich mit vielen außergewöhnlichen Frauen. Und wahrscheinlich hielt er sie für jung und dumm, weil sie ihn mittlerweile so anhimmelte.

Er räusperte sich, wünschte, er würde Frauen verstehen. Sie schien unglücklich, und er wusste nicht, ob es wegen der Bettsituation war, oder ob sie etwas anderes störte. „Also, wir werden einfach etwas improvisieren, okay?“

„Okay“, sagte sie leise.

„Du schläfst auf deiner Seite, ich auf meiner. Wenn es dir ein besseres Gefühl gibt, markieren wir die Grenze in der Mitte mit Kissen.“

„So ganz altmodisch-puritanisch?“

„Wenn du es möchtest.“

Sie schien irgendwie erleichtert, aber er war es nicht. Nach wie vor spürte er die zarte Haut ihres Gesichts in seinen Händen. Er hätte sie nicht anfassen sollen.

„Wo ist das Bad?“, fragte sie und sah sich suchend um.

„Auf dem Flur.“

„Was?“ Sie schüttelte sich. Das auch noch. „Auf dem Flur?“

„Richtig.“

„O nein, ich kann doch kein öffentliches Bad benutzen.“ Sie schüttelte den Kopf, als reichte es ihr jetzt endgültig. „Bist du verrückt?“

„So ist das nun mal in alten Hotels. Du wirst schon damit klarkommen.“

„Werde ich nicht!“ Aufs Äußerste empört ließ sie sich mit einem Plumps auf das Bett fallen. „Bring mir bitte eine Waschschüssel. Ich werde das Zimmer nicht verlassen.“

Sie biss sich auf die Lippe. Das war doch nicht sie, oder? Unmöglich. So war sie doch sonst nicht. Sie war doch keine hysterische Person. Aber anscheinend hatte sich auf einmal alles gegen sie verschworen, und da war es aus ihr herausgeplatzt.

Sie war müde, sie war verängstigt, sie wusste nicht, wohin die Reise ging und was geschehen würde, wenn sie am Ziel waren. Kein Wunder, dass sie so gereizt war.

Aber das musste sie nicht an David auslassen. Im Grunde war er sehr geduldig. Eigentlich war er ein wunderbarer, geduldiger Mann. Weshalb ihr alberner Wutanfall umso schlimmer wog. Ayme spürte, wie sie rot wurde.

Langsam schaute sie zu ihm auf. „Tut mir leid“, sagte sie und versuchte, nicht zu weinen. „Ich werde mir dieses Bad jetzt mal ansehen. Es wird sicher großartig sein.“

Er schaffte es nur unter Aufbringung seiner ganzen Willenskraft, nicht über ihr süßes, drolliges Gesicht zu lachen. Er zog sie mit beiden Händen hoch. „Komm schon. Du kannst das. Andere haben es auch überlebt.“

Er lächelte zu ihr hinunter, als sie zu ihm aufschaute. Er war so nah. Ein, zwei flüchtige Sekunden schoss ihr eine Fantasie, ein blitzartiges Bild davon durch den Kopf, wie es sein würde, wenn er sie küsste.

Aber das war lächerlich. Warum sollte er sie küssen? Dies war keine Kuss-Situation, und sie hatten auch keine Kuss-Beziehung. Und würden nie eine haben. Außerdem hatte keins der Gefühle zwischen ihnen etwas zu bedeuten. Hatte er das nicht gesagt?

Schlag es dir aus dem Kopf, schalt sie sich selbst.

Sicher, bei dem Gerangel um ihre Leibesvisitation hatten sie einige heiße Blicke ausgetauscht. Und seine Hände auf ihrer Haut hatten sie auch für ein, zwei Momente in eine Art Umlaufbahn der Sinne katapultiert. Aber das war nur diese Sache mit der natürlichen sexuellen Anziehung. Das hätte ihr bei jedem Mann passieren können.

Möglich.

Sie durfte sich nichts vormachen. Sie kannte sich gut und neigte dazu, fast allem irgendetwas Romantisches anzudichten. Wenn sie einen Film oder eine Fernsehshow sah, und es ging darin nicht um Liebe, schweiften ihre Gedanken ab. Sie war keine große Denkerin. Rein Theoretisches interessierte sie nicht ernsthaft und nicht mehr. Was sie sehen und worüber sie nachdenken wollte, waren Menschen, die einander liebten.

Vielleicht lag es daran, dass sie noch nie selbst eine echte Romanze erlebt hatte. Sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, aber bis jetzt war ihr noch kein wirklicher Traummann begegnet.

Bis auf David, sagte eine leise Stimme in ihr.

Na ja, dass er verdammt gut aussehend und attraktiv war, konnte sie nicht leugnen. Trotzdem würde er nie für sie infrage kommen, das wusste sie. Die derzeitigen Umstände erforderten, dass sie zusammen waren. Sie versteckten sich. Sie waren auf der Flucht. Sie kümmerten sich beide um ein Baby. Das war alles nicht besonders romantisch, aber es verband sie miteinander. Sie musste einfach lernen, seine Sichtweise der Dinge im Hinterkopf zu behalten.

Was auch passierte, es hatte nichts zu bedeuten.

Zähneknirschend ging sie über den Flur ins Bad und stellte dort fest, dass es gar nicht so schlimm war wie erwartet. Eigentlich war es ganz gemütlich, moderner eingerichtet und mit mehr Extras ausgestattet als das Hotelzimmer.

Das Schlimmste daran war der riesige Spiegel über dem Waschtisch. Dort sah sie sich in Echtfarben und fand ihr Aussehen noch schrecklicher, als sie gedacht hatte. Fürchterlich. Ihre Haare ähnelten einem Vogelnest. Ihre Augen waren müde und von dunklen Ringen umschattet. Sie machte sich sofort ans Werk, spritzte sich Wasser ins Gesicht und zwickte sich in die Wangen, damit diese wieder Farbe bekamen. Und als sie auch noch probierte, mit einem Kamm durch ihre wilden Locken zu fahren und sie wenigstens ein bisschen netter zu legen, wurde ihr klar, was sie da machte und warum sie es tat. Es war ihr nicht egal, was David über sie dachte.

„Verdammt noch mal“, flüsterte sie und sah sich im Spiegel selbst in die Augen. Es war hoffnungslos. Er hatte schon das Schlimmste von ihr gesehen.

Als sie fertig war, lief sie schnell zum Supermarkt an der Ecke und fand auch gleich das Milchpulver. In der Schlange an der Kasse fiel ihr ein, dass sie das falsche Geld zum Bezahlen hatte.

„Oh, oh.“ Bedauernd sah sie zu der offensichtlich gelangweilten Kassiererin. „Ich habe nur amerikanische Dollars. Ich glaube nicht …“

Die junge Frau schüttelte den Kopf, wobei all ihre Piercings gleichzeitig klimperten. „Nee. Wir haben schon schlechte Erfahrungen gemacht. Nach achtzehn Uhr nehmen wir kein amerikanisches Geld mehr an.“

Ayme sah sie erstaunt an und fragte sich, was die Zeit für einen Unterschied machte. „Oh, was, wenn ich …?“

„Sorry“, sagte das Mädchen abweisend und blickte zum nächsten Kunden.

Seufzend wollte Ayme sich gerade zum Gehen wenden, als ein Mann aus der Schlange nach vorn trat. „Wenn Sie erlauben, Madame“, sagte er mit einem freundlichen Nicken zu der Kassiererin und reichte ihr mit einer galanten Geste das passend abgezählte Geld für das Milchpulver.

Ayme atmete tief ein. „Vielen, vielen Dank.“ Aufrichtig erleichtert lächelte sie ihn an. Was für ein netter Mann. Er sah so aus, wie sie sich einen Komponisten vorstellte – ein verklärtes Leuchten in den scheinbar über den Horizont hinausblickenden Augen, fliegendes, weißes Haar und ein überirdisches Lächeln, als lausche er der Musik des Himmels. Alles in allem fand sie ihn reizend, und sie war so dankbar, dass sie vor Freude ganz außer sich war.

„Sie sind so freundlich. Das ist unglaublich. Ich wollte es nicht annehmen, aber ich bin einfach so müde heute Abend, und das Baby wartet. Aber ich habe das Geld. Wenn Sie mit mir in unser Hotel kommen wollen …“

Schon als sie es aussprach, erkannte sie, dass dies keine gute Idee war. Eigentlich wollten sie sich verstecken und keine Fremden einladen. Im Nachsatz sagte sie deshalb: „Bitte geben Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse, damit ich es Ihnen zurückzahlen kann.“

Er winkte ab. „Vergessen Sie es, meine Liebe. Das ist kein Problem.“ Er nickte und wandte sich zum Gehen. „Ich wünsche Ihnen eine gute Weiterreise zum Festland.“

„Vielen Dank.“

Sie lächelte, aber als er in der Menge auf der Straße verschwand, verging ihr das Lächeln. Woher wusste er, dass sie zum Festland wollten? Sie wusste es ja selbst kaum. Allerdings war diese Küstenstadt schon so eine Art Startpunkt für Reisen über den Kanal. Vielleicht sollte sie seine Worte nicht so ernst nehmen.

Und doch gaben sie ihr zu denken.

„Ich vermute, wir fahren zum Festland?“, fragte sie, als sie wieder zurück im Hotelzimmer war und das Milchpulver auf den Tisch stellte.

„Ja, morgen geht es über den Kanal.“ David warf ihr einen kurzen Blick zu, um sicher zu sein, dass sie bei ihrem Ausflug in ein öffentliches Gemeinschaftsbad keine bleibenden Schäden davongetragen hatte, und weil sie ruhig und freundlich aussah, schloss er daraus, dass alles in Ordnung war.

„Fahren wir nach Frankreich?“, fragte sie hoffnungsvoll. Frankreich! Paris! Wie gern würde sie sich das alles ansehen.

Er lächelte rätselhaft und antwortete ausweichend. „Eventuell.“

„Eventuell auch nicht“, mokierte sie sich und verzog das Gesicht.

Seine Mundwinkel zuckten.

„Ich hätte das Milchpulver fast nicht bekommen“, erzählte sie, als sie damit begann, das Fläschchen für Cici vorzubereiten. Sie berichtete von der Kassiererin und dem netten weißhaarigen Mann.

In Davids Kopf schrillten die Alarmglocken, aber er beruhigte sich schnell. Schließlich war sie eine sehr attraktive Frau. Jeder wahre Gentleman hätte ihr in so einem Fall seine Hilfe angeboten. Er hätte es auch. Mehr hatte das sicher nicht zu bedeuten.

Dennoch war er auf der Hut.

„Was sagte der Mann genau?“, hakte er nach.

Sie betonte noch einmal, wie nett er gewesen war, erzählte ihm aber alles, woran sie sich erinnern konnte, und dabei fiel ihm nichts Ungewöhnliches auf.

„Zeig ihn mir, wenn du ihn wiedersiehst“, ergänzte er noch. Flüchtig überlegte er auch, das Hotel zu wechseln. Aber weil er das selbst für leicht paranoid hielt, entschied er sich dagegen. „Am besten, du legst dich erst mal ins Bett“, sagte er stattdessen zu ihr und verzog amüsiert den Mund, als er ihr erschrockenes Gesicht sah. Er hatte gewusst, dass sie so reagieren würde. „Ich möchte, dass du ein wenig schläfst. Ich werde eine Weile nicht da sein, und sollte Cici wach werden, wenn ich zurückkomme, kümmere ich mich sie. Es könnte sein, dass wir zu einer ungewöhnlichen Zeit aufbrechen müssen. Deshalb genieße die Ruhe, solange sie währt.“

Sie schaute ihn an. Er sah so gut aus wie immer, aber seine Augen wirkten müde. „Und was ist mit dir? Du bist gefahren, du brauchst auch Schlaf.“

Er schenkte ihr ein langes Lächeln, das er nur bei besonderen Gelegenheiten verteilte. „Ich schlafe nie.“

Sie lachte, hingerissen von seinem Charme. „Ich bitte dich. Bist du Supermann?“

„Nicht ganz. Aber fast“, kommentierte er, und weil sie nach wie vor regungslos vor ihm stand, fügt er noch hinzu: „Ayme, tu, was ich dir gesagt habe. Wir haben keine Zeit für lange Diskussionen.“

„Aye, aye, Sir!“ Sie setzte sich auf die Bettkante.

„So ist’s recht.“ Er nickte anerkennend. „Sieh es wie eine militärische Operation an. Ich bin der vorgesetzte Offizier, und du folgst meinen Befehlen.“

Theatralisch verdrehte sie die Augen. „So weit kommt’s noch!“

„Gewiss.“ Kopfschüttelnd wandte er sich ab. „Ich muss telefonieren.“

„Kannst du das nicht hier machen? Hast du kein Handy?“

„Doch. Das will ich nur nicht für diesen Anruf nutzen. Ich komme wieder.“

„Hm.“ Wahrscheinlich wollte er nicht, dass sie mithörte. Aber sie hatte keine Lust, nachzufragen. Es war alles etwas verwirrend. Augenblicke lang schien er sich für sie zu erwärmen, und sie spürte dieses gewisse Prickeln zwischen ihnen. Und Sekunden später war es wie weggewischt. Wenn sie nur wüsste, wie sie diesen speziellen Moment ausdehnen könnte.

Sie erhob sich vom Bett und hängte die Kleidung in den Schrank, räumte ein wenig auf. Als sie fertig war, sah sie nach Cici. Die Kleine schlief noch. Ayme lächelte. Sie sollte wirklich die Ruhe genießen und sich ein wenig hinlegen, wie David es vorgeschlagen hatte, überlegte sie, als ihr Blick auf das Fenster fiel.

Neugierig ging sie hin, spähte hinaus in die beginnende Dunkelheit und erblickte David unten vor dem Hotel. Er hielt sich mit einer Hand ein Handy ans Ohr und schien ein lebhaftes Telefonat zu führen. Immer wieder sah sie ihn mit der anderen Hand gestikulieren. Als er merkte, dass sie ihn beobachtete, verzog er sich in eine Gasse neben dem Hotel. Mit wem er wohl redete? Hoffentlich mit jemandem, der Cicis Vater kannte.

Seltsam, dass dieser Unbekannte für sie immer nur ‚Cicis Vater‘ war und nicht ‚Darius, Prinz von Ambria‘ oder ‚der verschollene Königssohn‘. Lag es daran, weil sie tief im Innern sicher war, dass entweder Sam sie oder jemand Sam zum Narren gehalten hatte? Die Geschichte schien wenig stimmig. Aber vielleicht kam David hinter die Wahrheit.

Es war interessant, wie sehr sie ihm vertraute, und eigentlich wollte sie nicht analysieren, warum dem so war. Sie spürte, dass es etwas damit zu tun hatte, dass sie sich unbändig nach Sicherheit und Geborgenheit sehnte. Sie wollte, dass er ein guter Mensch war. Deshalb musste er ein guter Mensch sein. Ganz einfach.

Sie schaute zu Cici. Babys waren so süß, wenn sie schliefen. Allmählich kam sie auch mit der Babypflege besser klar. Zumindest hatte sie den Eindruck. Sie probierte, es David gleichzutun. Offenbar machten eine starke, ruhige Hand und eine sanfte Stimme doch etwas aus. Cici hatte, seit sie in London waren, kaum noch geschrien.

„Ich lerne schnell“, murmelte sie zu sich selbst. „Ich werde es überleben.“

Sie ging vom Fenster zum Bett, legte sich hin und schlief sofort ein.

7. KAPITEL

David hatte diverse Anrufe getätigt, aber jetzt sprach er wieder mit seinem Bruder. Monte konnte ihm einige Auskünfte zu seinen Anfragen geben. Aymes Familienverhältnisse waren genau überprüft. Sie hatte eine Adoptivschwester namens Sam, die als Jugendliche wegen kleinerer Vergehen verhaftet worden und vor Kurzem bei einem Verkehrsunfall gestorben war. Aber das war nicht alles. Die Eltern des Mädchens wurden ebenfalls bei diesem Unfall getötet.

„Das ist merkwürdig“, sagte David mehr zu sich selbst. „Warum hat sie mir das verschwiegen? Es muss doch furchtbar für sie gewesen sein.“

„Vertraue niemals einer Frau, David. Du bist doch nicht etwa in sie verliebt, oder?“

„Himmel, nein.“

„Vergiss es, es sollte nur ein Scherz sein. Aber anderes Thema: Es gibt nichts Neues über den Hochstapler, der in deinem Namen Liebe über das Land verteilt.

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