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Die verschollene Flotte: Ein teurer Sieg

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagung
  7. Die Allianz-Flotte
  8. Eins
  9. Zwei
  10. Drei
  11. Vier
  12. Fünf
  13. Sechs
  14. Sieben
  15. Acht
  16. Neun
  17. Zehn
  18. Elf
  19. Zwölf

Über den Autor

Jack Campbell ist ein Offizier der U. S. Navy im Ruhestand. Im aktiven Dienst sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen lässt. Er lebt heute mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland.

Widmung

Für Paul Parsons, einen Mann mit großem Enthusiasmus, scharfem Verstand und großem Herzen. All das hat er im Überschwang mit all jenen geteilt, denen er jetzt so sehr fehlt.

Und wie immer für S.

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt meinem Agenten Joshua Bilmes für seine zahlreichen Ideen und seinen Beistand; meiner Redakteurin Anne Sowards für ihren Einsatz. Ein Dankeschön geht auch an Catherine Asaro, Robert Chase, Chuck Gannon, J.G. »Huck« Huckenpohler, Simcha Kuritzky, Michael LaViolette, Aly Parsons, Bud Sparhawk und Constance A. Warner für ihre Vorschläge, Kommentare und Empfehlungen. Und ich danke Charles Petit für seine Vorschläge zu den Raumschlachten.

Die Allianz-Flotte

Flottenadmiral John Geary
Befehlshaber

Neustrukturiert im Varandal-Sternensystem vor der Offensive gegen das Syndik-Heimatsystem.

Fettgedruckte Schiffsnamen kennzeichnen im Gefecht verlorene Schiffe seit dem Zeitpunkt, da Geary das Kommando über die Flotte übernommen hatte, in Klammern wird das Sternensystem genannt, in dem das Schiff verloren wurde.

Zweite Schlachtschiffdivision

Gallant

Indomitable

Glorious

Magnificent

Dritte Schlachtschiffdivision

Paladin (Lakota)

Orion

Majestic (Lakota II)

Conqueror

Dreadnaught

Dependable

Vierte Schlachtschiffdivision

Warrior (Lakota II)

Triumph (Vidha)

Vengeance

Revenge

Fünfte Schlachtschiffdivision

Fearless

Resolution

Redoubtable

Warspite

Siebte Schlachtschiffdivision

(neu aufgebaut)

Indefatigable (Lakota)

Audacious (Lakota)

Defiant (Lakota)

Sustain

Encroach

Resound

Achte Schlachtschiffdivision

Relentless

Reprisal

Superb

Splendid

Zehnte Schlachtschiffdivision

Colossus

Amazon

Spartan

Guardian

Erste Scout-Schlachtschiffdivision

(aufgelöst)

Arrogant (Kaliban)

Exemplar (Heradao)

Braveheart (Cavalos)

Erste Schlachtkreuzerdivision

(neu aufgebaut)

Courageous (Heradao)

Intrepid (Heradao)

Renown (Lakota)

Formidable

Inspire

Implacable

Zweite Schlachtkreuzerdivision

Leviathan

Dragon

Steadfast

Valiant

Vierte Schlachtkreuzerdivision

Dauntless (Flaggschiff)

Daring

Terrible (Ilion)

Victorious

Intemperate

Fünfte Schlachtkreuzerdivision

(neu aufgebaut)

Invincible (Ilion)

Repulse (Syndik-Heimatsystem)

Furious (Varandal)

Implacable

Adroit

Auspice

Assert

Agile

Ascendant

Sechste Schlachtkreuzerdivision

Polaris (Vidha)

Vanguard (Vidha)

Illustrious

Incredible

Invincible (Neukonstruktion)

Siebte Schlachtkreuzerdivision

(aufgelöst)

Opportune (Cavalos)

Dritte Schnelle Hilfsschiffdivision

Titan

Tanuki

Witch

Jinn

Alchemist

Goblin (Heradao)

Dreißig Schwere Kreuzer in sechs Divisionen (siebenunddreißig, als Geary das Kommando übernahm, abzüglich sechzehn im Kampf verlorene, zuzüglich neun als Verstärkung von Varandal)

Erste Schwere Kreuzerdivision

Dritte Schwere Kreuzerdivision

Vierte Schwere Kreuzerdivision

Fünfte Schwere Kreuzerdivision

Achte Schwere Kreuzerdivision

Zehnte Schwere Kreuzerdivision

Verluste

Invidious (Kaliban)

Cuirass (Sutrah)

Crest, War-Coat, Ram und Citadel (Vidha)

Basinet und Sallet (Lakota)

Utap, Vambrace und Fascine (Lakota II)

Armet und Gusoku (Cavalos)

Tortoise, Breech, Kurtani, Tarian und Nodowa (Heradao)

Lorica (Padronis)

Kaidate und Quillion (Varandal)

Zweiundfünfzig Leichte Kreuzer in zehn Geschwadern (zweiundsechzig, als Geary das Kommando übernahm, abzüglich zweiundzwanzig im Kampf verlorene, zuzüglich zwölf als Verstärkung von Varandal)

Erstes Leichte Kreuzergeschwader

Zweites Leichte Kreuzergeschwader

Drittes Leichte Kreuzergeschwader

Fünftes Leichte Kreuzergeschwader

Sechstes Leichte Kreuzergeschwader

Achtes Leichte Kreuzergeschwader

Neuntes Leichte Kreuzergeschwader

Zehntes Leichte Kreuzergeschwader

Elftes Leichte Kreuzergeschwader

Vierzehntes Leichte Kreuzergeschwader

abzüglich

Swift (Kaliban)

Pommel, Sling, Bolo und Staff (Vidha)

Spur, Damascene und Swept-Guard (Lakota)

Brigandine, Cater und Ote (Lakota II)

Kote und Cercle (Cavalos)

Kissaki, Crest, Trunnion, Inquarto, Intagliata und Septime (Heradao)

Estocade, Disarm und Cavalier (Varandal)

Hundertfünfzig Zerstörer in achtzehn Geschwadern (hundertdreiundachtzig, als Geary das Kommando übernahm, abzüglich siebenundvierzig im Kampf verlorene, zuzüglich vierzehn als Verstärkung von Varandal)

Erstes Zerstörergeschwader

Zweites Zerstörergeschwader

Drittes Zerstörergeschwader

Viertes Zerstörergeschwader

Sechstes Zerstörergeschwader

Siebtes Zerstörergeschwader

Neuntes Zerstörergeschwader

Zehntes Zerstörergeschwader

Zwölftes Zerstörergeschwader

Vierzehntes Zerstörergeschwader

Sechzehntes Zerstörergeschwader

Siebzehntes Zerstörergeschwader

Zwanzigstes Zerstörergeschwader

Einundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Dreiundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Siebenundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Achtundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Zweiunddreißigstes Zerstörergeschwader

abzüglich

Dagger und Venom (Kaliban)

Anelace, Baseland und Mace (Vidha)

Celt, Akku, Sickle, Leaf, Bolt, Sabot, Flint, Needle, Dart, Sting, Limpet und Cudgel (Vidha)

Falcata (Ilion)

War-Hammer, Prasa, Talwar und Xiphos (Lakota)

Armlet, Flanconade, Kukri, Hastarii, Petard und Spiculum (Lakota II)

Flail, Ndziga, Tabar, Cestus und Balta (Cavalos)

Barb, Yatagan, Lunge, Arabas, Kururi, Shail, Chamber, Bayonet und Tomahawk (Heradao)

Serpentine, Basilisk, Bowie, Guidon und Sten (Varandal)

Marines-Streitmacht der zweiten Flotte

Major General Carabali

Befehlshaberin

1420 Marines in mehrere Abteilungen verteilt auf die Schlachtkreuzer und Schlachtschiffe

Eins

Er hatte dem Tod schon viele Male ins Auge gesehen, und das hätte er jetzt auch liebend gern wieder getan, wenn ihm dafür nur diese Besprechung erspart geblieben wäre.

»Sie werden nicht vor ein Erschießungskommando gestellt«, hielt Captain Tanya Desjani ihm vor Augen. »Sie sollen dem Großen Rat der Allianz Bericht erstatten.«

Captain John Geary drehte den Kopf ein wenig zur Seite, um Captain Desjani unmittelbar anzusehen, die Frau, die als Befehlshaberin auf seinem Flaggschiff Dauntless diente. »Erklären Sie mir doch noch mal den Unterschied zwischen den beiden.«

»Die Politiker tragen keine Waffen, zumindest sollen sie das nicht, und sie haben mehr Angst vor Ihnen als umgekehrt. Entspannen Sie sich. Wenn die Sie so verkrampft sehen, dann glauben sie erst recht, dass Sie einen Staatsstreich planen.« Desjani verzog den Mund. »Allerdings sollte ich Ihnen wohl sagen, dass sie von Admiral Otropa begleitet werden.«

»Admiral Otropa?« Geary hatte buchstäblich ein Jahrhundert verschlafen, daher beschränkte sich sein Wissen über die Namen der Offiziere auf die Schiffe seiner Flotte.

Zwar nickte Desjani nur, doch sie schaffte es, in diese simple Geste Verachtung zu legen, die allerdings nicht Geary galt. »Militärattaché des Großen Rats. Sie müssen sich allerdings keine Sorgen machen, der Rat könnte ihm das Kommando über die Flotte übertragen. Niemand würde Otropa den Amboss als Flottenbefehlshaber akzeptieren, wenn er zwischen ihm und Ihnen wählen kann.«

Geary betrachtete sein Spiegelbild. In seiner Galauniform fühlte er sich nervös und unbehaglich. Besprechungen hatten ihm noch nie Spaß gemacht, und vor hundert Jahren hätte er sich erst recht nicht träumen lassen, dass man ihn persönlich vor den Großen Rat zitieren würde. »Der Amboss? Das hört sich nach einem schlagkräftigen Spitznamen an.«

»Man nennt ihn bloß so, weil schon so oft auf ihn eingehämmert worden ist«, erläuterte Desjani. »Da sein politisches Geschick deutlich ausgeprägter als seine militärische Begabung ist, hat Otropa irgendwann erkannt, dass er ein Leben ganz ohne Risiken führen kann, wenn er dem Großen Rat als Militärattaché zur Seite steht.«

Fast hätte sich Geary verschluckt, so sehr musste er mit sich kämpfen, um nicht laut zu lachen. »Ich schätze, es gibt schlimmere Spitznamen als Black Jack.«

»Viel schlimmere«, beteuerte sie. Aus dem Augenwinkel sah Geary, dass sie den Kopf fragend schräg legte. »Sie haben mir nie gesagt, wie Sie eigentlich zu diesem Spitznamen gekommen sind, und ich weiß auch nicht, warum Sie ihn nicht mögen. In der Schule habe ich nur den offiziellen Teil Ihrer Biographie gelernt, und da gibt es keinen Hinweis darauf, dass Ihnen dieser Name eigentlich nicht gefällt.«

»Und was steht in diesem offiziellen Teil?«, wollte er wissen. Seit er aus dem Kälteschlaf in einer beschädigten und verschollenen Rettungskapsel erwacht war, hatte er es vermieden, irgendwelche offiziellen Schilderungen seiner angeblichen Heldentaten zu lesen.

»Dass weder Sie noch eine Ihrem Kommando unterstellte Einheit bei den Leistungsbeurteilungen jemals eine rote Bewertung erhalten hat, die bei schlechten Resultaten erteilt wird. Ihre Bewertungen lagen immer im schwarzen Bereich, was so viel bedeutet wie ›erfüllt oder übertrifft die Erwartungen‹. Schwarzer Bereich, also Black Jack.«

»Die Vorfahren mögen uns beistehen.« Wieder hatte Geary Mühe, sich ein schallendes Lachen zu verkneifen. »Jeder, der jemals einen Blick auf meine Beurteilungen geworfen hat, weiß, dass das nicht wahr ist.«

»Und was ist wahr?«

»Ich glaube, ich sollte vor Ihnen wenigstens ein Geheimnis wahren.«

»Solange es sich um ein persönliches Geheimnis handelt. Über Ihre dienstlichen Geheimnisse muss der Captain Ihres Flaggschiffs dagegen auf dem Laufenden sein.« Einen Moment lang hielt sie inne. »Was dieses Treffen mit dem Großen Rat angeht – haben Sie mir da alles gesagt? Werden Sie so vorgehen, wie Sie es mir versichert haben?«

»Ja und ja.« Er drehte sich ganz zu ihr um, damit er ihr ins Gesicht sehen und sie seine sorgenvolle Miene sehen konnte. Als Flottenkommandant musste Geary unter allen Umständen in der Öffentlichkeit Zuversicht ausstrahlen, auch wenn die Lage noch so verzweifelt war. Desjani war eine der wenigen Personen, denen gegenüber er seine Sorgen eingestehen konnte. »Das wird ein Drahtseilakt werden. Ich muss diese Leute davon überzeugen, dass wir so vorgehen müssen, wie ich es sage, und dass sie mir das Kommando übertragen sollten, aber es darf nicht so aussehen, als wollte ich die Herrschaft an mich reißen.«

Desjani nickte und machte in keiner Weise einen beunruhigten Eindruck. »Sie schaffen das schon, Sir. Ich werde dafür sorgen, dass im Shuttlehangar alles bereit ist, um Sie zur Station Ambaru zu bringen. In der Zwischenzeit können Sie Ihre Uniform glatt ziehen.« Dann salutierte sie mit militärischer Präzision, machte auf dem Absatz kehrt und ging weg.

Gearys Blick ruhte noch lange, nachdem die sich hinter Desjani geschlossen hatte, auf der Luke seines Quartiers. Die dienstliche Beziehung zu Tanya Desjani wäre perfekt gewesen, hätte er nicht die unsägliche Dummheit begangen, sich in sie zu verlieben. Natürlich hatte er das nicht offen ausgesprochen, und das würde er auch nicht tun, solange sie seine Untergebene war. Zusätzlich problematisch wurde das Ganze allerdings dadurch, dass sie das Gleiche für ihn zu empfinden schien, auch wenn sie so wie er kein Wort darüber verlor. Eigentlich hätte das nur ein kleines, fast unbedeutendes Problem sein sollen für einen Mann, dessen eigene Zeit hundert Jahre hinter ihm lag und der sich in einem Universum wiedergefunden hatte, in dem die Allianz ihn für einen mythischen Helden hielt, der von den Toten auferstanden war, um in einen Krieg zwischen der Allianz und den Syndikatwelten einzugreifen. Der Konflikt tobte seit einem Jahrhundert und war für die Bürger der Allianz so ein Gräuel, dass sie sich wohl nur zu gern von ihren politischen Führern abwenden und es begrüßen würden, wenn er sich zum Diktator aufschwänge. Aber manchmal bereiten einem die kleinen persönlichen Probleme viel mehr Kopfzerbrechen als die wirklich großen Dinge.

Er konzentrierte sich wieder auf sein Spiegelbild, konnte aber keine Stelle entdecken, die nicht ordentlich saß. Allerdings hätte Desjani nicht diese Bemerkung gemacht, wenn da nicht irgendetwas gewesen wäre. Während er kritisch die Augen zusammenkniff, rückte er alles um Bruchteile eines Millimeters zurecht, wobei sein Blick zwangsläufig auch auf den mehrzackigen Allianzstern fiel, der gleich unter dem Kragen hing. Es missfiel ihm, dieses Abzeichen zu tragen, das ihm mutmaßlich posthum verliehen worden war, nachdem er vor hundert Jahren in einer Schlacht bis zuletzt an Bord seines Schiffs geblieben war. Er fand, dass er eine solche Ehre nicht verdiente. Doch die Vorschriften verlangten unmissverständlich, dass ein Offizier in Galauniform »alle Abzeichen, Auszeichnungen, Ehrungen, Bänder und Orden« zu tragen hatte, die ihm verliehen worden waren. Obwohl er wusste, dass er die Macht dazu besaß, konnte er es sich nicht erlauben, sich aus den Vorschriften nur die Dinge herauszusuchen, die ihm gefielen. Würde er erst einmal damit anfangen, wäre nicht absehbar, wo es endete.

Gerade wollte er sein Quartier verlassen, da meldete sich das Komm. Geary nahm den Anruf an und sah, wie das Abbild eines lächelnden Captain Badaya vor ihm Gestalt annahm, sodass es so aussah, als würde er direkt vor Geary stehen, obwohl er sich körperlich nach wie vor auf seinem Schiff befand. »Guten Morgen, Captain«, sagte Badaya gut gelaunt.

»Guten Morgen. Ich bin im Begriff, mich zum Treffen mit dem Großen Rat zu begeben.« Mit Badaya musste er vorsichtig umgehen, denn auch wenn Badaya von der Rangordnung her einfach nur der befehlshabende Offizier des Schlachtkreuzers Illustrious war, führte er zugleich jene Gruppierung in der Flotte an, die sich ohne zu zögern hinter Geary stellen würde, sollte der einen Militärputsch durchführen und sich zum neuen Machthaber erklären. Da sich dieser Gruppe mittlerweile fast die gesamte Flotte angeschlossen hatte, musste Geary unbedingt darauf achten, dass diese Leute nicht den Staatsstreich in dem Glauben verübten, ihm damit einen Gefallen zu tun. Seit er das Kommando über die Flotte übernommen hatte, war seine Sorge einer Meuterei gegen seine Person der Sorge gewichen, sie könnten in seinem Namen eine Meuterei gegen die Allianz anzetteln.

Badaya nickte, sein Lächeln nahm einen etwas härteren Zug an. »Einige Captains wollten ein paar Schlachtschiffe in die Nähe der Station Ambaru verlegen, um den Großen Rat daran zu erinnern, wer eigentlich die Macht in der Hand hat, aber ich habe ihnen erklärt, dass das nicht in Ihrem Sinne wäre.«

»Ganz genau«, bestätigte Geary, der sich Mühe gab, nicht allzu erleichtert zu klingen. »Wir müssen weiter den Eindruck vermitteln, dass der Große Rat immer noch das Sagen hat.« Zumindest war das der Vorwand, den er Badaya gegenüber gewählt hatte. Wenn der Große Rat Geary einen Befehl erteilte, von dem die Flotte wusste, dass Geary selbst anders entschieden hätte, dann würde er sich verpflichtet fühlen, diesen Befehl auszuführen oder von seinem Posten zurückzutreten. Und dann wäre in der Allianz sehr wahrscheinlich der Teufel los.

»Rione wird Ihnen helfen, mit diesen Leute zurechtzukommen«, merkte Badaya mit einer wegwerfenden Geste an. »Sie haben Rione in der Hand, und sie wird schon dafür sorgen, dass keiner von den anderen Politikern aus der Reihe tanzt. Da die Zeit drängt, mache ich jetzt besser Schluss, Sir.« Mit einem Grinsen zum Abschied und einem Salut löste sich Badayas Bild in Luft auf.

Geary schüttelte den Kopf und fragte sich, was Madam Co-Präsidentin der Callas-Republik und Senatorin der Allianz dazu sagen würde, wüsste sie, dass Badaya glaubte, er habe Rione in der Hand. Es wäre ganz sicher nichts Gutes.

Auf dem Weg durch die Dauntless zum Shuttlehangar erwiderte er den begeisterten Salut der Crewmitglieder, die ihm in den Korridoren begegneten. Die Dauntless war sein Flaggschiff, seit er im Syndik-Heimatsystem das Kommando über die Flotte übernommen hatte, wo die Allianz in eine Falle des Gegners geraten war und alles danach ausgesehen hatte, dass sie dieser Falle nicht entkommen würde. Obwohl alles dagegen gesprochen hatte, war es ihm gelungen, den größten Teil dieser Flotte zurück nach Hause zu bringen. Spätestens seit diesem Moment waren sämtliche Angehörigen der Flotte davon überzeugt, dass er alles erreichen konnte, was er sich vornahm – auch dass er den Krieg gewinnen konnte, in dem ihre Eltern und Großeltern schon gekämpft hatten. Er gab sich alle Mühe, nach außen hin ruhig und gelassen zu wirken, auch wenn er innerlich aufgewühlt war.

Er konnte sich jedoch ein Stirnrunzeln nicht verkneifen, als er den Shuttlehangar erreichte und sah, dass Desjani und Rione nebeneinander standen und sich leise unterhielten, wobei beide einen völlig neutralen Gesichtsausdruck zur Schau stellten. Da die zwei für gewöhnlich nur miteinander sprachen, wenn es unbedingt nötig war, und sie dabei jedes Mal den Eindruck erweckten, als würden sie am liebsten zu Messern, Pistolen, Höllenspeeren oder jeder anderen verfügbaren Waffe greifen, irritierte es ihn, dass sie sich auf einmal zu vertragen schienen.

Als er sich näherte, kam Desjani auf ihn zu, während Rione durch die Luke in den Hangar ging. »Shuttle und Eskorte sind bereit«, meldete Desjani. Mit kritischer Miene begutachtete sie ihn und machte sich daran, den Sitz einiger Bänder zu korrigieren. »Die Flotte wird in Bereitschaft sein.«

»Tanya, ich zähle auf Sie, Duellos und Tulev, dass Sie alles unternehmen, um eine Supernova zu verhindern. Badaya sollte mit Ihnen zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass irgendjemand innerhalb der Flotte auf die Idee kommt, die Initiative zu ergreifen und damit nichts weiter als eine Katastrophe herbeizuführen. Aber Sie drei müssen auch dafür sorgen, dass Badaya selbst sich zu nichts hinreißen lässt.«

Sie nickte gelassen. »Selbstverständlich, Sir. Aber Ihnen ist hoffentlich klar, dass keiner von uns noch irgendetwas aufhalten kann, sollte der Große Rat überreagieren.« Sie kam noch einen Schritt auf ihn zu, legte eine Hand auf seinen Unterarm und ergänzte dann mit gesenkter Stimme: »Hören Sie auf sie. Das ist ihr Schlachtfeld, sie kennt sich mit den Waffen aus.«

»Rione?« Niemals hätte er erwartet, dass Desjani ihn dazu auffordern würde, Riones Ratschläge zu beherzigen.

»Ja.« Sie trat wieder einen Schritt nach hinten und salutierte, wobei nur ihre Augen verrieten, wie besorgt sie war. »Viel Glück, Sir.«

Er erwiderte den Salut und betrat den Hangar. Vor ihm befand sich das Flottenshuttle, ein kompletter Zug Marines bildete eine Ehrengarde zu beiden Seiten der Rampe.

Ein ganzer Zug Marines in vollständiger Gefechtspanzerung, einschließlich des gesamten Waffenarsenals.

Ehe er etwas sagen konnte, trat ein Major der Marines vor und salutierte. »Ich habe den Auftrag erhalten, Ihre Ehrengarde zu befehligen, Captain Geary. Wir begleiten Sie zum Treffen mit dem Großen Rat.«

»Warum tragen Ihre Leute Gefechtspanzerung?«, wollte Geary wissen.

Ohne zu zögern antwortete der Major: »Über das Varandal-Sternensystem wurde der Alarmzustand für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff verhängt, Sir. Die Vorschriften verlangen von meinen Leuten maximale Gefechtsbereitschaft, wenn sie bei diesem Alarmzustand an offiziellen Bewegungen teilnehmen.«

Wie praktisch, dachte er und sah zu Rione, die sich am martialischen Erscheinungsbild der Marines nicht zu stören schien. Desjani musste auch darin verstrickt sein, aber ohne die Zustimmung von Colonel Carabali, der Befehlshaberin der Marines in seiner Flotte, wäre das alles nicht möglich gewesen. Auch wenn es ihm überhaupt nicht gefiel, mit einer gefechtsbereiten Streitmacht im Rücken seinen politischen Vorgesetzten gegenüberzutreten, hielt er es nicht für ratsam, sich über den gemeinschaftlichen Beschluss von Desjani, Rione und Carabali hinwegzusetzen. »Also gut. Vielen Dank, Major.«

Die Marines hoben die Waffen, um sie zu präsentieren, während Geary von Rione begleitet die Rampe hinaufging. Er salutierte, um die Ehre anzuerkennen, die ihm zuteil wurde. In Augenblicken wie diesen, in denen er das Gefühl bekam, eine Stunde lang ununterbrochen salutieren zu müssen, wurden immer wieder Zweifel wach, ob es wirklich so klug von ihm gewesen war, diese Form der Respektsbekundung wieder in der Flotte einzuführen.

Er und Rione begaben sich in die kleine VIP-Kabine gleich hinter dem Cockpit, während die ihnen nachfolgenden Marines im Hauptabteil des Shuttles Platz nahmen. Geary legte den Gurt an, dabei ruhte sein Blick auf dem Display unmittelbar vor ihm, auf dem ein paar Sterne zu sehen waren, die in der endlosen Nacht des Weltalls funkelten. Es hätte auch ein Fenster sein können, aber natürlich wäre niemand so verrückt gewesen, ein echtes Fenster in den Rumpf eines Schiffs oder eines Shuttles einzubauen.

»Nervös?«, fragte Rione.

»Merken Sie das nicht?«

»Eigentlich nicht. Sie überspielen das sehr gut.«

»Danke. Was haben Sie und Desjani eigentlich ausgeheckt, als ich den Hangar betrat?«

»Nur die üblichen Frauenthemen«, sagte sie beiläufig und winkte ab. »Der Krieg, das Schicksal der Menschheit, das Universum und so weiter.«

»Sind Sie zu irgendwelchen Erkenntnissen gelangt, von denen ich wissen sollte?«

Sie musterte ihn, dann setzte sie ein anscheinend ehrlich gemeintes Lächeln auf. »Wir finden, Sie schaffen das schon, solange Sie nur Sie selbst sind. Wir beide geben Ihnen Rückendeckung. Fühlen Sie sich jetzt besser?«

»Wesentlich besser, vielen Dank.« Statusanzeigen gaben an, dass die Shuttlerampe geschlossen und versiegelt sowie die inneren Hangartore geschlossen und die äußeren geöffnet wurden. Dann erhob sich das Shuttle, drehte sich elegant auf der Stelle und drang ins All vor. Unwillkürlich musste Geary grinsen. Technisch gesehen konnten Autopiloten ein Shuttle genauso gut fliegen wie ein menschlicher Pilot, in vielen Fällen sogar noch besser. Aber nur ein Mensch war in der Lage, ein Shuttle mit Stil zu steuern. Auf dem Display wurde der Umriss der Dauntless rasch kleiner, als das Shuttle beschleunigte. »Das ist das erste Mal, dass ich mich nicht an Bord der Dauntless befinde«, wurde ihm plötzlich bewusst.

»Seit Ihre Rettungskapsel an Bord der Dauntless geholt wurde, meinen Sie doch sicher«, korrigierte Rione ihn.

»Ja, richtig.« Sein einstiges Zuhause und alle seine Freunde und Bekannten waren in einer hundert Jahre entfernten Vergangenheit zurückgeblieben, und die Dauntless war sein neues Zuhause, ihre Crew seine neue Familie geworden. Es fühlte sich eigenartig an, sie zu verlassen.

Die Reise an sich dauerte nicht allzu lange. Die riesigen Konturen der externen Elemente der Raumstation Ambaru wirkten vergleichsweise nah, als das Shuttle sich in sanftem Flug dem zugewiesenen Dock näherte. Augenblicke später war es auch schon gelandet. Geary wartete, bis die Statuslampen anzeigten, dass der Luftdruck im Dock wiederhergestellt worden war, dann atmete er einmal tief durch, stand auf und zog abermals seine Uniform zurecht. Schließlich nickte er Rione zu. »Dann wollen wir mal.« Sie erwiderte das Nicken, wobei er den Eindruck bekam, dass ihm etwas an ihr vertraut und zugleich ungewohnt vorkam. Dann wurde ihm klar, was es war: Rione ließ die gleiche Ausstrahlung erkennen wie Desjani, wenn ein Gefecht bevorstand. So wie Desjani beim Anblick von Syndik-Kriegsschiffen, so war Rione hier in ihrem Element, und sie schien bereit, den Kampf auf ihre Weise zu führen.

Das Dock war deutlich größer als der Hangar der Dauntless, doch was Geary als Erstes auffiel, war die Anordnung seiner Marines-Ehrengarde, die sich im Kreis um die Rampe herum aufgestellt hatte, den Rücken ihm zugewandt, die Waffen in einsatzbereiter Haltung, anstatt sie wie zuvor zu präsentieren. Ihre Gefechtsrüstungen waren zudem versiegelt.

Als Geary sich im Hangar umsah, entdeckte er, dass an den Schotten vor ihm sowie links und rechts von ihm eine ganze Kompanie aus Bodentruppen Stellung bezogen hatte. Jeder der Soldaten war bewaffnet, aber keiner trug eine Panzerung, und dementsprechend nervös waren die Blicke, die sie den Marines zuwarfen.

Dann hatte Rione also recht gehabt. Sie hatte ihn gewarnt, der Große Rat könnte versuchen, ihn gleich bei der Ankunft zu verhaften und ihn so vom Rest der Flotte zu isolieren, weil man fürchtete, er könne die Macht an sich reißen wollen. Diese Beleidigung seiner Ehre ließ eine Kälte in ihm aufkommen, durch die er sich verkrampfte. Mit steifen Schritten ging er die Rampe hinunter, wo ein vertrautes Gesicht auf ihn wartete. Er war Admiral Timbale noch nie persönlich begegnet, aber er hatte von dem Mann mehrere Nachrichten erhalten.

Vor Timbale blieb er stehen, salutierte und verharrte in dieser Haltung, während der Admiral ihn sekundenlang ratlos anstarrte. Dann begann er zu verstehen und erwiderte die Geste mit einem recht grobschlächtigen, ungelenken Salut. »C-Captain Geary. Wi-Willkommen auf der Station Ambaru.«

»Danke, Sir.« Gearys tonlose Worte hallten auf dem Deck wider, auf dem sonst kein Geräusch zu hören war.

Rione stellte sich neben ihn. »Admiral, ich schlage vor, Sie lassen Ihre Ehrengarde wegtreten, nachdem die nun Captain Geary begrüßt hat.«

Timbale sah sie an, dann schaute er zu den Marines, während ihm ein Schweißtropfen übers Gesicht lief. »Ich …«

»Vielleicht sollten Sie mit Senator Navarro Kontakt aufnehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass er bereit sein wird, den ursprünglich erteilten Befehl anzupassen«, redete Rione weiter.

»Ja.« Von fast unverhohlener Erleichterung erfasst machte Timbale einen Schritt nach hinten und murmelte etwas in seine Komm-Einheit, wartete eine Weile und murmelte erneut etwas. Er zwang sich zu einem Lächeln, dann nickte er Rione zu und drehte sich schließlich zu den Bodentruppen um. »Colonel, schicken Sie Ihre Leute zurück in ihre Quartiere.« Die Befehlshaberin der Truppen kam auf ihn zu und setzte erkennbar zu einem Protest an, doch bevor sie einen Ton herausbringen konnte, herrschte Timbale sie an: »Sie haben mich gehört, Colonel. Führen Sie den Befehl aus!«

Die Soldaten befolgten ihre neuen Befehle und drehten sich zur Seite, um einer nach dem anderen das Dock zu verlassen. Viele von ihnen konnten es sich nicht verkneifen, Geary einen ehrfürchtigen Blick zuzuwerfen. Der fragte sich unwillkürlich, was wohl geschehen wäre, hätte er diesen Leuten unmittelbar einen Befehl erteilt. Hätten sie ohne zu zögern getan, was Black Jack ihnen sagte? Der Gedanke bereitete ihm Sorge, da ihm diese Situation vor Augen geführt hätte, wozu er fähig war – und was er alles anrichten konnte, wenn ihm ein Fehler unterlief.

Als auch der letzte Soldat das Dock verlassen hatte, blickte Geary zu seinem Major der Marines hinüber. Und nun? Sollte er seine gesamte Eskorte mitnehmen? Oder nur ein paar Mann? Welchen Grund gab es zu glauben, dass niemand versuchen würde ihn zu verhaften, sobald er das Dock verließ? Die Vernunft forderte von ihm, sich zumindest von ein paar Marines eskortieren zu lassen.

Das bedeutete aber auch, dass er von bewaffneten und gepanzerten Marines begleitet vor den Großen Rat treten würde. Jeder, der das beobachtete, würde sofort zwei Dinge folgern: dass ein Staatsstreich unmittelbar bevorstand und dass Geary den politischen Führern der Allianz mit tiefem Misstrauen gegenübertrat. Diese Schlussfolgerung war dazu angetan, alles zunichte zu machen, was er hatte erreichen wollen, und damit genau den Putsch auszulösen, vor dem er sich fürchtete.

Sollte man ihn allerdings festnehmen, würde die Flotte zur Tat schreiten, auch wenn er einer solchen Vorgehensweise vehement widersprochen hatte.

Rione beobachtete ihn und wirkte völlig ruhig und entspannt. Sie würde ihm jetzt nicht sagen, was er tun sollte, weil zu viele Leute anwesend waren, die sie dabei belauschen würden. Doch ihre Haltung übermittelte ihm bereits die Botschaft, die er von ihr hören wollte: Zuversicht, Vertrauen, Gelassenheit.

Nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, nickte Geary dem Kommandanten der Marines zu. »Sie bleiben mit Ihren Leuten hier. Sagen Sie ihnen, sie sollen sich rühren. Ich weiß nicht, wie lange wir sie benötigen werden.«

»Sir?« Der Major deutete auf seine Leute. »Wir können einen Trupp …«

»Nein.« Geary ließ seinen Blick über das Dock schweifen und bemühte sich, wie ein Mann zu wirken, der nichts zu verbergen hatte und für den es keinen Grund gab, seine Vorgesetzten zu fürchten. »Wir befinden uns auf Allianz-Territorium, Major. Wir sind hier unter Freunden. Die Bürger der Allianz haben keinen Grund, ihresgleichen oder ihre Regierung zu fürchten.« Er wusste nicht, wer sie belauschte, doch derjenige sollte die Bedeutung seiner Worte verstanden haben.

Der Major salutierte. »Jawohl, Sir.«

Timbale sah Geary mit einer Mischung aus Ratlosigkeit und Sorge an. »Könnten Sie mich wissen lassen, welche Absichten Sie haben, Captain?«, fragte der Admiral leise.

»Ich habe den Befehl erhalten, dem Großen Rat Bericht zu erstatten, Sir. Meine Absicht ist, Befehle auszuführen.« Würde Timbale verstehen, welche tiefere Bedeutung dem letzten Satz innewohnte?

Rione deutete auf die Luke vor ihnen. »Wir sollten den Großen Rat nicht warten lassen, Admiral.«

Der Blick des Admirals wanderte zwischen ihr und Geary hin und her, dann schien er zu einem Entschluss zu gelangen. »Einen Moment noch«, sagte er und entfernte sich einige Schritte, während er leise, aber hastig in seine Komm-Einheit sprach, kurz wartete und dann in wütendem Tonfall energisch weiterredete. Schließlich wirkte er zufrieden, als er sich wieder an Geary wandte. »Es sollte keine weiteren Hindernisse geben, die Sie davon abhalten könnten, den Großen Rat zu erreichen, Captain. Wenn Sie mich bitte begleiten würden.«

Geary ließ Rione den Vortritt, damit sie neben Timbale gehen konnte, er folgte den beiden aus dem Hangar. Seine Nervosität hatte sich fast komplett verflüchtigt, an ihre Stelle war eine kochende Wut darüber getreten, dass der Große Rat davon ausgegangen war, er würde ehrlos agieren. Timbale führte sie durch ein Labyrinth aus Gängen und Sälen. So wie die meisten Orbitalstationen war auch Ambaru nach und nach in alle Richtungen erweitert worden, und es überraschte nicht, dass der Große Rat sich einen Treffpunkt ausgesucht hatte, der möglichst weit im Inneren gelegen und damit am besten geschützt war.

Als Geary den Besprechungsraum betrat, sah er, dass eine Wand durch ein riesiges virtuelles Fenster zum All ersetzt worden war, was den Eindruck erweckte, dieser Raum befinde sich am äußersten Rand der Station. Über dem ausladenden Konferenztisch schwebte ein Sternendisplay, während auf der anderen Seite eine verkleinerte Darstellung der Flotte und anderer Schiffe im Varandal-Sternensystem in der Luft hing. Auf der rückwärtigen Seite des langen Tischs saßen sieben Männer und Frauen in Zivilkleidung, daneben standen ein General der Bodentruppen und ein Admiral, die sich beide sichtlich unbehaglich fühlten.

Seit er das Kommando über die Flotte übernommen hatte, war Geary bei vielen Besprechungen gewesen, doch dieses Treffen hier war anderer Natur. Im Gegensatz zum Konferenzraum der Flotte an Bord der Dauntless waren hier alle Teilnehmer tatsächlich anwesend und wurden nicht nur durch eine Konferenzsoftware virtuell dargestellt. Viel entscheidender aber war, dass Geary diesmal nicht der ranghöchste Offizier im Raum war. Ihm war bis zu diesem Moment nicht bewusst gewesen, wie sehr er sich in den letzten Monaten an diesen Status gewöhnt hatte. Doch dann erkannte er, dass es eine Sache gab, die ihn noch viel mehr störte als alles andere: Captain Tanya Desjani war nicht anwesend. Er hatte sich in hohem Maß an ihre Gegenwart, an ihren Rückhalt und an ihre Ratschläge bei Besprechungen von erheblicher Tragweite gewöhnt.

Er ging weiter, bis er die Tischmitte erreicht hatte, blieb stehen und salutierte. »Captain John Geary, Befehlshaber der Allianz-Flotte, meldet sich, um Bericht zu erstatten«, verkündete er mit steifer Förmlichkeit.

Ein großer, schmaler Zivilist, der den Platz in der Mitte innehatte, nickte und beschrieb eine vage Geste. »Vielen Dank, Captain Geary.«

»Wer hat Sie zum Flottenbefehlshaber bestimmt, Captain?«, wollte ein anderer Politiker wissen.

Geary hielt den Blick auf das Schott hinter dem Tisch gerichtet, während er antwortete: »Admiral Bloch ernannte mich dazu, nachdem wir im Heimatsystem der Syndikatwelten eingetroffen waren und unmittelbar vor seiner Abreise zu einem Treffen auf dem Syndik-Flaggschiff, Sir. Als er starb, behielt ich aufgrund meiner Dienstzeit in der Flotte diesen Posten.«

»Das wussten Sie bereits«, murmelte eine kleine, stämmige Politikerin ihrem Kollegen zu.

Der Mann, der als Erster gesprochen hatte, machte eine Geste, damit die anderen schwiegen, und warf den beiden einen erbosten Blick zu, als sie dennoch weiterredeten. »Der Vorsitzende spricht«, herrschte er sie an. Nachdem er sich gegen die folgenden trotzigen Blicke der Politiker durchgesetzt hatte, wandte er sich wieder Geary zu, musterte ihn eine Zeit lang und fragte schließlich: »Wieso sind Sie hier, Captain?«

»Um Bericht über die Dinge zu erstatten, die sich während meines Kommandos über die Flotte ereigneten, als kein Kontakt zu den Allianz-Behörden möglich war«, erklärte Geary und fügte noch an: »Und um Empfehlungen für zukünftige Operationen auszusprechen.«

»Empfehlungen?« Der große Zivilist lehnte sich nach hinten und sah Geary forschend an, dann wanderte sein Blick zu Rione. »Madam Co-Präsidentin, bei Ihrem Eid auf die Allianz frage ich Sie: Meint dieser Mann das, was er sagt?«

»Ja, das tut er.«

Abrupt warf der General der Bodentruppen ein: »Er ist jetzt von seinen hinterhältigen Marines getrennt, Senator Navarro. Nun können wir ihn festnehmen, von der Station schaffen und aus dem System bringen, bevor …«

»Nein.« Senator Navarro schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Ich war schon nicht davon begeistert, als dieser Gedanke als eine reine Sicherheitsmaßnahme an mich herangetragen wurde, aber nachdem ich dem Mann nun gegenüberstehe, bin ich davon überzeugt, es wäre ein Fehler gewesen.«

»Diese Entscheidung muss der Rat als Ganzes treffen«, warf eine schmale Frau ein.

»Ich schließe mich Senator Navarros Ansicht an«, tat die stämmigere Frau kund, was bei den anderen erstaunte Blicke auslöste und Geary erkennen ließ, dass sie offenbar für gewöhnlich nicht auf Navarros Seite stand.

Ein anderer Mann schüttelte aufgebracht den Kopf. »Er ist mit einem Trupp Marines auf diese Station gekommen und …«

»Das war doch sehr vorausschauend von ihm, nicht wahr?«, konterte die Frau.

»Wir können dem Ganzen jetzt ein Ende setzen«, beharrte der General. »Wir können ihn jetzt und hier stoppen!«

Senator Navarro schlug mit der flachen Hand so fest auf den Tisch, dass der Knall von allen Seiten widerhallte und augenblicklich Stille eintrat. Er sah die anderen am Konferenztisch der Reihe nach an, dann wandte er sich an den General. »Was wollen Sie stoppen, General Firgani? Verraten Sie mir, warum Captain Geary seine Marines im Shuttlehangar zurücklassen sollte, wenn er mit der Absicht hergekommen ist, uns zu entmachten?« Der General reagierte mit einem wütenden Blick in Gearys Richtung, zu dem sich auch Navarro wieder umdrehte. »Captain Geary, ich bin der Meinung, dass wir nur knapp davor bewahrt worden sind, einen schweren Fehler zu begehen. Die Allianz hat noch nie einen Bürger wegen eines Verbrechens festgenommen, das er noch gar nicht begangen hat. Erst recht dann nicht, wenn dieser Bürger in keiner Weise zu erkennen gegeben hat, dass er sich mit der Absicht trägt, solche Verbrechen zu begehen. Das gilt im Übrigen schon gar nicht, wenn es sich um einen Bürger handelt, der der Allianz so hervorragende Dienste geleistet hat, wie es bei Ihnen der Fall ist. Ich bitte um Entschuldigung, Captain.« Navarro stand auf und verbeugte sich, während der General nur noch finsterer dreinblickte und einige Ratsmitglieder aus ihrer Verärgerung keinen Hehl machten.

»Vielen Dank, Sir«, erwiderte Geary, dessen eigene Verärgerung ein wenig verrauchte, da Navarro ihn ausgesprochen höflich behandelte. »Ich war bestürzt darüber, dass meine Ehre infrage gestellt wurde.«

Der andere Senator, der zuerst Geary herausgefordert hatte, reagierte mit einem fast unmerklichen abfälligen Laut, doch Navarro ignorierte ihn und drehte sich stattdessen zu dem General und dem Admiral neben ihm um. »Captain Geary wird jetzt dem Rat Bericht erstatten. General Firgani, Admiral Otropa, Admiral Timbale, behalten Sie bitte die Situation in diesem Sternensystem im Auge, während wir hier Captain Geary und Senatorin Rione anhören.«

Die drei Offiziere wandten sich zum Gehen, wobei das Ausmaß, in dem es ihnen gelang, die Enttäuschung darüber zu verbergen, dass sie so plötzlich weggeschickt wurden, durchaus variierte. In diesem Moment meldete sich Geary zu Wort. Es gab für ihn keinen Grund, eine gute Meinung von General Firgani zu haben oder die Ansichten von Admiral Otropa gutzuheißen, die der womöglich zum Besten geben würde. Aber Admiral Timbale hatte zu keinem Zeitpunkt gegen ihn gearbeitet. Vielmehr hatte er sogar dafür gesorgt, dass die Schiffe der Flotte alles geliefert bekamen, was sie benötigten. Und offenbar war es auch sein Verdienst, dass Geary diesen Konferenzraum hatte erreichen können, ohne auf dem Weg hierher festgenommen zu werden. »Sir, wenn ich eine Bitte äußern dürfte. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Admiral Timbale anwesend sein könnte, während ich Bericht erstatte. Als der Flottenoffizier, der die Auseinandersetzung mit der Flotte der Syndikatwelten in diesem System beobachten konnte, ist er womöglich in der Lage, meine Schilderungen zu ergänzen.«

Navarro zog verwundert eine Augenbraue hoch, bedeutete aber dem erstaunten Timbale, dass er bleiben sollte. »Wie Sie wünschen, Captain Geary.«

Admiral Otropa sah ungläubig zwischen Timbale, Geary und Navarro hin und her. »Ich sollte nicht von diesem Treffen ausgeschlossen werden, wenn Offiziere anwesend sein dürfen, deren Dienstzeit kürzer ausfällt als meine.«

Einige Ratsmitglieder begannen leise zu reden, aber Navarro brachte sie mit seinem energischen Tonfall und einem gelangweilten Gesichtsausdruck zum Verstummen. »Selbstverständlich, Admiral. Bleiben Sie. General«, fügte er rasch hinzu, da Firgani im Begriff zu sein schien, ebenfalls Protest einzulegen, »da Ihnen die Sicherheit des Rates so sehr am Herzen liegt, sollten Sie persönlich die Geschehnisse im System überwachen. Vielen Dank.«

»Aber Senator …«, begann Firgani.

»Vielen Dank.«

Firgani errötete ein wenig und verließ den Raum. Timbale ging ein wenig auf Abstand zu Admiral Otropa, dann standen beide Offiziere schweigend da, während Navarro sich wieder Geary zuwandte und ihn mit beherrschter Stimme aufforderte: »Captain, uns allen ist der grob umrissene Bericht bekannt, den Sie vorgelegt haben. Aber uns ist auch klar, dass es noch mehr zu berichten gibt. Wenn ich Sie bitten darf …«

Geary griff nach den Displaykontrollen auf dem Tisch und schloss seine Komm-Einheit an, da er nicht mal hier auf die Sicherheit einer drahtlosen Verbindung vertrauen wollte. Das Sternenfeld wich Bildern, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten: eine Sphäre aus beschädigten Allianz-Schiffen hinter einer Wand aus nicht ganz so sehr in Mitleidenschaft gezogenen Schwesterschiffen, die sich mit einer kurvenförmig angeordneten Formation aus Syndik-Kriegsschiffen konfrontiert sahen, die zahlenmäßig hoffnungslos überlegen waren. Es war die Situation im Syndik-Heimatsystem, wie sie sich zu dem Zeitpunkt dargestellt hatte, als er den Befehl über das übernahm, was von der Flotte nach dem ersten Schlag der Syndiks noch übrig war. Gearys Erinnerungen an die Zeit, nachdem man ihn aus dem Kälteschlaf geholt hatte, bis hin zum Augenblick dieser Krise waren durch den posttraumatischen Stress beeinträchtigt, mit dem er zu kämpfen gehabt hatte, da er die Tatsache verarbeiten musste, dass ein Jahrhundert an ihm vorbeigegangen war. Doch von diesem Augenblick an konnte er sich alles glasklar ins Gedächtnis rufen, was von ihm gefordert worden war, nachdem er das Kommando übernommen hatte. Er atmete tief durch, um sich zu entspannen, dann begann er mit seinem Bericht.

An einem Punkt geriet er ins Stocken. »Ich wies die Flotte an, sich zum Sprungpunkt nach Corvus zu begeben. Während dieses Rückzugs opferte sich der Schlachtkreuzer Repulse, um die führenden Syndik-Schiffe daran zu hindern, weitere Kriegsschiffe der Allianz zu beschädigen oder zu zerstören, bevor sie in den Sprungraum entkommen konnten.« Die Repulse war von seinem Großneffen Michael Geary befehligt worden, einem Mann, der älter war als er selbst und der voller Verbitterung ein Leben lang im Schatten des legendären Black Jack Geary gestanden hatte.

»Wissen Sie, ob Commander Michael Geary den Verlust seines Schiffs überlebt hat?«, warf die stämmige Frau ein.

»Nein, Ma’am, darüber ist mir nichts bekannt.«

Sie nickte auf eine übertrieben mitfühlende Weise, während sich ein anderer Senator in forderndem Tonfall zu Wort meldete: »Haben Sie den Syndik-Hypernetschlüssel zurückgebracht, der uns von diesem Syndik-Verräter überlassen worden war?«

»Ja, Sir«, bestätigte Geary und fragte sich, wieso diese Frage so vorwurfsvoll gestellt wurde.

»Warum haben Sie den Schlüssel dann nicht noch einmal benutzt?«, wollte der Senator wissen. »Warum haben Sie die Flotte nicht auf diese Weise viel schneller nach Hause gebracht?«

»Weil es für die Syndiks kein Problem dargestellt hätte, Truppenverstärkung in alle Systeme zu schicken, die auf unserem Weg liegen und über ein Hypernet-Portal verfügen«, erwiderte Geary in einem – wie er hoffte – geduldigen Ton. »Wir wussten, dass wir den Schlüssel ins Allianz-Gebiet zurückbringen sollten, aber das bedeutete für uns, dass wir die Hypernet-Portale der Syndiks meiden mussten. Bei Sancere haben wir einmal den Versuch unternommen, aber die Syndiks eröffneten das Feuer auf ihr eigenes Hypernet-Portal und ließen es zusammenbrechen, bevor wir es erreichen konnten.«

»Dann ist der Schlüssel also nutzlos.« Der Senator sah sich gereizt um, als warte er nur darauf, dass ihm jemand widersprach.

»Nein«, sagte Geary und konnte nur hoffen, dass er entschieden, aber respektvoll klang. »Er ist vielmehr von entscheidender Bedeutung. Der Schlüssel ist analysiert worden, und es werden derzeit Duplikate davon hergestellt, auch wenn das einige Zeit in Anspruch nehmen wird, wie ich gehört habe. Das Original wurde mittlerweile der Dauntless zurückgegeben, wo uns der Schlüssel weiterhin den enormen Vorteil verschafft, das Hypernet des Feindes benutzen zu können. Diesen Vorteil könnten die Syndiks nur ausgleichen, indem sie ihr gesamtes Hypernet kollabieren lassen, was dann aber der Allianz einen umso größeren wirtschaftlichen und militärischen Vorteil verschaffen wird. Es gibt noch andere Dinge, auf die ich in diesem Zusammenhang zu sprechen kommen werde …«

»Ich will aber jetzt wissen, ob …«, begann der Senator.

Navarro ging sofort energisch dazwischen: »Wir werden zunächst Captain Geary gestatten, seinen Bericht vorzutragen. Danach können wir uns immer noch allen Fragen widmen, die sich daraus ergeben.«

»Aber diese Meldungen über kollabierende Hypernet-Portale …«

»… werden zur Sprache kommen, wenn der Captain fertig ist«, beharrte Navarro. Der andere Mann sah sich nach Unterstützung für seine Forderung suchend um, doch die bekam er nicht, woraufhin er gekränkt verstummte.

Geary fuhr fort, das Display veränderte sich, um zunächst das Corvus-System und dann alle anderen Systeme darzustellen, die die Flotte durchquert hatte und in denen es zu Auseinandersetzungen mit den Syndiks gekommen war. Parallel dazu listete Geary den ständig sinkenden Bestand an Brennstoffzellen und an Lebensmittelvorräten auf, außerdem beschrieb er die verzweifelten Gefechte, um die Syndiks daran zu hindern, die Flotte ein weiteres Mal in eine Falle laufen zu lassen.

Admiral Otropa war deutlich anzusehen, dass er es nicht gewöhnt war, stumm dazustehen, während ein anderer Offizier im Rampenlicht stand. Mit wachsender Ungeduld lauschte er Gearys Schilderungen, bis der eine kurze Pause machte, um einmal Luft zu holen. »Angehörige des Großen Rats, ich glaube nicht, dass Captain Geary den Verlauf dieser Gefechte zutreffend darstellt.«

Alle drehten sich zu Otropa um, aber Rione war diejenige, die das Wort ergriff: »Ist das so, Admiral? Wollen Sie behaupten, die Logbücher der Allianz-Kriegsschiffe und die Berichte der befehlshabenden Offiziere sind zu diesem Zwecke gefälscht worden?« Ihr Tonfall hatte nichts Vorwurfsvolles an sich, vielmehr etwas trügerisch Interessiertes.

»Ja!«, erklärte Otropa und nickte nachdrücklich. »Ja, denn unsere Vorfahren kannten das Geheimnis, wie man siegt, nämlich durch einen frontalen Angriff, bei dem jeder Captain mit den anderen wetteifert, um festzustellen, wer von ihnen der Tapferste ist und dem Feind den härtesten Schlag zufügt. Diese Siege, von denen uns erzählt wird, verstoßen gegen all diese Prinzipien. Sie können nicht wahr sein. Nicht, wenn wir unsere Vorfahren ehren!«

Geary starrte Otropa ungläubig an, und nur allmählich wurde ihm bewusst, dass alle anderen ihn ansahen und auf seine Erwiderung auf die Worte des Admirals warteten, der ihn überheblich anlächelte. »Admiral«, begann er ruhig. »Sie zweifeln meine Ehre an, indem Sie Anschuldigungen aussprechen, für die es keine Grundlage gibt. Und Sie zweifeln auch die Ehre jedes Offiziers und jedes Matrosen in der Flotte an. Ich habe mich nie in einer Weise geäußert, die den Schluss zulässt, dass es ihnen an Tapferkeit fehlte oder dass sie jemals darin nachgelassen haben, den Feind auf jede nur denkbare Weise in die Enge zu treiben. Die Schiffe und ihre Besatzungen, die wir auf dem Weg nach Hause verloren haben, belegen deutlicher den Mut unseres Personals, als ich es mit Worten ausdrücken könnte.«

»Ich habe nicht …«, begann Otropa.

»Ich bin noch nicht fertig, Admiral.« Geary hatte als Befehlshaber der Flotte lange genug mit aufsässigen Offizieren zu tun gehabt, dass es für ihn keinen Grund gab, Otropa mit Samthandschuhen anzufassen, auch wenn der ein Vorgesetzter war. Einen Moment lang sah er Numos bei Kaliban scheitern, er sah Falco, wie der einen Teil der Flotte bei Vidha in den Tod führte, wie Midea die Paladin bei Lakota blindlings in den Untergang trieb. Seine Geduld mit Idioten war schon seit Langem aufgebraucht. »Unsere Vorfahren sind mit Mut, aber auch mit Weisheit in die Schlacht gezogen. Ich weiß es, denn ich war dabei. Ihre Kämpfe und ihre Opfer waren nicht vergebens. Mir wurde die Ehre zuteil, die Schiffe unserer gegenwärtigen Flotte zu befehligen und den Männern und Frauen an Bord dieser Schiffe zu zeigen, wie unsere Vorfahren tatsächlich gekämpft haben. In einer Schlacht wetteifert man mit dem Feind, aber nicht mit den eigenen Kameraden. Innerhalb des Zusammenwirkens einer gut ausgebildeten und disziplinierten Flotte ist immer noch genug Spielraum für den Mut des Einzelnen, aber ein Wetteifern darf nicht auf Kosten unserer Pflichten gegenüber den Menschen und den Welten erfolgen, die wir beschützen.«

Otropa verzog das Gesicht, da er krampfhaft nach einer passenden Erwiderung zu suchen schien. Admiral Timbale, der nach wie vor neben ihm stand, ließ kein Interesse erkennen, dem anderen Offizier zu Hilfe zu kommen. Vielmehr starrte er beharrlich in eine entlegene Ecke des Raums, als wolle er sich auf diese Weise von dem Admiral distanzieren.

Die stämmige Frau lachte amüsiert und fragte spöttisch: »Können Sie irgendwelche Beweise vorlegen, dass die hier gezeigten Flottenaufzeichnungen gefälscht worden sind, Admiral Otropa?«

»Nein, Madam Senatorin«, räumte der Mann schließlich mit erstickter Stimme ein. »Aber diese Ergebnisse und die Behauptung, es seien dermaßen viele gegnerische Schiffe vernichtet worden, während die eigenen Verluste so niedrig ausgefallen sind …«

»Dann sollten wir vielleicht Captain Geary gestatten, seinen Vortrag fortzusetzen. In der Zwischenzeit können Sie sich ja auf die Suche nach entsprechenden Beweisen machen«, schlug sie vor.

Otropa bekam einen roten Kopf, während Senator Navarro zustimmend nickte und mit einer Kopfbewegung auf die Tür deutete. Nachdem der Admiral gegangen war, schwieg Geary einen verlegenen Moment lang, dann fuhr er fort und kam auf die streng vertraulichen Punkte seines Berichts zu sprechen, nämlich auf das, was über die fremde Rasse auf der anderen Seite des Syndik-Territoriums bekannt war und welche Vermutungen über sie am plausibelsten waren. Die Politiker reagierten zunächst mit Unglauben, zeigten sich dann aber zunehmend besorgt. Als Geary schilderte, wie die Aliens versucht hatten, die Vernichtung der Allianz-Flotte im Lakota-System sicherzustellen, schüttelte eine der anderen Frauen den Kopf. »Wenn es irgendeine andere Erklärung dafür gäbe, Captain, würde ich keine fünf Sekunden damit vergeuden, auch nur ein Wort von diesen Dingen zu glauben.«

Geary verzog den Mund. »Glauben Sie mir, Ma’am, wenn es irgendeine andere Erklärung gäbe, hätten wir keine fünf Sekunden benötigt, um sie zu akzeptieren.«

Als er von den Würmern in den Navigations- und Kommunikationssystemen der Allianz-Kriegsschiffe berichtete, bekam Timbale vor Fassungslosigkeit den Mund nicht mehr zu. Senator Navarro machte fast einen Satz über den Konferenztisch hinweg. »Sie haben diese Würmer gefunden? Unsere eigenen Schiffe haben ihre jeweilige Position an diese … diese Fremden gesendet?«

»Wir haben nicht herausfinden können, wie sie arbeiten«, ergänzte Geary. »Aber wir haben eine Methode entwickeln können, wie wir unsere Systeme von ihnen säubern. Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass auch andere Schiffe und Einrichtungen der Allianz mit diesen Würmern infiziert worden sind. Und das gilt auch für die Schiffe und Einrichtungen der Syndiks.«

»Ich frage mich, warum keiner von uns bislang davon etwas gewusst hat«, meldete sich der dünne Mann auf eine abfällige Weise zu Wort, die Navarro dazu veranlasste, die Augen ein wenig zusammenzukneifen.

»Wir haben nicht danach gesucht«, antwortete Rione. »Keiner von uns hat danach gesucht, jedenfalls nicht nach etwas, das so viel weiterentwickelt ist als alles, was wir oder die Syndiks besitzen.«

»Vielleicht haben wir nicht danach gesucht«, meinte die Frau daraufhin. »Auch wenn die Gründe für eine solche Nachlässigkeit durchaus verschieden sein dürften.«

Die stämmige Frau lachte auf. »Soll das ein Kommentar zum Intellekt oder zur Moral Ihrer Ratskollegen sein, Suva?«

Es gelang Navarro, wieder für Ruhe zu sorgen, auch wenn sein Missfallen über das Verhalten der anderen immer offensichtlicher wurde. »Fahren Sie bitte fort, Captain Geary.«

Alle zuckten unwillkürlich zusammen, als Geary die Aufzeichnung abspielte, die die Zerstörung des Lakota-Systems zeigte, nachdem das Hypernet-Portal von Syndik-Kriegsschiffen zum Kollaps geführt worden war. »Hier hatten wir noch Glück. Wie ich in meinen vorangegangenen Berichten beschrieben habe, konnten unsere Experten herausfinden, dass die potenzielle Energie-Entladung beim Kollaps eines Hypernet-Portals die Dimensionen einer Nova erreichen kann.« Seine Worte versetzten einige der Politiker unwillkürlich in Schrecken. »Wir glauben, die Aliens besitzen die Fähigkeit, den spontanen Zusammenbruch jedes Hypernet-Portals im Gebiet der Allianz und der Syndikatwelten auszulösen. Das scheint die einzige logische Erklärung für das zu sein, was bei Kalixa geschehen ist.«

Timbale nickte zustimmend. »Es ist uns gelungen, einen Späher nach Kalixa zu schicken, der gerade erst zurückgekehrt ist. Das Sternensystem ist vollständig zerstört worden.«

Senator Navarro ließ langsam die Hand sinken, die er vor seine Augen gehalten hatte. »Dann ging es in der Nachricht, die Sie bei der Ankunft der Flotte in diesem System gesendet hatten, gar nicht darum, dass es zu unvorhersehbaren Zusammenbrüchen von Hypernet-Portalen kommen könnte, sondern Sie waren in Sorge, die Aliens könnten damit beginnen, die Portale zu zerstören?«

»Jawohl, Sir. So wie bei Kalixa. Ich hielt es allerdings für besser, diese Information nicht auch noch zu senden.«

Die dünne Frau schüttelte den Kopf. »Mit dem, was von Ihnen gesendet wurde, haben Sie schon genug Panik verursacht. Die Bilder von Lakota haben alle in Angst und Schrecken versetzt.«

»Wir hielten es für erforderlich«, erwiderte Rione, »dass jeder dazu angespornt wird, so schnell wie möglich Schutzvorrichtungen an den Hypernet-Portalen zu installieren.«

»Das ist Ihnen zweifellos gelungen«, meinte Navarro und atmete tief und langsam aus. »Kurz vor dieser Zusammenkunft bin ich davon unterrichtet worden, dass das Hypernet-Portal im Petit-System kollabiert ist. Es hat etwas gedauert, diese Information zu überbringen, weil ein Schiff erst einmal in ein System springen musste, in dem sich das nächste Portal befindet. Dank der Schutzvorrichtung, die erst zwölf Stunden zuvor installiert worden war, beschränkte sich die freigesetzte Energie auf das Niveau einer mittleren Sonneneruption.«

Admiral Timbale schaute Geary an. »In den letzten fünfzig Jahren haben wir bei Petit etliche Werften gebaut. Das System ist nicht nur dicht besiedelt, es ist auch von Bedeutung für den Krieg gegen die Syndiks. Wäre bei Petit das Gleiche geschehen wie bei Kalixa, dann hätte das zu einer ungeheuren menschlichen Tragödie geführt – und es hätte unserer Kampfkraft einen schweren Schlag versetzt.«

»Sind inzwischen alle Hypernet-Portale im Allianz-Gebiet mit diesen Schutzvorrichtungen versehen worden?«, erkundigte sich Rione.

»Davon gehen wir aus«, antwortete Navarro. »Wir hatten noch keine Zeit, bei allen Planeten eine Bestätigung abzufragen, aber selbst das Portal im Sol-System sollte inzwischen damit ausgerüstet sein, und das befindet sich von allen Portalen am tiefsten im Allianz-Gebiet.«

Ein recht klein geratener Senator begann gehässig zu grinsen. »Dann sind wir endlich im Besitz einer Waffe, mit der wir den Krieg gewinnen können! Unsere Portale sind jetzt mit diesen Vorrichtungen ausgerüstet, die die Syndiks nicht haben! Wir können ihre Portale zusammenbrechen lassen und die Systeme auslöschen und …«

»Sind Sie verrückt?«, fiel ihm die schmächtige Senatorin namens Suva ins Wort. »Sie haben doch gesehen, was ein einzelnes Portal bei Lakota angerichtet hat.«

»Aber wir könnten auf diese Weise den Krieg gewinnen«, stimmte die gewichtigere Senatorin dem Mann widerstrebend zu.

Geary erkannte die Unschlüssigkeit, die er, seine vertrauenswürdigsten Offiziere und auch Rione vorhergesehen hatten. Im Angesicht einer unmenschlichen Waffe, die einhundert Jahren Krieg ein Ende setzen konnte, zogen die Führer der Allianz ernsthaft in Erwägung, von Menschen bewohnte Sternensysteme einfach auszulöschen. Bevor er jedoch etwas einwenden konnte, meldete sich Rione zu Wort. »Nein, das können wir nicht. Die Syndiks wissen auch, dass ihre Portale kollabieren können, und sie haben ähnliche Schutzvorrichtungen installiert.«

»Ist das sicher?«, fragte ein anderer Senator.

»Ja«, erwiderte Rione geradeheraus. »Wir wissen, dass die Syndiks diese Vorrichtung besitzen.«

»Ich möchte anfügen«, sagte Geary, »dass ich eher mein Offizierspatent zurückgeben würde, als den Befehl auszuführen, Hypernet-Portale zu zerstören, damit sie die bewohnten Sternensysteme ausradieren.«

Navarro schüttelte den Kopf. »Sie würden Ihr Offizierspatent zurückgeben? Sie würden nicht einfach den Befehl verweigern?«

»Die Vorschriften der Allianz-Flotte gestatten es nicht, einen rechtmäßigen Befehl zu verweigern, Sir. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, Sir, dass ein Hypernet-Portal nur zerstört werden kann, wenn die Trossen aus nächster Nähe von einem Kriegsschiff beschossen werden.«

»Also ein Selbstmordkommando«, folgerte Navarro.

»Aber bedenken Sie, was dadurch bewirkt wird!«, beharrte wieder ein anderer Senator. »Die Menschen und die Streitkräfte der Allianz erwarten von uns, dass wir harte Entscheidungen treffen, die aber notwendig sind, um diesen Krieg zu gewinnen! Wenn das bedeutet, dass wir Allianz-Kriegsschiffe für solche Missionen opfern müssen, um die Hypernet-Portale der Syndiks als Waffe gegen sie einzusetzen, dann …«

»Die Streitkräfte erwarten von uns ein wenig Weisheit, wenn wir Entscheidungen treffen, die sie das Leben kosten können«, hielt Navarro dagegen. »Für Sie mag es hart sein zu entscheiden, wen Sie in den Tod schicken, aber ich bin mir sehr sicher, dass es für die, die sterben sollen, noch viel härter ist.«

»Wir müssen siegen! Vielleicht wollen manche von uns gar nicht siegen, aber …«

»Es gibt keinen Grund, irgendeinem Mitglied des Rats derartige Absichten zu unterstellen!«, protestierte ein anderer Senator.

»Vielleicht gibt es eher keinen Beweis dafür …«, kam von anderer Seite ein Einwand.

»Allmählich frage ich mich«, fiel Navarro den anderen energisch ins Wort, »ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Captain Geary seine Marines mitgebracht hätte.« Als sich entsetzte Stille breitmachte, bedachte Navarro jeden der Senatoren mit einem aufgebrachten Blick. »Wir können gewinnen, indem wir von Menschen bewohnte Systeme auslöschen? Und welchen Preis bezahlen wir dafür? Was ist unsere Menschlichkeit dann noch wert?« Die Senatoren saßen da und schwiegen, da offenbar keiner von ihnen eine Antwort wusste. Schließlich zuckte Senator Navarro ungläubig mit den Schultern. »So wie es aussieht, ist ohnehin keine von beiden Seiten länger in der Lage, die Hypernet-Portale als Waffe einzusetzen, also gibt es auch keinen Grund, darüber zu diskutieren, wie wir entscheiden sollen. Ich persönlich bin meinen Vorfahren dafür dankbar, dass ich eine solche Entscheidung nicht treffen muss. Und ich danke den lebenden Sternen dafür, dass diese Bedrohung gebannt worden ist.«

Navarro hielt kurz inne, dann sah er zum wiederholten Mal Geary an. »Mir fällt dabei ein, dass das Wissen über die von den Portalen ausgehende Bedrohung und über ihren Einsatz als Waffe für jeden einen einzigartigen Vorteil bedeutet, der die Kontrolle über die Regierung der Allianz erlangen oder die Hysterie ausnutzen wollte, die durch kollabierende Portale im Allianz-Gebiet ausgelöst würde. Und doch haben Sie dieses Wissen mit uns geteilt.«

»Das war von Anfang an seine Absicht«, merkte Rione an. »Dieser Mann benötigt Politiker, damit ihm eine solche Möglichkeit überhaupt erst bewusst wird, aber zum Glück hat er kein Interesse, sie für sich zu nutzen.«

»Das ist wirklich ein Glück«, stimmte Navarro ihr zu. »Ich werde heute Abend meinen Vorfahren danken müssen. Sie hätten ebenso gut den Hypernet-Schlüssel der Syndiks behalten können, da der für jede Allianz-Streitmacht einen immensen taktischen Vorteil bedeutet. Sie hätten sich zu einem unverzichtbaren Mann machen können, Captain.«

Geary fragte sich, wie deutlich ihm seine Reaktion anzusehen war. »Wenn ich eines nicht sein möchte, dann unverzichtbar, Sir.«

»Manche Leute betrachten so etwas als eine Arbeitsplatzgarantie, Captain Geary. Aber fahren Sie doch bitte mit Ihrem Bericht fort.«

Viel gab es nicht mehr zu berichten. Geary behandelte die letzten Gefechte und gelangte schließlich an den Punkt, als die Flotte Varandal erreicht hatte und zusammen mit dieser heimgekehrt war. »Und Sie sind davon überzeugt, dass die Syndiks unser Hypernet-Portal zerstören wollten als Vergeltung für das Portal, das bei Kalixa kollabiert ist?«, wollte die stämmige Frau wissen.

»Das halten wir für die wahrscheinlichste Erklärung, Madam Senatorin, und sie entspricht auch dem übrigen Verhalten der Syndiks in dieser Phase. Ich möchte gern anmerken, dass die mutige Verteidigung von Varandal durch das anwesende Allianz-Personal und die Kriegsschiffe vor und nach unserer Ankunft vermutlich den Ausschlag für das Scheitern des Plans der Syndiks gegeben hat.«

Navarro wandte sich an Admiral Timbale. »Was haben die Gefangenen von den Syndik-Schiffen dazu sagen können, die wir von den zerstörten Schiffen gerettet haben? Sie gehörten doch zu dieser Reserveflotte, nicht wahr?«

Timbale presste die Lippen zusammen, während er im Geiste seine Antwort formulierte. »Die meisten unteren Dienstgrade schienen nichts zu wissen, und ihnen war wohl auch nicht bekannt, warum sie an dieser Grenze stationiert worden waren, die so weit von der Allianz entfernt liegt. Es kursieren wohl Gerüchte über einen mysteriösen Gegner, aber das Syndik-Personal verfügt über kein konkretes Wissen. Im Verhör haben die meisten höherrangigen Gefangenen gestanden, dass sie das Hypernet-Portal zerstören wollten, um dieses Sternensystem als Vergeltungsmaßnahme für die Vernichtung von Kalixa auszuradieren. Ihnen ist auch bekannt, dass es auf der von der Allianz abgewandten Seite des Syndikat-Territoriums eine intelligente nichtmenschliche Spezies gibt. Wir konnten belegen, dass ihre Mission lautete, die Syndikatwelten gegen diese Spezies zu verteidigen. Aber sie scheinen nichts weiter über diese Aliens zu wissen, jedenfalls haben wir ihnen nichts entlocken können.«

»Aber sie haben die Existenz einer solcher Rasse bestätigt?«, wollte einer der Senatoren wissen.

»Ja, Senator, das haben sie. Ihre Hirnwellenmuster haben sie verraten, als sie auf diese Fragen antworteten.«

»Handelt es sich um eine feindselige Rasse?«

Timbale zögerte kurz. »Die gefangenen Syndiks wollten sich zu nichts äußern, aber es wurde deutlich, dass diese Aliens ihnen Sorge bereiten.« Er sah zu Geary und lächelte flüchtig. »Die Tatsache, dass die Syndiks eine so große Streitmacht so weit vom Allianz-Gebiet entfernt aufgestellt haben, ist für mich ein deutlicher Hinweis dafür, dass sie den Aliens nicht trauen.«

Senator Suva schüttelte den Kopf. »Warum haben wir bei früheren Verhören von Kriegsgefangenen nie ein Wort über diese Aliens erfahren? Wir haben doch schon mehr als einen Syndik-CEO gefangengenommen.«

»Weil niemand einen von ihnen danach gefragt hat«, antwortete Rione. »Wieso auch? Es gab keinen Grund, einen Syndik nach der Existenz einer intelligenten nichtmenschlichen Spezies auf der von uns abgewandten Seite ihres Territoriums zu fragen.«

»Aber Sie sind dahintergekommen«, merkte Navarro an Geary gewandt an.

»Das ist nicht allein mein Verdienst, Sir«, widersprach Geary. »Wir hatten auch Zugriff zu Syndik-Aufzeichnungen und Gebieten, die bislang keinem Allianz-Personal zugänglich gewesen waren. Es war eine Kombination verschiedener Ereignisse.«

Mit einem Mal wirkte Navarro viel älter. »Und Sie glauben, die Aliens könnten den Krieg zwischen der Allianz und den Syndikatwelten ausgelöst haben?«

»Wir halten das für eine plausible Erklärung. Es passt zu dem, was wir wissen, und es erklärt einige Dinge, die sonst keinen Sinn ergeben.«

Ein anderer Senator meldete sich mit solcher Verbitterung zu Wort, dass Geary sie fast fühlen konnte. »Selbst wenn es stimmt, befreit es die Syndiks nicht von der Verantwortung für diesen Krieg. Sie sind immer noch verantwortlich für allen Schmerz und alles Leid, das wir erduldet haben.«

»Das will ich auch gar nicht bestreiten, Senator«, gab Geary zurück. »Die damalige Syndik-Führung hat diese Entscheidung getroffen. Aber wenn die Aliens sie dazu verleitet haben, uns anzugreifen, ist das ein weiteres Indiz dafür, dass diese Aliens uns als eine Bedrohung betrachten, die sie ausschalten wollen. Es passt auch zum Einsatz der Hypernet-Technologie als Mittel, nicht nur die Syndiks, sondern die Menschheit insgesamt an der Nase herumzuführen und sie dazu zu bringen, aus eigenem Antrieb das gesamte Territorium in ein riesiges Minenfeld zu verwandeln.«

»Sind Experten auf dem Gebiet des Hypernets befragt worden?«, wollte Navarro wissen. »Stimmen sie der Theorie zu, dass das Hypernet eine Technologie fremder Herkunft ist, die beiden Seiten in diesem Krieg bewusst zugänglich gemacht wurde? Können sie bestätigen, dass das Portal bei Kalixa nicht bloß zufällig kollabiert ist?«

»Ja, Sir. Das trifft zu. Ich habe mit den Experten in der Flotte gesprochen. Mit Experten außerhalb der Flotte habe ich das nicht diskutiert, weil ich es angesichts der heiklen Natur dieser Sache nicht ohne eine Erlaubnis von oben tun wollte.« Geary senkte für einen Moment den Blick. »Bedauerlicherweise ist die beste Expertin der Flotte auf diesem Gebiet, Captain Cresida, hier in der Schlacht bei Varandal gestorben, als ihr Schiff, der Schlachtkreuzer Furious, zerstört wurde.«

»Jaylen ist tot?«, rief ein bis dahin schweigsamer Senator. »Das wusste ich noch gar nicht. O verdammt, ich kenne ihre Familie. Aber Sie sagten, sie ist zuvor noch zum Captain befördert worden?«

Geary nickte. »Eine vorläufige Beförderung. Es gab eine Reihe derartiger Maßnahmen, die ich ergriffen habe und die ich hiermit formal meinen Vorgesetzten übergebe, mit der Bitte, sie zu befürworten und zu bestätigen. Ich hoffe, die Regierung wird im Sinne der Betroffenen entscheiden. Es gab auch einige disziplinarische Maßnahmen und Anklagen, die vor einem Kriegsgericht verhandelt werden müssen. Ich bedaure es, solche Dinge melden zu müssen, hoffe aber, dass ich in meiner Beurteilung der Sachlage bestätigt werde.«

Die Ratsmitglieder sahen Geary einen Moment lang mit sichtlich gemischten Gefühlen an. Als Navarro das Dokument aus Gearys Bericht aufrief, lachte er leise. »Entschuldigen Sie, Captain Geary, aber manchmal wirkt Ihre Wortwahl … nun … antiquiert. Aber auf eine gute Art, möchte ich betonen. Warum glauben Sie, dass Ihre Vorgesetzten die von Ihnen vorgenommenen vorläufigen Beförderungen erst noch bestätigen müssen?«

»Ich bin davon ausgegangen, dass das immer so abläuft«, sagte Geary.

»Die Flotte besitzt heute etwas mehr Autonomie«, ließ Navarro ihn wissen. »Dann wollen wir doch mal sehen … Sie bitten also um die Bestätigung bestimmter vorläufiger Beförderungen. Die Beförderung von Commander Cresida zum Captain. Da sehe ich kein Problem. Sie empfehlen, dass Colonel Carabali in Anbetracht ihrer Leistungen unter Ihrem Kommando zum General befördert wird. Das werden wir ganz sicher in Erwägung ziehen.«

Wieder mischte sich Senatorin Suva ein. »Gefechtsbereite Marines haben sich Allianz-Truppen in den Weg gestellt und daran gehindert, ihre Befehle auszuführen! Wem gilt Colonel Carabalis Loyalität?«

»Der Allianz«, konterte Geary entschieden.

»Das kann heutzutage alles Mögliche bedeuten«, warf die stämmige Frau mürrisch ein.

»Ja«, stimmte Senator Navarro ihr zu, hielt kurz inne und las die Liste ein zweites Mal durch. »Numos. Falco. Ihm bin ich einmal begegnet, schon lange her. Kila. Sie hat sich unserem Zugriff entzogen. Mögen die lebenden Sterne über sie urteilen.« Dann kehrte sein Blick zurück zu Geary. »Ich suche auf dieser Liste etwas, aber ich kann es einfach nicht finden.«

»Und was soll das sein, Sir?«, fragte Geary mit plötzlicher Sorge, er könnte doch noch etwas Wichtiges übersehen haben.

»Hier steht nichts über Sie, Captain.«

Geary stutzte, als er diese Bemerkung hörte. »Ich verstehe nicht, Sir.«

»Sie selbst wollen überhaupt nichts haben, Captain. Keine Beförderung, keine Auszeichnung, rein gar nichts.«

»Das wäre nicht angemessen«, wandte er ein.

Einige Politiker begannen zu lachen, während Admiral Timbale einen peinlich berührten Eindruck machte.

Navarro lächelte flüchtig, dann wurde er wieder völlig ernst. »Sie haben Bemerkenswertes geleistet, Captain Geary. Diese Tatsache und dazu der mythische Ruf von Black Jack Geary, den unsere Regierung mit so viel Aufwand gefördert hat, macht Sie zu einem sehr, sehr mächtigen Mann. Was wollen Sie, Captain?«

Zwei

Mit einem Mal hatte sich die Anspannung im Konferenzraum um ein Vielfaches gesteigert. Geary wählte seine Worte mit Bedacht, da er wusste, er musste seine Absicht klar und deutlich vermitteln und jegliches Missverständnis vermeiden. »Meine Empfehlungen habe ich detailliert in meinem Bericht formuliert, aber mit wenigen Worten ausgedrückt bitte ich um die Erlaubnis, das Kommando über diese Flotte behalten zu dürfen, Sir. Ferner bitte ich darum, dass die Regierung und meine Dienstvorgesetzten den Plan für die weitere Vorgehensweise gutheißen, den ich ebenfalls mit meinem Bericht vorgelegt habe.«

»Sie reden immer davon, dass Sie um dieses und jenes bitten. Dabei wird Ihnen doch klar sein, dass Sie das alles ebenso gut als Forderung formulieren könnten.«

»Nein, Sir, das könnte ich nicht«, wandte Geary ein.

»Spielen Sie nicht mit uns, Captain«, ermahnte Senatorin Suva ihn missmutig. »Sie wissen so gut wie ich, dass Sie nur mit den Fingern schnippen müssen, um alles zu bekommen, was Sie haben wollen.«

»Madam Senatorin, mir ist klar, dass ich wohl die Macht besitze, um Forderungen zu stellen. Aber ich kann sie nicht stellen. Ich habe gegenüber der Allianz einen Eid abgelegt, und den werde ich nicht brechen. Ich unterstehe Ihren Befehlen und Ihrer Autorität.«

Die stämmige Frau sah ihn mit zusammengekniffenen Augen und mürrischer Miene an. »Sie legen Ihr Schicksal in unsere Hände, Captain, und damit legen Sie auch das Schicksal der Allianz in die Hände einer Gruppe von Leuten, die Ihrer Ansicht nach zweifellos nicht annähernd so fähig sind, wie diese Leute es mit Blick auf die Verantwortung sein sollten, die sie tragen.«

Er hatte nicht damit gerechnet, dass einer der Senatoren zugunsten eines Staatsstreichs argumentieren würde. Es gelang ihm, seine Reaktion darauf zu überspielen, dann sagte er ruhig: »Ich habe mein Schicksal schon vor langer Zeit aus der Hand gegeben, Madam Senatorin. Ich habe geschworen, rechtmäßige Befehle auszuführen, und genau das werde ich auch weiterhin machen. Und falls ich diese Befehle nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann, werde ich mein Offizierspatent zurückgeben.«

Schließlich ergriff Rione mit leiser, aber fester Stimme das Wort. »Das ist sein Ernst. Er spielt Ihnen nichts vor. Ich hatte den gleichen Verdacht wie Sie alle, dass Black Jack als künftiger Diktator auftritt, der seine militärische Rolle nutzt, um die politische Autorität zu ersetzen.« Ihr Blick ruhte kurz auf der stämmigen Frau und einem anderen Senator, womit sie nur beinahe andeutete, dass diese beiden eine solche Entwicklung nicht fürchteten, sondern vielmehr herbeisehnten. »Allerdings bin ich Captain Geary nahe genug gewesen, um Ihnen versichern zu können, dass er es ehrlich meint. Unterziehen Sie ihn einem Verhör, und Sie werden feststellen, er macht Ihnen zu keinem Zeitpunkt etwas vor. Captain Geary trägt nicht den Makel von einem Jahrhundert Krieg, meine verehrten Senatoren. Er glaubt immer noch an alles, was unseren Vorfahren lieb und teuer war. Und er glaubt an Sie, an jeden Einzelnen von Ihnen.«

Ein paar Senatoren schauten weg, als seien ihnen diese Worte peinlich, aber Navarro sah sie forschend an. »Wir haben Berichte gelesen, wonach Sie Captain Geary tatsächlich sehr nahe gewesen sein sollen, Madam Co-Präsidentin. Wird Ihre Meinung über ihn davon in irgendeiner Weise beeinflusst?«

»Es war eine körperliche Beziehung«, räumte Rione wie beiläufig ein. »Sie war von kurzer Dauer.« Dann straffte sie auf einmal die Schultern, und alles Lässige an ihrem Verhalten war verschwunden. »Aus den Informationen, die die Flotte im Syndik-Gebiet sammeln konnte, ergibt sich, dass mein Ehemann von den Syndiks lebend gefangengenommen wurde. Es könnte sein, dass er noch lebt. Meine Loyalität gilt der Allianz und ihm.«

Einer der Senatoren schüttelte den Kopf. »Sie haben mit einem anderen Mann geschlafen, obwohl Ihr Ehemann noch leben könnte? Ein solch unehrenhaftes …«

Rione stieg die Zornesröte ins Gesicht, doch Geary kam ihr zuvor und unterbrach den Senator: »Sie wusste nicht, dass er noch leben könnte. Jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Co-Präsidentin Rione ist eine ehrbare Frau.«

»Wohingegen Sie, Senator Gizelle«, fügte Rione mit gesenkter Stimme an, als sich nach Gearys Bemerkung Schweigen breitgemacht hatte, »das Wort Ehre nicht mal buchstabieren könnten, wenn Ihr Leben davon abhinge.«

Navarro schlug wieder mit der flachen Hand auf den Tisch, um dem Streit ein Ende zu setzen, bevor er eskalieren konnte. »Das reicht. Beantworten Sie nur die Frage, Senatorin Rione. Ist Ihr Urteil neutral?«

»Ja.« Rione nickte und sah sich um. Offenbar hatte sie sich wieder im Griff. »Jeder hier weiß, was Captain Geary in diesem Moment tun könnte, wenn er es wollte. Und was er längst alles getan haben könnte, wenn er es wirklich beabsichtigte. In diesem Moment könnte er im Unity-Sternensystem eintreffen, begleitet von einer Flotte von Kriegsschiffen, auf denen sämtliche Senatsmitglieder in Arrestzellen sitzen, und die Leute würden ihm zujubeln. Haben Sie auch nur eine vage Ahnung davon, wie lange er gebraucht hat, um zu begreifen, dass so etwas möglich wäre? Ein solcher Gedanke war in seinem Universum schlicht undenkbar, und so verhält es sich immer noch. Aber es gibt Leute, die vortäuschen würden, in seinem Namen zu handeln, und wir müssen diese Leute davon abhalten, etwas in Gang zu setzen, was sich möglicherweise nicht mehr stoppen ließe. Hören Sie also bitte mit solchem Unsinn wie der Verhaftung von Captain Geary auf. Er wird seine Kräfte nicht gegen die Allianz wenden.«

»Das möchte ich gern glauben«, erwiderte Navarro. »Aber ich weiß nicht, ob ich das wagen darf.«

»Dann möchte ich Ihnen etwas zeigen.« Rione lud eine Datei herunter, aktivierte sie und Geary sah sich auf der Brücke der Dauntless sitzen. Insgeheim fragte er sich, wie es Rione gelungen war, auf die Logbücher des Flaggschiffs zuzugreifen und wo diese Aufnahme entstanden war, doch als er hörte, was gesagt wurde, fiel es ihm ein. Die Szene zeigte sein Verhalten in dem Moment, als er zu verstehen begann, dass das Personal der Allianz-Flotte beabsichtigte, Kriegsgefangene zu töten, als sei das ein völlig routinemäßiger Vorgang.

Als der Ausschnitt endete, deutete Rione auf Geary. »Das hat sich bei Corvus abgespielt, kurz nachdem er das Kommando über die Flotte übernommen hatte. Meinen Sie, das war gespielt? Dann irren Sie sich.

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