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Die verschollene Flotte: Die Wächter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Die Allianz-Flotte
  7. Eins
  8. Zwei
  9. Drei
  10. Vier
  11. Fünf
  12. Sechs
  13. Sieben
  14. Acht
  15. Neun
  16. Zehn
  17. Elf
  18. Zwölf
  19. Dreizehn
  20. Vierzehn
  21. Fünfzehn
  22. Sechzehn
  23. Siebzehn
  24. Achtzehn
  25. Anmerkungen des Autors
  26. Danksagung

Über den Autor

John G. Henry ist ein Offizier der US Navy im Ruhestand und Autor, der unter dem Pseudonym Jack Campbell die erfolgreiche Serie Die verschollene Flotte und die Nachfolgeserie Beyond the Frontier geschrieben hat. Als Nächstes erscheint von ihm die Serie The Lost Stars, die sich mit dem einstigen Gegner der verschollenen Flotte auseinandersetzt.

Unter seinem eigenen Namen hat er unter anderem die Serien JAG in Space und Stark’s War veröffentlicht. Daneben schreibt er auch Kurzgeschichten für die unterschiedlichsten Genres, und seine humoristische Geschichte »As You Know Bob« wurde für Year’s Best SF 13 ausgewählt. Artikel aus seiner Feder sind unter anderem in den Magazinen Analog und Artemis erschienen.

In den 60er-Jahren lebte er auf den Midway Islands, später besuchte er die US Naval Academy. Er diente unter anderem als Gunnery Officer und Navigator auf einem Zerstörer, bei einem Amphibien-Geschwader und im Antiterror-Zentrum der Navy. Nach seinem Ausscheiden aus der US Navy ließ er sich in Maryland nieder, wo er mit dem Schreiben begann. Er lebt zusammen mit seiner leidgeprüften Ehefrau (der unvergleichlichen S.) und drei wundervollen Kindern. Bei seiner Tochter und den beiden Söhnen wurde das Krankheitsbild Autismus diagnostiziert.

Jack Campbell

DIE
VERSCHOLLENE
FLOTTE:

DIE WÄCHTER

Aus dem amerikanischen Englisch von
Ralph Sander

Widmung

Für meinen jüngeren Bruder Robert, der immer wieder aufstand, wenn das Leben ihn zu Boden schickte. Er war der Stärkste von uns allen. Und für seine Ehefrau Debbie C., die ihm gab, wonach er stets gesucht hatte, die an seiner Seite blieb und immer zur Familie gehören wird.
Und wie immer für S.

Die Allianz-Flotte

Captain John Geary

Verantwortlicher Befehlshaber

Fettgedruckte Schiffsnamen kennzeichnen im Gefecht verlorene Schiffe, in Klammern wird das Sternensystem genannt, in dem das Schiff verloren wurde.

Zweite Schlachtschiffdivision

Gallant

Indomitable

Glorious

agnificent

Dritte Schlachtschiffdivision

Dreadnaught

Orion

Dependable

Conqueror

Vierte Schlachtschiffdivision

Warspite

Vengeance

Revenge

Guardian

Fünfte Schlachtschiffdivision

Fearless

Resolution

Redoubtable

Siebte Schlachtschiffdivision

Colossus

Encroach

Amazon

Spartan

Achte Schlachtschiffdivision

Relentless

Reprisal

Superb

Splendid

Erste Schlachtkreuzerdivision

Inspire

Formidable

Brilliant (Honor)

Implacable

Zweite Schlachtkreuzerdivision

Leviathan

Dragon

Steadfast

Valiant

Vierte Schlachtkreuzerdivision

Dauntless (Flaggschiff)

Daring

Victorious

Intemperate

Fünfte Schlachtkreuzerdivision

Adroit

Sechste Schlachtkreuzerdivision

Illustrious

Incredible

Invincible (Pandora)

Erste Sturmtransporterdivision

Tsunami

Typhoon

Mistral

Haboob

Erste Schnelle Hilfsschiffdivision

Titan

Tanuki

Kupua

Domovoi

Zweite Schnelle Hilfsschiffdivision

Witch

Jinn

Alchemist

Einunddreißig Schwere Kreuzer in sechs Divisionen

Erste Schwere Kreuzerdivision

Dritte Schwere Kreuzerdivision

Vierte Schwere Kreuzerdivision

Fünfte Schwere Kreuzerdivision

Achte Schwere Kreuzerdivision

Zehnte Schwere Kreuzerdivision

Emerald und Hoplon (Honor)

Fünfundfünfzig Leichte Kreuzer in zehn Geschwadern

Erstes Leichte Kreuzergeschwader

Zweites Leichte Kreuzergeschwader

Drittes Leichte Kreuzergeschwader

Fünftes Leichte Kreuzergeschwader

Sechstes Leichte Kreuzergeschwader

Achtes Leichte Kreuzergeschwader

Neuntes Leichte Kreuzergeschwader

Zehntes Leichte Kreuzergeschwader

Elftes Leichte Kreuzergeschwader

Vierzehntes Leichte Kreuzergeschwader

Balestra (Honor)

Hundertsechzig Zerstörer in achtzehn Geschwadern

Erstes Zerstörergeschwader

Zweites Zerstörergeschwader

Drittes Zerstörergeschwader

Viertes Zerstörergeschwader

Sechstes Zerstörergeschwader

Siebtes Zerstörergeschwader

Neuntes Zerstörergeschwader

Zehntes Zerstörergeschwader

Zwölftes Zerstörergeschwader

Vierzehntes Zerstörergeschwader

Sechzehntes Zerstörergeschwader

Siebzehntes Zerstörergeschwader

Zwanzigstes Zerstörergeschwader

Einundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Dreiundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Siebenundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Achtundzwanzigstes Zerstörergeschwader

Zweiunddreißigstes Zerstörergeschwader

Zaginal (Pandora)

Plumbatae, Bolo, Bangalore und Morningstar (Honor)

Musket (Midway)

Marines-Streitmacht der Ersten Flotte

Major General Carabali

Verantwortliche Befehlshaberin

3000 Marines auf Sturmtransportern sowie in mehreren Abteilungen verteilt auf die Schlachtkreuzer und Schlachtschiffe

Eins

Der Admiral hatte einen schlechten Tag, und wenn das der Fall war, wollte niemand seine Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Fast niemand.

»Stimmt irgendetwas nicht, Admiral?«

Admiral John »Black Jack« Geary, der bis gerade eben zusammengesunken in seinem Kommandosessel auf der Brücke des Allianz-Schlachtkreuzers Dauntless gesessen hatte, drückte den Rücken durch und warf Captain Tanya Desjani einen finsteren Blick zu. »Ist das jetzt Ihr Ernst? Wir sind momentan extrem weit von der Allianz entfernt, die Syndiks bereiten uns nach wie vor Schwierigkeiten, und die Kriegsschiffe dieser Flotte sind brutal zusammengeschossen worden, damit wir das von den Enigmas und den Kiks kontrollierte Gebiet hinter uns lassen konnten, und hier mussten wir schon wieder kämpfen. Dieses Kriegsschiff, das wir den Kiks abgenommen haben, ist zwar von unschätzbarem Wert, aber es zieht auch jede denkbare Gefahr magnetisch an, und es hält unsere Flotte auf. Wir haben keine Ahnung, was derzeit in der Allianz los ist, aber wir haben allen Grund zu der Annahme, dass es nichts Gutes sein dürfte. Habe ich noch irgendwas vergessen? Ach ja, die befehlshabende Offizierin meines Schiffs hat mich gerade gefragt, ob irgendetwas nicht stimmt!«

Desjani, die im Sessel des Captains neben ihm saß, nickte verstehend und sah ihn gelassen an. »Aber davon abgesehen ist alles mit Ihnen in Ordnung?«

»Davon abgesehen?«, wiederholte er und wäre am liebsten explodiert, doch Desjani kannte ihn besser als jeder andere Mensch. Hätte er nicht ein Faible für das Absurde gehabt, dann wäre er vom Umfang seiner Verantwortung längst in den Wahnsinn getrieben worden. »Ja, davon abgesehen ist alles in Ordnung. Sie erstaunen mich, Captain Desjani.«

»Ich gebe mir Mühe, Admiral Geary.«

Die Wachhabenden auf der Brücke konnten zwar sehen, dass sie redeten, und sie wussten auch, wie es um die Laune des Admirals bestellt war, aber sie konnten kein Wort von dem hören, was die beiden redeten. Deshalb klang Lieutenant Castries auch ein wenig verhalten, als sie allen anderen auf der Brücke der Dauntless meldete: »Ein Kriegsschiff hat eben das Portal verlassen.«

Der Alarm der Gefechtssysteme war bereits aktiviert worden, noch bevor Geary sich gerade hinsetzen konnte. Sein mürrischer Gesichtsausdruck, der ihm selbst bis dahin gar nicht bewusst gewesen war, verschwand, als er sich auf das Hypernet-Portal auf seinem Display konzentrierte, das ganz am Rand des Midway-Sternensystems sein Dasein fristete. Vom Orbit der Dauntless und dem Rest der Allianz-Flotte war es fast zwei Lichtstunden entfernt.

»Ein weiterer Schwerer Kreuzer der Syndiks«, merkte Tanya an und klang ein wenig enttäuscht. »Nichts, was irgendwelche Aufregung wert wäre oder …« Sie unterbrach sich und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen ihr eigenes Display. »Anomalien?«

Geary sah auf seinem Display die gleichen Informationen aufleuchten, während die Flottensensoren jedes noch so kleine Detail von dem noch Lichtstunden entfernten Schweren Kreuzer erfassten. Er fühlte sich aufgeregt, obwohl er genau wusste, dass er momentan einen Blick in die Vergangenheit geboten bekam. Der Schwere Kreuzer war vor fast zwei Stunden ins System gekommen, lediglich das Licht seiner Ankunft hatte erst jetzt die Dauntless als das Flaggschiff der Ersten Flotte der Allianz erreicht.

Alles, was sie in den kommenden zwei Stunden beobachten konnten, war bereits geschehen, dennoch kam es ihm so vor, als sähe er ein Bild von etwas, das sich jetzt gerade ereignete. »Die haben zusätzliche Frachtkapazitäten auf der Außenhülle geschaffen und mit Lebenserhaltungssystemen ausgerüstet«, stellte er fest.

»Das bedeutet, dass sie deutlich mehr Passagiere an Bord haben«, folgerte Desjani. »Eine Eingreiftruppe, die sich die hiesigen Einrichtungen vornehmen soll?«

Diese Möglichkeit war nicht aus der Luft gegriffen. Midway hatte sich vor Monaten mit einer Revolte von der Kontrolle durch die Syndikatwelten losgesagt und sich für unabhängig erklärt. Nach der Niederlage im Krieg gegen die Allianz waren die Syndikatwelten allmählich zerfallen, aber auch wenn viele Sternensysteme sich von ihnen abwandten, war Midway für die Syndik-Regierung viel zu wertvoll, als dass man diesen Verlust einfach so hätte hinnehmen wollen. Geary hatte sich schon länger gefragt, was die Syndiks wohl als Nächstes versuchen würden, um wenigstens einen Teil ihrer Kontrolle zurückzuerlangen.

Bevor er jedoch etwas entgegnen konnte, zog Desjani verblüfft die Augenbrauen hoch. »Er flieht.«

Der Schwere Kreuzer musste die kleine Syndik-Flotte bemerkt haben, die sich noch immer in der Nähe des Hypernet-Portals aufhielt, aber anstatt Kurs auf sie zu nehmen, drehte er ab und beschleunigte.

»Die sind nicht auf Befehl der Syndiks hier. Das sind weitere Abtrünnige«, stellte Geary fest. Ein weiteres Element der bewaffneten Streitkräfte der Syndikatwelten, das auf die anhaltende Zersplitterung des Imperiums reagierte, indem es sich davonmachte, vermutlich mit Kurs auf das Heimatsystem der Crew. »Oder gehört der Kreuzer zu den Behörden hier in Midway?«

»Nicht, wenn sie uns die Wahrheit darüber gesagt haben, wie viele Kriegsschiffe ihnen zur Verfügung stehen«, meinte Desjani, stutzte und musste laut lachen. »Haben Sie das gerade gehört? Ich habe mich gefragt, ob ein paar Syndiks uns wohl die Wahrheit gesagt haben könnten.«

Der Rest der Brückencrew stimmte in ihr Lachen über eine so absurde Aussage ein.

»Midway hat sich gegen die Syndikatwelten gestellt«, machte Geary klar, auch wenn er zugeben musste, dass Desjanis Belustigung durchaus begründet war. Er war ein paar Syndiks begegnet, die sich ihm gegenüber fair verhalten hatten, doch der größte Teil und dabei vor allem diejenigen auf der CEO-Ebene schienen die Wahrheit als etwas anzusehen, das man erst ins Spiel bringen durfte, wenn alle denkbaren Alternativen fehlgeschlagen waren.

»Okay, sie haben die Streifen auf ihrem Schwanz übermalt«, gab Desjani zurück. »Aber heißt das auch zwangsläufig, dass sie keine Stinktiere mehr sind?«

Er antwortete nicht darauf, weil er wusste, sein Gegenargument würde in der gesamten Flotte die Runde machen. Immerhin hatte jeder der Anwesenden den Krieg gegen die Syndiks aus erster Hand miterlebt; ein Konflikt, der hundert Jahre zuvor begonnen hatte und bei dem beide Seiten wie bei einer Spirale immer tiefer gesunken waren. Aber es waren die Syndikatwelten, die stets den ersten Schritt hin zu einem noch niedrigeren Niveau unternommen hatten, da deren Führer vor nichts zurückschreckten, um einen Krieg voranzutreiben, den sie nicht gewinnen konnten, aber auch keinesfalls verlieren wollten – bis Geary einschritt und ihre Flotte fast völlig aufrieb.

Der Befehlshaber der kleineren Syndikflotte – Gearys alter Bekannter CEO Boyens – hatte fast sofort auf die Ankunft des Schweren Kreuzers reagiert, als der von der Flotte gesichtet worden war. Das einzelne Schlachtschiff, das den Kern der Flotte bildete, hatte seinen Orbit nicht verändert, doch die Eskortschiffe hatten kehrtgemacht und beschleunigten nun auf ausholenden Vektoren, um den Neuankömmling abzufangen.

Desjani schüttelte verwundert den Kopf. »Er schickt sechs seiner Schweren Kreuzer und alle neun Jäger hinterher? Das ist ja maßlos übertrieben.«

»Wir wissen, dass Boyens üblicherweise sehr vorsichtig ist«, hielt Geary dagegen. »Er geht kein Risiko ein, außerdem muss er befürchten, dass sich Leute hier aus dem System einmischen.«

»Die können diesen Schweren Kreuzer aber nicht eher erreichen als Boyens’ Schiffe«, betonte sie. »Wenn der Kreuzer nicht mit so viel zusätzlicher Masse unterwegs wäre, könnte er vielleicht entkommen. So dagegen ist er flügellahm.«

Geary betrachtete sein Display. Die Gefechtssysteme der Dauntless lieferten die gleiche Einschätzung der Situation wie Desjani. Von der Physik aus gesehen war die Situation nicht komplex, es war nur eine Frage von Masse, Beschleunigung und Entfernungen. Die geschwungenen, sich durchs All ziehenden Linien stellten wahrscheinliche Flugbahnen dar, auf denen markiert war, ab wo sich das Zielobjekt in der Reichweite der verschiedenen Waffensysteme befinden würde. Der neu eingetroffene Schwere Kreuzer flog mit nur 0,05 Licht, wohl um Treibstoff zu sparen, und obwohl er inzwischen mit aller Kraft beschleunigte, würden Boyens’ Schwere Kreuzer ihn eingeholt haben, bevor jemand ihm zu Hilfe kommen konnte. Diese Kreuzer gingen bereits auf 0,1 Licht und würden sicher noch bis auf 0,2 Licht beschleunigen. »Ich möchte wissen, wen dieser Kreuzer befördert, dass dafür zusätzliche Lebenserhaltungssysteme notwendig sind.«

»Mehr Syndiks«, meinte Desjani unüberhörbar desinteressiert.

»Mehr Leute, die vor den Syndiks fliehen«, sagte Geary. »Vielleicht die Familien der Besatzungsmitglieder.«

Sie schaute vor sich aufs Display und presste die Lippen zusammen, bis sie ihn schließlich ansah. »Könnte sein. Im Krieg haben die Syndiks unzählige Familien umgebracht, und das werden sie jetzt auch wieder machen. Ich habe vor langer Zeit aufhören müssen, mir darüber Gedanken zu machen, weil es vor allem in Situationen wie dieser hier absolut nichts gab, was ich dagegen hätte unternehmen können.«

Er nickte bedächtig. Es war alles längst geschehen. Die Familien und die Crewmitglieder auf dem Schweren Kreuzer waren vermutlich von den Syndik-Angreifern ermordet worden, noch bevor das Licht dieses Schiffs vom Eintreffen in Midway die Dauntless sie überhaupt erreicht hatte.

»Wir beobachten, dass die Midway-Flotte ihre Vektoren ändert«, meldete der Ablauf-Wachhabende. Die kleine, zu Midway gehörende Flotte aus ehemaligen Syndik-Kriegsschiffen hatte in einer Entfernung von fünf Lichtminuten zum Hypernet-Portal ihre Bahnen gezogen. Kaum dass der neue Kreuzer aufgetaucht war, hatten sich diese Schiffe gleichfalls auf den Weg zum Neuankömmling gemacht.

»Die können den Kreuzer nicht mehr rechtzeitig erreichen«, sagte Desjani in professionell distanziertem Tonfall. »Und selbst wenn sie es schaffen, ist Boyens’ Verfolgergruppe ihnen im Verhältnis von fast drei zu eins überlegen.«

»Warum haben sie es dann überhaupt versucht? Kommodor Marphissa kann das genauso berechnen lassen wie wir. Sie muss gewusst haben, dass es hoffnungslos sein würde.«

»Vielleicht wollte sie ja ein paar von den Schweren Kreuzern erwischen. Allerdings dürfte sie bei dem Versuch die Hälfte ihrer Schiffe verloren haben.« Desjanis emotionale Distanz zum Geschehen entglitt ihr ein wenig, wie ihre Stimme erkennen ließ. Dadurch war herauszuhören, dass sie frustriert und wütend war.

Geary sah, wie sich die vorausberechneten Flugbahnen aller Beteiligten ein wenig veränderten, als die automatischen Systeme der Dauntless Kurs und Geschwindigkeit der Syndik-Kriegsschiffe und der Midway-Flotte weiter korrigierten. Der einzelne Schwere Kreuzer, der durch das Hypernet-Portal ins System gekommen war, befand sich nun auf einem Kurs zu einem von mehreren Sprungpunkten, denen der Stern Midway seinen Namen verdankte. CEO Boyens’ Syndik-Flotte war nur ein paar Lichtminuten vom Portal entfernt gewesen, etwas mehr zum Stern hin gelegen und leicht oberhalb des Portals. Die Schweren Kreuzer und die Jäger waren auf flacheren, schnelleren Flugbahnen unterwegs, sodass sie den fliehenden Kreuzer einholen konnten, lange bevor der sich in Sicherheit gebracht hatte.

Die Flotte des »Freien und unabhängigen Sternensystems Midway«, bestehend aus zwei Schweren und fünf Leichten Kreuzern sowie mehreren Jägern, hatte ihren eigenen Orbit verlassen, der fünf Lichtminuten unterhalb und an Steuerbord der Syndik-Flotte verlief. Damit waren diese Schiffe viel zu weit entfernt, um auf die Geschehnisse in unmittelbarer Nähe zum Hypernet-Portal zu reagieren. Diejenigen, die sterben würden, waren längst tot. Allerdings war es verdammt schwer, so zu tun, als würde einen das nicht kümmern.

Geary fühlte sich versucht, sein Display abzuschalten, um sich nicht etwas ansehen zu müssen, auf das er ohnehin keinen Einfluss hatte. Er konnte nur hoffen, dass es dem fliehenden Schiff gelungen war, ein paar von Boyens’ Schiffen zu beschädigen, und dass wenigstens ein Teil der Midway-Flotte ihren eigenen Angriff auf die viel stärkere Syndik-Streitmacht überleben würde.

Doch er schaltete sein Display nicht ab, weil es seine Aufgabe war, sich das Geschehen anzusehen. Mit einem Anflug von Übelkeit widmete er sich der Anzeige, die nur darstellte, was längst geschehen war und sich nicht mehr umkehren ließ.

»Was ist denn das?«

Ihm war nicht bewusst, dass er selbst das laut ausgesprochen hatte, bis er Desjani in einem Tonfall lachen hörte, der widerstrebende Bewunderung erkennen ließ. »Die Midway-Kriegsschiffe wollen gar nicht dem fliehenden Kreuzer helfen. Ihr Kommodor hat Kurs auf das Syndik-Schlachtschiff genommen.«

»Das ist doch …« Geary betrachtete, wie sich die Lage entwickelte, als die Vektoren der Midway-Streitmacht sich eingependelt hatten und erkennen ließen, dass die Schiffe auf einen Abfangkurs zu Boyens’ einzelnem Schlachtschiff gegangen waren, in dessen Nähe sich noch ein paar Leichte Kreuzer aufhielten. »Was macht sie denn da? Die MidwayFlotte genügt nicht, um sich mit einem Schlachtschiff anzulegen, auch wenn die meisten Eskortschiffe anderweitig zu tun haben.«

»Sehen Sie sich die Geometrie an, Admiral«, empfahl Desjani ihm. »Sie konnten nicht als Erste den fliehenden Kreuzer einholen, aber sie schaffen es zu Boyens’ Schlachtschiff, bevor dessen Kreuzer das einzelne Schiff zerstören und zu ihm zurückkehren kann.«

»Boyens hat trotzdem nicht viel Grund zur Sorge. Er könnte ein paar Leichte Kreuzer verlieren, aber sein Schlachtschiff …« In der Syndik-Formation flammte ein grelles rotes Symbol auf – eine Kollisionswarnung, die beharrlich über dem Syndik-Schlachtschiff blinkte. Geary verfolgte zwei voraussichtliche Flugbahnen zurück zu den Schiffen, die diesen Kurs eingeschlagen hatten: zwei Jäger der Midway-Flotte. »Die Vorfahren mögen uns beistehen. Glauben Sie, die werden durchkommen?«

Desjani rieb sich das Kinn und betrachtete mit berechnendem Blick ihr Display. »Das ist die einzige Möglichkeit, Boyens’ Schlachtschiff schwer zu beschädigen oder vielleicht sogar zu zerstören. Da die Schweren Kreuzer und die Jäger die Verfolgung des einzelnen Schiffs aufgenommen haben und da die übrigen Midway-Schiffe diese beiden Jäger abschirmen, um an den verbliebenen Eskortschiffen vorbeizukommen, könnte es funktionieren. Allerdings ist das eine verrückte Taktik.«

»Kommodor Marphissa ist eine ehemalige Syndik«, betonte Geary. »Boyens könnte etwas über sie wissen.«

»Meinen Sie damit die Tatsache, dass sie einen Hass auf Syndik-CEOs hat?«, fragte Desjani. »Und dass sie deshalb wirklich Boyens’ Schlachtschiff von zwei ihrer Schiffe rammen lassen wird? Ja, Boyens könnte so etwas wissen.«

Entsetzt starrte Geary auf sein Display. Würde er mitansehen müssen, wie zwei Schiffe ihre eigene Zerstörung in Kauf nahmen, nur um vielleicht der Syndik-Streitmacht in ihrem System einen vernichtenden Schlag zuzufügen? »Augenblick, etwas stimmt da nicht. Angenommen, die Kommodor will wirklich dieses Schlachtschiff außer Gefecht setzen – warum sollte sie dann die Jäger schon so früh auf Kollisionskurs gehen lassen?«

»Wenn sie nicht verrückt ist – und dass sie das ist, glaube ich nicht –, dann würde sie nicht jetzt zu erkennen geben, dass sie das Schlachtschiff rammen lassen will.« Desjani lachte abermals bewundernd auf. »Es ist ein Bluff. Boyens kann es nicht riskieren, dieses Schlachtschiff zu verlieren. Aber er kann auch nicht sicher sein, dass es seinen verbliebenen Eskortschiffen gelingen wird, die Jäger aufzuhalten. Was wird er also machen?«

»Hoffentlich das einzig Vernünftige«, sagte Geary und schaute wieder auf die Schweren Kreuzer und Jäger der Syndiks, die dem einzelnen Kreuzer nacheilten, während der noch immer versuchte, mit der ihm zur Verfügung stehenden Maximalgeschwindigkeit zu entkommen. Wegen der Zeitverzögerungen, die bei der Kommunikation selbst über relativ kurze Distanzen von ein paar Lichtminuten eintraten, vergingen rund zehn Minuten, ehe sich die Flugbahnen der von Boyens losgeschickten Verfolgerschiffe zu verändern begannen. Die Schiffe machten kehrt und nahmen wieder Kurs auf das Schlachtschiff, das sie erst kurz zuvor verlassen hatten.

»Die Syndiks haben ihre Bemühungen aufgegeben, den neuen Kreuzer abzufangen«, meldete Lieutenant Castries, als könnte sie nicht glauben, was sie da redete. »Die Midway-Flotte ist weiter unterwegs zum Syndik-Schlachtschiff.«

»Vielleicht war es ja gar kein Bluff«, gab Desjani zu bedenken und verfolgte das Geschehen auf ihrem Display. »In zwanzig Minuten werden wir schlauer sein.«

»Captain?«, fragte Castries.

»Wenn die Midway-Flotte mit ihrer Aktion erreichen wollte, dass dieser einzelne Kreuzer unbehelligt davonkommt, dann müssen sie ihre Vektoren lange genug auf das Schlachtschiff ausgerichtet lassen, weil sonst diese Syndik-Gruppe dort abermals wenden und das neue Schiff immer noch einholen könnte.«

Geary war sich sicher, dass Kommodor Marphissa nur bluffte, dennoch sah er mit wachsender Anspannung zu, während die von Desjani erwähnten zwanzig Minuten quälend langsam verstrichen. Ta n y a hat recht. Nach allem, was wir über Marphissa wissen, hasst sie die Syndik-CEOs, die früher ihr Leben kontrolliert haben. Aber genügt ihr Hass, um sie ihre Verantwortung vergessen zu lassen, dass sie mit ihren Streitkräften sparsam und vernünftig umgehen muss? Syndik-Befehlshabern wurde nie eingeimpft, sich bei der Durchführung ihrer Missionen Gedanken über die Zahl der möglichen Opfer zu machen. Und Marphissa hat ihr Handwerk von diesen Leuten gelernt.

»Die zwanzig Minuten sind um, Captain«, meldete Lieutenant Castries. »Der einzelne Kreuzer kann jetzt von den Syndiks nicht mehr eingeholt werden.« Desjani nickte wortlos. Falls sie sich Sorgen machte, ließ sie sich davon nichts anmerken.

Allerdings konnte sie ohnehin nichts mehr an den Ereignissen ändern, die sich vor zwei Stunden abgespielt hatten.

Einundzwanzig Minuten nach dem Moment, da die Schweren Kreuzer ihr Wendemanöver begonnen hatten, machte die Midway-Flotte kehrt und kehrte in einem weiten, ausholenden Bogen auf ihre alte Position zurück, auf der sie fünf Lichtminuten von der Syndikat-Flotte entfernt waren.

Geary atmete erleichtert aus. »Sie ist etwas länger auf Kollisionskurs geblieben, um Boyens nervös zu machen.«

»Vermutlich ja«, stimmte Desjani ihm lächelnd zu. »Zu schade, dass die Kommodor eine Syndik ist.«

»Eine Ex-Syndik.«

»Ja, richtig. Eines Tages könnte aus ihr noch mal eine gute Schiffskommandantin werden.«

Diesmal nickte Geary wortlos. Was Desjani da gesagt hatte, war ein enormes Zugeständnis und ein beachtliches Lob an die Adresse der Syndik. Aber sie würde nicht wollen, dass irgendjemand darüber ein Wort verlor. »Nachdem Boyens sich einen Spaß daraus gemacht hat, uns unsere Unfähigkeit vor Augen zu führen, ihn aus dem System zu scheuchen, war es schön zu sehen, wie er jetzt öffentlich blamiert worden ist. Das ganze Sternensystem wird zu sehen bekommen, wie er überlistet und zum Rückzug gezwungen worden ist.«

»Das ist auf jeden Fall gut, aber es hilft uns nicht weiter«, murrte Desjani.

»Nein.« Er wusste, was sie meinte. Gearys Flotte war der einzige Grund, wieso Boyens nicht schon längst damit begonnen hatte, das Midway-System für die Syndikatwelten zurückzuerobern.

Offiziell unterstand das System der Kontrolle durch eine sogenannte Präsidentin und einen sogenannten General, die beide früher Syndik-CEOs gewesen waren. Ging man aber nach der Feuerkraft der Allianz-Flotte, dann war Geary eigentlich momentan der einzig wahre Herrscher über das System, doch ihm waren die Hände gebunden, wenn es um die Syndiks ging.

Diese Flotte musste ins Gebiet der Allianz zurückkehren, das am anderen Ende des Syndik-Territoriums lag und damit sehr weit entfernt war. Neben der Syndik-Flotte gab es noch andere Gründe, hier in diesem System zu verharren, nachdem man sich durch Regionen gekämpft hatte, die jenseits der von Menschen gesteckten Grenzen lagen. Die Allianz-Schiffe waren wiederholt in Gefechte verwickelt und dabei schwer beschädigt worden. Die Hilfsschiffe hatten ihre Bestände an Rohstoffen aufstocken können, nachdem ihnen hier in Midway die Verantwortlichen die Erlaubnis erteilt hatten, Asteroiden im System auszubeuten. Danach hatten sie auf Hochtouren gearbeitet, um alle erforderlichen Ersatzteile zu produzieren, die bei den Gefechten beschädigt worden waren. Sämtliche Crewmitglieder hatten einen unermüdlichen Einsatz gezeigt, um alle notwendigen Reparaturen zu erledigen.

Es änderte nichts daran, dass sie heimkehren mussten. Während Geary mit ernster Miene auf sein Display schaute, leuchtete auf einmal eine weitere Kollisionswarnung auf, diesmal auf dem erbeuteten Superschlachtschiff, das auf den Namen Invincible getauft worden war und das selbst die vier großen Schlachtschiffe seiner Flotte klein und bescheiden aussehen ließ. Die Invincible war das Werk einer fremden Spezies, der man den Spitznamen Kiks gegeben hatte. Ihr Aussehen erinnerte an eine Kombination aus niedlichen Teddybären und Kühen, ihr Sozialverhalten war dagegen nicht annähernd so niedlich, denn sie verweigerten sich beharrlich jeder Form der Kontaktaufnahme und waren lediglich dazu imstande, die Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit aller Härte zu attackieren. Die Kiks sahen in den Menschen Raubtiere, und die aus Herdentieren hervorgegangenen Kiks verhandelten nun mal nicht mit Raubtieren.

An Bord der Invincible fand sich eine Fülle an Informationen über die Kiks und ihre Technologie, was das Schiff zum wertvollsten Objekt machte, das die Menschheit je besessen hatte. Je eher die Invincible das Allianz-Gebiet erreichte, umso besser war es für sie alle.

Über die Kollisionswarnungen musste er sich allerdings keine Gedanken machen. Die waren von den Bewegungen der sechs Schiffe rund um das fast völlig glatte, eiförmige Objekt ausgelöst worden, die wie anmutige Vögel zwischen den schwerfälligen Schiffen seiner eigenen Flotte umherschwirrten. »Die Tänzer werden irgendwann noch dafür sorgen, dass unsere Warnsysteme einen Herzinfarkt bekommen«, merkte Geary an. Die Allianz-Matrosen hatten diesen Aliens den Namen Tänzer gegeben, weil sie auf eine lässig anmutende Art mit ihren Schiffen Manöver flogen, die den besten menschlichen Steuermann ebenso überforderten wie jedes von Menschenhand geschaffene automatische System.

Niemand wusste, wie lange die Tänzer hier verweilen und darauf warten würden, dass sich die menschliche Flotte wieder in Bewegung setzte. Sie waren bislang die einzige nichtmenschliche Spezies, die den Wunsch verspürte, mit den Menschen zu reden, und sie hatten den Menschen als Einzige geholfen, anstatt sie so anzugreifen, wie es alle anderen getan hatten. Daher war es wichtig, dass Geary die Repräsentanten der Tänzer so zügig wie möglich zur Allianz-Regierung brachte.

Aber nicht alle Gründe für einen baldigen Abzug aus Midway und einen Weiterflug in Richtung Allianz-Gebiet waren offensichtlich. Die Moral der Männer und Frauen auf den Schiffen der Flotte beispielsweise konnte niemand sehen oder berühren, aber sie war auf einem bedenklichen Tiefpunkt angekommen. Sie hatten langwierige und zermürbende Schlachten hinter sich, und sie wollten endlich den Frieden in der Galaxis genießen, der angeblich inzwischen überall Einzug gehalten hatte. Sie wollten zurück nach Hause und dort erst mal eine Weile bleiben. Aber zu Hause fürchtete man sich vor diesen müden und erschöpften Kämpfern. Zumindest fürchteten sich große Teile der Allianz-Regierung vor ihnen, weil man nicht wusste, wem die Loyalität dieser Leute galt. Sie machten sich Sorgen wegen der enormen Kosten, die entstanden, wenn die Schiffe weiter unterhalten werden müssten. Sie waren besorgt wegen der großen Zahl an Veteranen, die schon jetzt in der ins Stocken geratenen Wirtschaft keinen rechten Platz zu finden vermochten, die in den Sternensystemen der Allianz herrschte, nachdem der Krieg ein Ende genommen hatte.

Und daheim wurden auch noch Pläne von den unterschiedlichsten Leuten geschmiedet. Wie viele Pläne es waren, wusste er nicht, und damit auch nicht, wie viele davon sich gegen ihn richteten. Unbekannt war ebenso, wie viele dieser Pläne dazu angetan waren, die Allianz zu unterhöhlen oder sie sogar in einen Zerfall zu treiben, wie ihn die Syndikatwelten gerade erlebten. Doch mit all diesen Plänen konnte er sich nicht befassen, solange er so weit weg von zu Hause war, wie nur möglich, ohne das von Menschen erforschte und besiedelte Gebiet zu verlassen.

Wenn der Sieg über die Syndikatwelten diese Situation heraufbeschwören hatte, dann wollte er lieber gar nicht darüber nachdenken, was eine Niederlage nach sich hätte ziehen können.

Er beobachtete, wie sich die Flugbahn des fliehenden Schweren Kreuzers änderte; vermutlich eine Reaktion auf die tatkräftige Unterstützung der Midway-Flotte. Geary saß da und hatte noch immer keine Idee, wie er die von Boyens befehligte Syndik-Flotte loswerden konnte, ohne dabei gegen den Friedensvertrag zwischen der Allianz und den Syndikatwelten zu verstoßen. Wenn er aber das System verließ, ohne sich Boyens vorgeknöpft zu haben, dann lief er Gefahr, dass die Allianz die potenziell sehr wertvollen Verbündeten in Midway verlor. Er konnte es schon aus dem Grund nicht riskieren, Midway an die Syndikatwelten zurückfallen zu lassen, weil dieses System das einzige Sprungbrett zu jener Region des Alls darstellte, in der die Tänzer zu Hause waren.

Tage später beobachtete ein nervöser Geary einen kastenförmigen Frachter von Midway, der sich seinen Weg zwischen den Allianz-Kriegsschiffen hindurch bahnte. Erfahrung mit Syndik-Frachtern hatte er nur während des Kriegs gesammelt, und da waren es in aller Regel feige Anschlagsversuche gewesen, um mithilfe von versteckten oder improvisierten Waffen Allianz-Schiffe zu zerstören oder zumindest erheblich zu beschädigen. Als er nun sah, wie sich ein solcher Frachter inmitten seiner Flotte bewegte, musste Geary all seine Willenskraft ins Spiel bringen, um nicht die Zerstörung dieses Schiffs zu befehlen.

Er sah zu Desjani, deren verbissene Miene ihm verriet, dass es ihr noch viel schwerer fiel, den Frachter in der Nähe ihres Schiffs zu dulden.

»Wir brauchen das Essen«, sagte Geary zu ihr. »Wir haben schon früher Syndik-Rationen gegessen, und Midway verfügt über beträchtliche Vorräte, weil das hier mal ein zentraler Knotenpunkt gewesen ist, von dem aus die gesamte Region versorgt wurde.«

»Ja, ich weiß«, gab sie zurück. »Aber die Syndik-Rationen, die wir zuvor mitgenommen haben, lagen irgendwo als Überbleibsel der Vorräte, die man dort zurückgelassen hatte, als die betreffende Einrichtung von den Syndiks aufgegeben wurde. Da mussten wir uns keine großen Sorgen machen, dass die Rationen vergiftet oder auf andere Weise manipuliert waren.«

»Die Flottenärzte und Captain Smythes Ingenieure werden diese Rationen jedem der Menschheit bekannten Test unterziehen, um sicherzustellen, dass sie frei von Gift, Bakterien, Viren, Nanoseuchen oder anderen Gemeinheiten sind.«

»Gut«, lenkte sie ein. »Aber wenn ich bedenke, wie übel die Syndik-Rationen schmecken, frage ich mich, wie jemand merken will, ob da was drin ist, was nicht reingehört.«

»Immerhin sorgen die Syndik-Rationen dafür, dass das Allianz-Essen im Vergleich dazu passabel schmeckt«, betonte Geary und sah mit an, wie Allianz-Shuttles an den Hauptschleusen des Syndik-Frachters andockten, um das Frachtgut zu übernehmen. Einen weiteren Vorteil ließ Geary unerwähnt, weil der nur für noch mehr Argwohn gesorgt hätte: Die Behörden auf Midway stellten die Rationen kostenlos zur Verfügung, anstatt zu versuchen, den höchstmöglichen Preis dafür zu erzielen.

Er wusste, dass diese Großzügigkeit einen guten Grund hatte: Midway wollte unbedingt die Gunst der Allianz gewinnen, damit die ihr gegen die von den Syndikatwelten ausgehende Bedrohung zur Seite stand. Dennoch war es im Vergleich zum sonstigen Verhalten der Syndiks eine sehr untypische Geste.

Sein Display zeigte ihm an, dass das medizinische Personal der Flotte und die Ingenieure mit ihrer jeweiligen Ausrüstung auf Hochtouren arbeiteten, um auf jedem Shuttle einen ersten Sicherheitsscan der Rationen vorzunehmen.

Ein leises Signal lenkte Gearys Aufmerksamkeit auf sein Komm-Display. Warum ruft Victoria Rione mich ausgerechnet jetzt?, fragte er sich und nahm das eingehende Gespräch an. Das Bild der Gesandten der Allianz-Regierung nahm am Rand des Displays Gestalt an.

Rione, die sich aus ihrem Quartier an Bord der Dauntless meldete, blinzelte verschlafen und deutete mit einer vagen Geste auf den Midway-Frachter. »Das Schiff hat unerwartete Fracht an Bord.«

»Wie bitte?« Er machte sich keine Mühe, seine Verärgerung zu überspielen. Wenn Midway jetzt irgendwelche Tricks versuchte, nachdem seine Flotte so viel geleistet hatte, um das System zu beschützen …

»Nichts Schlimmes, würde ich sagen. Zwei Repräsentanten von General Drakon. Sie haben sich auf dem privaten Komm-Kanal gemeldet, den ich bislang für meine Kommunikation mit Präsidentin Iceni benutzt habe.« Rione verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Ich habe mich bereits erkundigt, ob sie Sie bitten wollen, General Drakon beim Sturz von Präsidentin Iceni zu unterstützen. Sie beteuern, dass sie nicht aus diesem Grund hier sind.«

»Gut. Diese Unterstützung hätten sie sowieso nicht erhalten.« Mit den Fingern trommelte er auf die Armlehne, während er Riones Bild skeptisch betrachtete. Sie hatte jedes Recht, müde und erschöpft zu sein, immerhin verhandelte sie bereits seit über einer Woche mit den Behörden, mühte sich mit CEO Boyens ab und arbeitete daran, die Kommunikation mit den Tänzern weiterzuentwickeln.

»Und was wollen die beiden?«, fragte Geary. »Was gibt es derart Geheimes, dass sie herkommen mussten, um das persönlich zu besprechen?«

»Etwas, über das sie nur mit Ihnen reden wollen. Unter vier Augen. Sie können davon ausgehen, dass es sich um eine Angelegenheit handelt, die so brisant ist, dass man nicht das Risiko eingehen will, belauscht zu werden.«

»Verdammt.« Geary betrachtete das Bild des Frachters auf seinem Display. Er hatte immer wieder aufs Neue erfahren müssen, dass selbst die geheimsten und am besten verschlüsselten Kommunikationskanäle abgehört werden konnten. Daher hatte er Verständnis dafür, wenn sich jemand nicht auf dieses Risiko einlassen wollte. Aber … »Mit mir allein? Nein. Bei diesem Treffen mit den beiden muss auf jeden Fall noch jemand anwesend sein.«

»Ich nicht«, sagte Rione sofort. »Ich kann nicht zulassen, dass es so ausgelegt werden kann, als würde das, was Drakon mitzuteilen hat, von der Allianz-Regierung gebilligt. Erst muss ich genau wissen, um was es geht. Nehmen Sie Ihren Captain mit. Sie hat den gleichen Dienstgrad wie Drakons Repräsentanten, und sie ist ausreichend an Ihrer Sicherheit interessiert, um einzuschreiten, wenn die beiden irgendetwas versuchen sollten.«

»Es würde Ihnen bestimmt nicht wehtun, wenn Sie gelegentlich Tanya Desjanis Namen nennen würden«, betonte er.

»Woher wollen Sie wissen, dass es nicht wehtun würde?«, gab sie mit einem Lächeln zurück, das Vieles bedeuten konnte. Geary beabsichtigte nicht, sich mit einer dieser Möglichkeiten eingehender zu beschäftigen. »Sie müssen einem Shuttle die Erlaubnis geben, Drakons Leute auf die Dauntless zu bringen. Viel Spaß.«

Nachdem die Verbindung zu Rione geschlossen war, sah Geary zu Desjani, die so tat, als habe sie diese Unterhaltung gar nicht bemerkt. »Haben Sie irgendwas davon mitbekommen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ihre Privatsphäre wurde aktiviert. Was wollte die Frau von Ihnen?«

»Ist es eigentlich so schwer, Victoria Riones Namen auszusprechen?«, fragte er, obwohl er das besser wissen sollte.

»Ja, das ist so schwer.«

»Okay.« Er würde in diesem Punkt niemals irgendetwas erreichen können, also ließ er Desjani stattdessen nur wissen, was Rione ihm mitgeteilt hatte. »Ich werde einem der Shuttles sagen, dass sie die beiden herbringen sollen. Dann werden wir ja sehen, was sie uns mitteilen wollen.«

»Mögen die Vorfahren uns beistehen«, murmelte Desjani und wandte sich an ihre Wachhabenden. »Ich benötige gefechtsbereite Marines als Wachen im Shuttlehangar, Konferenzraum 4D576 soll gesichert und geräumt werden, und für alle Korridore vom Hangar zum Konferenzraum gilt bis auf Weiteres ein Zugangsverbot.«

»Ja, Captain«, erwiderte Lieutenant Castries sofort.

Als Geary und Tanya wenig später den Shuttlehangar erreichten, standen die Marines in kompletter Gefechtsausrüstung bereit. Desjani lächelte zufrieden. »Hervorragend. Es geht nichts über ein paar Marines, wenn man Syndiks wirklich beeindrucken will.« Dann betrat sie als Erste den Hangar, wo das gelandete Shuttle auf sie wartete, ohne die Rampe herabgelassen zu haben. »Aufmachen«, befahl Desjani.

Die Rampe klappte herunter, und Geary stellte sich so hinter das Shuttle, dass er ins Innere sehen konnte.

Nur Sekunden später tauchten die beiden Repräsentanten von General Drakon am Kopf der Rampe auf. Geary hatte beide schon einmal gesehen, als sie bei einer der Unterhaltungen mit Drakon im Hintergrund gestanden hatten. Ein Mann, eine Frau, beide trugen Uniform. Als sie mit gemäßigten Schritten auf ihn zukamen, verspürte er eine unerklärliche Unruhe. Keiner von ihnen machte einen gefährlichen Eindruck, doch eine innere Stimme warnte Geary, diese beiden nicht zu unterschätzen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die Marines ihre Haltung leicht veränderten, um auf alles gefasst zu sein, was die beiden womöglich versuchen würden.

Bis zu diesem Moment war Geary nicht in den Sinn gekommen, dass Drakons Repräsentanten womöglich hergekommen waren, um einen Anschlag auf ihn zu verüben. Ein unverzeihlicher Fehler seinerseits, ging es hier doch um eine unmittelbare Begegnung mit Syndiks, wie ihm erst jetzt richtig bewusst wurde. Glücklicherweise war Tanya umsichtiger gewesen und hatte die Marines hinzugeholt.

»Colonel Morgan«, stellte die Frau sich vor, als würde ihm der Name alles über sie sagen, was er wissen wollte. Es war, als hätte Geary nur gesagt: »Ich bin Black Jack.« So etwas machte er jedoch nie, von daher war seine Verwunderung über diese Frau noch etwas größer. Sie strahlte einfach auf arrogante Art Können aus. Auch war sie unbestreitbar attraktiv, jedoch auf eine Weise, die Geary ebenfalls beunruhigte, und sie bewegte sich mit der unbewussten Anmut einer Frau, die als Tänzerin ausgebildet worden war oder eine tödliche Kampfsportvariante beherrschte. Colonel Morgan ignorierte die Anwesenheit der Marines, als seien die völlig bedeutungslos. Geary überkam das unangenehme Gefühl, dass diese Frau – wäre sie hergeschickt worden, um ihn aus dem Weg zu räumen – sich durch die Präsenz der Marines von der Erledigung ihres Auftrags nicht hätte abbringen lassen.

»Colonel Malin«, sagte der Mann etwas förmlicher. Er wirkte zurückhaltender und klang so ehrerbietig, wie man es von einem Untergebenen erwarten sollte. Dennoch vermittelte auch er den Eindruck, dass es für ihn keine Aufgaben gab, die er als zu schwierig bezeichnen würde. Er strahlte nicht annähernd diese Aura der Bedrohung aus, von der Morgan umgeben war, dennoch warnten Gearys Instinkte ihn, Malin ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Aus den offiziellen Unterredungen mit General Drakon hatte Geary sich ein umfassendes Bild von diesem Mann machen können. Natürlich hatte es keine inoffiziellen Gespräche gegeben. Geary sah in ihm einen professionellen Offizier, vielleicht vergleichbar mit einem Senioroffizier der Allianz.

Aber Drakon umgab sich mit diesen beiden Colonels als seinen engsten Adjutanten. Tat er es, weil das bei den Syndikatwelten so üblich war? Oder fühlte sich Drakon selbst behaglich, wenn er Individuen in seiner Nähe wusste, die todbringend kompetent waren?

Geary versuchte sich nicht anmerken zu lassen, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen, und nickte den Colonels zu. Zweifellos wussten sie, wer er war, deshalb deutete er nur auf Tanya. »Captain Desjani.«

Er hätte schon blind sein müssen, um nicht die abschätzenden Blicke zu bemerken, die nach der denkbar knappen gegenseitigen Vorstellung zwischen den dreien hin und her gingen. Tanya betrachtete die beiden, als hätte sie eine Streitmacht aus feindlichen Schiffen vor sich. Sie merkte den zweien ganz offensichtlich die Bedrohung an, die von ihnen ausging.

Den Weg zum gesicherten Konferenzraum legte die Gruppe zügig und schweigend zurück.

Auch die Marines sagten nichts. Die Korridore waren wie von Tanya angeordnet geräumt und für alle Unbefugten gesperrt worden.

Im Konferenzraum wartete Geary, bis Tanya die Luke verschlossen hatte. Die Marines mussten draußen warten, obwohl das Geary gar nicht so recht war. Er setzte sich hin und nickte den beiden Colonels zu, ohne ihnen ausdrücklich einen Platz anzubieten. »Was gibt es so Wichtiges, dass Ihr General zwei Repräsentanten persönlich zu uns schickt? Was ist so vertraulich, dass es nicht auf dem mit den besten Methoden gesicherten Kanal übermittelt werden konnte?«

Anstatt auf seine Fragen zu antworten, sahen die beiden Desjani an; Malin auf eine fragende, Morgan auf eine herausfordernde Weise. »Die Angelegenheit ist ausschließlich für Sie bestimmt«, sagte Morgan dann.

»So lauten unsere Befehle«, ergänzte Malin und warf dabei Morgan einen Blick zu, der durchaus als verärgert gedeutet werden konnte. »Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis, Admiral.«

Geary lehnte sich nach hinten, um zu unterstreichen, dass er sich in seiner Autorität nicht bedroht fühlte. »Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich mir auf meinem eigenen Flaggschiff keine Vorschriften machen lasse. Captain Desjani ist die Befehlshaberin dieses Schiffs und meine vertrauenswürdigste Beraterin. Sie wird bei jeder Unterhaltung anwesend sein.«

Malins Zögern war fast nicht zu bemerken, als er zustimmend nickte. Morgan machte diesmal einen fast amüsierten Eindruck, als sie zwischen Geary und Desjani hin und her sah. »Wir sind mit … besonderen Beziehungen vertraut«, sagte sie in einem Tonfall, der Tanya dazu veranlasste, die Lippen zusammenzupressen.

Die Anspielung gefiel Geary auch nicht, aber er würde vor den beiden nicht seine Beziehung zu Tanya rechtfertigen. »Dann reden Sie weiter.«

Colonel Malin ergriff das Wort und klang wieder respektvoll und förmlich. »Präsidentin Iceni hat uns gebeten, ihre persönliche Bitte um ein Treffen mit den Tänzern weiterzuleiten.«

»Wir haben Präsidentin Iceni bereits wissen lassen«, entgegnete Geary achselzuckend, »dass die Tänzer einen direkten Kontakt mit ihr und mit jedem anderen Bewohner des Midway-Systems ablehnen. Den Grund dafür kennen wir nicht, weil die Tänzer ihn uns nicht erklärt haben. Ich werde sie noch einmal fragen, aber ich gehe nicht davon aus, dass die Antwort diesmal anders lauten wird.«

»Ihre Präsidentin«, warf Desjani ironisch ein, »wird die Tänzer vielleicht gar nicht persönlich kennenlernen wollen.«

»Wir haben die Bilder gesehen, die Sie zur Verfügung gestellt haben«, sagte Malin mit dem Anflug eines Lächelns. »Wir wissen, die Tänzer sind …«

»… abscheulich«, ergänzte Colonel Morgan.

»Aber sie haben Ihnen das Leben gerettet«, wandte Desjani in einem trügerisch freundlichen Tonfall ein.

»Wir möchten den Tänzern dafür danken, dass sie das Enigma-Bombardement abgelenkt haben, das unsere Welt hatte treffen sollen«, sagte Malin, ehe sich Morgan erneut zu Wort melden konnte. »Wir würden ihnen gern persönlich danken, wenn Sie ihnen das ausrichten könnten.«

»Ich werde es weiterleiten«, gab Geary unverbindlich zurück.

»General Drakon lässt außerdem die persönliche Bitte ausrichten, dass wir Zugang zu dem Schiff erhalten, das Sie Invincible nennen, Admiral. Uns ist klar, dass jeder Zugang erheblich eingeschränkt wäre und …«

»Nein«, unterbrach Geary ihn. »Wir wissen noch zu wenig über das Schiff. Ich weiß von Ihrem General, wie besorgt Sie alle sind, dass gut getarnte Spione der Syndikatwelten in diesem Sternensystem noch immer ihr Unwesen treiben. Ich kann nicht das Risiko eingehen, dass unsere bislang mageren Erkenntnisse über das Schiff in die Hände des Syndikats gelangen. Colonel, Sie wissen so gut wie ich, dass keines Ihrer bislang vorgetragenen Anliegen einen persönlichen Besuch auf diesem Schiff rechtfertigt. Was also wollen Sie wirklich?«

Malin nickte und schaute so drein wie ein Mann, der seinen Gegner dafür bewundert, dass er sich nicht hat täuschen oder ablenken lassen. »Es hat sich eine Gelegenheit ergeben, Admiral. Eine Gelegenheit, um eine Sache aus der Welt zu schaffen, die Sie genauso betrifft wie General Drakon und Präsidentin Iceni. Solange CEO Boyens eine Flotte der Syndikatwelten befehligt, die sich in unserem System aufhält und die stärker ist als unsere mobilen Streitkräfte, können wir nicht in Sicherheit leben. Ihr bisheriges Handeln und Ihre Gespräche mit unseren Vorgesetzten haben General Drakon und Präsidentin Iceni zu der Ansicht gelangen lassen, dass Ihnen auch daran gelegen sein dürfte, vor Ihrer Abreise mitansehen zu können, wie CEO Boyens mit seiner Flotte unser System verlässt.«

»Oder – wenn Sie in der Laune sind – einen Anlass zu finden, diese Flotte zu zerstören«, ergänzte Colonel Morgan und lächelte dabei flüchtig, als spiele sie auf einen Witz an, der ihnen allen geläufig war.

»Was für ein Anlass sollte das sein?«, fragte Geary, ohne dabei Morgan unmittelbar anzusprechen. Je länger er sie um sich hatte, umso beunruhigender wirkte sie auf ihn. Das lag nicht nur an ihrem attraktiven Aussehen, sondern auch an dieser lässigen Haltung; wie bei einem Panther, der wusste, wie überlegen er war und wie schnell und tödlich er zuschlagen konnte. Colonel Morgan war eine gefährliche Frau, und sie war von einem völlig anderen Schlag als Tanya. Es ärgerte Geary, dass ein Teil von ihm die von ihr ausgehende Bedrohung als faszinierend empfand.

Er wusste nicht, inwieweit Tanya ihm das anmerkte. Ihr Blick war auf Malin gerichtet, nicht auf Morgan. Allerdings hatte er diese Art von Irreführung bei Desjani schon früher beobachtet. Morgan hatte Tanyas Haltung vermutlich auch gespürt, weshalb sie mit nachlässig überspielter Belustigung reagierte, was Tanya nur noch mehr provozierte.

Doch dann bemerkte Geary, wie Desjani sich deutlich entspannte und selbst ein Lächeln aufsetzte. Ein taktischer Zug. Sie hatte Morgans Absicht analysiert und daraufhin ihre eigene Herangehensweise der Situation angepasst.

Malin, der wie Geary so tat, als hätte er nichts von dem mitbekommen, was sich zwischen Desjani und Morgan abspielte, redete unbeirrt weiter: »Einen Anlass könnte der Schwere Kreuzer bieten, der vor Kurzem in unserem System eingetroffen ist. C-712 hat unser Angebot abgelehnt, hier in Midway zu bleiben. Wir haben daraufhin angeboten, einen unserer eigenen Schweren Kreuzer C-712 als Eskorte zur Seite zu stellen, damit sie ihr Heimatsystem sicher erreichen können.«

»Wie nett von Ihnen«, kommentierte Desjani in einem sachlichen, wenn auch aufgesetzten Tonfall.

»Jemandem einen wichtigen Gefallen zu tun, ist ein Mittel, um neue Freunde zu gewinnen, und Midway kann derzeit jeden neuen Freund gebrauchen«, erwiderte Malin. »Freunde, die Schwere Kreuzer besitzen, können besonders nützlich sein, wenn Sie erst wieder von hier abgereist sind, Admiral. Solche Freunde können uns jetzt einen Gefallen tun, ohne es selbst zu wissen. General Drakon und Präsidentin Iceni schlagen eine Vorgehensweise vor, die unsere Eskorte einbezieht und die Ihren Interessen genauso dienen würden wie unseren, Admiral. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir uns Boyens vornehmen, vorausgesetzt, wir unternehmen alle erforderlichen Maßnahmen, um sicherzustellen, dass er nicht einmal ahnt, dass wir ihm eine Falle stellen.«

Geary hatte keine Probleme, Desjanis wortlose Reaktion zu deuten. Nein. Keine Abmachungen mit den Syndiks. Keine »Zusammenarbeit« mit Syndiks.

Aber es konnte nicht schaden, sich anzuhören, was genau die beiden ihnen vorschlagen wollten. »Sagen Sie uns, was Ihnen vorschwebt«, forderte er Malin auf.

Sie hatten die beiden Colonels zum Shuttle begleitet, und nachdem das Schiff den Hangar verlassen hatte, drehte sich Geary zu Desjani um und sah sie fragend an.

»Nein.«

»Und wieso nicht?«, wollte er wissen.

»Weil wir ihnen nicht vertrauen können.« Sie deutete auf die Stelle, an der sich eben noch das Shuttle befunden hatte. »Wie krank im Kopf muss man sein, um sich einen solchen Plan auszudenken?«

»Aber der Plan könnte funktionieren und unser Problem namens Boyens lösen.«

Desjani legte die Stirn in Falten und zuckte mit den Schultern. »Könnte sein. Was werden Sie nun machen?«

»Wir müssen uns die Idee von mindestens einem der Allianz-Gesandten absegnen lassen, sonst geht das nicht. Ich werde ihnen vorlegen, was Colonel Malin vorgeschlagen hat, und dann werden wir ja sehen, was sie dazu sagen.«

»Das dürfte interessant werden. Ich möchte zu gern wissen, wie sie auf den Vorschlag reagieren, dass Sie diesen Plan als Vorwand benutzen, um Boyens’ Schlachtschiff zu zerstören.« Desjani sah ihn mit ironischer Miene an. »Apropos – Ihnen schien nicht zu gefallen, wie viel Aufmerksamkeit Colonel Morgan Ihnen geschenkt hat.«

»Sie hat nicht …«

»Nein, natürlich nicht. Nicht im Geringsten. Hey, Mr. Admiral, wollen Sie mal vom Apfel abbeißen? Sie müssen mir nur zuzwinkern

»Ich habe nicht …«

»Nein, das weiß ich. Dafür sind Sie auch viel zu intelligent.«

»Tanya, ich bin mir sicher, sie wusste gar nicht, dass ich verheiratet bin.«

»Bei den Vorfahren! Meinen Sie wirklich, das hätte sie gekümmert?«

Desjani hielt inne, obwohl sie eigentlich im Begriff war, auf die Brücke zurückzukehren. Ihr Verhalten war das eines Menschen, der mit sich selbst rang. »Bevor Sie in dieser Sache eine Entscheidung treffen, müssen Sie mit mir mitkommen.« Mehr sagte sie nicht, und er folgte ihr verwundert, bis sie vor Tanyas Quartier standen. »Wir müssen für ein paar Minuten unter vier Augen riskieren, dass die Leute über uns reden. Aber es geht nicht anders.«

»Wieso?« Er hatte ihr Quartier nur äußerst selten aufgesucht, um den Abstand zu ihr einzuhalten, den die Disziplin an Bord erforderte.

»Drinnen.« Tanya wartete, bis Geary eingetreten war, dann folgte sie ihm und verschloss die Luke. Einen Moment lang stand sie nur da und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. »Hören Sie, ich weiß, dass viele von den Dingen, die wir vor Ihrem Auftauchen im Krieg getan haben, gegen Ihr Ehrgefühl verstoßen.«

»Aber Sie haben aufgehört …«

»Warten Sie.« Sie ließ ihre Hand sinken und sah ihn offen und ehrlich an. »Wenn Sie wollen, dass dieses Syndik-Schlachtschiff verschwindet, dann lässt sich das arrangieren, ohne dass eine Spur zum Verursacher führt. Und ohne dass wir mit Leuten kooperieren, die zwar von sich behaupten, keine Syndiks mehr zu sein, die aber immer noch genau wie Syndiks denken.«

»Und wie soll es geschehen, dass dies Schiff verschwindet?«

»Es verschwindet im Sinne von ›es wird zerstört‹.« Tanya ging ein paar Schritte auf und ab. »Sie wissen, wie das ist. Manchmal muss man etwas Bestimmtes einfach tun. Obwohl man den Befehl erhalten hat, es nicht zu tun. Und dann muss man wissen, wie man das trotzdem macht und dabei keine Spuren hinterlässt, die einen Hinweis darauf geben, was passiert ist.«

Verblüfft sah Geary sie an. »Soll das heißen, dass man eine Operation von dieser Größenordnung ausführen und ein Syndik-Schlachtschiff zerstören kann, ohne dass sich anschließend nachvollziehen lässt, wer das wie in die Wege geleitet hat? Obwohl jedes noch so winzige Detail in der Existenz eines Schiffs der Allianz-Flotte automatisch aufgezeichnet und gespeichert wird?«

Sie hob beiläufig die Schultern. »Ja.«

»Aber selbst wenn es gelänge, sämtliche Flottensysteme so umfassend zu umgehen, wüssten doch viel zu viele Leute, was wir …«

»Niemand redet. Absolut niemand.« Tanya sah ihn fast herausfordernd an. »Es ist nicht oft vorgekommen, aber manchmal mussten wir es machen. Und weil wir es machen mussten, kamen wir dahinter, wie es funktionieren kann. Wenn Sie das Schiff wirklich aus dem Weg räumen wollen, dann können wir dafür sorgen, dass es passiert ist, ohne dass irgendein Beweis zurückbleibt, der uns belasten könnte.«

»Aber die Systeme der Bewohner in diesem Sternensystem werden alles beobachten!«, wandte er ein. So ganz konnte er ihren Worten noch immer nicht glauben.

»Ich bitte Sie, Admiral. Wenn die offiziellen Aufzeichnungen eines Schiffs der Allianz-Flotte sagen, es hat sich so zugetragen, und wenn dann die Leute in einem System, das bis vor Kurzem zu den Syndikatwelten gehörte, etwas anderes behaupten – wem wird man dann wohl Glauben schenken?«

Geary wandte sich zur Seite und versuchte nachzudenken. Wenn die Angehörigen dieser Flotte kein Problem damit hatten, Zivilisten zu bombardieren und Gefangene zu töten, was mussten das dann für Maßnahmen gewesen sein, dass sie in der offiziellen Aufzeichnung nicht auftauchen durften? Ich kann mir gar nicht vorstellen, was …

Desjanis Stimme unterbrach ihn in seinen immer düsterer werdenden Gedankengängen. »Es ging dabei nicht um Grausamkeiten gegenüber dem Feind, Admiral. Die durften wir ganz offiziell begehen.«

Ihr Tonfall war verbittert und verletzend, doch als Geary sich zu ihr umdrehte, wurde ihm klar, dass sie diese Gefühle gegen sich selbst richtete.

»Es ging darum, Befehle nicht auszuführen«, redete sie leiser weiter. »Es ging darum, das zu tun, was getan werden musste. Oder darum, irgendwelche idiotischen Befehle nicht zu befolgen. Sie wissen fast so gut wie ich, wie idiotisch offizielle Befehle sein können. Und nun stellen Sie sich mal vor, was das für Befehle gewesen sein müssen, dass wir uns dazu veranlasst sahen, eine Methode zu entwickeln, wie wir an allen offiziellen Aufzeichnungen vorbei sozusagen unsichtbar handeln konnten.«

»Tanya, das übersteigt meine Vorstellungskraft.«

»Dann seien Sie froh«, sagte sie schroff und wich seinem Blick aus. »Sie können es sich nicht vorstellen. Sie haben es nicht mitgemacht. Seien Sie froh.«

»Es tut mir leid.«

»Es soll Ihnen nicht leidtun. Wir taten, was wir tun mussten, und das mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen.«

Er starrte vor sich aufs Deck und biss sich so fest auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. »Also gut. Wie bewerkstelligen Sie es, dass etwas geschieht, ohne dass es aufgezeichnet wird?«

»Ich verbreite den Befehl. Fragen Sie nicht nach dem Wie. Die Basis wird geschaffen, und sobald das passiert ist, werde ich es Ihnen sagen, und dann geben Sie den Befehl für die Operation. Nachdem der letzte Schuss abgefeuert worden ist, werden die Flottenaufzeichnungen aussagen, dass alle beteiligten Schiffe mit Routineabläufen beschäftigt waren. Und kein Matrose und kein Offizier wird den Aufzeichnungen widersprechen.« Sie schüttelte den Kopf. »Jetzt sehen Sie mich doch nicht so schockiert an. Menschen haben so was gemacht, seit die ersten von ihnen losgeschickt wurden, um andere Leute zu töten. Heutzutage bedeutet es mehr Aufwand, die offiziellen Aufzeichnungen zu säubern, aber die Methode ist schon uralt.«

Sein Blick wanderte zu einer Metalltafel neben der Luke, die eine lange Namensliste aufwies: die Namen der zahlreichen gefallenen Kameraden, mit denen Desjani gedient hatte und die nicht in Vergessenheit geraten durften. »Ja, das weiß ich, Tanya. Es sieht so aus: Wenn ich auf Ihren Vorschlag eingehe, dann kommt es zu einer weiteren Schlacht, bei der noch mehr Menschen sterben werden, sehr wahrscheinlich auch einige von unseren Leuten. Schlachtschiffe lassen sich nur mit Mühe zerstören. Wenn erst mal das Feuer eröffnet wird, könnte Boyens in einer letzten Trotzreaktion sogar das Hypernet-Portal unter Beschuss nehmen. Aber wenn ich mich für den von den beiden Colonels vorgeschlagenen Plan entscheide, müssen wir vielleicht gar nicht kämpfen, und ich kann notfalls immer noch auf Ihren Vorschlag zurückgreifen.«

Sie ließ sich Zeit mit ihrer Erwiderung: »Boyens wird vielleicht nicht so reagieren, wie diese Leute es sich erhoffen.«

»Aber nach allem, was wir über ihn wissen und wie er sich verhält, ist es wahrscheinlich, dass er so reagiert. Außerdem kennen die ihn besser als wir.«

»Das … kann ich nicht abstreiten«, sagte Tanya sichtlich widerstrebend.

»Tanya, wenn wir das Feuer eröffnen, dann interessiert mich nicht, was die Flottenaufzeichnungen besagen. Die Syndiks könnten das als Vorwand benutzen, um den Krieg wiederaufleben zu lassen. Und Sie wissen, wie diese Flotte und die Allianz reagieren werden, wenn der Krieg erneut ausbricht.«

»Ja.« Sie drehte sich zu ihrem Schreibtisch um und stützte sich mit beiden Händen darauf ab, während ihr Körper in sich zusammenzusinken schien. »Bei meinen Vorfahren, ich bin es so schrecklich leid, Jack, solche Dinge machen zu müssen. Ich bin es leid. Aber wenn es getan werden muss, werde ich es machen. Und wenn du findest, wir sollten es nicht machen, dann werde ich deine Einschätzung akzeptieren. Du hast viel öfter richtiggelegen als ich.«

»Nein, das habe ich nicht.« Behutsam streckte er die Hand aus, aber ihren Arm berührte er nur ganz leicht. Er wollte Tanya festhalten, er wollte die Arme um sie legen und sie an sich drücken, um ihr allen Trost zu spenden, den er ihr geben konnte. Aber das durfte nicht passieren. Nicht zwischen einem Admiral und der Befehlshaberin seines Flaggschiffs. An Bord der Dauntless waren sie beide immer im Dienst. »Tanya, ich werde dein Angebot im Hinterkopf behalten. Aber ich möchte lieber nicht darauf zurückgreifen.«

»Du und deine verdammte Ehre«, sagte sie in einem spöttischen Ton und lächelte Geary traurig an. »Wo wir gerade so ehrlich und offen reden: Hast du wirklich nichts davon bemerkt, wie diese Colonel Morgan dich angesehen hat?«

»Doch.« Er rieb sich den Nacken und verzog den Mund. »Und ich muss dazu sagen, dass sie mit zu den gefährlichsten Dingen gehört, die mir je unter die Augen gekommen sind.«

»Ganz genau.« Sie lächelte ihn etwas fröhlicher an. »Ich glaube, ich habe dir etwas beigebracht.« Ihre Hand näherte sich der Bedieneinheit für die Luke. »Dann lass uns von hier verschwinden, bevor noch Gerüchte die Runde machen.«

Geary bestellte beide Gesandten der Allianz-Regierung in den gleichen Konferenzraum, in dem er sich mit Colonel Morgan und Colonel Malin getroffen hatte. Dort angekommen, zeigte er ihnen die Aufzeichnung des Treffens, wobei die Bilder der zwei Midway-Offiziere dort zu sehen waren, wo sie sich während des Besuchs aufgehalten hatten. Nachdem der Mitschnitt beendet war, warf Victoria Rione ihm einen Blick zu, der sich zu seinem Schrecken nur unwesentlich von dem Blick unterschied, mit dem Tanya ihn bedacht hatte.

»Sie ist ein richtiges Früchtchen, nicht wahr?«

»Sie meinen Colonel Morgan«, sagte er und sah Rione skeptisch an. »Wenn sie doch so eindeutig Sie und andere Leute provoziert, dann frage ich mich, warum sie gemeinsam mit Colonel Malin hergeschickt wurde.«

»Oh, das lässt sich leicht erklären.« Rione lächelte ihn amüsiert an. »Zunächst einmal hätte es sein können, dass Sie von dem, was Colonel Morgan Ihnen angeboten hat, angetan gewesen wären, um es einmal so auszudrücken. Sie wären nicht der erste Mann, der auf einen solchen Köder anspringt, und wenn Sie das getan hätten, dann wäre es ihnen möglich geworden, das auf vielerlei Weise auszunutzen. Zum Beispiel hätte es sein können, dass Sie auf deren Vorschlag eingehen, weil Sie sich erhoffen, enger mit Colonel Morgan zusammenzuarbeiten.«

Geary wurde bewusst, dass seine Verärgerung über ihre Worte wenigstens zum Teil in der Erkenntnis begründet war, dass ihm ein solcher Gedanke tatsächlich hätte kommen können. »Ich würde niemals …«

»Ich sage auch nicht, dass Sie das würden, Admiral, aber ich vermute, dass noch zwei andere Gründe für ihre Anwesenheit gesprochen haben. Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie und Ihr Captain umso positiver auf Colonel Malin reagiert haben, je unsympathischer Ihnen Colonel Morgan wurde? Sie hat Sie beide dazu gebracht, Malin leichter zu akzeptieren.«

»Verdammt.« Zu gern hätte Geary auch in diesem Punkt widersprochen, aber ihm war klar, wie viel Wahrheit in ihren Worten steckte.

»Das ist noch nicht alles. Wenn ich mich auf meine Kenntnisse über die Körpersprache verlassen kann, dann vertrauen sich die beiden gegenseitig so wenig, wie wir ihnen vertrauen. Ich glaube, wir können davon ausgehen, dass Colonel Morgan und Colonel Malin sich untereinander argwöhnisch beäugt haben.«

Der Gesandte Charban beobachtete Rione mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, dem soeben klar wurde, wie viel er noch zu lernen hatte. »Sie verhalten sich immer noch wie Syndiks, nicht wahr?«, warf er ein. »Ein Dutzend Dinge laufen da gleichzeitig ab, hinter allem verbirgt sich noch etwas, und alles ist untereinander verstrickt.«

»Damit kennen sie sich aus«, erwiderte Rione. »Und sie beherrschen dieses Handwerk, wenn man es denn als solches bezeichnen will.« Sie betätigte einige Tasten. »Haben Sie das hier gesehen? Die Sensoren hier im Raum haben das aufgefangen.«

Beim aufgezeichneten Bild von Morgan wurde an einem Handgelenk ein Objekt leuchtend hervorgehoben, welches so sorgfältig an ihre Haut angepasst worden war, dass man es mit dem bloßen Auge nicht erkennen konnte. »Was ist das?«, fragte Geary.

Rione betätigte weitere Tasten, dann sah sie zwischen ihm und Charban hin und her. »Keine Bedrohung, dann wären Sie darauf aufmerksam gemacht worden. Es handelt sich um ein sehr hochentwickeltes Aufzeichnungsgerät, und wenn ich mich

nicht irre, ist es versiegelt, damit weder Morgan noch Malin irgendwelche Manipulationen vornehmen können.«

»Dann vertraut man ihnen also auch nicht«, kommentierte Charban.

»Könnte sein. Auf jeden Fall würde Präsidentin Iceni so einen exakten Mitschnitt dieser Unterhaltung erhalten. Das könnte erklären, warum sie zwei von Drakons Leuten die Erlaubnis gegeben hat, Ihnen ihren Vorschlag zu überbringen.« Rione stützte den Kopf auf ihrer Hand ab. »Aber dieser Plan, den sie vorschlägt … der könnte funktionieren.«

»Können wir es wagen, ihnen zu vertrauen, dass sie ihn auch so ausführen werden?«, fragte Charban. »Und wem vertrauen wir? Drakon und Iceni? Oder Morgan und Malin?«

»Allen oben Genannten«, meinte Geary, woraufhin Charban ihm lächelnd zunickte, da er die Pointe verstanden hatte. Irgendwann vor langer Zeit war man bei der Flotte dazu übergegangen, in Tests bei fast allen Multiple-Choice-Fragen als eine der Antwortmöglichkeiten »Alle oben Genannten« vorzugeben. Auch wenn Charban so wie Rione als Gesandter der Regierung die Flotte begleitete, hatte Geary mit dem im Ruhestand befindlichen General der Bodenstreitkräfte mehr gemeinsam als mit der Politikerin Rione.

Die seufzte in diesem Moment überzogen dramatisch. »Drakon und Iceni hätten die zwei nicht hergeschickt, wenn sie ihnen nicht vertrauten … Nein, ›Vertrauen‹ ist das falsche Wort. Allerdings weiß ich auch nicht, wie der richtige Begriff lautet. Es ist irgendein Syndik-spezifisches Konzept, bei dem man eine klare Vorstellung davon hat, ob eine Person einen hintergehen wird oder nicht. Ihnen ist klar, dass das Ganze ohne die volle Kooperation und Unterstützung durch mich und durch den Gesandten Charban nicht funktionieren wird, richtig?«

»Ja«, bestätigte Geary. »Mich überrascht nur, dass das diesen Colonels beziehungsweise Drakon und Iceni nicht auch klar war.«

»Das überrascht Sie?« Rione lachte kurz auf. »Hätte es Captain Badaya überrascht?«

»Nein, aber er glaubt ja auch …«

»… dass Sie in Wahrheit die Kontrolle über die Allianz ausüben und dass die Regierung nur ein Marionettentheater ist, das Ihre Befehle ausführt.« Rione lächelte ihn auf eine unangenehme Art an. »Natürlich denken diese ehemaligen Syndiks das Gleiche. Wer würde denn schon nicht nach einer solchen Machtposition greifen, wenn er sie ohne Mühe erlangen kann? Sie haben darauf verzichtet, Admiral, aber Drakon und Iceni gehen ganz sicher davon aus, dass Sie sich die Chance nicht haben entgehen lassen.«

Wieder sah Geary verärgert zur Seite. »Also gut. Dann gehen sie nicht davon aus, dass ich mit Ihnen beiden darüber reden muss, um mir Ihre Zustimmung einzuholen. Aber ich muss es, und ich frage Sie, was Sie dazu sagen.«

»Meine Empfehlung lautet, dass wir es machen sollten, Admiral. Natürlich ist es riskant, weil wir unser Vertrauen in Leute setzen müssen, die sehr dehnbare Vorstellungen davon haben, was es heißt, Wort zu halten. Aber es wird unser Problem ebenso lösen wie ihres.«

»Eigeninteresse«, warf Charban ein. »Die sind viel stärker als wir daran interessiert, dass es funktioniert.«

»Ganz genau. Für uns wäre es unerfreulich, wenn wir dieses System verlassen würden, während Boyens nach wie vor über seine überlegene Feuerkraft verfügt. Für Midway dagegen wäre das eine Katastrophe.«

»Also gut«, sagte Geary. »Ich werde das vereinbarte Codewort an den Frachter übermitteln, und dann bringen wir das Ganze auf den Weg. Wenn das schiefgeht, könnte es uns teuer zu stehen kommen.«

Rione schüttelte den Kopf und wirkte wieder müde und erschöpft. Sie war im Verlauf dieser Mission deutlich gealtert und erschien ihm inzwischen mindestens zehn Jahre älter als bei ihrer ersten Begegnung.

»Es wird uns so oder so teuer zu stehen kommen, ganz gleich was wir tun. Es gibt keine Optionen, die nicht wehtun, Admiral. Haben die hiesigen Behörden eigentlich Ihr Angebot angenommen, Captain Bradamont als Verbindungsoffizierin der Allianz auf Midway zurückzulassen?«

»Ja.«

»Gut. Davon können wir Gebrauch machen. Auf CEO Boyens wartet schon bald eine Überraschung.«

Zwei

Es sollte ungefähr zwei Wochen dauern, den von den Herrschern von Midway vorgeschlagenen Plan umzusetzen und zum Abschluss zu bringen. Zwei Wochen, die die Allianz-Flotte hätte nutzen sollen, um nach Hause zu fliegen. Aber mit Blick auf die sehr lange Liste aller noch erforderlichen Reparaturen auf vielen seiner Schiffe versuchte Geary, das Beste aus der Wartezeit zu machen.

»Was ist eigentlich aus diesen Plänen geworden, auf Raumschiffen vollautomatische Reparatursysteme auf Nanobasis zu installieren?«, fragte Geary an Captain Smythe gerichtet, den befehlshabenden Offizier des Hilfsschiffs Ta n u k i und Senioringenieur der Flotte.

Smythe verdrehte die Augen und grinste. »Das, was aus vielen Plänen wird, nämlich nichts. Soweit ich weiß, liegt der letzte Test ungefähr fünf Jahre zurück. Die zweite Generation der Nanos begann, die ›gesunden‹ Teile des Testschiffs anzugreifen. Ein Teil der Nanos entwickelte sich zu einer Art Nanokrebs und begann, völlig unkontrolliert Teile zu replizieren und wichtige Systeme zu beschädigen. Das Reparatursystem benötigte ungefähr zwei Tage, um das Schiff in ein Wrack zu verwandeln.«

»Also das gleiche Problem wie vor hundert Jahren«, sagte Geary.

»Und wie auch schon lange davor. Wir arbeiten ja immer noch daran, dass die Reparatur- und Immunsysteme in unserem Körper nicht durchdrehen und uns umbringen«, betonte Smythe. »Und die hatten ein paar Millionen Jahre Zeit, um sich zu entwickeln. Es ist halt nicht so einfach, ein System zu entwickeln, das diejenigen Dinge behebt, die falsch laufen, aber gleichzeitig nichts von dem beschädigt, das in Ordnung ist.«

»Was ist mit dem letzten Testschiff geschehen?«

»Ein automatischer Schlepper hat es weggebracht und sich mit ihm in den nächsten Stern gestürzt. Lebt wohl, ihr kleinen Nanos. Niemand wollte riskieren, dass andere Schiffe infiziert werden. Man könnte mühelos eine ganze Flotte verlieren, ehe man weiß, wie einem geschieht.«

»Wie lange noch, bis wir aufbrechen können?«, wechselte Geary das Thema.

»Heute … oder morgen … oder in ein paar Monaten. Admiral, meine Hilfsschiffe arbeiten so schnell sie können. Unsere Flotte hat zum Teil Schäden erlitten, die nur in einem Raumdock richtig behoben werden können. Je länger wir hier bleiben, umso günstiger ist das für den Allgemeinzustand all unserer Schiffe, aber eine hundertprozentige Reparatur wird erst möglich, wenn wir wieder zu Hause sind.« Smythe legte den Kopf schräg und sah Geary an. »Erwarten Sie, dass wir in weitere Auseinandersetzungen verwickelt werden, bevor wir zu Hause sind?«

»Ich habe keine Ahnung. Ich will es nicht hoffen, aber ich kann es nicht ausschließen. Immerhin sind wir mit dem größten Gefahrenmagnet unterwegs, den man im von Menschen besiedelten Weltraum je zu sehen bekommen hat.«

»Ah, die Invincible.« Smythe wirkte unglücklich und begeistert gleichzeitig. »Sind Sie schon an Bord gewesen? Dieses Schiff stellt einen vor so viele Rätsel. Ich wünschte, wir könnten uns mit ein paar davon beschäftigen.«

»Das können wir nicht riskieren, Captain.«

»Vielleicht würde es mir gelingen, einen Teil des Schiffs vom Rest zu isolieren, dann könnten wir uns wenigstens mit den Funktionsweisen befassen«, versuchte Smythe ihn zu überreden. »Meine Leute werden auch in ihrer Freizeit daran arbeiten. Es juckt ihnen in den Fingern, sich mit der Kik-Ausrüstung zu beschäftigen.«

»Schicken Sie mir Ihren Vorschlag rüber«, lenkte Geary zögerlich ein, »dann werde ich darüber nachdenken.«

Sind Sie schon an Bord gewesen? Nein, das war er nicht. Ich hatte die Chance, ein Raumschiff zu betreten, das von einer intelligenten, nichtmenschlichen Spezies geschaffen worden ist, und ich habe mir das Superschlachtschiff nur aus der Perspektive Dutzender Marines angesehen, als sie das Schiff eroberten.

Wenn wir die Invincible erst mal nach Hause geschafft haben, dann wird man das Schiff völlig von der Außenwelt abschirmen, und es werden nur hochrangige Wissenschaftler an Bord gehen dürfen. Die Invincible wird man in irgendein entlegenes System bringen, in das es mich wahrscheinlich nie verschlagen wird.

Er rief Tanya. »Ich will mir die Invincible ansehen.«

Desjani, die im Kommandosessel der Dauntless saß, nickte gedankenverloren. »Es sind genügend Systeme installiert worden, dass Sie auf der Stelle einen virtuellen Rundgang machen können.«

»Nein, ich möchte das Schiff persönlich besuchen.«

Sie zuckte überrascht hoch, dann zählte sie stumm bis zehn, was an ihren Lippenbewegungen abzulesen war, und zitierte in einem mechanischen, gelangweilten Tonfall: »Ich muss Sie auf die Gefahren hinweisen, die mit dem körperlichen Besuch auf einem Kriegsschiff nichtmenschlicher Herkunft verbunden sind, da sich an Bord unbekannte Gefahren befinden können; beispielsweise mögliche Pathogene, die in der Lage sind, menschliche Wirtskörper zu infizieren. Die Funktionsweise der auf dem Schiff befindlichen Geräte ist uns nicht bekannt, wir wissen nicht, ob sie sich irgendwann von selbst wieder einschalten und welche Konsequenzen das nach sich ziehen kann. Außerdem könnten Aliens die Schlacht überlebt haben und sich irgendwo versteckt halten, wo sie unseren Sensorabtastungen entgangen sind. Sie könnten aus ihrem Versteck kommen und einen Angriff unternehmen, wenn das Ziel bedeutend genug ist.«

»Ihre Bedenken habe ich hiermit zur Kenntnis genommen«, erwiderte Geary.

»Aber Sie wollen trotzdem auf das Schiff.«

»Das dürfte meine einzige Gelegenheit sein, es mir anzusehen, Tanya. Wenn wir erst zurück im Allianz-Gebiet sind, wird man die Invincible ganz sicher unter strenge Quarantäne stellen.«

Sie setzte eine übertrieben erstaunte Miene auf. »Meinen Sie nicht, dass es auch einen guten Grund dafür gibt, dieses Schiff unter Quarantäne zu stellen?«

Als er merkte, dass Desjani weiter dieser durchaus begründeten Argumentation folgen würde, spielte er seinen letzten Trumpf aus. »Tanya, an Bord dieses Schiffs befinden sich derzeit Matrosen und Marines, die von mir hingeschickt wurden. Wollen Sie etwa sagen, dass ich selbst etwas vermeiden sollte, was ich den meinem Kommando unterstellten Leuten befehle?«

Diesmal zog sie die Brauen zusammen und sah ihn finster an. »Sie drehen mir einen Strick aus den Prinzipien für gute Führungskräfte? Das ist schäbig.«

»Na ja, wenn es Ihnen lieber ist, dass ich eine schlechte Führungskr–«

»Ach, jetzt hören Sie schon auf!« Sie tippte etwas auf ihrer Konsole ein. »Sie werden ein Shuttle der Dauntless nehmen.« Es klang nicht nach einer Frage, sondern nach einer Feststellung.

»Natürlich.« Er wusste nur zu gut, dass er besser nicht noch betonen sollte, dass er sie zum Einlenken gebracht hatte. »Soll ich Ihnen ein Souvenir mitbringen?«

»Von dem Ding da?« Ihr Schaudern kam ihm nicht gespielt vor. »Nein, vielen Dank.«

Admiral Lagemann erwartete ihn an der Hauptschleuse, die in den besetzten Bereich an Bord der Invincible führte. Er salutierte zackig und grinste Geary an. Neben ihm stand ein Major der Marines, der ebenfalls salutierte. Bei ihm wirkte die Geste sehr viel glatter und präziser. »Willkommen an Bord der Invincible, Admiral Geary«, sagte Lagemann. »Das ist der Befehlshaber meiner Marines-Einheit, Major Dietz. Ich muss gestehen, das Schiff ist noch nicht ganz für eine Inspektion bereit. Es gibt da ein paar Abweichungen.«

»Abweichungen? Tatsächlich?«, fragte Geary und griff Lagemanns scherzhaften Ton auf, während er selbst versuchte, sich so zu geben wie gewisse aufgeblasene Inspektoren, mit denen er zu seiner Zeit zu tun gehabt hatte.

»Alle Schiffssysteme sind funktionsuntüchtig«, erklärte Lagemann gut gelaunt. »Die meisten Bereiche weisen erhebliche Gefechtsschäden auf, die noch nicht repariert sind. Das Schiff kann sich nicht aus eigener Kraft von der Stelle bewegen, die Energie stammt ausschließlich aus unseren mobilen Notfallgeneratoren. Die Lebenserhaltungssysteme arbeiten nur in einem kleinen Teil des Schiffs, im Rest des Schiffs kann man sich nur in Schutzanzügen oder Gefechtsrüstung aufhalten. Die Mannschaft stellt nur einen winzigen Bruchteil dessen dar, was für die Sicherheit und Bedienung eigentlich erforderlich wäre. Wie Sie selbst merken, verfügen wir nicht über Schwerkraft. Und … tja … die Verzierungen sind nicht poliert worden.«

»Für alles andere habe ich ja Verständnis«, gab Geary mit gespieltem Unmut zurück. »Aber nicht polierte Verzierungen? Wo setzen Sie Ihre Prioritäten?«

»Meine Prioritäten waren schon immer falsch verteilt«, gestand Lagemann ihm. »Ich habe mich für den Dienst auf diesem Schiff freiwillig gemeldet, obwohl ich es auf der Mistral viel bequemer gehabt hätte. Allerdings habe ich einige Jahre in einem Gefangenenlager der Syndiks zugebracht, und das war noch viel unbequemer. Hier sind wenigstens keine Syndik-Aufseher, die einen auf Schritt und Tritt beobachten.«

Schließlich begann Geary zu lächeln. »Wie macht sich Ihre Crew?«

»Könnte schlimmer sein. Sie haben sich alle freiwillig gemeldet, und wenn sie sich zu laut beklagen, dann reibe ich ihnen das unter die Nase, und schon herrscht wieder Ruhe.«

»Und wie geht es den Marines, Major Dietz?«, wollte Geary wissen.

Der Major machte eine beiläufige Geste. »Die haben schon Schlimmeres erlebt, und außerdem haben sie sich ebenfalls freiwillig gemeldet, Admiral. Natürlich haben sie sich genau genommen schon an dem Tag freiwillig gemeldet, als sie ihren Dienst als Marines begonnen haben. Deshalb haben wir sie nicht zu dieser speziellen Mission befragt.«

Admiral Lagemann und Major Dietz führten Geary durch den Bereich des Schiffs, der von den Matrosen und Marines in Beschlag genommen worden war. Dabei hangelten sie sich in der Schwerelosigkeit von einem Haltegriff zum nächsten. Die Griffe waren zum Teil schon von den Kiks, zum Teil aber auch erst von der menschlichen Crew montiert worden. Überall hatte man Kabel verlegt, um Komm-Relais und Sensoren mit Strom zu versorgen. Große Schläuche verteilten Warmluft oder sorgten an anderen Stellen für Kühlung. Die Luft wurde permanent gefiltert und wiederaufbereitet, damit die Atmosphäre atembar blieb.

Lagemanns Warnung entsprechend trafen sie immer wieder auf Abschnitte mit niedrigen Decken, bei denen man Gefahr lief, sich den Kopf zu stoßen. Geary passierte zudem diverse Stellen, die so eng waren, dass er sich nur mit großer Vorsicht vorwärtsbewegen konnte. Schläuche für die Lebenserhaltung und dicke Kabelstränge sorgten dafür, dass es zum Teil noch beengter zuging. »Da wird einem erst mal richtig klar, wie klein die Bärkühe im Vergleich zu uns eigentlich sind«, merkte er an.

»Zum Glück«, erwiderte Lagemann, »ist es ohne Schwerkraft für uns etwas angenehmer, weil wir uns so durch höher gelegene Passagen zwängen können, die etwas breiter sind, die wir aber bei Schwerkraft gar nicht oder nur mit Mühe erreichen würden. Die Kiks sind zwar klein, aber für so kleine Kreaturen ist das hier ein verdammt großes Schiff. Ich habe etliche Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer erlebt, darunter auch einen Syndik-Schlachtkreuzer, auf den ich nach meiner Gefangennahme gebracht wurde. Mancher Gang scheint sich da bis in die Unendlichkeit zu ziehen. Aber auf der Invincible … ich schwöre Ihnen, manchmal kommt es mir so vor, als würden sich Bug und Heck in zwei verschiedenen Sternensystemen befinden.«

Die kleine Gruppe hatte vor einer der temporären Luftschleusen angehalten, die in den Rest des Schiffs führte. »Wie behalten Sie denn das im Auge, was sich jenseits dieses Abschnitts hier befindet?«, wollte Geary wissen.

»Wir haben einen Teil des Schiffs mit Sensoren versehen«, antwortete Lagemann. »Im Rest sind Patrouillen unterwegs.«

»Dabei handelt es sich um Sicherheitspatrouillen«, ergänzte Major Dietz, »die den von unseren Systemen ausgearbeiteten Routen folgen. Diese Routen stellen sicher, dass spätestens alle paar Tage jedes Abteil und jeder Gang gesichtet wird. Manche Patrouillen sind über einen halben Tag unterwegs.«

»Wie groß sind diese Patrouillen?«

»Ein kompletter Trupp, dazu ein oder zwei Matrosen. Sie führen ständig umfassende Sicherheitsscans durch.«

Geary machte eine erstaunte Miene. »Das sind aber viele Leute, nur um ein leeres Schiff zu kontrollieren. Hat es irgendwelche Probleme gegeben?« Wenn er eine Sache als Junioroffizier sehr früh gelernt hatte, dann die Tatsache, dass Matrosen immer auf der Suche nach Abteilen oder verborgenen Ecken waren, in die sie sich für diverse Aktivitäten zurückziehen konnten, die den Vorschriften nach untersagt waren. Auf den meisten Schiffen ließen sich solche Ecken nur schwer ausfindig machen, aber auf der Invincible hatten sie praktisch die freie Auswahl.

Major Dietz und Admiral Lagemann sahen sich gegenseitig an. »Es hat keine Probleme damit gegeben, dass Personal allein durch das Schiff spaziert«, sagte Lagemann. »Nicht nach den ersten paar Tagen.«

»Wieso? Selbst wenn die Leute nichts Unzulässiges tun wollen, könnte ich mir vorstellen, dass sie sich umsehen und das Schiff erkunden möchten.«

»Nicht dieses Schiff«, verneinte der Major. »Die sind da draußen. In den Gängen.«

»Wer ist da draußen?«, fragte Geary und bemerkte eine leichte Gänsehaut.

»Die Kiks«, sagte Lagemann. »Ich glaube nicht, dass ich besonders abergläubisch bin, aber ich kann sie spüren. Tausende von ihnen sind auf diesem Schiff gestorben, und wenn Sie sich durch die Gänge bewegen, dann können Sie spüren, wie sie sich um Sie scharen. Die wissen, dass wir ihnen ihr Schiff abgenommen haben, und das gefällt ihnen überhaupt nicht.«

Major Dietz nickte. »Ich habe vom Feind aufgegebene Einrichtungen und Anlagen gesehen, jene Orte, an denen man das Gefühl hat, dass diejenigen, die von dort weggegangen sind, jeden Moment wiederkommen könnten und dann sehr verärgert darüber sein werden, dass man sich dort aufhält. Das ist immer ein bisschen unheimlich. Aber hier auf dem Schiff ist es um ein Vielfaches schlimmer. Wir schicken die Patrouillen in Trupps aus, weil es die minimale Anzahl an Leuten ist, die da draußen unterwegs sein kann, ohne dabei verrückt zu werden. Wir haben es mit einer Hand voll Marines versucht, aber die fingen nach einer Weile an, wie wild um sich zu schießen, und kamen im Eiltempo zu uns zurück. Sie erzählten von Hunderten Kiks, die sich immer noch auf dem Schiff aufhalten.«

»War es im Sprungraum schlimmer?«, wollte Geary wissen.

»Ja, Sir, jetzt, da Sie es erwähnen. Aber auch hier im Normalraum, in der Nähe eines Sterns, ist es unheimlich. Niemand zieht allein los. Jedenfalls nicht nach dem ersten Mal.«

»Das ist eigenartig. Wir bringen das Schiff nach Hause, dann sollen die Wissenschaftler mit den Technikern darüber diskutieren, was von den Kiks noch verblieben ist.«

»Wir haben schon überlegt«, fuhr Admiral Lagemann fort, »ob es sich vielleicht um einen Nebeneffekt irgendwelcher Kik-Ausrüstung handelt, die immer noch arbeitet, ohne dass wir das wissen. Vielleicht so etwas wie der Ton einer Hundepfeife, der einen Hund irritiert, während wir davon nichts merken. Es ist, als würden virtuelle Fingernägel über eine imaginäre Schiefertafel kratzen. Womöglich sind es Geister, ich habe keine Ahnung.«

»Denken Sie daran, dass Sie in Ihrem Bericht diese eventuell noch aktive Kik-Ausrüstung erwähnen, wenn Sie das Schiff verlassen«, wies Geary ihn an. »Könnte es sich um irgendeine letzte Verteidigungsmaßnahme handeln? Irgendein Gerät, das die Kiks aktiviert haben und das es ihren Feinden unmöglich macht, sich länger auf diesem Schiff aufzuhalten?«

Wieder sahen sich Dietz und Lagemann an, diesmal mit interessierten Mienen.

»Das wäre auch denkbar«, räumte Lagemann ein. »Aber da es für uns einen Sinn ergibt, wird es wohl nicht der wahre Grund sein.«

»Verstehe«, sagte Geary und dachte daran, was er bislang von der Kik-Technologie zu sehen bekommen hatte. Der größte Teil der Ausrüstung bediente sich irgendwelcher Methoden, die für die menschlichen Denkweisen völlig fremdartig wirkten. »Wo sollte ich mich als Nächstes umsehen?«

Lagemann deutete auf die provisorische Luftschleuse. »Da draußen.«

»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Ich glaube Ihnen das mit den Geistern. Oder zumindest, dass da draußen etwas ist, das an den Nerven zehrt.«

»Das wollen wir Ihnen nicht zeigen, sondern etwas, das sich die Marines in ihrer Freizeit ausgedacht haben.«

Ein halbes Dutzend Marines hatte sich zu ihnen gesellt, alle trugen Gefechtsrüstung. Gearys Überlegung, Lagemann und Dietz könnten ihn nur auf den Arm genommen haben, verflüchtigte sich schnell, als er sah, wie vorsichtig die Marines in den stillgelegten Bereich der Invincible vorrückten.

Warnsymbole flammten auf dem Gesichtsdisplay von Gearys Schutzanzug auf, während er sich mit den anderen von Griff zu Griff durch den Gang zog. Giftige Atmosphäre. Toxische Spurenelemente. Temperatur nur knapp innerhalb der Überlebensparameter für einen Menschen. Solche Faktoren sollten schon genügen, um jeden aus dieser Mannschaft davon abzuhalten, sich allein in diesen Bereichen aufzuhalten.

Aber er nahm auch noch etwas anderes wahr, etwas, das von den Sensoren seines Anzugs nicht erfasst wurde. Ein Gefühl, als ob sich irgendetwas direkt hinter ihm aufhielte und nur darauf wartete, ihn anzuspringen. Das Gefühl, dass sich wieder andere Dinge genau außerhalb seines Gesichtsfelds bewegten. Schatten, die durch die Lichter an den Schutzanzügen der Menschen zum Leben erweckt wurden.

Mit jedem Meter, den sie sich von dem besetzten Bereich entfernten, wurde der Eindruck stärker, dass sie von etwas Feindseligem umgeben waren.

Admiral Lagemann begann mit aufgesetzter Lässigkeit zu reden. Seine über den Komm-Kanal des Schutzanzugs verbreitete Stimme ließ erkennen, wie sehr er sich darum bemühte, entspannt zu klingen. »Wir hatten Zeit zum Nachdenken, Major Dietz und ich, und das sind unsere Überlegungen. Wir befinden uns hinter dieser gewaltigen Panzerung, und wir sind mit vier Schlachtschiffen verbunden, die uns schleppen. Dahinter haben wir die beeindruckend große Flotte, die allerdings ein paar Treffer hat einstecken müssen. Das ist gut. Aber die Invincible als das erste nichtmenschliche Artefakt, das nun der Kontrolle durch Menschen untersteht – ein unglaublich großes Artefakt, vollgestopft mit nichtmenschlicher Technologie –, ist das wertvollste Objekt in der gesamten Menschheitsgeschichte. Wer es sieht oder wer nur von seiner Existenz weiß, der wird es haben wollen. Oder er wird es zerstören wollen, um uns darin zu hindern, irgendwelche Erkenntnisse aus diesem Schiff und seiner Technologie zu ziehen.«

»Dem kann ich nicht widersprechen«, sagte Geary.

»Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre, aber die Chancen, dass wir auf dem Rückweg einer Streitmacht aus Kriegsschiffen begegnen, die in der Lage ist, den Rest der Flotte zu zerstören und die Invincible in ihre Gewalt zu bringen, dürften gleichwohl null sein.«

»Auch damit liegen Sie richtig. Die Syndik-Werften arbeiten zwar wahrscheinlich auf Hochtouren, sodass sie mit der einen oder anderen Überraschung aufwarten könnten, aber selbst in dem Fall werden wir ihnen zahlenmäßig überlegen sein.«

»Wie sollte dann aber jemand versuchen, die Invincible anzugreifen und in seine Gewalt zu bringen?«

Noch während Geary überlegte, lieferte Major Dietz die Antwort: »Ein Enterkommando.«

»Ein Enterkommando?«, wiederholte er. »Wie sollte das gehen?«

»Mit genügend Tarnanzügen könnten die Syndiks eine Streitmacht an Bord dieses Schiffs bringen«, erläuterte Dietz. »Und dann schlagen sie zu, während wir ein Sternensystem durchqueren.«

»Sie wissen, wohin wir fliegen müssen«, machte Lagemann deutlich. »Sie könnten auf der Route zwischen einem Hypernet-Portal und einem Sprungpunkt eine ganze Reihe von getarnten Shuttles platzieren, die sich an uns hängen, sobald wir vorbeikommen.«

»Auf dem Weg von hier bis Varandal würden sich dafür aber nicht viele Gelegenheiten bieten«, wandte Geary ein, hielt dann aber inne, da ihm etwas einfiel. »CEO Boyen wies sehr eindringlich darauf hin, dass man uns Hindernisse in den Weg legen würde, um uns unsere Rückkehr zu erschweren.«

»Irgendeine Ahnung, was er damit gemeint haben könnte?«

»Nein. Aber was könnte ein Team bewerkstelligen, das dieses Schiff entert?«

Wieder antwortete Major Dietz: »Die Standardvorgehensweise beim Entern eines Schiffs besteht darin, zu den drei wichtigsten Kontrollzentren zu gelangen: Brücke, Maschinenkontrolle und Waffenkontrolle.«

»Auf diesem Schiff gibt es keine zentrale Maschinenkontrolle«, sagte Geary, fasste nach dem nächsten Griff und zog sich wieder ein Stück weiter den Gang entlang. »Es sei denn, Sie haben sie gefunden und mir nichts davon gesagt.«

Bei Lagemanns Antwort konnte er heraushören, dass der Mann grinste. »Nein. Es gibt acht Energiekerne und acht Kontrollstationen. Warum? Unsere Ingenieure sagen, dass das nicht effizient angeordnet ist. Zwei große Kerne hätten mehr geleistet. Aber die Kiks haben es nun einmal so gemacht. Alle Kerne wurden vollständig abgeschaltet, und keine der Kontrollstationen ist in Betrieb. Jedenfalls bekommen wir sie nicht ans Laufen. Aber wer weiß, wozu ein Kik in der Lage wäre? Und alle Hauptantriebssysteme wurden während der Schlacht bei Honor in Trümmer geschossen. Selbst wenn die Energieversorgung wiederhergestellt würde, kann sich die Invincible aus eigener Kraft nicht nennenswert bewegen.«

»Zwei Waffensysteme sind funktionstüchtig«, warf Major Dietz ein. »Partikelstrahl-Projektoren, die unseren Höllenspeeren ähnlich sind. Beide sind ohne Stromversorgung, und solange niemand die richtige Kontrollstation gefunden hat, sind sie zu nichts zu gebrauchen.«

»Und die Brücke ist ebenfalls unbrauchbar, richtig?«, vergewisserte Geary sich. »Richtig?«

»Richtig, Sir. Wir wissen noch immer nicht, was diese Stadionsitze im hinteren Teil der Brücke bezwecken sollen, aber keine der Kontrollstationen wird mit Energie versorgt. Es ist alles tot.« Dietz gab einen verärgerten Laut von sich, als sei er unglücklich darüber, dass er diese Formulierung verwendet hatte, wenn es ihnen allen so vorkam, als wären sie von Kik-Geistern umgeben.

»Und wo ist dann die Gefahr? Ich will nicht die Folgen für Sie verharmlosen, falls jemand das Schiff entern sollte, aber wie sollte derjenige die Invincible in seine Gewalt bringen? Sie müssten dann doch nichts weiter tun, als sie aufzuhalten, bis wir mit Verstärkungen eintreffen.«

Admiral Lagemann machte eine ausholende Geste. »Die Gefahr gilt dem wertvollsten Objekt der Menschheitsgeschichte. Was kann man unternehmen, um einen anderen davon abzuhalten, das Objekt zu benutzen, davon zu lernen und weitere Streitkräfte an Bord zu bringen, damit um die Kontrolle gerungen werden kann?«

Die Geister fühlten sich an, als wollten sie Geary bedrängen, während er auf die Antwort kam: »Man kann damit drohen, das Objekt zu zerstören.«

»Dieser Mann hat einen Preis verdient. Wenn die Syndiks Nuklearwaffen an Bord schaffen und zur Detonation bringen, dann können sie dieses Alien-Artefakt von unschätzbarem Wert in eine riesige gepanzerte Hülle verwandeln, die mit radioaktiver Schlacke gefüllt ist. Was sollten wir tun, um sie davon abzuhalten?«

Es gefiel ihm gar nicht, über die Kompromisse nachzudenken, die in dieser Situation erforderlich würden, vielleicht sogar bis dahin, die Invincible dem Gegner überlassen zu müssen, damit sie unversehrt blieb und man darauf hoffen konnte, sie irgendwie noch zurückzuerobern. »Meinen Sie, so was wird passieren?«

»Wir meinen«, betonte Major Dietz, »dass es die einzig machbare Methode ist, um uns die Kontrolle über das Schiff abzunehmen. Aber dazu müssten sie erst einmal meine Marines eliminieren, damit wir sie nicht länger an der Umsetzung ihres Plans hindern können.«

Geary zuckte gereizt mit den Schultern, als könnte er so die Geister abschütteln, von denen seine Sinne behaupteten, dass sie sich um ihn herum drängten. »Wollen Sie Verstärkung an Bord holen?«

»Verstärkung können wir nicht gebrauchen, Admiral«, erklärte Dietz. »Der gesicherte Bereich kann nicht noch mehr Leuten Platz bieten. Wir sind besser bedient, wenn wir eine kleine Streitmacht haben, die mit dem Schiff einigermaßen vertraut ist und da zuschlagen kann, wo die Angreifer am wenigsten damit rechnen.«

»Und wo würden sie am wenigsten damit rechnen?«, wollte Geary wissen.

»Wenn sie kommen, sind es Syndiks. Oder sie sind als Syndiks ausgebildet worden. Das heißt, bei der Planung eines Angriffs befolgen sie bestimmte Standardabläufe.«

Geary schüttelte den Kopf. »Selbst den Syndiks wird klar sein, dass die Decks auf diesem Schiff grundlegend anders angeordnet sind als auf jedem Schiff der Allianz.«

»Ja, Sir«, sagte Major Dietz und fuhr dann in einem für einen Marine sehr diplomatischen Tonfall fort: »Der Plan für die Deckverteilung spielt eine sehr wichtige Rolle. Er wird von jemandem beim Syndik-Oberkommando ausgearbeitet, nicht von jemandem, der sich vor Ort befindet. Sondern von den obersten CEOs in der Militärhierarchie der Syndiks.«

»Was bedeutet«, ergänzte Admiral Lagemann, »dass jede Übereinstimmung zwischen dem Plan und der Realität purer Zufall sein wird.«

»So läuft das meistens«, stimmte Geary ihm zu. »Planer, die ganz oben sitzen und vom Ort des Geschehens weit entfernt sind, gehen von irgendwelchen Standardannahmen aus, damit eine Eingreiftruppe an Bord eines Schiffs geht und versucht, die drei entscheidenden Bereiche zu finden. Ich muss sagen, es fällt mir schwer zu glauben, dass es ihnen gelingen könnte, das Schiff zu entern, ohne von uns bemerkt zu werden.«

»Es ist machbar, Sir«, sagte Major Dietz überzeugt, aber ohne einen Hauch von Prahlerei. »Wie ich bereits angedeutet habe, könnten sie komplett getarnt in der Nähe unserer Flugroute auf uns warten, sodass sie nur wenig Energie aufwenden müssten, um dieses Schiff abzufangen. Ich habe es bei ihren Schiffen gemacht, ich weiß, wovon ich rede, Admiral.«

»Verstehe. Dann sind Sie in der Angelegenheit qualifizierter als ich.« Die Gruppe hatte eine weitere temporäre Luftschleuse erreicht, die ihnen den Weg versperrte. »Was ist das?«

»Das ist der Zugang zur Pseudo-Maschinenkontrolle«, antwortete Admiral Lagemann.

»Sie haben eine Pseudo-Maschinenkontrolle konstruiert?«

Lagemann öffnete die Schleusentür und ging hindurch.

Geary stutzte, als ihm auffiel, dass es auf der anderen Seite keine saubere Atmosphäre gab. »Auch noch eine Pseudo-Luftschleuse?«

»Ja, natürlich.« Der Admiral machte eine ausholende Geste. »Wir glauben, dass das hier ein Bereich war, in dem sich die Kiks sportlich betätigt haben. Der Raum war größtenteils leer, ausgenommen Objekte, die von ihrer Größe her wie Sportgeräte für Kiks wirkten. General Carabali hat auf Bitten von Major Dietz zwei Persische Esel rübergeschickt.«

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