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Die verschenkte Tochter

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel I
  8. Kapitel II
  9. Kapitel III
  10. Kapitel IV
  11. Kapitel V
  12. Kapitel VI
  13. Kapitel VII
  14. Kapitel VIII
  15. Kapitel IX
  16. Kapitel X
  17. Kapitel XI
  18. Kapitel XII
  19. Kapitel XIII
  20. Kapitel XIV
  21. Kapitel XV
  22. Kapitel XVI
  23. Kapitel XVII
  24. Kapitel XVIII
  25. Kapitel XIX
  26. Kapitel XX
  27. Kapitel XXI
  28. Kapitel XXII
  29. Nachtrag
  30. Danksagung
  31. Quellen
  32. Anzeige

Über das Buch

Dass Tinga Horny mit ihren schwarzen Haaren und den Mandelaugen nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist, sahen Außenstehende sofort. Nur sie selbst begreift das erst, als sie zufällig auf ihre Adoptionsunterlagen stößt. Da ist sie elf Jahre alt, und es gelingt ihr nicht, in ihrer Familie das Tabu ihrer wahren Herkunft zu durchbrechen. Erst als ihr Vater stirbt, wird Tinga klar, dass sie handeln muss, wenn sie ihre leiblichen Eltern noch kennenlernen will. Sie begibt sich auf die Suche und taucht tief ein in eine fremde Kultur, in der Mädchen nichts wert sind und die Familienehre wichtiger ist als das eigene Kind.

Über die Autorin

Tinga Horny wurde 1958 in München geboren und mit drei Jahren adoptiert. Sie war zu diesem Zeitpunkt das einzige chinesische Adoptivkind in München. Sie studierte Sinologie in Peking und Berkeley, arbeitete für eine US-Firma in Peking. Danach volontierte sie beim Handelsblatt und war für viele Jahre leitende Redakteurin bei FOCUS Online. Sie lebt als freie Journalistin in der Nähe von Kiel und schreibt für Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und das Handelsblatt.

Tinga Horny

Die verschenkte
Tochter

Wie ich meine leiblichen Eltern suchte und
meine wahre Heimat fand

Kapitel I

Beinahe wäre ich in das Grab meines Vaters gefallen. Wir haben ihn an einem kalten, verregneten Frühsommertag in Garmisch-Partenkirchen beerdigt. Nachdem der Friedhofsdiener die kupfergeflammte Urne im Loch versenkt hatte, wollte ich nur nachsehen, wie tief sie stand. Ich reckte mich. Dabei verlor ich das Gleichgewicht. Mein Schwager konnte mich gerade noch auffangen.

Denke ich an meinen Vater, denke ich an seine rechte Hand. Die mit dem Ehe- und dem Siegelring. Die rechte, die mir gereicht wurde, wenn wir zusammen loszogen. An ihr hing ich als kleines Mädchen. Viele Sonntagvormittage streiften wir durch die Museen Münchens. Bevorzugt durch die Alte Pinakothek. Gezielt steuerte mein Vater über die riesige Himmelstreppe die Beletage zu den Kabinetten 14 bis 23 an – niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts. Dort versenkte er sich dann in die Landschaftsbilder von Ruisdael, van de Velde und van Goyen. Dabei vergaß er mich.

Ich hatte wenig von diesen Besuchen. In den Kabinetten waren die Bilder viel kleinformatiger als in den großen Prunksälen nebenan. Sie hingen außerdem ziemlich hoch. Was ich sah, waren die bespannten Wände, die großen grauen Metallapparate, die die Luftfeuchtigkeit in den Sälen regulierten, und die Staubmäuse, die sich unter den Heizungskörpern angesammelt hatten. Das Einzige, was ich aus meiner Perspektive von unten besser erkennen konnte, waren die toten Vögel und Hasen, die bunten Blumensträuße, die Schnecken und Insekten auf den Stillleben. Aber die interessierten meinen Papi weniger. Fiel ihm ein, dass es mich auch noch gab, hob er mich auf seinen Arm, zeigte bevorzugt auf Ölgemälde mit Himmel und Wolken und schwärmte von der Pinselführung dieses oder jenes Künstlers – alles Dinge, die ich noch nicht verstand. Trotzdem hätte ich keinen unserer Ausflüge missen wollen.

Verlust und Leere. – Seit dem Tod meines Vaters ziehen Erinnerungsfetzen an unsere gemeinsame Zeit wie Nebelschwaden an mir vorüber. Papi hat alle wichtigen Akzente in den ersten 20 Jahren meines Lebens gesetzt. Grundsätzliches wie Erziehungsprinzipien, Strafen und Lebensentscheidungen hat er bestimmt. Ich war eine Vater-Tochter.

Aber warum weine ich überhaupt um diesen Mann? Selbst in meinen tiefsten Trauermomenten holt mich die Realität ein, und ich muss mir eingestehen, dass ich angesichts des Vater-Verlusts einer schmerzlichen Tatsache nicht mehr entkommen kann. Es ist ein Umstand, den ich lange nicht wahrhaben wollte: »Du warst nie das Kind dieses Mannes. Nie sein leibliches. Gib es endlich zu – du wurdest adoptiert.«

Zu diesem Zeitpunkt bin ich fast in der Mitte meines Lebens angekommen, geschieden, Single und arbeite seit vielen Jahren als freie Reisejournalistin. Ich wohne südlich von München in einem Bauernhaus mit drei Generationen unter einem Dach – meinen Eltern und der Familie meiner Schwester. Ich versuche, meinen Weg zu gehen. Meinen Weg in der Bundesrepublik. Das heißt, ich möchte ein ganz normales Leben führen. Konkrete Ziele oder eine ehrgeizige berufliche Karriere verfolge ich nicht. Ich wünsche mir kein Haus, keine Kinder, keine Reichtümer. Ich muss Geld verdienen, um zu leben. Mehr nicht.

Was ich vermisse, ist ein Gefährte. Aber ich würde nicht alles für eine Partnerschaft tun, dazu hänge ich zu sehr an meiner Unabhängigkeit. Dank meiner Arbeit bin ich oft unterwegs, sehe und erlebe viel. Es bleibt also wenig Zeit, zu grübeln und ständig daran zu denken, dass meine Familie eigentlich gar nicht meine leibliche Familie ist.

Daran werde ich zum Beispiel jedes Mal erinnert, wenn ich von Nichteinheimischen fragende Blicke ernte, weil ich in diesem bayerischen 100-Seelen-Dorf die einzige Chinesin bin. Diese Blicke ignoriere ich seit meiner Kindheit konsequent, genauso wie ich die damit einhergehende Gewissheit permanent verdränge: Ich bin aufgewachsen in einer Gegend und in einem Land, dessen Bewohner meist denken, dass ich nicht dazugehöre.

Wenige Monate nach dem Begräbnis meines Vaters und der Erkenntnis, dass ich nicht mehr vor mir selbst weglaufen kann, greife ich wie ferngesteuert zum Telefonhörer und frage mich telefonisch bis zum Katholischen Jugendfürsorge-Verein der Erzdiözese München und Freising durch. Ich bin dabei weder nervös noch aufgeregt. Recherchieren gehört zu meinem Beruf. In der Regel beginnt man, bei der naheliegendsten Quelle anzurufen, und hangelt sich von dort aus weiter, bis man einen Treffer landet. Aus meinen Unterlagen geht hervor, dass ich 1962 im Alter von vier Jahren adoptiert wurde und mich damals eine Pflegestelle dieses christlichen Vereins betreut hatte. Drei Anrufe später habe ich die für Vormundschaften zuständige Abteilung gefunden.

Der Verein hat seit meiner Adoption mehrmals die Adresse gewechselt. Aber eine Frau A. fühlt sich zuständig und verspricht, die entsprechende Akte für mich herauszusuchen. Ein paar Tage später rufe ich sie wieder an, weil mich auf einmal eine bohrende Unruhe gepackt hat. »Was wäre, wenn …?«, frage ich mich nachts und kann nicht mehr schlafen. Der Gedanke, dass ich bald weiß, wer meine biologischen Eltern sind, lässt mich nicht mehr los. Deshalb muss ich jetzt sofort wissen, ob Frau A. meine Unterlagen bereits gefunden hat. Vielleicht gibt es brauchbare Hinweise, die mir bei meiner Suche nach meinen Eltern weiterhelfen.

»Entschuldigung, aber ich bin so gespannt. Ich kann nicht länger warten. Haben Sie etwas zu meinem Fall gefunden?«, frage ich.

»Ja«, antwortet Frau A., »über Sie gibt es eine ganze Akte.«

»Oh, wunderbar, wann kann ich meine Akte haben?«

»Ich kann Ihnen nicht einfach so die ganze Akte geben«, sagt Frau A., und ich spüre, dass es ihr ein wenig unangenehm ist. »Ich muss zuerst noch meinen Vorgesetzten fragen, was Sie einsehen dürfen. Wir benachrichtigen Sie dann schriftlich.«

»Steht zufällig in meinen Unterlagen, woher meine Eltern kommen?«, hake ich schnell nach.

»Shanghai.«

»Und wann wurden sie geboren?«

»Das darf ich Ihnen nicht sagen.«

»Wie bitte? Warum nicht?«

»Wegen des Datenschutzgesetzes. Sie dürfen nur Teile Ihrer Akte einsehen.«

»Was heißt das denn genau?«

»Alle Adressen und näheren Angaben zu Ihren Eltern unterliegen dem Datenschutz.«

»Wieso?«, frage ich erstaunt.

»Weil Ihre Adoption anonym erfolgt ist. Ihre Eltern haben deshalb das Recht, eine Begegnung mit Ihnen zu verweigern.«

»Bedeutet das, dass ich kein Anrecht darauf habe, sie zu treffen?«

»Genau das. Sie können Ihre Eltern nicht zwingen, Sie zu sehen. In so einem Fall könnte nur eine dritte Partei zwischen Ihnen und Ihren Eltern vermitteln. Also Briefe, Fotos oder Dokumente weiterreichen.«

»Dürfen Sie mir nicht einmal verraten, ob meine Eltern überhaupt noch in Deutschland leben?«

Frau A. überlegt; sie scheint mit sich zu ringen.

»Ich kann Ihnen nur so viel sagen: Ihre Eltern haben am 1. September 1958 das Land verlassen.«

»Und wohin sind sie gegangen?«

»Frau Horny, das darf ich Ihnen wirklich nicht sagen. Es tut mir sehr leid.«

Ich lege auf. Ratlos sitze ich in meinem Büro. An den Datenschutz als potenzielles Hindernis habe ich überhaupt nicht gedacht – dass ein Adoptivkind nicht selbstverständlich die Adresse seiner biologischen Eltern erfahren darf, weil die Eltern das möglicherweise nicht wollen. Was nun? Es gibt sicherlich einen anderen Weg, um an die Informationen zu gelangen. Es finden sich immer Wege, um ein Ziel zu erreichen. Ich muss diesen Weg nur finden.

Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass mich nicht nur die deutschen Datenschutzgesetze mehr als einmal bei meiner Elternsuche behindern werden. Zum Glück! Denn hätte ich gewusst, wie mühsam sich die Nachforschungen nach meinen wahren Eltern gestalten würden, hätte ich vielleicht nie damit begonnen.

Kapitel II

Der Tod meines Vaters mag bei mir die Suche nach meinen physischen Eltern ausgelöst haben. Vielleicht war es die Erkenntnis, dass ich mit meiner Recherche nicht ewig warten konnte. Meine leiblichen Eltern waren sehr wahrscheinlich in einem ähnlichen Alter wie meine Adoptiveltern. Aber welche Motive auch immer mich zu dieser plötzlichen Suche trieben, über eines war ich mir von Anfang an sicher: Ich suchte nicht nach Ersatzeltern. Im Gegenteil. Ich hatte ja Eltern, die mir, als ich klein war, alles gegeben hatten, was ich brauchte. Vor allem eine glückliche Kindheit.

An die ersten drei Jahre in dem katholischen Waisenhaus in der Paosostraße 8 in München, das es heute nicht mehr gibt, erinnere ich mich dagegen so gut wie gar nicht. Nur manchmal, wenn ich zum Beispiel in ein altes Treppenhaus gerate, dessen Stiegen aus Holz und noch mit Wachs gebohnert sind, setzt der Geruch Bruchstücke der Erinnerung an eine weit entfernte Zeit frei. Bohnerwachs ist also das Einzige, an das ich denke, wenn ich Waisenhaus höre.

Meine Kindheit und meine Erinnerungen beginnen erst mit meinen Eltern, meinen Adoptiveltern. Es gibt ein Foto von mir, das auf den 4. Februar 1961 datiert ist. Meine neue Mutter hatte es mit ihrem Agfa-Fotoapparat aufgenommen. Es war der Tag, an dem ich für immer in das Haus meiner Eltern einzog – zunächst als Pflege-, und ein Jahr später als Adoptivkind. Es muss ein außergewöhnlich warmer Wintertag gewesen sein, denn ich trage weder Mantel noch Mütze, und es liegt kein Schnee. Ein wenig unentschlossen stehe ich im Vorgarten und klammere mich an den Stoffbären, den mir meine Mutter bei einer unserer ersten Begegnungen im Waisenhaus mitgebracht hatte. Fragend blicke ich in die Kamera.

Wir haben damals zur Miete in der ersten Etage eines Einfamilienhauses in Grünwald gewohnt. Das Haus stand in einem großen Garten. Die Vermieterin wohnte im Parterre und war eine alte Dame mit einem lustigen Dialekt. »S« sprach sie wie »Sch« aus, und dabei spuckte sie immer ein bisschen. Aber das kümmerte mich wenig. Viel interessanter war es, wenn Tante Talf mich ins Wohnzimmer mit dem Panoramafenster führte, wo sie zur Kommode lief und die quietschende Schublade mit der Tischwäsche aufzog, der ein süßlicher Mottenpulverduft entströmte. Zwischen den gebügelten Tischdecken suchte Tante Talf nach Schokolade.

Sie lebte nicht allein, sondern hatte einen humorlosen, schon in die Jahre gekommenen Schnauzer. Der hieß Berri und knurrte immer, sobald er mich sah. Genauso wie der Wichtel, der Dackel meiner Eltern. Er mochte mich ebenfalls nicht, und das nicht nur, weil er zwei Jahre vor mir in die Familie gekommen war. Wichtel knurrte, weil er mir mindestens einmal pro Tag im Weg lag und ich dann versuchte, über ihn hinwegzusteigen. Meine Beine waren aber zu kurz für dieses Manöver, und deswegen plumpste ich mit schöner Regelmäßigkeit auf ihn drauf.

Meine Welt war Anfang der 1960er-Jahre in Ordnung. Jeden Samstagmorgen ging meine Mutter zum Friseursalon Elsner und ließ sich von der Käthi die »Haare legen«. Das Brot wurde beim Bäcker Angermaier geholt, die Lebensmittel bei Herrn Reich an der Ecke der breiten Grünwalder Straße. Die Sportschule lag schräg gegenüber. Herr Reich trug immer einen weißen Kittel. In seinem Laden gab es Milch in klaren und in braunen Glasflaschen. Sie waren mit silbrigen Stannioldeckeln verschlossen, die man leicht mit dem Finger eindrücken konnte (was man aber nicht durfte!).

Im Garten hatten die Nachbarskinder und ich den Zaun niedergetreten, um uns gegenseitig schneller besuchen zu können. Manchmal luden sich die Mütter zum Kaffee ein, und wenn sie nicht wollten, dass wir Kinder sie verstanden, dann sprachen sie die »B«-Sprache. »Hababeben Siebie schobon gebehörbört?« Verboten war es, den Chow-Chow vom Nachbarn auf der anderen Seite des Gartens zu streicheln. Er stand meist hechelnd mit heraushängender blauer Zunge am Zaun und schien in seinem dicken Fell zu jeder Jahreszeit zu schwitzen. Es hieß, er würde beißen.

Glaube ich den Erzählungen meiner Eltern, dann hat es Stunden gedauert, mich zu füttern. Angesehen hat man mir das nicht; ich war ziemlich pummelig. Ich saß an dem hellgelben Resopaltisch in der kleinen Küche vor dem hellgelben Teller, und mein Vater ließ den Löffel mit Brei mit einem Sssumm-Geräusch durch die Luft kreisen, bevor der Flieger aus Amerika zur Landung ansetzte. Und ich öffnete den Mund, nahm die Ladung an, aber ich schluckte sie nicht hinunter, sondern schob sie wie ein Hamster seitlich in meine Backen. So lange, bis gar nichts mehr in meinen Mund passte. Jetzt fing Papi an, mit dem Knie zu wackeln und unverdrossen »beißbeiß, kaukau, schluckschluck« wie ein Mantra herunterzuleiern – »beißbeiß, kaukau, schluckschluck«. Einmal bekam ich einen Thermo-Suppenteller mit Struwwelpeter-Motiv geschenkt. Man konnte ihn mit heißem Wasser füllen. Das war toll, denn damit gab es neue Möglichkeiten, das tägliche Essen noch weiter in die Länge zu ziehen. Ich spielte mit dem Stöpsel und verlangte ständig nach mehr heißem Wasser, um den Teller warm zu halten. Absolut unbrauchbar war dagegen der gekrümmte Struwwelpeter-Kinderlöffel. Er sah sehr interessant aus, war aber nur für Rechtshänder gedacht. Bei mir, einer Linkshänderin, führte er zu erfolglosen Verrenkungen und frustriertem Geschrei. Schneller gegessen habe ich deswegen nicht.

Das Geld war damals knapp. Meine Mutter nähte deshalb all meine Kleider selbst – bevorzugt das, was sie »Hänger« nannte: bequeme Kleidchen ohne Taille, die so kurz waren, dass sie kaum den Hintern bedeckten. Diese Hänger besaß ich in allen Formen, Farben und Materialien, mit und ohne Puffärmel, mit und ohne Borten. Wenn ich Glück hatte, waren diese Kleidchen aus weichem Cord oder Samt. Wenn ich Pech hatte, bestanden sie aus Wollstoff, den meine Mutter günstig gekauft hatte und der furchtbar kratzte.

Einen Hänger aus blassgelbem Feincord mit Bortenaufsatz und austauschbarem weißen Kragen habe ich in meinem ersten Jahr bei meinen Adoptiveltern besonders oft getragen. Er war zusammen mit einem Paar weißer Lederschuhe meine Festtagsausstattung. Ich trug diese Kleidung nicht nur, wenn die Eltern meines Vaters mit uns Ostern und Weihnachten feierten. Ich hatte sie auch auf mindestens zwei Hochzeiten an. Denn 1961 heirateten einige Freunde meiner Eltern, und ich war zum Blumenmädchen auserkoren. Ich spürte bei diesen Anlässen, wie stolz meine Mutter auf mich war. Sie schmolz förmlich dahin, wenn ihr süßer kleiner »Butzebär« in der Kirche vor dem Brautpaar die Blüten auf den Boden streute. Hinterher wurde ich gelobt, und viele Menschen strichen mir über die Haare. Für mich selbst bedeutete der Blumenjob eher Stress. Ich konnte nicht entspannt lächeln und meine Aufgabe genießen, schließlich waren viele Augen auf mich gerichtet – ein Umstand, den ich von klein auf überhaupt nicht mochte.

Zu den sonntäglichen Ritualen meines neuen Lebens gehörte der Besuch der Messe. Das war die Pflichtkür meines Papis. Nach dem Frühstück reichte er mir die rechte Hand, und wir gingen in die Kirche. Natürlich kamen wir immer zu spät, und alle Sitzplätze waren schon besetzt. Wir mussten deshalb am Kirchenausgang stehen, ein Umstand, der mein Messevergnügen deutlich trübte. So konnte ich weder die schönen Roben vom Pfarrer sehen, noch, was sich da vorn so alles tat in Sachen Weihrauch und Geklingel. Stattdessen starrte ich in einen Wald aus lauter Männerhosenbeinen. Wurde meinem Vater langweilig, ließ er mich auf seine Schuhe steigen und wippte dann mal mit dem einen und mal mit dem anderen Fuß. Das war unser Zeitvertreib bis kurz vor der Wandlung, dem Startschuss, die Kirche wieder diskret zu verlassen.

Meine Kindheit war also völlig ereignislos und beschwerdefrei. Zumindest meiner Erinnerung zufolge. Den unangenehmen Rest muss ich verdrängt haben: die vielen schlaflosen Nächte meiner neuen Eltern, mein Gebrüll und meine Renitenz beim Wechsel vom Waisenhaus nach Grünwald. »Du konntest kaum sprechen, und dein Wortschatz war sehr begrenzt«, erzählte mir meine Mutter, als ich längst erwachsen war. Wochenlang beobachtete ich stumm meine Umgebung. Bei tiefen Männerstimmen zuckte ich zusammen, und anfangs fürchtete ich mich sogar vor meinem Vater. Wenn er abends nach Hause kam, floh ich in die Arme meiner Mutter. Bisher hatte es in meinem Leben nur katholische Ordensschwestern gegeben. Aber auch daran erinnere ich mich nicht mehr.

Kapitel III

Kind, benimm dich doch«, rügte meine Mutter mich oft, als ich klein war. Sie hatte in solchen Momenten meist rote Flecken im Gesicht, und ich wusste, dass sie sich meinetwegen genierte. »Komm, jetzt gib der netten Tante die Hand«, flehte sie mich an. Aber ich war nicht dazu bereit, der netten Tante meine Hand zu reichen. »Die wird sie nie bekommen«, dachte ich und versteckte mich sicherheitshalber hinter meiner Mama.

Die Aufmerksamkeit fremder Leute habe ich von Anfang an nicht geschätzt. Meine liebenswürdige und sehr auf gute Manieren bedachte Mutter hat darunter ihr ganzes Leben lang gelitten. Sie hatte sich ein hübsches und artiges Mädchen gewünscht. Was sie bekam, war ein widerspenstiges Balg, das nicht nur Fremden die Hand verweigerte, sondern bisweilen sogar nach ihnen schlug. Meine dann peinlich berührte Mutter verstand nie ganz: Ich hatte diese dicken schwarzen Haare, die sich auch noch kringelten. Die anderen sahen mir daher nicht nur in die Augen und ließen Bemerkungen über deren Mandelform oder das tiefe Braun meiner Iris fallen. Nein, ich konnte geradezu darauf warten, dass sie eine Hand ausstreckten, um mir ungefragt über den Kopf zu streichen. Und das nur, weil sie wissen wollten, wie sich chinesische Haare anfühlten.

In der Bundesrepublik lebten in den 1960er Jahren kaum Chinesen. 1967 waren es beispielsweise 477 aus der Volksrepublik China und 1916 aus Taiwan1. Chinesische Adoptivkinder gab es nicht. Damals, in der heißen Phase des Kalten Krieges mit der Kuba-Krise und dem Bau der Mauer, sprach man von Rotchina, einem hermetisch abgeriegelten Land. Die Volksrepublik China und die Bundesrepublik nahmen erst 1972 diplomatische Beziehungen auf. Davor gab es keine chinesische Botschaft in Deutschland. Deswegen war ich in den ersten Jahren meiner Existenz staatenlos. Erst 1967 wurde ich eingebürgert. Asiaten waren eine Seltenheit im deutschen Straßenbild. Größere Einwanderungswellen von Boat People gab es erst ab Mitte der 1970er-Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges. Asiaten, vor allem Chinesen, waren zu Beginn des sogenannten Wirtschaftswunders tatsächlich noch ein exotischer Anblick in der Bundesrepublik.

Das haben meine Mutter und ich zu spüren bekommen. Es war nicht schlimm, es hat nicht wehgetan. Zumindest nicht körperlich. Es waren nur neugierige, fragende Blicke, die meine Mutter und ich ernteten, wenn wir auf die Straße gingen. Und das nicht nur in einem Münchner Vorort wie Grünwald, der damals noch eher einen dörflichen Charakter hatte. Wir wurden auch mitten im Stadtzentrum Münchens angestarrt. Im Kaufhaus Beck am Marienplatz, in der Hypo-Bank in der Theatinerstraße, an der Kasse im Parkhaus oder im Café Luitpold an der Briennerstraße. Eine attraktive junge Frau, hellblond, mit einem rundlichen, asiatischen Kleinkind, das Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten.

Noch viel schlimmer war für mich die Begegnung mit anderen Kindern. Im Schutz von Erwachsenen ging es ja noch. Aber meine Schonzeit ging zu Ende, als ich in den Kindergarten kam. Multikulti und politisch korrektes Verhalten gab es in meiner Kindheit noch nicht. Ich wurde wegen meines Aussehens gehänselt, ausgesondert und bisweilen gemobbt. Aber das größte Problem für mich war, dass ich nicht verstand, warum man mir nie glaubte, dass ich Deutsche war. War ich denn wirklich so anders als die anderen? Sah nicht jedes Kind im Kindergarten anders aus als alle anderen? Nur auf zwei Mädchen traf dies nicht zu: ein eineiiges Zwillingspaar.

Wie fast jedes Kind fand ich Fasching großartig. Zumindest so, wie es mir meine Mutter erklärte: »Da darfst du dich verkleiden. Du kannst dir aussuchen, als was du gehen willst.« Das klang sehr vielversprechend, denn eines meiner Lieblingsspiele war schließlich Verkleiden.

In der Wohnung meiner Eltern verbrachte ich Stunden in der engen Kleiderkammer meiner Mutter. Sie besaß ein Paar silberne Riemchensandalen mit Pfennigabsatz. »Kind, fall mir damit bloß nicht um. Dann tust du dir weh«, mahnte sie, während ich in den viel zu großen Schuhen durch den Gang stöckelte. Großzügig ließ sie mich auch mit ihren Schals und Kleidern »feine Dame« spielen. Weniger mochte sie es allerdings, wenn ich ihren Pelzmantel aus der Schutzhülle zog. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich ihr edelstes Kleidungsstück ruinieren würde. Doch dieser Fellmantel zog mich magisch an. Er hatte schwarze, unregelmäßige Flecken auf ockerfarbenem Grund. Ich konnte ihn gar nicht anziehen, er wog Tonnen. Aber er ließ sich streicheln und wie eine schwere Decke über den Stuhl legen. Ich verkroch mich darunter und bildete mir ein, ich wohnte in einem Zelt aus echtem Jaguarfell, absolut unsichtbar im Dschungel.

Das Faschingsfest im Kindergarten war ein willkommener Anlass, endlich einmal als Ballerina aufzutreten. Dazu hatte mir meine Mutter ein himbeerrotes Samtoberteil genäht und daran ein weißes Tutu befestigt. Als Krönung hatte sie in verschiedenen Rosatönen Blumen aus Krepppapier gebastelt und sie an mein Ballettröckchen und in meine Frisur gesteckt. Ich war nicht nur eine berühmte Primaballerina, ich fühlte mich auch wie eine Prinzessin.

Aber dieser Kinderfasching ließ mich zum ersten Mal deutlich spüren, dass ich irgendwie fehl am Platze, eben anders war. Denn unter all den Kaminkehrern, Funkenmariechen, Rittern, Clowns, Marienkäfern, Zauberern und Cowboys gab es eben auch die Zwillinge – und die gingen als Chinesen.

Sie trugen seltsam konisch geformte Hüte, die wie Lampenschirme aussahen, und sonnengelbe Kittel mit geheimnisvollen schwarzen Zeichen. Außerdem hatte jemand ihnen ein dünnes Bärtchen um den Mund gemalt und schwarze, nach oben geschwungene Lider und Augenbrauen.

»Haha, wir gehen als Chinesen – wie du«, lachten sie mich aus.

»Aber ich bin kein Chinese, ich bin eine Ballerina«, antwortete ich irritiert.

Was wollten diese zwei unsympathischen Kinder von mir? Warum zogen sie jetzt auch noch mit den Fingern ihre Augen zu Schlitzen, tanzten um mich herum und sangen:

»Chinese, Chinese, Chinese«?

Ich verstand das nicht, aber ich lief tiefrot an und verspürte ein seltsames Schamgefühl, dessen Grund ich nicht begriff. Was stimmte nicht an mir? Ich trug weder einen komischen Hut noch einen gelben Kittel mit schwarzen Zeichen und schon gar kein dünnes Bärtchen. Ich war doch eine Ballerina. Und auch ohne Faschingsverkleidung sah ich diesen beiden Kostümchinesen in keiner Weise ähnlich. Was wollten diese Geschwister von mir, und warum kicherte nun auch der Rest der Gruppe schadenfroh, als ich zu weinen begann?

Ich hätte mir in diesem Moment jemanden gewünscht, der mir erklärte, warum es nicht nur auf Faschingsfesten, sondern auch auf Kindergeburtstagen stets einen Moment für mich gab, in dem die gute Stimmung kurzzeitig kippte, weil man mir unterstellte, etwas zu sein, was ich nicht war. Kinder bauten sich vor mir auf und behaupteten: »Meine Mutter sagt, dass du gar nicht aus Deutschland kommst.« Oder: »Meine Eltern sagen, dass deine Mutti gar nicht deine Mutti ist.« Wie reagiert man als Vier- oder Fünfjährige darauf? Natürlich habe ich mich gewehrt: »Ihr lügt, ihr lügt.« Aber geholfen hat es mir nicht. Ich war immer allein mit meiner Meinung.

Meinen Eltern habe ich von diesen Vorfällen so gut wie nie erzählt, ich genierte mich zu sehr dafür. Vielleicht würden sie ebenfalls entdecken, dass ich anders war als die anderen, und mich deswegen für immer verstoßen. Noch Jahre später habe ich – es war mir am Anfang gar nicht bewusst – nach den Chinesenhüten gesucht, die das unfreundliche Zwillingspaar damals auf dem furchtbaren Kinderfasching in Grünwald getragen hatte. Als ich in China studierte, habe ich in jeder Gegend, in die ich kam, nach solchen Kopfbedeckungen Ausschau gehalten – auf Märkten, in Kaufhäusern, an Buden am Straßenrand. Stundenlang habe ich auf den langen Zugfahrten durchs Land zum Fenster hinausgesehen und die Felder systematisch nach dieser typischen Form von Strohhut abgesucht. Aber in China sind mir nie Menschen begegnet, die sich genau mit dieser Hutform gegen die Sonne schützten. Erst auf einer Rucksack-Reise durch Vietnam bin ich schließlich auf solche Hüte gestoßen. Reisbauern trugen sie bei ihrer Arbeit.

Nur einmal hatte ich während meiner Kindheit eine Verschnaufpause vom Leben eines Aliens. Es waren immerhin dreieinhalb Jahre, bevor ich ins Internat nach München ging. Ab 1964 lebten wir in einem alten Bauernhaus auf dem Land. Da war ich sechs Jahre alt. Das Dorf bestand aus zehn Höfen, einer Gastwirtschaft und einer Kirche mit Friedhof. Der nächste Krämerladen lag zwei Kilometer entfernt. Ich ging in eine Zwergschule in Thankirchen, wo es nur ein Klassenzimmer gab. Das bedeutete, dass vier Klassen in einem Raum gleichzeitig unterrichtet wurden. Die Klassen eins bis vier hatten vormittags Unterricht, die Klassen fünf bis acht nachmittags. Und die folgende Woche war es umgekehrt. Im Sommer radelten alle Kinder des Dorfes die fünf Kilometer zur Schule, die Kleinen immer in der Mitte. Im Winter fuhren wir mit den Skiern und nahmen die Abkürzung durchs Kirchenholz. Allerdings nur, wenn der Unterricht am Nachmittag stattfand.

Meine Klassenlehrerin Anni H. hatte schwarz gefärbte Haare und führte ein strenges Regiment. Sie war für ihre Watschen bekannt, die sie gnadenlos austeilte, wenn wir nicht spurten. Meine Ankunft begeisterte sie nicht. Sie strich mir am ersten Tag über den Kopf, was ich hasste, und sagte nicht gerade erfreut: »Na, dann schauen wir mal.« Ein Stadtkind in einer Bauernschule, und dann ausgerechnet noch eine Ausländerin, die zudem adoptiert worden war. Das hatte ihr gerade noch gefehlt!

Aber was für Bedenken, vielleicht sogar Ressentiments, Frau H. auch immer gegen Kinder aus der Stadt im Allgemeinen und gegen Ausländer im Besonderen hatte, sie hat es mich nie spüren lassen. Im Gegenteil. Vielleicht, weil ich als Einzige Hochdeutsch in der Schule sprach. Auf jeden Fall bestimmte mich Lehrerin H. bei der Kommunion meiner Klasse zur Vorbeterin. Und so durfte ich 1967 als Neunjährige aus einem weißen Gebetbuch mit Goldschnitt und hauchdünnen Seiten der Gemeinde von Dietramszell vorlesen.

Ich war sehr stolz und zugleich aufgeregt. Natürlich sah ich so aus, wie meine Mutter es wollte. Ich hätte mir ein Kleid mit vielen Spitzen und Rüschen gewünscht, ein kitschiges weißes Krönchen auf dem Kopf und eine wie mit Zuckerguss verzierte Kerze. Stattdessen nähte meine Mami mir ein weißes Baumwollkleid mit Streifenstruktur und Bolero. Es gab kein kitschiges Krönchen, und auch die Kerze hatte weit weniger Verzierungen als erhofft.

Der Umzug war also eine Befreiung für mich gewesen.

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