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Die verruchten Pfade

Über den Autor

Robert M. Talmar, geboren in Hannover, ist als Berater in der Wirtschaft tätig. Er ist Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher. Dennoch galt seine Leidenschaft von Jugend an auch dem phantastischen Genre. So stammen unter anderem ein gutes Dutzend Science-Fiction-Romane und -Novellen aus seiner Feder. Er lebt mit seiner Familie in Norddeutschland.

ROBERT M.
TALMAR

GILWENZEIT

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNG

Mein besonderer Dank gilt wie immer den Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte:

Frank Weinreich, meinem Lektor. Er ist für mich der deutsche »Papst« der Fantasy. Er nahm mich ins Gebet, legte mir mannigfaltige Bußen auf und erteilte diesem Buch am Ende seinen Segen. Danke, Frank, für Zuspruch und Kritik.

Meinen Agenten Werner Fuchs und Michael Fehrenschild, die viele Hochs und Tiefs gemeinsam mit mir gingen.

Den Mitarbeitern des Verlags Bastei Lübbe wiederum ein herzliches Dankeschön, namentlich Ruggero Leò und Stefan Bauer.

Meinen Testlesern, die einen langen Atem beweisen mussten, ehe ich das Manuskript in ihre Hände legte.

Meiner Familie, meiner lieben Frau und meinem Sohn, sowie meinen persönlichen Freunden schulde ich vielfältigen Dank in gar nicht auszudrückendem Maße, und das bedarf einer Erklärung.

Ich erkrankte im Jahr 2013 schwer an einem Kehlkopftumor, noch bevor die ersten beiden Bücher überhaupt in Druck gingen. Die Korrekturabzüge korrigierte ich schon im Krankenhaus. Nach dem ersten Schock folgte die Erleichterung – ich sprach auf die Strahlen- und Chemotherapie gut an. Doch dann kehrte 2014 der Krebs zurück, und ich musste mir meinen Kehlkopf vollständig entfernen lassen. Seitdem bin ich buchstäblich sprachlos. Dieser zweite Schock war tiefer und erschütternder. Ohne die Zuwendung und Liebe meiner Familie, ohne die Unterstützung vieler Freunde, die ich gar nicht alle einzeln nennen kann, wäre ich dem Tod vielleicht nicht noch einmal von der Schippe gesprungen. Danke euch allen!

Und ebenfalls gilt mein inniger Dank auch dem Ärzteteam und dem Pflegepersonal der HNO-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, ohne die weder dieses Buch noch derjenige heute existierten, der es vordem schrieb.

Begreiflicherweise kam es im Rahmen all dessen zu Verzögerungen in der Fertigstellung des vorliegenden Bandes. Allen (un)geduldigen Leser/-innen schulde ich daher ebenso Dank für ihr Verständnis. Falls dies ein Lichtblick ist: Band 4 ist in Arbeit.

RMT, im Frühjahr 2015

verrucht |verrucht|

mittelhochdeutsch verruochet, eigentlich = acht-, sorglos. Die heute übliche Bedeutung hat sich aus ›achtlos gegenüber dem, was als geheiligt gilt‹ entwickelt.

Adjektivisches 2. Partizip von: verruochen = sich nicht kümmern, vergessen (zu: ruochen = sich kümmern, Sorge tragen).

WAS BISHER GESCHAH

Dies ist der dritte Band der Geschichte der Gilwenzeit und ihrer Kriege.

Der erste Band, Der vergessene Turm, berichtet, wie Finn Fokklin, der Sohn des wohlhabenden und berühmten Tintners Furgo Fokklin, etwas ganz und gar Ungeheuerliches (und für seinesgleichen Unvorstellbares) entdeckt: Geheimnisvolle Fremde machen sich im Hüggelland breit! Und dass, obwohl seit 700 Jahren niemand mehr von außerhalb diesem völlig abgeschiedenen Landstrich einen Besuch abstattete; weder im Guten noch im Schlechten.

Die Bewohner des Hüggellandes, das ebenso kleine wie kleinwüchsige Volk der Vahatin, lebt in Unabhängigkeit und Freiheit. Kriege kennen die Vahatin nur aus den alten Schriften ihrer Büchereyen. Seit fast 700 Jahren wohnen die Vahits (wie sie sich selbst gern nennen) zufrieden in der Abgeschiedenheit ihres von Gebirgen umschlossenen und durch einen meilenhohen Geländeabbruch, genannt »der Sturz«, vom Rest der Welt getrennten Landes.

Einst zogen sie sich mit dem Ende jenes halbhundertjährigen Bürgerkrieges zurück, der die sogenannte Dreiteiligkeit brachte. Die Dreiteiligkeit war das Ergebnis des Zerfalls des einst so mächtigen Menschenreiches von Benutcane, das an der eigenen Größe ebenso scheiterte wie an der Überheblichkeit seiner Herrscher und schlussendlich in die drei ungleichen Königreiche Revinore, Arelian und Vindland zerbrach.

Als die Vahatin ihre angestammten Lande verließen, war dies in Wahrheit eine Flucht vor den im Kriege roh gewordenen Menschen. Neben ihrer notdüftigsten Habe nahmen sie vor allem viele den Flammen des Bürgerkriegs gerade noch entrissene Bücher mit und retteten damit unersetzliche Werke. Denn Bücher liebten die Vahits von jeher über alles. So wurden sie – ohne es zu beabsichtigen – zu den letzten Hütern des Wissens der Menschen aus der Zeit vor der Dreiteiligkeit. Ihre drei größten Siedlungen entstanden rund um Büchereyen, die sie vor allem gründeten, um die unersetzlichen Sammlungen der geretteten Bücher zu ordnen und zu erhalten.

Für 700 Jahre also gewährte das Schicksal den Vahatin Frieden. Doch dann entzog es ihnen seine Gunst.

Wie sich zeigt, zählen die Eindringlinge, denen Finn auf die Spur kommt, nicht nur nicht zu den Guten, sondern zu den denkbar Schlechten. Es sind nicht einmal Dirin, Menschen, denen die Vahits seit der Dreiteiligkeit ohnehin misstrauisch gegenüberstehen und denen derlei Übertritte zuzutrauen wären. Doch diese Eindringlinge sind albtraumhafte Wesen einer unbekannten Art, Gidrogs, die sich heimlich im Hüggelland bewegen. Angeführt werden sie von dem brutalen Saisárasar, und dieser ist ein Dir.

Er besetzt mit einer Schar Gidrogs den weißen Turm Acaeras Alamdil: eine uralte und schon vor der Besiedelung des Hüggellandes verlassene Wehranlage der Dirin. Eine Festung, die ebenso herren- wie scheinbar sinnlos das Tor zu Finns Heimatland »bewacht«. Von hier aus unternehmen die Eindringlinge Spähflüge auf den Rücken ihrer Criargs: Großvögel, die stark genug sind, selbst einen Menschen zu tragen.

Bald schon wird deutlich: Die Gidrogs beabsichtigen, das Hüggelland für sich zu erobern. Die Kriegsunerfahrenheit und nahezu vollständige Wehrlosigkeit der Bewohner des Hüggellandes kommt ihnen dabei zupass und verschlimmert die für die Vahits ohnehin wenig aussichtsreiche Lage.

Finn und sein bester Freund, der Landhüter Mellow Rohrsang, geraten in die Gefangenschaft Saisárasars, können sich allerdings befreien und in der Folge die nichtsahnenden Bewohner des Hüggellandes zumindest vor dem bevorstehenden Einfall der Gidrogs warnen.

Auf ihrer Flucht schließt sich ihnen ein Fremder an, Circendil, ein Dir und Kriegermönch des vindländischen Davenaordens. Seine selbst gestellte Aufgabe ist seltsam, ja nebulös: Er will nichts Geringeres als »die Gluda« finden, um mittels dieser Gilwe dem Tyrannen Lukather die Stirn zu bieten. Denn dieser Lukather ist, wie die beiden Vahits erfahren, die eigentliche Schlüsselfigur im Hintergrund, die alle Fäden zieht. Finn und Mellow hören erstmals von den unvorstellbar wertvollen Gilwen, faustgroßen Kristallkugeln von unbegreiflicher Macht, und ihren Schöpfern, den einstigen Wahren Meistern der Gidwargim.

Lukather entriss den Gidwargim schon vor Jahrhunderten das Geheimnis der Herstellung der Gilwen. Er entführte und tötete den letzten der Wahren Meister, nachdem er sich dessen Wissen angeeignet hatte. Fortan fertigte der Tyrann eigene Gilwen und verlieh diesen seither als dunbluód bekannten Kugeln unsägliche zerstörerische Kräfte. Viele Schlachten gewann er mittels jener Schwarzen Gilwen, und allzu früh erhoffte Siege verwandelten sich in tödliche Niederlagen für seine Gegner. So mussten selbst die Gidwargim trotz des Besitzes eigener Gilwen seiner erdrückenden Übermacht ein um das andere Mal weichen. Ihre Zahl wurde mit den Jahren immer geringer, und ihre einst prächtigen Heimstätten zerfielen.

Jene Gluda, die Circendil zu finden hofft, wird indes auch die Reine genannt. Noch ist ihr als letzter Gilwe und einziger keine Kraft beigegeben worden. Es ist daher möglich, ihr eine besondere Art von Macht zu verleihen, eine, die fähig wäre, Lukather zu besiegen … nur muss sie dazu erst einmal gefunden werden. Und heutzutage weiß niemand mehr, wo sie sein könnte.

Ein altes Buch enthält einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort, doch es ist in den Landen der Menschen gleichfalls nicht mehr vorhanden. Circendils Reise ins Hüggelland gründet sich allein auf die dünne Hoffnung, dieses Werk oder eine Abschrift davon möge unter den einst von den Vahits geretteten Büchern noch zu finden sein.

Nachdem Finn, Mellow und Circendil die Bewohner des Hüggellandes vor dem drohenden Angriff der Gidrogs warnten, wird ein Rat einberufen, in dem vieles verhandelt wird. Aber damit ist kaum etwas gewonnen. Alles Kriegerische ist den Vahits nach der langen Friedenszeit vollständig fremd, die Beibehaltung ihrer Gewohnheiten ist ihnen wichtiger als die Anerkenntnis des bevorstehenden Einmarschs. An eine Gegenwehr ist aus beiden Gründen kaum zu denken.

Gerade als die ersten Angriffe losbrechen, lernt Finn das Mädchen Tallia Goldammer kennen und lieben. Die Gefährten müssen sich zudem der entsetzlichen Gegenwart eines Dunbluódur stellen, eines Trägers einer Schwarzen Gilwe. Kriegswirren sind die ungünstigste aller Zeiten für eine aufkeimende Liebe, und Finn und Tallia müssen dies alsbald schmerzhaft erfahren, als sie unversehens in das sengende Feuer von Ulúrcrum geraten. Inmitten der sie umzingelnden Flammen ist das junge Pärchen gewiss, nunmehr gemeinsam sterben zu müssen.

Der zweite Band, Der verlorene Brief, erzählt, wie Finn und Tallia dem Feuer von Ulúrcrum wider Erwarten zu entkommen vermögen und dabei obendrein noch den Gidwargum Glimfáin retten.

Glimfáin entpuppt sich als der Sänger einer Gilwe und als der Lenker eines Himmelsgefährts, einer nach einem Luftangriff notgelandeten Windbarke. Dieser Angehörige jenes Volkes, das einst die Gilwen schuf, ist zudem der Hüter der bedeutenden Axt Nemandáur, die im Kampf in den Feuern verloren ging. Nur unter größter Gefahr kann Finn sie ihm wiederbeschaffen. Zum Dank erhält er Maúrgin, ein berühmtes Gidwargum-Schwert vergangener Tage, zum Geschenk.

Während Glimfáin von Brandwunden gezeichnet bettlägerig auf seine Genesung wartet, reiten Finn, Mellow und Circendil in den Süden des Hüggellandes, um einer Spur nachzugehen, die sie zu dem verschollenen Buch führen soll.

In dem Dorf Aarienheim überstürzen sich die Ereignisse. Zunächst muss Finn erfahren, dass seine Eltern Opfer eines Überfalls der Gidrogs wurden. Seine Mutter ist tot, der Verstand seines überlebenden Vaters ist angesichts der Vorfälle zutiefst verwirrt. Finn ist verzweifelt, fühlt sich hin und her gerissen zwischen der Sorgepflicht des Sohnes und den Notwendigkeiten, welche die größere Auseinandersetzung von ihm fordert.

Am Ort des Überfalls findet Mellow einen verlorenen Brief, der an Saisárasar gerichtet ist. Die Gefährten können dem Schreiben entnehmen, dass die Absichten von Lukathers Abgesandtem weit umfassender sind, als sie bisher dachten. Nicht nur das Hüggelland ist in Gefahr. Ein dunkler Plan bedroht ebenso Revinore, eines der drei Königreiche der Menschen.

Zum Teil fußt dieser Plan auf dem Wirken einer Sinyanhwe, einem Kristall, der die Sinne betört und verwirrt. Mellow gerät in den Bann einer solchen Gemme und wandelt sich vor den Augen seiner Freunde zum Schatten seiner selbst.

Ehe die Gefährten auch nur beraten können, ob und wie man den König von Revinore in seiner fernen Hauptstadt Caras Berene warnen könnte, bläst Saisárasar zum Angriff auf das Hüggelland. Aarienheim wird überrannt, und zeitgleich fallen Schwärme von Criargs und ihre Reiter über die anderen Dörfer des Hüggellandes her.

Finn erlebt das Grauen auf seine Weise: Er muss Mellow vor sich selber retten, doch bevor ihm dies gelingt, werden beide von Saisárasar gestellt. Mellow wird niedergeschlagen. Finn kann dem Verhängnis entgehen – nur um mitansehen zu müssen, wie seine engsten Verwandten von angreifenden Gidrogs niedergemetzelt werden. Auch Finns Vater wird erschlagen. Und Circendil geht vor seinen Augen im Kampf zu Boden.

Noch einmal kann Finn an der Seite seines Vetters Wilhag entweichen. Doch Saisárasar wird ihrer schnell wieder habhaft, und nun ereilt ihn sein Schicksal. Saisárasar treibt die beiden wehrlosen Vahits bis an den Rand des Sturzes – und darüber hinaus. Beide stürzen haltlos in die mehr als eine Meile hinabreichende Tiefe.

Saisárasar, der Diener Lukathers, trägt den Sieg davon. Das Hüggelland, Uvaithlian, ist sein. Doch auch er weiß, dass dies alles erst der Anfang war. Nützlich zweifellos, aber weitgehend unbedeutend. Ein Vorgeplänkel allenfalls, ein Vorspiel der wahrhaft wichtigen Ereignisse, die alsbald geschehen werden …

An dieser Stelle setzt der dritte Band, Die verruchten Pfade, mit seiner Erzählung ein.

SIL VENCLÉN

DER WIND ZERRTE an den Falten zweier wadenlanger, schwarzer Mäntel. Die Dunkelhäutigen, die sie trugen, standen Seite an Seite; sie musterten mit strenger Miene Gruppe um Gruppe der vor ihnen wartenden Criargreiter. Große Feuer brannten in der Mitte des Talkessels, und Fackeln steckten in langen Reihen in der satten schwarzen Erde. Ihr Knistern und Fauchen erfüllte die Luft ebenso wie der Rauch, den der Wind zu waagerechten Fahnen verbog.

Die Flammen spiegelten sich vielhundertfach in den blanken, mit Axtdornen versehenen Schwertern, in den bloßen Ringen des Zaumzeugs, in Halsbergen, auf Schulterstücken und anderem schimmernden Metall, ja selbst in den glänzenden Schnäbeln und in funkelnden Augen der Reittiere. Die Großvögel zischelten unruhig in der Nacht, sie traten von einem Bein aufs andere. Sie ahnten den bevorstehenden Aufbruch und witterten die Angespanntheit ihrer Reiter ebenso wie die Beutegier in den Ausdünstungen ihrer eigenen Art.

Ihre Reiter, die zum Abflug bereiten Gidrogs, standen noch neben ihren Tieren, in Reih und Glied gefächert, fünfhundert an der Zahl, schon am Boden zu kleineren Schwärmen geordnet. Doch noch war der Befehl, in den Sattel zu steigen nicht, gegeben worden. Ein kalter Luftzug strich über die Grasfläche, die den kleinen See am Grunde des Talkessels umgab. Er kam von Osten und versprach Rückenwind. Das und einen schnellen, kraftsparenden Flug.

Der breitere der beiden Nodirin trug einen dichten Fellbesatz am Kragen seines gleichfalls pelzgefütterten Mantels. Er breitete eine Hand aus, als überlasse er dem anderen großzügig ein Königreich.

»Mögen diese hier dir den Sieg erringen«, sagte er huldvoll.

»Am Sieg besteht kein Zweifel«, antwortete der schmalere. Um seinen Kopf wand sich ein Tuch und verdeckte die rechte Augenhöhle. »Wenn sie nur tun, was ich ihnen sagte. Werden sie es?«

»Das werden sie.« Der Dunkle neben Saisárasar ballte die eben noch huldvoll ausgestreckte Hand zur Faust und reckte sie stolz. »Das sind alles meine Leute, Simorgh. Sie folgen mir blind.«

»Was taugen mit Blindheit geschlagene Krieger? Können sie Nachrichten sammeln über den Feind? Und was nützt es mir, wenn sie dir folgen? Du scheinst zu vergessen: Das da waren deine Leute, hörst du mich, Ulmorgh Ensamot? Jetzt sind sie mein. Und sie sollen mir bedingungslos folgen! Merk dir das! Schärf es ihnen ein!«

»Sie wissen es«, erwiderte der Stämmige grollend. »Sie kennen die Strafe für jegliches Fehlverhalten.«

»Und sie wissen nur zu genau, wie sie uns im Auge behalten«, versetzte Saisárasar. Sein geänderter Tonfall machte deutlich, dass er nun nicht mehr von den Gidrogs sprach. »Dich und mich, Ensamot. Falls du auch das vergessen hast.«

»Ja.« Der Angesprochene verzog sein breites Gesicht zu einer Grimasse des Abscheus. Rechts wie links zeigten seine Wangen je drei fingerlange, wulstige Schmucknarben; ein äußeres Zeichen dafür, dass der Ulmorgh Vu’luth, das Licht Lukathers, höchstselbst gesehen hatte. »Sie sind … nun ja, lästig.«

Saisárasar fuhr herum. »Lästig? Was erdreistest du dich! Lästig sind ein paar Kröten im Hüggelland, aber nicht sie. Sie sind unbedingt vonnöten, weit mehr als alles andere! Sie sind die mächtigste Waffe Ulúrlims. Das größte Geschenk des Herrn. Von den Tränen abgesehen, die er ihnen überließ. Ihretwegen werden wir siegen. Im Namen Lukathers und im Angesicht des Goch! Schmähe niemals mehr die Dunbluódul, Ensamot, wenn dir dein Leben lieb ist. Oder du wirst des Todes sein! Schneller als du ahnst. Und rascher, als du es verhüten kannst.«

Saisárasar trat an sein Reittier heran und ruckte an einem Gurt. Sein rascher Blick streifte eine aufgepflanzte, auswehende und weithin sichtbare Fahne, deren Tuch im Ostwind schlug. Ihr Wehen versetzte die rote sechsblättrige Blume in Bewegung, in deren Mitte Goch, der erbarmungslose Schlund, jedem und allem drohte: Dies war das Wahrzeichen der Macht Ulúrlims. Die Blüte Seines Wissens. Der Ausdruck Seiner Überlegenheit.

Saisárasar nickte, zufrieden mit der Stärke des Windes. Dann prüfte er den Stand des Mondes. Ohne sich umzudrehen, sagte er: »Es wird Zeit, Ensamot. Sprich jetzt, und sprich besser die richtigen Worte. Entlasse die Truppen aus deinem Befehl. Entsage ihrer jetzt. Sie sind ab nunmehr mein, mit Leib und Leben. So wahr wir unter dem Feldzeichen des Fe’e Hu Seinen Zwecken dienen.«

Ensamot zischte etwas, doch er trat vor, und seine Hand gebot Schweigen.

Dann sprach er wie geheißen.

Wenig später erfüllte das Schlagen hunderter schwerer Schwingen das Tal. Es hallte wider von den senkrechten Wänden gleich einem sich ankündigenden Sturm. Schwarm um Schwarm stieg über den Feuern auf und zog fort, ihrem Anführer folgend; gen Osten gegen den Wind sich erhebend, dann nach Westen sich wendend, der fernen, großen Felsenmauer entgegen.

Mit dem Anbruch des Tages würden sie dort sein. Um Saisárasar den Sieg zu bringen. Über eine Gegend, die Uvaithlian hieß.

Ensamot bleckte die Zähne, als der Simorgh außer Sicht geriet. Dann wandte er sich ab und gab neue Befehle. Neue Reiter würden eintreffen, schon heute oder morgen; und danach noch viele weitere. Sie alle galt es zu empfangen, ihre Tiere zu verpflegen und dafür zu sorgen, dass alles bereit war für seinen – Ensamots – großen Tag.

Der näherte sich. Langsam zwar, aber stetig … mit jedem klammen Tag des Wartens in den kalten Winden des Nordens.

TEIL I

1. KAPITEL
In Feindeshand

ATEMLOS TAUMELTE ER vorwärts. Etwas in ihm drängte, keine Zeit zu verlieren. Warum er sich allerdings so beeilen sollte, darüber schwieg die innere Stimme eisern. Und mehr als ein Tapsen, ein Schwanken wie nach einem Wirtshausbesuch mit zu viel Genuss von Brummbarem brachte er ohnehin nicht zu Stande. Die rechte Hand presste er seitlich gegen seinen Hut. Er drückte die Krempe fest auf das zerknüllte Taschentuch darunter und damit beides auf eine fingerlange Schädelwunde. Dennoch rann Blut in dünnen Fäden unter dem Hutband hervor. Die andere Hand streckte er unsicher tastend nach vorn, wie ein blinder Käfer den letzten verbliebenen Fühler.

Wieder trat er auf einen vom gestrigen Sturm abgerissenen Ast. Es knackte laut unter seinem Fuß, und er zuckte unwillkürlich zusammen. Fast verlor er das Gleichgewicht. Mit den Stiefelspitzen stieß er gegen einen der Feldsteine, die in loser Folge den Weg säumten. Er machte ungelenk kehrt und wankte zurück, dahin, wo er die ungefähre Mitte des Weges vermutete. Ein paar unbeholfene Schritte weit schleppte er sich mehr oder weniger geradeaus. Dann patschte er in eine Pfütze und glitt darin aus. Er fiel der Länge nach hin, und eine Welle dunkler Pein brandete über ihn hinweg.

»Mein lieber Mellow«, ermahnte er sich, als der Schmerz endlich abebbte und er sich bäuchlings im Matsch liegend wiederfand – und kaum noch die Kraft dazu fühlte, sich wieder zu erheben. »Du solltest besser hasten, nicht rasten.«

Es war tröstlich, eine Stimme zu hören; selbst wenn es nur die eigene war.

Irgendwie schaffte er es, an den Rand der Pfütze zu gelangen und dort wieder auf die Füße zu kommen. Aber sie gehorchten ihm weiterhin nur widerstrebend, und verloren sofort die Richtung, kaum dass er sie setzte. Er kam jenseits der Wasserlache erneut vom Wege ab und torkelte heftig gegen einen Baum, der einen Augenblick zuvor noch nicht dort gestanden hatte. Schlimmer und weitaus schmerzhafter war, dass er in die dornenbesetzten Zweige eines der wilden Himbeersträucher geriet, die zuhauf am Waldesrand wuchsen. Hatten die denn zuvor auch schon dort gestanden? Er erinnerte sich nicht. Aber an was erinnerte er sich überhaupt?

»Ich wollte nur, ich wüsste, wo ich bin«, keuchte er. »Und wo zum Kuckuck steckt Finn?«

Er erhielt keine Antwort. Offenbar war er tatsächlich allein. Fast meinte er zu wissen, dass es einen Grund dafür gab. Und dass dieser Grund ein hässlicher war.

Wo genau er sich befand, verbarg sich für ihn in einem gelblichen Nebel, der auf ihm lag wie ein Albdruck. Er hoffte lediglich inständig, dass er sich immer noch auf dem rechten Weg hielt – zurück zum Tauberhaus mit seinen Scheunen, Stallungen, der Sägemühle und der Werkstatt.

Doch vielleicht war dies auch der Pfad, der ihn in den eigenen Untergang führte.

Sehen konnte er nichts von alledem. Noch vermochte er auch nur zu erahnen, wie weit es bis dahin war.

Wirre Lichter umwirbelten ihn, wann immer der Nebel vor seinen Augen zerfaserte. Es waren allerdings ebenso wenig wirkliche Lichter, wie er durch einen wirklichen Nebel irrte. Was seine ohnehin eingeschränkte Sicht in Schüben trübte, waren Ausgeburten eines hämmernden Kopfschmerzes, die ihn im Takt seines Herzschlags blendeten.

In seinem Mund sammelten sich Blut und Speichel. Der Übelkeit bereitende Geschmack von Eisen quälte seine Zunge. Er spuckte beides aus und bereute es sofort. Das sofort wieder einsetzende peinigende Hämmern in seinem Kopf war kaum noch zu ertragen, und ein leises Stöhnen begleitete den Schmerz, als wäre es sein Echo. Es war ein Laut, den er selbst erst bemerkte, als er sich fragte, wer da wohl stöhnte. Niemals zuvor hatte er sich derart schwach und schutzlos gefühlt. Und plötzlich war er dankbar, dass niemand in seiner Nähe war.

Allein anschwellender Lärm voraus zeigte Mellow die ungefähre Richtung an, in die er eilen musste und wollte und es doch nicht schaffte – es waren unverkennbare Kampfgeräusche. Geräusche, die er seit der Nacht am Mürmelkopf nie wieder würde vergessen können.

Deutlich vernahm er das Wiehern durchgehender Ponys. Das singende Aufeinanderklirren von Klingen. Das gellende, durch Mark und Bein fahrende Gekreisch von Criargs. Dazu dumpfes Flattern schwerer Flügel. Schrille Vahitstimmen, die vor Entsetzen oder Todesangst schrien. Aufgeregtes Gidroggebrüll. Dazwischen das panische Gackern und Zischen zu Tode erschrockenen Federviehs: Hühner, Enten, Gänse. Und immer wieder erklang Circendils tiefe Stimme, die Anweisungen rief, die Mellows Ohren gleichwohl hörten und deren Sinn er dennoch nicht verstand. Er tastete sich weiter.

Seine Lider waren verklebt von geronnenem Blut. Das rechte Auge musste er fest geschlossen halten, das linke vermochte er kaum zu einem Schlitz zu öffnen. Er wankte vorwärts, begriff kaum, was geschehen war. Oder das, was jetzt eben geschah.

Holzbohlen erklangen mit einem Mal dumpf unter seinen Füßen. Das war gut. Oder nicht? Ja, es gab Holzbohlen nahe des Taubergrundstücks; sie formten den Weg bis zur Bachbrücke und darüber hinweg. Er mühte sich, den halben Blick seines weniger verklebten Auges auf etwas zu richten, das er wiedererkannte.

Schwer stützte er sich an einem Zaunpfahl zu seiner Linken ab; ein windschiefes Ding, das, falls er sich jetzt recht entsann, den Beginn des tauberschen Küchengartens zur Waldseite hin markierte. Er versuchte zu Atem und zu einem halbwegs ungetrübten Blick zu kommen. Ja, hinter dem Zaun wuchsen verschiedenste Kräuter in leidlich geraden Beeten. Er roch sogar deren würzigen Duft. Er befand sich zweifellos am Rand des Taubergrundstücks.

»So weit, so gut«, murmelte er.

Der Schwindel erfasste ihn im nächsten Moment, als wolle er ihn schon für die geringste Zuversicht bestrafen. Oder als suche der mit einem Mal ebene, feste Grund nach einem Ausgleich, um ihn mit zunehmender Schwäche zu strafen. Es war einerlei. Im selben Augenblick begann sich alles um Mellow herum zu drehen. Ihm wurde übergangslos übel.

Keuchend hielt er inne.

Plötzlich glaubte er gar Saisárasars dunkle, in einen Mantel gehüllte Gestalt vor sich zu sehen, wie sie einen Schatten auf ihn warf. Er fuhr herum und riss sein Wacala heraus. Aber es war allein der dichte Bewuchs eines Hagebuttenstrauchs, der ihn narrte. Verbissen umklammerte er einen Zaunpfahl, steckte die Klinge zurück und zählte bebend bis sieben.

»Warte, Mellow«, sagte er dann zu sich. »Warte, wenn du klug bist. Eile ja, aber mit Weile. Gönn dir noch ein paar Augenblicke. Du musst nur ein wenig ausruhen. Wenigstens so lange, bis dieses Kreiseln aufhört. Warte hier, oder du bist verloren.«

Als brauche es eine Bestätigung, gellte irgendwo voraus der schrille Todesschrei eines Vahits. Mellow zuckte zusammen. Er rieb sich fahrig über das klebrige Gesicht. Die Kruste getrockneten Blutes gab dabei nach, vielleicht gelöst vom Wasser der Pfütze, in die er gefallen war. Heftig zwinkernd schaffte er es jetzt, beide Augen zu öffnen.

Sein Kopf ruckte hoch, und er schaute auf.

Das Erste, was er erblickte, war aufsteigender Rauch. Dichte, schwarze Wolken, die hinter dem Buschwerk und dem First des zuvorderst erkennbaren Daches emporquollen. Dahinter erkannte er schemenhaft die hoch aufragende Feldsteinmauer des Brochs. Etwas stürzte in diesem Moment geräuschvoll ein, und jetzt hörte Mellow auch das entfesselte Prasseln von Flammen. Er stöhnte auf.

*

Mellows Erinnerung an das kürzlich Geschehene war ein durcheinandergleitendes Flimmern von unverständlichen oder auch unvollständigen Bildern. Sie kam ihm brüchiger vor als dünnes Eis auf einem Obergauer Weiher im November.

So sah er sich auf einer Holzbrücke über einem rauschenden Wildbach stehen, doch wusste er nicht mehr, weshalb er dort gestanden hatte. Er sah sich mit Finn um irgendetwas ringen. Sie wälzten sich auf dem Boden; ein Bild, das ihn zugleich erschütterte und ihm völlig unwirklich vorkam. Er sah Finns Vetter Wilhag, der ihn, Mellow, aus welchem Grund auch immer, niederdrückte. Dann war da ein Criarg, der mit ausgebreiteten Schwingen landete. Da war Saisárasar, der mit gezogenem Schwert aus dem Sattel sprang. Und da war er selbst, der mit hocherhobenem Wacala auf seinen besten Freund Finn einstechen wollte. Nur, weil ihn etwas anstieß oder vielleicht auch fortriss, allein aus diesem Grund fuhr das scharfe Waldarbeitermesser knapp an Finns Gesicht vorbei und schlitzte diesem das Ohr entzwei, anstatt ihn zu töten. Zu töten?

Hatte er etwa allen Ernstes versucht, Finn zu töten?

Konnte das tatsächlich geschehen sein? Oder sah er Bilder eines verblassenden Traums?

War es das, was er erinnerte? Dass er, Mellow, mit Saisárasar gekämpft hatte? Zu seinem eigenen Erstaunen sah und hörte er das Wacala auf den dunkelhäutigen Menschen zuwirbeln, und mit plötzlich klarem Erinnern wusste er, dass die Klinge, von seiner kleinen Hand geschleudert, dem großen Mann mit einem hässlichen Geräusch bis an das Heft in die rechte Schulter gefahren war. Er sah den Nodir wanken, aber er fiel nicht. Das nächste Bild erschreckte ihn am meisten – Saisárasar riss sich das wuchtige Messer aus der Schulter, machte ein, zwei unvorhersehbare Schritte auf Mellow zu, ragte drohend vor ihm auf – und schlug mit kalter, unbarmherziger Wucht zu. Das befleckte Wacala traf, mit dem Knauf voran, Mellows Kopf, der daraufhin in einer Wolke davonfliegenden Blutes zerbarst.

Das war der letzte Gedanke, der in seiner Erinnerung aufflackerte. Danach war da nichts mehr als Schwärze.

An sein folgendes Erwachen entsann er sich dafür deutlicher.

Etwas Gelbliches glomm erst stechnadelgroß in der alles umhüllenden Schwärze auf, wuchs erschreckend schnell zu einer brennenden Flamme heran – doch aus was? – und versengte ihm die Hand. Als er die Augen aufschlagen wollte, klebten ihm die Lider zusammen, als hätte er in heißem Pech gebadet … und seine Hand glühte.

Erst dann überschwemmte ihn eine von seinem Kopf ausgehende Schwäche, und er tastete und fühlte frisches Blut. Sein Haar und Gesicht waren nass, und er lag im Gras, und nur mit Mühe wischte er ein Auge frei. Neben Mellow lagen sein Wacala und sein Hut; und seltsam, dieser Anblick mahnte ihn, nicht zu säumen. Obwohl er nicht hätte sagen können, was er versäumte, wenn er einfach im Grase liegen blieb.

Er fühlte die Nässe, ehe er den hämmernden Schmerz selbst verorten konnte – oberhalb seiner rechten Schläfe war die Kopfhaut geplatzt oder zerrissen, und die Verletzung blutete stark. Er wühlte sein Taschentuch aus der Weste hervor und presste es auf die Wunde; und weil ihm die Hand ebenfalls schmerzte, stülpte er sich den Hut über Kopf und Taschentuch und klemmte den mehr als notdürftigen Verband ein, so gut es ging. Was wenig genug war.

Eine Ewigkeit danach verging, ehe er es schaffte, sich samt des Rucksacks auf seinem Rücken aufzurichten, zu drei Vierteln blind und schwankend wie ein Blatt im Wind. Er wankte um den Kadaver des verendeten Criargs herum, unwillkürlich dem unsäglichen Gestank ausweichend, der von dem toten Großvogel ausging. Er wich den weit gespreizten Schwingen wie etwas aus, das er zwar wahrnahm, aber von dem er nicht verstand, um was es sich dabei handelte. Noch, wie es dahin gekommen war. Oder was es auch nur zu bedeuten hatte, dass eines der geflügelten Reittiere neben ihm tot im Gras lag, seltsam verkrümmt und in einer Lache des eigenen Blutes liegend.

Dann schlurfte Mellow davon, ebenso kraft- wie atemlos, von einer inneren Eile getrieben, von der er nicht einmal wusste, woher sie rührte.

Und nunmehr, nach einer Zeitspanne, die er nicht einschätzen konnte, die ihn aber wie Stunden dünkte, stand er endlich hier, auf einen Gartenzaun gelehnt, nein, zitternd über ihn gekrümmt wie ein Sterbender, den haltlose Krämpfe schüttelten. Und er fragte sich, was hinter der Wand des ersten Gebäudes an Entsetzlichem vor sich ging. Und was er täte, sobald er es erführe.

*

Mellow zog sich am Zaun entlang, Hand über Hand, bis die Kräuterbeete endeten und eine Bretterwand den Zaun beschloss. Die Wand bildete die Rückseite eines Schuppens, der vor seiner Tür, zum Weg hin gerichtet, ein vorgezogenes Dach aufwies, unter dem sich Lehmtöpfe und anderes Gartengerät stapelten. Er musste sich an der Wand abstützen, so sehr setzte ihm in diesem Moment der Schwindel zu. Dicht an die Wand gepresst – oder richtiger: von ihr gehalten –, wagte Mellow einen vorsichtigen, immer noch leicht verschwommenen Blick. Als er um die Ecke spähte, stockte ihm der Atem.

Dem Schuppen gegenüber, auf der anderen, der rechten Wegseite, lag ein vahithoher Misthaufen. Dahinter erhob sich die Scheune, ein langgestrecktes Gebäude, dessen Schmalseite dem Weg zugekehrt war. Wiederum rechts hinter der Scheune befand sich, etwas versetzt, das eigentliche Tauberwerk: die Sägemühle mitsamt der Werkstatt, in der die Tauberbrüder ihre Bretter zuschnitten und Möbel schreinerten. Auf der linken Wegseite lag jenseits des Schuppens noch ein großer Gartenbereich, in dem die Taubers allerlei Gemüse zogen, ehe schließlich von Mellows Standort aus gesehen ganz hinten die Stallungen kamen. Zwischen diesen drei Gebäuden verbreiterte sich der Weg, bis er am südlichen Ende den Mühlbach in Form einer Bohlenbrücke übersprang. Dahinter, rechts am jenseitigen Ufer, ragte der alte Broch in die Höhe, während sich links das langgezogene, vielwinkelige Tauberhaus mit seinen Vorsprüngen und Einschüben, Erkern und Überbauten erhob.

Als Mellow am Montag hier angekommen war, hatte das ausgedehnte Grundstück den Anblick friedvoller Stille geboten. Jetzt herrschte Krieg.

Überall, auf jedem Flecken freier Fläche, so wollte es Mellow scheinen, wurde zwischen den Häusern gerungen. Es wurde gekämpft und – gestorben. Gidrogkörper lagen am Boden, blutüberströmt, verstümmelt, manche wanden sich noch in Todeszuckungen, andere lagen reglos da in Lachen voller Blut. Der Stall über ihren Köpfen brannte lichterloh; im Schein seiner Flammen, in der Nähe der Brücke, kämpfte Circendil schweißüberströmt gegen jenen, den Mellow glaubte verwundet zu haben – Saisárasar.

Die Klingen der beiden Männer schlugen klirrend Funken, als sie einander in einem tödlichen Tanz umkreisten.

Aber nicht nur der Davenamönch wehrte sich gegen den Feind. Mellow sah etliche gefallene Aarienheimer vor und jenseits der Brücke am Boden liegen. Noch standen einige wenige der Dörfler aufrecht, mit dem Rücken zur Wand oder gegeneinander gedrängt, Holzlatten schwingend, Mistgabeln wie Lanzen vor sich haltend, doch sinnlos am Ende. Netze flogen, von Gidrogs geworfen. Sie rissen die behelfsmäßigen Waffen fort und deren Träger zu Boden. Die Luft bebte und brodelte – nicht nur vor der heiß aufsteigenden Luft.

Jedermann schrie auf seine Weise.

Dumpf, wie grunzend, die Vogelreiter. Volldröhnend Circendil, der, noch immer im Zweikampf mit Saisárasar stehend, zu retten suchte, was zu retten war, und sei es durch verzweifelten Zuruf. Die Vahits gellend mit ihren hohen Stimmen, voller Entsetzen und Schmerz und nur zu oft todgeweiht. Ihr Kreischen wurde übertönt vom beutegierigen Geschrei der Criargs.

Alles dies nahm Mellow binnen eines Moments wahr, der ihm dennoch vorkam wie ein sich endlos hinziehender Anblick des Grauens.

Plötzlich entdeckte er in dem sich wie wild bewegenden Meer aus zuckenden Leibern und Gestalten einen blutüberströmten Finn, der sich gerade auf den Rücken Vankus zog; neben ihm versuchte Wilhag Tauber, es ihm gleichzutun.

Gwaeth, das große Pony Circendils, wieherte kläglich und trotzig zugleich und riss sich von einem Holm los; dann galoppierte es davon, erst die eine Richtung versuchend, dann in eine andere fliehend. Gwaeth sprang an seinem Herrn vorbei und lief um den brennenden Stall herum; dann schoss das Tier, einen Gidrog niedertrampelnd, auf die Scheune zu, scheute vor dem Misthaufen zurück und warf sich herum. Ein, zwei Sätze brachten das Pony an den Rand des Gartenfeldes, vor dem einige höhere Büsche wuchsen. Wieder scheute es, abermals drehte es ab, um endlich die erlösende Freiheit in dem nahen Wald nördlich des Grundstücks zu suchen. Gwaeths Hufe donnerten nun über die Bohlen den Weg entlang. Er rannte, nur fort von dem Gemetzel, am diesseitigen Schuppen entlang. Dicht eilte das Pony des Medhirs an dem hinter der Ecke kauernden Mellow vorbei. Und da erkannte Mellow, was er tun musste.

Gwaeth war, wie die anderen Ponys, die mit ihm zurück in den Obergau hatten gehen sollen, zur Abreise bereit. Anstelle eines Sattels trug er wie gewöhnlich Circendils Decke sowie einen Gurt um den Nacken, der sie sicherte. Die Zügel wehten dem Tier um den Kopf. Er wieherte ein weiteres Mal und griff mit weiten Sätzen aus.

Mellow handelte, ohne nachzudenken.

In jenem einzigen, winzigen Augenblick, da er beides erreichen konnte, packte seine eine Hand den Nackengurt, die andere griff in die lange Mähne Gwaeths. Ein ungeheurer Ruck riss ihn von den Füßen. In Mellows Schultern knackte es, und neue Schmerzen durchzuckten seinen Leib. Seine Füße baumelten für Sekunden in der Luft und drohten, unter die schlagenden Hufe zu geraten.

Doch der Schwung reichte aus.

Mellows linkes Bein flog über die Kruppe. Es gelang ihm, sich halb liegend irgendwie festzukrallen. Gwaeth stöhnte laut, vor Schreck oder infolge von Schmerzen; vielleicht sogar vor Freude, dem Untergang entronnen zu sein. Doch er wurde nicht langsamer, sondern immer schneller. Schon pflügte das Tier durch eine aufspritzende Pfütze und jagte weiter. Der Kampfeslärm hinter Mellow verging im dumpfen Stampfen trommelnder Hufe auf dem weichen Boden des Waldwegs.

Der Vahit richtete sich schwankend auf Gwaeths Rücken auf und angelte nach den Zügeln. Dann rief er mehrfach seinen Namen und sprach beruhigend auf das Pony ein. Was er sagte, war einerlei; das Tier gehörte seiner Familie und kannte Mellows Stimme von Fohlensbeinen an. Es erkannte sie wieder und gab schon nach wenigen Augenblicken Scheu und Widerstand auf.

Er zügelte das Pony und blickte zurück.

Niemand folgte ihnen. Mit etwas Glück hatte keiner der Angreifer seine Anwesenheit bemerkt. Mit etwas Glück waren auch Finn und Wilhag entkommen. Er musste sie finden, und dann würden sie gemeinsam sehen.

Nur hatte er keine Sekunde an Zeit zu verlieren, sosehr ihm auch nach Ausruhen und Atemholen sein mochte. Finn kam ihm nicht hinterher. Sein Freund musste nach Süden, zur anderen Dorfseite hin, geflohen sein. Das lag auf der Hand, weil Finn und Wilhag sich auf der Tauberhausseite des Mühlbaches befunden hatten, als sie Vanku bestiegen, und ihnen keine andere Wahl geblieben sein konnte.

»Also auf nach Süden, Gwaeth. Lauf wie der Wind, mein Guter! Mein Herz sagt mir, dass jeder Hufschlag doppelt zählt. Lauf!«

Mellow schnalzte und trieb Gwaeth nach links unter die Bäume. Schon nach wenigen Sekunden hatte sie das Zwielicht des Waldes verschluckt.

So rasch es die Bäume gestatteten, preschten sie durch das Unterholz auf die westlich verlaufende Gaustraße zu.

*

Mellow erreichte die Straße schon nach einer halben Minute. Nach rechts führte sie in nordwestlicher Richtung, zur Klimtfurt, dann nach Halberweg und weiter nach Vierstraß. Nach links senkte sie sich leicht und lief ins Dorf zurück.

Mellow und Gwaeth kamen nicht sehr weit von der Stelle aus dem Wald hervor, an der am Montag Bholobhorg Feldschwirl sein Pony Dumpel angehalten hatte, um nach dem hiesigen Wirtshaus zu fragen.

Die Silberpappelallee selbst fanden sie verlassen vor.

Mellow zögerte nur kurz, dann entschied er sich dagegen, den offenen Weg zu benutzen. Zu dicht führte die Straße jenseits der Dorfhecke am Taubergrundstück vorbei. Über seiner linken Schulter konnte er unschwer den schwarzen Rauch des brennenden Stalls aufsteigen sehen, und das Letzte, was er wollte oder gebrauchen konnte, war, den sicher bald durch das Dorf plündernden Gidrogs freiwillig in die Arme zu reiten. Mellow rief sich das wenige, was er über Aarienheim wusste, ins Gedächtnis, und zu seinem Erstaunen ließ ihn diese Erinnerung nicht im Stich.

Das Dorf bestand aus neun Häusern und zwei altertümlichen Brochs: Turmbauten aus Feldsteinen, die den jeweiligen Eingang und Ausgang des Bradas markierten. Die Häuser standen in loser Gruppierung beiderseits der Straße; keineswegs dichtgedrängt, sondern mit einigem Abstand zueinander, so dass sich zwischen ihnen genug Platz für kleine Gärten, Gatter, Pferche und Stallungen fand.

Eine Hecke aus Kirschlorbeer schützte die dem Sturz abgewandte Seite des Bradas; sie zog sich vom Broch der Taubers zuerst südlich über die Wiesen und schwenkte dann in einem Bogen nach Westen, ehe sie auf die Aarienheimer Felder traf, die in Rodungen fast im Wald verborgen südwestlich des Dorfes lagen. Östlich der Felder und etwas näher zum Dorf und zur Straße hin befanden sich die Totenäcker – dort war Finns Mutter verabschiedet worden, am Montag, als sie fast zu spät eintrafen und beinahe die Heilige Feier am offenen Grab verpasst hätten.

Besagte Hecke war dicht und hoch. Sie hatte im Winter die Aufgabe, dem von den Hügeln herunterwehenden Schnee Einhalt zu gebieten. Jetzt war sie Mellow als Deckung mehr als willkommen.

Er trieb Gwaeth über die Straße und ritt im Sichtschutz der Kirschlorbeersträucher im gestreckten Galopp nach Süden. Doch schon bald musste er das Pony wieder zügeln. Sein Kopf dröhnte unter den Hufschlägen, die Wunde über der Schläfe war wieder aufgegangen, und Blut rann unter dem Taschentuch hervor. Er kam an einen Bach, der von den Hügeln herabrann und nach links zum Sturz hin entschwand. An dieser Stelle und nur hier war die Hecke unterbrochen, so dass der Bach sie passieren konnte.

Nur zu gern hätte er angehalten, seine Wunde gesäubert und das Tuch ausgewaschen, aber wenn er Finn und Wil erreichen wollte, blieb dafür keine Zeit.

»Das muss warten«, murmelte er.

Mellow lenkte Gwaeth in den Bachlauf hinein. Er vermeinte, dabei von der Satteldecke zu rutschen, so schwindelig war ihm. Nur mit Mühe hielt er sich an der Mähne fest. Dann folgte er dem Wasser, bis er sich auf der inneren Seite der Hecke befand. Der Bach floss unter Gwaeths Hufen einem nahen winzigen Weiher zu; Mellow aber wandte das Pony nach rechts. Er ritt unter Stöhnen aus dem flachen Bett heraus und fand sich in einem Obstgarten wieder, in dem etliche Bäume – Äpfel, Kirschen, Pflaumen – ein ausgedehntes und schattiges Haindach bildeten. Zur Linken sah er ein Haus zwischen Zweigen hindurchschimmern. Dahinter musste die Straße verlaufen. In der Luft lag Brandgeruch; der Lärm des Kampfes indes war nahezu verstummt.

Mellow trieb Gwaeth, so rasch er es bei seiner eigenen Schwäche vermochte, zwischen den Obstbäumen über satten Wiesengrund dahin. Dann wich das Blätterdach zurück, er erreichte einen schmalen Querweg, bog scharf nach links und ließ dem Pony erneut die Zügel schießen.

Das brave Tier preschte den Weg hinunter.

Zwischen zwei Häusern, die einander die schmale und die breite Seite zuwandten, kämpfte er um sein Gleichgewicht; und noch während Mellow zwischen ihnen hindurchritt, war ihm, als würden die Häuser neben ihm sich winden wie Weidenzweige im Wind, oder wie ein Seil, dessen Enden jemand gegeneinander verdrehte. Dann sprangen sie scheinbar jäh zurück wie federnde Äste. Ihm wurde infolge des Trugbildes abermals übel, bittere Galle wollte ihm die Kehle hinaufsteigen, und er schloss im Auf und Nieder des Ponygalopps die Augen und hielt sich nur noch fest.

Gwaeth eilte unbeirrt weiter, unmittelbar auf die Gaustraße zu, die im rechten Winkel vor ihnen lag.

Plötzlich hörte Mellow Stimmen. Er schreckte auf und sah einige Vahits auf der Straße nach Süden rennen, fort vom Nordende des Dorfes. Mehr bekam Mellow nicht mit, schon befand er sich jenseits ihres Verlaufs und verhielt in der Deckung von zwei diesmal eng beieinanderstehenden Häusern. Gwaeth tänzelte kurz auf der Stelle, dann trieb ihn Mellow weiter.

Sie befanden sich nun am Südende des Dorfes. Zu ihrer Rechten ragte der südliche Broch mit seinem Postlerstall und angrenzendem Heuschober in die Höhe. Mellow zog Gwaeth nach rechts hinüber in die Lücke hinein zwischen Broch und Haus. Dahinter gewahrte er einen helleren Streifen offenen Graslandes. An dessen Rand schimmerte das weiße Band des Sturzzaunes.

Eben hier würde Finn auf seiner Flucht nach Süden vorbeigekommen sein.

»Keinesfalls ist er die Straße entlanggeritten«, murmelte Mellow. »Sondern, so rasch er nur konnte, über die Wiesen dort. Also auf, Gwaeth, ihm nach!«

Den letzten Satz rief er laut und gab Gwaeth die Hacken zu fühlen.

Das große Pony sprang vorwärts. Im nächsten Moment riss Mellow dem armen Tier fast die Trense aus dem Maul, als er ihn mit aller Macht an den Zügeln zurückzerrte – ein Schrei gellte in der Luft, den Mellow nur zu gut kannte. Und fürchtete.

Aus vollem Lauf brachte er Gwaeth gewaltsam zum Stehen.

Im Halbdunkel diesseits des Brochs glitt er zu Boden. Die Zügel warf er über einen Strauch. Sich selbst duckte er hinter einen Brennholzstapel, den der Postler dort aufgeschichtet hatte.

Was er auf der offenen Wiese erblickt hatte, ließ ihn die eigene Schwäche vergessen.

Vor ihm, höchstens dreißig Klafter entfernt, erhob sich ein Criarg in die Lüfte. Reiterlos peitschte er mit seinen Schwingen das Gras. Schon schwebte er und kam auf den Broch zugeflogen, ein mächtiger Schatten vor dem Osthimmel.

Vanku, Mellows eigenes Pony, galoppierte gleichfalls reiterlos über das freie Feld. Es schlug einen verzweifelten Haken und wieherte in höchster Angst. In wilder Flucht vor dem Schnabel und den Fängen des Criargs rannte das Tier auf der von Mellow abgewandten Seite um den Broch. Beide entschwanden im Nu Mellows Blicken.

Ein anderer Schemen aber blieb.

Dort, wo der Criarg eben noch den Boden berührt hatte, sah Mellow die hohe Gestalt Saisárasars stehen, vor dem Licht der hinter ihm stehenden Sonne nicht mehr als ein düsterer Umriss, gefüllt mit nichts als Finsternis. Der schwarze Mantel umflatterte ihn in einem tückischen Wind, der von der Sturzkante heraufblies.

Erst dachte Mellow, der Dunkle habe ihn bemerkt und wolle nun beenden, was er zuvor im Wald begonnen hatte; doch schon kehrte er ihm den Rücken zu. Langsam schritt er auf den Sturzzaun zu.

Unwillkürlich starrte Mellow zu der Stelle, wohin der Nodir seine Schritte lenkte – und erst jetzt wurde er der beiden Vahits gewahr, die dort in die Enge gedrängt waren. Hinter ihnen befand sich nichts als der Zaun, die letzte Begrenzung vor dem meilenhohen Sturz, vor ihnen versperrte der Dunkle den Weg. Finn und Wilhag wichen bis an die Latten zurück, die letzten verbleibenden Schritte, während Saisárasar sein Schwert von der Schulter zog. Deutlich hörte Mellow das Klirren, als der Stahl aus der Scheide fuhr. Oder bildete er es sich ein?

Mellow löste sein Wacala vom Gürtel und wog es in der Hand – nein, es war zu weit für einen Wurf. Und dennoch würde er es werfen. Er musste nur näher heran. Schon wollte er losspringen, da übermannte ihn ein solcher Anfall von Schwindel, dass er, statt aufzuspringen, ächzend vornüber auf die Knie sank. Das Messer entglitt seiner Hand. Wieder wallte Nebel um ihn her. Der Schmerz oberhalb seiner Schläfe pochte plötzlich nicht mehr, sondern schoss in ungekannte Höhen und blieb. Glühendes Eisen, das rohes Fleisch versengte.

Mellow hörte nicht mehr, ob weiter vorn gesprochen wurde.

Er sah nur, wie durch Schlieren, dass Saisárasar sein Schwert mit der linken Hand führte. Es stieg auf und schoss herab, zerhieb den Zaun. Erst neben Finn, dann neben Wil. Die zerschlagenen Hölzer fielen in den Abgrund. Eine Lücke klaffte, breiter als ein Klafter.

Dann fiel das Schwert selbst. Saisárasar ließ es achtlos fahren.

Er holte aus und schlug die beiden Vettern mit der bloßen Hand. Und während Mellow noch ungläubig und zu keiner Bewegung fähig hinüberstarrte, taumelte Wil unter dem erhaltenen Streich und trat fehl – er verschwand jenseits der Kante. Und noch im Fallen griff er hoch und riss Finn mit sich ins Leere. Für einen närrischen, hoffnungstrügerischen und am Ende sinnlosen Moment konnte Finn sich an eines der zersplitterten Hölzer klammern. Dann war es vorbei. Saisárasars Stiefel trat zu und stieß erbarmungslos die Latte hinfort.

Finn und Wil stürzten haltlos in die Tiefe.

Mellows Herzschlag setzte aus.

Gleichzeitig wurde ihm schwarz vor Augen. Er kippte ins Gras und rührte sich nicht mehr.

*

Als Mellow eine Hand an seiner Schulter rütteln fühlte, schlug er verwirrt die Augen auf. Verwunderung darüber, dass er sie überhaupt aufschlagen konnte, ohne dass sie klebten, gesellte sich dazu. Erst jetzt bemerkte er, dass jemand zu ihm sprach. Aus dumpfen Lauten wurden klare Worte:

»… wach auf, Herr Helvogt«, hörte er einen älteren Vahit sagen. Die Stimme klang bekannt, aber er konnte sie keinem vertrauten Gesicht zuordnen. »Komm jetzt, wach schon auf, bitte. Du darfst hier nicht liegen bleiben. Trotz deiner Verletzung und allem. Sie suchen dich.« Der Vahit kniete hinter Mellows Kopf, und erst als Mellow sich schwerfällig bis zum Sitzen aufrichtete, erkannte er den Sprecher. Es war Helmo Buntfink, der Besitzer des Poststalls. Mellows Hut lag neben ihm im Gras, ebenso sein völlig blutdurchtränktes Taschentuch. Er tastete zu seiner rechten Schläfenseite und fühlte einen frischen Verband um seinen Kopf. Der vorher kaum auszuhaltende Schmerz war einem dumpfen Pochen gewichen.

»Was ist geschehen? Wer sucht mich?«

»Die Gidrogs dieses Menschen natürlich. Und alle anderen, fürchte ich.«

»Alle anderen, natürlich«, echote Mellow. »Wie lange …?«

»Wie lange du schon hier liegst? Das weiß ich nicht, aber es kann nicht länger als eine Dreiviertelstunde sein, schätze ich.«

»Aha«, machte Mellow. »Wie kommst du darauf?«

»Na ja, ich war … mit dort vorn. Bei ihnen. Als sie plötzlich kamen, meine ich. Ich hatte euch allen Lebewohl sagen und auch ein wenig gaffen wollen, wie ich gern zugeben will. Ich wollt’ halt den großen Menschen, deinen Freund, fortreiten sehen. Na ja, ich war kaum am Broch angelangt, da wurde es auch schon hässlich, und wir bekamen mehr zu sehen, als uns lieb war. Erspar mir Weiteres zu sagen als dies: Es gab Tote, Herr Helvogt. Von unsern Leuten und von ihnen. Ich stand starr vor Entsetzen. Sie warfen ein Netz über mich, und schwups!, das war’s auch schon. Als sie deinen Freund niederrangen, war’s schnell zu Ende, das heißt, der Stall brannte noch, und er schwelt wohl auch noch immer, aber alles andere war vorbei. Glücklicherweise hat das Feuer nicht um sich gegriffen. Na ja, und als der dunkelhäutige Mensch wieder auf seinem grässlichen Vogel kam, sprach er zu uns.

Eure Frauen, so sprach er, sind im Turm eingesperrt – damit meinte er wohl den Broch. Sie sind unser Unterpfand. Gehet hin und holt genau zur Mittagsstunde alle Bewohner dieses Dorfes hier zusammen. Alle!, wiederholte er. Oder eure Weibchen müssen sterben. Kommt hier zur Straße vor dem Turm. Und wehe euch, es fehlt auch nur einer! Weibchen! So nannte er die Gefangenen.« Helmo unterbrach seinen Bericht empört.

»Wir anderen wurden losgebunden und förmlich weggescheucht. Genau zur Mittagszeit! – Denkt daran!, hörten wir ihn noch mehrfach sagen. Wir alle sahen uns ungläubig an, denn wir hatten mit Schlimmerem gerechnet. Und dann liefen wir los, ein jeder zu seinem Heim und so schnell er nur konnte. Ich für mein Teil war froh, dass mein Weib Lasbet sicher zu Hause in meinem Turm hockt, und nicht als Gefangene im anderen. Das alles ist vielleicht eine knappe Stunde her. Als ich plötzlich draußen dieses große Pony unterhalb meines Fensters grasen sah, ging ich raus, um nachzusehen, was das nun wieder hieß. Es ist das Pony des Mönchs, ich erkenne es wieder.«

»Hast du Circendil gesehen? Sag, lebt er noch?«

Helmo nickte, aber es war ein trauriges Nicken.

»Wie steht’s um ihn?«

»Nicht gut, fürchte ich. Sie fingen ihn genau wie mich. Mit einem ihrer Netze. Dann wurde er gefesselt und fortgeschafft. Wohin genau, das weiß ich nicht.«

»Aber er lebt immerhin! Das ist bessere Kunde als ich erhoffte. Also ist noch nicht alles verloren.«

Der Poststallbesitzer schüttelte den Kopf. Er teilte Mellows Erwartung nicht. »Sie werden sich an ihm rächen. Und das schon bald, fürchte ich. Nachdem dein Freund so viele von ihnen tötete, meine ich.«

»Und woher weißt du, dass sie nach mir suchen?«

»Entschuldige, bei so vielen Dingen … Dabei ist das doch für dich das Wichtigste. Dich verlangte der dunkle Mensch gleich zu Beginn. Bringt mir einen, der Mellow Rohrsang heißt, rief er. Wer ihn mir bringt, TOT ODER LEBENDIG, erhält sein Weibchen zurück und erhält obendrein mein Wort, dass ihr und ihm fürderhin kein Leid geschieht. So sprach er, und er klang ungeheuer wütend dabei. «

»Das ist so ziemlich das Einzige, was mir an diesem Morgen gelungen ist«, meinte Mellow. »Ich habe es geschafft, den schlimmsten Feind der Vahits wütend zu machen.«

»Ungeheuer wütend sogar. Und eben deshalb solltest du nicht länger hier sitzen, Herr Helvogt. Ehe sie dich noch …«

»Ja, du hast gewiss Recht. Ich …« Mellow ergriff die dargebotene Hand und ließ sich von Helmo auf die Füße ziehen. Dabei fiel sein Blick auf die klaffende Lücke im Zaun, und alle Erinnerung setzte schlagartig wieder ein.

»Ach du großes Unglück! Finn!«, rief er halblaut aus. Er ließ Helmo Buntfink stehen und rannte zum Sturz. Er kniete sich zwischen den zerschlagenen Streben hin. Vorsichtig lugte er über die Kante, und als er nichts erkennen konnte außer einer bodenlos erscheinenden Tiefe, in der das dunkle Grün der Schattenfenne eine Meile tiefer formlos dräute, legte er sich der Länge nach ins Gras und streckte seinen Kopf noch weiter über den Rand hinaus. So weit es nur ging. Er hoffte inständig, dass ihn nicht ausgerechnet jetzt wieder der Schwindel übermannte.

Doch der Schwindel blieb aus, und Mellow musterte den rötlichen, lotrecht abfallenden Stein mit seinen unzähligen Vorsprüngen, Abbrüchen und schmalen Gesimsen. Aber da war nichts. Keine frischen Absplitterungen, keine anderen Aufprallspuren an der Felsenwand, und auch keinerlei Blutspuren entlang der gratigen Rillen und Schründe. Und kein Finn, dachte er beklommen. Kein Wil. Weder lebendig noch tot. Nichts als ein kalter böiger Wind, der von unten nach oben strich und an Mellows Haaren zerrte.

»Nicht«, hörte er Helmo plötzlich sagen. »Auch wenn du verzweifelt bist, weil dieser Mensch dich haben will und alle dich deshalb suchen. Stürz dich nicht da runter, ich bitte dich, Herr Helvogt!« Als Mellow sich umblickte, sah er den Poststallbesitzer zwei oder drei Klafter hinter sich stehen; näher wagte er sich offensichtlich nicht an den Sturz heran. Dabei führte er Gwaeth am Zügel und hielt Mellows Hut in der Hand.

»Was?«, fragte Mellow. »Du meinst …?« Er schob sich zurück und stand auf. »Da mach dir keine Sorge, Herr Helmo. Ich hatte keineswegs vor, mich hinabzustürzen. Nicht wegen Saisárasar und schon gar nicht wegen irgendwas, das er sagte. Ich sah vorhin nur mit an, wie … zwei … Ach, es ist zu schmerzhaft, es auch nur auszusprechen. Für einen Moment hoffte ich, wider alle Vernunft, sie könnten … Doch wer da hinabfällt, der ist tot. Da gibt’s kein Vertun. Sie sind beide tot. Ich bin bei aller Eile zu spät gekommen. Und ich war im entscheidenden Augenblick zu schwach.«

Der grauhaarige Helmo begriff kein Wort von alledem; man sah es ihm an. Er reichte Mellow den Hut, blickte sich zweifelnd um und schüttelte den Kopf.

»Noch kannst du gehen«, drängte er. »Sie sind noch nicht wirklich auf die Suche gegangen. Aber du solltest besser schnell verschwinden. Bevor sie damit beginnen und dich finden, meine ich. Ich werd’ auch keinem was sagen«, setzte er hinzu.

»Das alles rechne ich dir hoch an, Herr Helmo.«

»Jaja, aber nun fort mit dir.«

Mellow nahm auch die gereichten Zügel und schwang sich auf Gwaeths Rücken. »Ich nehme an, du warst es, der mich verbunden hat? Nimm meinen Dank auch dafür. Wie schlimm sieht es denn aus?«

»Deine Wunde? Na ja, es ist kein Huftritt gewesen, aber irgendwas hat dich ziemlich getroffen, das konnte ich sehen. Der Verband wird dir etwas Linderung bringen, aber das wird’s nicht allein richten. Ist’n ziemlicher Riss. Du bräuchtest dringend Nadel und Faden, wenn du mich fragst, Herr Helvogt. Leider hab ich derlei grad nicht bei der Hand. Nicht mal auswaschen konnte ich dir die Wunde. Kümmer’ dich selbst bald drum.«

Mellow versprach es und drückte dem älteren Vahit die Hand.

»Warum tust du das? Ich meine, warum verrätst du mich nicht?«

Da stampfte der Poststallbesitzer mit dem Fuß auf und sagte murrend: »Du bist ein ehrenwerter Herr, ein Vogt der Hel sogar. Ich stehe als Postler ebenfalls im Dienst der Hel. Noch niemals hat Verrat einen Platz gefunden in den Herzen derer, die für die Hel tätig sind! Und ich gedenke nicht, jetzt als Erster damit anzufangen. Also gehab dich wohl! Und nun ab dafür!« Damit schlug er Gwaeth die flache Hand auf die Hinterseite. Das Pony schnaubte und lief sofort los.

Mellow drückte den Hut fester. Er winkte Helmo zum Abschied, gab Gwaeth die Hacken zu spüren und ritt eilig in die Richtung davon, die auch Vanku genommen hatte – an der linken Seite des Südbrochs vorbei, zurück zur Gaustraße, von der er gekommen war.

*

Wenn Helmo Buntfink Recht hat mit seiner Einschätzung, dachte Mellow, dann muss ich schleunigst aus dem Dorf verschwinden. Ich darf mich weder auf der Straße noch überhaupt von anderen sehen lassen. Saisárasar hat mir den Messerwurf offenbar nicht verziehen!

Was der Nodir mit ihm anstellen würde, sobald er ihm nur in die Hände geriete, konnte sich Mellow lebhaft ausmalen. Er wischte die sich aufdrängenden Bilder von der von Criargschnäbeln zerrissenen Anselma mit aller Macht beiseite.

Eben erreichte er die Straße. Er fand sie jetzt verlassen vor, fragte sich aber, ob er vorhin von den rennenden Vahis gesehen worden – und erkannt worden war. Ohne Zögern querte er sie und tauchte in den schmalen Weg gegenüber ein, der unter hohen Kiefern am Rieselbach aufwärtsführte. Diesen Weg kannte Mellow vom Montag her: Er brachte ihn nach kaum einem Steinwurf zu einer Weggabelung, an der eine Brücke den Bach übersprang und sich zu den Gräbern hin öffnete; der andere Weg zweigte nach rechts zu den Aarienheimer Feldern ab.

Niemand wird sich derzeit bei den Gräbern aufhalten!, schoss es Mellow durch den Sinn. Er lenkte Gwaeth kurzerhand über die Brücke und anschließend zwischen den flachen Grabhügeln hindurch. Unschwer erkannte er das frische Grab von Finns Mutter wieder. Es war zugeschüttet worden, die feuchte Erde darauf glänzte. Noch immer steckten an den vier Eckpunkten die langen Stangen mit den Ölgefäßen; ein schwacher Duft nach Kräutern und Harzen hing in der Luft, jedenfalls bildete sich Mellow das ein.

Stille umgab ihn und das Pony. Wie erwartet fand er an diesem vom Tod so reichlich gezeichneten Morgen die Totenäcker unter dem Kieferndach verlassen vor. Mellow hielt hinter dem letzten Grabhügel an. Stumm beugte er sein Haupt – viele neue Gräber würden in den nächsten Tagen ausgehoben werden müssen.

Dass Finn und Wilhag tot sein sollten, ging weit über sein Vermögen zu denken und zu fühlen hinaus. Es entzog sich, soweit es sein Herz betraf, völlig dem Verständnis. Sein Verstand indes sagte ihm, dass ganz zweifellos niemand einen Sturz aus dieser Höhe überleben konnte. Nur mit düsterer Beklemmung wagte Mellow daran zu denken, wie es sein würde, nicht mehr auf seinen besten Freund zählen zu können. Nicht mehr mit ihm herumzualbern. Ihn nie wieder zu einem Humpen Krumm zu überreden. Doch dann fiel ihm ein, dass es auch die Krumme Kiefer und damit kein Krumm und überhaupt gar kein Rudenforst mehr gab.

Mellow blinzelte in die Kiefernwipfel hinauf und schämte sich der Tränen nicht, die ihm lautlos über die Wangen rollten.

Weil nur der Wind wehte, und selbst die Vögel schwiegen, während Gwaeths Hufe in diesem Augenblick ganz still standen, vernahm Mellow das leise Schnauben, das ihm sonst vielleicht entgangen wäre. Es klang zaghaft, vorsichtig, aber seltsamerweise unverkennbar freudig, ein Schnauben der Begrüßung, oder Mellow verstand nichts mehr von Ponys. Gwaeth spitzte die Ohren, er hatte es gleichfalls gehört. Er blähte die Nüstern und antwortete.

Da kamen sie hinter einem dichten Gestrüpp hervor, zwei reiterlose, gesattelte Ponys. Das eine war von schwarzer Färbung, das andere pummelig und ein wenig struppig. Im Nu war Mellow von Gwaeths Rücken herabgerutscht und umarmte Vanku; mehrfach musste er dem aufgeregten Tier die Hand an die Nüstern legen und ihn ermahnen, nur ja ruhig zu sein. Dann streichelte er auch Dumpel, Bholobhorgs dickliches Pony. Es war neben Vanku um den Busch getrottet und blickte seltsam traurig drein.

»Wie immer ihr zwei es auch geschafft habt«, sagte Mellow schließlich gerührt, »ihr beide zeigt mir eines deutlich: Man kann den Gidrogs entkommen, wenn man nur will.« Vanku stupste Mellow zärtlich an, dann rieb er seinen Kopf kurz an dem Halse Gwaeths, als wolle er sagen: Schön, dass auch du entkommen bist.

»Da wären wir also«, sagte Mellow. »Drei Ponys und ein Vahit. Was zwei Reiter zu wenig sind. Und was einen Plan erfordert, wie wir das ändern. Was meint ihr?«

Er erfuhr nie, was die drei dazu meinten.

Ein Rascheln im Gebüsch, aus dem Vanku und Dumpel gekommen waren, ließ Mellow herumfahren. Er zog sein Wacala blank. Mit dem Schlimmsten rechnend, schlich er vorwärts und teilte vorsichtig die Äste.

Da fand er, was das Geräusch verursacht hatte – ein von einem Schnabelhieb tödlich verletztes Pony. Es lag auf der Seite, es war ungesattelt, und Mellow kannte es nicht.

Vielleicht stammt es aus dem Tauberstall, überlegte er, und ist mit Dumpel zusammen ausgerissen.

Der Hieb hatte ihm den Hals weit aufgerissen, und das arme Tier konnte nicht einmal mehr wiehern oder schnauben. Aber seine Beine zuckten und zitterten, und die Augen traten dem Pony beinahe aus den Höhlen, so sehr mussten die Schmerzen es quälen. Sein Schweif war bis auf einen Stummel verbrannt, am Rücken zeigten sich lange Krallenspuren. Blutige Blasen bildeten sich an seinem offenen Hals über der klaffenden Wunde, und die Luft strömte dort zischend ein und aus, statt über die Nüstern zu atmen. Die Kiefernnadeln des Waldbodens waren nass vor Blut und klebten ihm am Fell. Das Pony war unbedingt verloren, und ein Blick in seine Augen zeigte Mellow, dass das bedauernswerte Tier dies selbst ganz genau wusste.

»Da hast du dich bis hierher geschleppt in deiner Angst, und doch war es am Ende vergeblich«, sagte Mellow erschüttert. »Du erwartest Hilfe, und du sollst sie bekommen.«

Er biss sich auf die Lippen, denn das, was er jetzt tun musste, war unumgänglich. Und ebenso furchtbar. Als wüssten sie, welches Werk er sich jetzt anschickte zu tun, blieben Vanku, Dumpel und Gwaeth scheu auf der anderen Seite des Busches. Nicht einer ihrer Hufe rührte sich. Wieder kehrte Stille ein.

Mellow bückte sich und suchte die Stelle zwischen den Rippen. Dann streichelte er dem leidenden Pony die Stirn, sah das Flehen in den angstvoll geweiteten Augen – und stach ihm das Wacala mit aller Kraft ins Herz. Durch den Leib des Tieres ging ein aufbäumender Ruck. Dann erstarb mit ihm auch das Zittern der Glieder. Das Zischen am Hals verstummte, und sein halb erhobener Kopf senkte sich auf den Boden. Ein letzter Schwall Blut lief ihm aus dem Maul. Es war tot. Und erlöst von seinen Schmerzen.

»Möge Aman dir eine eigene Weide schenken«, murmelte der Vahit, ohne zu wissen, weshalb ihm gerade diese Worte über die Lippen kamen. »Und jenem, der dir das antat, zersplitterte Flügel.« Er schloss dem Pony die weit aufgerissenen Lider, weil er den gebrochenen Blick nicht länger ertrug. Mühsam zog er das Waldarbeitermesser aus der Brust heraus, wischte es im Gras sauber und steckte es zurück in die Scheide. Dann stand er auf und ging zu den drei wartenden Ponys zurück. Er nahm ihre Zügel und führte sie ein gutes Stück weit fort, ehe er in Vankus Sattel stieg.

Zwischen den Kieferwipfeln emporblinzelnd, prüfte er den Stand der verhangenen Sonne. Er nickte und schluckte schwer; noch waren es gut zwei Stunden bis Mittag.

»Amans Name ist eben genannt worden«, erklärte er den Ponys mit belegter Stimme. »Wenn der Glaube an ihn kein Irrglaube ist, wenn seine Macht keine eingebildete Macht darstellt, wenn gute Taten von ihm belohnt werden in diesem Leben, dann wird er mir am heutigen Tage die Kraft und die Geschicklichkeit schenken, seinen hiesigen Diener zu befreien. Auch wenn mir niemand helfen wird dabei – Circendil wenigstens soll Hilfe erfahren.«

Und noch während er sprach, begann sich so etwas wie ein Plan in seinem Innern abzuzeichnen. Ein irrwitziger, ja ein unmöglich erscheinender Plan; nur hatte er keinen besseren. »Meine letzte Karte habe ich schon am Acaereas Alamdil ausgespielt«, erklärte er bedauernd. »Also ist alles, worauf ich jetzt noch setzen kann, reine Frechheit. Eine Krötenfrechheit, wie ein gewisser Jemand dazu sagen könnte.« Zum ersten Mal an diesem Tag stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht.

Doch es war ein eisiges Lächeln, eines, das ihm nur in höchst seltenen Augenblicken zu eigen war. Seine Brüder, hätten sie es gesehen, hätte es mit Vorsicht, ja Argwohn, wenn nicht gar Furcht erfüllt. Und dem Wissen, dass es besser war, ihm für heute schleunigst aus dem Weg zu gehen.

Aber niemand sah seinen Gesichtsausdruck, als er nunmehr langsam weiterritt, nach Westen hin, die Gräber und die hohen Kiefern hinter sich lassend, bis er den Rieselbach unweit der Aarienheimer Felder wieder erreichte.

2. KAPITEL
Das Beispiel von Aarienheim

DIE AARIENHEIMER FELDER waren schon in einer Zeit lange vor Bartolo Taubers Jugend dem Wald abgetrotzt worden. Ein Rest der einst wild wachsenden Bäume umgab die Ackerflächen noch immer in einem weiten, gelichteten Rund: Sie setzten gleichsam den Verlauf der Kirschlorbeerhecke nach Westen und Süden hin fort.

Mellow hielt jetzt vor einer auf ihn zugewandten Krümmung des Rieselbaches, der gluckernd über ein paar Felsen sprang und nach rechts hin nördlich der Kiefern seinem Blick entschwand. Vor ihm öffnete sich eine Lichtung, über die hinweg er einen Teil eines sich gabelnden Weges und dahinter zur Linken die Felder überblicken konnte. Der Weg kam vom Dorf her und stellte zugleich die Verlängerung des Weges dar, den Mellow bei der Brücke verlassen hatte, als er zu den Totenäckern abgebogen war.

Niemand machte sich an diesem Tag auf den abgeernteten Stoppelflächen zu schaffen, obwohl noch immer ganze Berge von aufgeschichtetem Stroh auf die längst fällige Scheunenfuhr warteten. Rechts der Weggabelung ragten die geschnitzten Dachkanten und die Kamine eines Hauses hinter dem dichtem Saumbewuchs des Weges auf. Mellow fragte sich, ob jemand, der von dort aus den Fenstern blickte, ihn und die drei Ponys sehen konnte – und trotz der eng beieinanderstehenden Büsche und Bäume bis hierher an das Bachufer zu schauen vermochte.

Schließlich bezweifelte er es; und da die Tiere Durst verspürten, saß er ab und ließ sie das klare Bachwasser saufen. Auch er trank ein paar Schlucke, die er mit der hohlen Hand schöpfte. Dabei behielt er ständig den Weg im Auge. Aber niemand war auf ihm unterwegs, weder hin zum Brada noch fort von dem Dorf.

Die Geräusche, die die Ponys und Mellow selbst beim Trinken verursachten, übertönten das leise Gluckern des Baches bei seinen kleinen Sprüngen über die Steine. Als Mellow sicher war, dass sich niemand von der Dorfseite her näherte, ging er daran, sich eiligst Hände und Gesicht zu waschen, um sich von dem angetrockneten Blut zu befreien. Den Verband abzunehmen und die Wunde darunter zu reinigen verschob er allerdings auf später; für den Moment galt es, die nächsten Schritte vorauszudenken.

»Zuallererst einmal benötige ich ein geeignetes Versteck für euch drei«, sprach Mellow ebenso zu sich selbst wie zu den Ponys, während er Vanku und Dumpel auf etwaige Verletzungen hin untersuchte; eine Maßnahme, die sich glücklicherweise als überflüssig herausstellte. »Und, zum Zweiten«, murmelte er weiter, »komme ich nicht umhin, eines der hiesigen Vahithäuser zu betreten, ob mit oder ohne Einwilligung seiner Besitzer. Ich brauche dringend andere Kleider, um mir ein verändertes Äußeres zu geben. Zum Glück kennen mich die wenigsten hier, aber sie werden sich reihum erzählen, wie ich aussehe. Dann, zum Dritten, muss ich mir Zwirn und Nadel verschaffen. Dazu viertens irgendjemanden, der willens ist, beides in meine Kopfhaut zu stechen – und der ein bisschen was von Heilkunde versteht. Aber vorher werde ich denjenigen wohl noch aus einem Haufen Gidrogs herausholen müssen, was zugegebenermaßen etwas schwierig werden könnte. – Seid ihr so weit? Dann los.«

Mellow nahm die drei am Zügel und watete mit ihnen durch den Bach. Am anderen Ufer saß er allerdings nicht auf, sondern hielt zu Fuß auf die sich gabelnden Wege zu. Er achtete darauf, sich selbst immer in Deckung der Ponys zu halten, falls doch jemand vom Haus her durch die Büsche blicken sollte. Den Hut mit dem auffälligen Band hatte er abgenommen und unter seinen Mantel geklemmt. Er bemühte sich ganz um den Anschein, als führe da irgendjemand einige Arbeitstiere zu den Feldern hinaus.

Langsam ging er mit den Tieren den rechten der beiden Wege in Richtung der anhebenden Hügel hinauf. Als er allmählich höher stieg und dann und wann über Gwaeths Kruppe zurückschaute, konnte er hinter sich ein zweites, bisher von den Kiefern verborgenes Haus erkennen. Vor dessen Eingangstür standen sieben oder acht Vahits zusammen. Ihren Bewegungen nach sprachen sie äußerst erregt, wenn nicht gar aufgebracht miteinander. Ein paar von ihnen hielten Stangen in der Hand. Die Entfernung zu ihnen mochte fünfzig Klafter oder mehr betragen. Jeden Augenblick konnte es geschehen, dass einer von ihnen den Blick zu den Feldern wandte und sich fragte, wer da bloß an diesem Morgen seelenruhig zur Arbeit ging.

Aber Mellow hatte Glück, und der Zeitraum, in dem er sich den offenen Blicken aussetzen musste, war von kurzer Dauer. Schon nach einer Minute erreichte er den Beginn der Kirschlorbeerhecke und atmete erleichtert auf. Hier verließ er sofort den Weg, bog scharf nach rechts in die Wiesen ein und war hinter den hohen Sträuchern der Hecke für die immer noch beratschlagenden Vahits nicht mehr zu sehen.

Jetzt stieg er in Vankus Sattel und ritt in ruhigem Schritt dicht an der Hecke entlang, erst ihrem Bogen nach Osten folgend, dann dem geraden Stück nach Norden.

Mellow fürchtete, jeden Augenblick von Criargs bemerkt zu werden, die über dem Gebiet des Bradas kreisten. Doch unentdeckt erreichte er den bald von links herabrinnenden Kisbach und damit zum zweiten Mal an diesem Morgen den Durchbruch der Hecke, durch den der Bach tauchte und dem nahen Weiher zufloss. Wieder folgte Mellow dem Bachlauf, und abermals wandte er sich nach dem Durchschreiten der Hecke nach rechts.

Der Obstbaumhain mit seinem trotz des Herbstes immer noch dichten Blätterdach war das beste Versteck in ganz Aarienheim, das Mellow für die drei Ponys einfallen wollte; zu einem der geschlossenen Ställe konnte er sie angesichts der Besatzer ja kaum bringen. Vorausgesetzt, niemand begann ausgerechnet heute mit der letzten Obsternte oder kam, um die Zweige zu beschneiden, konnten sie hier im Halbschatten eine kleine Weile verbleiben. Von der Dorfstraße aus war der Hain nicht einzusehen, und auch von oben schützten ihn die Wipfel vor suchenden Blicken. Dazu gab es an Fallobst und dichtem Gras ausreichend zu fressen für die drei, so dass nicht zu erwarten war, dass sie den Schutz des Hains auf der Suche nach Futter würden verlassen wollen.

Mellow blieb ohnehin keine Wahl. Er saß ab, band sie mit langen Zügeln an und lauschte.

Die Obstwiese grenzte an die Rückseite eines Hauses, was sich als sowohl günstiger wie auch ungünstiger Umstand darstellte. Günstig, weil das Haus für Mellow sehr leicht erreichbar war, ohne dass er sich auf der Straße würde zeigen müssen. Ungünstig, weil er oder die Ponys jederzeit von den Bewohnern entdeckt werden konnten. Da, wie Helmo Buntfink berichtet hatte, alle Vahits »heimgelaufen waren, so schnell sie nur konnten«, nahm Mellow fast als sicher an, dass jemand zu Hause war. Er schlich zur Hauswand hin und duckte sich in die Nische des aus der Wand hervortretenden Kamins. Wieder lauschte er. Nach wie vor blieb alles still.

Erst jetzt fiel Mellow ein, die sieben oder acht Vahits, die er hatte beieinanderstehen sehen, könnten auf den für ihn höchst unangenehmen Gedanken verfallen sein, aus irgendeinem Grund mit der Suche nach ihm gerade hier im Obstbaumhain zu beginnen. Das besagte Haus, vor dem sie gestanden hatten, befand sich von ihm aus gesehen jetzt genau südlich des Hains, weniger als vierzig Klafter entfernt.

Schon gefiel ihm die Idee, sich hier zu verbergen, nicht mehr allzu sehr; aber für das, was er vorhatte, brauchte er die Ponys in seiner Nähe, und wohin sonst hätte er sich zu diesem Zweck wenden sollen? Er wusste es nicht.

Plötzlich hörte Mellow die Vahits aufgeregt miteinander schwatzen, jedenfalls nahm er an, dass es die vorhin Beobachteten waren. Ihre hellen Stimmen kamen näher. Aber sie bogen glücklicherweise nicht Richtung Hain ab, sondern liefen an ihm vorbei, den Weg hinunter, der im rechten Winkel zur Gaustraße führte. Mellow sah lediglich ihre Stangen, die über dem Rand der den Hain begrenzenden Büsche tanzten.

Er stieß den angehaltenen Atem aus. Er würde sich früh genug wieder unter die Dörfler mischen müssen, doch für den Moment war er erleichtert, einer Begegnung mit ihnen entgangen zu sein. Wie er sich hätte verhalten sollen, falls sie ihn jetzt entdeckt hätten, hätte er nicht zu sagen gewusst.

In der Hauswand, an die er sich schmiegte, gab es zwei Fenster zum Hain hin und eine rückwärtige Tür. Hoffentlich war sie unverschlossen. Aber er war willens, sie nötigenfalls aufzustemmen.

So weit sind wir also gekommen, dachte er niedergeschlagen. Ein Landhüter, der zum Einbrecher wird. Irgendwie erschien es ihm passend, dass sein Hut immer noch verborgen unter dem Mantel steckte.

Er tauchte unter dem einen Fenster durch und stand dann neben der Tür. Vorsichtig drehte er den Knauf. Und frohlockte innerlich – die Tür ging fast ohne zu knarren auf, und er huschte hinein und zog sie sofort wieder hinter sich zu.

Staubige Luft umgab ihn. Der Raum, in dem er sich nun wiederfand, war fensterlos; und nach dem Schließen der Tür stand er in völliger Dunkelheit.

Er tastete sich zum Knauf zurück und öffnete die Tür erneut einen Haarspalt weit; jetzt reichte das hereinfallende Licht aus, um mehr als bloße Schemen erkennen zu können.

Mellow stand in einer Art Gerümpelkammer, in der sich Gartengerätschaften und anderes in einigem Durcheinander stapelten. Er sah eine große Mannsense an der Wand, Körbe, alte Töpfe und Holzeimer hingen und standen auf Regalen, und Rechen, Schaufeln, Besen und Apfelstecken lehnten lose hie und da, ragten in den Gang und bildeten Stolperfallen. Aber das war es nicht, was Mellow erschreckte.

Schlimmer als all der Staub und ein modriger Geruch nach Erde, die Enge der Kammer und selbst die alte Jagdlanze, die in einer Ecke lehnte, waren die Augen, die ihn groß und funkelnd und geweitet anstarrten – das, und die kampfbereit gefletschten Zähne, die sich darunter zeigten.

Nur wenige Handbreit von Mellow entfernt versperrte ein kräftiger ausgewachsener Hund den Gang.

Das Tier knurrte tief und drohend.

Mellow, der aus seinem Heimatdorf Rudenforst Hunde gut genug kannte, um sie einzuschätzen, verstand sofort und wagte nicht mehr, sich zu bewegen. Dieser Hund hier war noch größer als Galad in Vierstraß, der Aterar des Wirtes Timan Kowal!

Da flammte im hinteren Teil der Kammer eine Lampe auf. Alle Schatten sprangen auf und flohen; und ein Lichtkreis erleuchtete auch den Rest des Raumes. Mellow blinzelte einen Moment lang geblendet. Ein grauköpfiger Vahit, etwa im selben Alter wie Helmo, der Besitzer des Poststalls, hielt die Lampe hoch und schüttelte dabei den Kopf. »Ich habe gern Gäste«, sagte er. »Allerdings ziehe ich es vor, wenn sie sich anmelden. Oder wenigstens klopfen, ehe sie eintreten.«

Er stellte die Lampe auf ein Regalbrett und musterte Mellow eingehend.

»Es ist gut, Domag«, sagte er schließlich. »Für den Augenblick. Komm her zu mir.«

Der Hund gehorchte aufs Wort. Er senkte die Lefzen, machte kehrt und setzte sich zu Füßen seines Herrn. Aber das Tier ließ Mellow keine Sekunde lang aus den Augen. Und er wedelte nicht mit dem Schweif.

»Nun zu dir«, sagte der Ältere. »Wir haben fraglos schlimme Zeiten. Da können einem schon mal Dinge abhandenkommen, fürchte ich. Sogar Höflichkeiten. Und einen dazu zwingen, Heimlichkeit vor Lauterkeit zu setzen. Du musst dieser Mellow Rohrsang sein. Der angebliche Helvogt. Der, den sie suchen.«

Er machte eine knappe Kopfbewegung. »Schließ die Tür. Und dann komm ins Haus. Wir haben einiges zu bereden, denke ich.« Der Vahit wartete, bis Mellow den Spalt geschlossen hatte; dann stieß der Ältere eine rückwärtige Tür auf, nahm die Lampe und ging in ihrem schwankenden Licht voran. Der Hund und Mellow folgten.

*

»Platz, Domag. Und du? Du setzt dich gleich besser dort hinein, Herr Uneingeladen.«

Der Vahit deutete auf einen Sessel, der von allen Sitzmöbeln im Raum am weitesten von der Zimmertür entfernt stand.

Das Zimmer selbst schien die gute Stube des Hauses sein. Es war gediegen und durchaus geschmackvoll eingerichtet. Längs der Wände erhoben sich Walnussholzschränke, deren Regale zur Hälfte mit Büchern gefüllt waren. In einem Rahmen über einem Schreibpult hing eine große Landkarte des Hüggellandes. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, und über glimmenden Scheiten zischte ein dampfender Wasserkessel. Über dem Kaminsims hingen zwei gekreuzte Sauspieße mit scharfen Widerhaken, dazwischen ein Bogen und ein Köcher voller Pfeile.

Mellow tat wie geheißen.

Der Sessel stand in einer Fensterecke; eine Nische, die nach Norden blickte. Graues Tageslicht fiel durch die verzerrenden kleinen Scheiben herein. Mellow sah vor dem Haus den Kisbach fließen. Dahinter, durch eine Lücke zwischen einer Scheune und dem Nachbarhaus, ragte das Rund des Nordbrochs auf; undeutlich meinte er, die Gestalten zweier Gidrogs auszumachen, die mit gezogenen Axtschwertern vor dem Eingang Wache standen.

Der Hund legte sich auf eine Decke vor den Kamin, genau zwischen Mellow und die Tür, die wachsamen Augen Mellow stets zugewandt. An ihm wäre kein Vorbeikommen. Der ältere Vahit nahm ein Tuch, ging zum Kamin, hob vorsichtig den Kessel vom Haken und goss das heiße Wasser in eine Kanne. Sofort erfüllte frischer Minzgeruch das Zimmer, unterlegt mit einem tieferen Duftgemisch von Holunder, Honig und Kirschen.

»Es ist Zeit für den Vormittagstee«, hörte Mellow ihn sagen. »Was immer dir an Höflichkeit abhandengekommen sein mag, mir ist sie geblieben. Du befindest dich in meinem Haus, also ist es an mir, mich vorzustellen. Ich bin Rohmag Ganter, der hiesige Jäger. Bist du indes der, für den ich dich halte?«

Der Grauhaarige rührte ohne hinzusehen in der Kanne. Seine scharfen Augen ruhten auf der unglücklich dreinblickenden Gestalt in seinem Sessel. Jedenfalls nahm Mellow an, dass er so wirkte; er fühlte sich ob seines allen Vahitsgewohnheiten zuwiderlaufenden Tuns unwohl und beschämt zugleich.

Mellow nickte ergeben. »Du hast mich ertappt, Herr Rohmag. Gleich doppelt sogar: beim Eindringen in dein Haus, und beim Verstecken vor, na ja, vor Leuten, die …«

»… die vor lauter Angst nach dir suchen.« Er winkte ab. »Weiß schon Bescheid. Hab die nette kleine Ansprache des Schwarzmantels vorhin auch gehört. Nachdem sie zuvor die Tauberbrüder erschlagen haben und uns, die wir uns nicht wehrten, mit ihren Netzen fingen. Kann es den Jungs da draußen nicht verdenken, wenn sie jetzt der Aufforderung Folge leisten wollen und dich eiligst zu finden hoffen. Frau und Kind stehen einem nun mal näher als irgendein Fremder aus dem Obergau. Sag, bist du wirklich ein Helvogt?«

Mellow holte den von Wredian Gimpel unterzeichneten Bestallungsbrief aus seinem Rucksack hervor, streifte das Halteband ab und reichte ihn wortlos dem Jäger. Rohmag Ganter strich die Schriftrolle glatt, las sie aufmerksam und gab sie anschließend stirnrunzelnd an Mellow zurück.

»Das wenigstens entspricht also der Wahrheit«, sagte er nachdenklich. »Auch wenn es Helvogte seit langer Zeit nicht mehr gab hierzulande. Weil das Hüggelland sie nicht brauchte. Aber dieses Papier wird dir, fürchte ich, kaum noch etwas nützen, ehrenwerter Herr Mellow Rohrsang. Nicht mehr hier und heute«, setzte er hinzu. Er stellte zwei Becher auf den Tisch vor dem Sessel und goss beiden ein. Dann setzte er sich auf eine Bank, die Kamin und Fensterwand miteinander verband.

»Immerhin hilft es vielleicht zu erklären«, erwiderte Mellow, »dass ich zu dir ins Haus schlich, Herr Rohmag. Es geschah nicht mit bösen Absichten und war eher eine bedauerliche Notwendigkeit. Ich bitte nachträglich um Entschuldigung. Eine Folge meiner Pflichten, so widersinnig sich das auch anhören mag. Ich bin … ich war bis vor Kurzem noch Landhüter im Obergau. Ich habe als solcher wie auch als Helvogt geschworen, Schaden vom Hüggelland und allen Vahits fernzuhalten. Ich hatte gewiss nicht vor, dich zu bestehlen oder dir irgendeinen Schaden zuzufügen, falls du das dachtest.«

»Der Gedanke, so abwegig er auch erscheint, ist mir durchaus durch den Kopf gegangen. Nun, Domag hier hätte es in jedem Fall vereitelt.« Der Hund strich leise mit dem Schwanz über den Fußboden.

Mellow nippte an dem vorzüglichen Tee. »Nun, abwegig trifft es irgendwie … Ich meine, äh, ich meine damit die Lage, in der ich mich befinde. Ich brauche dringend Hilfe. Deine Hilfe, um genau zu sein; jemand anderen habe ich nicht, den ich fragen könnte.«

Habe ich nicht mehr, dachte Mellow beklommen und biss sich auf die Lippen. Vor seinem inneren Auge sah er erneut, wie Finn über den Rand des Sturzes fiel; ein Bild, das ihm die Tränen in die Augen treiben wollte, sobald er nur daran dachte. Mit großer Anstrengung schob er es beiseite und suchte, sich hinter seiner dampfenden Tasse Tee zu verstecken. Was ihm misslang; er verbrühte sich lediglich die Zunge, als er unachtsam schluckte. Dem scharfen Blick des Jägers entging beides nicht.

»Ich sehe Kummer in deinen Augen. Auch du hast an diesem Morgen jemanden verloren, der dir lieb und teuer war, nehme ich an. Damit komme ich zum Anlass deines Hierseins. Von dem Blut an deiner Wange einmal abgesehen – wie kann ich dir helfen?«

Mellow zog seinen Hut unter dem Mantel hervor und drehte ihn gedankenverloren in der Hand. »Ich darf nicht erkannt werden bei dem, was ich vorhabe«, erklärte er. »Ich muss da wieder hinaus, wenn die Versammlung um Mittag beginnt. Ich werde mich unter die anderen mischen müssen. Um … wenn alle abgelenkt sind … Ich meine, wenn niemand auf mich achtet, dann …« Mellow gab sich einen Ruck, und sein Rücken straffte sich, bevor er sprach: »Ich muss Circendil befreien.«

»Den Dir aus Vindlian«, sagte Rohmag leise.

»Er ist ein Mönch des Davenaordens von Vindlian. Er hat mir mehr als einmal das Leben gerettet. Und er ist aus mehr als einem Grunde wichtig für das Schicksal des Hüggellandes – vielleicht sogar für das Schicksal ganz Kolryns. Davon abgesehen ist er mein Freund. Ich darf ihn nicht in den verderbten Händen dieses anderen Menschen lassen. Dieses Schwarzmantels, wie du ihn nanntest. Dieser Mann heißt Saisárasar, und er ist durch und durch böse. Die reine Verkommenheit! Und er ist ein Feind unseres Volkes, nicht nur von Circendil oder mir. Ich habe ihn furchtbare Dinge tun sehen. So scheute er nicht einmal davor zurück, ein kleines Mädchen mit glühender Kohle zu foltern – nur um mich zu bestrafen, wie er es nannte. Und darum weiß ich: Er wird Circendil töten, so wahr ich hier sitze. Nachdem er – mit ihm fertig ist.«

»Du fürchtest also Folter und Tod?«

Der Jäger forderte ihn mit einem Kopfnicken auf weiterzureden.

Mellow blickte ihn beinahe mutlos an. »Er hat vor kaum zwei Stunden meinen besten Freund Finn in den Tod gestoßen. Vor meinen Augen, ohne dass ich es verhindern konnte. Das ertrage ich kein zweites Mal. Darum muss ich Circendil retten. Um unser beider willen. Das Schlimme ist nur, ich weiß noch nicht einmal genau, wie.«

Rohmag Ganter nickte behutsam. »Aber du hast wenigstens Teile eines Plans, richtig?«

Mellow hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. »Teile von Teilen, allenfalls. Noch bin ich mir über vieles im Unklaren. Und das meiste wird sich ohnehin nach den Gegebenheiten richten müssen. Es ist noch nicht allzu lange her, da brachte mir Gesslo, der Gauvogt von Mechellinde, dieses bei: Die beste Tarnung ist die inmitten einer Menge. Wenn alle auf alles Mögliche achten, achtet niemand auf dich im Besonderen. Ich gehe daher von Folgendem aus: Sie werden den Mönch in ihrer Nähe haben. Eingesperrt vielleicht in der Sägemühle, in der Scheune oder im Tauberhaus. Um ihn peinlich zu befragen. Und um ihn nachher zur Schau zu stellen, als abschreckendes Beispiel, das er nach dem Verhör fraglos abgeben wird. Ja, soweit ich unseren Freund Schwarzmantel kenne, werden sie genau das tun.« Mellow legte den Hut beiseite. »Er wird es genießen, uns, den Kleinen Leuten, einen großen Menschen als Gefangenen vorzuführen. Was beeindruckt die Schwachen stärker als die Schwäche der Starken?« Mellow machte eine unbestimmte Geste. »Es wird die Blicke aller zuerst auf Circendil, dann auf Saisárasar ziehen. Es wird dies die vielleicht einzige Gelegenheit für mich sein, nah genug an Circendil heranzukommen. Nah genug, um … etwas zu tun. Die allgemeine Aufregung und Empörung wird Unruhe und Unachtsamkeit erzeugen. Und vielleicht das Wichtigste – Saisárasar wird selbst abgelenkt sein, badend in seinem eigenen Stolz und Dünkel. Das ist der geeignete Augenblick, etwas ganz und gar Unerwartetes zu tun. Was das sein wird, weiß ich noch nicht. Am besten wäre, es gäbe eine zusätzliche Ablenkung. Etwas, womit er keinesfalls rechnet. Und womit er Circendil für den Moment aus den Augen verliert.«

Der ältere Vahit lehnte sich zurück und blies düster lächelnd über seinen Tee. »Ein Plan mit Lücken, so viel steht erst mal fest.«

Mellow seufzte. »Mit mehr Lücken als zu verdecken ich imstande bin, fürchte ich.«

Rohmag schüttelte den Kopf. Dann hob er beide Hände vor die Brust und senkte sie sachte wieder. Lass uns behutsam sein, bedeutete das.

»Es gibt viele Pfade im Wald«, meinte der Ältere bedächtig. »Und manche davon sind wenig begangen und enden an unerwarteter Stelle. Doch wir wollen nicht voreilig sein. Die ersten Dinge gehören an den Anfang, wie mein Vater Domag immer zu sagen pflegte.«

Der Hund hob den Kopf und blickte seinen Herrn fragend an. Rohmag beugte sich vor und streichelte ihm den Kopf. »Ich habe ihn nach meinem Vater benannt«, erklärte er wie entschuldigend. »Domag kam zu mir im selben Jahr, da mein Vater starb. So lebt wenigstens sein Name fort … Aber das gehört nicht hierher. Zurück zu dir. Du wirst heute niemanden mehr befreien, Herr Mellow, wenn du nicht zuvor deine Wunde versorgen lässt. Dein Verband ist frisch, wie ich sehen kann; und doch blutet er schon wieder durch. Kopfverletzungen können tückisch sein, und ich sollte mir die Sache einmal näher betrachten. Bevor du da rausgehst, meine ich, und noch vor lauter Schwäche und Blutverlust vor Schwarzmantels Füßen zusammenbrichst. Traust du einem walderfahrenen Jäger zu, dass er sich mit Verwundungen ein wenig auskennt?«

Mellow erinnerte sich an Helmo Buntfinks mahnende Worte. Er erschauerte vor dem, was gleich kommen würde. Dann schickte er sich ins Unvermeidliche. »Hast du Nadel und Faden zur Hand?«, fragte er nur.

Rohmag Ganter stellte seinen Becher geräuschvoll zur Seite und stand wortlos auf. Er bedachte Mellow mit einem langen Blick; dann kramte er in einem der Schränke, bis er gefunden hatte, was er suchte. »Das, sauberes Tuch und eine scharfe Schere«, sagte er, als er sich wieder aufrichtete.

*

Nach dem vierten Stich hörte Mellow auf zu zählen. Er wünschte sich nur, Rohmag möge rasch arbeiten, auf dass es schnell vorbei wäre. Vor Mellow stand eine Schüssel mit mittlerweile blutig gefärbtem, warmem Wasser auf dem Tisch, daneben lagen Helmos abgewickelter Verband, die Schere, eine Garnspindel und weitere Tücher. Zum Nähen verwendete der Jäger eine fingerlange und gebogene Knochennadel; wie er erklärt hatte, waren das die besten. Um sich von den Schmerzen abzulenken, starrte Mellow an die Wand über dem Schreibpult – er suchte auf der Landkarte nach Orten im Hüggelland, die er noch nicht kannte. Zarten und Hinterzarten, dachte er, als zwei weitere Stiche erfolgten und er seine Zähne erneut zusammenbiss, ich bin tatsächlich noch nie jenseits von Obermuld gewesen 

Lautes Pochen an der Haustür schreckte beide auf. »Aua«, entfuhr es Mellow, als die Nadel tiefer zustach, als sie sollte.

»Sei still«, zischte Rohmag. »Da sind sie. Leider zu früh. Und natürlich im unpassendsten Moment.«

»Mach auf, Rohmag!«, kam es polternd von draußen.

Erneutes Hämmern gegen die Tür erfolgte. Es klang, als würden sie nun ihre Knüppel statt der Fäuste verwenden. »Wir wissen, du bist zu Hause. Mach endlich auf!«

Rohmag legte Nadel und Faden beiseite, ergriff ein Tuch und wischte sich eilig über die blutverschmierten Hände. Er bekam sie nicht sauber, aber wenigstens trocken.

»Ich komm ja schon!«, rief er. »Lasst einem alten Mann wenigstens die Zeit, zum Eingang zu gehen, ohne dabei hinzufallen.« Zu Mellow flüsterte er: »Rühr dich nicht vom Fleck.«

»Sie dürfen auf keinen Fall das Haus umrunden und in den Obsthain gehen«, flüsterte er zurück. »Sonst finden sie meine Ponys.«

Der Jäger nickte. Dann schloss er die Zimmertür hinter sich.

Mellows Blick huschte zu den Fenstern. Noch ging niemand um das Haus herum, zumindest nicht auf dieser Seite. Die Straßenseite konnte er vom Wohnraum her nicht einsehen; aber es gab eine weitere Tür, die zur Küche führte, einem Schenkelfortsatz des Ganterhauses. Dort gab es ein Fenster; und als Mellow vorsichtig hindurchspähte, sah er sie stehen, einer hinter dem anderen: Sie waren in der Tat zu acht, junge Burschen, reifere und ältere Vahits, und er kannte keines der Gesichter hinter den Scheiben.

Sie werden darauf bestehen, das Haus zu durchsuchen!, dachte Mellow. Und wenn sie hereinkommen, finden sie die Schüssel mit dem blutigen Wasser und allem anderen. Selbst wenn ich mich in einem der Schränke verstecken könnte. Ich brauche dringend einen … Da fiel Mellows Blick auf den toten Hasen, der auf der Küchenanrichte lag. Über einer Stuhllehne hingen abgelegte Kleidungsstücke, die Rohmag noch des Morgens getragen haben mochte: eine lederne Jagdkappe, ein Lodenmantel und eine Waidtasche, sogar ein Lockhorn hing an einem Riemen.

Während Rohmags Stimme von der Eingangstür her klang und sich mit den Entgegnungen der anderen zu einem unverständlichen Wortbrei mischte, huschte Mellow in die gute Stube zurück. Er schnappte sich die Schüssel, die Tücher, Nadel, Zwirn und Schere und schleppte alles, einschließlich seines Rucksacks, in die Küche hinüber. Er riss sich seinen eigenen Mantel von den Schultern und legte ihn zu dem anderen über die Stuhllehne. Die weichlederne Jagdkappe stülpte er sich über die Haare. Sie besaß lange Wangenklappen und verbarg die Wunde und sein Haupthaar vollständig. Den Rucksack stopfte er in einen Schrank. Den Gürtel mit dem Wacala warf er hinterher. Dann suchte und fand er ein Küchenmesser. Plötzlich wurden die Stimmen lauter – nun sind sie im Haus, dachte Mellow. In Windeseile krempelte er sich die Ärmel hoch. Die Zimmertür zur guten Stube wurde aufgestoßen. Durch die angelehnte Küchentür vernahm Mellow jetzt deutlich jedes Wort.

»Ihr nehmt euch Rechte heraus, die euch nicht zustehen!«, rief Rohmag aufgebracht.

Domag bellte laut dazu.

»Wenn du nicht zustimmst, dass wir alles absuchen, hast du was zu verbergen!«, entgegnete eine jüngere Stimme. »Und nimm den Hund zurück, Rohmag, oder er bekommt eins mit dem Stock verpasst.«

»Wer hier wem was verpasst, Tremjo Wachtel, das bliebe noch abzuwarten. Seine Zähne sind schneller als dein Stock.«

»Zur Seite, Rohmag, ich sag’s nicht noch mal!«

»Dein Vater muss sich ja schämen, wie du dich aufführst.«

»Aus dem Weg, oder es kracht, alter Mann!« Mellow hörte Gepoltere, ein Knurren und einen Schmerzensschrei. »Verflucht, dein Hund hat nach mir geschnappt!«

»Ich hab dich gewarnt, Tremjo. Du solltest dich was schämen. Dein Vater …«

»Was ist mit mir?« Eine neue, ältere Stimme blaffte in den Raum.

»Das Vieh hat mich gebissen, Papa.«

»Halt den Mund. Wenn’s wahr ist, bist du selber schuld. Wo hältst du ihn versteckt, Rohmag?«

»Wen denn nur, Fedo? Beim seltenen Anblick der Hel – wen soll ich versteckt halten?«

»Da du’s schon selber sagst … den, der behauptet, ein Helvogt zu sein.«

»Also machst du dich zum Handlanger unserer Angreifer? Zu einem Schergen derer, die unser teuer Vahitblut vergossen haben?«

»Was? Ich versuche nur, meine Frau zu retten. Und Tremjos Schwester. Sie befinden sich alle drüben im Broch. Frag die anderen. Auch sie haben Frau und Kind dadrinnen. Der Schwarze will sie freilassen, wenn wir ihm den Rohrsangburschen bringen. Also versuche ich die Meinen zu retten, falls das der einzige Weg ist, es zu tun. In den anderen Häusern ist er nicht, nur deines ist noch übrig, Rohmag.«

»Du willst wirklich einen Helvogt ausliefern, Fedo? Einen ehrenwerten Herrn, der nur dem Vahogathmáhir persönlich verantwortlich ist? Wo ist plötzlich deine Ehre geblieben?«

»Ehre? Und ehrenwerter Herr? Von wegen. Auch Gasakan Amsler glaubt nicht an die Rechtmäßigkeit dieser Ernennung. Ich hab erst gestern mit unserm Gauvogt gesprochen, und er sagt, da bestehen beträchtliche Zweifel. Er hat diesem Rohrsangburschen gleich nicht über’n Weg getraut.«

»Und mir traust du auch nicht mehr über den Weg, nehme ich an?«

»Wir wollen nur sichergehen, dass er nicht hier ist.«

»Fein, Fedo. Das klingt schon fast freundlich, jedenfalls anders als eben noch, von wegen ich halte ihn versteckt und alles.«

»Was machst du dich auch verdächtig mit deiner Weigerung, uns ins Haus zu lassen?« Fedo Wachtel hob die Stimme an und rief: »Also los, Leute! Vier Mann nach oben, zwei bewachen die Tür.«

Entfernteres Gepolter kündete von Vahitsschritten, die eine Stiege hinaufdrängten.

»Und da wir schon von verdächtig sprechen, Rohmag«, wandte sich der Wortführer wieder dem Jäger zu. »Was hat’s mit deinen Händen und dem ganzen Blut daran auf sich?«

Da stieß Mellow mit dem Rücken die Küchentür auf und betrat, unübersehbar mit ebenfalls rotverschmierten Händen, die gute Stube. Er streckte sie von sich, wie um nur ja nichts schmutzig zu machen. »Unkel Rohmag, magsch du mer net öbbe weidahülfe?«, rief er im näselnden Tonfall der Tanninger, jedenfalls so gut wie er ihn nachzuahmen vermochte. »Dör bleede Haas’ wüll mer einfach sei’ Fell net gebbe …«

Erst jetzt schien er Vater und Sohn zu bemerken. »Oh, aan gudde Tach, ich wusst’ gar net, dasch du Besuch erwarddest.«

Er wandte sich mit einer angedeuteten Verbeugung an den jüngeren der beiden Sucher. »’zeihung, bin ganz öbberrascht – Benno Sperber aus Tanning im Untergau, habe die Ehre. – Kommscht mal öbbe nei hier, Unkel?« Er blickte fragend von einem zum anderen. »Ja was denn? Habbert’s ihr noch nie aan doten Haas’ gesehet?« Er winkte allen dreien, ihm zu folgen, und deutete in der Küche auf den halb abgezogenen Hasen, in dessen Fell noch das Messer steckte.

»Wer ist das?«, wollte Fedo Wachtel wissen.

»Aan dotgeschoss’ner Haas’«, antwortete Mellow, genau wissend, dass er nicht gemeint war. »Oder nach was luggscht für dich aus? Sei’ Nemle hat er net genannt vorher.«

»Sehr witzig«, gab Fedo zurück. »Rohmag?«

»Äh ja, Benno ist mein Neffe. Er stammt aus Tanning. Er kam gestern erst am späten Abend an. Und brachte gleich Futter für den guten Domag mit.«

»Gut? Er hat mich gebissen!«, begehrte Tremjo trotzig auf.

Sein Vater winkte unwirsch ab. »Gestern Abend also? Was will er hier?«

Fedo warf Rohmag einen argwöhnischen Blick zu. Ehe der etwas sagen konnte, schnappte sich Mellow den halbnackten Hasen bei den Ohren und hielt ihn wie zum Beweis hoch. »Was tät aan Neff’ wohl wolle, wenn’s an der Zeit ist wie sich’s gehört? Aachentlich dem Unkel hülfe bei derer Winterhatz. Mer ham Herbscht, un’ die Borschtler kumme’ ussem Wald. Abber heier net, leider. Se wolle heier alle Jägersleit’ obbe im Obbergau versammele – habt ihr dös Poschtlergeschwätzet net aach vernumme’?« Er grinste, so einfältig er nur konnte, legte den Hasen wieder auf die Anrichte zurück und schnitt weiter mit dem Messer daran herum, als ob nichts Besonderes dabei wäre. Da die Vahits im Allgemeinen kein Fleisch verzehrten, war ihnen der Anblick erlegter oder gar geschlachteter Tiere unvertraut, um nicht zu sagen ein Gräuel. Natürlich gab es Ausnahmen: Hundebesitzer wie Timan Kowal oder Bhremo Kannin in Räuschelfurt stellten sich mit Abdeckern gut oder gingen wie Rohmag Ganter selber auf die Jagd.

Endlich schien sich das Fell lösen zu wollen. Noch zwei, drei Rucke, und Mellow zog es dem Hasen mit einem schmatzenden Geräusch über die Ohren und warf es in die blutige Schüssel. Tremjo, der Jüngere, verließ eilig die Küche.

Fedo Wachtel kratzte sich am Hinterkopf. »Also schön – Benno. Ich kenne, glaube ich, ein paar Sperbers aus Tanning. Hat es die alte Nattia noch immer mit der Hüfte?«

»Ach, arg schlimm isch dös gewordde übbern Summer hen«, gab Mellow ungerührt zurück. Er begann, sich in einem Zuber die Hände zu schrubben. »Des Alter öbbe, es macht vor keinem halt, ja leider. Bleiberscht ihr allesamt zum Tee? Ich müscht halt noch schnell aan Kessle uffsetza’.«

Fedo winkte ab. »Nein, macht euch keine Umstände. Wir haben zu tun.«

Er warf dem Neffen Benno noch einen zweifelnden Blick zu, dann hatte er sich entschieden und ließ den vermeintlichen Tanninger stehen. Er wandte sich ab und zog Rohmag mit sich in die Stube zurück. »Bring Benno nachher mit zur Versammlung«, sagte er. »Es soll kein Einziger fehlen, hieß es ausdrücklich.«

Rohmag versprach es und brachte alle zur Tür. Mellow trat dicht an das Fenster und sah die acht Vahits nacheinander das Haus verlassen, die beiden Wachtels vorneweg. Er winkte ihnen sogar mit dem Tuch nach, an dem er sich die Hände trocknete. Dann sah er sie die Straße zum Südbroch hinabgehen. Er warf das Tuch beiseite, wankte mehr als er ging in die Stube und ließ sich erschöpft in den Sessel fallen.

Rohmag Ganter kam zurück und nickte anerkennend. »Na, wenn das nicht mal haarscharf an uns vorüberging«, sagte er. »Du bist mir vielleicht einer. An dir ist ja ein wahrer Schausteller verloren gegangen.«

»Danke, Unkel«, gab Mellow matt grinsend zurück. Er streifte die Lederkappe von den Haaren und verzog das Gesicht dabei, als sich die eine Seite nicht von der erst halb genähten Wunde lösen wollte.

»Woher wusstest du von den Hüftschmerzen der alten Nattia Sperber?«

»Ach das«, meinte Mellow. »Das war geraten. Ich kenne die alte Dame nicht. Ich habe nur gehofft, dass Fedo sie nicht eigens erfunden hatte. Aber dazu blieb ihm eigentlich keine Zeit, und er schien mir kein allzu schneller Denker zu sein. Also wird er einen Namen gewählt haben, der ihm einfiel, weil er ihn tatsächlich kannte. Alte Leute aber haben immer irgendein Zipperlein, also konnte ich es wagen, zu behaupten, es ginge der guten Nattia noch immer nicht besser.«

»Gut, dass der Hase noch dort lag; er ist in der Tat für Domag bestimmt. Ich erlegte gestern zwei. Der andere diente als Futter für … einen anderen Hund.«

»Ja, ein Hoch auf den Hasen. Ich muss mich daran erinnern, irgendwann auch ein Hoch auf Bholobhorg Feldschwirl auszubringen. Ich hätte nie gedacht, dass mir seine Sprechweise mal als Vorbild nützlich sein würde.« Mellow betastete seine Schläfe und stöhnte leise auf. »Die Nadel und alles findest du unter dem noch zu spülenden Geschirr versteckt. Darf ich dich bitten, das ganze Zeugs noch einmal zu holen? Du hast noch eine Naht zu setzen, wie du sicher nicht vergessen hast. Mach aber bitte bei allem schnell. Die Zeit läuft uns davon.«

*

Als die Naht und der neue Verband endlich richtig saßen, brachte Rohmag zwei winzige Steinkrüglein zum Vorschein und füllte sie aus einer tönernen Flasche. »Den haben wir uns verdient«, meinte der Jäger. Sie tranken einander zu und schütteten hinunter, was sich als äußerst scharfes Gebräu erwies. Der Brombeergeschmack war unverkennbar – ausgerechnet Räuschelfurter Brummbaren war es, den Rohmag ihm hier kredenzte. Mellow hätte über diese Laune des Schicksals gelacht, wäre sein Blick nicht in diesem Augenblick auf etwas gefallen, das mitten auf dem Tisch lag, neben der vergessenen Kanne und den Bechern mit erkaltetem Tee.

»Bei allen Waldgeistern!«, rief er erschrocken aus. »Wir hatten wahrlich mehr Glück als Verstand! Ich kann’s kaum fassen!«

Vor ihm auf dem Tisch lag sein roter Hut mit der eingestickten Sonnenblume und dem langen blauen Band an der Krempe. Die ganze Zeit hatte er offen für jedermanns Augen dagelegen, und Fedo Wachtel und sein Sohn hätten ihn eigentlich gar nicht übersehen können. Doch genau das hatten sie getan und den Hut nicht bemerkt. Eine weitere Laune des Schicksals, über die Mellow nur staunen konnte.

»Falls dies ein Wink Amans ist«, murmelte Mellow ergriffen und nahm den Hut auf, »dann ist er hoffentlich gut gemeint. Du meine Güte! Aber ich will ihn als Vorzeichen nehmen, dass meine Pläne heute gelingen.«

»Wir wollen nur hoffen«, erwiderte Rohmag, »dass sich dein Glück damit nicht erschöpft hat. Du wirst eine Menge mehr davon brauchen, ehe der Tag sich neigt.«

Doch ehe der Tag sich neigen konnte, rückte zunächst die Mittagsstunde schnell näher. Der Aarienheimer Jäger stattete seinen uneingeladenen Gast mit andersfarbigen Kleidungsstücken aus, die frei von all den verräterischen Spuren waren, die Mellows bisherige Sachen aufwiesen: all die Moos- und Grasflecke, Blutspritzer, dazu die Einrisse und andere auffällige Abnutzungen, die vielleicht beschrieben worden waren und an denen man ihn hätte erkennen können. Vor allem aber waren die neuen Klamotten schrankfrisch und rochen nicht streng nach tagelangem Ponyritt, sondern allenfalls nach Zedernholz.

In Mellows Rucksack stopften sie Brot, Obst und hartgebackene kleine Kuchen, so viel eben hineinging; am Ende legte Rohmag noch ein Stück Käse obendrauf. Das Wacala schnürten sie hoch unter Mellows Achsel und an seinem Gürtel fest, sodass die Scheide nicht zum Vorschein kam und ihn schon von Weitem verriet. Die bewährte Lederkappe mit den enganliegenden Seitenteilen sollte Mellow einstweilen anstelle seines Hutes tragen. Sobald er sie aufsetzte, war auch der Verband nicht mehr zu sehen. In erster Hinsicht aber verfremdete das Leder auf merkwürdige Weise Mellows Gesichtszüge, wahrscheinlich weil es die Haare vollständig bedeckte. Sein Antlitz darunter wirkte jedenfalls rundlicher, und das Kecke aus seinen Zügen schien wie von Zauberhand verschwunden zu sein. Die Tanninger Mundart und seine Rolle als Benno Sperber würde er beibehalten, so er denn gezwungen wäre, etwas zu sagen. Mehr an Tarnung konnten sie mit ihren Mitteln nicht erreichen; den Rest musste das Verschwinden in der Menge leisten.

Als nur noch wenig Zeit verblieb, sahen sie rasch nach den Ponys im Hain. Rohmag holte aus irgendeiner Ecke noch abgewetzte Ledertaschen hervor, stopfte Obst hinein und fand auch einen Wasserschlauch, den er rasch füllte. Diese Dinge bekam Gwaeth zu tragen. Seinen Hut stopfte Mellow in Vankus Satteltasche. Den Rucksack banden sie am Sattel fest. Als sie ins Haus zurückgingen und aus den Fenstern blickten, sahen sie, wie sich das Dorf schlagartig von allen Häusern her belebte. Die Mittagsstunde stand bevor; es wurde Zeit, Saisárasars Forderung zu erfüllen. Beide legten ihre Mäntel um und nickten einander grimmig zu. Noch an der Tür hielt Mellow den Jäger zurück.

»Ich habe das heute schon einmal jemanden gefragt. Warum tust du das, Herr Rohmag? Warum hilfst du mir und verrätst mich nicht?«

Der grauhaarige Vahit ergriff Mellow bei der Schulter und suchte seinen Blick. »Weißt du das wirklich nicht? Ich dachte, du wärst von allein darauf gekommen. Du bist – warst – der beste Freund von Herrn Finn aus Moorreet. Er war ein liebevoller Hundefreund, und ich achte alle, die so denken wie er. Sie und ihre Freunde. Darüber hinaus bist du Gast der Taubers, und ich bin ihr Nachbar, was auch mich verpflichtet. Glaube mir, die alten Sitten haben noch Bedeutung für mich. Doch am ehesten aber wird vielleicht dies dich überzeugen: Ich habe weder Frau noch Tochter, nicht in einem Broch einsitzend noch anderswo wartend. Ich lebe allein. Mich kann deshalb niemand zu Taten zwingen, die eines aufrechten Vahits unwürdig sind. Mein ist nur Domag, und er ist wenigstens so treu wie der Hund deines Freundes.«

Mellow schüttelte den Kopf und wischte sich mit der Hand über die Stirn, als säße dort etwas, das sein Denken behinderte. »Was ist nur heute mit mir los? Erst jetzt, da du es ansprichst, denke ich an Inku, den kleinen Kerl … Ich sah vorhin Finn, für wenige Augenblicke, aber Inku war nicht bei ihm. Das fällt mir erst jetzt auf. Das arme Tier läuft bestimmt in heilloser Angst dort draußen herum und sucht nach ihm. Er ist nahezu hilflos. Ich muss mich auch darum …«

»Nein«, unterbrach ihn der Jäger in plötzlichem Zorn. »Diese Pflicht ist dir erlassen worden. Inku, wenn das sein Name war, ist tot. Sinnlos gefallen im aussichtslosen Kampf, wie du sagen könntest. Zerquetscht von einem Gidrog. Gnadenlos zu Brei getreten ohne Not. Ich selbst musste es mitansehen, gefangen aus meinem Netz heraus …«

Mellow starrte den Jäger entgeistert an. »Der Welpe ist tot? Wusste Finn das?«

Rohmag nickte mit düsterer Miene. »Dein Freund stand unmittelbar dabei und sah, was geschah. Dann schrie er auf und forderte seinen Preis. Der Schänder hat seine Tat nicht überlebt.«

»Immerhin einer, der zur Rechenschaft gezogen wurde. Aber noch sind viele seiner Art übrig, und sie werden sich nicht scheuen, weiter zu schänden.«

»Ich weiß«, antwortete der Jäger. »Und im Gegensatz zu den Wachtels und Grünspechts dieses Bradas bin ich nicht bereit, dies hinzunehmen.«

»Ich danke dir. Mehr vermag ich nicht zu sagen. Und du bist dir sicher, dass du uns nicht begleiten willst?«

»Um wohin zu gehen, Herr Helvogt? Was sollte ich im Obergau? Und was würde aus Domag werden? Nein, mein Platz ist hier, in Aarienheim. Und nun komm, ehe sie uns vermissen und mit Gewalt aus dem Hause zerren.«

Sie traten vor die Tür und schlossen sich den anderen Vahits an, die über die Straße dem Taubergrundstück entgegenstrebten. Mellow sah Jung und Alt die Häuser verlassen. Viele Kinder gingen an der Hand ihrer Väter und Großväter. Die wenigen Frauen, die noch nicht festgesetzt worden waren, hielten zumeist die kleinsten als Bündel im Arm. Das sonst übliche und unvermeidliche Geschwätz der Vahits untereinander war einer fast unheimlichen Stille gewichen, zu der die angsterfüllten Mienen und die gesenkten Köpfe das ihrige beitrugen.

Mellow seinerseits hatte kaum seinen Fuß auf die Gaustraße gesetzt, da schoss ihm ein absonderlicher Gedanke durch den Sinn. Ausgelöst wurde dies durch Helmo Buntfink und seine Gemahlin Lasbet, die mit schleppenden Schritten vor ihm gingen. Helmo zeigte keine Anzeichen eines Widererkennens. Aus unerfindlichen Gründen aber hatte Lasbet einen Schirm über dem Arm hängen – es war ein Reiseschirm von der Art, wie auch Amafilia Fokklin einen besessen hatte. Etwas an diesem Anblick ließ Mellow an den umgestürzten Fokklin-Wagen zwischen den Findlingen denken, an Gasakan Amsler und das, was der hiesige Gauvogt eine Untersuchung genannt hatte. Amafilias Schirm hatte unter dem Wagen gelegen …

Ja, dachte Mellow, mit einem Schlag weit zuversichtlicher als zuvor. Das wäre unerwartet. Er begann zu grinsen, und er hätte sich beinahe die Hände gerieben, wenn Rohmag ihn nicht angestupst hätte.

Dann standen sie plötzlich Schulter an Schulter mit anderen an der Kurve, mit der die Straße nach Nordosten bog. Vier Gidrogs versperrten die Öffnung in der Hecke, die hinaus zur Pappelallee führte. Sechs weitere bildeten eine drohende Mauer zu ihrer Linken, die herumschwenkte, sobald sie den Taubergrund betraten, und die sich hinter ihnen schloss wie ein lebendiges Gatter. Zwei der breiten, geschuppten Gestalten bewachten weiterhin den Eingang zum Broch und blickten womöglich noch finsterer drein als ihre Artgenossen. Die Mühlbachbrücke wurde ebenfalls von zwei Gidrogs versperrt.

Mellow setzte sein einfältigstes Gesicht wieder auf und folgte den anderen Vahits, die sich als etwa dreißigköpfige Menge mit gesenkten Köpfen vor der Uferkante des Mühlbaches versammelten. Aufmerksam, aber unauffällig blickte er sich um.

Der Platz vor dem Tauberhaus war leerer, als Mellow ihn in Erinnerung hatte. Regelrecht aufgeräumt erschien er ihm jetzt. Nur die in die Erde gesickerten und getretenen Spuren kündeten noch von dem Verhängnis, das hier bis vor Kurzem gewütet hatte. Die toten Großvögel und die Leichen der Gidrogs waren von den anderen in der Zwischenzeit fortgeschafft worden, und es war unschwer zu erkennen, wohin: Eine breite, rötlich verfärbte Schleifspur zog sich durch das Gras, dem Verlauf des Baches folgend und bis zur Sturzkante. Der Zaun war an dieser Stelle zertrümmert, wie zerbrochene Knochen ragten gesplitterte Latten zu beiden Seiten hinaus ins Leere.

Sie haben sie einfach hinabgeworfen!, dachte Mellow erschüttert.

Ledige Criargs hockten und standen dicht beieinander neben dem durchbrochenen Zaun und unweit des Walnussbaumes mit der immer noch daran befestigten Schaukel. Mellow zählte sie schnell und kam auf siebzehn. Keiner der Gidrogs bewachte die Vögel. Offenbar vertrauten die hauergesichtigen Eindringlinge ganz darauf, dass ihre Reittiere gut abgerichtet waren.

Die erschlagenen Vahits hingegen hatten die Gidrogs regelrecht zu einem Hügel vor der Nordseite des Tauberhauses zusammengeschmissen, aus dem blutige Rinnsale in Gras und Erde sickerten. Wie Unrat, dachte Mellow voller Zorn, den man auf einen Haufen wirft: achtlos, kopfüber, kopfunter, die Gliedmaßen in den unmöglichsten Winkeln verdreht. Warum sie mit den Hüggelländern anders verfahren waren als mit ihresgleichen, gab Mellow ein Rätsel auf. Bestimmt steckte eine Absicht Saisárasars dahinter.

Mellow vermochte in dem Wirrwarr aus Leibern nicht einmal festzustellen, wie viele Vahits umgekommen waren. Blut war über die Gesichter gesickert und entstellte ihre Züge; aber Mellow war sicher, unter den Toten Furgo Fokklin zu erkennen. Sein geschientes Bein stach unverwechselbar hervor. Der mit Rollen versehene Stuhl, den die Tauberbrüder ihm gebaut hatten, lag umgekippt inmitten eines weiteren Haufens daneben. Seine Krücken steckten zerbrochen obenauf. Der Rest der Ansammlung bestand aus Dingen, die im Verlauf des Kampfes fallen gelassen worden oder zu Bruch gegangen waren: Stecheisen, Stuhlbeine, Latten und Mistgabeln, verkohlte Netze, die Reste eines Fasses, eine zerbrochene Leiter. Es gab noch einen dritten Haufen, und dies war der kleinste: Hier lagen Circendils Schwert, sein Dolch, sein Mantel und der abgewetzte Rucksack, den er getragen hatte – bis auf das Schwert nichts von Wert. Eine traurige Beute, dachte Mellow, und nichts dabei, was Saisárasar in Entzücken versetzen würde. Seine Gedanken sprangen weiter, und er pries im Stillen Circendils Voraussicht, den verlorenen Brief Tulsins und die Karte nicht selbst behalten, sondern Finn zur Aufbewahrung gegeben zu haben.

Und jetzt sind sie mit Finn in die Tiefe gestürzt!, durchfuhr es Mellow in jähem, erschreckendem Begreifen. Die Beweise für den Verrat in Revinore lagen jetzt da unten in den Schattenfennen … womöglich zerfleddert, in die Sümpfe gefallen, für immer dahin.

Plötzlich lief eine Welle der ängstlichen Erwartung durch die Menge. Die Tür zur Werkstatt wurde aufgestoßen, aber noch kam niemand heraus. Die Blicke aller Vahits flogen zugleich und wie ein einziger über den Mühlbach hinaus und starrten hinein in das dunkle Viereck der aufgerissenen Türöffnung. Dann füllte sich der Rahmen beim Erscheinen zweier weiterer Gidrogs. Die Tür spuckte sie förmlich aus und gebar zudem, was sie mit sich schleiften: ein schweres Bündel, wie es schien.

Da trat jener hervor, der an diesem Morgen zur Geißel des Hüggellandes geworden war: Schwarzmantel, Saisárasar, der Simorgh, oder wie immer man ihn auch sonst noch heißen mochte an anderen Orten. Groß und dunkel bückte er sich unter dem Türfirst der Werkstatt durch. Ein Windstoß fuhr in das Laub zu seinen Füßen und wirbelte es haltlos davon, als er sich aufrichtete. Er schritt den beiden Gidrogs mit ihrer Last voraus bis zum Scheitelpunkt der Mühlbachbrücke, und hier hielt er an. Stumm betrachtete er die Menge, ein auf der Brückenwölbung nun noch weitaus größer wirkender Dir, ein Mensch der Nodirin. Schwarz gewandet, mit dunklem Gesicht, mit dem Schwert an der Schulter gegürtet, erkannte man ihn umwoben von Macht und Niedertracht, die ihn gleichsam umgaben wie die Falten seines im Winde schlagenden Mantels. Nur sein linkes Auge blickte verachtend auf die Vahits, das rechte war unter dem Tuch um seinen Kopf verborgen.

Noch während der Dunkle die Brücke betrat, zog Mellow so unauffällig wie möglich den Jäger am Ärmel neben sich, bis sie beide hinter dem Poststallbesitzer und seiner Frau zu stehen kamen. Mellow hätte seine Hand nur um ein weniges ausstrecken müssen, um den Schirm zu berühren.

Mit einem Mal bewegte sich niemand mehr.

Eine lastende Stille senkte sich über Sieger und Besiegte.

Dann begann Saisárasar zu sprechen.

*

»Also … Hört mich an.« Diese ersten Worte kamen überraschend leise aus Saisárasars Mund.

Und schon folgte eine Pause – eine Frist von quälenden Atemzügen, die wie eine unerhörte Verzögerung wirkte, in die hinein sein Blick einen jeden traf. So erschien es den meisten Anwesenden. Unwillkürlich beugten sich die Vahits ein wenig vor, um ihn überhaupt zu verstehen. Die hinteren streckten sich sogar auf die Zehenspitzen. Die vorn Stehenden verspürten den zunehmenden Druck der Menge im Rücken, der sie nach vorn zu schieben drohte. Doch das ging nicht, ihre unwillkürliche Scheu vor dem Großen Mann nagelte sie gleichsam an der Stelle fest, wo sie standen.

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