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Die vergessene Sonne

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Prolog
  5. 1.
  6. 2.
  7. 3.
  8. 4.
  9. 5.
  10. 6.
  11. 7.
  12. 106 Jahre in der Zukunft …
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16.
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. 36.
  42. 37.
  43. 38.
  44. 39.
  45. 40.
  46. 41.
  47. 42.
  48. 43.
  49. 44.
  50. 45.
  51. 46.
  52. 47.
  53. 48.
  54. 49.
  55. 50.
  56. 51.
  57. 52.
  58. 53.
  59. 54.
  60. 55.
  61. 56.
  62. 57.
  63. 58.
  64. 59.
  65. 60.
  66. Über den Autor

Prolog

Als das Zeitalter der Fische vor ungefähr zweitausend Jahren anbrach, wurden neununddreißig Bücher des Alten Testaments auf Papyrusrollen geschrieben. Dies geschah durch heilige Männer der Bruderschaft von Khirbet Qumran, die nur auf der Erde waren, um die Lehren Gottes und seine Weisheit aufzuzeichnen. Die mythischen Handschriften, die häufig als Schriftrollen vom Toten Meer bezeichnet werden, sind die ältesten bekannten Handschriften der Bibel. Doch neben ihrer offensichtlichen Weisheit bergen sie eine noch viel bedeutendere Wahrheit.

Es ist das Wissen, wie dieses herrliche Universum beschaffen ist, in dessen fragiler Schale unberechenbare Kräfte verborgen sind. Kosmische Strings aus immenser Energie verleihen den Dingen eine Dimension, schaffen Materie, Gravitation, Licht und Dunkelheit und auch das weite Nichts des Weltraums. Sie geben uns auch die vierte Dimension: die Zeit. In den Qumranschriften ist der Schlüssel für all das verborgen.

Sobald der rechte Zeitpunkt gekommen und die Technik und Weisheit des Menschen entsprechend entwickelt wäre, sollten die Schriftrollen sich einer ausgewählten Gruppe von Menschen offenbaren, denen die Rolle von Schützern der Zukunft und der Vergangenheit zukäme. Im Buch Esther sind die Geheimnisse des Zeitreisens verschlüsselt enthalten, und in den übrigen Büchern des Alten Testaments ist jeweils ein Auftrag zu finden, achtunddreißig insgesamt.

Dies ist die Geschichte eines solchen Auftrags.

Dies sind die Reisen des Aufsehers.

1.

CUSCO, PERU
PLAZA DE ARMAS
ORTSZEIT: 14.46 UHR
13. JANUAR 1908

Auf dem Rücken eines Esels ritt Juan Santillana durch den Nieselregen den Berg hinab und über das Kopfsteinpflaster auf den zentralen Platz von Cusco. Aus seinem Kapuzenponcho schauten nur die Augen und seine rechte Hand heraus, die den nassen, grauen Alpakastoff von innen unter dem Kinn zusammenhielt. Auf dem Platz hatte achthundert Jahre zuvor Manco Cápac, der erste Inka-König, den goldenen Stab des Sonnengottes hingeworfen und verkündet, dass dort die Hauptstadt des Inka-Reiches erbaut werden solle. Sie bekam die Umrisse eines Pumas, ein heiliges Tier der Inka, und an der Stelle seines Herzens befand sich dieser Platz.

Er war quadratisch und maß von einem Ende zum anderen dreihundert Schritt. In der Mitte stand ein großer, zweistöckiger spanischer Brunnen. Drei ausgetretene Wege, die sich in der Mitte kreuzten, verliefen über die geneigte Fläche, und teilten sie in sechs symmetrische Rasendreiecke. Während der Zeit der Inka-Könige hieß der Platz Huacaypata – Herz des Pumas. Doch er wurde von dem spanischen Eroberer Francisco Pizarro in Plaza de Armas, Platz der Waffen, umbenannt, nachdem dieser Cusco 1533 auf brutale Weise eingenommen hatte.

Die Schritte des Esels wurden unsicher, als er sich unter dem grauen Nachmittagshimmel auf den weiten Platz schleppte. Es war ein langer Ritt gewesen, und auch Juan hatte seit ein paar Stunden Mühe, die Augen offen zu halten. Doch auf der Plaza de Armas angelangt, war er plötzlich hellwach und nahm mit scharfen Sinnen den eindrucksvollen Anblick der Kathedrale in sich auf, die vor ihm aufragte.

Wie so oft in den vergangenen drei Tagen griff er hinter sich nach der schweren Satteltasche, die auf dem Hinterteil des Esels festgebunden war. An der Treppe vor der Kathedrale überlegte Juan einmal mehr, dem Esel die Hacken in die Seiten zu stoßen und mit seiner Entdeckung wegzureiten.

Welchen Wert hat das Leben meines Bruders?, fragte er sich.

Er sah zu den Glockentürmen der katholischen Kirche hoch, zwischen denen sich das bescheidene weiße Holzkreuz gegen den grauen Himmel abhob, ehe er endgültig seine Entscheidung traf.

Juan bekam unerwartet Herzklopfen und blickte suchend über den Platz.

Überall waren Leute, die trotz des Regens wie an jedem anderen Tag auch ihren Geschäften nachgingen. Zahllose Esel zogen Karren mit Erzeugnissen von den Bauernhöfen der Umgebung – Holz, Süßkartoffeln, Mais, Quinoa, Tee. Eine Frau trug ihren Säugling in einer Schlinge unter dem Poncho und einen schweren Sack Weizen auf dem krummen Rücken. Weiter weg kauerten peruanische Soldaten unter einem Vordach der Kaserne beim Kartenspiel zusammen, ihre Gewehre standen ordentlich nebeneinander an die Wand gelehnt. Zwei Mönche gingen gemächlich über den Platz auf die Jesuitenkirche zu, die braunen Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Juan stieg langsam von seinem Esel ab. Ihn schmerzte der Rücken von dem langen Ritt. Seine Kleidung war durchnässt, sein Hintern wund. Er konnte vor Schmerzen kaum stehen.

In Cusco wusste noch niemand von dem immensen Schatz in seiner Satteltasche. Es war eine Kostbarkeit, wie sie noch nie ein Mensch gesehen hatte. Wenn in diesen belebten Straßen auch nur einer davon wüsste, gäbe es einen Menschenauflauf, weil alle die Taschen berühren wollten, ganz zu schweigen von dem Wunsch, sie an sich zu bringen. Juan hatte bereits einen Menschen getötet, um sie zu schützen, und er hatte Angst, es wieder tun zu müssen. Es war, als spräche der sonderbare Gegenstand zu ihm, erzählte ihm von den Freuden und Reichtümern, die bald sein wären, und schmeichelte sich damit direkt in sein Gehirn. Juan wollte glauben, dass er die Sünde des Tötens begangen hatte, um seinen Bruder zu retten – es war viel leichter, die Sache so zu sehen. Doch eines war sicher: Er sonnte sich im hellen Glanz einer furchteinflößenden Macht, wenn er das Inka-Ding anschaute. Es war nicht von dieser Welt, so viel war ihm klar.

Als er sich der mächtigen Kirche zuwandte, zog sich ihm plötzlich der Magen zusammen. Wollte er das kostbare Ding wirklich Bischof Francisco übergeben? Er tastete unter dem Poncho nach dem kleinen Silberkreuz, das an einem dünnen Lederband um seinen Hals hing.

»Sprich zu mir, Christus«, murmelte er.

Juan schaute an der Fassade hinauf, und sein Blick blieb an dem weißen Zifferblatt des linken Turms hängen. Es war eine Minute vor drei, und gleich würden die Glocken in ihrer ganzen Herrlichkeit läuten. Dann hob eine Melodie an, die so lieblich war, als sängen die Engel an Gottes Seite. Der klare, helle Klang der zwölf Glocken von Cusco war Juan so vertraut wie der Kuss seiner Mutter. Er hatte mit seinen Eltern und Brüdern keine fünf Kilometer von diesem Platz entfernt gewohnt und oft voller Vorfreude die Sekunden gezählt, bis die Glocken erklangen, was sie jeden Morgen und Nachmittag taten.

Juan schloss die Augen und schwelgte in Erinnerungen.

Sein jüngerer Bruder Corsell war ein guter Bruder gewesen. Dieses Jahr würde er einundzwanzig werden, er selbst dreiundzwanzig. Als Jungen hatten sie sich immer nahegestanden, erst in den vergangenen Jahren hatte sich das geändert, wie bei vielen, wenn sie erwachsen wurden. Corsell war zum Militär gegangen, und er selbst arbeitete als Büchsenmacher bei seinem Vater.

Juan schreckte aus seinen Gedanken hoch, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, und fuhr unter der unerwarteten Berührung jäh zurück.

»Ruhig, mein Junge«, sagte Monseñor Pera wohlwollend.

»Sie haben mich erschreckt, Vater!« Juan versuchte, seinen aufgeregten Atem zu zügeln.

»Du hättest schon vor Wochen zurück sein sollen«, flüsterte der alte Priester. Er trug eine schwarze Kutte und ein Seil um die Taille. Offensichtlich war er gerade erst ins Freie getreten, denn der Regen perlte noch von dem schweren Stoff ab. Um den Hals trug er ein großes Silberkreuz an einer dicken silbernen Kette. »Alle sind sehr besorgt.«

»Es war schwieriger, als Sie sich vorstellen können«, sagte Juan.

»Wo ist Jesu´s?« Der Priester sah sich suchend nach dem jungen Novizen um.

Juan schluckte. »Ich habe eine schlechte Neuigkeit, Vater. Jesu´ s ist in den Bergen von einem Felsen gestürzt und dabei umgekommen.« Er fasste die Hand des Geistlichen und fiel auf ein Knie. »Ich habe alles getan, um ihn zu schützen, Padre! Aber er kam in den Bergen nicht zurecht. Das hat ihn das Leben gekostet.«

Monseñor Pera bekreuzigte sich. »Ich hatte befürchtet, dass so etwas passiert. Und ich sehe, dass sich meine schlimmste Ahnung bewahrheitet hat. Gott sei Dank, dass wenigstens du unversehrt zu uns zurückgekommen bist. Hast du die untergegangene Stadt gefunden?«, fragte er gedämpft, damit sie niemand hörte.

»Ist Corsell am Leben?«, fragte Juan, statt zu antworten.

Monseñor Pera lächelte ihn an und zog Juan hoch. »Selbstverständlich ist dein Bruder am Leben. So

war es vereinbart, mein Sohn.«

Juan kannte den alten Mann von klein auf und hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Der Geistliche war bei der Vermählung von Juans Eltern Novize gewesen. Das war über fünfundzwanzig Jahre her. Und jetzt war er Monseñor in der größten Kirche Perus und war Bischof Francisco unmittelbar unterstellt, einem Mann, den Papst Pius ernannt hatte.

Flüsternd fragte der Geistliche: »Konntest du den Schatz herschaffen?«

Juan schlug das Herz so laut in der Brust, dass er meinte, sie müsste platzen. Wenn er mit dem Ding abhauen wollte, dann jetzt.

»Das Leben deines Bruder hängt daran«, gab der Priester zu bedenken.

Der Regen wurde etwas stärker, und aus den Sekunden wurden Minuten.

»Der Einzige, der deinen Bruder retten kann, bist du, mein Sohn. Ich möchte nicht einmal daran denken, welch schreckliche Folter dem Jungen bevorsteht, wenn ihm die Dämonen ausgetrieben werden müssen.«

Juans Blick schweifte zur Satteltasche auf dem Hinterteil seines Esels. »Es ist genau, wie der Bischof gesagt hat«, erklärte Juan mit einem Stoßseufzer. »Eine so herrliche Kostbarkeit, dass der bloße Anblick die Seele erhebt.«

»Ich bin sehr zufrieden.« Monseñor Pera lächelte. »Komm, wir sollten hineingehen. Der Bischof wird heute Abend zurückkommen, und wir können ihn mit guten Neuigkeiten empfangen.«

Juan folgte dem alten Priester die Stufen der Kathedrale hinauf und zog seinen Esel dabei hinter sich her. Kein Wort fiel, während sie sich dem Portal näherten.

»Vater, wenn Sie es sehen, werden Sie sich sicher selbst fragen, warum ich mich nicht einfach damit aus dem Staub gemacht habe – solch eine Schönheit – trotz der schrecklichen Folgen für Corsell und meine Familie.«

»Du hast es nicht getan, weil du ein guter Mensch bist.« Monseñor Pera drückte den Türflügel auf und betrat die Kirche.

Juan schauderte bei diesen Worten. Er war kein guter Mensch, und er wusste das. Er führte den Esel in das Mittelschiff, und als die Tür mit einem dumpfen Laut hinter ihnen zufiel, verstummte das Geräusch des heftigen Regens. Es war totenstill. Nur der Hufschlag des Lasttiers auf dem glatten Granitboden war zu hören.

Die Kathedrale war ein grandioser Bau und auf den Grundmauern des Wiracocha-Palastes errichtet worden, der über dreihundert Jahre lang Residenz der Inka-Könige gewesen war. Nach der Einnahme Cuscos befahl Pizarro, den Inka-Palast zu zerstören und mit den Steinen die Kathedrale zu bauen.

»Ist er in der Satteltasche?«, fragte Monseñor Pera.

Juan deutete mit dem Kopf in ihre Richtung. »Ja, Vater«, antwortete er, rührte aber keinen Finger, um den Schatz hervorzuholen.

»Ich brenne darauf, ihn zu sehen, mein Sohn.«

Mit jedem Augenblick, der verstrich, wurde Juan aufgeregter. Sein Atem ging schneller, sein Gesicht rötete sich.

»Öffne die Satteltasche, und lass mich sehen, was du da hast!«

Juan schwankte, ob er das Ding hergeben sollte oder nicht. »Wo ist mein Bruder?« Suchend schaute er zwischen den erhabenen Säulen umher. »Ist er hier?«

»Er ist bei Bischof Francisco«, antwortete Monseñor Pera. »Nun zeig mir den Schatz.« Er ging mit ausgestreckter Hand auf die Satteltasche zu.

Juan stellte sich dazwischen. »Nicht, ehe mein Bruder unversehrt wieder bei mir ist. So war es abgemacht.«

Monseñor Pera blieb stehen und verzog ärgerlich das Gesicht. »Du wagst es, dich mir im Hause Gottes zu widersetzen! Du wirst tun, was ich sage, und die Satteltasche öffnen!«

So aufgeregt, dass er kaum denken konnte, blickte Juan zu dem lebensgroßen Christusbild an der Wand auf: Das Blut tropfte lebensecht von der Dornenkrone auf dem Haupt, die Hände und Füße waren mit großen Nägeln an das Kreuz geschlagen. Heftig atmend sah Juan dann wieder in das zornige Gesicht des Monseñor.

»Er will den Schatz nur für sich selbst!«, rief ihm eine tiefe, machtvolle Stimme zu. »Du musst ihn töten, bevor er dich tötet!«

Juan strich über das Silberkreuz unter seinem Poncho. »Sie dürfen ihn nicht sehen«, erklärte er, und vor lauter Angst brach ihm die Stimme.

»Wie kannst du es wagen!«, schrie der Priester. »Gib ihn her …«

Ehe Juan wusste, was er tat, hatte er sein Jagdmesser aus dem Stiefel gezogen und stieß es dem Geistlichen in den Magen.

»Du musst ihn töten!«, wiederholte die tiefe Stimme. »Sonst wird er dich töten! Du musst ihn töten!«

Plötzlich war alles verschwommen. Ihm war furchtbar schwindelig. Das Licht blendete, und kalte, dunkle Schatten umhüllten ihn. Juan hatte kein Gefühl mehr in den Gliedern, er spürte nichts. Er war leer und versuchte verzweifelt, sich in dem Wahnsinn um ihn herum zurechtzufinden.

Allmählich kam Juan wieder zu Verstand und sah den blutigen, entstellten Leichnam des Priesters vor sich liegen. Das Gesicht war zerstochen und kaum wiederzuerkennen. Juan ließ das Messer fallen. Es landete in der größer werdenden Blutlache. Das kirchliche Gewand war von zahllosen Stichen zerfetzt, die Gedärme des Monseñor quollen heraus, und der Gestank war überwältigend.

Der Esel hatte versucht, sich loszureißen, aber die Zügel waren fest um Juans Handgelenk gewickelt. Juan entfuhr ein Schrei bei dem entsetzlichen Anblick, und er biss sich in die Hand, um nicht weiterzuschreien. Der Gestank brachte ihn zum Würgen, und er erbrach Gallenflüssigkeit. Dabei sah er auf seine Hände, die voller Blut waren, ebenso wie sein Poncho. Dann blickte er wieder auf den entstellten Leichnam. Die Welt verschwamm. Er fiel auf die Knie.

Bittere Galle strömte erneut in seinen Mund, als er den Blick zu dem Marienbildnis hob, auf dem die Jungfrau das Jesuskind in den Armen hielt. »Was habe ich getan?«, fragte er sie jammernd. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und er drückte das Gesicht an die zerfetzte Brust des Padre. »Es tut mir leid!«, heulte er. »Es tut mir leid!«

Im Seitenschiff waren eilige Schritte zu hören, die näher kamen. Juan wusste, dass er fliehen sollte, doch er war unfähig, sich zu rühren. Er war wie erstarrt.

Das hat der Inka-Fluch mit mir gemacht, erkannte er und erbrach sich ein weiteres Mal. »Gelobt sei unser Herr Jesus Christus«, murmelte Juan und wiederholte die Worte in einem fort. »Möge er mich vom Bösen erretten.«

2.

CUSCO, PERU
PLAZA DE ARMAS
ORTSZEIT: 10.20 UHR
16. JANUAR 1908

Drei Tage nach dem grausamen Tod von Monseñor Pera ging Wilson Dowling im Nieselregen über die Kopfsteinpflasterstraße auf die Plaza de Armas zu. Er war froh, dass endlich die Zeit zum Handeln gekommen war, aber er spürte auch eine Unruhe in sich, wenn er die trauernden Menschen beobachtete, die zu Hunderten mit ihm in dieselbe Richtung strömten.

Mit seiner dreiviertellangen Moleskinjacke und einem breitkrempigen Hut war er gegen die Nässe gut geschützt. Der gebürstete Baumwollstoff war strapazierfähig und wasserdicht, wenn auch ein bisschen zu warm für den Sommer. In einem Lederranzen auf dem Rücken hatte Wilson seine Reisepapiere, ein dickes Bündel amerikanischer Dollar und eine Hand voll Goldmünzen, die noch von seinem Besuch in China stammten. Die Münzen waren ausgezeichnete Tauschware, weil das Metall weich war und sich durch einen Biss als echt auswies.

Wilson war einen Kopf größer als die Einheimischen und machte sich keine Illusionen, dass er eventuell nicht auffallen könnte. Er ging einfach ruhig mit der Menge mit, als wäre es vollkommen selbstverständlich. Bei seiner Ankunft mit dem Zug von Lima hatte er beschlossen, sofort zur Kathedrale zu gehen und in Erfahrung zu bringen, wie es zu dem vorzeitigen Tod des Geistlichen gekommen war. Dessen blutiges Ableben war in der Geschichte des Landes, die Wilson gründlich studiert hatte, nicht vermerkt. Es war vielleicht nicht weiter relevant, aber erfahrungsgemäß war es nie gut, wenn der Ablauf der Geschichte gestört wurde.

Cusco trauerte, und fast jeder trug Schwarz. Als Wilson zu Ohren gekommen war, dass in der berühmten Basilika ein Priester durch über hundert Messerstiche ermordet worden war, war er sofort misstrauisch geworden. Die Gerüchteküche Südamerikas war oft unzuverlässig, und so hoffte er, die Fakten wären andere oder wenigstens stark ausgeschmückt worden.

Wilson wusste, dass er ein enormes Wissen über die Zukunft besaß und ihm das eine unglaubliche Macht verlieh. Der Hochmut, der daraus erwuchs und auf den er nicht stolz war, war Teil seines Selbstverständnisses geworden. Er war der Aufseher, ein Mann, der die Kraft von zwanzig Männern aufbringen konnte und bei dem sich Wunden tausendmal schneller schlossen als bei gewöhnlichen Menschen.

Doch hier befand er sich in einer fremden, altertümlichen Welt. Teddy Roosevelt war Präsident der Vereinigten Staaten. Zar Nikolaus II. sah seiner Ermordung durch russische Revolutionäre erst noch entgegen. Und Winston Churchill war ein schlanker, junger Mann, der gerade zum ersten Mal dem britischen Kabinett angehörte. Es hatte noch keinen Weltkrieg gegeben, und das britische Empire war sich des Neides der anderen Nationen sicher. Die Gebrüder Wright waren gerade erstmals in ihrem selbst gebauten Flugzeug geflogen. Der Panamakanal war noch nicht fertiggestellt. Das Fließband musste noch den ersten Ford T produzieren. Es gab keine Telefone, Taschenrechner oder Computer, keine Satelliten, kein Google Maps, keine Elektrizität außer in den Großstädten, sondern lediglich den Telegrafen und eine wöchentlich erscheinende Lokalzeitung. Der handgeschriebene Brief war die verbreitetste Form der Fernkommunikation für eine Weltbevölkerung, die magere anderthalb Milliarden zählte. Das Erfreuliche dabei: Es war eine Welt voller Rätsel und Abenteuer, eine Zeit der Entdeckungen, in der der Tapfere von seinen Anstrengungen profitieren konnte, vorausgesetzt er war bereit, bei einem Abenteuer sein Leben zu riskieren.

Acht Jahre lebte Wilson nun schon in dieser Welt, schlug die Zeit tot und existierte wie ein Einsiedler. Seine Mission erforderte es, auf genau diesen Tag zu warten, um nach Cusco zurückzukehren und einen bestimmten Mann aufzusuchen. Seit acht Jahren war er von der modernen Welt und den Menschen, die er kannte, getrennt und hielt sich in der Vergangenheit auf, wo es den Aufseher eigentlich gar nicht geben durfte und wo er sein Handeln und Wirken deshalb zu beschränken hatte, um die Zukunft nicht negativ zu beeinflussen.

Wilson ärgerte sich über die vertane Zeit, doch jetzt war er hier und handelte gemäß den Anweisungen, die er damals erhalten hatte. Erst wenn sein Auftrag ausgeführt war, durfte er nach Hause zurückkehren.

Mit dem Strom der Trauernden näherte sich Wilson der Kirche El Triunfo, die an der Südseite der Kathedrale stand. Angespannt hörte er das eigenartige Gemurmel unzähliger Menschen vor ihm. Als er um die Ecke der Kirchenmauer bog, konnte er den weiten Platz überblicken. Dort standen die Menschen dicht an dicht, so weit das Auge reichte. Er hielt erstaunt den Atem an. Es waren Tausende, die mit dem Gesicht zur Kathedrale wütende Beleidigungen in den strömenden Regen schrien. Die Frauen umklammerten Rosenkränze, die Männer schlugen mit einfachen Holzkreuzen in die Luft, alle waren schwarz gekleidet und nass bis auf die Haut, viele weinten, und einige sangen Kirchenlieder.

Wilson, der über die Köpfe hinwegblicken konnte, sah, dass die Marktstände leer, die Häuser am Platz geschlossen, die Türen zugenagelt, die Gardinen vor den Fenstern zugezogen waren. Sogar das Postamt war geschlossen, was sehr ungewöhnlich war. Während er sich durch die Leiber nach vorn schob, horchte er auf die zahllosen Schimpfrufe, die in Richtung Kirchenfassade geschleudert wurden. Die Menschen steigerten sich in Raserei – Wilson hatte so etwas noch nicht erlebt –, und es war schwierig, sich in ihren verzweifelten Schmerz nicht hineinziehen zu lassen.

Zwischen der wütenden Menge und der Kirche standen oben auf der Treppe zwanzig Soldaten in dunkelblauen Uniformen Schulter an Schulter im Regen und hinter ihnen noch einmal zwanzig zur Verstärkung. Sie trugen.303-Gewehre, und ihren besorgten Gesichtern war anzusehen, dass sie Befehl hatten, niemanden an die Kirche heranzulassen.

Donner grollte, was Wilsons Unbehagen noch verstärkte, während er sich durch die Leute drängte. Schließlich hatte er die Treppe erreicht und stieg die Stufen hinauf. Dabei fiel ihm das Gespräch mit Davin ein, das er ein paar Stunden vor seinem Transport in die Vergangenheit geführt hatte.

Damals saß er in einem bequemen Ledersessel und trug die Uniform des Mercury-Teams. Vor ihm stand der Konferenztisch aus heller Buche. Eine Glaswand ging über die gesamte Länge des Konferenzraums und bot eine atemberaubende Aussicht auf die ausgedehnte Waldfläche.

Davin Chang saß ihm nachdenklich gegenüber.

Der Wissenschaftler war seit drei Jahren Leiter des Mercury-Teams bei Enterprise Corporation, dem größten Unternehmen der Welt. Er hatte einen ruhigen Gesichtsausdruck und lange schwarze Haare mit grauen Strähnen, die zum Pferdeschwanz gebunden waren. Seine Augenbrauen beschrieben einen scharfen Winkel, was ihm eine Spur von Gerissenheit gab. Er war erschreckend dünn, da er seit Antritt seiner Position stark abgenommen hatte. »Ich brauche mehr« war seine meistgebrauchte Redewendung, und alle witzelten über seine fordernde Art. Es passte, dass er es war, der Wilson die schlechte Neuigkeit eröffnete.

»Der Zeitplan kommt nicht ganz hin«, sagte Davin mit säuerlichem Gesichtsausdruck.

»Welcher Zeitplan tut das schon«, bemerkte Wilson.

»Es gibt ein Zeitproblem bei der Nehemia-Mission.«

Wilson beugte sich vor. »Kommen Sie zur Sache, Davin. Wir sind beide lange genug hier, um das Spiel zu kennen.«

»Sie werden bis zum Rücktransport acht Jahre warten müssen«, sagte Davin emotionslos.

Wilsons erste Reaktion war ein Grinsen. »Das ist ein Scherz, oder?«

Davin zeigte auf das Display seines Handhelds. »Wie gesagt, haben wir bei der Nehemia-Mission ein Zeitproblem.«

»Und das sagen Sie mir erst jetzt?«

»Ich war der Ansicht, dass man Sie besser nicht ablenken sollte, wenn Sie so viel um die Ohren haben«, entgegnete Davin. »Die Korrektur der Esra-Mission hat für Sie oberste Priorität.«

»Nicht ablenken!« Wilson machte eine wütende Armbewegung. »Acht Jahre sind mehr als eine Ablenkung!«

»Eine Alternative gibt es nicht«, stellte Davin kühl fest.

»Ich werde nicht gehen«, sagte Wilson.

Davin presste die Handflächen auf die Tischplatte. »Das ist lächerlich.«

»Wir haben eine Zeitmaschine, verflucht! Mich acht Jahre warten zu lassen ist lächerlich! Wir können doch reisen, wann und wohin wir wollen!« Wilson schüttelte den Kopf. »Unglaublich, dass Sie mir das zumuten wollen!«

»Die kosmischen Strings führen nicht zu jeder Zeit an jeden Ort«, erklärte Davin ruhig. »Das wissen Sie. Wir können sie nur im Jahr 1900 nach China bringen, wenn wir zwei Missionen miteinander verbinden, das ist unsere einzige Chance. Und um Sie zurückzuholen, werden Sie bis 1908 warten müssen und inzwischen den Nehemia-Auftrag erledigen. 1908 ist der frühstmögliche Zeitpunkt.« Er sah Wilson in die Augen. »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

»Wirklich unglaublich«, murmelte Wilson.

Davin blickte wieder auf seinen Handheld. »Es gibt eine gute Neuigkeit«, sagte er dann. »Obwohl Sie acht Jahre fort sein werden, brauchen wir nur dreiundzwanzig Tage auf Sie zu verzichten.«

Wilson zeigte mit dem Finger auf ihn. »Sie und Ihr Team haben das verbockt, und ich allein soll es ausbaden! Himmel noch mal! Hätten Sie mich früher informiert, hätte ich noch aussteigen können.«

»Sie sind der Aufseher«, hielt Davin ihm ruhig entgegen. »Aussteigen ist keine Option.«

Das Gebrüll der Menschenmenge holte Wilson in die Realität zurück. Einer der Soldaten sah ihn die Treppe hinaufsteigen und wies ihn mit energischer Geste zurück. Doch Wilson bremste seinen Schritt nicht, sondern senkte nur den Kopf, sodass ihm das Regenwasser aus der Hutkrempe floss.

»Sie müssen umkehren!«, schrie ihm der Soldat zu.

Wilson blickte nicht einmal auf.

»Die Kathedrale ist gesperrt!«

Wilson wollte erwidern, dass er extra aus dem Ausland käme, um in dieser Kirche zu beten, und den Mann dann mit religiösem Gewäsch einlullen. Doch als er den Blick hob und zum ersten Mal seit seiner Ankunft auf die Fassade der Kathedrale schaute, wurde ihm eiskalt.

Am rechten Glockenturm hing ein nackter Mann an einem großen Kreuz – einen grausameren Anblick konnte Wilson sich nicht vorstellen. Die Hände und Füße waren mit riesigen Stahlschrauben am Holz befestigt, der Mann war gekreuzigt worden. Seine blicklosen Augen waren offen, die schwarze Zunge hing heraus. Sein nackter Körper wies unzählige Blutergüsse auf, die ihm dem Aussehen nach einige Tage vor seinem Tod zugefügt worden waren. Er war auf qualvolle Weise gestorben.

Wilsons Puls beschleunigte sich. Eine Kreuzigung an der Außenmauer der Kathedrale war im Jahr 1908 nicht vorgesehen, ebenso wenig wie der Mord an einem Priester in der Kathedrale.

Der Soldat kam jetzt eilig auf ihn zu. »Sie müssen den Vorplatz verlassen, Fremder«, sagte er. »Sie müssen umkehren, oder wir nehmen Sie fest.«

»Wer ist der Mann?«, fragte Wilson unwillig.

»Sie müssen den Vorplatz verlassen!«

Wilson zeigte auf den Toten am Kreuz. »Sagen Sie mir, wer der Mann ist und warum er da hängt!«

Der Soldat warf einen Blick über die Schulter zu seinem Hauptmann, aber der hatte nicht die Absicht, sich mit dem Ausländer zu befassen. Seinem besorgten Gesicht nach zu urteilen, behielt er lieber die wütende Menge im Auge.

»Ich muss mit Ihrem Vorgesetzten sprechen!« Wilson machte einen Schritt an dem Soldaten vorbei.

»Das dürfen Sie nicht, Señor!«

Wilson gab sich so aufgebracht, wie ihm gerade noch ratsam schien, und fuhr zu dem Mann herum. »Ich bin ausländischer Diplomat! Begreifen Sie das? Ich habe viel mit Ihrem Präsidenten in Lima zu tun. Er ist ein Freund von mir und meiner Regierung. Sie müssen mir sagen, wer der Mann da oben ist, sonst bekommen Sie Ärger, mein Junge.«

Der Soldat wirkte nun sehr aufgeregt.

Der Hinweis auf gute Beziehungen nach oben, selbst wenn es diese gar nicht gab, schien auch in Südamerika eine gute Taktik zu sein, um weiterzukommen. Besonders weiße Ausländer wurden häufig mit Ehrerbietung behandelt, und die Einheimischen befolgten ihre Anweisungen, vor allem wenn sie energisch ausgesprochen wurden.

»Sie müssen es mir sagen«, verlangte Wilson wieder.

»Das darf ich nicht, Señor.«

»Ich denke, Präsident Pardo wird über das Geschehen hier entsetzt sein«, brüllte Wilson. »Und ich werde ihm sagen, dass auch Sie dafür verantwortlich sind!«

»Bitte, Señor, das Militär hat damit nichts zu tun. Das da«, er deutete nach oben, »ist auf direkte Anordnung des Bischofs geschehen.«

»Sie nennen mir jetzt den Namen des armen Teufels, der da hängt, und das Verbrechen, das er begangen hat. Dann verlasse ich die Treppe, ohne Ihnen Ärger zu machen. Wenn Sie es mir nicht sagen, melde ich Ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft meinen Kontakten in der Regierung. Das kann weitreichende Folgen für Sie haben.«

Während die Menschenmenge dem Toten ihre Beleidigungen entgegenschrie, bemerkte Wilson, dass die Leute ihn auf der Treppe gar nicht wahrnahmen.

Der Soldat warf einen raschen Blick nach beiden Seiten. »Aber dann entfernen Sie sich?«

»Auf der Stelle«, versprach Wilson.

»Er heißt Corsell Santillana, Señor.« Der Soldat schaute schuldbewusst zu der Menge hin, als wollte er nicht, dass sie ihn hörte. »Er war ein Kamerad, ein Soldat wie ich. Ich kannte ihn persönlich. Vor drei Wochen ist er in die Berge desertiert. Wir hörten nichts mehr von ihm, bis er mit dem blutigen Messer in der Hand neben Monseñor Pera in dieser Kirche gefunden wurde.« Er zeigte auf das Portal. »Mehr weiß ich nicht, Señor.«

»Und der Bischof hat ihn kreuzigen lassen?«, fragte Wilson.

Der Soldat trat einen Schritt zurück. »Wir Peruaner sind gläubige Menschen, Señor. Wenn das Oberhaupt der Kirche eine Angelegenheit in die eigenen Hände nimmt, wie es hier passiert ist, haben wir keine Wahl, sondern müssen die Entscheidung akzeptieren.«

3.

CUSCO, PERU
PLAZA DE ARMAS
ORTSZEIT: 10.40 UHR
16. JANUAR 1908

Seit zwei Stunden stand Aclla im schwarzen Kapuzenponcho in der feindseligen Menschenmenge und hielt sich unbequem nach vorn gebeugt. Viele von den Bauern um sie herum sprachen Bibelverse vor sich hin oder beteten, andere standen bloß wie benommen im strömenden Regen. Die meisten allerdings waren aufgebracht über den Tod von Monseñor Pera und beschimpften den Toten am Kreuz. Es schien, als könnte jeden Moment ein Aufstand losbrechen, was angesichts der furchtbaren Strafe, mit der Corsell Santillana gebüßt hatte, überraschte. Die Menge schrie immer weiter nach Rache, und viele waren schon heiser davon.

Aclla war Zeugin einer außergewöhnlichen Situation, einer Form böser Besessenheit, und sie fürchtete, dass ihre Schwester inzwischen ebenfalls tot war. Unter der Kapuze hervor blickte sie verstohlen zu dem Gesicht des Toten hinauf. Das Schicksal hatte Corsell und Vivane zusammengebracht, allen Widrigkeiten zum Trotz. Der junge Soldat und die junge Frau, die von der heiligsten Inka-Sippe abstammte, hätten sich nie begegnen sollen und hatten es dennoch getan. Wie Aclla befürchtet hatte, waren die Götter in Zorn geraten und hatten den höchsten Preis gefordert. Corsell war auf die erniedrigendste Weise gestorben. Fast zwei Tage lang hatte er mit offenen Wunden an diesem Kreuz gehangen, bis sein junges Herz zu schlagen aufgehört hatte, an dicken Stahlschrauben, die man ihm durch Hände und Füße getrieben hatte.

Im Schutz der Dunkelheit war Aclla mit ihren Kriegerinnen nach Cusco gelangt, bevor Corsell starb. Sie hatte gehofft, von ihm zu erfahren, wo ihre Schwester war. Doch sie waren zu spät gekommen, und die Soldaten, die die Kathedrale schützten, waren wachsam. So hatte Aclla nur von Ferne zusehen können, wie er starb. Währenddessen war sie zu der Überzeugung gekommen, dass Corsell betäubt worden war, damit er nicht reden konnte – seine schwarze Zunge sprach dafür.

Über den Verbleib ihrer Schwester wusste sie nur sehr wenig. Vivane und Corsell waren aus einem Dorf bei Pisac entführt worden, doch von wem, war nicht klar. Von der Armee, vermutete sie, aber keiner hatte beobachtet, wie jemand in das befestigte Dorf eingedrungen war oder es verlassen hatte. Es war, als wären Geister mit dem Nachtwind hereingeschwebt und hätten das Paar spurlos verschwinden lassen. Bis Aclla mit ihren Kriegerinnen eingetroffen war, hatte der Sommerregen die Spuren der Entführer auf den Urwaldpfaden weggewaschen.

Aclla hatte die Steinhütte in den westlichen Bergen, wo Corsell und Vivane gegen jede Konvention beschlossen hatten, eine unselige Verbindung zu leben, mit ihren Kriegerinnen durchsucht. Es hatte Kampfspuren gegeben. Auf der Matratze war Blut gewesen, das eine Spur bis zur Tür zog. Die stabile Tür und die Fensterläden waren gewaltsam aufgebrochen worden, der einzige Stuhl zersplittert. Die Fußspuren am Erdboden der Hütte stammten von kräftigen Männern. Es waren mindestens sechs, höchstens zehn gewesen, die Corsell und Vivane entführt hatten.

Vivane hatte sich ganz sicher nicht kampflos ergeben. Aclla vermutete, dass das Blut am Boden von einem ihrer Entführer stammte. Vivane war eine ausgezeichnete Kriegerin, und man brauchte ungewöhnliche Fähigkeiten, um sie ohne ernsthafte Verletzungen in seine Gewalt zu bringen.

Trotz Rückenschmerzen und durchnässter Kleidung blieb Aclla in der Menschenmenge stehen und hielt sich konsequent gebeugt, um ihre auffällige Größe zu verbergen. Wenn sie sich voll aufrichtete, würde sie die Bauern um einen Kopf überragen. Außerdem war es erforderlich, die Kapuze aufzubehalten, da ihre goldene Haut und der muskulöse Körperbau ungewollte Aufmerksamkeit erregen würden. Als Kriegerin hatte sie gelernt, Schmerzen zu ignorieren. Als Oberste der Jungfrauen der Sonne war sie das Beispiel, dem ihre Kriegerinnen folgten. Diese standen ebenfalls in der Menge und warteten auf Acllas Signal.

Früher oder später würden die Schuldigen, die Corsell getötet hatten, herkommen und ihr Werk betrachten wollen, sagte sich Aclla. Sie musste also warten. Und wenn es so weit war, würde sie alles tun, um herauszufinden, wo ihre Schwester war. Wenn Vivane tot war, würde Aclla Rache nehmen – so war es Brauch in ihrer heiligen Sippe.

Während sie mit den Bewegungen der Menge mitging, blendete sie ihre Schmerzen aus und beobachtete aufmerksam die sonderbaren Vorgänge auf dem Platz. Sie nahm alles und jeden in sich auf und gestattete sich keine Traurigkeit – früher oder später würden sie kommen.

Von der Avenida del Sol aus schritt ein großer weißer Mann zielstrebig durch die Menschenmenge. An seinem Gang konnte sie erkennen, dass er kein Spanier oder Südamerikaner war. Als er näher kam, stellte sie sogar fest, dass sie solch einen Mann noch nie gesehen hatte. Er wusste sich zu bewegen, und das hieß wahrscheinlich, dass er kämpfen konnte. Er war groß und kräftig und seine Haut hell. Seine Gesichtszüge waren gut proportioniert, die Augen blau, und er blickte ebenfalls suchend über den Platz. Aufmerksam beobachtete sie ihn unter der Kapuze hervor und fragte sich, ob dieser geheimnisvolle Mensch, der auf die Kathedrale zustrebte, zu den Entführern gehörte.

Er war jetzt sehr nah, ging nur ein paar Schritte von ihr entfernt vorbei.

Sie bemerkte, dass ihn der Zorn der Menschen überraschte.

Der Mann sah gut aus, das musste Aclla zugeben. Eine Schönheit von seiner Art war ihr neu. Sicher stammte er von einem anderen Kontinent, von welchem, konnte sie nicht sagen. Die Art, wie er über den Platz schaute, verriet, dass er schon einmal hier gewesen war. Er hatte kein kindliches Staunen im Blick, sondern nur ernste Entschlossenheit.

Wann wird er zu Corsell hinaufblicken?, fragte sie sich. Weiß er nicht, dass ein Unschuldiger gekreuzigt und an die Kirchenmauer gehängt wurde?

Der Blauäugige begann, die Treppe hinaufzusteigen. Ein Soldat trat ihm eilig entgegen und wollte ihn ärgerlich wegscheuchen. Aclla schob sich zwischen den Leuten durch, um mehr sehen zu können.

Endlich blickte der Blauäugige zu Corsell hinauf.

An seinem Gesichtsausdruck erkannte Aclla sofort, dass er an dieser abscheulichen Tat nicht beteiligt gewesen war. Hastig schaute sie rings über den Platz, um sich zu vergewissern, dass ihr nichts Wichtiges entging, wenn sie den Mann mit den leuchtend blauen Augen weiter beobachtete. Als sie sicher war, dass sonst nichts Ungewöhnliches geschah, wandte sie sich wieder ihm zu. Der Fremde war die Treppe bis zum Vorplatz hinaufgestiegen und befragte jetzt den Soldaten. Er schien es gewohnt zu sein, seinen Willen zu bekommen.

Er ist ein sehr ungewöhnlicher Mann, dachte Aclla wieder.

Ihr lief ein Schauder über den Rücken, als der Blauäugige sich plötzlich umdrehte und ihren Blick auffing.

Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen.

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als hastig in die Hocke zu gehen. Auf allen vieren kroch sie durch zahllose Beine hindurch und um schmutzige Füße herum. Obwohl sie von so vielen anderen umgeben war, hatte der Fremde sie sofort entdeckt. Vorsichtig suchte sie sich einen neuen Platz zwischen den Bauern, zog die Kapuze noch mehr zusammen und hob langsam den Kopf auf Blickhöhe. Mit wild klopfendem Herzen spähte sie über den Platz, doch der Fremde war nicht mehr zu sehen. Aclla drehte sich einmal im Kreis und schaute hastig nach allen Seiten.

Wo ist er?

Der Blauäugige blieb verschwunden.

4.

CUSCO, PERU
PARQUE DE LA MADRE
ORTSZEIT: 11.12 UHR
16. JANUAR 1908

Die Geschichte verlief nicht korrekt, davon war Wilson überzeugt, als er über das schlüpfrige Kopfsteinpflaster eilte und nach links in eine nasse Seitenstraße einbog. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts war in Peru niemand mehr gekreuzigt worden, das wusste er genau, und dennoch hing im Cusco des Jahres 1908 ein nackter Mann an einem Holzkreuz am Glockenturm der größten Kathedrale Südamerikas. Der Mord an Monseñor Pera war ebenfalls nicht dokumentiert, und Wilson bezweifelte, dass die zahlreichen zeitgenössischen Chronisten solch einen Vorfall verschwiegen hätten. Die beiden zusammenhängenden Todesfälle bewiesen, dass der Ablauf der Geschichte gestört war. Sein Auftrag würde nicht so einfach werden wie erwartet, fürchtete Wilson deshalb.

Sein Puls ging schneller als gewöhnlich, als er in forschem Tempo auf den Parque de la Madre zuging, der nicht weit von der Plaza de Armas entfernt lag. Seit er in Cusco angekommen war, hatte er pochende Kopfschmerzen und fühlte sich leicht erschöpft, was von der raschen Überwindung des Höhenunterschieds kam. An den geringen Sauerstoffgehalt in dieser Höhe musste man sich erst gewöhnen, aber die unangenehmen Begleiterscheinungen würden verschwinden, sobald sich Wilson in einigen Tagen akklimatisiert hatte.

Die ganze Zeit über musste er an die Kreuzigung denken. Wenn der Gang der Geschichte so drastisch vom Plan abwich, würde sich die Situation vielleicht noch mehr verschlechtern. Oft hing der weitere Verlauf der Ereignisse nur von einer Kleinigkeit ab, und Wilson wusste, dass jedes Eingreifen riskant war. Er musste äußerst vorsichtig sein, um den Geschehnissen nicht den Stempel seiner Anwesenheit aufzudrücken, zumindest nicht mehr als nötig.

Wilson dachte an die hellbraunen Augen, die ihn aus der Menschenmenge heraus beobachtet hatten. Der durchdringende Blick war ihm unheimlich gewesen. Es waren die Augen einer Frau, da war er sicher, und sie hatte ihn nicht nur aus Neugier fixiert. Sonderbarerweise hatte er gespürt, dass diese Frau da war – wie das möglich war, konnte er sich nicht erklären. Doch er hatte genau gewusst, wo sie stand, und sie mühelos in all den Gesichtern gefunden. Dann war die Frau verschwunden wie eine Schlange im Wasser, was für ihn ebenfalls ein Hinweis darauf war, dass sie irgendetwas im Schilde führte. Die unerwarteten Umstände ließen ihm keine andere Wahl: Er musste schnellstmöglich zu Hiram Bingham und dann auf den Machu Picchu. Er durfte keine Zeit verlieren.

Der Parque de la Madre war ein hübscher Platz in der Nähe der Nueva Alta und nach dem gleichen Muster angelegt wie die Plaza de Armas, ebenfalls quadratisch, aber viel kleiner. An drei Seiten standen ungefähr fünfzehn traditionelle zweigeschossige Reihenhäuser mit niedrigen Innenhöfen und einem schmalen Balkon im Obergeschoss.

Das Haus war nicht weit von der Kathedrale entfernt, aber Wilson wechselte zwanzig Minuten lang mehrmals die Richtung und lief etliche Seitenstraßen ab, um sicher zu sein, dass ihm niemand folgte. Schließlich näherte er sich dem Parque de la Madre von Norden und sah sich ein letztes Mal um. Nachdem er sich des Datums versichert hatte, fand er mühelos das Haus unter den anderen und ging darauf zu. Er wusste, wie es Bingham zurzeit ging, und dadurch würde es nicht schwer sein, dessen Vertrauen zu gewinnen.

Über der Tür des weiß getünchten Hauses hing ein handgemaltes Schild, auf dem »Pan Am Scientific Congress« zu lesen war. Vier Esel standen davor, im Regen und an ein Holzgeländer gebunden. Mit ihren Futtersäcken vor dem Maul schienen sie zufrieden zu sein, obwohl sie völlig durchnässt waren.

Wilson schob einen der Esel sanft beiseite und betrat den Treppenabsatz vor der Haustür, neben der auf beiden Seiten Abfallhaufen lagen, der übliche Hausmüll, Zeitungen und zahlreiche Konservendosen. Wilson warf einen näheren Blick auf eine der Zeitungen. Es war eine New York Times vom Juli 1907, was ein halbes Jahr zurücklag. Direkt neben ihm bewegte sich etwas, und er zuckte erschrocken zusammen. Doch es war bloß eine Katze, die an ihm vorbeihuschte und auf ein Geländer sprang.

Während er laut an die Tür klopfte, überlegte er, dass sie mit einem kräftigen Tritt leicht aus den Angeln zu brechen wäre. Ungeduldig klopfte er ein zweites Mal, diesmal noch energischer. Durch die Ecke des bleiverglasten Fensters sah er eine Öllampe brennen. Er stieg auf einen der Abfallhaufen und spähte durch das unebene Glas. Drinnen saß ein Mann mit dem Rücken zum Fenster an einem schlichten Schreibtisch. Als Wilson die verbeulte Messingklinke drückte, stellte er fest, dass nicht abgeschlossen war, stieß die Tür auf und trat ins Licht.

Der kleine Raum war vollgestopft und unordentlich. Sechs Lederrucksäcke lagen auf dem Boden, und Pappkartons waren kreuz und quer aufeinandergestapelt und warfen bizarre Schatten. Drei Springfield-Gewehre lehnten am Schreibtisch, und daneben stand eine Holzkiste mit glänzenden.30-Patronen. Zwei schmutzige Matratzen standen an der nackten Wand und sahen aus, als würden sie jeden Moment umkippen. Es hing ein beißender Geruch in der Luft, vermutlich vom Rauch der Öllampe, die auf einem Karton mit der Aufschrift »Ölsardinen« stand. Die Decke war geschwärzt, ebenso wie Wände und Bodendielen.

»Sind Sie Hiram Bingham?«, fragte Wilson.

Ohne sich zu rühren, fragte der Mann am Schreibtisch: »Wer will das wissen?« Sein Akzent war eindeutig amerikanisch.

»Ich habe nach Ihnen gesucht«, gab Wilson zurück.

Der Mann legte sorgsam seine Feder hin und schraubte langsam den Verschluss einer Flasche Whiskey auf, dann goss er sich ein Glas ein. Während er sich gemächlich herumdrehte, musterte er Wilson von oben bis unten und stürzte schließlich seinen Whiskey hinunter. »Lassen Sie mich raten.« Er zeigte mit dem Finger auf ihn. »Sie arbeiten für meine Frau?«

»Nein.«

Bingham war blond, Anfang dreißig und gutaussehend, wenn man über seine ungepflegte Erscheinung hinwegsah. Wahrscheinlich war er im Umkreis von über tausend Kilometern der einzige blonde Mann. Er war dünner, als Wilson erwartet hatte, konnte nicht mehr als sechzig Kilo wiegen und war unrasiert und schmuddelig. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Entdecker von dem Foto, der sich vor der Aufnahme rasiert und gekämmt hatte.

»Lassen Sie mich raten«, wiederholte Bingham und schenkte sich nach. »Sie sind …«, er musterte Wilson eingehend, »… vom Britischen Museum, hab ich recht?«

Wilson schüttelte den Kopf.

»Sie sind Journalist?«

Wilson setzte sich auf einen Karton. »Wieder falsch.«

»Sie sind sehr ordentlich und sauber. Britischer Abstammung, ihrem Akzent nach zu urteilen.« Bingham fing an, sich eine Zigarette zu drehen, legte sich das Papierchen zurecht und öffnete seinen Tabakbeutel. »Kommen Sie von einer Minengesellschaft?«

»Sie sind nicht sehr gut in diesem Spiel«, stellte Wilson fest.

»Ein Schatzsucher!«

»Sie werden es sowieso nicht erraten.«

»Sie arbeiten nicht für meine Frau?«

»Absolut nicht.«

»Na, dann kann ich ja froh sein.« Bingham leckte über den Rand des Papiers und rollte es zusammen. »Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sie für sie arbeiten. Sie hasst Ausländer.« Er riss ein Streichholz an. »Also … wer sind Sie?«

»Ich komme, um Sie nach Vilcabamba zu bringen«, antwortete Wilson.

Bingham saß da und ließ die Flamme an dem Hölzchen entlangbrennen. »Tatsächlich?«, sagte er schließlich. »Zu der vergessenen Inka-Stadt?«

Wilson leckte sich über Daumen und Zeigefinger, beugte sich vor und löschte die Flamme. »Mein Name ist Wilson Dowling. Ich werde Ihr Führer sein. Mir ist klar, dass es Sie überraschen muss, was ich sage. Aber ich kenne die genaue Lage der Stadt.«

Bingham wurde endlich munter und warf das Streichholz weg, um sich ein neues zu nehmen. »Ich habe meine Meinung geändert«, sagte er, als der Streichholzkopf aufflammte. »Sie sind ein Komiker!«

Wilson lächelte. »Ich scherze nicht.«

Bingham stieß eine Rauchwolke aus. »Und woher wissen Sie, wo Vilcabamba liegt?«

Wilson nahm den Hut ab und ließ das Regenwasser von der Krempe fließen. »Das weiß ich von meinem letzten Besuch dort, Mr. Bingham.«

Der blickte auf seine halb volle Whiskeyflasche. »Der Whiskey muss stärker sein, als ich dachte.« Dann goss sich Bingham das nächste Glas ein und blies eine lange Rauchfahne aus. »Ich habe Ihr Gesicht hier noch nie gesehen. Dabei kenne ich jeden Forscher, der diese Berge in den letzten vier Jahren durchkämmt hat. Sie, mein Freund, sind keiner davon.«

»Ich bin vor vielen Jahren hier gewesen«, erklärte Wilson. »Bevor Sie nach Peru kamen.«

Bingham lachte leise.

»Ich weiß vieles, was Sie verblüffen dürfte«, sagte Wilson.

»Zum Beispiel?«

»Ich weiß, dass Ihre Frau mit dem fünften Kind schwanger ist. In dem Brief auf Ihrem Schreibtisch fordert sie, dass Sie sofort nach Hause kommen, sonst brauchen Sie sich gar nicht mehr blicken zu lassen. Ihre Frau ist überhaupt nicht glücklich über Sie, nicht wahr?«

Bingham zog die Stirn kraus. »Woher wissen Sie das?«

»Ihre Frau Alfreda kann sehr fordernd sein, wie ich höre. Doch das ist von der Tochter von Charles L. Tiffany wohl auch nicht anders zu erwarten, würde ich meinen.«

Bingham nickte unwillkürlich. Er legte die Zigarette auf den Rand des Schreibtischs und betrachtete das Briefsiegel, um zu sehen, ob sich jemand daran zu schaffen gemacht hatte. »Haben Sie meine Post gelesen?« Er hielt den Umschlag gegen das Licht, um zu prüfen, ob man hindurchsehen und etwas erkennen konnte.

»Nein«, sagte Wilson. »Sie brauchen nur zu wissen, dass ich Ihnen zu Diensten stehe. Wenn Sie sich überwinden können, mir zu vertrauen, wird Ihr Name bald für einen der größten Entdecker der Neuzeit stehen. Der Name Bingham wird weltberühmt sein. Und es gibt nur zwei Bedingungen.«

»Welche?«, fragte Bingham skeptisch.

»Sie dürfen meine Beteiligung niemals erwähnen.«

Bingham schnaubte. »Ach, tatsächlich?«

»Und Sie müssen schwören, die Stadt zu schützen.«

»Klingt vernünftig«, murmelte Bingham.

»Das sind die einzigen Bedingungen.«

»Bei allem Respekt, Sir, aber ich denke, Sie sind verrückt. Verrückt, aber amüsant. Niemand weiß, ob Vilcabamba überhaupt existiert, geschweige denn, wo. Ich meine, es ist Zeit, dass Sie Ihre wahren Absichten offenlegen.«

»Gießen Sie mir doch auch einen Whiskey ein, dann erkläre ich es Ihnen.«

»Gut«, brummte Bingham schon zufriedener. Während Zigarettenrauch über seine Lippen kroch, kramte er unter seinem Schreibtisch ein staubiges Glas hervor, das er mit dem Hemdzipfel auswischte. »Ich mag Männer, die trinken – es beweist Charakter.« Als Bingham das Glas ausreichend sauber fand, drehte er die Flasche auf und goss beide Gläser bis zum Rand voll. »Dann erklären Sie mal.« Er reichte Wilson ein Glas.

Wilson nahm es und hielt es gegen den Lampenschein, um die goldene Farbe des Whiskeys zu betrachten. »Auf Ihre Gesundheit.«

»Und auf Ihre«, erwiderte Bingham.

Wilson kippte den Alkohol hinunter und verzog das Gesicht. »Nicht weit von Cusco auf einem der hohen Andengipfel über dem Rio Urubamba liegt eine Stadt in den Wolken, Vilcabamba. Sie wurde in der Glanzzeit des Inka-Reiches gebaut, im Auftrag des Inka-Königs Pachacuti im Jahre des Herrn 1438. Während der vierunddreißigjährigen Bauzeit wohnten dort fünfhundert Handwerker, Adlige und Krieger mit ihren Familien. Als die eindrucksvolle Zufluchtsstätte im Gebirge fertig war, wurde ein großes Fest angekündigt, und jeder, der an dem Bau beteiligt gewesen war, wurde dazu eingeladen. Doch die Feier fand nicht statt. Auf Befehl von Pachacuti zogen in der Nacht davor Meuchler durch die Stadt und töteten alle Männer, Frauen und Kinder. Keine Seele wurde verschont.«

Bingham saß mit offenem Mund da.

»Alles, was auf die Stadt hindeuten könnte, wurde vernichtet«, fuhr Wilson fort, »jede Karte verbrannt, jedes geschriebene Wort im ganzen Reich ausgelöscht. Schon für die bloße Erwähnung dieser Stadt wurde man enthauptet, und die Angehörigen und Bekannten des Delinquenten wurden ebenfalls getötet.«

»Sie wollen damit sagen, dass die Inkas aus diesem Grund keine Schrift hatten?«

»Pachacuti konnte kein Risiko eingehen.«

»Ich habe noch nie solch einen Blödsinn gehört!« Bingham schnippte seinen Zigarettenstummel auf den Boden und zertrat ihn.

»Ich erwarte nicht, dass Sie mir glauben«, sagte Wilson. »Ich bitte Sie nur, mitzukommen, um eine Inka-Stadt zu finden, die so kostbar ist, dass alle an ihrer Erbauung Beteiligten getötet wurden, um Schweigen zu bewahren.«

»Und was ist so kostbar an dieser Stadt in den Wolken, wie Sie sie nennen, dass es so ein entsetzliches Opfer erforderte?«

»Sie hat einen Kern aus Gold.«

Bingham richtete sich kerzengerade auf.

»Sie suchen schon seit vier Jahren danach.« Wilson goss sich noch einen Schluck ein. »Sie haben Inka-Ruinen entdeckt, aber nichts von außergewöhnlicher Bedeutung. Es ist erhebend, die Stadt zu sehen. Es wird Sie beflügeln. Hundert Terrassen führen zu einer verlassenen Schönheit, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Es heißt, die Stadt sei ein magischer Ort, der von rücksichtslosen Kriegern bewacht wurde, damit sie niemand entdeckte.«

»Und was hat das mit mir zu tun?«

»Wie gesagt, Vilcabamba ist ein magischer Ort. Und ich bin zu Ihnen gekommen, weil Sie der Mann sind, der ihn nach der Entdeckung schützen muss. Die Geschichte hat es bestimmt, dass Hiram Bingham III. Vilcabamba findet und der Welt präsentiert. Die Zeit für die Entdeckung ist gekommen. Sie müssen Ihren Part nun übernehmen.«

»In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so einen verrückten Unsinn gehört, wie Sie ihn an diesem verregneten Nachmittag vor mir ausbreiten.« Bingham nahm Wilsons Glas und schenkte ihnen beiden ein. »Sie sind wirklich amüsant. Wahrscheinlich liegt es an der Höhenluft, dass Ihnen so schillernde Geschichten einfallen.« Er kratzte sich am Kinn. »Ja, ich glaube, Sie sind der komischste Mann, der mir je begegnet ist. In Peru zumindest. Ich kannte da mal einen Kerl in Yale … Stephan Kurlinowski hieß er, wohnte ein paar Zimmer weiter. Der war auch lustig!«

»Es ist Ihre Bestimmung«, sagte Wilson ernst. »Ob Sie mir glauben oder nicht. Auf Ihre Gesundheit!« Er hob sein Glas und kippte den Whiskey hinunter. »Wir müssen heute noch aufbrechen. Es ist nicht abzusehen, wie sich die Lage in Cusco entwickeln wird. Ein Geistlicher wurde ermordet und ein anderer Mann ans Kreuz geschlagen und an die Kathedralenmauer gehängt. Die Leute draußen sind unruhig. Da kann alles Mögliche passieren.«

»Ich muss zugeben«, sagte Bingham und wischte sich über die Mundwinkel, »man sieht nicht alle Tage einen Gekreuzigten. Haben Sie ihn gesehen? Seine Zunge war ganz schwarz. Was für ein grausiger Anblick. Die Bauern sind nicht froh darüber. Und je länger sie im Regen stehen, desto wütender werden sie. Peruaner mögen keinen Regen … weil er alles nass macht.« Bei seiner schleppenden Aussprache wurde klar, dass er angetrunken war. »Ich habe nur einmal mit Monseñor Pera gesprochen, wissen Sie. Er schien ein netter Mann zu sein. Es heißt, er wurde durch Messerstiche völlig entstellt.« Sein Blick driftete immer wieder ab, dann ballte er die Faust. »Wenigstens wurde der Mörder bestraft!«

»Wir müssen Cusco verlassen und in die Berge gehen«, sagte Wilson.

»Meine Frau hasst mich«, stieß Bingham unvermittelt hervor und ließ die Schultern hängen. »Wenn Sie mit Vilcabamba recht haben, wäre sie allerdings beeindruckt. Mein Schwiegervater hält mich für einen Narren, wissen Sie?«

»Das wird bald niemand mehr von Ihnen denken«, versprach Wilson. »Ganz im Gegenteil.« Er half Bingham auf die Beine. »Sie werden als einer der größten Forscher aller Zeiten gelten. Sie werden berühmt sein.«

»Ich bin den ganzen Weg von Santiago auf einem Esel hierher gekommen, wissen Sie?«

»Ja.«

»Hat mich fünf Monate gekostet – und einen Arsch voll Blasen.«

Wilson verkniff sich ein Grinsen. »Besorgen wir uns etwas Proviant. Es ist nur ein kurzer Ritt im Vergleich zu Ihrem.«

Wilson hielt den Nehemia-Auftrag bislang für seinen einfachsten. Er bestand lediglich darin, einen bestimmten Mann zu einer vergessenen Inka-Stadt zu bringen, die auf einem Bergkamm unterhalb des Machu-Picchu-Gipfels lag. Doch auch wenn die Angelegenheit diesmal nicht besonders kompliziert war, war es eine ziemliche Zumutung, acht Jahre in der Vergangenheit abwarten zu müssen. Er würde froh sein, wenn seine Aufgabe erledigt war und er sich zurücktransportieren konnte. Warum gerade Hiram Bingham ausgewählt worden war, war ihm nicht ganz klar, aber die Geschichte, die er studiert hatte, kannte Bingham als den Mann, der die sensationelle Entdeckung machen würde.

In diesem Moment kam Wilson das aschgraue Gesicht von Corsell Santillana in den Sinn, und er wusste, dass noch nicht abzusehen war, welche Folgen die Kreuzigung nach sich ziehen würde.

Bingham war wackelig auf den Beinen. »Ich werde berühmt, sagen Sie?«

»Weltberühmt.«

»Und wie weit ist Vilcabamba entfernt?« Bingham klemmte sich eine Flasche Whiskey unter den Arm.

»Keine hundert Kilometer Luftlinie.«

5.

CUSCO, PERU
KATHEDRALE
ORTSZEIT: 12.05 UHR
16. JANUAR 1908

In seiner scharlachroten Robe schritt Bischof Francisco mit gefalteten Händen das Epistelschiff entlang. Er ging so schnell, dass der Rock sich hinter ihm blähte. Es war nichts zu hören außer seinen Ledersohlen auf dem glatten Granitboden und ab und zu dem Zischen einer Kerze, von denen Tausende in der Kathedrale brannten.

Der Bischof hatte befohlen, das gesamte Kirchengelände einschließlich der angrenzenden El-Triunfo-Kirche und der La Sagrada Familia räumen zu lassen, damit er ungestört seine Lage überdenken konnte.

»Was verlangst du von mir?«, rief er, und seine aufgewühlte Stimme hallte durch das hohe Rippengewölbe.

Mit jedem Schritt kamen wunderbare Kunstwerke aus den vierzig Seitenkapellen in seinen Blick. Es gab zahlreiche Wandgemälde, ein Dutzend aufragende Kanzeln und goldglänzende Chöre, die Gott entgegenstrebten, viele ausgeschmückt mit lebensechten Bildnissen der Heiligen. Die heilige Katharina von Siena schien dem vorbeieilenden Bischof zuzulächeln, und links und rechts von ihr standen der heilige Josef und die schöne Santa Rosa de Lima.

Linkerhand befand sich eine atemberaubende Chornische, die vollständig aus aufragenden Cusco-Zedern gefertigt war und vielfarbig und in wunderbarem 18-karätigem Blattgold erstrahlte. Dort standen sechzig geschnitzte Chorstühle von der Hand des großen Meisters Melchor Huamán. Wenn der Chor zu singen begann, stieg der Klang der unschuldigen jungen Stimmen aus der offenen Nische auf und füllte die riesige Basilika mit Engelstönen.

Im Vorbeigehen blickte Bischof Francisco zu dem großen Gemälde mit dem heiligen Christophorus hinauf, der das Jesuskind auf dem Rücken trug. Der muskulöse Heilige hatte Mühe, das Kind durch den reißenden Fluss zu tragen. Seinem Gesichtsausdruck nach hatte er soeben begriffen, dass der kleine Knabe so schwer wog wie die ganze Welt.

Woher kommt diese schreckliche Stimme?, fragte sich der Bischof verärgert, und zugleich befiel ihn eine furchtbare Angst. »Du musst dich mir zeigen!«, rief er aus.

Er schritt weiter und schaute dabei ängstlich in die Nischen und Winkel der Kirche. Er kam an dem lebensgroßen Bild des heiligen Antonius von Padua vorbei, wie schon ein Dutzend Mal und ohne seinen Schritt zu bremsen.

»Gelobt sei Jesus, Maria und Josef«, sagte er zu sich.

»Ich bin jetzt dein Herr!«, rief die tiefe Stimme und das so laut, dass der Bischof sich die Finger in die Ohren steckte, um den Schall zu dämpfen.

»Ich habe getan, was du verlangt hast«, beschwerte sich der Bischof und fiel erneut betend auf die Knie. »Ich habe deinen Befehl befolgt!«, schrie er. »Du hast mir versprochen, mich zu meinem Gott zurückkehren zu lassen. Warum hältst du dein Versprechen nicht?«

Ein quälendes Schweigen hing in der Luft. Wie schon viele Male betete der Bischof in der verzweifelten Hoffnung, diese schreckliche Stimme nie wieder hören zu müssen – und dass alles, was passiert war, nur ein Albtraum war. »Gelobt sei Jesus Christus, beschütze mich in der Stunde der Not«, murmelte er.

»Wir sind beide in Gefahr!«, rief die tiefe Stimme.

Wenn sie durch seinen Kopf schallte, brach dem Bischof jedes Mal der Schweiß aus. »Bitte … du musst mich freigeben.« Er schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter.

»Du bist erst wieder frei, wenn ich außer Gefahr bin, mein Kind. Es ist ein Mann in Cusco, der meine Seele sucht, ein Fremder, und seine Suche beginnt erst. Er kommt aus einem Land, das ich nicht kenne.«

»Deine Seele ist geschützt«, erwiderte Bischof Francisco. »Außerdem wirst du ein Gott sein, dem man nichts anhaben kann. Dafür wurde gesorgt.«

»Dieser Mann wird suchen, was verloren gegangen ist. Das habe ich in meinen Visionen gesehen. Er weiß viel über mich, und er darf nicht in die Berge gehen. Du musst ihn um jeden Preis daran hindern.«

Der Bischof sah zu dem weiß getünchten Deckengewölbe der Kathedrale hoch. Er befand sich doch im Hause Gottes, das sagten ihm jedenfalls seine Augen. Es war ein Bauwerk von solcher Erhabenheit und Größe, dass er einst geglaubt hatte, er könnte darin unmittelbar zu Gott sprechen.

Wieso bin ich in meiner eigenen Kirche nicht geschützt?, erlaubte der Bischof sich zu klagen.

»Für dich gibt es nirgendwo Schutz!«

Gequält kniff der Bischof die Augen zusammen.

»Und solange ich es will, werde ich durch dich handeln. Wenn du mir fraglos folgst, wirst du belohnt werden – wenn nicht, erwartet dich ein grausamerer Tod, als Corsell Santillana ihn erlitten hat. Erinnerst du dich an sein Gesicht, als ihm die Schrauben in Hände und Füße getrieben wurden? Erinnerst du dich an den Ausdruck in seinen Augen, als das Leben ihn verließ?«

»Ja, Herr.«

»Du musst deine herkömmliche Denkweise aufgeben.«

Durch die ungezählten Kerzen herrschte im Epistelschiff ein unheimliches Licht. »Bitte, lass mich dein Gesicht sehen«, flehte Bischof Francisco mit geneigtem Haupt. »Du hast mir versprochen, dass ich imstande sein werde, dich in deiner wahren Gestalt zu sehen.«

»Steh auf«, befahl die Stimme endlich. »Geh vorwärts.«

Bischof Francisco erhob sich mit schmerzenden Knien; sie waren blau geschlagen, weil er in den vergangenen zwei Tagen so oft betend auf die Knie gefallen war. »Wie du wünschst, Herr.« Er ging weiter, zunächst humpelnd, dann gewann er seinen forschen Gang zurück. Er wollte keine Schwäche zeigen.

»Geh weiter, mein Kind.«

Der Bischof passierte den Lagerraum mit dem Silber. Dort standen ein Dutzend Armleuchter mit brennenden Kerzen hinter einem kunstvollen Silbergitter von drei Metern Höhe. Das Silber stammte wie fast alles in der prächtigen Basilika aus zerstörten Inka-Stätten. Die Kuppelkirche hatte allein durch ihren Silbergehalt einen unvorstellbaren Wert und war doch nur einer von vielen Gegenständen aus Silber, die in der Nische aufbewahrt wurden. In der Mitte stand die Figur eines Pelikans, der sich den Schnabel ins Herz stieß, ein Symbol höchster Liebe und Aufopferung.

»Geh weiter. Ich bin ganz nah.«

Der Bischof ging am Eingang der Sakristei vorbei.

»Bleib stehen, und wende dich mir zu«, rief die Stimme endlich.

Mit heftigem Herzklopfen drehte sich der Bischof zu der Altarwand um und blickte suchend auf die vielen heiligen Gemälde, von denen jedes für sich ein Meisterwerk war. Jesus Christus, Johannes der Täufer, der heilige Lukas mit dem Stier, Maria Magdalena, der heilige Matthäus und das Passahlamm und der heilige Markus mit dem Löwen. Schließlich wandte er sich dem großen Abendmahlsgemälde des Malers Marcos Zapata zu, das rund sechsunddreißig Quadratmeter einnahm.

Er kannte es gut. Es war immer eines seiner Lieblingsbilder gewesen. Die zwölf Apostel saßen an einem langen Tisch, Jesus in der Mitte. Jeder hatte einen Trinkbecher mit Wein, aber aufgetischt waren die traditionellen Speisen der Andenregion: Die Früchte waren Papayas, das Passahlamm war ein Chinchilla. Jesus und die Apostel hatten weiße Haut, nur Judas war dunkelhäutig, angeblich als Hinweis auf seine Herkunft. Doch es gab auch Gerede, wonach dieses Gesicht aus anderem Grund so verschattet war.

»Wo bist du, Herr?«

»Direkt vor dir«, antwortete die Stimme.

Der Bischof schwitzte stark, während er hektisch das Gemälde absuchte. Über Jesus strahlte der Stern von Betlehem durch das Fenster. Oben links sah man Jesus am Kreuz hängen und Maria Magdalena vor ihm. Der Bischof bekreuzigte sich, von der Stirn zur Brust, von der linken zur rechten Schulter, dann suchte er in den Gesichtern der Apostel. »Wo bist du, Herr?«

Er schaute nacheinander in die Züge der besorgten, ehrwürdigen Männer und hoffte verzweifelt, nicht in die schwarzen Augen des Judas blicken zu müssen. Von allen Männern in dem Gemälde sah nur Judas nicht ratsuchend zu Jesus hin. Er schaute mit stechendem Blick aus dem Gemälde heraus, dem Betrachter direkt in die Augen.

Nachdem der Bischof jedes Gesicht geprüft hatte, blieb nur noch ein Apostel übrig. Um es hinauszuzögern, fiel er betend auf die Knie, dann erst wagte er den Kontakt mit dem furchterregenden Bildnis des Judas. Lateinische Verse murmelnd, richtete er den Blick auf die sonderbar gemalten Augen, die ihn direkt ansahen und einen roten Schimmer in den Pupillen hatten.

»Ich bin der Herr, den du suchst, Priester.«

Bischof Francisco zitterte wie Espenlaub, sein Atem ging so schnell, als wäre er zweihundert Stufen hinaufgerannt. »Ich stehe dir zu Diensten«, zwang er sich zu sagen. »Was verlangst du von mir, Herr?« Angstvoll senkte er den Blick auf den Granitboden.

»Du kennst mich!«, rief die Stimme. »Ich bin der Held dieses großen Landes! Und dennoch wurde mein Name in den Schmutz gezogen und abgelehnt. Die Zeit ist gekommen, das Unrecht wiedergutzumachen, das mir angetan wurde!«

»Ja … ich kenne dich«, murmelte der Bischof.

»Sieh mir ins Gesicht!«, rief die Stimme.

»Bitte nicht, Herr«, wimmerte Francisco.

»Sieh mir ins Gesicht!«, brüllte die Stimme jetzt.

Ein Faden Blut sickerte dem Bischof aus dem Ohr und rann am Hals hinab. Der Schmerz war unerträglich. Der Geistliche hob den Kopf, und sein tränenverschleierter Blick wurde erst klar, als die Tränen überflossen.

Judas’ dunkles Gesicht bewegte sich, als die Stimme sprach. »Ich bin Francisco Pizarro aus Trujillo, illegitimer Sohn von Gonzalo Pizarro Rodriguez de Aguilar. Ich bin der größte Entdecker und Eroberer, zum Statthalter von Peru ernannt im Jahre des Herrn 1529 durch Kaiser Karl V. Ich bin der Gründer Limas, Bezwinger der Heiden, der den Wilden Südamerikas das Christentum gebracht hat. Mein Wille ist dir Befehl von diesem Tage an, mein Kind. Gehorche mir, und all deine Träume werden wahr. Deine Aufgabe ist es, die Völker Perus zu dem einzigen rechtmäßigen Gott zu führen, zu unserem Gott, und zu seinem heiligen Sohn Jesus Christus, der zur Vergebung ihrer Sünden am Kreuz gestorben ist. Du bist mein Diener, jetzt und für immer.«

6.

CUSCO, PERU
PARQUE DE LA MADRE
ORTSZEIT: 13.35 UHR
16. JANUAR 1908

Wilson und Bingham hatten den Proviant in braunledernen Satteltaschen verstaut und an den zwei kleineren Eseln festgeschnallt. Die anderen beiden Tiere waren größer und besser geeignet, um Reiter zu tragen. Im Regen zu stehen hatte Bingham um einiges nüchterner werden lassen, und er stellte fortgesetzt Fragen über Vilcabamba. Wo die Stadt liege, und welche Schätze dort zu finden seien. Um Binghams Interesse wachzuhalten, fütterte Wilson ihn mit Superlativen über die Pracht der untergegangenen Stadt und schilderte ihm, welch außergewöhnliche Bedeutung seine bevorstehende Entdeckung haben würde.

»Vilcabamba liegt auf einem Kamm zwischen zwei Gipfeln«, schwärmte Wilson. »Man hat einen freien Blick nach allen Seiten. Sie ist eine imposante, natürliche Festung, wie man sie kein zweites Mal auf der Welt finden wird. Sie werden es mit eigenen Augen sehen. Ich kann es kaum erwarten.«

Bingham rückte einen Ledergurt auf dem Hinterteil des Esels zurecht, dann prüfte er, ob sein Springfield-Gewehr sicher befestigt war. »Wenn sie nur annähernd so schön ist, wie Sie sagen, dann wird sich die Reise wohl lohnen.«

»Allein der Anblick der Ruinen ist atemberaubend.«

In den vergangenen zwei Stunden hatte Wilson überrascht beobachtet, wie viele Zigaretten Bingham rauchte. Offenbar hatte dieser in den vielen Jahren, die er Südamerika nun schon erforschte, eine intensive Neigung zum Tabak entwickelt. Er sah überhaupt nicht wie ein Abenteurer aus, fand Wilson, und sein Benehmen war sonderbar feminin, was Wilson ebenfalls überraschte. Der Intellekt des Mannes stand außer Frage. Er hatte Abschlüsse in Geschichte und Politologie von vier Universitäten, einschließlich Yale und Harvard; und es war beachtlich, mit welcher Leidenschaft er über Archäologie redete. Dennoch fiel es Wilson schwer, in ihm den großen Hiram Bingham III. zu sehen, den Mann, der als einer der herausragenden Entdecker der Neuzeit galt.

»Ich hasse Regen«, brummte Bingham. »Schon immer.« Eine Zigarette klemmte zwischen seinen Lippen, und der Rauch quoll unter dem breiten Hutrand hervor. Seit ein paar Minuten versuchte er nun schon ungeschickt, einen Holzkasten mit sechs Flaschen Tennessee-Whiskey auf dem Rücken des Esels festzubinden, aber das dicke, durchnässte Seil ließ sich schwer zu einem einfachen Kreuzknoten binden.

»Sie werden keinen Whiskey brauchen«, meinte Wilson.

Bingham fummelte hartnäckig weiter an dem Seil herum. »Sie haben gesagt, dass wir über eine Woche lang weg sind.«

»Wenn wir jetzt aufbrechen, können wir bis zum Einbruch der Dunkelheit noch bis zu zwanzig Kilometer schaffen.«

Frustriert warf Bingham die Hände in die Luft. »Ein Abenteurer braucht Whiskey zum Aufwärmen! Also entweder Sie binden das hier fest, oder ich besorge uns ein paar Träger. Ich finde sowieso, dass wir Träger brauchen – ich nehme immer welche mit, genau aus diesem Grund!«

»Wir brauchen keine«, entgegnete Wilson, während er hastig ein nasses Seil vom Boden aufhob, unter dem Sattel befestigte und dann einen Doppelknoten schlang. »Es ist ein geheimer Ort, an den wir uns begeben, und je weniger Leute erst mal davon wissen, desto besser.« Wilson stellte den Kasten auf den Rücken des Esels und zog das Seilende mit einem schnellen Ruck durch die Schlingen. »So bindet man eine Kiste fest.«

»Normalerweise ist das die Arbeit der Träger«, erklärte Bingham. »Denen überlasse ich das Packen und Zeltaufschlagen. Ich finde es unglaublich, dass wir ohne Helfer aufbrechen.«

»Es ist besser so, glauben Sie mir«, sagte Wilson. »Wenn Sie Vilcabamba erst vor Augen haben, werden Sie froh sein, dass wir beide allein dort sind.«

»Und ich soll keine Karten mitnehmen?«, fragte Bingham.

Wilson schüttelte den Kopf. »Ich habe Ihre Karte gesehen. Sie stammt von Antonio Raimondi. Der Landstrich, in den wir ziehen, ist leider nicht darauf.«

»Sie ist zwar vierzig Jahre alt, aber die umfangreichste von allen existierenden Andenkarten«, hielt Bingham ihm entgegen. »Sollten wir sie nicht trotzdem mitnehmen?«

Da Wilson nicht weiterdiskutieren wollte, lenkte er ein. Aber in Wirklichkeit war die Karte nutzlos. Aus unbekannten Gründen fehlte auf ihr das gesamte Gebiet zwischen Pampaconas und dem Apurimac-Becken, insgesamt knapp viertausend Quadratkilometer, wo das Tal des Urubamba und seiner Nebenflüsse zwischen vergletscherten Gipfeln verlief. Und wo die heilige Stadt Vilcabamba lag.

In Wilsons Gedächtnis waren die detaillierten Karten des Urubamba-Gebietes sicher abgespeichert. Er hatte die unglaubliche Fähigkeit, sich an jeden Fluss, jeden Gipfel und jeden Weg zu erinnern, den er sich vor seiner Reise in die Vergangenheit eingeprägt hatte. Diese Gabe war einzigartig, und sie gewährleistete, dass niemand die Geheimnisse, die er in sich trug, an sich reißen konnte.

Der Regen, der über Cusco niederging, schwoll an und ab, hörte aber nie ganz auf, sondern verminderte sich allenfalls zu einem feinen Nieseln, um schließlich wieder zu prasseln. Seit etwa zehn Minuten war Wind aufgekommen, und es regnete stärker als zuvor. Der Himmel wurde dunkel, und in den fernen Bergen gewitterte es. Bingham schlug vor, ins Haus zu gehen und das Unwetter abzuwarten, aber Wilson bestand darauf, sofort aufzubrechen.

»Die Regenzeit dauert hier bis April«, sagte Wilson. »Es hat absolut keinen Zweck, abzuwarten.«

»So gesehen klingt es tatsächlich albern«, meinte Bingham unter seinem breitkrempigen Hut. »Na, dann machen wir uns wohl tatsächlich auf den Weg.« Er ging zurück ins Haus, zog die Kappe seines Füllers ab und schrieb auf ein Blatt Papier: Habe mich aufgemacht, um Vilcabamba zu entdecken – wie ich hoffe. Werde in zwei Wochen zurück sein. Er setzte seine Unterschrift und das Datum darunter.

Dann drehte er die Öllampe aus, ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Das Blatt Papier drückte er in Augenhöhe an die Tür und befestigte es mit einer Reißzwecke. Er hinterließ immer eine Nachricht an der Tür, wenn er auf Forschungsreise ging.

»Wissen Sie, was ich an den Peruanern so schätze?«, fragte Bingham, als er in den strömenden Regen trat. »Man braucht das Haus nicht abzuschließen. Sie sind so ehrlich, denen würde nicht im Traum einfallen, etwas zu stehlen.«

»Was steht auf dem Zettel?« Wilson zeigte auf die Tür.

»Dass ich in zwei Wochen wieder da bin. Ich bekomme Besuch von einem alten Freund«, erklärte Bingham. »Professor Harry Foote. Er wird nächste Woche mit dem Zug von Yale kommen. Ein prächtiger alter Knabe, Botaniker, wissen Sie. Ich will nicht, dass er sich Sorgen macht.«

»Hoffentlich werden Sie bis dahin zurück sein«, sagte Wilson.

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