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Die verbotenen Küsse des Scheichs

1. KAPITEL

Arabien 1820, Daar-el-Abbah

Scheich Jamil al-Nazarri, Herrscher von Daar-el-Abbah, las das Dokument sehr sorgfältig. Dabei hatte er wie so oft, wenn er sich konzentrierte, die Stirn gekraust und die Brauen zusammengezogen, was seinem Gesicht einen finsteren Ausdruck verlieh. Dennoch war nicht zu übersehen, dass er ein außerordentlich attraktiver Mann war.

Er trug die traditionelle Kopfbedeckung der Araber: ein Kopftuch, das Ghutra genannt und von einer Kordel, der Agal, gehalten wurde. Beim Lesen hielt er die Lippen fest zusammengepresst, doch ein leichter Schwung in den Mundwinkeln ließ darauf schließen, dass er über Humor verfügte, auch wenn dieser sich vielleicht nicht oft zeigte. Die gerade Nase und das feste Kinn verliehen ihm ein edles, selbstbewusstes Aussehen. Am auffälligsten allerdings waren die Augen, deren je nach Stimmung wechselnde Farbe jeden Europäer unweigerlich an den Herbst erinnern musste.

Es waren diese Augen, die Jamil von anderen gut aussehenden Männern unterschieden und ihn zu einem Menschen machten, den man nicht vergessen konnte.

Als mächtiger Herrscher von Daar-el-Abbah prägte Jamil sich seinen Mitmenschen im Allgemeinen sowieso sehr rasch ein. Schließlich gehörte er zu den wichtigsten Männern der Region. Sein Wüstenreich lag nicht allzu weit von Ägypten und dem Roten Meer entfernt und hatte eine gewisse strategische Bedeutung. Das hatte man ihm von Kind auf immer wieder in Erinnerung gerufen. Er war zum Herrscher geboren und erzogen worden. Und zwar sehr erfolgreich. Denn seit er vor acht Jahren seinem Vater auf dem Thron gefolgt war, hatte er sein Reich mit großem Geschick regiert. Jamil hatte Daar-el-Abbahs Unabhängigkeit gesichert und den Einfluss des Landes vergrößert, ohne sich dabei auf unnötiges Blutvergießen einzulassen.

Das allein bewies, welch geschickter Diplomat er war. Er war aber nicht nur für sein politisches Geschick bekannt, sondern auch dafür, dass man ihn als Feind nicht unterschätzen durfte. Obwohl Jamil den Scimitar, den er stets in einer Scheide am Gürtel bei sich trug, nur selten benutzte, fürchteten seine Gegner das gefährliche Krummschwert. Mit dem vergoldeten, mit Edelsteinen verzierten Griff sah es aus wie ein Kunstgegenstand. Aber tatsächlich handelte es sich um eine tödliche Waffe.

Jetzt stand Jamil auf und begann, das Dokument fest in den Händen haltend, im Thronsaal auf und ab zu gehen. Sein goldfarbener Kaftan schwang bei jedem Schritt und gab den Blick frei auf die weiße Galabija, die er darunter trug. Beide Kleidungsstücke konnten nicht verbergen, wie athletisch er gebaut war und wie kraftvoll und gleichzeitig geschmeidig er sich bewegte. Tatsächlich erinnerte vieles an ihm an den Panther, der sein Wappentier war.

„Ist etwas nicht in Ordnung, Hoheit?“

Halim, sein Berater, stellte die Frage vorsichtig. Er war das einzige Mitglied des Ältestenrats, das es überhaupt wagte, den Fürsten unaufgefordert anzusprechen. Allerdings war auch ihm bewusst, dass er dem Scheich nicht wirklich nahestand, obwohl er dessen Vertrauen genoss.

„Der Ehevertrag erscheint mir in jedem Punkt vernünftig“, gab Jamil zurück.

„Wie Sie sehen, Hoheit, sind all Ihre Bedingungen erfüllt worden“, sagte Halim erleichtert. „Die Familie der Prinzessin Adira hat sich äußerst großzügig gezeigt.“

„Nicht ohne Grund“, stellte Jamil fest. „Diese Ehe bringt der Familie große Vorteile. Vorteile, die kaum damit aufzuwiegen sind, dass man mir die Schürfrechte für eine Diamantenmine einräumt.“

„Sehr wohl, Hoheit.“ Halim verbeugte sich. „Wenn Sie also zufrieden sind, könnten wir zur Unterzeichnung des Dokuments kommen?“

Jamil nahm wieder auf seinem Thronsessel Platz. Es handelte sich um einen niedrigen Stuhl, dessen Sitzfläche mit Samt bespannt war. Die Füße hatten die Form von zwei liegenden Löwen und waren aus reinem Gold. Die ebenfalls goldene Rückenlehne erinnerte an die Strahlen der aufgehenden Sonne. Es handelte sich um einen sehr alten Thron, auf dem schon viele Generationen von Herrschern gesessen hatten. Diejenigen – behauptete die Überlieferung –, die ihn zu Unrecht beanspruchten, fielen innerhalb eines Jahres nach der Machtergreifung einem Fluch zum Opfer.

Der verstorbene Fürst war nicht müde geworden, die Bedeutung des Throns zu betonen. Stolz hatte ihn erfüllt, weil er darauf sitzen durfte. Jamil hingegen beklagte insgeheim, wie unbequem das alte Stück war. Aber da es nun einmal zur Tradition seines Landes gehörte, hatte er sich damit abgefunden, von eben diesem Thron aus seinen Pflichten als Herrscher nachzukommen.

Er machte es sich auf dem harten Sitz so bequem wie möglich, stützte das Kinn in die eine Hand und klopfte mit den Fingern der anderen auf das Dokument, das er auf einem niedrigen Tisch neben dem Thron abgelegt hatte. Die Mitglieder des Ältestenrats, die ihre Plätze gemäß ihrer Rangordnung eingenommen hatten, betrachteten ihn ängstlich.

Jamil unterdrückte ein Seufzen. Manchmal empfand er die Pflichten eines Herrschers als niederdrückend. Natürlich war dieser Ehevertrag wichtig. Aber seiner Meinung nach gab es derzeit noch weitaus Wichtigeres zu entscheiden. Persönlich interessierte ihn die geplante Hochzeit kaum. Selbstverständlich war ihm klar, dass er heiraten musste, um sein Reich zu festigen und einen Erben zu zeugen. In dem Ehevertrag wurden all die damit zusammenhängenden politischen und wirtschaftlichen Fragen geklärt. Daar-el-Abbah würde im Vater der Braut einen mächtigen Verbündeten finden. Mit der Geburt eines Sohnes würde die Erbfolge gesichert sein. Auch die finanziellen Vorteile waren nicht zu unterschätzen.

Doch welchen persönlichen Vorteil werde ich haben, fragte Jamil sich. Die Antwort lautete: keinen, absolut keinen.

Er verspürte nicht den geringsten Wunsch nach einer Gattin. Schließlich kannte er die Ehe bereits. Ein zweites Mal würde er nur heiraten, weil es zum Wohle seines Landes war, dieses Landes, dem er mit Leib und Seele gehörte. Nein, er wollte ganz gewiss nicht erneut eine Frau, die der Ältestenrat für ihn ausgesucht hatte – obwohl es natürlich stimmte, dass alle arabischen Prinzessinnen einander sehr ähnlich waren. Seine erste Frau, die arme Karida, die im Kindbett gestorben war, hatte er recht sympathisch gefunden. Zwar hatte sie kein großes Interesse an ihm gezeigt, aber sie war stets freundlich gewesen. Und ihn hatte es nicht gestört, dass sie am liebsten auf ihrem Diwan lag und Süßigkeiten naschte.

Sympathie, fand er, war allerdings nicht genug, um eine zweite Ehe einzugehen. Gemeinsame Interessen wären schön gewesen … Doch leider empfand er für diese Prinzessin, deren Namen er sich nicht einmal merken konnte, nur Gleichgültigkeit. Außerdem gefiel es ihm, allein zu leben. Wenn doch die Mitglieder des Ältestenrats nicht so wild entschlossen gewesen wären, ihn so bald wie möglich wieder zu verheiraten!

Nun seufzte er doch. Er wusste ja, dass sein Land einen Thronerben brauchte. Deshalb würde er eine Gattin nehmen müssen, und zwar gemäß der Tradition eine, die der Ältestenrat ihm vorschlug. Das behagte ihm zwar nicht, dennoch wäre er niemals auf die Idee gekommen, dagegen zu rebellieren. Früher oder später würde er sich fügen. Allerdings lieber später, zumal er sich ziemlich sicher war, dass er noch nicht bereit war für ein weiteres Kind. Genügte es nicht, dass seine Tochter ihm Kopfzerbrechen bereitete? Niemand schien in der Lage zu sein, sie so zu erziehen, wie er sich das vorstellte. Und damit waren seine Gedanken wieder bei dem Punkt angekommen, der ihn seit Wochen ständig beschäftigte: Was sollte er nur mit seiner achtjährigen Tochter Linah tun?

Noch einmal seufzte Jamil, laut und lange diesmal. Die vor ihm versammelten Mitglieder des Ältestenrats schauten einander beunruhigt an. Fünfundzwanzig Augenpaare wurden dann wieder auf den Boden gerichtet, denn es war verboten, den Fürsten direkt anzusehen. Jeder der Männer trug ein Gewand, das ihn als Würdenträger auszeichnete: eine grün gemusterte Ghutra, die von einem goldfarbenen Agal gehalten wurde. Dazu eine Galabija mit dem aufgestickten Wappentier, dem Panther.

Die fünfundzwanzig Ratgeber reichten bei weitem nicht aus, um den Thronsaal zu füllen. Hinter ihnen erstreckte sich eine große leere Fläche. Im Fußboden aus weißem Marmor spiegelten sich die Sonnenstrahlen, die durch die weit oben in den Wänden angebrachten runden Fenster fielen. Auch die fünf riesigen Kristalllüster glänzten und blitzten im hellen Licht.

Die meisten der hier versammelten Männer gehörten bereits seit vielen Jahren dem Ältestenrat an. Fast alle hielten eisern an den alten Traditionen fest und verabscheuten jede Änderung. Wenn er ihre Argumente hörte, empfand Jamil meist eine große Unzufriedenheit und Ungeduld. Wie oft hatte er sich schon gewünscht, sie durch weltoffenere Männer ersetzen zu können. Doch da er kein Dummkopf war, hatte er sich nie wirklich dazu entschlossen. Stattdessen sagte er sich, dass es viele Möglichkeiten gab, eine Ziege zu häuten.

Ja, er würde Daar-el-Abbah zu einem modernen Staat machen. Er würde seine Untertanen mitnehmen auf die Reise in die neue Zeit, ob ihnen das nun gefiel oder nicht. Am liebsten wäre es ihm freilich, wenn sie von sich aus die Vorteile mancher Veränderungen erkennen würden. Hatten nicht einige bereits eingesehen, dass Diplomatie besser war als Krieg? Nun, auch diese Ehe war ein diplomatischer Akt. Deshalb würde er sich den Wünschen des Ältestenrats letztendlich beugen.

Sollte er den Ehevertrag gleich jetzt unterschreiben? Es war sinnlos, das Unvermeidliche immer wieder aufzuschieben. Ja, er würde das Dokument unterzeichnen. Natürlich würde er es unterzeichnen. Aber nicht heute …

Jamil hielt Halim die Papiere hin. „Es wird nicht schaden, sie noch ein bisschen warten zu lassen“, stellte er fest und stand so rasch auf, dass die versammelten Männer sich erschrocken vor ihm auf die Knie warfen. „Wir wollen doch nicht, dass sie glauben, wir wären allzu leicht zu überzeugen.“ Er runzelte die Stirn, ließ den Blick über die Rücken der Männer gleiten und rief ungeduldig: „Wie oft habe ich euch gesagt, dass ich dieses Niederknien nicht mag?“

Es war entmutigend, denn er hatte die Mitglieder des Ältestenrats bestimmt mehr als hundertmal aufgefordert, stehen oder sitzen zu bleiben, wenn sie sich irgendwo trafen, wo kein Außenstehender sie beobachtete. Dennoch warfen sie sich jedes Mal vor ihm auf den Boden. Nur Halim stand noch aufrecht. Eilig folgte er ihm, als Jamil quer durch den Thronsaal auf die große Doppeltür zuschritt.

„Hoheit, dürfte ich einen Vorschlag …“

„Jetzt nicht!“ Jamil riss die Tür so heftig auf, dass die Männer, die auf der anderen Seite Wachen standen, erschrocken zusammenfuhren.

„Ich verstehe nicht, Hoheit, warum … Ich dachte, wir wären uns einig, dass …“

„Ich sagte: nicht jetzt!“, erwiderte Jamil gereizt. „Ich möchte über etwas anderes mit Ihnen reden, Halim. Ich habe nämlich einen äußerst interessanten Brief von Lady Celia erhalten.“

Halim musste sich beeilen, um mit dem Fürsten Schritt zu halten. Sie bogen in den Flur ein, der zu dessen Privatgemächern führte. Ein wenig atemlos fragte Halim: „Von der englischen Gattin des Herrschers von A’Qadiz? Welchen Grund könnte Lady Celia haben, Euch zu schreiben, Hoheit?“

„Es geht um Linah.“

Gerade betraten sie den Innenhof, um den herum die Gemächer des Fürsten angeordnet waren.

„Sie schreibt wegen Prinzessin Linah? Was könnte die Engländerin zu Eurer Tochter zu sagen haben?“

„Sie hat offenbar erfahren, dass es schwierig für mich ist, eine Gouvernante zu finden, die den speziellen Anforderungen gewachsen ist, die die Erziehung meiner Tochter mit sich bringt.“ Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huschte über Jamils Gesicht. „Der englische Diplomat Lord Armstrong ist Lady Celias Vater. Und er hat ihr offensichtlich sein Talent vererbt, geschickt mit Worten umzugehen. Natürlich hat sie in Wirklichkeit gehört, dass niemand in der Lage ist, Linah zu kontrollieren, und dass alle Frauen, die sich der Herausforderung gestellt haben, nach kurzer Zeit aufgeben mussten.“

Halim reagierte entrüstet. „Ich glaube kaum, dass das Verhalten der Prinzessin diese englische Lady irgendetwas angeht. Ja, ich möchte sogar so weit gehen zu behaupten, dass auch ihr Gatte Scheich Ramiz sich aus der Sache heraushalten sollte.“

„Scheich Ramiz ist ein Mann, den ich sehr achte. Ein hervorragender Herrscher, ein Mann mit Visionen für die Zukunft. Er ist im Begriff A’Qadiz zu einem modernen Staat zu machen. Seine Ansichten stimmen mit den meinen in vieler Hinsicht überein. Daher denke ich, dass es nur von Vorteil sein kann, wenn wir enge Beziehungen zu Scheich Ramiz knüpfen.“

„Ihr habt natürlich recht, Hoheit.“ Halim verbeugte sich. „Eure Weitsicht beeindruckt mich. Nun, Ihr seid der Fürst, und ich bin nur der Diener.“

„Keine falsche Bescheidenheit, Halim! Wir wissen beide, dass Sie mehr sind als ein Diener.“

Jamil betrat einen nur zum Teil im orientalischen Stil eingerichteten Salon, schlüpfte aus dem Kaftan und warf ihn achtlos auf einen Diwan. Dann zog er Ghutra und Agal vom Kopf und löste den Gürtel mit dem Scimitar. „Schon besser …“, murmelte er und fuhr sich mit der Hand durch das kurz geschnittene kastanienfarbene Haar, das er von seiner ägyptischen Mutter geerbt hatte. Dann trat er an einen großen Schreibtisch, griff nach Lady Celias Brief und überflog ihn noch einmal.

„Hat Scheich Ramiz’ Gemahlin einen Vorschlag zur Lösung des Problems unterbreitet?“, erkundigte Halim sich.

Jamil hob den Kopf. Und jetzt lächelte er wirklich – etwas, das recht selten vorkam. Lady Celias Idee würde Halim und auch alle anderen Mitglieder des Ältestenrats schockieren. Wenn er tat, was die Engländerin vorschlug, würde er mit den Traditionen brechen, die der Erziehung arabischer Prinzessinnen seit Jahrhunderten zugrunde lag. Nun, er war es leid, sich ständig an den alten Traditionen zu orientieren. Das hatte ihm das soeben beendete Treffen mit dem Ältestenrat nur allzu deutlich vor Augen geführt.

„Lady Celia“, sagte er, „denkt, Ihre Schwester könne das Problem lösen.“

„Ihre Schwester?“

„Ja, Lady Cassandra Armstrong.“

„Was könnte die Dame für Linah tun?“

„Sie könnte ihre Gouvernante werden. Eine ideale Lösung, nicht wahr?“

„Ideal?“ Halim sah völlig verwirrt aus. „Inwiefern ideal? Lady Cassandra weiß nichts über unsere Sitten und Traditionen, nichts über unsere Art zu leben. Sie ist eine Engländerin. Wie könnte ausgerechnet sie eine arabische Prinzessin erziehen und auf die Zukunft vorbereiten?“

„Gerade weil sie all das nicht kann, erscheint sie mir ja so geeignet für die Aufgabe.“ Jamil wirkte jetzt sehr ernst. „Meiner Meinung nach braucht Linah eine Portion englische Disziplin. Auch kann es ihr nicht schaden, sich die englischen Umgangsformen anzueignen. Bedenken Sie, Halim, dass das Britische Reich zu den mächtigsten der Welt gehört und dass die Engländer berühmt für ihren Erfindungsreichtum, ihr Durchhaltevermögen und ihre Initiative sind. Mit dieser Kultur konfrontiert zu werden, wird Linah guttun und ihren Blick auf die Welt verändern.“

Halim schluckte.

„Linah hat bisher eine recht naive Vorstellung vom Leben und von ihrem eigenen Platz in der Welt. Ich jedoch möchte auf keinen Fall, dass sie zu einer gezierten jungen Frau heranwächst, die nur auf dem Diwan herumliegt, Sorbet trinkt, Süßigkeiten nascht und jedes Mal einen Wutanfall bekommt, wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht.“ Wie ihre Mutter, dachte Jamil, sprach es aber nicht laut aus. Über die legendären Wutausbrüche seiner verstorbenen Frau, der Prinzessin Karida, sprach man im Palast noch heute. „Ich möchte, dass meine Tochter lernt, selbst zu denken und eigene Ideen sowie eine eigene Meinung zu entwickeln.“

„Hoheit!“ Halim war so schockiert, dass sein Gesichtsausdruck dem eines in die Enge getrieben Hasen ähnelte. „Prinzessin Linah ist Daar-el-Abbahs wertvollster Besitz. Sie ist wichtig für unser Land. Vor Kurzem erst hat der Scheich von …“

„Ich wünsche nicht, dass irgendjemand meine Tochter als Besitz betrachtet“, unterbrach Jamil ihn. „Bei Allah, sie ist noch nicht einmal neun Jahre alt. Niemand, ich wiederhole, niemand hat das Recht, jetzt darüber nachzudenken, welchen Nutzen sie Daar-el-Abbah bringen könnte.“

Die heftige Reaktion des Fürsten kam für Halim völlig unerwartet. Jamil galt als Mann, der sich seiner väterlichen Pflichten bewusst war. Dennoch war es ungewöhnlich, dass er seine Gefühle für Linah so deutlich zum Ausdruck brachte. Vorsichtig sagte Halim: „Wie Ihr selbst wisst, Hoheit, braucht es Zeit, eine vorteilhafte Heirat zu planen.“

„Zurzeit brauchen wir gar nicht über einen Gatten für Linah nachzudenken. Solange sie nicht gelernt hat, sich besser zu benehmen, wird keiner der Fürsten sie heiraten wollen.“ Jamil ließ sich in den schweren Lehnstuhl fallen, der hinter dem Schreibtisch stand. „Das Verhalten der Prinzessin ist manchmal wirklich schockierend. Da werden Sie mir kaum widersprechen wollen, Halim. Und ich weiß wirklich nicht mehr, was ich noch tun könnte. Vermutlich bin ich nicht unschuldig daran, dass sie so unbeherrscht und überheblich geworden ist. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass sie nach dem Verlust ihrer Mutter so sehr verwöhnt wird.“

„Aber wenn Ihr nun die Prinzessin Adira ehelicht, Hoheit, wird sie als Eure Gattin die Mutterrolle bei Linah übernehmen.“

„Das glaube ich kaum. Ich würde es auch gar nicht wollen. Wie ich bereits sagte: Ich möchte nicht, dass Linah in die traditionelle Rolle einer arabischen Prinzessin hineinwächst. Es ist mein Wunsch, dass sie anders erzogen wird.“ Wenn ich einen Sohn hätte, dachte Jamil, würde ich auf keinen Fall zulassen, dass man ihn gemäß unserer Traditionen behandelt. Er selbst verabscheute die Methoden, nach denen seine Lehrer und vor allem sein Vater ihn erzogen hatten, aufs Heftigste. Nein, niemals würde er irgendjemandem gestatten, eines seiner Kinder so aufzuziehen!

„Ihr wünscht, dass die Prinzessin sich wie eine englische Lady benimmt?“, fragte Halim, dessen Gesicht jetzt Angst und Sorge ausdrückte.

„Ja. In meinen Augen ist Lady Celia das beste Beispiel für eine echte Dame. Ich wäre glücklich, wenn meine Tochter von ihr lernen würde. Ich hoffe, Lady Cassandra ähnelt ihrer Schwester, denn dann ist sie das perfekte Vorbild für Linah.“ Noch einmal griff Jamil nach Lady Celias Brief. „Lady Cassandra ist jetzt einundzwanzig und hat noch drei bedeutend jüngere Schwestern, an deren Erziehung sie seit Jahren maßgeblich beteiligt ist. Sie soll sehr verantwortungsbewusst sein. Und wenn sie in England mit drei Mädchen fertig geworden ist, wird sie wohl auch Linah gewachsen sein.“

Halim wirkte jetzt nicht mehr ganz so besorgt, aber noch immer sehr ernst.

Jamil runzelte die Stirn. „Sie sind anderer Meinung, Halim? Wahrhaftig, Sie enttäuschen mich! Ich habe damit gerechnet, dass die Mitglieder des Ältestenrats die Vorteile, die die Beschäftigung einer englischen Gouvernante mit sich bringt, nicht sogleich erkennen würden. Aber von Ihnen hätte ich mehr Weitblick erwartet. Die Armstrongs können auf eine lange edle Ahnenreihe zurückschauen. Was aber fast noch wichtiger ist: Sie sind sehr einflussreich. Lord Armstrong ist ein hoch angesehener Diplomat mit besten Verbindungen sowohl in Ägypten als auch in Indien. Sein Bruder gilt als bedeutender Politiker. Es wird uns sicher nicht schaden, Lady Cassandra Armstrong eine Zeit lang zu unserem Haushalt zu zählen. Vor allem, da Lady Celia betont, dass wir ihr und ihrer Familie damit einen Gefallen tun.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Lady Cassandra hält sich in A’Qadiz auf und möchte gern mehr über unsere Heimat und unsere Kultur erfahren. Offenbar ist sie eine wissbegierige junge Frau.“

„Eine alte Jungfer …“, murmelte Halim. Und lauter fügte er hinzu: „Ich vermute, dass eine Dame selbst in England nicht die besten Aussichten hat, mit einundzwanzig noch einen Gatten zu finden.“

„Ja, zwischen den Zeilen lese ich, dass Lady Cassandra nicht besonders hübsch ist und zu jenen Frauen gehört, die mehr Interesse an Büchern als an Männern haben. Dieser Frauentyp scheint in England besonders gut zu gedeihen. Nun, das ist genau das, was Linah braucht. Eine Gouvernante, die auf Männer langweilig wirkt, ihr jedoch Disziplin und eine Menge nützliches Wissen beibringen kann.“

„Wie könnt Ihr Euch dessen so sicher sein, Hoheit!“

„Ich habe meine Entscheidung getroffen und werde nicht mit Ihnen darüber diskutieren, Halim. Jahrelang haben wir versucht, Linah gemäß unseren Traditionen zu erziehen. Doch damit sind wir offensichtlich gescheitert. Nun werde ich es auf die moderne, die westliche Art versuchen. Mit etwas Glück wird mein Volk dann erkennen, dass es durchaus Vorteile hat, sich neuen Einflüssen zu öffnen.“ Jamil erhob sich. „Ich habe bereits an Lady Celia geschrieben, um ihr mitzuteilen, dass ich ihr Angebot gern annehme.“

Halim schluckte.

„Ich habe ihr vorgeschlagen, dass wir ihrer Schwester eine Karawane entgegenschicken. In drei Tagen können wir uns an der Grenze zu A’Qadiz treffen. Lady Celia und Ihr Gatte werden Lady Cassandra sehr wahrscheinlich begleiten. Also werde ich Gelegenheit finden, auch ein paar politische Fragen mit Scheich Ramiz zu besprechen. Das wird die guten Beziehungen zwischen unseren Ländern festigen. Natürlich darf meine Karawane nicht zu klein sein. Also sorgen Sie dafür, Halim, dass alles für einen beeindruckenden Auftritt vorbereitet wird.“

Halim begriff, dass das Gespräch beendet war. Ihm blieb keine Wahl, er musste seinem Fürsten gehorchen. Mit einer Verbeugung zog er sich zurück. Als die Wachen hinter ihm die Tür schlossen, fühlte er, wie eine tiefe Mutlosigkeit ihn überkam. Natürlich würde er tun, was von ihm verlangt wurde. Aber zweifellos würde Jamils Entschluss große Probleme heraufbeschwören.

Etwa zur gleichen Zeit plauderten Lady Celia und Lady Cassandra bei einer Tasse Tee über alles Mögliche. Die Schwestern hatten es sich in einem der Innenhöfe von Scheich Ramiz’ Palasts in Balyrma, der Hauptstadt von A’Qadiz, bequem gemacht. Zwei Springbrunnen plätscherten, und Palmen spendeten Schatten.

Celia, die mehrere große Kissen zusammengeschoben hatte, um sich darauf auszustrecken, schaute zu dem Körbchen hin, in dem ihre kleine Tochter schlief. Gerade schlug Bashirah die Augen auf und gab ein fröhliches Glucksen von sich, das ihre Mutter ebenso wie ihre Tante zum Lächeln brachte. Die Kleine war wirklich das bezauberndste Baby in ganz Arabien!

Cassandra stellte ihre geleerte Tasse auf einem silbernen Tablett ab und fragte: „Darf ich sie auf den Arm nehmen?“

„Natürlich.“ Celia richtete sich auf, hob Bashirah aus dem Körbchen und gab sie Cassie. Diese nahm die Kleine und lächelte sie hingerissen an. „Meine Süße“, murmelte sie. „Meine kleine Bashirah. So ein hübscher Name. Hat er eine Bedeutung, Celia?“

„Ja, Bashirah ist diejenige, die Freude in die Welt bringt.“

„Und das tut sie!“ Sanft streichelte Cassie die Wange des Babys.

„Sie mag dich.“ Celia war ganz gerührt von dem bezaubernden Bild, das ihre Tochter und ihre Schwester boten.

Wie gut, dachte sie, dass es Cassie wieder besser geht. In den Wochen seit deren Ankunft in A’Qadiz war tatsächlich eine Veränderung in ihr vorgegangen. Noch immer sah sie manchmal traurig und bedrückt aus. Doch hin und wieder kam ihr früher so sonniges Temperament zum Vorschein. Unter den kornblumenblauen Augen lagen nun keine dunklen Schatten mehr, was wohl bedeutete, dass es kaum noch schlaflose Nächte für Cassie gab. Ihre Wangen waren wieder rosig. Und mit der Fülle an goldblondem Haar und der sehr weiblich gerundeten Figur entsprach sie genau jenem Frauentyp, von dem so viele Männer träumten.

In England war sie von Verehrern umschwärmt worden. Manche junge Dame hatte Cassandra beneidet. Auch Celia hatte gelegentlich das Gefühl gehabt, im Schatten ihrer schönen jüngeren Schwester zu stehen. Das hatte ihrer Liebe zu Cassie jedoch keinen Abbruch getan. Sie und Cassie standen einander sehr nahe, denn nach dem viel zu frühen Tod ihrer Mutter hatten sie sich gemeinsam um ihre drei kleinen Schwestern gekümmert. Cressida, die jüngste, war damals gerade erst drei Jahre alt gewesen. Auch Cordelia und Caroline waren noch richtige Kinder gewesen, die viel Zuwendung und Fürsorge brauchten.

Von ihren Gefühlen übermannt, beute Celia sich jetzt zu Cassie hinüber und legte ihr den Arm um die Schulter. „Liebes, ich weiß, wie schwer die letzten Monate für dich waren. Bist du sicher, dass du dieser neuen Herausforderung gewachsen bist?“

„Allerdings!“, erwiderte Cassie entschieden. „Ich verdiene kein Mitleid und brauche es auch nicht. Schließlich weiß ich sehr gut, dass ich mein Unglück zum größten Teil meiner eigenen Dummheit zuzuschreiben habe.“

„Wie kannst du so etwas sagen! Er hat dich praktisch vor dem Altar im Stich gelassen!“

„Du übertreibst! Es waren noch zwei Wochen bis zur geplanten Hochzeit.“

„Ihr hattet Eure Verlobung öffentlich bekannt gegeben. Einige Leute hatten Euch sogar schon Geschenke geschickt. Die Einladungen zum Hochzeitsfrühstück waren fertig.“ Celia schüttelte den Kopf. „Ich begreife nicht, wie er so rücksichtslos sein konnte! Und noch weniger begreife ich, wie du ihn nach all dem auch noch verteidigen kannst! Sicher, du hast geglaubt, ihn zu lieben, aber …“ Sie zuckte die Schultern.

Cassie zwinkerte ein paar Tränen fort und sagte mit zitternder Stimme: „Ich verteidige ihn doch gar nicht! Ich weise nur darauf hin, dass man mir genauso Vorwürfe machen kann wie ihm.“

„Und warum?“

Bisher hatte Cassie sich geweigert, über die Einzelheiten ihrer gescheiterten Beziehung zu Augustus zu sprechen. Sie hatte geglaubt, alles am schnellsten vergessen zu können, wenn sie nicht mehr daran dachte. Nur leider hatte diese Hoffnung sich als trügerisch erwiesen. Ihr Stolz war ebenso tief verletzt wie ihr Herz. Und so zu tun, als sei alles in Ordnung, half überhaupt nicht.

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen wusste Celia das. Dennoch hatte sie ihre Schwester nie zum Reden gedrängt. Und nun war wohl die Zeit gekommen, da ihre Geduld belohnt wurde.

In diesem Moment gab die kleine Bashirah ein ungeduldiges Schmatzen von sich. Ein deutliches Zeichen dafür, dass sie Hunger hatte. Mit einem Lächeln nahm Celia ihrer Schwester das Baby ab, um es zu stillen. Wie sehr die Kleine doch in manchem schon jetzt ihrem Vater ähnelte! Auch Ramiz konnte sehr fordernd sein.

In Erinnerung an ihren eigenen steinigen Weg zum Glück sagte Celia zu Cassie: „Niemand weiß besser als ich, wie schwer es sein kann, über Enttäuschungen und böse Erlebnisse zu reden. Auch wenn man sich endlich dazu überwindet, kann es noch schmerzlich sein. Trotzdem hilft es.“

Cassie schwieg.

„Ich würde mir weniger Sorgen um dich machen, Liebes, wenn ich wüsste, was genau sich zugetragen hat.“

„Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen. Mir geht es gut“, behauptete Cassie.

Dabei sah sie so unglücklich drein, dass Celia über die offensichtliche Lüge lachen musste. „Unsinn!“

Ihre Schwester brachte mit Mühe ein schwaches Lächeln zustande. „Du hast recht. Im Moment geht es mir nicht rundum gut. Aber ich weiß, dass schon bald alles wieder in Ordnung sein wird. Glaub mir! Ich muss mir nur selbst beweisen, dass ich keine komplette Versagerin bin. Ich muss etwas aus meinem Leben machen, etwas tun, das mir und der Welt einen Grund gibt, stolz auf mich zu sein.“

„Ich bin immer stolz auf dich gewesen“, erklärte Celia. „Du hast dich so liebevoll und zuverlässig um Caroline, Cordelia und Cressida gekümmert. Und wie gut du all deine Pflichten im Haushalt erledigt hast! Man muss dich einfach lieben!“

„Es ist sehr lieb, das zu sagen. Aber es genügt nicht. Ich habe mich wie ein Dummkopf benommen und Papa und Tante Sophia damit gegen mich aufgebracht. Nun habe ich das Gefühl, erst nach England zurückkehren zu können, wenn ich ihnen bewiesen habe, dass ich keine komplette Närrin bin.“

„Oh Cassie! Augustus hat dich im Stich gelassen und nicht umgekehrt!“

„Aber ich habe mich doch für ihn entschieden! Welch ein Mangel an Menschenkenntnis …“

„Man kann sich nicht aussuchen, in wen man sich verliebt.“

„Vielleicht … Ich bin jedenfalls fest entschlossen, mich nie wieder zu verlieben.“

„Jetzt redest du wirklich wie ein Dummkopf!“ Celia legte ihrer Schwester die Hand auf den Arm. „Natürlich wirst du dich früher oder später verlieben. Und zwar in den Richtigen. Du wirst die wahre Liebe kennenlernen. Das Einzige, was mich an deiner Geschichte erstaunt ist, dass du dich nicht schon, lange ehe du Augustus begegnet bist, in irgendwen verliebt hast. Schließlich bist du viel romantischer veranlagt als ich.“

„Genau das, fürchte ich, ist mein Problem. Deshalb werde ich mich in Zukunft gegen jede romantische Anwandlung wehren. Ich habe meine Lektion so gut gelernt, dass eine Wiederholung absolut unnötig ist. Vielleicht verstehst du das, wenn ich dir erzähle, was passiert ist.“

„Wenn du wirklich darüber sprechen möchtest, höre ich dich nur zu gern zu.“

Cassie senkte den Kopf. „Schlechter als jetzt schon, kannst du kaum von mir denken, wenn du alles erfahren hast … Nein, sieh mich nicht so an! Ich will kein Mitleid.“ Nervös spielte sie mit dem blauen Bändchen, das dem Ärmel ihres modischen Kleides den letzten Pfiff gab. Dann sagte sie: „Augustus hat mir versichert, meine Augen hätten die gleiche Farbe wie dieses Samtband. Er hat mir auch gesagt, sie würden ihn an den Himmel um Mitternacht erinnern. Und dass ein Lavendelfeld neben ihnen verblassen würde. Einmal schenkte er mir einen Veilchenstrauß mit dem Hinweis darauf, er sei als eine Hymne auf meine Augen gedacht.“

„Hm …“

„Wenn ich mich jetzt daran erinnere, fällt mir auf, dass ich seine Komplimente kein einziges Mal hinterfragt habe. Dabei kenne ich die Farbe meiner Augen sehr genau. Vermutlich war ich einfach zu sehr in Augustus verliebt.“ Sie errötete ein wenig, was Celia nur allzu deutlich zeigte, wie sehr ihre Schwester sich noch immer schämte.

Tatsächlich hatte Cassie sich gerade daran erinnert, wie Tante Sophia darauf hingewiesen hatte, dass man im Nachhinein immer klüger sei. Allerdings tröstete diese Erkenntnis sie überhaupt nicht. Jedes Mal, wenn sie sich ins Gedächtnis rief, wie niederträchtig Augustus sich benommen hatte, musste sie sich auch eingestehen, wie naiv sie selbst gewesen war. Dass sie so wenig gesunden Menschenverstand an den Tag gelegt hatte, erschütterte sie noch immer. Wie hatte sie nur glauben können, eine gute Menschenkenntnis zu besitzen?

„Augustus St John Marne …“ Der Name, der ihr einst so viel bedeutet hatte, hinterließ einen bitteren Geschmack. Cassie schüttelte sich leicht. „Ich bin ihm bei Almack’s zum ersten Mal begegnet, kurz nach einer Auseinandersetzung mit Bella.“

„Bella Frobisher!“ Celias Stimme verriet Abneigung. „Nie hätte ich gedacht, dass Papa so tief sinken würde! Wie konnte er sie nur heiraten? Für mich kann sie nie Mamas Platz einnehmen. Und gewiss werde ich sie nicht mit Lady Armstrong ansprechen.“

„Selbst Tante Sophia zürnt Papa deshalb noch immer. Obwohl sie kein Hehl daraus macht, dass sie über die Geburt des kleinen James sehr erfreut ist. Tatsächlich ist unser kleiner Halbbruder ein bezauberndes Baby.“

„Papa hat sich immer einen Erben gewünscht“, meinte Celia mit einem Schulterzucken.

„Bella Frobisher“, Cassie traf genau den Ton ihrer gestrengen Tante Sophia, „mag es ja an beinahe allem fehlen. An Klugheit, Humor und Bildung mangelt es ihr allemal. Aber immerhin ist es ihr gelungen, einem gesunden Jungen das Leben zu schenken. Der kleine James wird die Linie der Armstrongs fortführen. Wir können also ganz zufrieden sein.“

Celia begann zu lachen.

Cassie fuhr fort: „Hättest du jemals gedacht, dass Papa sich entschließen würde, das Kinderzimmer aufzusuchen und einen schreienden Säugling auf den Arm zu nehmen? Er ist so stolz auf seinen Sohn, dass es schon ein bisschen peinlich wirkt. Bella meint natürlich, ich sei nur eifersüchtig … Natürlich gefällt es mir nicht, dass er uns Mädchen so anders behandelt hat. Wir waren für ihn immer nur so etwas wie eine Kapitalanlage. Oder sollte ich sagen: Er wollte uns benutzen, um seine diplomatische Karriere voranzubringen? Jedenfalls hat er gemeinsam mit Bella eine kurze Liste möglicher Heiratskandidaten für mich aufgestellt. Ich bitte dich! Eine kurze Liste! Kannst du dir etwas weniger Romantisches vorstellen? Genau darüber hatte ich mit Bella gestritten, als ich Augustus zum ersten Mal begegnete.“

„Aha“, sagte Celia.

„Was soll das heißen?“

„Nur, dass wir beide wissen, wie gern du das Gegenteil von dem tust, was man dir aufträgt.“

„Du tust mir unrecht!“, rief Cassie entrüstet. „Ich habe mich in Augustus verliebt, weil er ein Poet war. Und weil ich glaubte, er würde alles, was ich dachte und tat, wundervoll finden. Und weil er so gut aussah und so verständnisvoll wirkte und …“

„… weil er genau dem romantischen Bild entsprach, das du dir schon immer von deinem zukünftigen Gatten gemacht hattest.“ Celia drückte ihrer kleinen Tochter einen Kuss auf die Stirn und legte sie vorsichtig zurück in das Körbchen. „Aber du hast dich auch in ihn verliebt – ja, gib es ruhig zu –, weil du genau wusstest, dass Papa und Bella nicht mit ihm einverstanden sein würden.“

„Ich will nicht abstreiten, dass das vielleicht einen winzigen Teil seiner Anziehungskraft ausgemacht hat.“ Cassie runzelte die Stirn. Als man ihr damals die Liste der Heiratskandidaten überreicht hatte, hatte sie sie sogleich zerrissen. Sie hatte ein paar heftige Worte mit Bella gewechselt, ehe sie gemeinsam zum Ball bei Almack’s aufgebrochen waren.

„Ich war noch recht zornig auf Papa und Bella, als wir bei Almack’s eintrafen“, sagte sie zu Celia. „Und Augustus sah so gut aus! Er tanzte mit mir und führte mich auch zum Supper. Während des Essens komponierte er ein kurzes Gedicht, in dem er mich mit Aphrodite verglich. Er schrieb es auf die Tischdecke, was mir wunderbar romantisch erschien. Ich war so stolz darauf, die Muse eines Dichters zu sein! Später hat er mir dann gestanden, dass seine Familie beinahe ihr gesamtes Vermögen verloren hatte. Natürlich konnte mich das nicht davon abhalten, mich immer heftiger in ihn zu verlieben. Dass Papa, Bella und Tante Sophia gegen eine Verlobung waren, hat mich tatsächlich darin bestärkt, zu ihm zu halten.“

„Natürlich …“, murmelte Celia.

„Rückblickend sehe ich allerdings, dass ich mir selbst gegenüber nicht wirklich ehrlich war. Ich habe schon hin und wieder gespürt, dass er mich nicht so sehr liebte, wie er stets behauptete. Aber ich wollte ihm so gerne glauben. Er war ja auch so wortgewandt und charmant! Ich redete mir ein, dass ich eine so große Liebe erwidern müsse. Tatsächlich konnte ich es zunächst gar nicht fassen, als er die Verlobung löste. Schriftlich! Er hatte nicht einmal den Mut, es mir ins Gesicht zu sagen!“

„Welch ein Feigling! Weißt du, wen er dir letztendlich vorgezogen hat?“

„Ja. Du wirst sie aber nicht kennen. Millicent Redwood, die Tochter eines reichen Geschäftsmannes aus dem Norden. Angeblich soll ihre Mitgift 50.000 Pfund betragen. Ich bin nur froh, dass es sich nicht lediglich um 20.000 Pfund handelt.“ Cassie brach in Tränen aus.

„Liebes!“ Celia schloss ihre weinende Schwester in die Arme und hielt sie fest, bis sie sich schließlich beruhigte. Als Kinder hatten sie sich so umschlungen gehalten, wenn der Kummer über den Tod ihrer Mama sie übermannte. Damals hatten sie sich gegenseitig Trost gespendet. Auch jetzt spürte Cassie, wie sie sich nach und nach besser fühlte. Himmel, Augustus hatte gar nicht verdient, dass sie um ihn weinte!

Sie schluchzte noch einmal auf und sagte in dramatischem Ton: „Das Schlimmste ist, dass Papa, Tante Sophia und Bella recht behalten haben: Ich bin dickköpfig, selbstsüchtig, dumm und so romantisch, dass ich nicht sehen kann, wie die Welt wirklich ist. Und deshalb schäme ich mich. Außerdem habe ich die Liebe gekostet und festgestellt, dass sie mir nicht bekommt. Also werde ich mich in Zukunft von ihr fernhalten.“

Celia musste ein Lächeln unterdrücken. Wenn ihre Schwester sich so verhielt, hatte sie selbst das in Gedanken immer „das Cassandra-Theater“ genannt. Dass Cassie jetzt zu dieser Dramatik fähig war, ließ darauf schließen, dass sie auf dem besten Weg war, ihren Kummer zu überwinden. Einen Moment lang malte sie sich aus, wie Ramiz den gewissenlosen Poeten für seinen Verrat bestrafen würde. Aber Augustus würde natürlich nie nach A’Qadiz kommen. Und in England konnte man die traditionellen Strafen der Scheichs nicht anwenden.

Sie beschloss, das Thema zu wechseln. „In drei Tagen erwartet man dich an der Grenze zu Daar-el-Abbah. Ramiz wird dich begleiten, denn ich kann Bashirah noch nicht allein lassen. Bist du wirklich entschlossen, diesen Posten als Gouvernante anzunehmen? Du weißt, dass du dich jederzeit anders entscheiden kannst. In Daar wirst du vermutlich die einzige Europäerin sein. Du wirst dich fremd fühlen und schwer an der Last der Verantwortung für Prinzessin Linah zu tragen haben. Das arme Mädchen hat nie die Liebe einer Mutter kennengelernt. Kein Wunder, dass die Kleine sich oft so abscheulich benimmt …“

„Ich bin sicher, dass ich die richtige Gouvernante für sie bin. Schließlich weiß ich, wie es ist, ohne Mutter aufzuwachsen. Ich denke, Linah braucht sehr viel Verständnis und eine feste, ruhige Hand.“

„Wahrscheinlich. Dennoch …“

„… ist Liebe das Wichtigste. Ich weiß. Und davon habe ich genug zu geben. Kein Mann soll je wieder …“

Celia unterbrach sie. „Du kannst dein eigenes Glück nicht einem kleinen Mädchen opfern! Cassie, diese Stellung ist nur ein vorübergehender Abschnitt in deinem Leben. Schon bald wirst du nach England zurückkehren.“

„Warum sollte ich? Du bist doch auch hier geblieben.“

„Weil ich mich in Ramiz verliebt habe. Glaub mir, auch du wirst eines Tages dem Richtigen begegnen. Du kannst nicht auf Dauer bei Linah bleiben.“

„Scheich Jamil wird zweifellos eine neue Ehe schließen und weitere Kinder haben. Vielleicht möchte er, dass ich auch die erziehe.“

„Wenn er sich wieder verheiratet, wird er seine Gattin und die kleinen Kinder wahrscheinlich im Harem unterbringen. Es ist sehr, sehr ungewöhnlich, dass einer der hiesigen Fürsten überhaupt eine englische Gouvernante einstellt.“

„Was kannst du mir über Scheich Jamil erzählen?“

„Er scheint ein verantwortungsbewusster Herrscher zu sein und ein typischer arabischer Fürst: überheblich, rechthaberisch und daran gewöhnt, dass man ihm jeden Wunsch sofort erfüllt.“

„Das hört sich ja schrecklich an!“

„Dann musst du mich missverstanden haben. Die Lebensumstände machen es für einen arabischen Fürsten nahezu unmöglich, sich anders zu benehmen. Ramiz jedenfalls schätzt Scheich Jamil und möchte die Beziehungen zu Daar-el-Abbah vertiefen.“

„Hm … Und wie sieht dieser Scheich aus?“

„Er soll ungewöhnlich schöne Augen haben und überhaupt ein attraktiver Mann sein. Soweit ich weiß, ist er noch keine 30 Jahre alt. Viele der hiesigen Fürsten würden ihm gern ihre Tochter zur Frau geben. Du wirst ihn vermutlich nicht sehr oft zu Gesicht bekommen. Wie man hört, zeigt er wenig Interesse an seiner Tochter.“

„Wie traurig! Das arme Kind!“

„Bitte, sag so etwas nie, wenn jemand aus Jamils Haushalt dich hören kann. Du musst überhaupt sehr vorsichtig sein mit dem, was du sagst. Vor allem zu Anfang. Es wird eine Weile dauern, bis du verstehst, was um dich her vorgeht. Also zieh bitte keine voreiligen Schlüsse, und tu vor allem nichts Unüberlegtes. Schließlich nimmst du diese Stelle an, um dein Selbstbewusstsein zurückzugewinnen und nicht, um es durch irgendwelche Dummheiten aufs Spiel zu setzen.“

„Mach dir keine Sorgen. Ich werde eine vorbildliche Gouvernante sein.“ Cassie gab sich bereits wieder den für sie so typischen romantischen Vorstellungen hin. Ganz gewiss würde es ihr gelingen, der kleinen Linah und dem Scheich zu zeigen, wie wichtig die Liebe zwischen Vater und Tochter war. Sie würde die beiden zusammenführen und für ihr familiäres Glück sorgen.

„Du willst die Stelle also wirklich antreten?“

„Allerdings!“ Cassie sprang auf, und ihre blauen Augen leuchteten vor Aufregung und Vorfreude.

Celia fand, sie sah hinreißend aus, selbstbewusst und entschlossen.

Aber sie wusste, wie verwundbar ihre Schwester war. „Möchtest du nicht noch einmal in Ruhe über alles nachdenken?“, fragte sie von plötzlicher Sorge um Cassie erfüllt.

„Natürlich nicht! Als Linahs Gouvernante werde ich aller Welt beweisen, dass ich ein vernünftiger Mensch bin, auf den man sich verlassen kann.“

„Gut.“ Jetzt erhob sich auch Celia. „Dann sollten wir jetzt deine Sachen packen. Die Karawane verlässt Balyrma bei Morgengrauen.“

2. KAPITEL

Als der nächste Morgen dämmerte, verabschiedete Cassie sich unter Tränen von Celia. Wenig später verließ sie Balyrma. Scheich Ramiz selbst führte die Karawane durch die jetzt noch verlassen daliegenden Straßen der Stadt hinaus in die Wüste.

Cassie trug ein königsblaues Reitkostüm aus Leinen, das sie in England speziell für die Reise nach Arabien hatte anfertigen lassen. Da sie um die in der Wüste herrschende Hitze wusste, hatte sie ein Material gewählt, von dem sie hoffte, dass es auch bei hohen Temperaturen angenehm zu tragen war. Auch hatte sie darauf bestanden, dass der Rock so weit geschnitten wurde, dass sie im Herrensitz auf einem Kamel reiten konnte. Die kurze Jacke war im Uniformstil gehalten, wobei der einfache militärische Schnitt ihre weiblichen Formen betonte.

Leider stellte sich schon bald heraus, dass wohl kein eng anliegendes Kleidungsstück für das arabische Klima geeignet war. Noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, war es Cassie unangenehm heiß, obwohl sie unter ihrem Schnürmieder nur ein dünnes Hemdchen trug und ganz auf Unterröcke verzichtet hatte.

Nach den ersten beiden Tagen der anstrengenden Reise stellte Cassie fest, dass ihre äußere Erscheinung ebenso litt wie ihre Stimmung. Obwohl sie ein Hütchen mit einem dünnen Schleier trug, hatte sie das Gefühl, ihre Gesichtshaut würde in der Sonne austrocknen. Ihr Hals schmerzte, weil sie ständig Durst verspürte, aber nur in großen zeitlichen Abständen trinken konnte. Besonders unangenehm jedoch war der Schweiß, der alle Kleidungsstücke durchtränkte.

Anfangs konnte sie diese Unannehmlichkeiten noch vergessen, weil alles so neu und aufregend war. Die roten Berge am Horizont, die goldenen Sanddünen, die kleinen grünen Oasen und der tiefblaue Himmel beeindruckten sie zutiefst. Wie anders war doch die Landschaft in England! Als Romantikerin fühlte Cassie sich ständig an irgendeine von Scheherezades Erzählungen erinnert. Ja, dies war der geheimnisvolle Orient, von dem sie so lange geträumt hatte!

Doch als die Stunden vergingen, ließ der Reiz des Fremdländischen nach, und Cassie spürte, wie unbequem so ein Kamelsattel war.

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