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Die uns lieben

Informationen zum Buch

Die Frau des Offiziers

Fünfzig Jahre lang hat Trudys Mutter kein Wort über ihre Vergangenheit verloren. Doch es gibt ein verstörendes Souvenir, tief vergraben in der Wäscheschublade: ein Familienporträt, auf dem sie und ihre kleine Tochter gemeinsam mit einem Nazi-Offizier zu sehen sind, dem Obersturmführer von Buchenwald.

Jenna Blums preisgekrönter Roman war ein Bestseller in zahlreichen Ländern. Ihre universelle Geschichte von Schuld, Liebe und Vergebung wird für die große Leinwand verfilmt.

Weimar, 1940. Ledig, schwanger und von ihrem Vater vestoßen, kommt die 19-jährige Anna bei der Bäckerin Mathilde unter. Mathilde erhält Mehl, Zucker und Butter von den Nazis, um das Offizierskasino von Buchenwald mit Gebäck zu beliefern. Gleichzeitig schmuggeln die beiden Frauen Brot ins KZ und geheime Botschaften hinaus. Als Mathilde zwei Jahre später auf frischer Tat ertappt wird und der Obersturmführer Heinz von Steuern in der Bäckerei auftaucht, sieht Anna nur einen vezweifelten Ausweg, um sich und ihre kleine Tochter Trudy zu retten.

Minneapolis, 1996. Ein paar diffuse Erinnerungsschnipsel, ein verstecktes Familienfoto und ein unauslöschliches Gefühl der Schuld sind alles, was Trudy mit ihrem Geburtsort Weimar verbindet. Erschüttert vom Tod ihres Stiefvaters und erdrückt von der Last einer Vergangenheit, die ihre Mutter hinter eine Mauer aus Schweigen verbannt hat, beginnt die Geschichtsprofessorin endlich mit Recherchen zum Alltag nichtjüdischer deutscher Frauen im Dritten Reich. Nach und nach legt sie dabei die erschütternde Geschichte ihrer Mutter frei, die so ganz anders ist, als sie es erwartet hat.

Jenna Blums einfühlsamer und sorgfältig recherchierter Roman, der sich zwei Jahre auf der New York Times-Bestenliste hielt, erzählt von einer verbotenen Liebe, vom zwiespältigen Wesen der Schuld, vom Recht auf Vergessen und von einer außergewöhnlichen Mutter-Tochter-Beziehung.

»Die packende Geschichte zweier Frauen, die mit der Last und Verantwortung der Erinnerung ringen.« The Boston Globe

»Ein eindringlicher Roman, der das Herz berührt und das Gewissen aufruft.« Independent on Sunday

Jenna Blum

Die uns lieben

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Yasemin Dinçer

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Dieses Buch ist meiner Mutter Frances Joerg Blum gewidmet, die mich nach Deutschland mitgenommen und mir den Schlüssel gegeben hat: Ich liebe Dich, meine Mutti.

Außerdem habe ich es in liebevollem Gedenken an meinen Dad, Robert P. Blum, geschrieben, der gesagt hätte: Mazel tov.

Ich war freiwillig zur aktiven SS gegangen, der schwarze Rock war mir zu lieb geworden, als daß ich ihn so wieder ausziehen wollte.

Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz

PROLOG
Trudy und Anna, 1993

Die Beerdigung ist gut besucht, und die lutherische Kirche von New Heidelberg ist bis auf die letzte Reihe gefüllt mit Farmern und deren Familien, die gekommen sind, um von einem der ihren Abschied zu nehmen. Da alle Plätze besetzt sind, stehen einige von ihnen an die Wand gelehnt oder drängen sich im Vorraum der Kirche. Der Anblick der Männer in ihren dunklen Anzügen ist auf komische Weise ungewohnt, für den ganz normalen Gottesdienst putzen sie sich nie so fein heraus. Die Frauen dagegen tragen dasselbe wie jeden Sonntag, egal bei welchem Wetter: eine Kombination aus Rock und Pullover mit Strumpfhosen und Pumps. Die ausgebeulten Parkas, die nicht zum Rest ihrer Kleidung passen und ihre bevorstehende Rückkehr zu den praktischen Dingen des Lebens ankündigen, stellen ihr einziges Zugeständnis an die Kälte dar.

Und kalt ist es. Trudy Swenson denkt, dass der Dezember in Minnesota ein schlechter Zeitpunkt ist, um einen geliebten Menschen begraben zu müssen. Tatsächlich ist es sogar unmöglich. Der Boden ist einen Meter tief gefroren, und ihr Vater wird im Kühlraum der Leichenhalle des Countys untergebracht werden, bis die Erde aufgetaut genug ist, um ihn in sich aufzunehmen. Trudy versucht, nicht daran zu denken, wie Jack nach mehreren Monaten der Lagerung aussehen wird. Stattdessen bemüht sie sich, ihre Aufmerksamkeit auf die Grabrede zu richten. Doch der Verlust muss ihre Wahrnehmung durcheinandergebracht haben, da ihre Gedanken stur ihrer eigenen Wege gehen. Sie kreisen über ihr im Kirchenschiff und liefern ihr aus der Vogelperspektive ein Bild der Kirche und der Menschen darin: Trudy selbst, kerzengerade neben ihrer Mutter Anna in der ersten Reihe sitzend; der Pfarrer, wie er seine Rede auf einen Mann herunterleiert, der nach seiner Beschreibung jeder der Anwesenden sein könnte; der Verstorbene in seinem Sarg; der Rest der Stadt, der hinter Trudy sitzt und ihr auf den Hinterkopf starrt. Trudy hat das Gefühl, fürchterlich aus der Menge herauszustechen, und auch wenn sie ihrem Vater gegenüber nicht respektlos sein möchte, betet sie ausschließlich darum, dass der Gottesdienst bald vorüber sein möge.

Dann ist es so weit, und die Gemeinde richtet sich polternd auf und bleibt erwartungsvoll stehen. Trudy wird klar, dass alle darauf warten, dass sie und Anna die Kirche als Erste verlassen, wie es sich gehört. Sie hält kurz inne, um Jack ein paar letzte Abschiedsworte zuzumurmeln, dann ergreift sie Annas Ellbogen, um ihr aus der Kirchenbank zu helfen. Anna gestattet Trudy, sie an den Reihen teilnahmsloser Gesichter entlangzuführen, doch sobald sie draußen sind, verschränkt sie die Arme und geht allein weiter. Mit winzigen, vorsichtigen Schritten bewegen sich die beiden Frauen über das Eis auf Trudys Wagen zu.

Trudy schaltet die Zündung ein und wartet zitternd darauf, dass der Motor vorglüht. Das Innere des Civics wird keine angenehme Temperatur erreichen, bevor sie an ihrem Ziel angelangt sind, dem Farmhaus sechs Meilen nördlich von hier. Die arktische Luft schneidet in die Lunge wie Glasscherben, und es schüttelt Trudy bis auf die Knochen, die in der Kälte zu zerspringen drohen.

Nun, das war doch ein schöner Gottesdienst, sagt sie zu Anna.

Anna blickt durch das Fenster auf der Beifahrerseite gen Horizont. Die lutherische Kirche ist auf New Heidelbergs höchster Stelle erbaut worden, je näher bei Gott, desto besser. Von diesem Aussichtspunkt aus wirkt die Landschaft im Sommer wie ein verträumtes Schachbrett, und man hat das Gefühl, man könnte einfach Anlauf nehmen, die Arme ausbreiten und darüber hinwegfliegen. Nun jedoch ist sie lediglich ein verdrießliches, ununterbrochenes Weiß.

Trudy probiert es noch einmal.

Kurz und schlicht, sagt sie. Dad hätte es gefallen, meinst du nicht?

Langsam wendet Anna den Blick ihrer blassen Augen zuerst nach vorn auf die Windschutzscheibe und dann zu ihrer Tochter. Sie starrt Trudy an, als wüsste sie nicht, wer sie ist.

Wir müssen nach Hause, erwidert sie. Ich muss das Essen vorbereiten. Die Leute werden früh genug da sein.

Ihre Mutter hat recht, überall um sie herum steigen die New Heidelberger bereits in ihre Lastwagen und Minivans. Nach einer kurzen respektvollen Pause, um den Angehörigen Zeit zu geben, sich das Gesicht aufzufrischen, werden die Stadtbewohner im Farmhaus einfallen und ihre Aufläufe und Beileidsbekundungen überbringen. Trudy legt den Gang ein, beschleunigt aus dem Parkplatz heraus und bemerkt dabei, wie Annas Hände und Füße aufgrund der ungewohnten Geschwindigkeit kurz hochschnellen. Obwohl Anna seit fast fünfzig Jahren in dieser abgelegenen ländlichen Gegend lebt, wo es den Leuten nichts ausmacht, eine halbe Stunde zu fahren, um Lebensmittel einzukaufen, hat sie nie Autofahren gelernt. Sie richtet den Blick erneut aus ihrem Fenster und beobachtet die vorbeiziehenden Felder.

Für Trudy, die New Heidelberg vor fünfunddreißig Jahren, direkt nach ihrem Highschool-Abschluss, in Richtung der Twin Cities Minneapolis-Saint Paul verlassen hat, ist diese Landschaft der Inbegriff der Monotonie, so trostlos und unwirtlich wie die Steppen Sibiriens. Schnee und Schlamm, grauer Himmel, Reihe um Reihe Stacheldrahtzäune entlang der zweispurigen Fahrbahn. Silos und Wohnwagen. Nicht einmal Kühe sind zu sehen. Es ist noch früh, erst drei Uhr nachmittags, doch über diesen Teil des Landes bricht die Nacht rasch herein. In einer Stunde wird es bereits vollkommen dunkel sein. Dieser Gedanke und das Wissen darum, wie sie die nächste Zeit verbringen wird, lösen in Trudy den sehnlichen Wunsch aus, sich wieder in ihrer eigenen Küche zu befinden, in ihrem Arbeitszimmer, in ihrem Seminarraum voller desillusionierter Studenten, überall, nur nicht hier. Sie beschließt spontan, früher als geplant nach Minneapolis zurückzukehren, vielleicht schon am nächsten Morgen. Denn Trudy hat es als eine der Merkwürdigkeiten des Todes erkannt, dass man in seiner Folge genauso weiter machen muss wie zuvor. Es erscheint herzlos und falsch, doch nun, da die Trauerrituale vollzogen sind, besteht Trudys einzige noch verbliebene Aufgabe darin, zu versuchen, die Ungeheuerlichkeit dieser plötzlichen Veränderung zu begreifen. Und das kann sie genauso gut in der Behaglichkeit ihres eigenen Zuhauses tun, statt schweigend mit Anna zusammenzusitzen.

Zunächst muss allerdings der Leichenschmaus durchgestanden werden, also biegt Trudy nun in die Auffahrt zum Farmhaus ein. Als sie durch den Windschutz aus Kiefern fahren, durchbohren einzelne Sonnenstrahlen die Wolken, verwandeln das öde Weiß der Felder in glitzernde Gischt und heben die Nebengebäude auf, wie es Trudy scheint, schamlos dramatische, sakrale Weise hervor. Sie parkt den Wagen und hilft Anna heraus, wandert jedoch noch eine Weile im Vorgarten umher, nachdem Anna ins Haus gegangen ist. Hier soll Jack den tödlichen Herzinfarkt erlitten haben. Der Rechtsmediziner hat Trudy versichert, dass Jack tot war, noch bevor er auf dem Boden aufschlug. Und doch fragt sie sich: Ist Jack stehen geblieben, verblüfft über den Schmerz, der sich durch seinen linken Arm und seine Brust zog? Hatte er noch genügend Zeit, um zu begreifen, was mit ihm geschah? Trudy hofft es nicht. Sie wäre erleichtert, wenn sie es sicher wüsste, doch Anna, die einzige Zeugin, äußert sich wie üblich nicht.

Trudy verbringt eine weitere Minute damit, auf den festgestampften Schnee zu starren und zu versuchen, darunter den Weg von der Scheune zur Veranda auszumachen, den Jack so regelmäßig gegangen ist, dass seine Stiefel Furchen im Gras hinterlassen haben. Doch sie kann nichts erkennen, und die Sonne verschwindet hinter trüben Wolken, also seufzt Trudy schließlich und erklimmt die Treppenstufen, die ins Haus ihrer Mutter führen.

Denn eigentlich war es immer schon Annas Haus gewesen. Jack und Trudy hätten darin genauso gut Untermieter sein können, deren unordentliche, doch unvermeidbare Anwesenheit Anna geduldig ertrug. Immerhin war Anna diejenige, die den Boden scheuerte, die Vorhänge wusch, die Fenster mit Zeitungspapier und Essig polierte, die Oberkante des Türrahmens mit einem speziellen Aufsatz absaugte. Anna war es, die stets gegen die Feinde einer jeden Farmersfrau ankämpfte, gegen Erde und Exkremente, Häcksel und Blut. Letztendlich ein aussichtsloser Kampf, besagt doch ein allgemein anerkannter Grundsatz des landwirtschaftlichen Lebens, dass alles, was sich draußen befindet, früher oder später auch hereinkommen wird. Anna ist es dennoch unter großen und hartnäckigen Anstrengungen gelungen, ein gewisses Maß an teutonischer Reinlichkeit durchzusetzen.

Nachdem sie ihren Mantel aufgehängt hat, tritt Trudy zu ihrer Mutter in die Küche. Die beiden Frauen arbeiten in stiller, konzentrierter Eile und befördern das Essen, das Anna in den letzten achtundvierzig Stunden zubereitet hat, ins Speisezimmer. Dieses ist ein düsterer, höhlenartiger Raum, auf den Anna unmäßig stolz ist, mit dunkler Wandtäfelung, Schwertlilientapete und einer hohen Decke, die in der Dunkelheit zu schweben scheint. Der Spiegel über dem Büfett schimmert milchig, schwere Vorhänge filtern das spärliche Tageslicht. Trudy kann sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal in diesem Zimmer gewesen ist. Schiebetüren schirmen es vom Rest des Hauses ab, schützen die kostbaren Eichenmöbel vor Spott und Geißel des alltäglichen Lebens. Es ist ausschließlich für Besuch vorgesehen, was bedeutet, dass es in den letzten paar Jahren überhaupt nicht genutzt wurde.

Allerdings ist es der perfekte Rahmen für den aktuellen Anlass, der das Äußerste an Förmlichkeit verlangt, und zu diesem Zweck ist Anna darin fleißig zugange gewesen. Auf dem Teppich zeigen sich Streifen vom heftigen Bürsten, das Sideboard und der Tisch sind vom Zitronenöl spiegelglatt. Bald sind ihre glänzenden Oberflächen jedoch unter Untersetzern und Pyrex-Schmortöpfen verborgen, in denen sich nicht etwa die Sauerbraten und Kartoffeln aus Annas Heimatland befinden, sondern die Gerichte, die sie hier zuzubereiten gelernt hat: Nudelauflauf, Obstsalat mit einem schaumigen Hügel Cool-Whip-Diätsahne darauf, ein Ring aus Götterspeise mit Früchten. Eine Übung im Überfluss, da die Nachbarn jeden Augenblick mit genau denselben Gerichten vor der Tür stehen werden. Dennoch verlangt das Protokoll, dass Anna sie bewirtet.

Trudy stellt einen Weidenkorb mit Brötchen auf den Tisch und dreht sich zu ihrer Mutter um.

Hast du Kaffee gekocht?, fragt sie und richtet damit seit Betreten des Hauses zum ersten Mal ein Wort an Anna.

Anna winkt unkonzentriert ab.

Das mache ich gleich, erwidert sie. Sieh du noch einmal nach, dass ich auch nichts vergessen habe.

Jawohl, denkt Trudy.

Sie streift in einem vertrauten Kreis vom Wohnzimmer in die Küche und wieder zurück, so wie sie es schon als Kind tat, als sie Anna hierhin und dorthin folgte und ihr Fragen stellte, auf die Anna keine Antworten gab. Selbstverständlich ist alles in perfekter Ordnung. Als sie oben nachsieht, ob im Badezimmer frische Handtücher hängen, bemerkt Trudy, dass Jacks Rasierzeug fehlt. An seiner Stelle stehen Annas Parfümflakons, exakt einen Zentimeter vom Rand des Glasregals entfernt aufgereiht. Als Nächstes wirft sie einen Blick ins Schlafzimmer ihrer Eltern: Das Bett ist ordentlich gemacht, doch der Fußboden ist mit beschrifteten Mülltüten bedeckt. Jacks Kleidungsstücke, zur Spende an die Kirche vorbereitet. Trudy runzelt die Stirn und reibt sich die Arme. Sie kehrt zurück ins Wohnzimmer, nimmt ihren Mantel aus dem Wandschrank und flüchtet sich auf die Veranda, wo sie sich zitternd zusammenkauert.

Sie richtet ihren Blick auf die Straße. Eine schwere blaue Abenddämmerung hat sich über das Land gelegt und drückt den Himmel zu Boden. Mittlerweile sollte sich längst eine triste Prozession aus Scheinwerfern die von hohen schwarzen Kiefern gesäumte Auffahrt heraufbewegen. Doch es ist nichts zu sehen, und das einzige Geräusch ist das Pfeifen des Windes über den Feldern.

Trudy wartet, bis es zu dunkel ist, um etwas zu erkennen. Dann geht sie zurück ins Haus und schaltet beim Eintreten das Licht an. Sie findet Anna immer noch im Speisezimmer, wo sie nun am Kopfende des Tisches sitzt. Trudy kann Anna kaum von den Schatten um sie herum unterscheiden. Sie ist lediglich ein weiterer fester schwarzer Umriss, wie die Möbelstücke um sie herum.

Trudy tastet nach dem Lichtschalter, dann verströmt das Milchglas des Kronleuchters einen fahlen Schein. Eine der Glühbirnen ist durchgebrannt.

Ich glaube, es kommt keiner, sagt sie zu Anna.

Anna scheint sie nicht gehört zu haben. Sie spielt mit einem Platzdeckchen herum, kämmt seine Fransen zu geraden Linien. Sie sieht müde aus, denkt Trudy. Womöglich ist sie etwas blasser als gewöhnlich. Doch der Verlust ihres Ehemannes wird bei ihr keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Annas Schönheit ist unerschütterlich. Auch wenn es nicht Annas Schuld ist, empfindet Trudy es beinahe als persönlichen Affront, dass ihre Mutter sogar jetzt noch so ruhig und strahlend wirkt, selbst als Dreiundsiebzigjährige in Trauerkleidung.

Trudy setzt an, um noch etwas hinzuzufügen – sie hat keine Ahnung, ob es ein Tut mir leid oder Was hast du denn erwartet? sein wird –, doch Anna hindert sie daran, indem sie nickt und aufsteht. Ohne auch nur einen Blick auf Trudy oder das unberührte Essen zu werfen, schreitet sie durch die Doppeltür. Während Anna über den Wohnzimmerteppich geht, hört Trudy einen Moment lang gar nichts, dann vernimmt sie das Aufschlagen von Annas Absätzen auf der Treppe und im Flur über ihr. Danach ertönt das Quietschen von Federn, als Anna sich auf das Bett setzt, das sie mehr als vier Jahrzehnte lang mit Jack geteilt hat. Dann wieder Stille.

Trudy verharrt für eine Weile an ihrem Platz und lauscht. Als kein weiterer Laut zu hören ist, schlendert sie in die Küche und schenkt sich etwas von dem Kaffee ein, den Anna in einem riesigen Kessel gekocht hat. Trudy steht an der Spüle und wärmt sich die Hände an der Tasse, statt daraus zu trinken, da diese immer noch steif von der Kälte draußen sind. Sie blickt aus dem Fenster in die Richtung, von der sie weiß, dass dort New Heidelberg liegt, auch wenn sie von hier aus noch nicht einmal den schwachen Striemen der Lichter am Horizont erkennen kann.

Trudy nimmt einen Schluck Kaffee. Warum sollte sie überrascht sein? In Wahrheit ist sie es nicht. Die Leute aus der Gegend haben Jack bereits in der Kirche ihren Respekt erwiesen. Und nun, da er fort ist, haben sie keinen Grund mehr, nett zu seiner Witwe oder deren Tochter zu sein. Wie sie es schon seit Jahren tun wollten, seit Jack Anna damals in dieses Land brachte, haben die New Heidelberger sich nun endgültig von ihr abgewandt.

Anna und Max
Weimar 1939–1940

1

Der Abend verläuft eigentlich wie immer, bis der Hund zu würgen beginnt. Und selbst dann macht Anna sich zunächst nicht die Mühe, sich von den Rouladen abzuwenden, die sie für das Abendessen füllt, das sie gemeinsam mit ihrem Vater Gerhard einnehmen wird, da ihr die angestrengten Laute des Dackels nicht ungewöhnlich erscheinen. Der Hund namens Spätzle verschlingt ständig irgendetwas, das er nicht fressen sollte, fällt über Hühnerkadaver her und verschluckt ganze Brotkanten, ohne zu kauen, und diese Gier wird unweigerlich gefolgt von Würgelauten. Anna hält ihn für eine scheußliche kleine Kreatur, und zwar seit sie ihn vor fünf Jahren zu ihrem vierzehnten Geburtstag bekam, ein Geschenk ihres Vaters kurz nach dem Tod ihrer Mutter, wie als Ersatz. Vielleicht ist es ungerecht, Spätzle dafür zu hassen, doch darüber hinaus hat er ständig schlechte Laune und schnappt mit seinen gelblichen Reißzähnen nach jedem außer Gerhard, so dass er eigentlich eher das Haustier ihres Vaters ist. Und er ist übermäßig fett, da Gerhard ihm ständig Leckerbissen zusteckt, obwohl er Anna stets anbellt: Füttere! den Hund! nicht! vom Tisch!

Nun ignoriert Anna Spätzle und wünscht sich, ihre Hände wären nicht in der Rührschüssel beschäftigt, damit sie sie sich an die Ohren legen könnte, doch als das Würgen nicht nachlässt, dreht sie sich beunruhigt zu ihm um. Zwischen Rmmmp-rmmmp-rmmmp-Geräuschen schnappt er immer wieder nach Luft, und seine lange Schnauze ist schaumbefleckt. Anna lässt die Rouladen stehen und beugt sich über ihn, stemmt seinen Kiefer auf, um heranzukommen an das, was auch immer in seiner Luftröhre feststeckt, doch ihre Finger, die bereits vom Fleisch ganz fettig sind, finden keinen Halt im glitschigen Rachen des Hundes. Seine Bemühungen, das Objekt herunterzuschlucken, scheinen schließlich erfolgreich zu sein, doch Anna will das Ergebnis nicht dem Zufall überlassen. Was, wenn das, was er gefressen hat, giftig ist? Wenn der Hund sterben sollte? Mit einem ängstlichen Blick in Richtung des Arbeitszimmers ihres Vaters wirft Anna sich ihren Mantel über, schnappt sich den Dackel und rennt aus dem Haus, ohne auch nur die schmutzige Schürze abzulegen.

Da keine Zeit bleibt, um Spätzle zu ihrem Arzt im Herzen von Weimar zu bringen, beschließt Anna, es bei einer näher gelegenen Praxis in den heruntergekommenen Außenbezirken zu versuchen, die sie noch nie betreten hat, an der sie jedoch bei ihren täglichen Gängen in die Stadt schon oft vorbeigekommen ist. Sie rennt die gesamte Strecke und hat alle Mühe, den Hund festzuhalten, der sich empört in ihren Armen windet, ein rutschiger Schlauch aus Muskeln. Unter flackernden Gaslampen hinweg, über verrottende Oktoberblätter auf den Bürgersteigen, die sich nach Jahrzehnten von Frost und Tau heben und senken: Endlich biegt Anna in eine Straße mit einer Reihe von schmalen, vernachlässigten Häusern ein, die noch immer die Narben des letzten Krieges tragen, und da ist auch das bronzene Namensschild: DOKTOR MAXIMILIAN STERN. Anna drückt die Tür mit der Hüfte auf und eilt an der Rezeption vorbei ins Untersuchungszimmer.

Der Herr Doktor hält gerade sein Stethoskop an die Brust einer Frau, deren Fleisch sich wie Speck um ihren Musselin-Büstenhalter herum kräuselt. Die Patientin entdeckt Anna vor dem Arzt, zeigt mit dem Finger auf sie und lässt einen kurzen heiseren Schrei ertönen. Der Doktor zuckt erschrocken zusammen und richtet sich auf.

Wer auch immer Sie sind, setzen Sie sich ins Wartezimmer, fährt er sie an. Ich bin gleich für Sie da.

Bitte, keucht Anna. Der Hund meines Vaters, er hat etwas Giftiges gefressen, ich glaube, er stirbt.

Der Doktor dreht sich um und zieht eine Augenbraue hoch.

Sie können sich anziehen, Frau Rosenberg, erklärt er seiner Patientin. Sie haben nur eine leichte Bronchitis, nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten. Ich gebe Ihnen das übliche Rezept. Wenn Sie mich nun entschuldigen, ich muss mich um dieses arme Tier kümmern.

Also!, empört sich die Frau, während sie sich ihre Hemdbluse überzieht. Also! Das hätte ich nicht erwartet, wegen eines Hundes vernachlässigt zu werden.

Sie greift nach ihrem Mantel und drängt sich mit einem theatralischen Schnaufen an Anna vorbei.

Als die Tür ins Schloss fällt, tritt der Doktor schnell auf Anna zu und nimmt ihr ihre Last ab, und sie bildet sich ein, dass er ihr über seine Brillengläser hinweg den Hauch eines komplizenhaften Blicks zuwirft. Sie lässt den Kopf in Vorahnung des zweiten, freudig überraschten Blicks sinken, den sie von Männern stets zu erwarten hat. Doch stattdessen hört sie, wie seine Schritte sich entfernen, und als sie wieder nach oben sieht, kehrt er ihr den Rücken zu und beugt sich über den Dackel auf dem Tisch.

Na, was haben wir denn da, murmelt er.

Anna beobachtet ängstlich, wie er dem Hund ins Maul greift und sich dann umdreht, um eine Spritze vorzubereiten. Seine geschickten Handbewegungen und das Spiel der Muskeln unter seinem dünnen Hemd haben eine tröstliche Wirkung auf sie. Er ist groß und schlank, fast schon hager. Er kommt ihr außerdem sonderbar bekannt vor, auch wenn Anna ganz sicher noch nie hier gewesen ist.

So dankbar ich Ihnen dafür bin, mich von Frau Rosenberg erlöst zu haben, muss ich doch sagen, dass dies ein reichlich unorthodoxer Besuch ist, Fräulein, erklärt der Doktor während der Arbeit. Haben Sie etwa den Eindruck, ich sei ein Tierarzt? Oder dachten Sie, ein jüdischer Arzt wäre dankbar, auch nur einen Hund behandeln zu dürfen?

Jüdisch? Anna blickt mit halb zugekniffenen Augen auf das blonde Haar des Doktors, das zwar glatt ist, ihm jedoch in Wirbeln und Stacheln vom Kopf absteht. Im Nachhinein fällt ihr der an die Tür der Arztpraxis gemalte Davidstern ein. Natürlich weiß sie, dass dies das jüdische Viertel ist, doch sie hat in ihrer Panik keinen Gedanken daran verschwendet.

Nein, nein, protestiert Anna. Natürlich nicht. Ich habe ihn hergebracht, weil Sie am nächsten waren.

Sie zuckt zusammen, als ihr bewusst wird, wie das nun wiederum klingt.

Es tut mir leid, sagt sie. Ich wollte Sie nicht kränken.

Der Doktor lächelt ihr über die Schulter zu.

Nein, ich bin derjenige, der sich entschuldigen muss, erwidert er. Es sollte ein Witz sein, doch es war grob von mir. In diesen Zeiten bin ich tatsächlich dankbar für jeden Patienten, ob es sich nun um andere Juden oder um Dackel handelt. Sie sind arisch, Fräulein, nicht wahr? Sie wissen sicher, dass Sie das Gesetz gebrochen haben, als Sie dieses Haus betraten.

Anna nickt, obwohl sie auch daran nicht gedacht hat. Der Doktor richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf den Hund.

Gleich haben wir’s, gleich haben wir’s, murmelt er. Ah, da ist ja der Übeltäter.

Er hält etwas hoch, damit Anna es sich ansehen kann: ein Stück von einer ihrer Monatsbinden, spuckedurchtränkt und voller Blutflecken.

Anna schlägt sich beschämt die Hände vors Gesicht.

Ach, du lieber Gott, ruft sie. Dieser elende Hund!

Herr Doktor Stern lacht und wirft die Binde in einen Abfalleimer.

Es hätte schlimmer sein können, meint er.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie …

Er hätte etwas wirklich Giftiges fressen können. Schokolade zum Beispiel.

Schokolade ist giftig?

Für Hunde schon, Fräulein.

Das wusste ich nicht.

Nun, jetzt wissen Sie es.

Anna fächelt ihren glühenden Wangen Luft zu.

Unter diesen Umständen bin ich mir nicht sicher, ob mir das nicht lieber gewesen wäre, meint sie.

Der Doktor lacht, ein kurzes Bellen, und tritt ans Waschbecken, um sich die Hände einzuseifen.

Sie brauchen sich nicht zu schämen, Fräulein, sagt er. Nihil humanum mihi alienum est – nichts Menschliches ist mir fremd. Und im Übrigen auch nichts Hündisches. Aber Sie sollten besser darauf achtgeben, was Sie dem kleinen Burschen zu fressen geben – als Mahlzeit, meine ich. Er ist viel zu dick.

Daran ist mein Vater schuld, erklärt Anna. Er steckt dem Hund ständig Essensreste zu.

Nun sieht Herr Doktor Stern sie noch einmal aufmerksamer an. Ihr Vater – das ist Herr Brandt, nicht wahr?

Ja, das stimmt.

Ah, macht der Doktor und legt Spätzle in Annas Arme. Die Augen des Dackels sind glasig. Derart schlaff scheint er so schwer zu sein wie ein Pflasterstein.

Ein mildes Beruhigungsmittel und Muskelrelaxans, erklärt der Doktor. Damit ich sie herausziehen konnte, die … Wie dem auch sei, er wird bald wieder ganz der Alte sein, vorausgesetzt, Sie halten ihn fern von Süßigkeiten und anderem, sagen wir, Ungenießbarem.

Er zieht seine Brille ein wenig hinunter und schenkt Anna ein Lächeln, das diese länger erwidert, als sie sollte. Dann reißt sie sich zusammen und verlagert die Position des Hundes, um in ihrer Manteltasche verlegen nach ihrem Geldbeutel zu kramen.

Was schulde ich Ihnen?, fragt sie.

Der Doktor winkt ab.

Keine Gebühr, erwidert er. Das ist das mindeste, was ich tun kann, wenn man mein letztes, unglückseliges Wirken in Ihrer Familie bedenkt.

Er wendet sich ab, und Anna denkt: Natürlich. Jetzt weiß sie, wo sie ihn schon einmal gesehen hat. Er hatte Annas Mutter in den letzten Tagen ihrer Krankheit behandelt, der einzige Arzt in ganz Weimar, der bereit war, zu ihnen nach Hause zu kommen. Anna erinnert sich daran, wie Herr Doktor Stern im Flur des ersten Stocks mit den in seiner Tasche klirrenden Ampullen an ihr vorbeieilte, wie er, als er die kläglich in der Ecke stehende Anna entdeckte, innehielt, ihr sanft unters Kinn griff und sagte: Alles wird gut, Kleines. Sie erinnert sich ebenfalls daran, wie Gerhard als erste Reaktion auf den Tod seiner Frau schimpfte: Es ist allein seine Schuld, dass sie sich nicht erholt hat. Was soll man auch anderes von einem Juden erwarten? Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass er sie anfasst.

Sie hatten früher einen Bart, stellt Anna nun fest, einen roten Bart.

Der Doktor schabt sich mit der Hand über den Kiefer, was ein leise kratzendes Geräusch verursacht.

Ach, ja, das hatte ich, bestätigt er. Ich habe ihn letztes Jahr abrasiert, um jünger zu wirken. Eitel in jedem Sinne des Wortes.

Anna lächelt erneut. Wie alt ist er wohl? Bestimmt nicht älter als Mitte dreißig. Er trägt keinen Ehering.

Er öffnet ihr mit einer höflichen kleinen Geste die Tür. Anna bleibt in der Nähe des Apothekerschrankes stehen und sucht nach etwas, das sie ihn noch fragen könnte, überlegt, ob sie vielleicht so tun könnte, als interessierte sie sich für die Glasgefäße mit den Arzneimitteln und Zungenspateln oder das in einer Ecke des Raumes stehende Skelett mit dem Filzhut auf dem Schädel. Der Doktor wirkt jedoch mittlerweile ungeduldig, also seufzt Anna leise und umgreift den Hund noch fester.

Vielen Dank, Herr Doktor, murmelt sie, als sie an ihm vorbeihastet und unter dem Geruch des Desinfektionsmittels die Gewürzseife auf seiner Haut wahrnimmt.

Gern geschehen, Fräulein.

Der Doktor lässt ein kleines, fahriges Lächeln aufblitzen und ruft ins Wartezimmer hinein: Maizel!

Ein kleiner Junge mit langen, über seine Ohren wippenden Locken und einem Arm in einer Schlinge huscht auf Anna zu. Ihm folgt ein älterer jüdischer Herr in einem abgetragenen schwarzen Mantel. Ihre Stirnlocken erinnern Anna an Sägespäne. Sie drückt sich gegen die Wand, um die beiden an sich vorbeizulassen.

Als sie in den kühlen Abend hinaustritt, wirft Anna einen wehmütigen Blick zurück auf die Praxis. Dann erinnert sie sich mit Unbehagen an ihren Vater. Es ist spät, und Gerhard wird wütend sein, dass sein Abendessen verschoben wurde. Er besteht darauf, dass ihm seine Mahlzeiten mit militärischer Präzision serviert werden. Anna folgt einer plötzlichen Eingebung, macht kehrt und eilt auf die nur wenige Straßen entfernte Bäckerei zu. Eine Sachertorte, Gerhards Lieblingsnachtisch, wird ihr eine Entschuldigung dafür liefern, dass sie um diese Uhrzeit noch unterwegs ist – denn sie wird ihm ganz bestimmt nichts von dem Debakel mit dem Hund erzählen –, und könnte seinen Zorn dämpfen.

Wie alles andere in dieser tristen Gegend ist die Bäckerei recht unansehnlich. Sie hat noch nicht einmal einen Namen. Anna fragt sich, weshalb Frau Staudt, die Besitzerin, sich nicht entschließt, sie aus dem jüdischen Viertel heraus zu verlegen, da sie schließlich genauso arisch ist wie Anna selbst. Doch ganz gleich, so heruntergekommen der Laden auch sein mag, sind seine Backwaren doch die besten von ganz Weimar. Anna erreicht ihn gerade in dem Augenblick, als die Bäckerin das Schild von Offen auf Geschlossen umwendet. Anna klopft ans Fenster und verzieht verzweifelt das Gesicht, und Frau Staudt, deren beträchtlicher Körperumfang so eng in ihre Schürze geschnürt ist, dass diese beinahe aus allen Nähten platzt, reißt die Hände hoch.

Sie schließt die Tür auf und murrt mit ihrer dünnen, abweisenden Stimme: Und was willst du nun? Eine Linzer Torte? Den Mond?

Eine Sachertorte?, bittet Anna und setzt ihr gewinnendstes Lächeln auf.

Eine Sachertorte! Sachertorte wünscht die Prinzessin … Ich nehme auch nicht an, dass du die richtigen Lebensmittelmarken hast.

Nun …

Das dachte ich mir.

Doch die verwitwete und kinderlose Bäckerin hat der Halbwaisen Anna gegenüber schon lange gewisse mütterliche Gefühle entwickelt, und da sich im Hinterzimmer tatsächlich eine kostbare Sachertorte befindet, gelingt es Anna, mit einem Mitleid heischenden Gesichtsausdruck die Hälfte davon auf Kredit zu erbetteln.

Als dies vollbracht ist, kehrt sie nach Hause zurück, so schnell es ihr mit der Tortenschachtel unter dem einen und dem Dackel, der langsam wieder anfängt, sich zu drehen und zu winden, unter dem anderen Arm möglich ist. Und wieder hat Anna Glück: Als sie sich durch den Dienstboteneingang hineinschleicht, dringt ein anschwellender Wagner-Chor aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters. Gerhards Laune ist also erträglich. Vielleicht hat er nicht einmal bemerkt, wie spät es ist. Anna legt den Hund in sein Körbchen und blickt nachdenklich auf die Anrichte. Die Rouladen waren nun so lange ungekühlt, dass sie wahrscheinlich verdorben sind. Anna wird stattdessen aus den Resten vom letzten Abendessen einen Eintopf zubereiten müssen.

Während sie hastig die Zutaten für den Schmortopf zusammensucht, bröckelt sie kleine Stückchen vom Kuchen ab und steckt sie sich in den Mund. Die kalte Abendluft hat sie hungrig gemacht. Bei Spätzle scheint sie ebenfalls Wunder gewirkt zu haben, da er sich genauso schnell erholt, wie der Doktor es versprochen hat. Er watschelt aus seinem Körbchen, um zwischen ihren Füßen zu lauern, starrt mit wachem Interesse auf Annas Hand und beobachtet die Bewegung der Sachertorte von der Schachtel in ihren Mund. Nachdem es jedoch nicht so aussieht, als wollte Anna ihm etwas davon anbieten, lässt er eine Salve Kläffer ertönen.

Still, befiehlt Anna.

Sie schneidet sich selbst ein Stückchen Kuchen ab und verspeist dieses langsam, genießt die dunkle Schweizer Schokolade und durchkämmt ihre Erinnerung nach weiteren Einzelheiten von Herrn Doktor Sterns Hausbesuch vor fünf Jahren. Ihr fällt ein, dass der rote Bart ihn hatte aussehen lassen wie der holländische Maler van Gogh, dessen Selbstporträts einmal in Weimars Schlossmuseum ausgestellt wurden. Auch ohne den Bart ist die Ähnlichkeit immer noch verblüffend, denkt Anna: das schmale Gesicht, der traurige Glanz der blauen Augen, die Müdigkeitsfalten, die sich um seinen Mund herum eingegraben haben, die jedoch auch seinen Humor durchscheinen lassen.

Anna seufzt. In der Zeit vor dem Reich hätte sie den Doktor mit irgendeiner erfundenen Krankheit erneut aufsuchen können. Mit etwas sorgfältiger Planung hätte sie ihn womöglich sogar außerhalb der Arbeit treffen können. Aber jetzt? Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass Anna einen jüdischen Arzt aufsucht. Tatsächlich ist es sogar verboten, wie der Doktor selbst ihr in Erinnerung gerufen hat. Nicht, dass Anna solchen Dingen je viel Beachtung geschenkt hätte.

Sie beißt niedergeschlagen von ihrem Kuchen ab, und Spätzle bellt erneut.

Sei still, verlangt Anna geistesabwesend.

Dann blickt sie auf den Hund hinunter. Ermutigt durch Annas nachdenklichen Gesichtsausdruck beginnt er zu jaulen und mit dem Schwanz zu wedeln. Anna lächelt ihm zu und schneidet noch ein Stück Kuchen ab, diesmal ein etwas größeres. Sie zögert kurz, während die Schokolade in ihrer Handfläche schmilzt. Dann ruft sie: Hier, Junge, und lässt es auf den Boden fallen.

2

Schach, sagt der Doktor.

Anna blickt stirnrunzelnd auf die Konstellation ramponierter Figuren auf den creme- und eichenholzfarbenen Quadraten. Max hat ihr erzählt, dass dieses Schachspiel einst seinem Vater und davor dessen Vater gehörte. Eine der ursprünglichen schwarzen Figuren ist verlorengegangen und wurde durch einen Stummel Kohle ersetzt, und bei Annas Dame fehlt die Krone. Außerdem sitzt sie in einer Ecke fest.

Anna ist keine blutige Anfängerin in diesem Spiel. Sie hat dessen Grundlagen bereits als Kind erlernt, auf den Knien ihres Großvaters mütterlicherseits. Doch der Unterricht bei Max in den letzten vier Monaten hat ihr die klare Logik der Züge offenbart, das Zusammenspiel der Figuren, das kluge geometrische Geflecht. Max hat sie auch wieder an die leidenschaftliche Freude am reinen Lernen herangeführt, die Anna seit dem Sprachunterricht auf dem Gymnasium nicht mehr empfunden hatte. Jetzt sieht Anna abends beim Einschlafen das Schachbrett auf ihre Augenlider tätowiert, auf dem sie die Figuren endlos zu immer neuen Anordnungen umstellt. Und sie macht Fortschritte.

Aber Max ist so viel besser als sie! Noch immer ist jede Partie mit ihm eine Demütigung. Ebenso wie ihre heimlichen Abende hier, empfindet Anna mittlerweile. Max ist noch komplizierter als ihre gemeinsamen Spiele. Es ist zwar wahr, dass er jedes Mal, wenn Anna ungebeten an seiner Hintertür auftaucht, erfreut über ihren Anblick wirkt und stets ausruft: Anna, ist das nicht komisch? Ich hatte das Gefühl, dass du vorbeikommen würdest. Und Anna hat ihn auch schon dabei ertappt, wie er sie mit der gesunden männlichen Bewunderung musterte, die sie gewohnt ist. Dennoch beschränkt Max seine Komplimente auf Bemerkungen zu ihrer Kleidung, wie etwa einem Seidenschal, der das Blau ihrer Augen zur Geltung bringt. Er verhält sich wie ein liebevoller Onkel. Es ist zum Verrücktwerden.

Gerade betrachtet er sie amüsiert über den Rand seiner Brille hinweg.

Bist du bereit, dich geschlagen zu geben?, fragt er.

Noch nicht, erwidert Anna.

Sie betrachtet das Brett eingehend. Ihre Hand schwebt über einem ihrer Springer. Dann steht sie auf und geht zum Herd.

Darf ich noch einen Tee kochen?, fragt sie und greift nach der Blechdose auf dem obersten Regalbrett. Die Bewegung lässt ihren Rock fast zehn Zentimeter über ihre Knie rutschen. Er ist ein altmodisches Kleidungsstück, da man längst keine Bleistiftsilhouette mehr trägt, doch er ist auch der kürzeste, den sie besitzt.

Du stehst immer noch im Schach, Anna, bemerkt Max. Könnte es etwa sein, dass du gerade versuchst, mich mit deinem hübschen Rock abzulenken?

Anna wirft ihm über die Schulter einen Blick zu.

Funktioniert es?

Max lacht.

Das erinnert mich an einen Witz, den der Rabbi meines Vaters immer erzählt hat, meint er. Warum beantwortet ein Jude eine Frage immer mit einer Gegenfrage?

Ich weiß es nicht, antwortet Anna und hantiert mit dem Tee. Warum?

Warum nicht?

Anna schneidet eine Grimasse und sieht sich in Max’ Küche um, während sie darauf wartet, dass das Teewasser kocht. Wie die restlichen Räume hinter seiner Praxis ist sie klein, aber ordentlich. Jede Tasse hängt an ihrem Haken, die Gewürze im Küchenschrank sind alphabetisch geordnet, der Boden ist gefegt. Auf einem gegen eine Wand gelehnten Leiterregal stehen sogar ein paar Pflanzen, die sich dem kalten, lilaweißen Licht einer merkwürdigen Lampe entgegenrecken. Doch ein paar Haushaltsarbeiten hat Max entweder vernachlässigt, oder er hat ihre Notwendigkeit gar nicht erst erkannt: Die rautenförmigen Scheiben in den Fenstern mit Stabwerk müssten einmal ordentlich mit Zeitungspapier und Essig gereinigt werden, und wenn man mit dem Finger über die Fensterbank fahren würde, bekäme dieser einen Staubpelz. Dinge, die nur einer Frau auffallen: Dies ist eindeutig ein Junggesellenhaushalt, denkt Anna und blickt mit einem liebevollen Lächeln auf ihre angeschlagene Teetasse.

Da der Teekessel sich an die Maxime hält, nach der etwas besonders lange dauert, wenn man darauf wartet, und sich stur weigert zu pfeifen, kehrt Anna dem Herd den Rücken zu und schlendert in Richtung der Pflanzen.

Wie heißt diese hier?, fragt sie und beugt sich über ein dunkelgrünes Blatt.

Sie hört das Schaben von Max’ Stuhlbeinen, als dieser aufsteht, um sich hinter sie zu stellen.

Das ist eine Monstera deliciosa, erklärt er, ein köstliches Fensterblatt.

Aha. Dabei sieht sie gar nicht so köstlich aus. Und die hier?

Max legt Anna beiläufig eine Hand auf die Schulter, während sie sich gemeinsam vorbeugen. Anna hält die Luft an und blickt aus dem Augenwinkel auf die langen, geschickten Finger mit den gerade geschnittenen Nägeln.

Ein Zierspargel, antwortet Max. Asparagus densiflorus sprengerii.

Anna starrt auf einen einzelnen Farnwedel auf der Suche nach Licht, der blind und empfindlich unter dem Ansturm ihres vermischten Atems erzittert. Als Max seine Hand von ihrer Schulter nimmt, bildet sie sich ein, dass sie ihre Wärme dort noch immer spüren kann, als hätte sie einen strahlenden Abdruck hinterlassen.

Er zeigt auf ein weiteres Exemplar mit gestreiften Blättern.

Und das hier, sagt er und blickt Anna über den Drahtrand seiner Brille hinweg an, ist Zebrina pendula, zu Deutsch Zebra-Ampelkraut, doch auf Englisch wird sie auch Wandering Jew, also wandernder Jude, genannt. Ein Geschenk eines ehemaligen Patienten, der meines Wissens mittlerweile in Kanada ist. Passender Name, findest du nicht?

Anna tritt ein paar Schritte zurück.

Wahrscheinlich, erwidert sie.

Sie setzt sich wieder vor das Schachbrett. Lächelt Max, als er es ihr nachtut? Anna bewegt ihren Turm rasch, ohne vorherige Überlegung.

Max schiebt sich seine Brille auf die Stirn, als hätte er dort ein weiteres Paar Augen.

Da haben wir die Bescherung!, seufzt er. Du hast meinen Plan vollkommen durchkreuzt, junge Dame.

Anna beobachtet ihn heimlich, während er das Schachbrett genauestens prüft und dabei die Hände in seinem undisziplinierten hellen Haar vergräbt. Er berührt seinen Turm mit dem Zeigefinger.

Verrate mir etwas, fordert er sie auf. Dein Vater. Ist er Parteimitglied?

Seine Neigungen gehen in diese Richtung, ja, erwidert Anna vorsichtig.

Max reibt sich das Kinn.

Das habe ich mir gedacht, sagt er. Er machte auf mich diesen Eindruck. Er ist ein – rechthaberischer Mensch, oder?

Das könnte man so sagen.

Mmmm. Und verrate mir noch etwas, liebe Anna. Ich habe mich das gefragt. War es sehr schwer für dich, die letzten fünf Jahre ganz allein mit ihm zu leben? Du wirkst so … einsam.

Im Raum ist es so still, dass Anna das Sprudeln des Wassers im Topf hören kann. Trotz der erstaunlichen Ungezwungenheit dieser abendlichen Unterhaltungen, die Anna jede Nacht in ihrem Kinderbett noch einmal in Gedanken durchgeht, ist dies das erste Mal, dass Max sie etwas so Persönliches gefragt hat. Sie würde ihm gern eine Antwort geben, doch die bleibt ihr im Hals stecken.

Max streicht mit der Hand über den Turm.

Ein Elternteil zu verlieren, sagt er an diesen gewandt, ist eine Erfahrung, die das Leben tiefgreifend verändert, nicht wahr? Als Kind hatte ich oft dieses Gefühl von Gott ist im Himmel, und in Ordnung ist die Welt – das ist von Robert Browning, einem englischen Dichter. Doch seit mein Vater im Krieg gefallen ist, bin ich jeden Morgen mit dem Wissen aufgewacht, dass ich diese absolute Sicherheit nie wieder empfinden werde. Nichts ist je wieder ganz richtig, nachdem ein Elternteil gestorben ist, oder? Egal, wie gut die Dinge laufen, man hat stets das Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz stimmt …

Während Max spricht, wird Anna von gleichzeitig auf sie eindringenden Erkenntnissen gelähmt, von denen die erste die Tatsache ist, dass seit dem Tod ihrer Mutter nie jemand mit ihr darüber gesprochen hat. Anfangs kamen die Nachbarn mit Plattitüden und Tellern voller Essen vorbei, und es gab wohlmeinende Einladungen von entfernten Verwandten, die Feiertage bei ihnen und den Sommer in ihren Landhäusern zu verbringen. Doch niemand brachte je den Mut, die schlichte menschliche Güte auf, sie zu fragen, wie sie sich nach diesem Verlust fühlte. Das Thema direkt anzusprechen.

Und dann Max’ Kommentar über ihre Einsamkeit: Wie kann er das bloß wissen? Anna blickt über den Tisch auf sein schmales Gesicht. Obwohl sie von Natur aus zurückhaltend ruhig ist und darüber hinaus auch einigen Neid auf sich zog, weil sich stets alle Jungen nach ihr umdrehten, hatte Anna doch eine Zeit lang Freundinnen, Schulkameradinnen gehabt, bei denen sie sich in der Pause unterhakte, Bekannte, mit denen sie Klassentratsch austauschte. Doch das Aufkommen des Reiches, das mit dem Tod ihrer Mutter zusammenfiel, bereitete all dem rasch ein Ende. Die Aktivitäten des Bundes Deutscher Mädel, dem Anna mit den anderen Mädchen zusammen beitrat, erschienen ihr stumpfsinnig und lösten ein vage ungutes Gefühl bei ihr aus. Während patriotischer Freudenfeuer im Wald auf dem Ettersberg oder bei Schwimmausflügen mit den Jungen von der Hitlerjugend beobachtete Anna die fröhlich singenden Gesichter und dachte nur daran, was sie zu Hause noch erwartete: das Kochen und Putzen, das düstere, leere Bett ihrer Mutter. Sie nahm immer seltener teil und gab als Begründung die Hausarbeit und die Bedürfnisse ihres Vaters an, und irgendwann kamen dann keine Freundinnen mehr die Auffahrt zu ihrem Haus heraufgelaufen, und auch ihre Einladungen an Anna wichen einem verständnislosen Schweigen.

Und so ist Anna nur noch ihr Vater geblieben, dessen Anforderungen an sie, die sie einst als Ausrede nutzte, zweifellos real genug sind. Sie denkt an Gerhard, wie er seine Morgentoilette verrichtet, im Morgenmantel durchs Haus läuft, sich räuspert und in eins der Taschentücher spuckt, die er überall im Haus verstreut liegen lässt, damit Anna sie aufhebt und für ihn wäscht. Sie muss ihm täglich den ergrauten Bart stutzen und alle zwei Wochen die Haare schneiden. Seine Laken müssen, wie seine Hemden, gestärkt und gebügelt werden. Sie muss ihm seine Leibgerichte zubereiten und ihre eigenen Vorlieben dabei außer Acht lassen, um die Mahlzeit danach in ängstlicher Stille zu ertragen, die lediglich durch das Rascheln von Gerhards Zeitung, dem Stürmer, und seine aufbrausenden Schmähreden gegen die Übeltaten der Juden unterbrochen wird. Wie sehr wünscht Anna sich, er wäre statt der Mutter gestorben!

Max versetzt seinen Turm.

Schach, sagt er und blickt auf.

Oh, Anna. Es tut mir leid.

Anna schüttelt den Kopf.

Ich wollte dich nicht traurig machen, beteuert Max.

Das hast du nicht, versichert Anna ihm, als sie schließlich die Sprache wiederfindet. Ich bin nur erschrocken darüber, wie gut du es in Worte gefasst hast. Es ist, als wäre man Mitglied in einer Art Verein, nicht wahr? Der Verein der Trauernden. Über den Beitritt entscheidet man nicht selbst, er wird einem aufgedrängt. Und die Mitglieder, deren Leben verändert worden ist, wissen mehr als die, die kein Teil davon sind, aber der Preis, den man zahlt, um dazuzugehören, ist so furchtbar hoch.

Max kippt mit dem Stuhl nach hinten und betrachtet Anna für einen langen Moment, während er sich mit der Hand über das Gesicht und den Hals fährt.

Ja, erwidert er dann. Ja, das trifft es sehr gut.

Dann schlagen die Beine seines Stuhls wieder auf dem Boden auf, und er erhebt sich.

Wo wir gerade von deinem Vater sprechen, fährt er lächelnd fort, möchtest du sehen, wie es seinem Hund geht?

Anna sieht ihn traurig an, enttäuscht über diese Rückkehr zu oberflächlicheren Gesprächsthemen. Doch als Max sie herbeiwinkt, steht sie gehorsam auf und folgt ihm.

Nachdem er die Flamme unter dem Teekessel heruntergedreht hat, ergreift Max Annas Ellbogen und führt sie zu einer Tür an der Rückseite des Hauses, von der Anna erwartet, dass sie sich in einen Garten öffnet. Stattdessen findet sie sich in einem dunklen Schuppen wieder, in dem es muffig nach Stroh und Tieren riecht. Sie vernimmt ein belegtes, schläfriges Bellen, und als Max eine Petroleumlampe anzündet, sieht Anna, dass er dort eine behelfsmäßige Tierpension eingerichtet hat. Neben Spätzle befinden sich fünf weitere Hunde in einzelnen Käfigen, und aus einer Ecke nimmt Anna das grüne Funkeln der Augen einer Katze wahr, die über einen Wurf kleiner Kätzchen wacht. Es gibt sogar einen Kanarienvogel in einem Bauer, der den Kopf unter einen Flügel gesteckt hat.

Anna geht zu Spätzle hinüber.

Hallo, Junge, sagt sie.

Der Dackel knurrt sie an. Anna zieht ihre Hand von dem Drahtkäfig zurück.

Wie ich sehe, hat sich sein Charakter nicht verbessert, bemerkt sie.

Vielleicht würde er das tun, wenn du aufhören würdest, den Hund mit Schokolade vollzustopfen, erwidert Max hinter ihr.

Anna wird rot. Ich habe dir doch gesagt, das ist das Werk meines Vaters.

Ach ja, natürlich, meint Max. Das hast du gesagt.

Anna dreht sich um und blickt in sein wissend lächelndes Gesicht. Mit glühenden Wangen bückt sie sich, um einen Terrier zu betrachten.

Du bist also doch Tierarzt, kommentiert sie.

Max antwortet nicht sofort, und als Anna sicher ist, dass die Rötung aus ihrem Gesicht gewichen ist, fährt sie erneut herum, um ihn fragend anzusehen. Er steht mit den Händen in den Hosentaschen da und betrachtet die Tiere mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, zärtlich und grimmig zugleich.

Ich bin eher ein Zoowärter, meint er. Und zwar unfreiwillig. Nicht, dass ich Tiere nicht lieben würde. Das tue ich, wie man sieht. Doch diese hier wurden meiner Obhut übergeben. Zurückgelassen.

Zurückgelassen?

Von meinen Freunden und Patienten, die ausgewandert sind, nach Israel, Nord-, Süd- und Mittelamerika, wo auch immer sie aufgenommen werden. Menschen, die ich mein ganzes Leben lang gekannt habe – fort, pfft! Einfach so.

Max schnipst mit dem Finger, und der Kanarienvogel hebt den Kopf, um ihn überrascht und aufgebracht anzublinzeln.

Anna vergräbt einen Zeh im Stroh.

Ist die Situation wirklich so schlimm für … für deine Leute?

Schlimmer, als du dir vorstellen kannst. Und sie wird sich noch weiter verschlechtern. Die Dinge, die ich gehört und gesehen habe …

Als er den Gedanken nicht zu Ende bringt, fragt Anna: Und du? Weshalb gehst du nicht auch?

Sie senkt den Blick, hält den Atem an und betet darum, dass er nicht zustimmend antwortet. Doch Max lässt nur ein kurzes, bitteres Lachen erklingen.

Was? Ich soll all das hier zurücklassen?, fragt er.

Anna hebt den Kopf. Er beobachtet sie neugierig.

Einsamkeit zerfrisst einen, fügt er hinzu.

Annas Augen füllen sich mit Tränen.

Ja, sagt sie. Ich weiß.

Sie denkt, dass sie in diesem Moment vielleicht zu ihm hinübergehen, die Arme um ihn schlingen und den Kopf an seine Brust legen könnte. Sie wünscht sich nichts mehr, als für immer hier bei Max bleiben zu dürfen, in dieser einfachen dunklen Scheune, die nach Tierwärme und Mist riecht. Aber natürlich ist das unmöglich, und der Gedanke erinnert sie nur daran, wie spät es bereits ist.

Du lieber Gott, die Sperrstunde ist schon lange vorbei, ich muss gehen, ruft Anna und eilt an Max vorbei ins Haus.

Während Anna in der Küche ihren Hut feststeckt, hält Max ihr den Mantel wie ein Matador auf und lässt ihn ihr entgegenflattern, dann hilft er ihr hinein. Seine Hände verweilen jedoch auf Annas Schultern, während sie den Mantel zuknöpft, und als sie fertig ist, dreht er sie zu sich herum.

Was glaubt dein Vater, wo du bist?, fragt er. Wenn du hierherkommst?

Ach, das ist ihm gleichgültig, solange ihm nur das Abendessen pünktlich serviert wird, murmelt Anna. Wahrscheinlich denkt er, ich bin auf einem BDM-Treffen und nähe Armbinden, singe Loblieder auf das Vaterland und lerne, wie man sich einen guten deutschen Ehemann angelt.

Und willst du das nicht auch, Anna?, fragt Max. Bist du kein gutes deutsches Mädchen?

Bevor Anna antworten kann, küsst er sie, viel stürmischer, als sie es von diesem sanftmütigen Mann erwartet hätte. Er schiebt sie gegen die Wand und nagelt sie dort fest, indem er eine Hand durch mehrere Lagen Stoff auf ihr Brustbein presst, wobei er ein leise wimmerndes Geräusch macht, wie es einem seiner adoptierten Hunde im Schlaf entfahren könnte. Anna klammert sich an ihm fest und greift mit einer Hand zaghaft in sein Haar.

Dann reißt Max sich ebenso abrupt los, wie er sie umarmt hat, und bückt sich, um Annas Hut vom Boden aufzuheben. Er lächelt sie von unten verlegen an und zieht die Augenbrauen hoch bis über den Rand seiner Brille. Sein Gesicht ist knallrot angelaufen.

Wir dürfen das nicht tun, sagt er. Ein liebliches Geschöpf wie du sollte herzlos mit Jungs in ihrem Alter herumspielen und ihre Zeit nicht mit einem alten Junggesellen wie mir vergeuden.

Aber du bist erst siebenunddreißig, entgegnet Anna.

Max reicht ihr ihren Hut, an dem eine der Seidenblumen ganz zerknittert ist. Dann nimmt er die Brille ab und blickt Anna ernst an.

Das reicht, junge Dame, sagt er. Du weißt, dass das nicht der wahre Grund dafür ist, weshalb es unmöglich ist. Zu deinem eigenen Besten darfst du wirklich nicht wieder herkommen.

Er ignoriert Annas Widerspruch, schiebt sie sanft aus der Tür und verschließt diese hinter ihr.

Anna steht auf der obersten Treppenstufe, die Hand zwischen ihren Brüsten, wo sich eben noch Max’ Finger befunden haben. Sie ist zu überrumpelt von dieser Begegnung und von dem, was er danach gesagt hat, um sich darüber zu freuen. Sie starrt in den Garten hinein, während sie darauf wartet, dass ihr Puls wieder zu seinem normalen Rhythmus zurückfindet, und sieht zu, wie fette Schneeflocken so träge durch die Luft rieseln, dass sie vom Himmel zu hängen scheinen.

Selbstverständlich hat Max recht. Diese Abende sollten ein Ende nehmen, bevor einer von ihnen sich weiter in die Sache verstrickt, wobei das wahre Hindernis – wie Max angedeutet hat – nicht darin besteht, dass er doppelt so alt ist wie sie. Das Problem, das sie bis zu diesem Abend nie direkt angesprochen haben, liegt darin, dass Juden einer anderen Rasse angehören. Und auch wenn Max seine Religion nicht praktiziert, gehen die neuen Gesetze darüber hinaus, Ariern das Aufsuchen von jüdischen Ärzten zu verbieten: auch Geschlechtsverkehr zwischen Juden und reinblütigen Deutschen ist nun eine Straftat. Rassenschande nennen es die Nazis. Es ist wie in dem Gedicht, das Max Anna letzte Woche vorgelesen hat – wie lauteten die Zeilen noch? Irgendetwas über eine dunkle Bucht, auf der sich nachts Armeen schlagen. Sie und Max sind Schachfiguren auf gegnerischen Spielfeldern, auf einem Brett, dessen Ränder sich in die unendliche Dunkelheit ausdehnen, bewegt von riesigen unsichtbaren Händen.

Doch auch wenn ihr das vollständige Gedicht nicht mehr einfällt, erinnert sie sich noch daran, wie Max es ihr vorgelesen hat, mit übertriebener Selbstironie und zwischen den Strophen eingelegten Pausen, in denen er ihr amüsierte Blicke zuwarf, sein kleines schiefes Lächeln, das verschmitzte Funkeln, das wie Licht aus seinen Brillengläsern strahlte. Anna lacht und streckt die Zunge heraus, um damit die Schneeflocken aufzufangen, während sie die Stufen zum Tor hinuntersteigt. Selbstverständlich wird sie wiederkommen.

3

Eines Morgens im März neunzehnhundertvierzig wacht Anna davon auf, dass ihr Vater gegen ihre Schlafzimmertür hämmert. Sie blinzelt zunächst orientierungslos: Wie spät ist es? Hat sie verschlafen? Gerhard steht nie vor ihr auf. Sie springt aus dem Bett, nimmt ihren Morgenmantel vom Haken an der Tür und hastet in den Flur. Gerhard ist nirgends zu sehen, doch nun kann sie ihn unten herumpoltern hören.

Vati?, ruft Anna und folgt dem Lärm in die Küche. Was ist los? Stimmt etwas nicht?

Gerhard reißt Teller aus dem Geschirrschrank und hält jeden einzelnen prüfend hoch, bevor er ihn auf den Tisch knallt.

Das hier, ruft er und wedelt mit einer Untertasse vor Annas Gesicht herum, das hier stimmt nicht. Wieso ist so viel von dem Porzellan angeschlagen?

Anna zieht sich den Morgenmantel um den Hals fest.

Es tut mir leid, Vati, ich weiß es nicht. Ich bin immer sehr vorsichtig damit, aber es ist so alt und zerbrechlich …

Gerhard schleudert den nächsten Teller zu den anderen.

Kann man nichts machen, kann man nichts machen, murmelt er.

Er zerrt die Eisschranktür auf und steckt den Kopf hinein, wobei ihm silberne Haarsträhnen über die Stirn fallen.

Reste, stellt er fest. Karotten und Kartoffeln. Eine halbe Flasche Milch. Ein halber Laib Brot, ist das alles, was da ist?

Nun, ja, Vati, ich war heute noch nicht auf dem Markt, es ist viel zu früh, also …

Gerhard knallt die Tür zu.

In diesem Haus ist nichts zu essen, das gut genug für ein Zimmermädchen wäre, von anständiger Gesellschaft ganz zu schweigen, ruft er. Du musst sofort gehen. Hol Fleisch. Kalb oder Reh, wenn sie es haben. Gemüse. Nachtisch! Du darfst keine Kosten scheuen.

Ja, natürlich, Vati, aber was …

Gerhard stürmt aus dem Zimmer, und Anna starrt ihm hinterher. Ihr ganzes Leben lang studiert sie nun schon widerwillig das sprunghafte Verhalten ihres Vaters, wachsam wie ein Rehkitz, und stimmt jede ihrer Reaktionen auf seine Launen ab. Doch keine von Gerhards unbeständigen Stimmungen hat Anna auf dieses Eindringen in ihr Territorium, die Küche, vorbereitet. Hätte man sie zuvor gefragt, hätte Anna behauptet, Gerhard wüsste womöglich noch nicht einmal, wo der Eisschrank steht.

Anna!

Ich komme, Vati.

Anna eilt ihm nach und findet Gerhard im Badezimmer des Erdgeschosses.

Warum gibt es keine frischen Handtücher?, will er wissen und hält ihr eine Faust voll Wäsche entgegen.

Es tut mir leid, Vati. Die habe ich erst letzten Sonntag gewaschen …

Das ist ekelhaft, schimpft Gerhard. Sie müssen noch einmal gewaschen, gestärkt und gebügelt werden.

Er wirft Anna die Handtücher vor die Füße.

Ja, Vati, sagt sie und beugt sich hinunter, um sie aufzuheben. Das mache ich, sobald ich zurück bin vom …

Und wo ist mein bester Anzug?

In deinem Schrank, Vati.

Gebügelt? Abgebürstet?

Ja …

Meine guten Schuhe. Sind sie poliert?

Ja, Vati, sie sind auch oben.

Hmmpf, macht Gerhard.

Er tritt hinaus in den Flur und blickt, die Hände in die Hüften gestemmt, finster auf die Eingänge zur Bibliothek, zum Empfangs- und zum Speisezimmer und auf den Kronleuchter über ihnen an der Decke.

Wenn du vom Markt zurück bist, musst du dafür sorgen, dass alles in diesem Haus makellos sauber ist. Makellos, hast du mich verstanden? Nichts mit Staub unter den Teppich kehren, Fräulein.

Aber, Vati, ich würde doch niemals …

Gerhard fährt sich mit der Hand durch das dünner werdende Haar. So ungewohnt nachlässig gekleidet – er trägt immer noch seinen Schlafanzug –, erinnert er Anna an einen großen Bären, der verstimmt ist, weil er zu früh aus dem Winterschlaf geweckt wurde.

Wo ist mein Frühstück?, fragt er.

Ich bringe es dir sofort, Vati.

Sehr gut, erwidert Gerhard.

Er kneift Anna in die Wange und entfernt sich mit großen Schritten in Richtung seines Arbeitszimmers. Einen Augenblick später hört Anna ihn ein Lied anstimmen, ein Fetzen des Pilgerchores aus Wagners Tannhäuser, laut gegrölt.

Anna schleicht sich zurück nach oben und zieht sich hastig an, dann kehrt sie in die Küche zurück und fügt dem Brot ein gekochtes Ei und etwas Käse hinzu, den ihr Vater übersehen hat. Sie stellt alles zusammen mit einer Kanne Tee auf ein Tablett und bringt es in Gerhards Büro.

Ach, danke sehr, Annchen, sagt er und reibt sich die Hände. Das sieht wunderbar aus. Genau wie du heute Morgen, meine Liebe.

Anna stellt ihrem Vater das Essen auf den Schreibtisch und zieht sich in den Türrahmen zurück. Sie hat gelernt, sich am meisten vor ihm in Acht zu nehmen, wenn er lächelt.

Brauchst du noch etwas?, fragt sie und hält den Blick auf ihre Schuhe gesenkt. Gerhard köpft das Ei und verspeist es mit einem Stück Brot.

Wir erwarten Gäste zum Abendessen, erklärt er und sprüht in seiner Begeisterung Krümel auf seine Schreibunterlage, äußerst wichtige Kollegen, auf die ich den bestmöglichen Eindruck machen muss. Alles muss bis auf die letzte Einzelheit perfekt sein. Hast du mich verstanden?

Anna nickt.

Gerhard flattert mit den Fingern: wegtreten. Anna läuft so schnell aus dem Zimmer, wie sie kann, ohne tatsächlich zu rennen, und lässt Gerhard vor sich hin brummend und murmelnd zurück.

Tulpen, ruft er ihr hinterher. Ist nicht gerade Tulpenzeit? Wenn du schnell genug auf dem Markt bist, bekommst du vielleicht ein paar Sträuße …

Anna trappelt rasch die Treppe hinunter und bleibt nur kurz stehen, um ihr Einkaufsnetz und ihren Mantel vom Kleiderständer neben der Tür zu nehmen. Als sie sicher draußen in der Auffahrt steht, wirft sie über die Schulter einen Blick zurück auf ihr Elternhaus: ein respektabel aussehendes Gebäude mit seinem schweren Steinfundament und den oberen Stockwerken aus Fachwerk. Man würde dahinter nie einen so unbeständigen Besitzer vermuten. Anna sieht zum Fenster von Gerhards Arbeitszimmer hinauf und eilt dann rasch die Straße hinunter, bevor er es aufreißen kann, um ihr noch weitere Anweisungen hinterherzubrüllen.

Als das Haus hinter der Kurve außer Sichtweite ist, verlangsamt Anna ihre Schritte und steckt ihren Hut richtig fest, den sie sich in der Eile schief auf den Kopf gesetzt hat. Diesen Teil des Tages mag sie am liebsten, diese Stunden, die ihren Besorgungen gewidmet sind, die einzige Zeit, die sie für sich allein hat. Erlöst von Gerhard und seinen Ansprüchen, bummelt Anna, in ihre Phantasien versunken, den Weg entlang. Bis vor kurzem waren diese Träumereien noch vage und konzentrierten sich vor allem auf den Tag, an dem sie dem Haus ihres Vaters entfliehen würde, um bei dem Ehemann zu leben, den er für sie ausgesucht hätte. In den letzten Jahren hat Gerhard ihr eine ganze Reihe von Kandidaten vorgestellt, doch in Annas Vorstellung blieb das Gesicht ihres Ehemanns verschwommen. Nicht, dass es sie besonders gekümmert hätte, wer er sein oder wie er aussehen würde, solange er nur ruhig und freundlich wäre. Noch hat sie je andere Ziele im Kopf gehabt, wie etwa, die Universität zu besuchen. Wozu auch? Keine ihrer Altersgenossinnen würde an so etwas auch nur denken. Kinder, Kirche, Küche, darauf hoffen alle deutschen Mädchen, dazu wurde auch Anna erzogen. Sie kann nicht selbst über ihre Zukunft entscheiden.

In letzter Zeit haben ihre Tagträume jedoch eine andere, konkretere Form angenommen. Wer weiß, was nun, angesichts des Krieges noch alles passieren könnte? Die Mädchen werden für die landwirtschaftliche Arbeit eingesetzt, Annas mögliche Bewerber von der Wehrmacht oder der Luftwaffe eingezogen. Und da ist Max. Wenn die Lage sich weiter verschlimmert, wie er sagt, wird er womöglich doch noch fortgehen – und Anna mitnehmen. Sie könnten an einen warmen Ort, weit weg von diesem sinnlosen Kampf, ziehen, irgendwohin, wo er eine kleine Praxis eröffnen könnte und sie gemeinsam ein einfaches Leben führen würden. Portugal, Griechenland, Marokko? Anna stellt sich vor, wie sie morgens am Strand entlangspazieren und sich unterhalten, während die Fischer ihre Netze ausbreiten. Mittags sitzen sie lange im Café, und sie essen exotische Früchte und gebratenen Fisch.

Dieses erfreuliche Bild verschwindet, als Anna sich dem Zentrum von Weimar nähert, wo sie feststellt, dass Gerhards unbeständige Laune sich auf die Außenwelt übertragen zu haben scheint. Selbst das Wetter ist reizbar, düstere, dickbauchige Wolken ziehen über einen schiefergrauen Himmel, und auf dem Markt am Rathausplatz, wo Anna Bezugsscheine gegen Wild und Gemüse eintauscht, sind sowohl Händler als auch Kunden verstimmt und kurz angebunden. Es scheint, als wollte niemand Anna in die Augen sehen. Es sind auch gar nicht viele Menschen unterwegs, die Straßen sind so ruhig, als wäre die Stadt evakuiert worden, während Anna schlief. Hat es schlechte Nachrichten aus dem Krieg gegeben? Anna hält ihren Hut mit einer Hand fest, da der Wind ihn ihr vom Kopf zu wehen droht, und erinnert sich an Max’ Bemerkung, dass seine Schützlinge vor jeder atmosphärischen Veränderung unruhig werden. Vielleicht reagieren Annas Weimarer Mitbürger ganz ähnlich auf das Fallen des Kriegsbarometers.

Anna duckt sich unter der flatternden Nazi-Fahne über dem Eingang zur Reichsbank hindurch und sucht in der Vorhalle Unterschlupf, während sie ihre Bezugsscheine durchblättert. Wenn Gerhard und sie für den Rest der Woche auf Süßes verzichten, rechnet Anna aus, hätte sie gerade noch genug, um von Frau Staudt ein ausreichend eindrucksvolles Gebäckstück für den bevorstehenden Abend zu erbetteln. Anna tritt erneut in den rauen Tag hinaus und eilt über den Platz auf das jüdische Viertel zu. Mittlerweile fühlt sie sich unwohl in ihrer Haut und möchte nur noch ihre Einkäufe erledigen und in ihre warme Küche zurückkehren.

Auch das Viertel wirkt ausgestorben – zumindest bis Anna Herrn Nussbaum, den Bibliothekar, auf dem Bürgersteig vor seinem Haus entdeckt. Und dieser Anblick ist so befremdend, dass Anna wie vom Donner gerührt erstarrt. Denn der ältere Herr, dessen pingelige Eitelkeit es ihm niemals gestattet, in der Öffentlichkeit auch nur ohne seinen Hut zu erscheinen, ist splitterfasernackt. Er trägt nichts außer einem großen Pappschild, das ihm an einer Schnur um den Hals hängt und verkündet: ICH BIN EIN DRECKIGER JUDE.

Anna möchte den Blick abwenden, doch sie kann nicht aufhören, auf Herrn Nussbaums armseligen, schlaffen Altmännerhintern und die weißen Haarbüschel auf seinem Rücken zu starren. Das einzige Mal, dass sie bislang einen Mann auch nur ansatzweise unbekleidet gesehen hat, war als Kind, als sie einen flüchtigen Blick auf Gerhard im Bad erhaschte und dessen schlaff auf dem Wasser treibender Penis sie an eine halb gefüllte Wurstpelle erinnerte – eine Beobachtung, die ihr, als sie sie vor ihrer Mutter wiederholte, eine Tracht Prügel und eine Stunde im Wandschrank einbrachte.

Dieses gegenwärtige Schauspiel verstößt dermaßen gegen Annas Verständnis der rechtmäßigen Ordnung der Dinge, dass sie nicht glauben kann, dass es wahr ist. Sie blickt hastig in alle Richtungen, um sich zu vergewissern, dass auch andere es sehen können. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkennt sie Frau Biedermann, doch die Näherin eilt geschäftig von dannen. Außer ihr befinden sich auf der Straße nur Anna und der nackte Herr Nussbaum, der mit den schützend über seine Genitalien gelegten Händen vor einem Hintergrund aus zitternden Kirschbäumen steht, als wäre er soeben einem Traum entflohen.

Nachdem sie sich noch einmal gründlich umgesehen hat, nähert Anna sich dem Bibliothekar vorsichtig.

Was ist passiert?, fragt sie leise. Wer hat Ihnen das angetan?

Herr Nussbaum starrt entschlossen auf das gegenüberliegende Haus und steht dabei ganz still, abgesehen davon, dass er in dem Eisregen zittert, der nun wie Sand vom Himmel fällt.

Anna lässt ihr Netz voller Einkäufe auf den Boden sinken und beginnt, ihren Mantel auszuziehen.

Hier, sagt sie. Ziehen Sie den an.

Der Bibliothekar ignoriert sie. Sein langes mittelalterliches Gesicht gehörte eigentlich über eine Halskrause auf einem Porträt, dessen Blick dem Betrachter in jede Ecke des Raumes folgt. Seine strengen dunklen Augen, vor denen Anna sich als Kind so sehr fürchtete, blicken nun selbst verängstigt und sind feucht von Wind und Schrecken.

Geh weg, sagt er, ohne den Mund zu bewegen.

Was?

Geh fort von mir mit dem Mantel, du dummes Mädchen. Sie beobachten uns.

Wer?

Anna wirft einen Blick über die Schulter. An der Tür im Erdgeschoss des gegenüberliegenden Wohnhauses bewegt sich ein Vorhang und fällt dann wieder an seinen Platz zurück.

Kümmern Sie sich nicht um Ihre Nachbarn, flüstert sie. Wenn sie auch nur einen Funken Anstand hätten, würden sie Sie zu sich hereinholen. Sie müssen schrecklich frieren.

Nicht sie, du Dummerchen, brummt der Bibliothekar durch seinen flaumigen Bart. Die SS.

SS? Wo? Ich sehe keine …

Überall. SS und Gestapo. Irgendetwas hat sie angestachelt. Sie randalieren überall. Heute Morgen haben sie angefangen, durchs Viertel zu ziehen, auf der Suche nach irgendetwas, Gott weiß, wonach. Und seitdem haben sie nicht mehr aufgehört.

Anna dreht sich der Magen um.

Sie waren in jedem Haus? Was ist mit dem Doktor? Herr Doktor Stern? Haben sie …

Der Bibliothekar zuckt kurz fatalistisch mit den Schultern: Wahrscheinlich, soll es heißen.

Du machst es nur noch schlimmer für mich, zischt er dann. Verschwinde!

Anna ergreift ihr Tragenetz und rennt die Straße entlang auf die Praxis zu. Mit seiner rußigen Steinmauer und dem bronzenen Namensschild sieht das Haus aus wie immer, und für einen Augenblick ist Anna beruhigt. Dann berührt sie die Tür, genau in der Mitte des sechszackigen Sterns, und diese schwingt weit auf, um den Blick auf die dunkle, leere Rezeption dahinter freizugeben.

Max, ruft Anna.

Nun, vielleicht hat er an diesem Nachmittag keine Termine. Die meisten seiner Patienten sind ohnehin schon ausgewandert, und die übrigen werden keine ärztliche Hilfe suchen, während die SS unterwegs ist. Aber …

Max?

Anna späht ins Untersuchungszimmer. Dort herrscht ein heilloses Durcheinander, Apothekergläser sind zerbrochen, und verstreute Baumwollwatte saugt die verschüttete Medizin von den Fliesen auf. Der gewaltsam aufgebrochene Aktenschrank spuckt seine Patientenakten auf den Fußboden aus: GOLDSTEIN, JOSEPH ISRAEL, steht in Max’ unverkennbarer, nur aus Großbuchstaben bestehender Schrift auf einer, über die Anna hinwegläuft. 3. MÄRZ 1940, STARKE HÄMATOME DURCH SCHLÄGE, KLAGE ÜBER SCHMERZEN IM LINKEN ARM …

Max! Max …

In der Küche liegt eine Teetasse umgekippt auf dem Tisch, an deren Rand sich geronnene Milch festgesetzt hat. Die Pflanzen sind von ihrem Hochsitz gefegt worden, und in der Erde, die um die zerbrochenen Tontöpfe herum verstreut ist, befinden sich große Stiefelabdrücke. Anna eilt hinauf in Max’ Schlafzimmer, ein Ort, an dem sie noch nie gewesen ist, dessen Besuch sie sich aber schon oft ausgemalt hat, allerdings unter ganz anderen Umständen. Es ist klein und unpersönlich und sieht ähnlich geplündert aus. Matratze und Kissen wurden aufgeschlitzt, was eine Federnexplosion verursacht hat, und die Bettlaken wurden auf den Fußboden geworfen. Mit eiskalten Fingern hebt Anna eins auf und vergräbt ihr Gesicht darin. Es riecht nach Max, nach seinen Haaren und nach seinem Schlaf. Dann wirft sie es beiseite und steigt die Treppe hinunter, wobei sich ihre Beine zugleich gummiweich und viel zu schwer anfühlen, wie manchmal kurz vor ihrer Regel, als würde das Blut darin stärker auf die Anziehung der Schwerkraft reagieren als gewöhnlich. Im Flur steigt ihr ein unangenehmer Geruch in die Nase, der sie an zerschnittenes Kupfer erinnert. Er wird stärker, als Anna ihm zur Tür folgt, die in die Scheune führt. Als sie sie öffnet, wird das Oberlicht über dem Eingang zur Praxis gerade für eine Sekunde von schwachen Sonnenstrahlen erhellt, so dass Anna die Tiere kurz sehen kann, bevor es sich wieder verdunkelt, und zuerst denkt sie, dass sie schlafen. Dann gewöhnen sich ihre Augen an das Dämmerlicht, und ihr wird bewusst, dass sie tot sind. Die Hunde müssen erschossen oder erstochen worden sein, da Blut aus den Käfigen tropft, dessen schwerer metallischer Geruch in der Luft hängt. Das Schicksal der Katze ist deutlicher zu erkennen: Ihr und ihren Jungen wurde der Schädel eingeschlagen. Nur der Terrier im Käfig neben dem von Spätzle ist noch am Leben. Seine Pfoten zucken, er winselt leise, und eins seiner braunen Augen rollt mitleiderregend in Annas Richtung.

Anna macht ein paar Schritte auf ihn zu. Irgendetwas knirscht unter ihrem Absatz. Sie senkt den Blick und verzieht das Gesicht: Max’ Brille.

Aus Annas Mund entweicht ein hoher, entrüsteter Ton. Sie hebt die Brille auf, steckt sie in ihre Rocktasche. Dann beugt sie sich vor und übergibt sich ins Heu. Als ihr Magen vollständig entleert ist, durchquert sie die Scheune. Sie bleibt vor Spätzles sterblichen Überresten stehen und wünscht sich, sie würde angesichts des toten Hundes ihres Vaters irgendetwas empfinden. Da es ihr jedoch nicht gelingt, hebt sie den Terrier aus seinem Käfig.

Das Tier liegt eindeutig im Sterben, und Anna weiß, dass sie es durch ein rasches Umdrehen des Halses oder einen Schlag auf den Kopf von seinen Qualen erlösen könnte. Stattdessen lässt sie sich auf den Boden sinken, hält es dabei sanft im Arm und streichelt ihm das verfilzte Fell. Max ist also, aus welchem Grund auch immer, festgenommen worden. Um Gottes willen, was ist, wenn sie daran schuld ist? Anna presst sich die blutige Faust vor den Mund, und ihre Augen brennen vor Tränen. Was ist, wenn trotz ihrer Vorsicht irgendjemand gesehen und gemeldet hat, dass das arische Mädchen das Haus des jüdischen Arztes besucht? Aber nein. Wenn es so wäre, würde die SS nicht gleich über das gesamte Viertel herfallen. Dennoch muss Anna ihm helfen. Was kann man für Juden tun, die in Schutzhaft genommen wurden? Hätte sie den Gerüchten doch mehr Beachtung geschenkt, die während ihrer täglichen Besorgungen um sie herum flüsternd ausgetauscht wurden. Es ist, als würde sie versuchen, sich an ein Gespräch zu erinnern, das sie zufällig mitbekommen hat, während sie im Nebenzimmer döste. Willkürliches Zusammenschlagen von Juden, Festnahmen, Haft, Deportationen. Die Häuser der Arier, die die Behandlung ihrer jüdischen Nachbarn hinterfragen, sind plötzlich leer, Tag und Nacht, während ihre Briefkästen verstopfen und die Milch vor ihren Haustüren sauer wird.

Doch Anna erinnert sich auch daran, gehört zu haben, dass man die SS bestechen kann, insbesondere, wenn die Bittstellerin hübsch und verzweifelt genug ist. Sie hat ihr Aussehen schon für unbedeutendere Dinge eingesetzt. Außerdem befindet sich im Geldschrank in Gerhards Arbeitszimmer sicher irgendetwas Wertvolles. Anna muss sich nur überlegen, wie sie ihren Vater aus dem Haus bekommt.

Sie legt den leblosen Körper des Terriers ab, dessen Auge längst starr geworden ist. Nachdem sie sich die klebrigen Hände so gut wie möglich mit Stroh gereinigt hat, verlässt Anna das Haus durch den Garten, um nicht gesehen zu werden. Der trübe Märztag ist dunstig und nasskalt, und sein einheitliches Grau erscheint Anna in ihrem dunklen Zellwollmantel wie ein Verbündeter. Sie rennt durch die Gässchen des verlassenen jüdischen Viertels, weicht Dreirädern aus und duckt sich unter Wäscheleinen hindurch, wobei sie die Brille in ihrer Rocktasche die ganze Zeit über fest umklammert hält.

4

An diesem Abend ist Gerhard gezwungen, seine Pläne fürs Essen abzuändern. Er ruft seine wichtigen neuen Bekanntschaften an und vereinbart mit ihnen ein Treffen in einem Restaurant. Schließlich, so hört Anna ihn am Telefon erklären, wolle er nicht, dass sie sich bei seiner Tochter mit der Grippe ansteckten. Anna hat ihm erzählt, die würde gerade in Weimar grassieren, in den Straßen ertöne überall eine Niessymphonie, und die Geschäfte ähnelten Tuberkulosestationen. Gerhards Kameraden müssen über seine Sorge um ihre Gesundheit erfreut gewesen sein, da Anna ihn beim Anziehen und Hinabsteigen der Treppe vor sich hin summen hört. Der anwidernde Duft seines Kölnischwassers, von dem er reichlich verwendet hat, hängt noch lange in der Luft, nachdem sein Wagen aus der Auffahrt gerollt ist.

Ein wenig später schleicht sich Anna hinunter in die Küche. Den Safe ihres Vaters aufzubrechen hat sich als nutzlos erwiesen, da die Kassette lediglich Gerhards Reisepapiere und eine stehengebliebene goldene Taschenuhr enthält. Anna sitzt ermattet auf einem Stuhl und zwingt sich, an einem Stück Käse zu knabbern, während sie über alternative Möglichkeiten nachdenkt. Ihr fällt jedoch nichts ein. Vielleicht würde die Uhr noch etwas auf dem Schwarzmarkt einbringen, doch Anna hat weder Ahnung, wer an diesem riskanten Unternehmen beteiligt ist, noch, wie sie es herausfinden könnte. Verzweifelt lässt sie den Käse auf dem Tisch liegen.

Sie versucht es gerade als Nächstes mit einem Apfel, als sie ein Klopfen am Fenster neben dem Dienstboteneingang vernimmt. Sie erstarrt mit halb in der Frucht versunkenen Zähnen. Wieder klopft es, leise aber nachdrücklich.

Anna eilt zur Tür und reißt sie auf, um dahinter Max vorzufinden.

O mein Gott, schreit sie und lässt den Apfel fallen, der unbeachtet über die Dielenbretter kullert. Oh, Gott sei Dank, es geht dir gut …

Max versucht, zu lächeln.

Darf ich reinkommen?, fragt er.

Sei nicht albern, erwidert Anna und zieht ihn am Ärmel in die Küche.

Max lehnt sich gegen den Eisschrank, während Anna die Tür abschließt und beginnt, die Vorhänge zuzuziehen.

Du weißt also Bescheid, stellt er fest. Über die Aktion heute Morgen.

Anna dreht sich um und mustert ihn. Seine Kleidung ist voller Schlamm, seine Haare kleben an einer Seite seines Kopfes, als wäre er gerade erst aufgestanden, und auf einer Wange ist ein oberflächlicher Kratzer zu sehen. Davon abgesehen wirkt er jedoch unversehrt.

Ich war im Viertel und bin auf Herrn Nussbaum gestoßen, berichtet sie. Und bei dir zu Hause habe ich dann die Tiere gesehen …

Sie haben sie umgebracht, sagt Max.

Ja.

Max blickt mit gerunzelter Stirn zu Boden, und sein Adamsapfel bewegt sich auf und ab.

Das hatte ich befürchtet, sagt er. Ich wollte es selbst tun, auf humane Weise, doch mir blieb keine Zeit mehr.

Anna wühlt in den Taschen ihres Rocks herum.

Ich habe deine Brille hier irgendwo. Ich wusste, dass du ohne sie verloren bist …

Dann beginnt sie ohne Vorwarnung zu weinen.

Max tritt auf Anna zu und nimmt sie in den Arm. Es ist das erste Mal, dass er sie richtig festhält, und Anna genießt es, so feucht und schmutzig er auch ist. Sie lehnt sich gegen ihn und schließt die Augen, doch Max starrt besorgt über ihre Schulter auf die Wand.

Wie lange wird dein Vater fort sein?, fragt er und löst sich von ihr.

Woher wusstest du, dass er nicht hier ist?

Ich habe den größten Teil des Nachmittags im Gebüsch verbracht. Vor einer halben Stunde habe ich dann gesehen, wie er aufgebrochen ist, um mit Freunden zu Abend zu essen, nicht wahr? Alles hohe Tiere.

Max reibt sich die Augen. Lieber Gott, von allen Orten, an die ich hätte gehen können, stöhnt er. Es tut mir so leid, Anna …

Er fährt sich mit der Hand über die Wange, deren Stoppeln ein kratzendes Geräusch verursachen. Ich brauche nur einen Bissen zu essen, erklärt er. Dann bin ich wieder weg.

Natürlich mache ich dir etwas, erwidert Anna, die sich wieder gefasst hat. Aber zuerst müssen wir dich aus diesen nassen Lumpen herausholen.

Anna …

Sie ignoriert seinen Protest und führt ihn aus der Küche ins Haus, unter den sich drehenden, überlangen Schatten hindurch, die der Kronleuchter auf den Eingangsbereich wirft, und die Haupttreppe hinauf.

Hier, sagt sie, als sie ihn bis zum Bad geleitet hat. Mach dich sauber. Ich bin gleich zurück.

Während Max sich wäscht und rasiert, durchwühlt sie Gerhards Schrank auf der Suche nach Kleidungsstücken, die er nicht vermissen wird, und hört dabei aufmerksam auf die leisen Planschlaute aus dem Bad. Geräusche, die sie jeden Morgen vernehmen könnte, wenn sie hier gemeinsam leben würden. In dieser Situation ist sie zwar vollkommen unangebracht, und doch ist sie da: eine unbändige Freude darüber, dass Max sich in ihrem Haus befindet. Anna schüttelt den Kopf über sich selbst und kehrt mit einer alten Tweedhose und einem Hemd ins Bad zurück.

Danke, sagt Max und nimmt beides entgegen. Ich beeile mich.

Anna überhört dies und verlässt den Raum, damit er sich umziehen kann, lässt die Tür jedoch einen Spaltbreit geöffnet. Durch diesen Spalt spricht sie ihn an: Du bist also verschwunden, bevor die SS mit ihrer Aktion begann. Woher wusstest du, dass sie kommen würden?

Stille aus dem Bad. Anna schleicht sich näher heran und beobachtet, wie Max sein Hemd auszieht. Seine Haut ist sehr weiß, hier und da übersät mit den für Hellhäutige typischen Sommersprossen. Da er so abgemagert ist, sieht sein Körper älter aus als der eines Mannes in seinen Dreißigern. Seine Brust ist jedoch mit einem erstaunlich gesunden rötlichen Pelz bedeckt. Er zieht sich Hose und Unterhose von den Hüften.

Bitte, Max, sagt Anna und berührt ihre brennenden Wangen. Erzähl mir, was geschehen ist.

Max zieht Gerhards viel zu weite Kleidungsstücke an, die sich komisch um seinen schmalen Körper bauschen. Dann öffnet er die Tür ganz. Anna schlüpft an ihm vorbei in den engen Raum und hockt sich auf den Rand der Wanne.

Das mit dem Hund deines Vaters tut mir leid, sagt Max. Juden dürfen keine Haustiere haben. Die Tiere wurden getötet, weil sie angeblich mit jüdischem Blut kontaminiert sind.

Anna macht eine wegwerfende Geste.

Herr Nussbaum meinte, die SS hätte das gesamte Viertel auf den Kopf gestellt, sagt sie. Du kannst nicht erwarten, dass ich glaube, sie hätten nur nachschauen wollen, wer dort womöglich noch den ein oder anderen Hund hält.

Max betrachtet Anna eine Weile und streicht sich über das vom Rasieren gerötete Kinn. Dann erwidert er: Dass ich hier bin, bringt dich in höchste Gefahr. Je weniger du weißt, desto besser.

Anna springt auf die Füße.

Nun hör mir mal zu, sagt sie und schubst Max leicht. Bedeute ich dir so wenig, dass du mir nicht vertrauen kannst? Waren all die Abende, an denen wir geredet und Schach gespielt haben, nicht mehr als das, bloß ein Spiel?

Max seufzt.

Natürlich nicht, antwortet er. Na schön. Da ich dich durch mein Erscheinen hier schon mit hineingezogen habe …

Ich wusste über die Aktion Bescheid. Mehr noch, ich fürchte, ich war ihr Auslöser.

Ich verstehe nicht. Wie …

Max sieht sie streng an. Ruhig, junge Dame. Lass es mich auf meine Weise erklären.

Er setzt sich neben Anna auf den Wannenrand.

Hast du von dem Konzentrationslager gehört?

Anna nickt vorsichtig.

Es hat Gerede darüber gegeben. Das ist oben auf dem Ettersberg, nicht wahr?

Ja. Im Wald auf dem Berg, es heißt »Buchenwald«. Eingerichtet für politische Gefangene, Kriminelle, Juden und alle anderen, die den Nazis nicht passen. Sie werden zur Umerziehung in dieses Lager gesteckt, was bedeutet, dass sie zur Sklavenarbeit gezwungen werden. Man lässt sie verhungern und schlägt sie, und wenn sie halbtot sind, werden sie als verzichtbar angesehen.

Was geschieht dann?, flüstert Anna.

Nun, dann wird auf sie verzichtet. Doch da es heutzutage ein Verbrechen ist, Munition zu verschwenden, machen sie es mit einer Giftspritze. Die SS bringt sie fuderweise um, mit Nadeln ins Herz. Evipam, nehme ich an. Oder Luft. Hinterher werden die Leichen verbrannt.

Anna versucht, diese Information zu verarbeiten, doch es gelingt ihr nicht. Es ist zu ungeheuerlich, um es zu begreifen. Sie blickt aufgebracht auf Max’ kalte, geschickte Finger hinunter, die ihre umschlossen halten, dann in sein liebes, müdes Gesicht, das ohne seine Brille merkwürdig entblößt wirkt, wachsam und sprungbereit wie das eines Fuchses. Die tiefen Falten, die sich um seine Augen gegraben haben, die lila Schatten darunter. Wie kann er ihr das zumuten? Wie kann er einfach hierherkommen, in ihr Haus, und diese abstoßende Geschichte bei ihr abladen?

Das kann nicht wahr sein, widerspricht sie ihm.

Max setzt zu einem ironischen Lächeln an, doch ein Muskel an seinem Kiefer zuckt dabei.

Oh, es ist wahr, beharrt er. Ich weiß, dass es unmöglich klingt. Doch es geschieht, während wir uns hier unterhalten.

Woher weißt du das? Woher weißt du, dass es nicht nur ein Gerücht ist?

Es ist kein Gerücht, entgegnet Max erschöpft. Ich war dort. Ich habe es gesehen.

Er zieht seine Hand von ihrer zurück, greift in die Tasche von Gerhards Hose und holt ein kleines zylinderförmiges Päckchen heraus.

Was ist das?

Ein Film aus dem Lager. Es gibt dort ein Fotostudio, das die SS nutzt, um zur Identifizierung der Häftlinge Aufnahmen von ihnen zu machen. Frag mich nicht, wie, doch einigen der Gefangenen ist es gelungen, Bilder von dem aufzunehmen, was dort vor sich geht. Ich muss dafür sorgen, dass dieser Film an einen sicheren Ort gelangt.

Wo?

Irgendwo in der Schweiz. Den genauen Ort kenne ich nicht. So ist es sicherer.

Die SS hat also herausgefunden, dass du für dieses … Widerstandsnetzwerk arbeitest.

Ja.

Und sie haben nach dem Film gesucht.

Ja.

Max drückt Anna die kleine Dose in die Hand. Das Wachspapier, in das sie eingewickelt ist, fühlt sich fettig an. Es wird Wasser abweisen.

So ein kleines Ding, meint Max. Man würde nie vermuten, dass es so viel Blut wert ist.

Anna gibt es ihm zurück und versucht, diesen neuen Max mit dem Mann in Einklang zu bringen, den sie kennt, den guten Doktor, dem sie Geheimnisse offenbart hat, von denen sie nicht einmal wusste, dass sie sie besaß. Während all der Zeit, in der sie nur daran dachte, ihn zu verführen, war er an einem unendlich komplizierteren und wichtigeren Spiel beteiligt gewesen. Sie blickt auf den geflochtenen Teppich unter ihren Füßen und ist auf einmal ganz verlegen.

Wer ist noch daran beteiligt?, fragt sie.

Max lässt den Film in die Tasche der geborgten Hose zurückgleiten.

Ich kenne das gesamte Ausmaß des Netzwerks nicht. In Weimar sind es eine Handvoll Menschen. Die meisten außerhalb. Frau Staudt zum Beispiel …

Frau Staudt?

Anna stellt sich vor, wie die Bäckerin durch den Wald auf dem Ettersberg trampelt, und kann sich das Lachen nicht verkneifen.

Ich wäre heute zu ihr gegangen, aber dann sah ich die SS vor der Bäckerei, erklärt Max. Ich wusste nicht, wohin ich mich sonst wenden sollte.

Anna steht auf und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn, wobei sie den Geruch seines Haares einen Moment lang tief einatmet.

Ich bin froh, dass du zu mir gekommen bist, versichert sie. So froh. Nun komm, Zeit fürs Bett.

Bist du verrückt, Anna? Ich kann doch nicht hierbleiben!

Willst du lieber zurück ins Gebüsch?

Max runzelt die Stirn, erlaubt Anna jedoch, ihm aufzuhelfen. Er zittert vor Müdigkeit. Morgen früh, sagt er, sobald sich die Lage etwas beruhigt hat, suche ich mir einen sichereren Ort.

Er folgt Anna in ihr Schlafzimmer, wo sie hin und her eilt, das Daunenbett zurückschlägt und die Kissen aufschüttelt. Sie dreht sich um und sieht, wie er den Blick über die Dresdner Porzellanfiguren und die Abzeichen des Bundes deutscher Mädel auf den Regalen, über die Stickereien und über das Himmelbett schweifen lässt, in dem Anna seit ihrer Kindheit schläft.

Nein, beschließt er. Es ist zu gefährlich.

Nicht einmal im Himmel wärst du sicherer als hier. Mein Vater kommt nie hier rein. Ich werde dir etwas zu essen bringen.

Max wirft einen Blick zur Tür, als würde er über eine Flucht nachdenken, und dann auf die hohen Fenster mit den Spitzengardinen, durch die noch nicht einmal er, so mager er ist, passen würde.

Also gut, sagt er. Für eine Nacht, da es keine durchführbare Alternative gibt. Aber mach dir bitte keine Umstände mit dem Essen, Anna. Ich bin so müde, dass ich kaum noch gucken kann.

Anna will protestieren, doch Max klettert bereits in ihr Bett, ohne Gerhards Hose auszuziehen.

Schhh, macht er und klopft sich das Kissen zurecht.

Anna schließt die Tür, geht durchs Zimmer und entledigt sich ihrer Kleidung. Sie tauscht ihren Unterrock gegen ihr kürzestes Nachthemd ein und schlüpft unter die Decke neben Max, der ihr den Rücken zukehrt.

Ich habe vergessen, dir Socken zu geben, flüstert Anna. Deine Füße sind kalt.

Sie reibt sie mit ihren Zehen. Max zieht seine Beine weg.

Anna drückt sich gegen ihn und lässt ihre Lippen an seinem Nacken ruhen.

Max dreht sich um. Nein, Anna, sagt er.

Warum nicht?

Anna spürt sein Lächeln.

Ich habe dir doch schon gesagt, dass du viel zu jung für mich bist, erklärt Max, und sie müssen beide lachen, schütteln sich regelrecht und versuchen, ihre Laute an der Schulter des anderen zu ersticken.

In diesem Augenblick vernimmt Anna, wie ihr Vater die Treppe hochwankt, deren Stufen unter seinem Gewicht ächzen. Mit einem leisen dumpfen Aufprall stößt irgendein Körperteil Gerhards, eine Schulter oder ein Knie, gegen die Wand im Flur. Sein schwerfälliger Atem verstummt vor ihrem Zimmer.

Die Tür schwingt auf, und ein Lichtstrahl fällt auf ihr Bett.

Anna, ruft Gerhard.

Anna zwingt sich, sich auf einen Ellbogen abzustützen, obwohl alle ihre Instinkte schreien, sie solle sich in einer Fötusposition zusammenrollen.

Ja, Vati, antwortet sie mit gespielt schlaftrunkener Stimme.

Gerhard hält sich am Türrahmen fest. Der medizinische Geruch von Schnaps weht zum Bett herüber.

Haben wir irgendwo Natron?, will er wissen.

Ja, Vati.

Ich möchte sofort welches. Und vielleicht auch ein oder zwei Vollkornkekse zur Verdauung.

Natürlich, Vati.

Im Offiziersheim ist das Essen so schwer, beklagt Gerhard sich. Nie tischen sie einem eine einfache herzhafte Mahlzeit auf. Heute gab es Gans, und du weißt ja, dass ich Gans nicht vertrage. Ich musste frühzeitig aufbrechen.

Das tut mir leid, sagt Anna.

Gerhard rülpst und setzt dabei reichlich Alkoholdunst frei.

Ich habe fürchterliches Sodbrennen.

Er dreht sich ganz vorsichtig um und streckt dann den Kopf noch einmal zurück ins Zimmer.

Warum schläfst du denn überhaupt um neun Uhr abends schon?, fragt er.

Ich fühle mich selbst nicht wohl, Vati. Ein Anflug von Grippe, weißt du nicht mehr?

Ach, ja. Armes Annchen.

Gerhard schwankt und winkt dann mit einer Hand.

Natron, und zwar schnell, befiehlt er.

Sofort, Vati.

Gerhard schließt die Tür und taumelt durch den Flur davon.

Als sie Die Walküre aus seinem Arbeitszimmer hört, klettert Anna aus dem Bett und sucht nach ihrem Morgenrock. Ihr Vater wird noch einen Moment auf seine Medizin warten müssen. Zuerst muss sie dringend auf die Toilette. Bevor sie geht, tastet sie jedoch über die Daunendecke, um herauszufinden, wo Max ist, und findet seinen Arm. Seine Muskeln sind so angespannt, dass sie sich selbst durch die Gänsedaunen hindurch wie ein Bündel Kabel anfühlen.

Unmöglich, wispert Max. Das ist unmöglich …

Anna beugt sich vor, um ihre Lippen an sein Ohr zu halten.

Nein, ist es nicht, flüstert sie. Ich weiß, wo ich dich verstecken kann. Ich kenne den perfekten Ort.

5

Eine Woche später steht Anna, nachdem sie ihre Besorgungen erledigt hat, in ihrem Mantel vor einer kleinen Tür im Flur des Obergeschosses. Dahinter befindet sich die Weihnachtskammer, wie Anna sie in Gedanken immer genannt hat, da ihre Mutter in diesem winzigen Raum jedes Jahr die Geschenke fürs Fest aufbewahrte. Als Kind konnte Anna oft der Versuchung nicht widerstehen, den Schlüssel aus dem Nähkasten ihrer Mutter zu stehlen und sich damit vor die Tür zu stellen, die sie dann mit einer Neugierde beäugte, die ebenso groß war wie die Angst vor den Konsequenzen, wenn sie beim Öffnen erwischt würde. Nun wartet sie, von ganz ähnlichen Emotionen gepackt, mit dem Schlüssel in ihrer feuchten Hand davor.

Sie zählt langsam bis fünfhundert, nachdem Gerhards Auto die Auffahrt vor wenigen Minuten verlassen hat. Anna kann nicht vorsichtig genug sein, obwohl die Gefahr gering ist, dass er zurückkehrt, und noch geringer, dass er sie, falls er es doch tun sollte, finden würde, nachdem sie die Kammer einmal betreten hat. Anna ist sich ziemlich sicher, dass Gerhard noch nicht einmal von deren Existenz weiß. Ihr Elternhaus ist voller architektonischer Seltsamkeiten, die sein gegenwärtiger Besitzer vergessen hat. Einst als Jagdhaus gedacht, sollte es nie mehr als ein saisonaler Außenposten vor den Toren der Stadt sein, von dem aus sein Erbauer, Gerhards Urgroßvater, mit seiner Meute jagen gehen konnte. Doch mit jedem nachfolgenden männlichen Brandt nahm das Vermögen der Familie ab, und die späteren Generationen, die ihr Lager im Jagdhaus ganzjährig aufschlugen, verliehen dem ursprünglichen Bauplan jeweils ihre persönliche Note.

Und Anna hat in ihrer Funktion als Haushälterin jeden einzelnen Quadratzentimeter davon saubergemacht, oftmals auf einer Trittleiter oder auf Händen und Knien. In der Zeit nach dem Tod ihrer Mutter bekam sie dabei manchmal Hilfe von einer ganzen Reihe von Dienstmädchen, die Gerhard anstellte und die sonderbarerweise alle Grete oder Hilde hießen. Doch jede einzelne Grete-Hilde verließ sie schon im ersten Monat wieder, was womöglich ebenso viel mit Gerhards unbeständiger Zahlungsbereitschaft wie mit seinen Launen zu tun hatte: Wenn er gut bei Kasse war, händigte er ihnen ihre Löhne aus, als würde er ihnen damit einen großen Gefallen erweisen. Wenn nicht, verteilte er stattdessen Versprechen.

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