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Die traurige Geschichte der Brüder Grossbart

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. GEWIDMET
  5. VORWORT
  6. I - DIE ERSTE UNTAT
  7. II - DIE MORDBRENNER AUF DER FLUCHT
  8. III - NACHT IN DEN BERGEN
  9. IV - EIN BEDAUERLICHER VERLUST
  10. V - DIE ANDERE WANGE
  11. VI - DEM SCHICKSAL DIE ZÄHNE ZEIGEN ...
  12. VII - EINE ERBAULICHE FABEL, DIE VÄTERN WIE TÖCHTERN ZUR WARNUNG DIENEN MÖGE
  13. VIII - ENDE DER ABSCHWEIFUNG
  14. IX - QUERKÖPFE UND QUERELEN
  15. X - NEUE WEGE UND GUTE ABSICHTEN
  16. XI - EIN HUMORIGES ABENTEUER
  17. XII - WAS DER MÖNCH ERZÄHLTE
  18. XIII - DER ANFANG EINER GESCHICHTE, DEREN ENDE WIR BEREITS KENNEN
  19. XIV - DIE MONOTONIE DER STRASSE
  20. XV - PROPHETEN DES SCHISMAS
  21. XVI - … SCHAUT DER ABGRUND AUCH IN DICH …
  22. XVII - HEIMKEHR MIT WERMUTSTROPFEN
  23. XVIII - WARZFUSS - ODER SO …
  24. XIX - WIE DER BEGINN IST IN DEN SÜDLICHEN GEFILDEN AUCH DAS ENDE DES WINTERS SCHWER ZU BESTIMMEN
  25. XX - HERZSCHMERZ À LA VENEZIA
  26. XXI - DER SCHEITERHAUFEN DER BEGIERDEN
  27. XXII - DIE SÜNDEN DER VÄTER
  28. XXIII - IMMER NACH SÜDEN
  29. XXIV - DIE HINRICHTUNG DER GROSSBARTS
  30. XXV - DAS EWIG GLEICHE MEER
  31. XXVI - DER KINDERKREUZZUG
  32. XXVII - VON RHODOS NACH GYPTERLAND
  33. XXVIII - DIE EKSTATISCHE JAGD
  34. XXIX - WIE DAS ENDE IST IN DEN SÜDLICHEN GEFILDEN AUCH DER BEGINN DES WINTERS UNBESTIMMT
  35. XXX - DIE GERECHTE BELOHNUNG
  36. XXXI - DIE LETZTE HÄRESIE
  37. BIBLIOGRAFIE
  38. DANKSAGUNGEN

Jesse Bullington

DIE
TRAURIGE
GESCHICHTE
DER BRÜDER
GROSSBART

Aus dem Amerikanischen von
Eva Bauche-Eppers

Mit Illustrationen von
Karl Piepenburg

GEWIDMET

Raechel Davis

Molly Travis

John Jonathan

VORWORT

Die Geschichte der Brüder Großbart beginnt nicht mit der Entdeckung der aus illuminierten Blättern bestehenden Niederschrift der Tragoedia Fratrum Barba Magna zwischen den Seiten einer zur Hälfte kopierten Bibel in einem deutschen Mönchskloster, und sie endet nicht damit, dass in der Bombennacht von Dresden im letzten Jahrhundert diese unersetzlichen Dokumente ein Raub der Flammen werden. Auch die unzähligen mündlichen Schilderungen, die endlich von einem namenlosen Mönch in dem oben erwähnten Kodex zusammengefasst und aufgezeichnet wurden, können nicht als Ursprung der Sage gelten, und wie die jüngst wiederaufgelebte Forschung belegt, ist in der Chronik der Großbarts das letzte Kapitel noch nicht geschrieben.

Das Fehlen einer akzeptablen modernen Übersetzung nimmt wunder, besonders angesichts der kulturübergreifenden Bekanntheit dieser mittelalterlichen Aventiuren. Der heutige Leser kann einzig auf den schütteren Bestand noch vorhandener Faksimiles der Originalblätter aus dem 19. Jahrhundert zurückgreifen sowie auf die höchstens noch antiquarisch zu erwerbende - da vergriffen und dankenswerterweise nicht neu aufgelegt - Versübersetzung aus der Feder von Trevor Caleb Walker. Dass Walker als Wissenschaftler ungleich fähiger war denn als Dichter, wird nirgends deutlicher als in diesem im Selbstverlag erschienenen Werk, was den Anstoß gab, Die Tragödie nachzuerzählen und zwar in einer Form, wie sie auch den Beifall des ursprünglichen Publikums gefunden hätte.

Meine Herangehensweise an das Projekt ist vermutlich Avantgarde auf diesem Gebiet. Statt Die Tragödie als eine Sammlung individueller Fragmente zu behandeln - vergleichbar dem zeitgenössischen Roman de Renart -, habe ich mich auf die von den Großbarts selbst gern und oft erzählten Begebnisse konzentriert, um daraus eine zusammenhängende, lineare Geschichte zu konstruieren. Ein Vorteil dieser Methode besteht darin, dass man die Möglichkeit hat, separate Episoden in den Erzählstrang einzugliedern; Nebenhandlungen, die Facetten des größeren Ganzen beleuchten, auch wenn sie auf den ersten Blick nichts weiter damit gemein haben als den Ort und die Zeit. Als weitere Konsequenz kommt es gelegentlich im Verlauf der Reise zu kleinen Sprüngen, weil zu häufig sich wiederholende Abenteuer ausgemerzt werden.

Wissenschaftlern, die spekulieren, ob meine Wenigkeit sich den Apologeten Dunn und Ardanuy zugehörig fühlt oder den Revisionisten Rahmini und Tanzer, steht eine Enttäuschung bevor - diese Geschichte ist für solche Mitmenschen bestimmt, denen die Großbarts kein Begriff sind und die aus diesem Grund frei sind von akademischem Hochmut. Deshalb und um den Durchschnittsleser nicht zu verwirren, wird auch auf Fußnoten verzichtet. Wo es von bestimmten Ereignissen verschiedene Versionen gibt, wurde der volkstümlichsten Fassung der Vorzug gegeben. Wie bereits erwähnt, scheinen manche Abenteuer der Großbarts sich zu wiederholen, nur die Örtlichkeit ist eine andere - darin spiegelt sich die unterschiedliche Herkunft der ursprünglichen Erzähler. Auf diese Abweichungen hinzuweisen, liefe dem Zweck des Projekts zuwider, der darin besteht, die Geschichte in einer Form wiederzugeben, die dem Original so nahe wie möglich kommt. Der schlichte deutsche Landmann wusste nicht, dass die holländischen Nachbarn seine Gegend dafür verfluchten, die Geißel der Großbarts hervorgebracht zu haben, ebensowenig wie der Kaufmann aus Dordrecht ahnte, dass drüben in St. Reythanseln die Deutschen behaupteten, sein Städtchen sei der Geburtsort der Zwillingsbrüder.

Daraus lässt sich schließen, welche Kluft die heutige Leserschaft von dem Publikum seinerzeit trennt, ein Publikum, dessen Wesen sich unserem modernen Verständnis entzieht. Diese frühen Geschichtenerzähler und ihre Zuhörer, nur den Schein des Herd- oder Lagerfeuers zwischen sich und den Schrecken der Nacht, dürften von den Elementen des Fantastischen und der Gewalt tief beeindruckt gewesen sein, erheblich mehr als wir heutzutage. Das 14. Jahrhundert, worin die Geschichten handelten und erzählt wurden, war, um aus Barbara Tuchmans Einführung in die Chronik dieser Ära zu zitieren, »… eine rohe, leidvolle, verstörte, gequälte, zerstörerische Epoche der Menschheitsgeschichte, eine Zeit, in der man glaubte, Satan habe Gott vom Thron gestoßen und regiere an seiner statt«.

Trotzdem ist der Titel des Werks, Ein ferner Spiegel, mit Bedacht gewählt. Wir mögen entsetzt und empört von Tragödien und Untaten lesen, die sich vor langer Zeit zugetragen haben, doch ungeachtet dessen wüten auch heute Kriege, wird gerechter Protest gewaltsam unterdrückt, werden Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit verfolgt, Unschuldige von Hunger und Seuchen dahingerafft. Diese Betrachtung soll nicht die Gräuel rechtfertigen, mit denen die folgenden Seiten gespickt sind, sondern dem Leser lediglich einen anderen Blickwinkel aufzeigen, aus dem er sie, sofern er möchte, betrachten kann.

Wir werden nie wissen, ob die Großbarts Helden oder Schurken waren, denn, wie Margaret Atwood in ihrem Roman Der Report der Magd schreibt: »Wir können Eurydike aus der Welt der Toten zurückrufen, aber wir können sie nicht dazu bewegen, Antwort zu geben. Und wenn wir uns umwenden, um sie anzuschauen, so sehen wir sie nur einen Augenblick lang, bevor sie unserem Griff entschlüpft und flieht.« Aller Wahrscheinlichkeit nach wären die Großbarts selbst nicht erbaut davon, mit Orpheus' Reise in die Unterwelt in Zusammenhang gebracht zu werden oder sich in der vorliegenden Schilderung ihrer Taten wiederzufinden Auch was ihr mittelalterliches Publikum dazu gesagt hätte, können wir nur vermuten. Ihre Geschichte wurde dem Vergessen entrissen, um uns zu unterhalten, und auch wenn ich hie und da dem modernen Empfinden zuliebe einige Änderungen vorgenommen habe, bleiben sie in ihrem Wesen doch unverändert und damit unsterblich. »Wie alle Historiker wissen«, beendet Atwood das obige Zitat, »ist die Vergangenheit ein großes Dunkel und mit Echos gefüllt. Stimmen mögen von dort zu uns herüberhallen, doch was sie sagen, ist durchdrungen vom Dunkel des Bodens, aus dem sie kommen. Und wie sehr wir es versuchen mögen, es gelingt uns nicht immer, sie im klaren Licht unseres eigenen Tages zu entziffern.« Diese Weisheit im Sinn, spitzen wir die Ohren und richten gespannt den Blick auf die Gebrüder Großbart und nach St. Reythanseln, wo die Geschichte ihren Anfang nimmt.

I
DIE ERSTE UNTAT

Image

Von den Brüdern Großbart zu sagen, sie wären grausam und mitleidlos, hieße, selbst den gemeinsten Straßenräuber zu verunglimpfen, und schimpfte man sie »Dreckschweine«, wäre dieser Vergleich eine unverdiente Beleidigung sämtlicher Vertreter der im Gegensatz zu ihnen in jeder Hinsicht appetitlichen Gattung Suidae. Sie waren Großbarts durch und durch, und in vielen Weltengegenden hat dieser Name nach wie vor einen Ruf wie Donnerhall. Vielleicht ein Quentchen weniger abscheulich als ihr Vater, dessen Vater um einen Deut an Verschlagenheit unterlegen - doch furchtbar wie diese beiden Männer auch waren, die Brüder entpuppten sich als wahre Teufel. Die vererbten Wesenzüge einer Familie können sich innerhalb einer Generation vom Guten zum Schlechten wandeln, oder sie werden von der Zeit in einem langsamen Prozess zu abgrundtiefer Schlechtigkeit destilliert, wie im Fall der ruchlosen Zwillingsbrüder Hegel und Manfried.

Beide waren von mittlerer Größe, dabei dürr wie Zaunlatten. Manfried besaß unverhältnismäßig große Ohren, Hegels Nase kam lang und knollig einer preiswürdigen Runkelrübe gleich. Hegel erkannte man am kupferfarbenen Schopf und den buschigen Brauen, den Bruder am fahlen Blondhaar, beiden gemein war ein von Pockennarben verunstaltetes Gesicht mit eingefallenen Wangen. Sie zählten erst fünfundzwanzig Lenze, doch ihrer ausnehmend langen Bärte wegen konnte man sie selbst aus der Nähe für Greise halten. Über die Frage Wer hat den Längeren? kam es immer wieder zu Zank und Streit zwischen den beiden.