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Die toten Mädchen von Badlands

Raven Cross

Die toten Mädchen von Badlands

1. KAPITEL

„Seid ihr auf der Durchreise? Kann ich euch helfen?“ Neugierig musterte Nola das junge Paar, das verloren vor dem kleinen Laden stand und die menschenleere Hauptstraße von Custer erst hinauf- und dann wieder hinunterblickte.

„Sieht man uns das an, dass wir nicht aus der Gegend sind?“ Das hübsche sommersprossige Mädchen lächelte sie an.

„Nun ja, Custer ist ein Tausend-Seelen-Kaff“, entgegnete Nola. „Auch wenn ich nicht den Namen jedes einzelnen Bewohners kenne, so habe ich doch die meisten Gesichter schon mal gesehen. Kann ich euch helfen?“, wiederholte sie.

„Wir brauchen ein Zimmer für die Nacht“, erklärte der Freund des Mädchens. Er sah zum Himmel und prüfte den Sonnenstand. „Oder lohnt es sich noch, weiter in die Badlands zu fahren?“

„Nicht unbedingt. Außer ihr wollt im Auto übernachten“, meinte Nola. „Zur nächsten größeren Stadt sind es etwa hundertsechzig Kilometer. Zwar gibt es Motels am Straßenrand. Aber in deren Betten sagen sich die Flöhe gute Nacht.“

„Nein, danke!“ Das Mädchen schüttelte sich. „Wir bleiben hier. Du weißt doch bestimmt, wo wir eine Unterkunft finden.“

„Na klar. Mein Dad führt das ‚Crazy Horse Motel‘ am Ortsausgang“, erklärte Nola. „Die Zimmer sind einfach, aber sauber, und es gibt Kabelfernsehen. Und der Preis ist auch okay.“

Das Mädchen lachte. „Also keine Flöhe. Oder hast du geschwindelt, damit dein Dad ein Geschäft macht?“

Nola lächelte. „Hab ich nicht. Die anderen Motels sind echt ätzend. Das liegt daran, dass sich nicht allzu viele Touristen in diese Ecke von South Dakota verirren. Und wenn welche vorbeikommen, machen sie in Custer Zwischenstopp. Bei so wenig Kundschaft putzen die Motelbesitzer außerhalb unseres Stadtgebiets nicht allzu oft ihre Zimmer.“

„Hör auf! So genau will ich’s gar nicht wissen.“ Das Mädchen winkte ab. „Du hast mich überzeugt. Wir schlafen im Motel deines Dads, oder was meinst du?“ Sie wandte sich an den Jungen.

„Sieht so aus. Außer es gibt in Custer einen Robinson Club.“ Er grinste spöttisch.

„Keine Chance. Mein Dad hat im Ort das Hotel-Monopol.“ Nola grinste frech zurück.

„Was soll’s. Ein Motel, das nach einem großen Indianer-Häuptling benannt ist, kann nicht schlecht sein“, entgegnete der Junge. „Außerdem bin ich echt müde nach der endlosen Fahrerei.“

„Wo kommt ihr denn her?“, wollte Nola wissen.

„Aus Duluth in Minnesota“, antwortete das Mädchen.

„Ich glaube, sie will wissen, welche Strecke wir heute zurückgelegt haben, und nicht, wo wir wohnen“, korrigierte sie ihr Freund.

„Schlaumeier“, konterte das Mädchen und wandte sich wieder an Nola. „Wir sind in den letzten Tagen durch North Dakota gecruist und heute Morgen aus Bismarck losgefahren.“

„Von Bismarck bis Custer … Das sind so an die vierhundert Kilometer, also vier bis fünf Stunden Fahrt“, stellte Nola fest.

„Wir haben acht gebraucht“, sagte das Mädchen. „Wir wollten uns die Landschaft in Ruhe anschauen.“

„Macht ihr Urlaub? Falls ihr auf Sightseeing steht: Das Mount Rushmore National Memorial mit den in Stein gehauenen Köpfen der amerikanischen Präsidenten ist in der Nähe.“

„Die Köpfe? Vielleicht sehen wir sie uns an. Aber eigentlich haben wir andere Pläne“, meinte das Mädchen. „Zwar sind Semesterferien, aber wir möchten Uni und Freizeit miteinander verbinden. Wir studieren Archäologie, und die Region um die Black Hills ist eine Fundgrube für fossile Stücke wie Dinosaurierknochen. Vielleicht haben wir Glück und finden welche.“

„Das will sie doch gar nicht wissen“, unterbrach ihr Freund sie.

„Doch, will ich“, meinte Nola. „Klingt total interessant. Wenn ihr Lust habt, könnt ihr mir heute Abend bei einem Bier in ‚Joe’s Dump‘ mehr darüber erzählen. Vielleicht kann ich über euch sogar eine Story für die ‚Custer News‘ schreiben.“

„Eine Story?“ Der Junge lachte. „Bist du in Custer ‚das Mädchen für alles‘? Erst vermittelst du uns ein Zimmer bei deinem Vater. Dann gibst du uns Ausflugstipps und sorgst in eurer Dorfkneipe für Umsatz. Und schließlich willst du uns in den Klatschspalten eurer Dorfzeitung verbraten … Entweder sind wir die ersten Besucher seit Monaten, oder du hast furchtbare Langeweile.“

„Nun sei nicht so unfreundlich.“ Seine Freundin boxte ihn in die Seite.

„Ist schon okay“, sagte Nola. „Tut mir leid, wenn ich aufdringlich gewesen bin. Aber in Custer passiert wirklich nicht viel. Vor allem kommen selten junge Leute von außerhalb hierher. Die meisten Touristen sind Familien oder Rentner. Ich freue mich also jedes Mal, wenn ich die Chance habe, mich mit neuen, mehr oder weniger Gleichaltrigen unterhalten zu können. Und die Sache mit der Story hat einen ganz bestimmten Hintergrund. Ich will unbedingt Journalistin werden und arbeite als Praktikantin bei den ‚Custer News‘. Um einen Studienplatz an der Universität von South Dakota zu ergattern, muss ich eine knackige Reportage einreichen. Aber die Top-Story, die gerade in unserer Redaktion Schlagzeilen macht, ist der 90. Geburtstag unseres ehemaligen Bürgermeisters. Und bei seinem hohen Alter kann von ‚knackig‘ beim besten Willen nicht mehr die Rede sein. Ansonsten schreibe ich über die lokalen Erzeugnisse und schlage mich mit dem aktuellen Kilopreis für Rindersteaks und den Milcherträgen unserer Bauernhöfe rum. Mit solchen Themen werde ich nie eine rasende Reporterin.“

„Verstehe“, lenkte der Junge ein. „In dem Fall wäre der Fund von Dinosaurierknochen wirklich spektakulär. Aber vielleicht findest du welche bei eurem Ex-Bürgermeister. So alt wie der ist, stehen die Chancen gar nicht mal so schlecht. Wäre das nicht eine Sensationsstory?“ Er grinste breit.

„Sei nicht immer so frech!“ Seine Freundin boxte ihn erneut in die Seite.

„Aua! Nicht immer auf dieselbe Stelle“, beschwerte er sich.

Nola lachte ihn an. „Nette Idee. Aber ich bezweifle, dass mich unser einstiger Bürgermeister das überprüfen lässt … Ich bin übrigens Nola.“

„Mia.“ Das Mädchen reichte ihr die Hand. „Und der da …“ Sie zeigte auf ihren Freund. „… ist Alex.“

„Hi! Nett, euch kennenzulernen.“ Nola schüttelte Alex die Hand.

„Ich hoffe, ich bin nicht als Stinkstiefel rübergekommen“, entschuldigte sich Alex. „Aber ich habe einen Moment lang befürchtet, du wärst eine von diesen Touristenneppern, die einem das Geld aus der Tasche ziehen.“

„Nein, keine Sorge. Bin ich nicht“, erwiderte Nola. „Das Motel meines Dads ist wirklich in Ordnung. Und wenn ihr Lust habt, heute Abend auszugehen, geht die erste Runde auf mich.“

„Okay.“ Alex nickte zustimmend. „Dort steht unser Auto.“ Er deutete auf einen Chevrolet Captiva.

Die drei überquerten die Straße. Und Alex öffnete den Mädchen die Türen seines Geländewagens. Nola kletterte auf den Rücksitz und leitete das Pärchen zum Motel, das am Ende der Hauptstraße lag.

„War ein guter Tipp von dir. Ist echt nett hier“, meinte Alex wenig später anerkennend, als er sich im Zimmer Nummer 5 umsah. Er stellte seine Reisetasche ab, schlang die Arme um die kichernde Mia und warf sich mit ihr zusammen auf das Kingsize-Bett.

„Wow! Echt bequem.“ Mia wippte auf der federnden Matratze auf und ab.

„Und es gibt einen großen Fernseher“, stellte Alex zufrieden fest, nahm die Fernbedienung und zappte durch die Programme.

„Prima, dass es euch gefällt. Dann will ich mal nicht länger stören.“ Nola wandte sich zum Gehen.

„Warte!“, rief Mia ihr hinterher. „Wann willst du in ‚Joe’s‘ … Wie hieß die Kneipe noch mal?

„‚Joe’s Dump‘“, antwortete Nola.

„‚Joe’s Absteige‘ … was für ein Name! Ich hoffe, der ist nicht Programm“, sagte Alex.

„Doch, ist er“, gab Nola zu. „Aber es ist die einzige Kneipe weit und breit.“

„Klingt doch vielversprechend“, erklärte Mia lachend. „Da ist der Absturz sicher. Also, wann willst du in ‚Joe’s Dump‘ gehen?“

„Um sieben oder acht“, antwortete Nola.

„Sieben ist okay. Ich hab ’nen Bärenhunger. Kann Joe auch kochen?“, erkundigte sich Alex.

„Wenn du Spiegeleier mit Speck, Steak und Kartoffel sowie dicke Bohnen magst, bist du bei ihm richtig“, meinte Nola.

„Echtes Cowboy-Essen“, stellte Alex fest. „Genau mein Geschmack.“

„Meiner auch“, stimmte Mia zu.

„Gut. Dann hole ich euch gegen sieben ab.“ Nola winkte ihnen zu und schloss die Tür von außen hinter sich. Sie war froh, dass Alex seine anfängliche Skepsis ihr gegenüber aufgegeben hatte, und freute sich auf den Abend mit den beiden. Endlich erfuhr sie mal was Neues von und über andere Menschen und musste sich nicht mit den „üblichen Verdächtigen“ aus Custer unterhalten. Zwar hatte sie Hunderte „Freunde“ auf Facebook. Aber Internetkontakte waren nicht dasselbe, wie mit Leuten zu sprechen.

Und vielleicht sprang sogar eine coole Story für ihre Uni-Bewerbung dabei heraus. Sie würde Mia und Alex darum bitten, sie im Falle eines Dino-Funds zu informieren, damit sie den Fundort besuchen, ein paar Fotos schießen und eine Story über „die Entdecker“ schreiben konnte.

Sie seufzte. Irgendwie musste sie es schaffen, ins Journalistikprogramm der Uni zu gelangen. Sie hatte schon immer Reporterin werden wollen.

Sie ging über den Parkplatz des Motels, bog in die Hauptstraße ein und steuerte das Büro der „Custer News“ an. Heute war zwar Samstag, und am Wochenende musste sie nicht arbeiten. Aber Daniel, ihr Chef und mit sechsundzwanzig jüngster Redaktionsleiter in der hundertjährigen Geschichte der Zeitung, saß im Büro und schrieb einen Bericht über die Rinderauktion, die am Morgen in der Nähe von Custer stattgefunden hatte.

Nola würde Danny von den Studenten und ihrer Story-Idee erzählen. Vielleicht wusste er, wo in den vergangenen Jahren die meisten Dino-Gerippe ausgebuddelt worden waren, sodass sie Mia und Alex einen Hinweis geben konnte und ihren Artikel mit ziemlicher Sicherheit bekam. Außerdem hatte sie so eine Ausrede, in der Redaktion aufzutauchen und mit Dan zu flirten.

Nola musste bei dem Gedanken verschmitzt lächeln. Daniel gefiel ihr gut. Er war klug, charmant und sah mit seinen ungebändigten Locken Marke „chaotischer College-Boy“ ziemlich niedlich aus.

Sie blieb vor dem Buchladen, der neben der Redaktion lag, stehen und überprüfte im Schaufenster ihr Aussehen. Kritisch wuschelte sie sich durch die Haare, biss sich auf die Lippen, damit sie rot und voll aussahen, und ging zufrieden mit sich ins Büro.

„Hi, Danny! Na, wie viel haben die Steaks auf Beinen bei der Auktion gebracht?“, begrüßte sie ihn.

„Frag mich bloß nicht!“ Daniel verdrehte genervt die Augen.

„Wieso? Hattest du keinen Spaß?“, setzte Nola nach. Sie wusste, dass er Außentermine, die mit Vierbeinern zu tun hatten, hasste. Pech für Danny. Denn Custers Bewohner lebten von der Rinderzucht, und es gab kaum andere Events.

„Ist das Antwort genug?“ Er streckte seine Beine unter dem Schreibtisch hervor und zeigte ihr seine mit Kuhmist bedeckten Stiefel.

„Du tust mir aufrichtig leid“, meinte Nola in einem Tonfall, der sie Lügen strafte.

„Hör ja auf! Ich falle auf deine scheinheilige Tour nicht rein“, konterte Daniel. „Was machst du hier an deinem freien Tag? Hast du mich vermisst?“ Er grinste sie herausfordernd an.

„Wer weiß, vielleicht“, entgegnete Nola und reckte vorwitzig das Kinn. Sie spürte, dass ihr die Hitze in die Wangen schoss. Ob er sie nun endlich nach einem Date fragte?

In dem Moment klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch, und Danny nahm den Anruf an. „Hi, Mark! Danke, dass du zurückrufst. Ich habe noch eine Frage wegen der Auktion heute Morgen …“

Mist! dachte Nola. Mal wieder eine verpasste Chance. Irgendwie kam immer was dazwischen, wenn sie hoffte, Danny und sie würden „Fortschritte“ machen. Sie arbeitete nun schon seit vier Monaten in der Redaktion. Und bereits nach der ersten Woche war klar gewesen, dass es zwischen ihnen knisterte. Aber keiner von beiden wagte den ersten Schritt. Aber es blieb bei dem Austausch gegenseitiger Neckereien und kumpelhafter Späße – mehr nicht.

So war sie sich nie sicher, ob er sie nur aufzog oder ernsthaft anmachte. Sie empfand diesen Zustand als frustrierend. Denn sie hatte Lust, sich zu verlieben. Aber wegen Dannys wankelmütigem Verhalten konnte sie nicht sagen, ob er der Richtige war.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und blätterte durch den Stapel Kleinanzeigen, die in der nächsten Ausgabe erscheinen sollten.

„Geschafft!“ Danny legte ein paar Minuten später den Hörer auf. „Jetzt habe ich alle Informationen, die ich für den Artikel brauche. Doch bevor ich weitermache, verrat mir doch, was dich hertreibt“, sagte er sachlich. Dass sie geflirtet hatten, schien er vergessen zu haben.

Nola unterdrückte ein Seufzen. „Ich bin wegen einer Story gekommen, die mir vielleicht den Sprung ins Journalistikstudium ermöglicht …“, begann sie und verdrängte ihre von Rosarot zu Pechschwarz mutierten Gedanken.

„Dinosaurierskelette sind immer eine Schlagzeile wert. Vorausgesetzt, deine Bekannten finden ein gut erhaltenes Exemplar. Aber für deine Uni-Bewerbung brauchst du was Besseres“, meinte Daniel, nachdem sie ihm von ihrem Plan erzählt hatte. „In unserer Region werden ständig Fossile gefunden. So eine Geschichte ist kein Knaller. Du brauchst einen Knaller. Eine Top-Story!“

„Ja, ich weiß. Aber wo soll ich die herkriegen?“ Nola trommelte mit den Fingern genervt auf ihren Schreibtisch.

Daniel legte die Stirn in Falten und überlegte, aber ihm fiel nichts ein. „Na ja, wer weiß, was die anderen Möchte-gern-Journalisten zur Aufnahmeprüfung einreichen. Möglicherweise ist deine Dino-Geschichte dagegen der Renner.“

„Du musst nicht versuchen, mich aufzuheitern.“

„Will ich gar nicht. Wenn du die Story solide recherchierst, die beiden Studenten sympathisch darstellst und einen Hauch Abenteuer reinbringst … kann es was werden.“

„Meinst du?“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an.

Er nickte.

„Okay. Dann probiere ich es“, schöpfte Nola neuen Mut. „Willst du Mia und Alex kennenlernen? Wir gehen um sieben zu Joe.“

„Ich bin verabredet.“

„Mit wem?“

„Das wüsstest du wohl gerne.“ Er grinste herausfordernd.

„Hast du eine Freundin?“ Autsch! Das war zu direkt. Aber nun war es zu spät. Wenn er die Frage aufrichtig beantwortete, wusste sie wenigstens, woran sie bei ihm war.

„Warum willst du das wissen?“

„Nur so.“

„Das glaube ich dir nicht. Als Reporterin verbirgst du hinter jeder Frage eine Absicht.“

„Okay. Ich bin einfach neugierig.“

„Und ich verschwiegen.“ Daniel lachte und wandte sich seiner Arbeit zu.

Nola hätte ihn schütteln können. Er liebte es, sie zappeln zu lassen. Sie wusste, dass er nichts mehr sagen würde. Deshalb stand sie auf und ging zum Ausgang.

Als sie schon halb aus der Tür war, rief er ihr hinterher: „Sag deinen Studenten, sie sollen statt eines Dinos ein Mammut ausgraben. Dann hast du definitiv eine Hammer-Story.“

„Ich bringe dir ein Mammut. Wirst schon sehen.“ Nola rauschte davon und schlug die Tür laut hinter sich zu.

Daniel sah ihr durch das Fenster nach, wie sie entschlossen Richtung Motel stapfte. Er grinste.

2. KAPITEL

„Stellst du mir deine neuen Freunde vor?“ Zachary setzte sich unaufgefordert zu Nola und den Studenten an den Kneipentisch.

„Och, Zach! Muss das jetzt sein?“, beschwerte sich Nola. „Ich will mit Mia und Alex über eine mögliche Reportage sprechen.“

„Mia und Alex? Schöne Namen. Freut mich, euch kennenzulernen.“ Zach ignorierte Nolas Einwand geflissentlich und gab den beiden die Hand. Dann winkte er seine Freundin heran. „Komm zu uns, Courtney!“

Keine zehn Sekunden später saß Nolas beste Freundin Courtney ebenfalls bei ihnen und fragte das Pärchen über seine Heimatstadt und das dortige Nachtleben aus. Nola versuchte ein paar Mal vergeblich, das Gespräch auf das Thema Ausgrabungen zurückzulenken und gab schließlich auf. Alles, was auch nur annähernd mit ihrer Arbeit zu tun hatte, konnte sie nun vergessen.

Courtney war eine Quasselstrippe, und Zach fühlte allen Fremden erst mal auf den Zahn. Verdenken konnte sie es den beiden nicht. Schließlich hatte sie sich auch über die Abwechslung im Custer-Alltag gefreut. So beteiligte sie sich an der Unterhaltung, die vom Nachtleben über Ausbildung, Wohnsituation und Nebenjobs zu Hobbys und Beziehungen führte.

„Und woher kennt ihr euch?“, wollte Courtney wissen.

„Von der Uni“, sagte Mia. „Alex hat mich in der Mensa gesehen und …“

„Ich habe sie direkt angesprochen.“ Alex legte einen Arm um sie und küsste sie auf die Wange. „Ich wusste, dass sie die Richtige ist!“

„Oh, wie romantisch!“ Courtney seufzte. „Zach und ich kannten uns schon eine halbe Ewigkeit, bevor wir ein Paar wurden. Wir sind mit Nola in eine Klasse gegangen und erst nach der Highschool zusammengekommen. Es war also Liebe auf den zweiten Blick.“

„Aber deshalb nicht weniger schön.“ Zach zog Courtney an sich, zwinkerte aber Mia zu. Courtney bemerkte seinen Blick auf das hübsche Mädchen und stieß ihm den Ellbogen in die Rippen.

„Hast du auch einen Freund?“, wandte Mia sich an Nola.

„Da gibt’s jemanden, den sie süß findet“, verriet Courtney.

„Courtney!“, warnte Nola ihre Freundin.

„Wieso regst du dich auf? Stimmt doch!“ Courtney zuckte mit den Schultern, beugte sich über den Tisch zu Mia und flüsterte: „Es ist ihr Chef bei der Zeitung. Und sie sind beide zu schüchtern, um sich ihre Gefühle einzugestehen.“

„Hör auf, Courtney!“ Nola stampfte wütend auf. „Ich kann für mich selbst sprechen.“

„Ich bin ja schon still“, wiegelte Courtney ab und legte ihren Arm besitzergreifend um Zach. Damit er und alle anderen in der Kneipe wussten, zu wem er gehörte.

„Also, ich gebe ehrlich zu, ich hätte gern einen Freund“, sagte Nola. „Aber nicht um jeden Preis. Er sollte schon besonders sein. Und damit meine ich nicht reich oder berühmt, sondern außergewöhnlich, speziell. Und er sollte gut zu mir passen.“

„Das hast du süß gesagt“, meinte Mia gerührt.

„Nur leider gibt es solche Jungs nicht“, warf Courtney ein. „Außer Nola backt sich einen.“

„Ich bezweifele, dass Nola backen kann. Sie ist doch eher der intellektuelle Typ und nicht die geborene Hausfrau“, erklang eine melodische, dunkle Männerstimme spöttisch hinter Nolas Rücken.

Die Runde lachte. Doch Nola presste die Lippen aufeinander und ballte die Fäuste unter dem Tisch. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu sehen, wer sich in die Unterhaltung einmischte. Sie erkannte Jesse Tuckers Stimme aus Hunderten heraus. Musste er ausgerechnet heute Abend in „Joe’s Dump“ sein und mithören, dass sie sich einen Freund wünschte?

Von allen Menschen auf der Welt war Jesse der Letzte, mit dem sie zu tun haben wollte und der etwas Privates über sie erfahren sollte. Jesse hatte einen Ruf wie Donnerhall. Er war ein Einzelgänger, brach ständig Streit vom Zaun und spannte anderen Jungs die Mädchen aus, um sie dann, sobald er sie hatte, abzuservieren. Außerdem – und das war der Hauptgrund, warum Nola ihn nicht leiden konnte – hatte er sie während ihrer gesamten Schulzeit ätzend behandelt.

Sie erinnerte sich an seine schwarzen Augen, die sie im Unterricht ununterbrochen angestarrt hatten, und seine höhnischen Kommentare, wenn sie ihn in den Pausen bat, damit aufzuhören. Er lächelte nie. Und seine abweisende, kalte Art jagte ihr Angst ein. Aber nicht nur … Denn gleichzeitig zog seine einsame und verwegene Erscheinung sie auf eine dunkle, sinnliche Weise in den Bann. Jesse war mit seinen wilden schulterlangen Haaren, seinem markanten Gesicht und seinem muskulösen Körper sehr attraktiv. Ein dunkles Geheimnis umgab ihn, das große Faszination auf Nola ausübte – wofür sie sich und ihn hasste.

„Na, Nola … freust du dich, mich zu sehen?“ Jesse beugte sich zu ihr herunter und grinste ihr frech ins Gesicht. Er wusste, dass sie ihn verabscheute, und nutzte jede Gelegenheit, um sie aufzuziehen.

„Ich kann mein Glück kaum fassen“, zischte sie verärgert zurück.

Jesse lachte. „Na dann …“ Er setzte sich neben sie an den Tisch.

„Hi, ich bin Mia.“ Die Studentin strahlte ihn an.

Nola unterdrückte ein Aufstöhnen. Das durfte nicht wahr sein. Offensichtlich fand dieses wirklich nette Mädchen aus Duluth das „schwarze Schaf“ von Custer heiß und reihte sich damit in die Schlange nahezu aller weiblichen Dorfbewohner zwischen zwölf und zweiundneunzig ein.

Alex merkte bei dem flirtenden Unterton in Mias Stimme auf und schaute irritiert zwischen seiner Freundin und dem Neuankömmling hin und her. Er konnte Jesse auf Anhieb nicht ausstehen und reagierte somit genauso wie beinahe alle männlichen Bewohner von Custer zwischen zwölf und zweiundneunzig. Außer Zach, der schon immer einen Faible für seltsame Typen hatte, und Joe, dem Wirt. Er mochte Jesse – aus welchem Grund auch immer – und hatte ihn sogar in das leer stehende Apartment über seiner Kneipe einziehen lassen. Als er seinen Mieter unter Nolas Gästen sah, kam er sofort mit einem Tablett voller Moonshine, selbstgebranntem Schnaps, an den Tisch.

„Die Runde geht aufs Haus!“ Joe reichte jedem ein Glas.

„Da komme ich ja grade richtig.“ Daniel tauchte unerwartet hinter dem Wirt auf.

„Hallo Danny, mein Junge!“ Joe klopfte ihm in seiner herzlichen Art auf die Schulter und gab ihm einen Schnaps. „Hier, kannst meinen Drink haben. Ich sollte eh arbeiten und nicht feiern.“

„Das ist übrigens Nolas Chef“, raunte Courtney Mia zu, während Joe sich noch kurz mit Daniel unterhielt und dann zur Bar zurückging.

Mia musterte Daniel aufmerksam und nickte dann anerkennend in Nolas Richtung. Nola verpasste Courtney unter dem Tisch einen Tritt. Den ihre Freundin jedoch mit einem frechen Grinsen quittierte.

„Was hast du denn? Mia mag ihn“, flüsterte sie.

Nola schüttelte genervt den Kopf. Sie liebte Courtney wie eine Schwester, weil sie eine zuverlässige und wirklich gute Freundin war. Aber es nervte sie entsetzlich, dass Courtney nie wusste, wann sie den Mund zu halten hatte.

„Auf ex!“, rief Zach.

Alle setzten die Schnapsgläser an und stürzten das hochprozentige Getränk mit einem Schluck hinunter.

Nola schüttelte sich. Sie wusste schon, warum sie selten und wenig Alkohol trank. Das Zeug schmeckte wie Desinfektionsmittel, stieg ihr sofort in den Kopf und tötete in einer Sekunde vermutlich Tausende von Gehirnzellen. Zudem hatte „der Stoff“ noch eine andere Nebenwirkung: Er ließ ihre Hemmschwelle sinken. Sie sah Daniel herausfordernd an und fragte: „Was machst du denn hier? Ich dachte, du hast ein Date?“

„Ein Date? Mit wem?“, horchte Courtney auf.

Daniel grinste verschmitzt, zögerte aber die Antwort hinaus und sah Nola tief in die ...

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