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Die tödlichen Träume

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Inhaltsverzeichnis

  • Die tödlichen Träume
  • 1. Kapitel
  • 2. Kapitel
  • 3. Kapitel
  • 4. Kapitel
  • 5. Kapitel
  • 6. Kapitel
  • 7. Kapitel

1. Kapitel


Der Nebel trieb in grauen Schwaden über die Straße. Dann und wann schlug ein hellerer Lichtstreifen in den Brodem hinein, aber gleich darauf wälzte sich wieder ein feuchter Ballen über ihn hin. Die Sichtweite betrug keine fünfzig Meter und wollte unaufhörlich weiter zurückgehen. Die Scheibenwischer rissen den grauen Vorhang, der sich gegen die Windschutzscheibe presste, immer wieder auf. Ihr leises Klicken kam wie das monotone Ticken einer Uhr. Die Scheinwerfer und Nebellampen glühten gegen die nieselnde Wand an, ohne sie durchstoßen zu können.

Die Straße war gut asphaltiert, aber schmal. Sie zog sich in scharfen, unausgebauten Kurven aufwärts. Eine Kurve schob sich dicht hinter der anderen unter die Räder. Nackte, nasse Felsvorsprünge lauerten auf der einen Seite auf den Lack, der dicht an ihnen vorüberglitt. Auf der anderen Seite wartete ein steiler Abhang schweigend auf eine tödliche Begegnung in der Kurve.

Der Motor des schweren Wagens dröhnte sanft und einschläfernd. Das Steuerrad schwang wie in einer rhythmischen Übung hin und her.

»Ich hätte doch lieber einen kleinen Wagen mieten sollen«, murmelte Wilson Wobbler. »Diese Straßen sind für unsere amerikanischen Wagen zu schmal.«

Er saß fotogen und telegen neben dem Fahrer, ohne sich merklich an der Rückenlehne zu entlasten – der perfekte Kammerdiener oder Butler aus Englands schönsten Tagen in schwarzem Anzug und schwarzer Melone, mit undurchdringlichem Gesicht und stiller Würde. Man sah ihm an, dass er sich selbst genoss und außerdem entschlossen war, sich durch nichts erschüttern zu lassen.

»Unsere Wagen sind für die Straßen Europas zu groß«, berichtigte Steve Corell beiläufig, während er das Steuer herumdrehte. Wobb nahm mit einem Heben der linken Augenbraue davon Kenntnis.

»Sie bemerken einen Unterschied, Sir?«

»Sicher, Wobb. Diese Straßen wurden früher gebaut als unsere Wagen. Mann kann den europäischen Straßenbauern keinen Vorwurf daraus machen, dass sie unsere Straßenkreuzer noch nicht kannten.«

»Ah, ich verstehe! Das ist unter Umständen ein philosophisches Thema, Sir. Die Dimensionen der Kontinente sind verschieden, und …«

»Aber das Mundwerk ist überall gleich groß«, ergänzte Steve Corell trocken. »Dieses Schloss Sarn liegt hoffentlich nicht auf dem Mont Blanc?«

»Insofern kann man hierzulande nie ganz sicher sein«, seufzte Wobb. »Wir befinden uns in einem Land mit viel Fremdenverkehr, und Fremde darf man nie entmutigen. Hier ist das Wetter unter Garantie am nächsten Tag wunderschön, auch wenn vier Wochen Dauerregen in Aussicht steht, und wenn …«

Er brach ab und beugte sich vor. Ein Knall drang durch den wattigen Nebel.

Ein Schuss?

Noch ein Knall, diesmal näher, schärfer und peitschender, dann kurz darauf ein dritter aus anderer Richtung und Entfernung. Genaues ließ sich nicht bestimmen. Nebel und Berg täuschten.

»Pistolen, Sir?«

Steve Corell zuckte mit den Schultern, während er das Steuer wieder herumzog.

»Gemsen werden es kaum sein. Sie erwarten aber hoffentlich keine Aufregungen. Wir befinden uns in der Schweiz.«

»Hm, ich traue den Schweizern nicht, Sir«, bekannte Wobb. »Dieser Tell hat schon vor einigen Jahrhunderten seinem Kind einen Apfel vom Kopf geschossen. Der Vater seinem eigenen Kind! Und das mit einer Armbrust. In einem Land, in dem die Leute so etwas fertig bringen, muss man auf alles gefasst sein. Er hätte wenigstens die Erfindung eines modernen Jagdgewehrs abwarten sollen. Und dabei hatten sie hier noch nicht einmal unsere großen kalifornischen Äpfel, sondern nur …«

Er brach abermals ab.

Ein eisernes Gitterwerk mit den schattenhaften Konturen, eines Gebäudes geisterte plötzlich durch den Nebel und der Wagen stand, sodass Wobb gegen die Scheibe vorwippte.

Gleichzeitig peitschte kurz vor ihnen, aber auf der anderen Seite, ein Schuss durch den Brodem.

Vom Gitterwerk aus antwortete ein anderer, dumpferer Schuss. Ein Geschoss kreischte schrill auf Blech entlang.

Tiefe Stille.

Der Nebel lag klebrig an der Scheibe.

»Schlossbewohner!«, sagte Wobb entschuldigend. »Solche Leute haben gewisse Traditionen. Vielleicht tragen sie ein Duell aus? Oder vielleicht schießen sie auf Auerhähne? Ich werde einmal …«

»Warten Sie!«, befahl Steve Corell und löschte die Lichter.

Das graue Tageslicht, das durch den Nebel drang, bekam den Augen besser. Langsam nahmen sie die Umgebung auf.

Die Straße, die drüben weiterführte, weitete sich hier zu einem kleinen, ebenen Platz. Er wurde auf der rechten Seite durch ein hohes, schmiedeeisernes Tor begrenzt, dessen Flügel an mächtigen Steinpfeilern hingen. Daneben befand sich eine schmiedeeiserne Tür, die sich neben einem kleinen, einstöckigen Haus mit ausgebautem Dachgeschoss befand, vermutlich ein Pförtnerhaus, Die Tür war halb offen.

Auf der linken Seite wurde der Platz und gleichzeitig die Straße durch den abfallenden Steilhang abgeschnitten, aus dem vereinzelte Tannen herausgeisterten.

Vorn und hinten gab es neben der Straße nichts als nackten oder bemoosten Felsen, triefende Tannen und treibenden Nebel.

Die Scheibenwischer klickten. Der Motor summte kaum hörbar. Sonst war alles still.

Jetzt kamen Geräusche von links, schleifende und scharrende Geräusche. Steine rollten den Abhang hinunter.

Steve Corell drehte die Scheibe herunter. Der Nebel kam wie nasse Watte herein.

Vorsichtige Geräusche.

Tappende Schritte.

Schweres Atmen.

Der Nebel war jetzt so dicht, dass die Umrisse des Wagens nicht mehr zu sehen waren.

Wobb hatte die Tür auf seiner Seite geräuschlos geöffnet. Er glitt hinaus, ohne ein Ohr zu alarmieren.

Polternde Schritte.

Keuchen.

Plötzlich glitt der dicke Schwaden weg. Es wurde merklich heller. Die Augen bekamen wieder Sicht.

»Vorsicht!«, warnte eine keuchende Stimme. »Wer Sie auch immer sind, wir brauchen …«

Geschickt gemacht. Sie waren schon dicht heran, und das wollte unter den gegebenen Umständen etwas besagen.

Steve Corell sah zwei Männer auf sich zukommen. Sie waren beide noch jung und ziemlich groß. Der eine ging mit knickenden Knien, als besäße er nicht mehr die Kraft, die Gelenke durchzudrücken. Sein Kinn war wie im Trotz gereckt, aber so hielt sich ein Mann, der nicht zusammenklappen wollte. Über das Gesicht lief Blut durch verschmierten Schmutz hindurch. Die rechte Hand hielt eine Schusswaffe. Sie war auf Steve Corell gerichtet. Weder Hand noch Waffe schwankten, obgleich der Mann am Rande sein musste.

Er hatte seine Ladung auf sich. Sein linker Arm umschlang einen Mann, der an seiner Schulter hing und die Beine mehr nachschleppen ließ als setzte. Dieser zweite Mann hielt sich eben noch, war aber wohl schon über die Grenze hinaus und wusste nicht mehr, was er sich aufzwang. Er stand dem ersten an Verschmutzung nicht nach, sah aber zusätzlich noch aus, als hätte man ihn durch die Bäume geworfen.

Der Mann mit der Pistole holte keuchend Luft, bevor er sich weitere Worte herausquälte.

»Wir brauchen Ihren Wagen. Er ist schwer verwundet. Steigen Sie aus. Tut mir leid, aber …«

»Mr. Prince!«, stellte Steve Corell überrascht fest, während er die Tür aufdrückte.

»Wieso? Kennen Sie – ah, Mr. Corell!«

»Ja.«

»Das – das ist gut«, lallte Prince, während ihm die Waffe aus der Hand fiel. »Kümmern Sie sich um ihn. Er – er ist schlecht dran. Klinik …«

Seine Knie brachen ein. Beide Männer rutschten zu einem reglosen Bündel zusammen.


*


Sie lernten Howard Prince und seine Schwester Ellen während der Überfahrt auf der »United States« kennen.

Er lag in einem Deckstuhl und hielt ein dünnes, aufgeschlagenes Buch auf dem Magen, als der Steward die Deckstühle für Steve Corell und Wobb neben ihm aufschlug. Von Weitem konnte man annehmen, dass er las. Tatsächlich waren seine Augen geschlossen. Er schlief. Er schlief so fest, dass ihm seine neue Nachbarschaft völlig entging.

Steve Corell warf einen Blick auf den bereitwillig dargebotenen Titel des Buches und wunderte sich. Der langbeinige junge Mann im Deckstuhl, der ungefähr im gleichen Alter mit ihm sein konnte, sah bei weitem eher nach Sport als nach Philosophie aus. Möglicherweise gehörte er zu den modernen Physikern oder Technikern, die auch körperlich in Form bleiben wollten und nichts mehr vom klassischen Bild des Gelehrten hielten. Er besaß ein offenes, angenehmes und intelligentes Gesicht, wenn es auch jetzt im Schlaf nicht gerade geistreich wirkte. Wahrscheinlich gehörte er zu den Menschen, mit denen man gern befreundet war. Trotzdem – so richtig passte diese Lektüre nicht zu ihm. Die Leser solcher Bücher brachten es im Allgemeinen nicht fertig, im tiefen Schlaf ein Buch so zu halten, dass es aus einiger Entfernung nach aufmerksamem Studium aussah.

Patsch!

Nach einigen Minuten passierte es. Das Buch entglitt den Fingern und fiel herunter. Eine Winzigkeit später schreckte der Schläfer hoch.

Wobb drehte sich etwas zur Seite, nahm das Buch auf und hielt es Howard Prince hin.

»Bitte.«

Prince brauchte nicht lange, um sich zurechtzufinden. Er sah vorübergehend verwirrt aus, prüfte gleich darauf seine Nachbarschaft mit einem Blick, der so gut wie ein Schnappschuss eines Fotoapparats war, griff nach dem Buch und grinste mit einer Spur Verlegenheit. Das jungenhafte Grinsen stand ihm gut, verdeckte aber nicht die Neugier in seinen grauen Augen.

»Danke, danke. Ich muss glatt geschlafen haben. Die Luft macht müde.«

»Ja, ja«, nickte Wobb väterlich. »Über solchen Büchern schlafe ich gewöhnlich auch ein, Sie sollten es einmal mit einem Krimi versuchen.«

Howard Prince blinzelte.

»Hm, wem sagen Sie das? Sie sollten lieber meine Schwester überreden. Ellen ist ein patentes Mädchen, aber wenn es ums Geschäft geht, wird sie zur Bestie. Keine Spur von Rücksicht auf einen wehrlosen Menschen! Während andere friedlich im Deckstuhl liegen und schlafen, muss ich dieses Zeug studieren. Gemeinheit, nicht?«

»Zweifellos«, stimmte Wobb höflich zu. »Hoffentlich haben wir Sie nicht beim Studium gestört?«

»Wieso? Ich habe doch geschlafen. Was kann man schon anderes tun, wenn man kein Wort versteht? Hören Sie sich das einmal an!«

Er blätterte und las mit schulmäßiger Steifheit vor:

»Der Beobachtungsvorgang bewirkt diskontinuierliche Veränderungen im Zustand eines Gegenstandes. Auf diese Weise setzt die Quantenmechanik an die Stelle der Kontinuität eine Diskontinuität auf dem Gebiet der physikalischen Gegenstände und charakterisiert diese durch die Messungsergebnisse des Beobachtbaren. Hieraus folgt, dass die Forderung einer unabhängigen Körperwelt sich nicht rechtfertigen lässt und …«

Wobb hob abwehrend beide Hände.

»Bitte nicht. Ich bin mir keiner feindseligen Handlung gegen Sie bewusst.«

Howard Prince klappte das Buch zu und grinste wieder.

»Nerventöter, was? Diese Eierköpfe spinnen, dass unsereinem die Augen übergehen. Wissen Sie, worauf die Geschichte hinaus läuft? Wir sind überhaupt nicht da – ich nicht, Sie nicht und das ganze Schiff nicht.«

»Nicht möglich?«, staunte Wobb, und daraufhin wurde Howard Prince eifrig,

»Passen Sie auf, ich will Ihnen das erklären. Die ganze Sache ist von den Atombrüdern ausgeheckt worden. Sie sagen, dass es nur das gibt, was sie beobachten können. Ist ja klar, nicht? Was nicht einmal die Atomphysiker beobachten können, existiert eben nicht. Und wenn Sie nicht gerade beobachtet werden, sind Sie eben auch nicht vorhanden.«

»Interessant!«, staunte Wobb weiterhin ausdrucksvoll, worauf sein Partner noch eifriger wurde.

»Klingt merkwürdig, nicht? Ist es aber gar nicht. Die Dinge liegen nämlich so, dass es überhaupt nur das wirklich gibt, was sich in einem drinnen rührt – Empfindungen, Gefühle und das alles. Bewusstseinsinhalte nennen sie es. Alles andere ist bloß fauler Zauber. Sie denken, dass ich eine Nase im Gesicht habe, aber sicher ist das nicht. Sicher ist bloß, dass Sie in Ihrem Kopf eine Nase sehen. Ob sie wirklich in meinem Gesicht sitzt, ist eine andere Frage. Und die Eierköpfe aus der Atomphysik haben das doch tatsächlich bewiesen!«

Es war fürchterlich, aber Steve Corell hielt sich zurück, obgleich ihn ein beunruhigter Blick Wobbs traf. Sein Gesicht blieb ausdruckslos, als ob er taub wäre.

Wobb räusperte sich.

»Hm, nichts gegen Ihre Nase. Ich habe zwar bis jetzt gedacht, dass sie nicht läuft, wenn sie läuft, aber wenn Sie meinen, dass sie gar nicht da ist, obgleich sie da ist – also, wenn ich mir vorstelle, dass Sie den Schnupfen haben und dann mit dem Taschentuch in der Hand losziehen und Ihre Nase suchen müssen, weil Sie mal niesen wollen – hm, vielleicht drücke ich mich nicht ganz klar aus, aber wie machen Sie das nun eigentlich mit Ihrer Nase, wenn Sie nicht zufällig einen Atomphysiker bei der Hand haben, der Ihre Nase beobachtet und Ihnen sagt, dass sie Ihnen richtig im Gesicht sitzt und Sie losniesen können – ich meine, wenn Sie nicht sicher sind, dass Ihre Nase in Ihrem Gesicht sitzt und …«

»Was Sie nur mit meiner Nase haben?«, wunderte sich Howard Prince unsicher. »Es kommt doch bloß darauf an, dass das ganze wirkliche Zeug um uns herum gar nicht wirklich vorhanden ist. Wir bilden uns das bloß ein, verstehen Sie? Das ist der Witz dabei.«

»Sehr witzig!«, murmelte Wobb und blickte abermals auf Steve Corell. »Kann ich etwas tun, um Sie zum Lachen zu bringen, Sir?«

Steve Corell lächelte.

»Danke, Wobb. Es ist gar nicht zum Lachen. Es ist zum Weinen.«

Wobb drehte sich zu Prince zurück und sagte würdig:

»Da haben Sie es. Es ist zum Weinen.«

Howard Prince blickte über ihn hinweg misstrauisch zu Steve Corell hin. Dann murrte er überlegen, aber freundschaftlich:

»Also fangen Sie bloß nicht etwa mit dem gesunden Menschenverstand an. Damit habe ich es auch versucht, aber es nützt nichts. Gegen die Eierköpfe kommt man nicht an, und gegen die Atombrüder am allerwenigsten. Die beweisen einem klipp und klar, dass man sich die ganze Welt nur einbildet.«

»Sie hätten es mit einem Tritt gegen das Schienbein versuchen sollen.«

»Au weh! So etwas lassen sie nicht als Beweismittel gelten. Nein, nichts zu machen. Die reden nur. Und unsereins kann da einfach nicht mitreden. Und wenn sogar die Atomphysiker erklären, dass es in Wirklichkeit keine Wirklichkeit gibt, dann …«

»Sie interessieren sich für philosophische Probleme?«, unterbrach Steve Corell.

»Ich?«, staunte Howard Prince. »Nicht im Geringsten. Von mir aus kann mir der ganze Unsinn gestohlen bleiben. Aber Ellen! Ich sagte Ihnen ja schon, dass meine Schwester gemein werden kann, wenn sie einen wehrlosen Menschen wie mich vor sich hat. Wir brauchen das fürs Geschäft, und ich muss natürlich derjenige sein, der sich hineinkniet. Vater drückt sich, und Ellen tut so, als ob sie sich auskennt und schon in der Wiege mit Sokrates oder einem dieser alten Herrn diskutiert hat. Die Weisheit mit Löffeln gefressen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Jedenfalls bleibt es an mir hängen. Zugegeben, je mehr persönliche Überzeugung man ins Geschäft hineinbringt, desto besser, und das ist immerhin ein Auftrag, bei dem eine Menge Geld hängen bleiben könnte, aber andererseits … Hallo, Ellen!«

Besonders klar drückte er sich nicht aus, und es schadete nichts, dass er jetzt auf die Fortsetzung verzichtete und einem jungen Mädchen zuwinkte, das sich ihnen näherte. Er stand sogar auf, und Steve Corell wie Wobb folgten seinem Beispiel, während der aufmerksame Decksteward schon einen Deckstuhl heranschob.

Ellen Prince war einige Jahre jünger als ihr Bruder. Sie war blond mit einem rötlichen Stich, gut gewachsen und hübsch, ohne zu überwältigen, sehr sauber und adrett, mit einem freundlichen Gesicht, das bei aller Sanftheit eine gute Portion Energie verriet.

Man stellte sich vor und setzte sich wieder. Nach kaum einer Minute hatte Ellen Prince schon das Buch in der Hand, das ihr Bruder unter seinen Deckstuhl geschoben hatte.

»Geschafft, How?«

»Bis zum letzten Buchstaben«, behauptete ihr Bruder ohne Zögern und überzeugend. »Es war unmöglich, nicht gefesselt zu sein.«

»Nana?«, misstraute sie und wandte sich an Steve Corell. »How ist ein Faulpelz. Er hat nur diese paar Tage Überfahrt, um sich einzuarbeiten, aber er drückt sich schamlos. Dabei geht es um den größten Auftrag, den wir je in Aussicht hatten. Sie zahlen sogar schon diese Reise mit allen Spesen, und das nur, um erst einmal das Grundsätzliche zu besprechen. Ich könnte ja einspringen, aber ich kenne doch die Männer. Und unser Auftraggeber ist auch noch ein europäischer Gelehrter. Das sind Typen für sich. Wahrscheinlich würden ihm die letzten Haare ausfallen, wenn er sich mit mir über philosophische Fragen unterhalten müsste.«

»Geschäft und Philosophie?«, deutete er vorsichtig an.

»Warum nicht?«, lachte sie. »Nennen Sie die Philosophie ein bisschen anders, dann haben Sie das bekannte größte Geschäft aller Zeiten. Unser Mann ist bestimmt nicht dumm. Ich kann mir auch vorstellen, was sich daraus machen lässt. Nur How ist stur. Dabei soll er in ein paar Tagen schon ein paar brauchbare Vorschläge machen.«

»Da haben Sie es«, grinste Howard Prince. »Die Peitsche über dem Arbeitssklaven. Sie müssen wissen, dass wir ein Werbebüro betreiben – Vater, Ellen und ich. Ziemlich bekannt geworden allmählich. Reklame für ausgefallene Sachen, an die sich sonst niemand he¬rantraut. Wir haben sogar eingedoste Gebirgsluft zu einem Geschäft gemacht. Aber diesmal ist mir die Sache nicht geheuer. Träume verkaufen! Ganz etwas Neues und Originelles, aber …«

Er brach mit einem Schulterzucken ab.

»Träume?«, horchte Wobb auf, presste aber die Lippen zusammen, als ihn ein Blick Steve Corells traf.

»Träume«, bestätigte Ellen Prince unbefangen.


*


Das war noch keine zwei Wochen her, und jetzt lag Howard Prince zusammen mit einem unbekannten Mann vor dem Tor zum Schloss Sarn, schmutzig, blutüberströmt und verletzt, überwallt von den grauen Nebelschwaden, deren Nässe von den Tannen tropfte. Im Ohr klangen noch die Schüsse, die eben gefallen waren.

»Die Gegner!«, sagte Steve Corell zu Wobb hin, worauf dieser nickte und lautlos im Nebel verschwand.

Steve Corell beugte sich über die beiden reglosen Gestalten und zog sie behutsam auseinander. Howard Prince musste eine Schlägerei hinter sich haben. Außerdem hatte er einen ziemlich übel aussehenden Streifschuss am Kopf und eine blutende Wunde an der Hüfte. Der andere sah aus, als hätte er bei einer Schlägerei unten gelegen und alles mitbekommen. Außerdem hatte er einen Einschuss unter dem linken Schlüsselbein, der Lebensgefahr bedeuten konnte. Beide atmeten und bei beiden schlug das Herz, aber es war klar, dass sie beide dringend ärztliche Behandlung brauchten.

Wobb kam als gleitender Schatten zurück.

»Nichts, Sir. Sie müssen sich zurückgezogen haben.«

Steve Corell überlegte. Die Situation war schwierig. Den beiden Bewusstlosen bekam es sicher am besten, wenn Arzt und Ambulanzwagen telefonisch hierher beordert wurden. Andererseits ließen sich keine freundlichen Gesten erwarten, wenn sich die beiden mit Pistolenschüssen verabschiedet hatten. Ihre Gegner konnten im nächsten Augenblick wieder auftauchen und verhindern, dass sie rechtzeitig zum Arzt gebracht wurden. Die Schlossbewohner brauchten sich auch nur tot zu stellen und den Zugang zum Telefon zu verweigern.

»Wir müssen es riskieren«, entschloss er sich. »Hier genügen ein paar Minuten für die Lungenentzündung, die den beiden gerade noch fehlt.«

Sie trugen die beiden Bewusstlosen behutsam in den Wagen hinein. Wobb setzte sich zwischen sie, um sie zu halten. Steve Corell wendete den Wagen und ließ ihn langsam bergab rollen. Es kam nicht so sehr auf die Minute an als darauf, Erschütterungen zu vermeiden. Glücklicherweise war der große Wagen bestens gefedert und die Straße recht gut.

Howard Prince kam trotzdem wieder halb zu sich. Er musste noch stark unter Alarm stehen.

»Was – wo?«, schreckte er auf und versuchte, von Wobb loszukommen. »Wenn ihr euch etwa einbildet …«

»Ruhe«, besänftigte Wobb. »Keine Gefahr mehr, Mr. Prince. Sie sind unter Freunden.«

Prince lachte heiser auf.

»Unter Freunden? Verdammt, wenn …«

Er schlug um und flüsterte:

»Wobb? Sind Sie das, alter Knabe? Wieso …«

»Ruhig halten«, mahnte Wobb väterlich. »Wir bringen Sie zum Arzt. Alles in Ordnung.«

»Wobb?«, wunderte sich Howard Prince und entspannte sich. »Und Mr. Corell, he? Sie beide haben mir gefehlt. Wir müssen das Nest ausheben. Der Kerl macht die ganze Welt fertig. Wo ist Ellen?«

»Es ist besser, wenn Sie jetzt nicht so viel reden, Mr. Prince.«

»Unsinn!«, murmelte Howard Prince wie im Halbschlaf. »Mir fehlt nicht viel. Sie haben Ellen noch im Kasten, nicht? Dummes Ding! Aber wir holen sie schon noch heraus. Träume verkaufen! Träume! Teufel noch mal, das ist schlimmer, als wenn sie die Hölle loslassen würden. Er begreift es einfach nicht! Träume!«

Dann verlor er wieder das Bewusstsein.

»Wir werden sie zu diesem Krankenhaus bringen, an dem wir vorhin vorbeigefahren sind«, sagte Steve Corell. »Hoffentlich bleibt der Nebel so dicht.«

»Unauffällig, Sir?«

»Möglichst, Hier müssen Schusswunden der Polizei gemeldet werden, und die Polizei stellt gern Fragen. Es ist besser, wenn Spörli vorläufig nicht erfährt, dass wir schon Partei genommen haben. Ich fürchte, es war doch falsch, ihn für harmlos zu halten.«

»Hm, auf jeden Fall ist es unüblich, seine Gäste mit Pistolenschüssen zu vertreiben, Sir. Aus dem großen Geschäft scheint nichts geworden zu sein.«

»Scheint so.«

»Wie zu erwarten.«

»Hm?«


*


»Warum eigentlich nicht?«, fragte Ellen Prince ungeduldig bei einem der Gespräche auf der »United States«. »Ich weiß noch nicht, was hinter dem Angebot steckt und ob man Träume überhaupt produzieren kann, aber man kann sie genauso verkaufen wie Himbeerbonbons. Vielleicht sogar noch besser. Schließlich wissen wir ja nicht, ob die Wirklichkeit vorhanden ist und nicht etwa nur in unserer Einbildung, in unserem Gehirn existiert, also im Grunde auch nur ein Traum ist, und wenn …«

»Ohne Gehirn lässt sich’s schwer träumen«, warf Steve Corell belustigt ein.

»Natürlich nicht, aber – wieso, was wollen Sie damit sagen?«

Steve Corell lächelte in das eifrige Gesicht des jungen Mädchens hinein. Ellen Prince besaß genug Intelligenz, aber sie hatte zu viel gelesen, ohne darüber nachzudenken.

»Sie beziehen sich auf einen Subjektivismus, wie er etwa von Mach vertreten wurde. Die Welt existiert überhaupt nicht, nur Empfindungen sind wirklich. Dabei hat schon Mach übersehen, dass Empfindungen oder Bewusstseinsinhalte nicht irgendwo frei im Raum entstehen, sondern greifbare Organe benötigen. Im Mindestfalle müssen diese wirklich vorhanden sein, und wenn sie vorhanden sind, kann man auch den Rest der Welt nicht leugnen.«

Sie prüfte misstrauisch sein schmales, hartes Gesicht, als suchte sie das Gelächter hinter seinen Worten, dann sagte sie spitz:

»Ihnen werde ich auch etwas zu lesen geben. Unsere Atomphysiker sind der gleichen Meinung. Sie sagen auch, dass nur das wirklich existiert, was beobachtet werden kann. Sie befassen sich ja überhaupt nicht mehr mit dem, was wirklich vorhanden sein könnte, sondern mit den Beobachtungen, mit den Bewusstseinsinhalten, die sie gewonnen haben.«

»Nett von Ihnen«, quittierte er trocken. »Dann brauchen wir also nur noch mit Kernbomben zu rechnen, die aus Bewusstseinsinhalten bestehen.«

»Das ist etwas anderes«, lehnte sie gekränkt ab.

»Ja, nämlich praktische Atomphysik. Das, wovon Sie reden, ist dagegen theoretische Atomphysik und noch weniger, nämlich atomphysikalische Philosophie. Man kann es auch einfach als dummes Geschwätz bezeichnen.«

»Nana?«

»Doch. Diese Leute behaupten, dass nur das Beobachtbare existiert. Bis vor fünfzig Jahren ungefähr war es noch unmöglich, Atome zu beobachten. Bis dahin gab es also überhaupt keine Atome auf der Welt, damit aber auch keine Moleküle, keine Substanzen, keine Gegenstände. Die ganze Welt existierte noch nicht. Erst, als die Herren Atomphysiker erfunden worden waren und die richtige Brille aufsetzten, durch die das Atom beobachtbar wurde, war die Welt plötzlich vorhanden. Was meinen Sie dazu?«

»Das müssen Sie falsch verstanden haben«, erwiderte sie zögernd. »Das sind doch intelligente Leute?«

»Schlauköpfe! Sie wollen nicht zugeben, wie wenig sie noch wissen. Sie versagen in der Physik und retten sich in die Metaphysik.«

»Das ist …«

»Moment mal!«, mischte sich Howard Price interessiert ein. »Wie war das eben? Diese Atombrüder hauen ungefähr in die gleiche Kerbe wie dieser subjektive Mach, und die Leute glauben es?«

»Ja«, bestätigte seine Schwester.

»Aber das ist doch unser Dreh!«, erwärmte sieh Howard Prince. »Wenn wir ein paar Philosophen an der Hand haben, und dazu noch ein paar Atomphysiker – dagegen kommt niemand auf. Gegen Bildung ist kein Kraut gewachsen. Wir werden diesem Spörli Träume verkaufen, dass ihm die Augen übergehen. Wir werden …«

»Wem?«

»Wieso? Ach so? Spörli heißt der Mann.«

»Aha.«

Steve Corell begnügte sich damit. Er war nicht mehr übermäßig überrascht. Und er besaß Geduld. Irgendwann würden sich die verschiedenen Bilder zusammenfügen.

Heinrich Spörli, der größte Verbrecher aller Zeiten.

Heinrich Spörli, der stille, weltfremde Gelehrte.

Heinrich Spörli, der Geldschnorrer.

Heinrich Spörli, der einen Werbefeldzug aufziehen wollte, dessen Kosten leicht in die Millionen gehen konnten.

Träume verkaufen?

Steve Corell prüfte die Gesichter der Geschwister, während das Gespräch weiter ging. Zwei gesunde junge Menschen, nicht zuletzt nüchterne Geschäftsleute. Vielleicht war es am besten, ihnen den Vortritt zu lassen? Sie bekamen bessere Gelegenheit als er, festzustellen, welche Bewandtnis es mit Spörli hatte. Sie sollten als seine Gäste bei ihm wohnen, während er als Eindringling auftreten musste. Spörli würde ihnen gegenüber seine Karten aufdecken.

Er fand den Einfall gut.


*


Er fand ihn nicht mehr gut, während sich der Wagen im Nebel durch die Kurven schlängelte.

In dieser Woche, die er den Geschwistern als Spielraum gelassen hatte, ohne sie von seinen eigenen Absichten zu unterrichten, musste sich manches gegen das Programm entwickelt haben. Eine Flucht und eine Schießerei – kaum der richtige Abschluss für ein Geschäft. Und was war mit Ellen Prince?«

Die Kurven lösten sich auf. Die gerade Straße öffnete sich. Der Wagen schoss nach vorn.

Zwanzig Minuten später stand er dicht am seitlichen Eingang des Krankenhauses neben einem bereitstehenden Ambulanzwagen. Wobb trug Howard Prince durch die Glastür hinein. Die Fahrspur hatte sie richtig geleitet. Drinnen wartete ein Aufzug, neben ihm einige Fahrbahren. Eine aufgeschreckte Schwester hielt die Tür.

»Was …?«

»Ein Unfall«, murmelte Wobb und legte Prince auf die Bahre. »Ich komme gleich noch einmal. Verständigen Sie den Arzt.«

Er verlangte nichts Ungewöhnliches. Die Schwester nickte und griff zum Telefon.

»Dr. Rettinger kommt sofort«, teilte sie mit, als Wobb den zweiten Bewusstlosen hereintrug. »Hoffentlich haben Sie keinen Schaden angerichtet. Es ist immer besser, Verunglückte liegen zu lassen, bis die Ambulanz kommt. Was ist denn passiert?«

»Keine Ahnung, Schwester.«

»Sie sind Amerikaner?«

»Sie müssen es an der Sprache gemerkt haben, Schwester«, bewunderte Wobb und ging zur Tür.

»Moment. Ich brauche Ihre Angaben.«

»Ich komme sofort wieder.«

Die Schwester hörte, wie ein Wagen wegrauschte. Sie hastete vor die Tür, sah aber nur noch Schlusslichter, die im Nebel verschwanden.

Zwanzig Minuten später schraubte sich der Wagen abermals die Kurven hinauf. Es war immer noch Nachmittag und Besuchszeit.

Oben hatte sich der Nebel zu einem hellen Dunst gelichtet. Sie konnten jetzt hinter dem schmiedeeisernen Gitterwerk des Tores die vernachlässigte Einfahrt sehen, weiter hinten einen massigen, düsteren Gebäudeblock, der schon mehr an eine Burg als an ein Schloss denken ließ. Vermutlich lag es aber nur daran, dass sie auf die fast fensterlose Nordseite blickten. Das Schloss lag dicht am Hang, obgleich das Plateau hinter ihm groß genug war.

Die Pforte neben dem Tor stand noch immer halb offen. Sie quietschte gereizt, als Steve Corell sie zurückdrückte. Sie lag bereits unter dem vorspringenden Dach des Pförtnerhauses und führte gegen ein eingerostetes und mit Ketten festgelegtes eisernes Drehkreuz. Hinter diesem und seitlich sperrte ein Vorhang aus Stacheldraht. Sie mussten sich nach rechts wenden, wo eine Tür in das Häuschen hineinführte.

Die Tür war nicht verschlossen. Hinter ihr befand sich ein größerer, trüber Raum mit zwei weiteren Türen, von denen die eine auf die Einfahrt hinter dem Stacheldraht hinausführte. Am Fenster stand ein Pult mit einem Telefonapparat. Über ihm hing eine schon halb vergilbte Papptafel mit Ansichtspostkarten des Schlosses und verriet, dass das Schloss früher einmal einem neugierigen Publikum zugänglich gewesen war. An der Seitenwand stand eine Couch hinter einem Tisch mit zwei Stühlen, an der anderen Wand ein eiserner Kanonenofen, aus dessen oberer Öffnung papierne Abfälle quollen. Das Ganze wirkte trübselig und schmutzig, kalt, feucht und säuerlich.

Auf der Couch saß ein Mann. Seine Arme lagen breit auf der Tischkante. Er war eher klein als groß. Auf seinem Kopf saß ein alter, grauer Filzhut mit seitlich hochgerollter Krempe. Sein Oberkörper steckte in einer dicken, braunen Wollweste, unter der noch ein blauer Pullover und ein ungebügelter weißer Hemdkragen sichtbar wurden. Das braune, knochige Gesicht war seit Tagen nicht rasiert. Die Augen standen eng und knopfartig neben einer scharfrückigen Nase, die nach der Spitze zu knotig wurde. Als er die blassen Lippen bewegte, wurden gelbe Zähne und zwei Zahnlücken sichtbar.

Hübsch war er nicht, und besonders gepflegt erst recht nicht. Er sah genau so aus wie ein Mann, dem es jeden Morgen zu kalt ist, sich zu waschen oder sonst etwas für seine Schönheit ...

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