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Die tödliche Konsequenz

»Also, Frau Schnittblum. Sie geben zu, dass der Schmuck nicht Ihnen gehört«, stellte der Polizeibeamte gelangweilt fest. »Aber wie ist er dann in Ihren Besitz gekommen?«

Beide musterten sich: die attraktive Blondine mit dem modischen Meckischnitt und der kräftige Hauptkommissar Klaus-Werner Breitbach mit der angegrauten kurz geschorenen Halbglatze. Ihre Blicke blieben aneinander hängen. Den Bruchteil einer Sekunde zu lang schaute er in ihre blauen Augen. Sie spürte, wie sie errötete, er, wie ihm heiß wurde.

Auch das noch, dachte sie.

Hormonstau, dachte er.

»Also?«, forderte der Beamte sie unnötig laut und unwirsch auf.

»Also«, echote sie sichtlich irritiert und fuhr dann fort: »Ich saß im St. Pauli-Theater, im Parterre, als mir kurz vor Beginn der Vorstellung von der Empore herunter etwas in den Ausschnitt fiel.«

Unwillig schüttelte Breitbach den Kopf. »Puh. Ich hab‘schon eine Menge verrückter Geschichten gehört, aber das hier ist ja wohl der Gipfel.«

»Es war aber so!«, beharrte die Frau.

In der Pause sei sie zur Toilette gegangen und habe zu ihrer Überraschung zwei goldene Ohrgehänge aus ihrem BH gezogen, berichtete sie weiter. Dummerweise habe sie die Schmuckstücke dann auf den Waschtischrand gelegt, während sie sich die Lippen nachzog. Dort seien sie von jener zierlichen Frau entdeckt worden, die aus der WC-Kabine kam. Über die Eigentümerschaft war es dann zwischen den beiden Damen zu einer so lautstarken und handgreiflichen Auseinandersetzung gekommen, dass die Klofrau nach der Polizei schicken ließ, die ja praktischerweise gleich im Haus nebenan logierte.

»Der Schmuck gehört mir«, sagte plötzlich die knabenhafte Schönheit im schwarzen Paillettenkleid, die bis jetzt auf einer Bank im Hintergrund saß und regungslos zugehört hatte. »Er ist mir beim Anlegen aus der Hand gefallen.«

Die überraschend tiefe Stimme klang entschieden und ließ Breitbach herumfahren. Ungläubig starrte er in das sorgfältig geschminkte Puppengesicht. Ach Gott, der Toni, durchfuhr es den Ordnungshüter. Den Toni – oder genauer: Anton Maria Tempel – hatte er in böser Erinnerung. Der zierliche Mann hatte als Sechzehnjähriger, wie Breitbach wusste, Männer in die Absteigen von St. Georg gelockt. Nach dem Sex erleichterte er die meist verheiratete Kundschaft um Uhren, Ringe, Kreditkarten, Ausweise und was sie sonst noch bei sich trugen. Zur Anzeige kamen die Diebstähle so gut wie nie, scheuten sich doch die Herrschaften verständlicherweise, ihre Abwege zu Protokoll zu geben. Toni übernahm aber auch Spezialaufträge …

»Wenn das Ihr Schmuck ist, dann ist ja alles in bester Ordnung«, hörte der Beamte sich krächzend sagen. Dabei schob er die aufwendig gearbeiteten Ohrgehänge über den Tresen in Tonis Richtung.

Kurz blitzten die vielen kleinen Brillanten der herzförmigen Verschlüsse auf, an denen ein tropfenförmig geschliffener dunkelroter Rubin hing.

Der Angesprochene nickte kaum erkennbar, schob schnell die kostbaren Stücke in sein silbernes Theatertäschchen und verließ mit eiligen Trippelschritten die Wache.

»Und was ist nun mit mir?«, fragte Margarete Schnittblum, nachdem das Klappern der Schuhe auf dem Gang verklungen war.

»Alles in Ordnung. Sie können gehen«, entgegnete Breitbach, ohne von seinem Bildschirm aufzublicken.

»Ach, wirklich?«, antwortete sie langsam und wunderte sich, dass offenbar seitens der Polizei kein Interesse daran bestand zu erfahren, wem der sündhaft teure Schmuck nun wirklich gehörte. »Auf Wiedersehen möchte ich ja vielleicht doch nicht gerade sagen«, meinte sie lächelnd.

Er zeigte ohne aufzusehen Richtung Tür.

»Ich wünsche Ihnen, dass Sie auch weiterhin alle Ihre Fälle so reibungslos lösen können wie diesen«, warf sie ihm beim Hinausgehen zu.

***

Wieder allein in seinem Büro, wischte sich Breitbach den kalten Schweiß von der Stirn. Da war er ja noch mal haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschlittert. Er stützte die Arme auf den Schreibtisch, schloss die Augen, vergrub sein Gesicht in den Händen und erlebte im Geiste die absolut peinlichste Situation seines 53-jährigen jährigen Lebens noch einmal:

Kiez-Unternehmer Bernie Frintloff, nach Breitbachs Überzeugung der Chef von Hamburgs größtem Hehlerring, hatte vor einiger Zeit, als Breitbach noch Oberkommissar war, über Mittelsmänner die sexuellen Vorlieben Breitbachs auskundschaften lassen. »Der Bulle fährt jetzt in sein Amüsierrevier«, hatte man ihm an einem regnerischen Abend im vergangenen Spätsommer gesteckt. In Windeseile war dann auf Frintloffs Geheiß Toni Tempel in Lackleder-Mini, schwarzen Stiefeln und weißem Kapuzenblouson auf dem Straßenstrich am Fischmarkt erschienen.

Zunächst hatte Toni die Unnahbare gespielt, als Breitbach im Schritttempo vorbeigefahren war. Als der Polizist auf dem Rückweg jedoch wieder vorbeikam, wechselte Toni jedoch, scheinbar gelangweilt, die Straßenseite und blieb stehen.

Breitbach hielt an und fragte durchs herabgelassene Fenster belustigt: »Na, keine Lust auf Sex heute Abend?«

Toni hatte sich, starr in Fahrtrichtung blickend, nur soweit vorgebeugt, dass Breitbach nicht sein Gesicht, dafür aber die prallen kleinen Brüste sehen konnte, die Toni aufreizend ins Fenster hielt. Dann hauchte er: »Einmal Blasen ohne Gummi gefällig?«

Der Köder war perfekt und Breitbach ließ Toni einsteigen. Ohne sich über deren dunkle Sonnenbrille zu wundern, fuhr er mit ihr zum nahen Truckerparkplatz.

Inzwischen hatte der Regen aufgehört und Breitbach, um die laue Nacht zu genießen, das Verdeck des Wagens aufgemacht.

Während er gerade mit geschlossenen Augen anfing zu stöhnen, trat der mit gezückter Kamera wartende Frintloff auf den Plan und schoss eine Serie gestochen scharfer Fotos. Breitbach konnte nur ein paar entsetzte Grunzlaute von sich geben, während Toni aus dem Wagen sprang und glucksend vor Vergnügen in das Rolls-Royce-Cabrio seines Auftraggebers und Beschützers sprang. Lachend ließen sie den verdatterten Beamten zurück, der hektisch seine Hose hochzog.

Der Lärm hatte einige Trucker geweckt, die – um zu sehen, was los war – die Scheinwerfer ihrer Laster aufblendeten und den derangierten Mann in seinem Cabrio sekundenlang in grelles Licht tauchten.

Am nächsten Morgen hatte er über seine dienstliche Mailadresse einige eindeutige Bilder des Vorgangs erhalten. Per Handy hatte Frintloff ihm dann gedroht, das Material an die Presse zu geben. – Ein geschickter Coups zur rechten Zeit, war doch Breitbach gerade dabeigewesen, Frintloff und seinem Hehlerring zu nahe zu kommen. Gezwungenermaßen ließ der Hauptkommissar sich auf einen Deal ein: Lässt du mich in Ruhe, lass ich dich in Ruhe. Wenn das je herauskäme, wäre er ruiniert.

Mittlerweile hatte Toni keine Lust mehr auf das harte Leben auf der Straße und strebte eine Künstlerkarriere in der Travestie-Szene an. Sein geradezu väterlicher Freund Bernie Frintloff, über beide Ohren in den Bengel vernarrt, hatte ihm dazu zwei perfekte Brüste spendiert, viel besser als die, mit denen Toni den Hauptkommissar in die Falle gelockt hatte. Die Umwandlung war so hervorragend gelungen, dass Breitbach ihn tatsächlich erst an der Stimme erkannt hatte.

***

»Warum hat das denn da drinnen so lange gedauert, Mausi?«, fragte Bernie Frintloff, als Toni das denkmalgeschützte, 1914 vom Hamburger Stadtbaumeister Fritz Schumacher gebaute Backsteingebäude der Davidwache verlassen und in seinem roten Porsche Targa Platz genommen hatte.

»Dieser Blödmann von Breitbach hat mich nicht gleich erkannt, mein Bärchen«, meinte Toni kichernd und kraulte – nachdem er auch noch den dritten und vierten Knopf von Frintloffs goldgelbem Seidenhemd geöffnet hatte, dessen schwarzbehaarte Brust.

»Das kann doch nicht wahr sein«, grinste der sonnenstudio-gebräunte muskulöse Hüne mit den vollen Lippen, dem kahl geschorenen Kopf und dem großen Diamanten im linken Ohrläppchen. Genüsslich paffte er eine dicke Davidoff, ließ seine verspiegelte goldgeränderte Sonnenbrille auf die Nasenspitze rutschen und flachste: »Na, dann bist du ja jetzt eine polizeilich anerkannte Vollfrau.«

»Und? Was dagegen?«

»Nicht im Geringsten. Das hebt deinen Marktwert als Verwandlungskünstler«, gab Frintloff zurück. Das letzte Wort betonte er allerdings besonders, was Toni die Mundwinkel verziehen ließ.

Schweigend fuhren sie von St. Pauli nach St. Georg, wo sie ein Penthaus im obersten Stock eines Altbaus aus der Jahrhundertwende bewohnten.

»Maurice hat mir gestern ein Drei-Monats-Engagement angeboten«, sagte Toni leise.

»Ich weiß«, erwiderte Frintloff ernst. »Er hat mich vorher gefragt. Sei unbesorgt, ich werde die Gage gut für dich anlegen.«

»Ja, aber …«

»Kein Aber, verstanden?« Und dann sagte Frintloff den Satz, den er gebetsmühlenartig zu wiederholen pflegte, wann immer es um Tonis Finanzen ging: »Und vergiss eins nicht, Mausi: Du gehörst mir. Mit Busen, Haut und Haaren. Und dein Geld natürlich auch.«

***

Margarete Schnittblum schritt langsam die Treppe der Davidwache hinab und wandte sich nach rechts, um über den Spielbudenplatz Richtung Millerntor zu gehen. Warum hatte sie sich nur auf den Streit mit diesem unsäglichen Wesen in der Damentoilette eingelassen? Und warum hatte diese blödsinnige Klofrau auch gleich die Polizei gerufen?

Sie fröstelte, knöpfte ihre dünne Bluse zu und überlegte, wo sie den Rest des Abends verbringen könnte. Kurz entschlossen wechselte sie die Straßenseite und ging in eine der gutbesuchten Bars. Es war schließlich Sonnabend und erst 22.00 Uhr – da bestand noch eine gute Chance für die 45-jährige Blondine, einen netten Herrn ihres Alters aufzutreiben, der sie mit in sein großes, warmes Doppelbett nehmen würde. Sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und frischer Wäsche.

Erst gestern war sie per Anhalter von Berlin zurück nach Hamburg gekommen. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Bei ihrem Talent für die falschen Typen war sie einem Hochstapler aufgesessen. Im Internet hatte er sich als Immobilienmakler ausgegeben, 62 Jahre alt, ohne Anhang und finanziell unabhängig. Das Foto war ansprechend gewesen: gepflegte Erscheinung, kurze graue Haare, eher zierlich. Sie waren sich zunächst per Mail näher gekommen und er hatte ihr weitere Fotos gesandt: er im Flur seines Hauses, in seiner Ferienvilla auf Rhodos, auf der Terrasse, auf der Treppe, unter der Dusche, auf dem Bett … Nichts Anzügliches, immer nett und freundlich. Bald hatten sie fast täglich telefoniert. »Wenn wir mal nicht miteinander sprechen, fehlt mir etwas«, hatte er gesagt. »Mir auch«, hatte sie geantwortet. Er liebte angeblich Kunst, Musik und Theater genauso wie sie und malte ihr aus, dass sie im nächsten Winter gemeinsam Berlins Kultur genießen würden: Konzerte in der Philharmonie, Besuche der Oper, der Museen … Sie war auf Wolke sieben. Zum ersten Mal seit dem Unfalltod ihres Mannes vor drei Jahren hatte sie sich geborgen gefühlt.

Der Tod ihres Mannes Herbert war in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe. Nach fünf turbulenten Ehejahren hatte sie mit einem unübersehbaren Berg von Schulden dagestanden und musste für das Sonnenstudio und das gemeinsam betriebene Speiselokal in der City Konkurs anmelden. Ein Schuldenberater hatte ihr klar gemacht, dass nichts ihr gehörte: weder der silbergraue BMW noch die Eigentumswohnung – nicht einmal das Mobiliar. Alles war auf Pump gekauft und nur anbezahlt worden. Notgedrungen hatte sie Privatinsolvenz beantragt. Dann war sie in das möblierte Einzimmerappartement gezogen, das ihre Schwester ihr vermittelt hatte.

Unzählige Versuche, in ihrem früheren Job als Sekretärin wieder Fuß zu fassen, scheiterten. Obwohl sie hervorragende Zeugnisse vorweisen konnte, hieß es immer wieder: »Sie sind zu alt und zu lange raus.« Sie meldete sich beim Jobcenter und haderte mit ihrem Schicksal. Schließlich war sie nicht dumm, hatte nach dem Abitur zuerst Germanistik, dann Kunstgeschichte studiert. Dann lernte sie Dimitri, einen stattlichen rotblonden Russen kennen. Er war in der Gasbranche tätig, vergötterte sie, überhäufte sie mit teurem Schmuck und sie ging mit ihm nach Moskau. Dort erfuhr sie eher zufällig, dass ihr sauberer Freund so ganz nebenbei höchst schmutzige Drogengeschäfte machte. Anfangs hatte sie sich ihre Situation schön geredet: eine elegante Wohnung in der Stadt, eine Datsche etwas außerhalb, ein eigenes Auto und viel Zeit für Shopping: Was wollte sie mehr? Doch bald gab es Schwierigkeiten. Dimitri ließ sie immer öfter abends allein, kam mitten in der Nacht sturzbetrunken nach Hause und wollte Sex. Wenn sie sich weigerte, schlug er sie. Am nächsten Tag bat er sie unter Tränen um Verzeihung, schwor ihr ewige Liebe, kaufte ihr ein weiteres teures Schmuckstück und las ihr eine Zeit lang jeden Wunsch von den Augen ab. Ein Jahr später war sie zu ihren Eltern nach Hamburg geflohen und hatte durch Vermittlung ihres Vaters einen guten Job als Chefsekretärin in einer Zeitungsredaktion bekommen.

Zwei Jahre später hatte sie dann Herbert kennengelernt. Bei dem schien alles zu stimmen: Sonnenstudio- und Restaurantbesitzer, teure Anzüge, Rolex, Auto, Eigentumswohnung, englische Stilmöbel … Sie zogen zusammen, heirateten und verbrachten die Flitterwochen auf einem irischen Schloss. Sie gab ihren Job in der Redaktion auf und kümmerte sich um die Geschäfte ihres Mannes. Ihre Eltern starben kurzhintereinander. Als es finanzielle Engpässe gab, steckte sie ihren Erbteil in das Geschäft. »Damit sind wir aus dem Schneider«, sagte ihr Mann damals und sie wollte es zu gern glauben, ignorierte alle Probleme, hatte binnen drei Jahren zwei Fehlgeburten und fühlte sich schließlich am Ende. Der Autounfall ihres Mannes erschien ihr fast wie eine Erlösung – bis ihr die tatsächliche finanzielle Situation klar wurde, denn von seinen privaten Schulden hatte sie nichts gewusst.

Nach einem viel zu warmen Bier verließ sie die Pinte wieder. Sie hatte weder genug Geld noch Lust, sich weiter dort zu langweilen. Ihre Altersgruppe war entweder noch nicht munter oder schon im Bett. Für die angetrunkenen jungen Männer, die ruhelos von Bar zu Bar zogen, konnte sie sich nicht erwärmen.

Müde und zerschlagen ging sie auf die Straße. Sie wartete an der roten Ampel und registrierte zuerst nicht, dass sie gemeint war, als aus einem offenen weißen BMW-Cabrio mit sonorer Stimme gefragt wurde: »Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?« Sie erkannte erst auf den zweiten Blick den Polizisten aus der Davidwache.

»Ich glaube, wir haben die gleiche Richtung«, sagte er, nachdem sie mit einem kurzen »Hallo« und »Danke« eingestiegen war.

Sie nickte nur, drückte sich tief in die gut riechenden Ledersitze und schlief ein.

Als der Motorlärm verstummte, schrak sie hoch. Sie waren in einer Tiefgarage und er tätschelte ihren Oberschenkel.

»Aufwachen!«, sagte er. »Wir sind da.«

Ihre erste gemeinsame Nacht verlief völlig unspektakulär. Sie fuhren im Aufzug in den elften Stock. Dort gab er ihr ein weites T-Shirt und Boxershorts. Sie stieg in das breite Doppelbett und schlief sofort ein.

***

Von Club-Rouge-Chef Maurice de Batonblanc eingestellt zu werden, war schon mal nicht schlecht. Das war sowohl Toni als auch Frintloff bewusst. Der gebürtige Elsässer aus Obernai südlich von Straßburg führte seit Jahren das stets gut besuchte Travestie-Kabarett, das früher in St. Georg unweit des Hauptbahnhofs beheimatet gewesen war und nun auf St. Pauli nationale und internationale Kunden aus allen Gesellschaftsschichten begeisterte. Von Tonis vielfältigen und nicht nur körperlichen Talenten war er überzeugt, nachdem er ihm das erste Mal mit viel Gefühl und wohlklingender Altstimme den Marlene-Dietrich-Song Sag mir, wo die Blumen sind und Edith Piafs Je ne regrette rien vorgesungen hatte. Dazu kamen deutliche Parallelen zu Maurice‘ eigener Vita.

Auch Maurice war, wie Toni, als uneheliches Kind aufgewachsen und hatte später einen Stiefvater bekommen. Während Tonis Mutter ihre künstlerischen Ambitionen in erster Linie beim Tabledancing auf dem Kiez auslebte und ihr Kind die Zeit vorwiegend bei Pflegeeltern verbrachte, hatte Maurice‘ Mutter, eine erfolgreiche Soubrette, den Sohn die meiste Zeit wohlbehütet bei ihren gut situierten Eltern in Straßburg aufwachsen lassen. Regine hatte eine solide Gesangs-, Ballett- und Schauspielausbildung genossen und trat vorwiegend in deutschen oder französischen Operetten und Musical-Produktionen auf. Als im Hamburger Schauspielhaus Jacques Offenbachs Operette Péricole in Musicalmanier inszeniert wurde, war sie auch dabei. Damals hatte sie Nadine aus Lyon und Joséfine aus Bordeaux kennengelernt. Alle drei ereilte am Ende der äußerst erfolgreichen Spielzeit des Musicals allerdings das gleiche Schicksal: Sie bekamen kein Anschlussengagement.

Statt Trübsal zu blasen, schmiedeten die drei an einer gemeinsamen Karriere und bekamen an einem bekannten Hamburger Theater, unweit von Hauptbahnhof und Schauspielhaus, eine Chance. Die agile alte Chefin leistete sich den Luxus eines plüschigen, altmodischen Varieté-Theaters. Dort wieselten, von Fremden immer wieder bestaunt, die Kellnerinnen in langen schwarzen Küchenmädchen-Kleidern mit weißen Rüschenschürzen und Häubchen zwischen Reihen roter Samtstühle umher und servierten auf schmalen Tischen neben Gertränken vorwiegend altmodisch anmutende Häppchen mit Aal, Ei, Käse und Schinken. Der umtriebige Pressesprecher des Hauses wurde damit beauftragt die drei Französinnen, die alle die 40 leicht überschritten hatten, aber deutlich jünger wirkten, ordentlich zu promoten: »Ich will, dass die Mädchen ihre Chance bekommen«, verlangte sie. Daraufhin tat der ehemalige Journalist mit besonders viel Eifer das, was er auch sonst allmonatlich tat: Er zog mit den Probenfotos des Trios durch die Redaktionen der Hamburger Lokalzeitungen. Um allen Anforderungen der Presse gerecht zu werden, ließ das Theater seine Künstler nämlich immer von jungen Pressefotografen ablichten. Die verstanden ihr Geschäft, konnten sich dadurch was dazuverdienen und die Qualität der Bilder stimmte fast immer. Für die Boulevardpresse gab es gewagte Posen, für alle anderen mehr künstlerisch Angehauchtes. »Wir posieren hier doch nicht für Unterwäsche«, hatte Regine sich echauffiert. »Wenn Sie unter dem Namen Trio Infernal auftreten wollen, muss das auch rüberkommen«, hatte man ihr darauf gesagt. »Sex sells – Titte und Arsch zieht immer.« So kam es, dass die drei Grazien unter der Schlagzeile Drei Engel aus der Hölle sogar mit zwei Fotos von der Lokalseite des größten Boulevardblattes strahlten, darunter das von Busenwunder Regine. Maurice erzählte diese Geschichte über seine Mutter immer wieder gern seinen jungen Travestie-Künstlern und vergaß dabei nie den Hinweis: »Eine attraktive Oberweite hat noch keiner Karriere geschadet.«

Die drei singenden und tanzenden Französinnen in ihren weiten blau-weiß-roten Reifröcken waren ein voller Erfolg, denn sie brachten einen Hauch des verruchten Paris in die Hansestadt. So wunderte sich auch niemand, als für Nadine und Joséfine ein halbes Jahr später der Himmel voller Geigen hing. Während sich beide sehr gut verheirateten, zögerte Regine noch. Ihr Auserwählter, Christian de Batonblanc, pensionierter Bankdirektor, war sehr vital, aber bereits 72 Jahre alt. Der kinderlose Witwer, aus einer angesehenen Familie französischer Hugenotten stammend, verwöhnte die 30 Jahre jüngere Regine mit Kleidern und Schmuck und auch sonst so gut er konnte, doch trotz aller Zuneigung für den eher väterlichen Freund entschloss sich Regine erst zum Ja-Wort, als ihre Zukunft zu ihrer vollsten Zufriedenheit gesichert war. Laut Ehevertrag erhielt sie die Hälfte von de Batonblancs stattlichem Besitz, unter anderem Mietshäuser, Grundstücke und Wertpapiere.

So wurde aus Maurice ein de Batonblanc. Der Junge zog von Straßburg nach Hamburg, schaffte am angesehenen Johanneum ohne Schwierigkeiten das Abitur und wurde von seinem Stiefvater in die Welt der Wirtschaft und Finanzen eingeführt.

Fast 30 Jahre später, Regine war schon lange Witwe, kam der erfolgreiche Börsenmakler Maurice auf die Idee, ein kleines Theater zu eröffnen. Es sollte etwas Einzigartiges sein, etwas, das es in Hamburg noch nie gegeben hatte. Mutter Regine, begeistert von den künstlerischen Ambitionen ihres Nachkommens, verfolgte die Vorbereitungen aus der Ferne. Die meiste Zeit des Jahres verbrachte sie nämlich im Sommerdomizil der Familie in Kampen auf Sylt. Dorthin kamen auch regelmäßig ihre von Maurice getrennt lebende Schwiegertochter und die beiden Enkelsöhne. Bei fast täglichen Telefonaten mit ihrem Sohn ließ sich Regine die Räumlichkeiten beschreiben, gab Tipps für die Ausstattung und fieberte dem Eröffnungstermin entgegen.

Wenige Wochen vorher stand eines Sonnabendmorgens neben ihrem Sohn ein fremder Mann vor der Tür ihres hübschen kleinen Reetdachhauses in Kampen. »Hallo Mama, das ist Victor«, sagte Maurice, bevor er sie umarmte.

Der große, kräftige mittelblonde Mann drückte ihr fest die Hand und schaute sie aus seinen klaren blauen Augen aufmerksam an.

Bei einer Tasse Tee erklärte ihr Maurice ohne Umschweife: »Victor wird der Star unseres Theaters.«

»Ach ja?«, kam es distanziert, aber freundlich lächelnd zurück. »Und was genau heißt das?«

»Ich bin Parodist«, sagte der blasse, deutlich übergewichtige Mann und legte los: Der Wind hat mir ein Lied erzählt … dann Ich bin die fesche Lola, der Liebling der SaisonEins und eins das ist zwei und schließlich C‘est une chanson, qui nous ressemble … Seine volle Stimme wechselte je nach Erfordernis scheinbar mühelos vom Mezzosopran über Alt und Tenor bis zum Bariton, klang mal warm, mal hart, mal fröhlich, mal traurig. Dabei war sein Vortrag von so beeindruckender Schlichtheit und so nah am jeweiligen Original, dass Regine die Tränen kamen. Sie ging zu ihrem alten Klavier, dem sie seit Jahren schon keinen Ton mehr entlockt hatte, und spielte einen Ohrwurm nach dem anderen an – Schlager, Chanson, Operette, Musical querbeet – und fast immer fiel Victor mit ein.

»Und nun, Vicky, zum Schluss dein Paradestück«, forderte Maurice schließlich.

»Moment bitte«, bat Victor und verschwand im Hausflur.

Als er nach einigen Minuten zurückkam, hatte er sich umgezogen. Lasziv lehnte er sich in den Türrahmen und klopfte fünfmal energisch mit dem goldglänzenden Knauf seiner knallroten Reitgerte gegen die alte Milchkanne, die neben dem Eingang als Schirmständer diente.

Regine starrte die Gestalt im wadenlangen, hautengen giftgrünen Satinkleid mit roter Lockenperücke und roten Stöckelschuhen an und hätte am liebsten laut losgelacht. Doch mit einem Blick hatte sie erfasst, dass diese dicke grüne Wurst auf Beinen ihre Rolle völlig ernst nahm. Die verfettete Männerbrust zu einem tiefen Ausschnitt hoch gepresst, den Bauch in ein Korsett gezwängt, stand er mit versteinertem Blick unbeweglich da. Dann nickte er Maurice, der sich inzwischen ans Klavier gesetzt hatte, kurz zu. Der spielte einen Tusch.

Victor legte sich die Gerte wie ein Gewehr über die Schulter und begann: »Meine Damen und Herren! Was Sie heute Abend hier erleben, ist einmalig und steckt voller Überraschungen. Ob Gesang, Akrobatik oder Zauberei – die Künstler, die ich Ihnen präsentieren werde, sind außergewöhnlich und mit normalen Maßstäben nicht zu messen … denn: Ob Mann oder Frau, wer weiß das schon genau? Bitte das Vorspiel, Herr Kapellmeister«, rief er und warf sich in Pose. »Ja, ich bin die tolle Frau aus der Tingeltangelschau und für mich gibt‘s kein‘ Ersatz auf dem ganzen Rummelplatz …«, schmetterte er dann zu Maurice‘ Klavierbegleitung.

Regine konnte ihr Lachen nur mit viel Mühe unterdrücken und hätte sich fast neben ihren Sessel gesetzt.

Derweil sang Victor mit rollendem R weiter: »Alle Männer drehen sich nach mir um …« Dabei warf er den Kopf mal nach links, mal nach rechts zurück, breit grinsend, und schlug sich gleichzeitig mit der Gerte auf sein pralles Hinterteil.

Dann konnte Regine sich nicht mehr beherrschen und lachte und lachte, während Victor, scheinbar ungerührt, weitersang. Bei der Wiederholung von Alle Männer drehen sich nach mir um schrie Regine nach Luft schnappend: »Das gibt es doch gar nicht, das kann doch nicht wahr sein!«

Spät in der Nacht, nach einigen Gläsern Rotwein, hatte Regine ein vergilbtes Fotoalbum hervorgeholt, das Maurice nicht kannte, und ihm ein Bild von seinem leiblichen Vater gezeigt. »Mein Paul war damals so alt wie du heute«, erzählte sie langsam und fuhr zögerlich fort: »Er besaß in Paris in der Nähe der Place Pigalle ein Nachtlokal. So in der Art des Moulin Rouge, nur viel kleiner. Ich war jung, es war mein erstes Engagement und ich verliebte mich sofort in ihn.« Sie zeigte auf das Bild eines drahtig wirkenden, selbstsicher in die Kamera lächelnden Mittvierzigers mit vollem, schon grau werdenden Haar und üppigem gezwirbelten Schnauzbart. »Dein Vater war charmant, zärtlich, verständnisvoll«, schwärmte sie, »und ...

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