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Die süßeste Versuchung …

1. KAPITEL

Man sollte nie seine Flitterwochen im Voraus bezahlen.

Ally Smith saß am Strand unter einem ramponierten Sonnenschirm, nippte an einer wässrigen Piña Colada und fragte sich, warum dieser Hinweis in keinem Hochzeitsratgeber stand.

Sollte sie selbst einmal ein Buch für zukünftige Bräute schreiben, würde es auf jeden Fall ein Kapitel über Rücktrittsklauseln enthalten. Ein weiteres würde davor warnen, Dinge im Voraus zu bezahlen. Falls der schlimmste Fall bereits eingetreten war, würde die Braut Tipps bekommen, wie sie die finanziellen Verluste für bereits geleistete Anzahlungen eingrenzte. Natürlich dürfte auch ein Hinweis auf lustige Dinge nicht fehlen, wie etwa das hübsche kleine Freudenfeuer, das man aus dreihundert Servietten mit Monogrammen machen konnte. Und, ganz wichtig: ein Kapitel darüber, wie man herausfand, ob man drauf und dran war, den falschen Kerl zu heiraten.

Ally schob die Zehen in den warmen Sand und betrachtete die Segelboote, die in den Jachthafen von Tortola fuhren. Warum nur hatte sie nicht darauf bestanden, die Flitterwochen in Australien zu verbringen, wo sie jetzt prima Skifahren könnte? Warum hatte sie sich stattdessen von Gerry zu einem Urlaub in der Karibik überreden lassen, obwohl sie doch in Georgia nur zwanzig Minuten von der Küste entfernt wohnten?

Weil ich so glücklich war, endlich verlobt zu sein, dachte Ally.

Vor vier Monaten war sie mittags außer der Reihe nach Hause gekommen und hatte Gerry bei einem Schäferstündchen mit der Reisekauffrau erwischt, die mit der Planung ihrer Flitterwochen beauftragt war. Nun war ihr klar, warum er ausgerechnet diese Frau beauftragt hatte. Und noch etwas anderes hatte Ally verstanden: dass Charme und gutes Aussehen bei der Wahl ihres Zukünftigen eine größere Rolle gespielt hatten als innere Werte – und dass sie dem jämmerlichen Mistkerl Gerry schon vor Jahren den Laufpass hätte geben sollen.

„Ist der Platz neben dieser hübschen Lady noch frei?“

Die tiefe Stimme, die Ally aus ihren Gedanken riss, hätte in jedem vernünftigen Film einem sonnengebräunten Tennisprofi mit beachtlichem Bizeps gehört. Die Wirklichkeit war leider weniger erfreulich. Fast hätte Ally sich an ihrer Piña Colada verschluckt, denn direkt auf Augenhöhe befand sich die winzigste Badehose, die sie je gesehen hatte – und die für den Körper, den sie „zierte“, kaum gemacht war.

Statt an den Oberarmen wölbte sich der Körper ihres Bewunderers an weniger attraktiver Stelle: Sein beachtlicher Bauch hing über den Bund der Badehose. Fast hätte Ally gelacht, als sie das Goldkettchen auf der haarigen Brust, die alberne knallblaue Sonnenbrille, den breitkrempigen Panamahut und die grau melierten Bartstoppeln betrachtete. Ich werde von einem wandelnden Klischee angemacht, dachte sie.

„Verzeihung, was sagten Sie?“

„Sie sehen so aus, als könnten Sie Gesellschaft gebrauchen. Ich schlage vor, wir gehen zusammen etwas trinken und lernen uns besser kennen.“ Ohne auf ihre Antwort zu warten, setzte sich der Mann auf den Liegestuhl neben ihr, nahm die Sonnenbrille ab und reichte ihr die Hand. „Fred Alexander.“

Da Ally keine Entschuldigung hatte, ihre Südstaatenmanieren zu leugnen, schüttelte sie ihm die leicht feuchte Hand – und hätte ihre am liebsten am Handtuch trocken gewischt. „Ich heiße Ally und freue mich, Sie kennenzulernen, aber …“

„Ein hübsches Mädchen wie Sie sollte nicht so allein herumsitzen. Wer weiß, wer hier vorbeikommen und Ihnen Ärger machen könnte!“ Fred zwinkerte ihr zu.

Es waren so viele Leute am Strand, warum hatte er sich ausgerechnet sie aussuchen müssen? Wäre ich doch bloß in Savannah geblieben, dachte Ally. Aber sie war angesichts der Kosten der geplatzten Hochzeit so aufgebracht gewesen, dass sie nicht auch noch die Vorauszahlung für die Flitterwochen hatte zum Fenster hinauswerfen wollen. Das hatte sie jetzt davon …

„Ich wollte gerade wieder hineingehen, mir wird es etwas zu viel mit der Sonne.“

Als Ally ihre Tasche nahm und aufstehen wollte, umfasste Fred ihr Handgelenk und strich ihr über die zarte Haut. Sanft entzog sie ihm ihre Hand und stand auf.

„Ich erkläre mich gern bereit, Sie mit Sonnencreme einzureiben“, sagte Fred und ließ den Blick über sie gleiten, sodass sich ihr die Haare sträubten. Mit langsamem Kopfschütteln fügte er hinzu: „Es ist fast ein Verbrechen, so einen Körper nicht in einem Bikini zu präsentieren.“

Als er einen unangenehmen Schmatzlaut von sich gab, war Ally noch nie so froh gewesen, einen Einteiler zu tragen.

„Nein danke, aber vielen Dank für das Angebot. Ich …“

„Dann essen wir heute Abend zusammen. Ich habe gesehen, wie Sie gestern allein eingecheckt haben. Bestimmt wünschen Sie sich nette Gesellschaft. Ich wohne übrigens im selben Hotel, Suite sechzehn. Was für ein Wink des Schicksals, dass wir beide allein hergekommen sind …“

Eigentlich entsprach es Allys Wesen, andere Menschen glücklich zu machen, aber das hier war selbst ihr zu viel. Sie hatte schon zu oft dumme Dinge getan, weil sie einfach zu nett gewesen war.

„Viel Spaß noch am Strand“, sagte sie und hörte Fred irgendetwas von ihrer „komischen Einstellung“ murmeln. Mit dem wenigen Spaß, den sie dabei gehabt hatte, dem Rauschen der Wellen zu lauschen, war es vorbei, seitdem dieser schmierige Typ sie angesprochen hatte, der vom Alter her ihr Vater hätte sein können.

Ally beschloss, heiß zu duschen, sich einen schönen Film im Fernsehen anzusehen, etwas beim Zimmerservice zu bestellen – falls es den im Hotel überhaupt gab – und sich zu überlegen, welche Sehenswürdigkeiten sie am folgenden Tag besichtigen könnte.

Als sie im Foyer am Empfangstresen wartete, checkte gerade ein frisch verheiratetes Paar ein. Die junge Frau hatte einen Blumenstrauß in der Hand, und der rothaarige Mann konnte kaum die Finger von ihr lassen. Sie wirkten überglücklich. Als sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machten, wünschte Ally ihnen insgeheim alles Gute.

Eigentlich hatte sie gedacht, die Begegnung mit Fred wäre der Tiefpunkt dieses Urlaubs gewesen. Doch dann stellte sich heraus, dass es tatsächlich keinen Zimmerservice gab, sondern nur ein hoteleigenes Restaurant.

Na super, dachte Ally. Jetzt muss ich auch noch bei sämtlichen Mahlzeiten allein am Tisch sitzen.

„Aber ich habe eine Nachricht für Sie, Mrs. Hogsten“, sagte der Rezeptionist.

„Miss Smith“, korrigierte Ally ihn automatisch. Noch ein guter Grund, Gerry nicht zu heiraten: Seinen Namen hatte sie nie leiden können.

Verwundert blickte der Mann auf seinen Computerbildschirm.

„Ich weiß“, sagte Ally seufzend. „Die Hochzeitssuite wurde für Hogsten reserviert, zwei Personen. Aber gekommen bin nur ich, Miss Smith.“

Als der Mann sie mitleidig ansah, fragte sie nur: „Die Nachricht?“

Er reichte ihr ein gefaltetes Blatt Papier und wünschte ihr einen schönen Abend.

Auf dem Weg zu ihrem Zimmer faltete Ally das Blatt auseinander und sah die Telefonnummer ihrer Mutter. Du meine Güte, was war denn jetzt wieder los? Ally war doch erst vor zwei Tagen abgereist und hatte vorher sichergestellt, dass alle versorgt waren.

Der kleine Kühlschrank in ihrem Hotelzimmer war nach ihrem Ausflug in den Wein- und Spirituosenladen gut befüllt, und die Flasche Chardonnay schien geradezu nach Ally zu rufen. Also schenkte sie sich ein Glas ein, bevor sie vom Zimmertelefon aus die lange Nummer wählte.

„Oh Darling, wie schön, dass du dich meldest!“, sagte ihre Mutter, die ihren Anruf offenbar als nette Überraschung empfand. Zuhause war also nichts Furchtbares passiert – was allerdings noch lange nicht bedeutete, dass Ally aus dem Schneider war.

Sie leerte ihr Glas und beschloss, vorsichtshalber die ganze Flasche mit zum Bett zu nehmen. „Du hast darum gebeten, dass ich

anrufe. Ist alles in Ordnung?“

„Ja, uns geht es gut. Im Großen und Ganzen.“

Ally wartete ab.

„Abgesehen von der Tatsache, dass deine Schwester mich noch ins Grab bringt mit ihrem theatralischen Verhalten …“

Na, großartig. Mom gegen Erin, Runde 427. Musste Ally sich das wirklich während eines teuren Ferngesprächs anhören? Konnte ihre Familie denn nicht wenigstens ein paar Tage einmal ohne sie funktionieren? Ally liebte ihre Eltern und ihre Geschwister, aber in ihrer Familie war einer verrückter als der andere. Vielleicht war sie, die einzige Vernünftige und Verantwortungsbewusste, adoptiert oder nach der Geburt vertauscht worden?

Als ihre Mutter kurz innehielt, um Atem zu schöpfen, nahm Ally ihre Rolle als Vermittlerin auf. „Mom, es ist ja wirklich ihre Hochzeit.“

„Das mag sein, aber sie versteht wohl nicht, wie wichtig das ist.“

Erst eine halbe Stunde später gelang es Ally, ihre Mutter ein wenig zu beruhigen. Frustriert lehnte sie ihre Stirn gegen das Kopfteil ihres Bettes.

„Ach ja, und dann ist noch eine Mitteilung zur Vermögenssteuer gekommen. Was soll ich damit tun?“

„Nichts, ich habe mich vor meiner Abreise darum gekümmert, als ich eure anderen monatlichen Zahlungen erledigt habe.“

„Dann ist ja gut.“

Allys Kopf pochte schmerzvoll, wie immer, wenn sie länger als zwanzig Minuten mit ihrer Mutter sprach. „Mom, ich besorge mir jetzt etwas zu essen“, sagte sie deshalb. „Wenn ich wieder zu Hause bin, kümmere ich mich um alles. Bis dann!“

Sie legte auf, sank gegen das Kopfteil des riesigen Doppelbettes und schloss die Arme um die Weinflasche. Bin ich froh, dass ich hier keinen Handyempfang habe, dachte sie.

Durch das Fenster konnte sie beobachten, wie über dem Meer die Sonne unterging. Verdammt noch mal, ich bin im Urlaub, dachte Ally. Auch wenn es ein sehr merkwürdiger Urlaub war: Sie wohnte allein in einer Hochzeitssuite an einem Ort, den sie sich niemals ausgesucht hätte – noch dazu in einem etwas schäbigen Hotel, für das sie allerdings ziemlich viel bezahlt hatte. Das alles war nicht fair, andererseits gab es Schlimmeres. Also beschloss Ally, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Sie hatte es drei Jahre länger mit Gerry ausgehalten, als ratsam gewesen wäre, und in dieser Zeit auch die finanzielle und emotionale Hauptlast getragen. Mit anderen Worten: Dieser Urlaub war redlich verdient.

Nach einem letzten großen Schluck aus der Weinflasche griff sie erneut zum Telefon und rief bei der Rezeption an.

„Hier ist Ally Smith aus Suite 26. Nein, nicht Mrs. Hogsten. Ich möchte Sie bitten, mir ein Restaurant mit Lieferservice sowie eine Masseurin zu suchen, die mich hier heute Abend eine Stunde lang massiert. Außerdem möchte ich wissen, wo das nächste Wellnesscenter ist. Ach ja, und dann hätte ich gern ein paar Blumen.“

„Wirklich eine Schönheit.“

Chris Wells nickte, stimmte jedoch nicht hundertprozentig zu. Er wollte sich zuerst überzeugen, ob die notwendigen Maßnahmen nur kosmetischer Natur sein würden.

„Sie ist auch ziemlich schnell“, fuhr der andere Mann stolz fort. „Und sehr unkompliziert zu handhaben.“

„Ja, ihr Ruf eilt ihr voraus.“ Chris betrat das verwitterte Holzdeck. Die Jacht war nicht sehr lang und kompakt, aber elegant. Leider war sie offenbar zu lange Zeit nicht ausreichend gewartet und gepflegt worden: Die Klemmen hatten Rostflecken, der Lederbezug der Pinne war rissig … Vor fünfundzwanzig Jahren hatte Chris gesehen, wie sein Vater als Skipper die Circe zu ihrem ersten Sieg geführt hatte. In gewisser Hinsicht hatte er also seine berufliche Laufbahn zu einem großen Teil dem Boot zu verdanken, das sich sanft unter seinen Füßen hob und senkte.

Die Circe fuhr schon lange keine Regatten mehr, da sie mit ihrem schweren hölzernen Rumpf mit den modernen Jachten aus Aluminium oder Glasfaser nicht mithalten konnte. Doch Chris wollte keine neue Rennjacht – er wollte ein Stück Geschichte kaufen und die Circe in eine Königin verwandeln. Mickey und Jack hatten ihn für verrückt erklärt, als er beschlossen hatte, wegen des Boots nach Tortola zu fahren. Doch irgendwann würden sie ihn verstehen. Und er würde die Reparaturen niemand anders anvertrauen.

„Ist sie seetüchtig?“

„Sie hat ein paar kleinere Defekte, die Sie sich vielleicht ansehen möchten.“

Nachdem Ricardo, der derzeitige Besitzer, diese aufgezählt hatte, zog Chris sein Handy heraus und rief zu Hause an. „Jack, Victor und Mickey sollen mit dem nächsten Flug herkommen. Einiges muss repariert werden, aber Ende der Woche sollte die Circe sich auf den Heimweg machen können.“

Noch während er telefonierte, reichte er dem überwältigten Ricardo einen Scheck.

„Komm doch lieber nach Hause und lass die beiden Jungs das Boot herbringen. Hier stapelt sich jede Menge Papierkram, und wenn du wirklich im Oktober einen neuen Rekord aufstellen willst, haben wir keine Zeit zu verlieren.“

Selten war Chris je so überzeugt davon gewesen, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Nein. Die Circe ist jetzt mein Boot. Um den angefallenen Papierkram kann meine Assistentin sich kümmern. Und bis Oktober ist es noch lange hin, außerdem sind wir bei den Arbeiten an der Dagny dem Zeitplan voraus.“

Jack seufzte und murmelte etwas Unverständliches.

„Dann also bis in ein paar Wochen. Es wäre schön, wenn bei meiner Rückkehr die Segel der Dagny fertig sind.“

Chris klappte das Handy zu und wandte sich wieder an Ricardo. „Ich nehme an, Sie können mir Zugang zur Werkstatt verschaffen?“

Nachdem alles geklärt war und Ricardo sich verabschiedet hatte, ging Chris in den unteren Teil des Schiffes, um sich umzuziehen. Seit Wochen, vermutlich sogar seit Monaten hatte er sich nicht mehr so gut gefühlt. Pfeifend machte er sich an die Arbeit.

Nach einem Vormittag mit Massage, Schlammpackung sowie Mani- und Pediküre begann Ally sich langsam mit Tortola anzufreunden.

Sie machte ein kurzes Nickerchen, duschte und ging dann auf die Suche nach einem Café am Jachthafen mit regionaler Küche. Das hatte ihr die Kosmetikerin im Wellnesscenter empfohlen.

Dort angekommen, nahm Ally an einem kleinen Tisch Platz, von dem aus sie auf den Jachthafen blicken konnte. Eine sanfte Brise zauste ihren geflochtenen Zopf und zog leise pfeifend durch die Takelage der aufgereihten Boote hindurch. Sonnenschein wärmte ihr die Schultern, und die Fischsuppe besänftigte ihren grummelnden Magen. Nach ihrem zweiten Mango-Daiquiri wähnte Ally sich im Paradies.

Fasziniert betrachtete sie das bunte Treiben im Hafen und beschloss, ihn zu erkunden.

Sie schlenderte umher und las die Namen der Boote: Loreley, Miss Lizzie, Spirit of the Sea, Circe. Letztere war deutlich kleiner als die anderen Boote und wirkte, als hätte sie schon einmal bessere Tage gesehen: Auf dem Deck fehlten Planken, und im Lack waren lange Kratzer. Doch dann entdeckte Ally einen Eimer frische Farbe und einen Stapel neuer Planken.

„Die Circe bekommt ein Facelifting“, sagte sie zu sich selbst.

„Es ist zu ihrem Besten, das versichere ich Ihnen.“

Ally schrak zusammen, als sie plötzlich eine angenehme, tiefe Stimme hörte und jemand hinter ihr mit einem Sprung auf dem Anleger landete. Sie drehte sich um und überlegte, ob ein Normalsterblicher so einen göttlichen Oberkörper haben konnte.

Unter der sonnengebräunten Haut waren deutlich seine Muskeln zu sehen, als der Mann das Material ablegte, das er trug. Ally ließ vorsichtshalber den Blick zu seinem Gesicht gleiten.

Doch das war keine Hilfe. Der Mann trug zwar eine Sonnenbrille, aber diese verdeckte nicht die entzückenden Linien, die sich zeigten, als er sie anlächelte. Er rieb sich die Hände an der alten abgeschnittenen Stoffhose ab, die verführerisch tief auf seinen Hüften saß. Dann nahm er die Brille ab.

Ally sah ihm in die meerblauen Augen und ihr stockte der Atem. Sie wusste, dass dieser Traummann von nun an in ihren nicht-jugendfreien Träumen die Hauptrolle spielen würde.

„Ihre vorigen Besitzer haben sie ein bisschen vernachlässigt, aber wenn ich mit den Arbeiten fertig bin, wird sie wieder eine richtige Schönheit sein.“

Sein Akzent erinnerte Ally an Zuhause, und sein Stolz und seine Entschlossenheit berührten sie.

Beim Griff nach einem verblichenen T-Shirt, das an einem Haken hing, kam er ihr so nah, dass sie seinen herb-männlichen Duft wahrnahm. Dann zog er es sich über den Kopf – und verdeckte zu Allys Enttäuschung seine breite Brust.

„Ich heiße Chris Wells.“

„Ally“, erwiderte sie und schüttelte ihm die warme, kräftige Hand. Leichte Schwielen deuteten darauf hin, dass er mit den Händen arbeitete. Wie es wohl sein würde, diese auf dem Körper zu spüren …

Ally räusperte sich. „Bestimmt wird die Circe bald genauso betörend sein wie ihre Namensgeberin aus der Odyssee.“

„Sie kennen die Geschichte?“

„Ja, ich fürchte, ich bin so eine Langweilerin, die sich für Sagen des Altertums begeistert.“

Chris ließ den Blick anerkennend über ihren Körper gleiten, sodass ihre Haut zu prickeln begann. „Nach einer Langweilerin sehen Sie aber nicht aus.“

„Circe bekommt selten die Anerkennung, die ihr gebührt“, sagte Ally, um davon abzulenken, dass sie rot wurde.

„Immerhin hat sie Odysseus’ Mannschaft in Schweine verwandelt.“

„Was vielleicht nicht sonderlich schwierig war“, entgegnete sie schlagfertig. „Aber sie hat Odysseus auch gesagt, wie er wieder nach Hause kommt, ohne den Sirenen in die Fänge zu geraten.“

Hör auf mit dem Gebrabbel, ermahnte sie sich. Sonst hält er dich am Ende doch noch für eine Langweilerin.

Chris erwiderte lächelnd: „Aber sie waren ein Liebespaar, und genau das wollte Circe von ihm.“

Ally musste lachen. „Stimmt, die beiden hatten eine kleine Liebesaffäre, nach der Circe ihm die benötigten Informationen gibt und er sie ohne einen einzigen Blick schwanger – noch dazu mit Drillingen – zurücklässt.“

„Sie können gar nicht nachempfinden, dass er wieder nach Hause zu Penelope wollte?“

Das kleine Wortgefecht machte Ally immer mehr Spaß. „Penelope hat mein volles Mitgefühl. Denn Odysseus, dieser Sonnyboy ohne jede Substanz, lässt sie allein bei den Kindern zurück und vergnügt sich in jeder Hafenstadt mit einer anderen.“

Chris lachte. „Er scheint Ihnen nicht sonderlich sympathisch zu sein.“

„Kluge Frauen fallen auf eine attraktive Fassade nicht herein – zumindest nicht mehr als einmal.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Höre ich da Erbitterung heraus?“

Ally zuckte die Schultern. „Wenn Sie mich fragen, hat Odysseus mehr bekommen, als er verdiente.“

„Das ist ja mal eine ganz andere Sicht auf eine klassische Sage!“

„Homer war ja auch ein Mann. Deswegen vertritt er eine etwas andere Ansicht, als eine Frau es tun würde.“

„Da haben Sie wohl nicht unrecht.“

Da er nichts weiter sagte, fragte sie sich enttäuscht, ob die Begegnung mit ihm nun beendet wäre. Widerstrebend beschloss sie, ihn nicht länger von der Arbeit abzuhalten. „Aber es ist schön, dass Sie diese Circe wieder in alter Pracht erstrahlen lassen wollen.“

„Ja. Momentan schluckt sie allerdings Unmengen an Geld. Ich kann verstehen, dass Odysseus sie verlassen hat, bei ihren Bedürfnissen!“

„Sie sind schrecklich!“ Ally kicherte. „Aber ich bleibe dabei: Ihr Schiff hat ein Facelifting verdient.“

„Sie ist eine Jacht, kein Schiff.“

„Ach, da gibt es einen Unterschied?“

„Aber sicher. Schiffe sind diese großen Dinger, mit denen Güter befördert werden. Das hier sind Jachten“, sagte Chris und wies auf die Boote in der Umgebung.

Eigentlich wirkt er nicht so, als wollte er mich loswerden, um sich an die Arbeit machen zu können, dachte Ally mit klopfendem Herzen.

„Ally, mein Mädchen!“, hörte sie plötzlich jemanden rufen. Fred näherte sich mit der Zielstrebigkeit einer Ente, die einen Junikäfer anvisiert.

Das ist einfach nicht fair, dachte Ally verzweifelt, als er neben ihr stand und Chris fragend die Augenbrauen hochzog.

„Wenn Sie sich für Boote interessieren, kann ich Ihnen gern alles darüber erzählen“, bot Fred an und lächelte gewinnend.

Dann betrachtete er Chris abschätzig und fügte hinzu: „Wie wäre es denn jetzt mit einem gemeinsamen Essen? Dann kann dieser schmuddelige Schiffsjunge auch wieder an die Arbeit.“

Chris ging nicht auf die Beleidigung ein, doch Ally war empört. Und sie fragte sich, wie sie sich diesmal elegant aus der Affäre ziehen sollte. Als Fred nach ihrem Ellenbogen griff, wandte sie sich zu Chris um und formte lautlos das Wort „Hilfe!“ mit den Lippen.

Seine Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. Verdammt, das ist überhaupt nicht lustig, dachte Ally aufgebracht. Und dann beschloss sie, zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst unhöflich zu sein. Sie wandte sich an Fred und begann: „Also …“

„Ally“, fiel Chris ihr gelassen ins Wort. „Ich weiß, du bist gekränkt, weil ich so viel Zeit auf dem Boot verbringe. Aber deswegen musst du dich doch nicht rächen, indem du mit einem anderen Mann flirtest.“ An Fred gewandt, fügte er schulterzuckend hinzu: „Sie wissen ja, wie Frauen sind. Immer diese Eifersucht wegen der ‚anderen Frau‘.“

Angesichts dieser sexistischen Bemerkung wollte Ally protestieren, doch da bemerkte sie, dass Fred zustimmend nickte. Also nahm sie die Hand, die Chris nach ihr ausstreckte, und ließ sich mit einer schnellen Bewegung an seine Brust ziehen. Als er die Arme um sie schloss, schien die Welt stillzustehen.

Ohne etwas von dem weiteren Gespräch zu hören, schloss sie die Augen und nahm nur noch Chris’ Körperwärme und seinen herb-männlichen Duft wahr. Plötzlich waren ihre Sinne wie geschärft. Vergeblich versuchte sie den Wunsch zu unterdrücken, sich an ihn zu pressen. Und als Chris sie auf die nackte Schulter küsste, erschauerte sie am ganzen Körper und bog sich ihm entgegen.

„Ally?“, fragte er leise, und wieder erschauerte sie, als sie seinen Atem an ihrem Ohr spürte.

„Er ist weg. Du bist jetzt in Sicherheit.“

Chris’ Worte trafen sie wie ein Schwall eiskalten Wassers. Dass er bei der vertraulichen Anrede geblieben war, bemerkte sie gar nicht. Sie verspürte nur heftige Verlegenheit, weil sie sich an ihn geschmiegt hatte wie eine Stripperin an ihre Stange. Wie demütigend!

Dieser Urlaub ist wirklich das Allerletzte, dachte sie.

2. KAPITEL

Es war wunderschön, Ally im Arm zu halten, doch die Situation würde ein wenig peinlich werden, wenn Chris sie nicht losließe. Das weite bunte Sommerkleid hatte ihre weiblichen Kurven verborgen, doch jetzt schmiegten sie sich an ihn wie ein Puzzlestück, das zum nächsten passte. Ihre dunklen Locken dufteten nach Limonen und Sonnenschein und kitzelten ihn an der Nase. Und als Ally sich seufzend an ihn geschmiegt hatte, war das so unwiderstehlich gewesen, dass er sie einfach küssen musste.

Schon als sie angesetzt hatte, Circe zu verteidigen, war Chris von dem heftigen Wunsch erfüllt gewesen, sie an sich zu ziehen. Der Impuls hatte sich noch verstärkt, als dieser schleimige Wichtigtuer dahergekommen war und Ansprüche auf Ally hatte stellen wollen.

Jetzt gab es jedoch keinen guten Vorwand mehr dafür, sie in den Armen zu halten. Abgesehen davon, wie sehr er es genoss. Dieser Genuss drückte sich an einer ganz bestimmten Stelle allzu deutlich aus – auch Ally musste das spüren. Als er sie darauf hinwies, dass Fred die Flucht ergriffen hatte, machte sie sich errötend und ein wenig befangen von ihm los.

Vielleicht bin ich nicht der Einzige, dem es gefallen hat, dachte er.

„Ich, also, ähm …“ Ally atmete tief ein und sagte dann: „Danke für die Rettung. Offenbar hat Fred gestern meinen dezenten Wink nicht verstanden.“

„Es war mir ein Vergnügen“, erwiderte Chris und meinte es wortwörtlich.

Ally lächelte verlegen, machte jedoch keine Anstalten, sich zu verabschieden. Das freute Chris, der schon auf einen weiteren Vorwand spekulierte, sie noch einmal zu berühren.

„Möchtest du vielleicht an Bord kommen und dir die Circe aus der Nähe ansehen?“

Allys strahlendes Lächeln ließ ihre braunen Augen leuchten. „Oh ja! Ich war nämlich noch nie auf einem Boot – ich meine, auf einer Jacht.“

„Als Boot kannst du sie ruhig bezeichnen, nur nicht als Schiff“, erwiderte Chris, als er ihr an Bord half. „Du bist wirklich noch nie auf einem gewesen?“

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