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Die süße Rache des Scheichs

1. KAPITEL

Es war die Art Dezembernachmittag, die der Fifth Avenue einen ganz eigenen Zauber verlieh.

Die Abenddämmerung war noch nicht hereingebrochen, dennoch erstrahlten die Straßenlaternen bereits in warmem Licht und vergoldeten die sanft vom Himmel herabfallenden Schneeflocken. Der gegenüberliegende Central Park war komplett von einer weißen Schicht bedeckt.

Der Anblick reichte aus, um selbst dem abgestumpftesten New Yorker ein Lächeln zu entlocken. Doch der Mann, der sechzehn Stockwerke über dieser anheimelnden Szenerie am Fenster stand, verzog keine Miene.

Warum sollte er lächeln, wenn er von kaltem Zorn erfüllt war?

Scheich Salim al Taj, Kronprinz des Königreichs Senahdar, stand bewegungslos da und umklammerte ein schweres Kristallglas mit Brandy. Ein zufälliger Beobachter hätte vielleicht vermutet, dass der Blick seiner hellblauen Augen auf das Winteridyll gerichtet war. Doch in Wirklichkeit nahm er seine Umgebung kaum wahr.

Nein, sein Blick war nach innen gerichtet. Noch einmal durchlebte er die Ereignisse des vergangenen Sommers – doch da holte ihn eine flüchtige Bewegung am äußeren Rand seines Blickfelds in die Gegenwart zurück.

Der Falke.

Für einen kurzen Moment schien der Raubvogel bewegungslos in der Luft zu verharren, dann ließ er sich elegant auf dem Terrassengeländer unterhalb des Fensters nieder – wie schon so oft in den vergangenen Monaten.

Dieser Falke gehörte nicht in die Stadt. Er passte nicht in die Asphaltwüste Manhattans, schon gar nicht zu dieser Jahreszeit, doch genauso wie Salim war der Vogel ein Überlebenskünstler.

Salim spürte, wie ein Teil seiner Anspannung nachließ. Er lächelte, prostete dem Vogel stumm zu und nahm dann einen tiefen Schluck Brandy.

Vor einem Jahr war der Falke zum ersten Mal hier aufgetaucht. Schnell hatte er die elegante Avenue und den Park zu seinem Revier erkoren – ganz so, als handle es sich dabei um grüne Wälder oder endlos weite Wüsten, die normalerweise sein Zuhause waren. Salim hatte ihm nur zu gern seine Terrasse überlassen. Er besaß noch zwei weitere – in jedem Stockwerk seines Penthouses eine, sodass es ihm nichts ausmachte, eine mit seinem ungewöhnlichen Gast zu teilen.

Der Falke liebte die Einsamkeit und vertraute seinen Instinkten. Er würde sich niemals besiegen lassen.

Salims Lächeln verblasste.

Auch er gab sich nicht geschlagen. Vor fünf Monaten hatte man ihn lächerlich gemacht, doch schon bald würde er die Beleidigung vergelten. Langsam hob er das Glas an die Lippen und trank den Rest des Brandys. Er rann wie flüssiges Feuer durch seine Kehle.

Noch immer übermannte ihn ein furchtbarer Zorn, wenn er sich erinnerte. Wie er belogen worden war. Wie er auf den ältesten Trick der Menschheit hereingefallen war.

Wie jene Frau ihn gedemütigt hatte.

Sie hatte ihn auf die schlimmste Art und Weise belogen, die man sich vorstellen konnte. Hatte ein Spiel gespielt, von dem er nie geglaubt hätte, ihm zum Opfer fallen zu können.

Wann immer sie in seinen Armen lag, hatte sie gelogen.

Mit ihren Seufzern. Dem verzückten Stöhnen. Dem atemlosen Wispern, das ihn beinahe um den Verstand gebracht hatte. Verdammt! Allein die Erinnerung reichte aus, um ihn zu erregen. Lügen, allesamt, und dennoch konnte er nicht vergessen, wie es sich angefühlt hatte, sie in seinen Armen zu halten. Diese seidige Hitze. Die Süße ihres Munds. Das Gefühl ihrer Brüste in seinen Händen.

Nichts davon war echt gewesen. Ihre sexuelle Erregung, ja. Aber dass sie nur ihn begehrte, ihn als Mann, stimmte nicht. Sie hatte ihn betrogen, mit ihm gespielt und ihn für die Wahrheit blind gemacht.

Bis sie ihm sogar seine Ehre geraubt hatte.

Oder wie sollte man es sonst nennen, dass er eines Tages aufgewacht war, nur um festzustellen, dass sie verschwunden war – und mit ihr zehn Millionen Dollar?

Rasender Zorn erfasste ihn. Salim wandte sich vom Fenster ab, durchquerte den eleganten Raum und trat an die Bar an der Wand. Die Flasche befand sich noch dort, wo er sie stehen gelassen hatte. Er öffnete sie und goss sich einen zweiten Drink ein.

Also gut. Ein Teil dessen war eine Übertreibung. Er war nicht wirklich aufgewacht und hatte festgestellt, dass Grace verschwunden war. Wie sollte das auch gehen, wenn sie nie eine ganze Nacht miteinander verbracht hatten?

Salim runzelte die Stirn.

Na ja, doch, einmal. Zweimal, vielleicht. Häufiger aber ganz bestimmt nicht, und auch nur, weil das Wetter so schlecht oder es schon so spät gewesen war. Aus keinem anderen Grund. Sie besaß ihr Apartment. Er hatte seins. Genauso mochte er es – immer, egal, wie lang die Affäre dauerte. Zu viel Zweisamkeit, ganz gleich, wie gut der Sex war, führte unweigerlich zu Vertrautheit, und Vertrautheit wiederum zu Langeweile.

Das letzte Mal, dass er ihr Bett verlassen hatte, war an einem Freitagabend gewesen. Er war zu einer Geschäftsreise an die Westküste geflogen. Als er eine Woche später nach New York zurückkam, war sie verschwunden. Und mit ihr zehn Millionen Dollar, aus seiner Investment-Firma unterschlagen, die er zu einem multinationalen Konzern ausgebaut hatte.

Unterschlagen aus einem Konto, zu dem ausschließlich er Zugang hatte.

Zehn Millionen Dollar, die nirgends auffindbar waren. Genauso wenig wie die Frau, die sie gestohlen hatte. Doch das würde sich schon bald ändern. Oja, sehr bald.

Bereits den ganzen Tag konnte er an nichts anderes denken. Seit dem Anruf des Privatdetektivs, den er eingeschaltet hatte, nachdem sowohl Polizei als auch FBI sich als unfähig erwiesen hatten. Während er auf den Mann wartete, konzentrierte er sich ganz auf diese Sache.

Fünf Monate. Zwanzig Wochen. Hundertvierzig Tage und ein paar Zerquetschte … und jetzt, endlich, würde er das bekommen, wonach er schon seit Langem hungerte – etwas, was seine Vorfahren sicher gutheißen würden.

Rache.

Ein weiterer Schluck Brandy, der wie Feuer brannte, obwohl ihn im Moment nichts wärmen konnte. Nicht mehr. Nicht, bis er das beendete, was im vorigen Sommer begonnen, als er Grace Hudson zu seiner Geliebten gemacht hatte.

Die Frauen, mit denen er sich einließ, waren ausnahmslos schön. Er hegte eine Vorliebe für kleine Brünette. Sie waren auch ausnahmslos charmant. Und warum sollte eine Frau sich nicht bemühen, einem Mann zu gefallen? Er vertrat durchaus moderne Ansichten, war in den Staaten ausgebildet worden, aber Tradition war nun mal Tradition, und eine Frau, die sich bemühte, die Wünsche eines Mannes zu erfüllen, war in der Lage, ihn auf längere Zeit an sich zu binden.

Grace entsprach nichts von alledem.

Sie war groß. So um die einsfünfundsiebzig – auch wenn sie ihm selbst in ihren Stilettos nur bis zur Schulter ging, konnte man sie wirklich nicht als klein bezeichnen.

Ihr Haar war auch nicht dunkel – es war honigblond. Als er sie das erste Mal sah, juckte es ihn den Fingern, ihr die Nadeln aus den Locken zu ziehen und zuzusehen, wie die goldene Mähne über ihre Schultern fiel.

Und was das Bemühen anging, einem Mann zu gefallen … Darum scherte sie sich keinen Deut. Sie war höflich und wortgewandt, aber auch direkter als jeder andere Mensch, dem Salim bis dahin begegnet war. Sie hatte zu allem eine Meinung und zögerte nie, sie auch zu äußern.

Ein unerwarteter Zufall hatte sie in sein Leben geführt. Sein Finanzchef – ein biederer, beinahe mürrischer Junggeselle mit Seitenscheitel, dicken Brillengläsern und keinerlei Sinn für Humor – war plötzlich in eine Midlife Crisis geraten, die eine gefärbte Blondine einschloss und einen Porsche. An dem einen Tag saß der Mann noch an seinem Schreibtisch, und am nächsten lebte er mit Blondie in Miami.

Alle hatten gelacht.

„Diese Puppe hat ihn um den Verstand gebracht“, bemerkte einer der Mitarbeiter. Wie alle anderen hatte Salim mitgelacht, doch die Situation war durchaus ernst. Sie brauchten einen Ersatz, und zwar schnell. Salim tat das Naheliegende und beförderte den Assistenten des Mannes, Thomas Shipley.

Was eine weitere Lücke aufriss. Nun musste Shipleys vorige Position neu besetzt werden.

„Dominoeffekt“, meinte sein neuer CFO mit einem entschuldigenden Achselzucken, und Salim wusste, dass der Mann recht hatte. Er trug ihm auf, jemanden neu einzustellen. So eine einfache Sache. So eine verdammt einfache Sache …

Grace Hudson besaß einen Abschluss von Cornell und von Stanford. Sie hatte für zwei der angesehensten Firmen in der Wall Street gearbeitet. Sie war kompetent, gebildet, hoch qualifiziert, und wenn sie darüber hinaus auch noch die schönste Frau war, die er je gesehen hatte, welche Rolle spielte das schon?

Sie verhielt sich höflich, aber reserviert. Er genauso. Schon immer hatte er es sich zum Prinzip gemacht, niemals Berufliches mit Privatem zu vermischen, und außerdem war sie ohnehin nicht sein Typ.

Die Tatsache, dass ihre dunkle Stimme ihn bis in seine Träume verfolgte, dass er überlegte, wie sie aussehen würde, wenn ihre goldenen Locken ihr herzförmiges Gesicht umrahmten, oder dass er sich während des Vorstellungsgesprächs tatsächlich fragte, was sie unter ihrem Armani-Kostüm trug …

Nein, all das spielte keine Rolle. Zumindest redete er sich das ein und gab ihr den Job.

Drei Monate später schlief er mit ihr.

Es war ein Freitagabend. Sie hatten lange gearbeitet, und er bot ihr an, sie nach Hause zu bringen. Sie lebte in Soho. Er erwähnte, dass er am Sonntag zu einer Vernissage in ihrer Gegend eingeladen war. Ob sie ihn begleiten wolle? Er hatte nicht die Absicht gehabt, diesen Vorschlag zu machen, doch nachdem er es getan hatte, sagte er sich, dass es jetzt zu spät war, einen Rückzieher zu machen. Als sie zögerte, scherzte er, wie furchtbar diese Veranstaltungen normalerweise seien und dass sie ihn davor bewahren könne, vor Langeweile zu sterben, indem sie Ja sage.

Sie lachte und entgegnete, also schön, warum nicht? Sie tauschten einen höflichen Gute-Nacht-Gruß aus.

Auch am Sonntag benahmen sie sich ausgesprochen höflich, bis zu jener Sekunde, als er sie nach Hause brachte. Da begegneten sich ihre Blicke, und er wusste mit einem Mal, dass er sich die ganze Zeit nur selbst belogen hatte.

Ohne Vorwarnung griff er nach ihren Schultern und zog sie an sich.

„Nein“, wisperte sie, als er seinen Mund auf ihren senkte.

Ihre Lippen schmeckten unglaublich süß; ihre Küsse waren genauso feurig und stürmisch wie seine. Es war, als hätte er bis zu diesem Moment noch nie eine Frau geküsst. Ihr Geschmack wirkte auf ihn wie eine Droge. Ihre Augen verdunkelten sich so sehr, dass er am liebsten in ihren Tiefen versunken wäre.

„Salim“, hauchte sie, während er zärtlich ihr Gesicht umfasste, „Salim, wir sollten das nicht …“

Mit beiden Händen schlüpfte er unter ihren Blazer, streifte ihre Brustspitzen, und da gab sie dieses kleine erstickte Geräusch von sich, das er niemals vergessen würde. Im nächsten Moment hatte er sie gegen die Wand gedrängt, ihren züchtigen Rock hochgeschoben, das Spitzenhöschen abgestreift, und er war in ihr, ganz tief in ihr, während er ihre Schreie mit seinem Mund auffing und sich in ihr bewegte und sie für sich beanspruchte, so wie er es schon seit dem ersten Moment ihrer Begegnung hatte tun wollen, und zur Hölle mit der Tatsache, dass sie immer noch im Gang vor ihrem Apartment standen und jeder vorbeikommen und sie sehen konnte – zur Hölle mit richtig oder falsch, zur Hölle mit der Schicklichkeit!

Sie erlebte den Höhepunkt in seinen Armen, und als sie beide wieder atmen konnten, stieß sie den Schlüssel in die Tür, und er trug sie in ihr Schlafzimmer, wo er sie wieder und wieder liebte.

Er liebte sie die ganzen nächsten drei Monate. Wo immer sie konnten. In seinem Bett. In ihrem. Auf der Rückbank seiner Limousine, die dunkle Trennscheibe hochgefahren. In einem kleinen Hotel in Neuengland und einmal in seinem Büro – in seinem Büro! So sehr hatte sie ihn verhext, dass er nichts anderes um sich herum mehr wahrnahm.

Drei Monate dauerte ihre Affäre, und dann war sie plötzlich verschwunden. Und mit ihr zehn Millionen Dollar und jegliche Illusionen, die er sich womöglich gemacht hatte.

Zuerst richtete sich seine Wut gegen Shipley. War ihr Lebenslauf von ihm richtig überprüft worden? Natürlich war er das, und irgendwann sah Salim ein, wem sein Zorn zu gelten hatte.

Sich selbst.

Er war auf den ältesten Trick der Welt hereingefallen. Auf die List einer Frau. Hatte ihren Lügen geglaubt, war von ihrer Schönheit geblendet gewesen und so sehr von Sex benebelt, dass er die Wahrheit nicht mehr sah … und warum, zur Hölle, ging er jetzt wieder alle Details durch?

Er kannte sie doch wohl wirklich zur Genüge. Hatte sie unzählige Male der Polizei erzählt, dem FBI, dem Privatdetektiv, hatte die anzüglichen Blicke ertragen, wenn er zugeben musste, dass er eine Affäre mit dieser Frau unterhielt, dass sie Zugang zu seinem privaten Büro, zu seinen Papieren, seinem Schreibtisch, seinem Computer gehabt hatte …

Niemand konnte sie oder sein Geld finden.

Dann rief an diesem Morgen der Privatdetektiv an.

„Euer Hoheit“, sagte er, „wir haben Miss Hudson lokalisiert.“

Salim holte tief Luft und arrangierte ein Treffen mit dem Mann. Hier. In seinem Zuhause. Er wollte nicht, dass seine Mitarbeiter etwas davon mitbekamen.

Die Gegensprechanlage piepste. Salim schaute auf die Uhr. Der Privatdetektiv war ein wenig zu früh dran. Sehr gut. Je eher er die Informationen erhielt, die er brauchte, desto besser.

„Ja?“, meldete er sich, nachdem er den Hörer abgenommen hatte.

„Hier ist ein Mr. Taggart, der Sie sehen möchte, Sir.“

„Schicken Sie ihn rauf.“

Salim trat auf den Marmorflur hinaus, verschränkte die Arme über der Brust und wartete. Kurz darauf öffneten sich die Türen des Privatlifts, und Taggart kam heraus. Er trug eine kleine schwarze Ledermappe unterm Arm.

„Euer Hoheit.“

„Mr. Taggart.“

Die Männer tauschten einen Handschlag. Salim bedeutete dem Detektiv, dass er ins Wohnzimmer vorangehen solle. „Möchten Sie ablegen?“

„Nein, danke“, antwortete Taggart, öffnete eine Aktenmappe, entnahm ihr einige Papiere und reichte sie Salim. Zuoberst befand sich ein Foto.

Salim hatte das Gefühl, ihm würde der Boden unter den Füßen entzogen werden.

„Grace Hudson“, sagte Taggart.

Salim nickte. Als wenn er die Auskunft gebraucht hätte! Natürlich war es Grace. Sie stand auf einer Straße, die überall sein konnte, und trug ein schickes Kostüm samt endlos hohen Pumps. Sie sah harmlos und unschuldig aus, und verdammt noch mal, sie war keins von beidem!

„Zurzeit lebt sie unter dem Namen Grace Hunter in San Francisco.“

Salim schaute auf. „Sie hält sich in Kalifornien auf?“

„Ja, Sir. Sie lebt dort. Arbeitet für eine Privatbank. Sie ist ihr Haupt-Revisor.“

Ein Rückschritt, nachdem sie bei Alhandra Investments bereits die Assistentin des CFO gewesen war, aber Grace war ja auch nicht in der Lage gewesen, ein Empfehlungsschreiben vorzuweisen. Salim runzelte die Stirn. Nicht, dass sie eins gebraucht hätte. Zehn Millionen Dollar, und seine ehemalige Geliebte arbeitete als Revisorin?

„Hunter war der Mädchenname ihrer Mutter. Clevere Diebe verfahren oft so. Sie verhält sich ganz unauffällig, und in ein oder zwei Jahren wird sie nach Brasilien reisen oder in die Karibik und anfangen, das Geld auszugeben.“

Salim nickte. Grace war clever, das ganz bestimmt. Aber nicht clever genug.

„Wie kommt es, dass weder die Polizei noch das FBI sie finden konnte?“

Der Detektiv zuckte die Achseln. „Die haben vermutlich dringendere Fälle aufzuklären.“

Salim betrachtete erneut das Foto. Irgendwie hatte er erwartet, dass sie verändert aussehen würde. Doch das tat sie nicht. Sie war immer noch groß und schlank, und ihre Augen waren weder braun noch grün, sondern irgendetwas dazwischen. Ihr wunderschönes Haar hatte sie wie immer zu einem Knoten geschlungen.

„Hat sie einen Liebhaber?“

Seine Stimme klang rau. Die Frage überraschte ihn. Er hatte nicht vorgehabt, sie zu stellen. Die Antwort spielte keine Rolle, doch er war neugierig. Schließlich kannte er ihr sexuelles Verlangen. Sie war keine Frau, die lange ohne Mann blieb.

„Das habe ich nicht überprüft.“ Taggart lächelte schwach. „Allerdings scheint ihr Boss Interesse zu haben.“

Es war wie ein Schlag in die Magengrube. „Was soll das heißen?“, fragte Salim.

Der Detektiv zuckte erneut die Achseln. „Manchmal bringt er sie abends nach Hause. Und er nimmt sie mit zu einer Konferenz auf Bali. Sie werden sich eine Woche lang dort aufhalten.“ Wieder ein kleines Lächeln. „Sie wissen, wie das läuft, Euer Hoheit. Gutaussehende Frau, der Mann bemerkt es …“

Ja, er wusste, wie das lief. Und ob er es wusste. Und jetzt wusste er auch, warum sie in dieser Bank in San Francisco arbeitete.

„Kann nicht behaupten, dass ich es ihm verdenke, wenn Sie meine Mei…“

„Ich bezahle Sie nicht für Ihre Meinung, Taggart.“

Der Detektiv schluckte. „Nein, Sir. Ich wollte nicht …“ Er räusperte sich. „Alles, was Sie brauchen, finden Sie in der Akte. Die Adresse der Lady, der Ort, wo sie arbeitet, sogar der Name des Hotels auf Bali, in dem sie und ihr Boss … wo die Konferenz stattfindet.“

Salim nickte steif. Dass er im Gegensatz zu Taggart Grace nicht durchschaut hatte, musste er sich selbst zu schreiben.

Er legte dem Detektiv leicht die Hand auf die Schulter und brachte ihn zum Lift.

„Sie haben mir sehr geholfen.“

„Möchten Sie, dass ich die Behörden verständige, Euer Hoheit?“

„Nein, ab jetzt kümmere ich mich um die Angelegenheit. Schicken Sie mir einfach Ihre Rechnung – und vielen Dank für alles, was Sie getan haben.“

Taggart betrat den Aufzug. Salim wartete, bis sich die Türen geschlossen hatten. Dann ging er langsam zurück ins Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster.

Warum wollte er sich selbst um die Sache kümmern? Er hatte Kontakte zum State Department. Die Polizei konnte Grace zurückbringen, und dann käme es zu einer Gegenüberstellung zwischen ihnen.

Plötzlich bemerkte er, wie der Falke durch die Luft glitt, die Klauen ausfuhr und nach unten stürzte. Im nächsten Moment zappelte eine Beute in seinen Fängen. Als der Vogel erneut auf der Terrasse landete, bewegte sich die Maus nicht mehr.

Der Falke blickte sich forschend um, dann stürzte er sich auf seinen wohl verdienten Fang. Er hatte das getan, wozu er geboren worden war.

Salim schwor sich, es genauso zu machen.

Im nächsten Moment griff er nach seinem Handy. Der Pilot meldete sich nach dem ersten Klingeln.

„Sir?“

„Wie schnell können Sie einen Flug nach Bali vorbereiten?“

„Bali“, wiederholte der Pilot, als handle es sich lediglich um einen Flug nach Vermont. „Kein Problem, Euer Hoheit. Ich muss nur auftanken und den Flug anmelden.“

„Tun Sie es“, befahl Salim.

Dann beendete er das Telefonat, warf einen letzten Blick auf den Falken und eilte hinaus.

2. KAPITEL

Grace Hudson war stolz darauf, weit gereist zu sein.

Sie hatte an Universitäten studiert, die akademische Auslandsprogramme anboten, und diese auch in Anspruch genommen. Natürlich mit Hilfe von Stipendien, denn es war schon hart genug gewesen, mit Jobs in Fast-Food-Restaurants und Boutiquen genug Geld zu verdienen, um das Studium zu finanzieren. Aber sie war gut – warum unnötige Bescheidenheit vortäuschen? – und so hatte sie ein Semester in London verbracht und ein weiteres in Paris.

Nach dem Studium arbeitete sie in New York bei zwei Brokerfirmen, die sie beruflich wiederholt ins Ausland schickten. Wieder nach London und Paris, Brüssel, Dublin und Moskau.

Fremde Länder waren ihr nicht neu.

Aber Bali? Einmal um den halben Globus herum? Wunderschöne Sandstrände, traumhaftes Wasser, strahlender Sonnenschein? Als sie erfuhr, wo sie hinreisen sollte, war sie erstaunt. Immerhin bekleidete sie die Stelle noch nicht allzu lang. Sie konnte kaum glauben, dass James Lipton der Vierte – ihr Boss bevorzugte den vollen Titel – ihr eine solche Chance geben wollte.

Erneut blickte sie auf die Broschüre, die er ihr auf den Schreibtisch gelegt hatte.

‚Siebte jährliche SOPAC-PBA‘ Konferenz prangte auf der Titelseite. Im Innern der Broschüre fand sie eine beeindruckende Liste an Rednern und Workshops.

„Sie wissen doch sicher, was die SOPAC-PBA ist, Miss Hunter?“, hatte Lipton sie auf seine kühle Art gefragt.

Miss Hunter. Der Name kam ihr immer noch ungewohnt vor. Sie hatte den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen nach – nach New York. Der Name kam ihrem wirklichen schon recht nah, sodass sie sich halbwegs wohl damit fühlte, zumal sie ihn wahrscheinlich eine Weile benutzen würde.

Nicht, dass sie sich wirklich Sorgen darum gemacht hätte, gefunden zu werden …

„Miss Hunter? Muss ich es Ihnen erklären?“

Grace schüttelte den Kopf. „Nein, Mr. Lipton. SOPAC-PBA ist die Abkürzung für die South Pacific Private Banking Association.“ „Bei dieser Konferenz können Sie eine Menge lernen, Miss Hunter. Fühlen Sie sich dem gewachsen?“

„Ja, Sir, das tue ich.“

Lipton nickte. „Ich nehme an, Sie fragen sich, warum ich ausgerechnet Sie ausgesucht habe, zu dieser Konferenz zu reisen?“

Was sollte sie dazu sagen? Nichts, denn Lipton beantwortete seine Frage bereits selbst.

„Ich bin mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden, Miss Hunter. Außerdem habe ich Grund zu der Annahme, dass unser CFO uns bald verlassen wird. Dann könnte es sein, dass Sie befördert werden. Die Konferenz ist eine hervorragende Gelegenheit, um dazuzulernen und wertvolle Kontakte zu knüpfen.“

Beförderung. In eine Position, die sie verloren hatte, weil sie zu spät herausfand, dass alles, was Salim getan hatte, nur seinen eigenen selbstsüchtigen Zielen diente …

„Miss Hunter?“

Grace blinzelte. „Ja, Mr. Lipton?“

„Sorgen Sie dafür, dass Ihre Sekretärin für uns beide die nötigen Buchungen vornimmt.“

„Für uns beide?“

„Natürlich. Ich werde die Konferenz ebenfalls besuchen. Sie ist sehr wichtig.“

Grace gab ihrer Sekretärin den entsprechenden Auftrag, doch Lipton hatte an den Arrangements einiges auszusetzen. Warum einen Linienflug buchen, wenn sie doch einen Vertrag mit einer privaten Charterfluggesellschaft hatten? Und die Hotelzimmer … Wieso hatte sie ein normales Zimmer für ihn reserviert, wenn er doch die Annehmlichkeiten einer Suite brauchte, in der er auch private Meetings und Arbeitsdinner abhalten konnte?

Grace entschuldigte sich und sagte, sie würde ihre Sekretärin anweisen, die erforderlichen Änderungen vorzunehmen, doch Lipton wehrte ab. Er würde die Aufgabe seiner persönlichen Assistentin übertragen.

Mit gemischten Gefühlen begab sie sich schließlich auf die Reise nach Bali. Einerseits freute sie sich auf die berufliche Chance, die ihr geboten wurde, andererseits hatte sie wenig Lust, den Großteil der Woche mit James Lipton dem Vierten zu verbringen. Manchmal war er sehr brüsk, womit sie ja noch umgehen konnte. Doch er hatte noch etwas anderes an sich, das sie einfach nicht mochte. Es war nicht seine snobistische, arrogante Art, nein, da schien eine dunkle, geradezu grausame Seite an ihm zu sein …

Was natürlich völlig lächerlich war.

Lipton gehörte zu den Säulen der Gesellschaft. Nach ihm war ein Kunstzentrum benannt und ein Sportstadion. Seine Frau befand sich im Vorsitz von mindestens einem Dutzend Wohltätigkeitsorganisationen.

Als sie den Sicherheitsgurt in dem gecharterten Jet anlegte, schalt Grace sich innerlich eine Närrin. Sie musste den Mann nicht mögen, sondern lediglich als ihren Arbeitgeber respektieren.

Das war’s … Zumindest bis das Flugzeug sich in die Luft erhoben hatte.

Dann stellte sich heraus, dass James Lipton der Vierte, die Säule der Gesellschaft, ein echter Widerling war.

Sie hatten San Francisco kaum hinter sich gelassen, befanden sich gerade auf der endgültigen Flughöhe, da legte er die Attitüde des steifen Chefs ab und entpuppte sich als wahres Monster.

Er beugte sich zu ihr herüber, streifte ihre Schultern und sagte ihr, dass sie das private Schlafzimmer im hinteren Teil des Flugzeugs benutzen könne, falls sie müde sei.

„Vielen Dank, Sir, aber …“

„Mit mir zusammen, natürlich“, fügte er hinzu.

Hatte er das wirklich gesagt?

Zuerst schien es Grace völlig unmöglich. Sie musste ihn missverstanden haben. Vielleicht hatte sie sich angesichts des Motorenlärms verhört, weshalb sie einfach nicht antwortete.

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