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Die starken Fesseln der Sehnsucht

Inhalt

  1. cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Zitat
  6. Danksagungen
  7. Teil eins - Einen Funken zünden
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  1. Teil zwei - Den Zunder entfachen
  2. 3. Kapitel
  3. 4. Kapitel
  4. 5. Kapitel
  5. 6. Kapitel
  6. 7. Kapitel
  7. 8. Kapitel
  8. 9. Kapitel
  9. 10. Kapitel
  10. 11. Kapitel
  11. 12. Kapitel
  12. 13. Kapitel
  13. 14. Kapitel
  14. 15. Kapitel
  15. 16. Kapitel
  16. 17. Kapitel
  17. 18. Kapitel
  18. 19. Kapitel
  19. 20. Kapitel
  20. 21. Kapitel
  21. 22. Kapitel
  22. 23. Kapitel
  23. 24. Kapitel
  1. Teil drei - Die Flammen schüren
  2. 25. Kapitel
  3. 26. Kapitel
  4. 27. Kapitel
  5. 28. Kapitel
  6. 29. Kapitel
  7. 30. Kapitel
  8. 31. Kapitel
  9. 32. Kapitel
  10. 33. Kapitel
  11. 34. Kapitel
  12. 35. Kapitel
  13. 36. Kapitel
  14. 37. Kapitel
  15. 38. Kapitel
  1. Anmerkungen der Autorin
  2. Über die Autorin

Mary Jo Putney

DIE STARKEN
FESSELN DER
SEHNSUCHT

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Ulrike Moreno

Für alle, die für unsere Freiheiten gekämpft haben,

die Berühmten und die Unbekannten.

Und besonders für die,

die einen hohen Preis dafür bezahlt haben.

Zweifelt nie daran,

dass eine kleine Gruppe engagierter Bürger

die Welt verändern kann.

Tatsächlich ist es sogar das Einzige,

was dies je vollbracht hat.

Margaret Mead

Danksagungen

Meinen besonderen Dank an Patricia Rice und Susan King, die meine Bitten ertragen mussten, den Rohrstock herauszuholen und mich zu schlagen, falls ich je wieder ein Interesse daran äußern sollte, ein auf einer sozialen Bewegung basierendes Buch zu schreiben.

Meinen sogar noch größeren Dank an John, der klaglos meine Schrullen hinnimmt, wenn ich mit einem Buch nicht vorankomme.

Ich danke auch meiner ganz vortrefflichen Redakteurin Betsy Mitchell und meinen beiden Agentinnen Ruth Cohen und Robin Rue für ihre Unterstützung des Konzepts dieser Geschichte.

Als Autorin kann ich mich außerordentlich glücklich schätzen, mit solch wunderbaren Menschen zusammenzuarbeiten.

1. Kapitel

Valletta, Malta

Herbst 1733

Die beiden ausländischen Herren, die über Vallettas Marktplatz schlenderten, sahen so aus, als hätten sie Geldbeutel, die es sich zu stehlen lohnte. Wohl wissend, dass sie einen Jungen seiner Größe in der lärmenden Menge nicht bemerken würden, beschattete Nikolai sie unauffällig. Ein Stimmengewirr aus einem Dutzend oder noch mehr Sprachen umschwirrte ihn. Er kannte sie alle, und in den meisten konnte er sich auch verständlich machen. Valletta war der Knotenpunkt des Mittelmeers, wo sich Europa, Afrika und Asien begegneten und ihre Waren tauschten.

Die Männer hatten die blasse Gesichtsfarbe von Nordeuropäern. Als Nikolai nahe genug an sie herankam, um ihr Gespräch zu hören, merkte er, dass sie Englisch sprachen. Das war eine der Sprachen, die er am besten beherrschte, da seine Mutter eine Vorliebe für englische Seeleute gehabt hatte.

Andere Ausländer streiften auf dem Markt umher, doch diese beiden hatten das Auftreten und Aussehen reicher Herren - und waren dumm genug, allein und ohne Geleitschutz unterwegs zu sein. Sie würden von Glück sagen können, wenn sie wenigstens mit ihren Kleidern am Leib zu ihrem Schiff zurückgelangten.

Nikolai folgte den Männern und schlüpfte hinter einen Eselkarren, um näher an seine Beute heranzukommen. Seine Fähigkeit, unbemerkt zu bleiben, hatte es ihm in den Jahren nach dem Tod seiner Großmutter ermöglicht, nicht zu verhungern, auch wenn er es nur selten fertigbrachte, sich wirklich gut zu ernähren.

Der größere Engländer, ein stämmiger Mann, dessen rötlich braunes Haar schon stark von grauen Fäden durchsetzt war, blieb stehen, um den Silberschmuck eines einheimischen Straßenhändlers zu bewundern. Er hob ein Paar filigrane Ohrringe auf. »Die würden meiner Frau gefallen, glaube ich.«

»In Griechenland haben wir bessere gesehen, Macrae«, bemerkte sein Begleiter, der kleiner und jünger war, von drahtiger Gestalt und wie ein Dandy angezogen. »Sag mir noch einmal, warum du so versessen darauf warst, in Malta haltzumachen.«

»Weil es eine Wohltat ist, für ein paar Tage wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.« Nachdem Macrae sich mit dem Straßenhändler über den Preis geeinigt hatte, kaufte er zwei Paar Silberohrringe. »Außerdem hatte ich das Gefühl, dass wir hier etwas oder jemand Interessanten finden würden.«

»Das wohl kaum«, erwiderte der andere Mann verächtlich.

Nikolai achtete nicht besonders auf die Unterhaltung, sondern war höchstens froh darüber, dass sie die Aufmerksamkeit seiner Opfer in Anspruch nahm. Als der größere Mann sich seinem Begleiter zuwandte, glitten Nikolais Finger leicht wie Schmetterlingsflügel in die rechte Rocktasche des Mannes. Ja, da waren Geldstücke …

Plötzlich wurde Nikolai am Handgelenk ergriffen und sah sich von durchdringenden grauen Augen gemustert. Augen, die ihn ansahen, wie es niemand mehr getan hatte, seit seine Großmutter verstorben war.

Nikolai wehrte sich erbittert, biss Macrae in die Hand und riss sich los, als der Mann fluchend seinen Arm losließ. So schnell er konnte, rannte Nikolai auf eine nahe Gasse zu. In den verschlungenen schmalen Seitenstraßen von Valletta würde er diese schwerfälligen Esel ruck, zuck abhängen können.

Der kleinere Mann blaffte einige unverständliche Worte, worauf die Luft plötzlich ganz seltsam prickelte und Nikolais Glieder ihm den Dienst versagten. Statt weiterlaufen zu können, schaffte er es kaum noch, sich auf den Beinen zu halten. Schwer atmend taumelte er gegen die Backsteine der Gassenwand. Er hatte sich nicht mehr so geschwächt gefühlt, seit er fast dem Fieber erlegen war, das auch seine Mutter ins Grab gebracht hatte.

Macrae betrat die Gasse und legte die Hände auf Nikolais Schultern, bevor er sich bückte, damit ihre Augen auf gleicher Höhe waren. »Wir wollen dir nichts Böses«, sagte er in einigermaßen gutem Italienisch.

Nikolai spuckte ihn an, verfehlte merkwürdigerweise aber irgendwie sein Ziel.

Macrae runzelte die Stirn. »Er scheint kein Italienisch zu verstehen«, sagte er auf Englisch zu seinem Begleiter. »Ich wünschte, ich verstünde dieses miserable Arabisch, das die Einheimischen sprechen.«

Nikolai hielt sich nicht damit auf, erneut zu spucken, da es beim ersten Mal nichts genützt hatte, aber jetzt knurrte er wie ein Hund. Miserables Arabisch! Maltesisch war die uralte Sprache der Phönizier. Da sie nie alphabetisiert worden war, war sie die ureigene Sprache Maltas und natürlich ein Mysterium für unbedarfte Ausländer wie diesen hier.

Der kleinere Mann, der hinter dem Rothaarigen stand, sagte trocken: »Bist du sicher, dass du mit einem tollwütigen jungen Hund wie diesem reden willst?«

Macrae nahm seine Hände von Nikolais Schultern und richtete sich auf. »Betrachte ihn mit den Augen des Sehers und frag mich das dann noch einmal!«

Die Augen des kleineren Mannes verengten sich vorübergehend, dann riss er sie verwundert auf. »Großer Gott, der Junge glüht förmlich vor Macht! Wenn er erwachsen ist, wird er ein vortrefflicher Magier sein.«

»Sofern er lange genug lebt und die entsprechende Ausbildung erhält«, entgegnete Macrae grimmig. »So wie er aussieht, ist er auf dem besten Wege zu verhungern.«

»Sprecht nicht von mir, als wäre ich nicht hier, Ihr Flegel!«, fauchte Nikolai.

»Die Kreatur spricht Englisch«, stellte der kleine Mann voller Erstaunen fest. »Sein Akzent ist grauenhaft, aber er spricht recht fließend.«

»Nenn ihn nicht ›Kreatur‹!«, versetzte Macrae ärgerlich. »Er ist ein Junge, vermutlich jünger als mein Duncan. Er ist einer von uns, Jasper. Seine Macht fühlt sich anders an als alle, die ich kenne, doch sie ist real und beinhaltet große Möglichkeiten.«

»Vielleicht hat er afrikanisches Blut«, meinte Jasper. »Es liegt etwas davon in seinem Gesicht und seiner Hautfarbe wie auch in der Aura seiner Macht.«

Nikolai gewann seine Kraft zurück, aber er war immer noch gefangen zwischen den beiden Männern. Warum wurde das von niemandem bemerkt? Viele Leute gingen nur ein paar Schritte entfernt über den Platz und blickten nicht einmal in ihre Richtung.

Magier, hatte einer der beiden Männer gesagt. Nikolais Großmutter hatte ihm erklärt, das Wort bedeute Zauberer oder Medizinmann. Diese Männer hatten also offenbar Magie benutzt, um ihn zu stellen und dafür zu sorgen, dass niemand in ihre Richtung blickte. Nikolai schirmte seine Gedanken ab, wie Nona es ihn gelehrt hatte, und duckte sich unter Macraes Arm hindurch, um einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen.

Doch wieder wurde er von einer starken Hand gepackt. »Sieh dir das an, Jasper! Der Junge verfügt über Barrieren, die stark genug sind, ihn vor der Sicht eines Magiers zu verbergen!«

»Entweder hat er schon eine Ausbildung genossen, oder er hat die Fähigkeit entwickelt, um zu überleben«, meinte Jasper nachdenklich. »Ich muss zugeben, dass er auch mein Interesse weckt. Aber was kann man mit einem so wilden Jungen wie dem hier anfangen?«

»Geben wir ihm zunächst einmal etwas zu essen.« Der größere Mann fing Nikolais Blick auf. »Ich bin Macrae von Dunrath, und das ist Jasper Polmarric. Du hast schon immer gewusst, dass du anders bist, nicht wahr, mein Junge?«

Nikolai ging einen Moment mit sich zurate, ob er lügen sollte, bevor er widerstrebend nickte.

»Auch wir sind anders«, fuhr Macrae fort. »Auf die gleiche Art wie du. Oder eine vergleichbare zumindest. Es gehört zu unseren Pflichten, anderen unserer Art zu helfen, wenn es nötig ist. Und das Mindeste, was du brauchst, ist eine anständige Mahlzeit. Möchtest du uns Gesellschaft leisten? Wenn du mein Bewusstsein anrührst, wirst du feststellen, dass ich dir nichts Böses will.«

Nikolai hatte Absichten schon immer gut durchschauen können, und bei Macrae konnte er keine Feindseligkeit spüren, was aber nichts bedeuten musste, da es auch noch andere Arten von Attacken gab. »Ich werde nicht Eure Hure sein!«

Statt mit Verärgerung zu reagieren, lächelte Macrae ihn an. »Ich habe kein Interesse an schmutzigen kleinen Jungen. Oder höchstens dann, wenn sie dein Potenzial besitzen. Gibt es hier eine Gaststube, wo wir ein gutes Essen bekommen und uns in Ruhe unterhalten können?«

Nikolai nickte und führte die beiden Männer durch die engen Gassen zu der besten Taverne am Wasser. Sie bot einen großartigen Ausblick auf den Hafen und war ein beliebter Treffpunkt für Schiffsoffiziere und Kaufleute. Natürlich hatte er hier noch nie gegessen, aber manchmal holte er sich Reste an der Hintertür.

Der Wirt runzelte die Stirn, als er Nikolai hereinkommen sah, doch der offensichtliche Reichtum der Engländer bewahrte ihn vor einem Rauswurf. Jasper blieb am Tresen stehen, um Essen und Getränke zu bestellen, während Macrae Nikolai zu einer stillen Nische im hinteren Teil des Gastraums führte. Nikolai ließ sich nicht gern bevormunden, aber der verlockenden Gerüche wegen nahm er es diesmal klaglos hin. Er hätte vieles ausgehalten, um sich ein Mal an den besten Gerichten der Taverne satt essen zu können.

Außerdem wollte er wissen, was diese Männer von ihm wollten.

Macrae saß rechts von Nikolai, Jasper Polmarric zu seiner Linken. Obwohl sie ihm genug Platz ließen, war klar, dass sie ihn daran hindern konnten fortzulaufen, falls er es versuchte. Aber er spürte nach wie vor keine Gefahr von ihnen ausgehen, nur ein ausgeprägtes Interesse.

»Wie heißt du?«, fragte ihn Macrae. »Du kannst lügen, wenn du willst, doch ich möchte einen Namen hören, um dich ansprechen zu können.«

Bei einer solchen Fragestellung machte Lügen keinen Spaß. »Nikolai Gregorio.«

»Russisch und Italienisch?«, fragte Polmarric. »Hast du auch afrikanisches Blut?«

»Ein bisschen.« Mindestens zu einem Viertel, aber er kannte nicht alle seine Verwandten. Nikolais Großmutter war eine reinblütige Afrikanerin gewesen, sein Großvater Malteser, und wer sein Vater war, hatte seine Mutter ihm nie sagen können. Vielleicht ein Italiener, ein Grieche oder sogar ein Engländer. Das war schwer zu entscheiden. Dass seine Mutter den Namen Nikolai gemocht hatte, machte ihn noch lange nicht zu einem Russen.

Die Unterhaltung stockte, als ein Schankmädchen mit einem Krug Wein und drei Bechern herüberkam. Das Tablett enthielt auch einen Laib Sauerteigbrot, ein Stück Käse und einen Teller marinierten Fisch.

Mit kaum noch zu bändigendem Hunger nahm sich Nikolai ein Stück Fisch und schlang es herunter, während er gleichzeitig ein Stück Brot von dem Laib abriss. Mit dem Messer, das auf dem Tablett lag, hackte er eine Ecke Käse ab und stopfte sie sich zusammen mit einem Stückchen Brot in den Mund. Die Schärfe des Ziegenkäses hinterließ einen herrlich würzigen Geschmack auf seiner Zunge.

»Nicht sehr zivilisiert«, bemerkte Polmarric auf Französisch und beobachtete die Vorgänge mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination.

»Sei froh, dass du nie so hungrig warst!« Macrae schenkte den Rotwein ein und probierte einen Schluck. Obwohl er Polmarric auf Französisch geantwortet hatte, wechselte er nun wieder ins Englische, um mit Nikolai zu sprechen. »Iss, so viel du willst, mein Junge, aber vielleicht wäre es klüger, es langsamer zu tun. Wenn du dir zu viel auf einmal zumutest, hast du bald wieder einen leeren Magen.«

Das klang vernünftig. Nikolai aß noch ein Stück Brot und Käse und griff nach seinem Wein, um es herunterzuspülen. Es war ein leichter Tischwein, wohlschmeckend und vermutlich extra ausgewählt, um einem Jungen nicht zu Kopfe zu steigen. Das war ein weiteres Anzeichen für ihre guten Absichten, denn das war sicher nicht der Wein, den sie bestellen würden, wenn sie ihn betrunken machen wollten.

Die Schankmagd kam mit drei Tellern fenek zurück. Wieder langte Nikolai tüchtig zu. Seit seine Großmutter nicht mehr lebte, hatte er kein gutes fenek mehr gegessen.

Die Ausländer nahmen sich wesentlich mehr Zeit zum Essen. »Das Kaninchen ist gar nicht schlecht«, bemerkte Polmarric.

»Schmor einen Stiefel in so viel Wein, und er würde genauso gut schmecken«, erwiderte Macrae, aber auch er griff tüchtig zu.

Nachdem Nikolai zwei Stücke des geschmorten Kaninchens verputzt hatte, lehnte er sich zufrieden auf der Bank zurück. Nun, da sein Hunger vorläufig gestillt war, kehrte seine Neugierde zurück. »Ihr sagtet, Ihr wärt anders. Inwiefern?«

Macraes Blick glitt durch den Gastraum, um sich zu vergewissern, dass niemand in ihre abgelegene Nische hineinsehen konnte. Als er sicher war, dass sie ungestört waren, hob er eine Hand, und Lichtfunken sprühten darum herum wie goldenes Feuerwerk.

Dann hob er die tanzenden Lichter auf und ließ sie vor Nikolai herunterregnen. Entzückt versuchte der Junge, die goldenen Funken aufzufangen, die mit einem kühlen Kribbeln aber auf seiner Hand zerfielen. »Magie«, flüsterte er. Er hatte gedacht, alle Magie wäre aus der Welt verschwunden, als seine Großmutter gestorben war.

»Wir nennen das normalerweise Macht«, sagte Macrae mit gedämpfter Stimme. »Das ist ein weniger alarmierender Begriff als Magie. Polmarric und ich sind beide Wächter - Mitglieder von Familien, die über große Macht verfügen. Wächter gibt es in sämtlichen europäischen Nationen, und wir alle haben geschworen, unsere Fähigkeiten zu benutzen, um anderen zu helfen und keinen persönlichen Gewinn daraus zu ziehen.«

»Was für eine Art Magie - oder Macht - habt Ihr?« Nikolai versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie brennend ihn das interessierte.

Polmarric warf seinem Begleiter einen warnenden Blick zu. »Bist du sicher, dass du so viel über uns erzählen willst?«

»Er muss es wissen.« Macrae wandte sich wieder Nikolai zu. »Es gibt viele Dinge, die alle Wächter bis zu einem gewissen Grad bewirken können. Wir können heilen, die Energien anderer Menschen lesen, uns abschirmen oder Licht erzeugen. Die meisten Wächter sind auch auf irgendeinem besonderen Gebiet befähigt. Ich zum Beispiel bin ein Wettermagier und kann Winde und Stürme beeinflussen. Es ist ein Talent, das in unserer Familie liegt. Mein Freund Polmarric hier verfügt über enorme Fähigkeiten auf dem Gebiet mentaler Kommunikation.«

»Ihr sagt, Ihr hättet geschworen, Menschen zu helfen. Was hindert Euch dann daran, Könige zu werden? Obwohl Ihr ja auch so schon gar nicht schlecht zu leben scheint«, sagte Nikolai mit einem vielsagenden Blick auf die aufwendige Kleidung der beiden Männer.

»Es ist schwerer, König zu werden, als manche vielleicht denken«, entgegnete Macrae ein wenig spöttisch. »Im Laufe der Jahrhunderte haben wir gelernt, dass es besser ist, sich nicht zu oft in Angelegenheiten der weltlichen Gesellschaft einzumischen, weil die Folgen unvorhersehbar sind - und gewöhnlich schlimmer, als man glaubt. Unter uns wahren wir die Ordnung durch nationale Wächterkonzile. Seiner Kommunikationstalente wegen wird Polmarric voraussichtlich ein Mitglied dieses Rates werden, sobald ein Platz frei wird. Wenn irgendeiner von uns zu einem schwarzen Schaf unter den Wächtern wird und andere verletzt … Nun, dafür haben wir spezielle Magier, die die Fähigkeit besitzen, Böses zu entdecken und der Ordnung Geltung zu verschaffen.«

Nikolai brach ein Stück Brot ab und tunkte es in die Sauce des Kaninchenbratens. Was Macrae sagte, klang für ihn, als wären die Wächter eine große, geheime Familie, die sowohl über Macht als auch über Weisheit verfügte. In Erinnerung an seine Großmutter fragte er: »Sind die Magier alle Männer?«

»Keineswegs. Frauen können genauso mächtig oder sogar noch mächtiger als männliche Magier sein. Meine Frau zum Beispiel ist eine sehr begabte Heilerin. Und Polmarrics Gattin ist die beste Finderin in England, denke ich.« Macrae schwieg einen Moment, als überlegte er, was noch gesagt werden musste. »Die volle Macht erlangt man normalerweise erst als Erwachsener, bei außergewöhnlich Talentierten ist es allerdings nichts Ungewöhnliches, wenn sie schon in ihrer Kindheit magische Fähigkeiten erkennen lassen. Mein Sohn Duncan trägt sie in sich, und du anscheinend auch, mein Junge.«

Nikolai starrte auf seinen leeren Teller und versuchte, das Gesagte zu verarbeiten. »Warum erzählt Ihr mir das alles?«

»Weil du Hilfe zu brauchen scheinst.« Macrae sah müde aus, und Nikolai merkte jetzt, dass er älter war, als er vermutet hatte. »Es gibt zu viele heimatlose Kinder auf der Welt, um alle retten zu können. Aber du bist von unserer Art, und deshalb habe ich die Verpflichtung zu versuchen, dir zu helfen.«

»Und wie?«

»Eine Möglichkeit wäre, in einer Schule in Valletta einen Platz für dich zu suchen, wo du ernährt und gekleidet würdest und lesen und schreiben lernen könntest.«

»Ich kann schon lesen und schreiben«, erwiderte Nikolai angriffslustig.

Macraes Augenbrauen fuhren in die Höhe. »Beeindruckend. Wie hast du das gelernt?«

Nikolai zuckte mit den Schultern. »Meine Großmutter hatte ein Gasthaus unten am Wasser. Dort hat sie einen sterbenden englischen Schiffsoffizier gepflegt, der mich als Gegenleistung unterrichtete. Und der alte Smithy brauchte ganz schön lange, um zu sterben.« Lange genug, um Nikolai das Rechnen, Lesen, Schreiben und sogar etwas über Geschichte beizubringen.

»Du lernst schnell«, bemerkte Polmarric. »Dein englischer Akzent hat sich während unserer Unterhaltung schon verbessert. Fast so, als könntest du die Sprache unserem Verstand entnehmen. Kannst du Gedanken lesen?«

Nikolai verzog misstrauisch das Gesicht und fragte sich, wie der Engländer das herausgefunden hatte. Er konnte nicht wirklich Gedanken lesen, aber manchmal erspürte er Antworten, die Menschen um ihn herum wussten. Und das Zusammensein mit diesen Männern, die tadelloses Englisch sprachen, verbesserte tatsächlich seine eigene Ausdrucksweise. »Smithy sagte, ich sei schlau.«

»Ein schlauer Junge mit Macht wäre in einer hiesigen Schule vielleicht nicht sicher, solange die Johanniter über Malta herrschen«, bemerkte Polmarric. »Diese Leute sind bekannt dafür, dass sie Magier der Inquisition ausliefern.«

»Das ist mir bewusst«, sagte Macrae. »Was du also wirklich brauchst, ist eine Familie, Nikolai. Menschen, die dich gern haben und die auch du gern haben kannst.«

Eine Familie. Nikolai senkte den Blick, um die Fremden nicht die entwürdigende Feuchtigkeit in seinen Augen sehen zu lassen. Seine Familie war klein, aber immer für ihn da gewesen. Doch nun, da seine Mutter und Großmutter nicht mehr lebten, hatte er geglaubt, für immer allein zu sein. Der Gedanke an ihren Verlust schnürte ihm heute noch die Kehle zu und machte ihm das Schlucken fast unmöglich.

»Wir könnten eine Wächterfamilie in Italien oder Frankreich suchen, die dich als Ziehkind aufnimmt, falls du lieber in der Nähe deiner Heimat bleiben willst. Wenn du jedoch bereit wärst, nach Norden mitzukommen, nehme ich dich mit zu mir nach Hause und ziehe dich mit meinen eigenen Kindern auf«, erklärte Macrae ruhig.

Nikolai hob den Kopf und starrte ihn an. »Das würdet Ihr tun?«

Polmarric, der nach Luft geschnappt hatte, als er die Worte seines Freundes hörte, sagte auf Französisch: »Willst du diesen kleinen Wilden allen Ernstes in dein eigenes Heim mitnehmen?«

In derselben Sprache erwiderte Macrae: »Ich bin Schotte und selbst gar nicht so zivilisiert.« Dann suchte er Nikolais Blick und wechselte ins Englische. »Du brauchst ein Zuhause, und meinem Sohn Duncan würde es guttun, einen anderen Jungen mit magischen Fähigkeiten und Macht im Haus zu haben. Meine Tochter ist so viel jünger als er, dass sie noch keine gute Gefährtin für ihn ist.«

Nikolai ließ sich den Vorschlag durch den Kopf gehen, und obwohl er seine Heimat nur ungern verließe, fand er die Möglichkeiten doch sehr aufregend. »Ihr würdet mich zu einem Gentleman machen?«

Macrae nickte. »Du wirst das gleiche Essen, die gleiche Kleidung und Erziehung erhalten wie mein Sohn. Vor allem aber wirst du die Ausbildung genießen, die du brauchen wirst, wenn dein Talent sich offenbart. Du verstehst bereits, gewisse Anlagen zu nutzen, aber deine Fähigkeiten werden erst richtig zutage treten, wenn du das Mannesalter erreichst. Ohne Ausbildung riskierst du, dir selbst und anderen Schaden zuzufügen. Du wärst natürlich nicht der Erbe meines Familiensitzes Dunrath, aber wir Wächter haben die Mittel, um jungen Männern und Frauen in deiner Situation beim Aufbau einer Existenz zu helfen. Du wirst also mein Pflegesohn und ein Gentleman sein. Meine Frau wird dich sehr gern bei uns aufnehmen.«

Auf Französisch sagte Polmarric: »Da deine Frau ja ständig herrenlose Hündchen mit nach Hause bringt, wird einer mehr sie wohl kaum stören. Obwohl dieser Junge natürlich erheblich mehr Arbeit als ein Welpe machen wird.«

»Und er wird auch viel lohnender sein«, erwiderte Macrae gelassen. »Ich weiß, dass ich das Richtige tue, Jasper.«

Nikolai zerrupfte mit nervösen Fingern ein Stück Sauerbrot. Seine Großmutter hatte ihm einst vorausgesagt, dass er einmal ein Gentleman sein würde. Natürlich hatte er darüber gelacht, weil er sich nicht hatte vorstellen können, im Leben eine andere Stellung als die eines gewöhnlichen Matrosen einzunehmen.

Er hätte jedoch wissen müssen, dass seiner Großmutter keine solchen Fehler unterliefen. Wehmütig dachte er an ihr dunkles, altersloses Gesicht. Ihr Grab und das seiner Mutter zu verlassen, würde schmerzlich sein, aber beide hätten ihn dazu gedrängt, diese einmalige Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. Macrae wollte ihm nichts Böses, dessen war sich Nikolai inzwischen sicher.

Er umklammerte das Brot in seiner Hand und zerdrückte es zu einer formlosen Masse. »Ich werde mit Euch kommen und Euer Sohn sein«, sagte er zu Macrae.

Der Schotte lächelte. »Das freut mich, Nikolai. Und du wirst sicher auch sehr froh darüber sein.«

Der pure Schalk sprach Nikolai aus den Augen, als er Polmarric ansah und auf Französisch zu ihm sagte: »Und Ihr braucht eine andere Sprache, wenn Ihr vertraulich vor mir reden wollt.«

Es sprach für Polmarric, dass er in Macraes Lachen einstimmte.

Männer, die lachen konnten, und so viel Essen, wie er wollte … Seine Vorfahren hielten ihre Hand über ihn. Nikolai schnitt sich noch ein Stückchen Käse ab und versuchte, sich vorzustellen, wie er in der Kleidung eines Gentlemans aussehen würde.

2. Kapitel

Nikolai erwachte noch vor Tagesanbruch und erfreute sich an dem sanften Schaukeln des Schoners Hermes. Dieses Schiff war sein Zuhause geworden, seit Macrae sein Leben vollkommen verändert hatte. Polmarric war der Eigner des Schiffes, weswegen sie natürlich alle sehr gut behandelt wurden.

Nach einem einwöchigen Aufenthalt in Sizilien nahm die Hermes jetzt Kurs auf London, ihren Heimathafen. Das Wetter war gut gewesen, mit beständigen Winden, die die Segel blähten und das Schiff in flottem Tempo vorantrieben. Sie befanden sich jetzt im westlichen Mittelmeer, aber in ein, zwei Tagen würden sie Gibraltar passieren und für die letzte Etappe der Reise auf den stürmischen Atlantik abdrehen.

Von dem sanften Plätschern der Wellen gegen den Rumpf des Schoners eingelullt, schloss Nikolai die Augen. Obwohl er auf einer Insel inmitten der allgegenwärtigen See herangewachsen war, wäre er nie auf die Idee gekommen, dass er so viel Freude an der Seefahrt haben könnte. Es lag so viel Freiheit und Urwüchsigkeit in Wind und Wellen, dass es mit Sicherheit ein gutes Leben für einen Mann sein könnte.

Nikolai hatte aber auch gelernt, dass das Leben als Sohn eines Edelmannes süßer war, als wie eine Kanalratte ums Überleben kämpfen zu müssen. Er hatte einen Monat feiner Kleider, Sicherheit und vor allem guten Essens hinter sich. So viel er nur verputzen konnte. So viel, dass er nicht einmal mehr die Notwendigkeit verspürte, alles hinunterzuschlingen, was auf den Tisch kam, bevor es ihm weggenommen werden konnte.

Er besaß sogar den Luxus, sich zurückziehen zu können. Seine winzige Kabine war kaum mehr als ein Seemannsspind, aber sie gehörte ihm allein. Macrae und Polmarric teilten sich eine größere Kabine am Heck des Schiffs, aber Nikolai gefiel sein Kämmerchen in der Nähe des Bugs, wo er sich der See sehr nahe fühlte.

Er griff unter die Koje und berührte seine kleine, messingbeschlagene Reisetruhe, in der sich die Kleidung des Sohnes eines Gentlemans befand. Nachdem er zugestimmt hatte, Macrae nach Schottland zu begleiten, war er auf die Hermes gebracht und so gründlich abgeschrubbt worden, dass seine Haut um einige Töne heller geworden war. Danach hatte Macrae ihn zu dem besten Herrenausstatter in Valletta gebracht.

Der Schneider hatte einen Rock und Hosen aus blauem Seidenbrokat und Hemden aus feinstem Musselin für ihn genäht. Nikolai, der wusste, was Jungen brauchten, hatte gleich auch noch mehrere Garnituren Hemden und Hosen aus strapazierfähigerem Material bestellt. Und selbst diese waren erheblich besser als alles, was er je besessen hatte.

Dennoch weigerte er sich, seine eigene derbe, schon sehr abgetragene Kleidung aufzugeben. Seine Großmutter hatte das Hemd und die Hose für ihn genäht, und es wäre ihm unerträglich gewesen, sich von ihnen zu trennen.

Macrae hatte keinen Widerspruch erhoben, sondern nur darauf bestanden, dass die Kleider gewaschen wurden. Und nun erwiesen sie sich als sehr praktisch, um zwischen den Masten und Takelagen des Schiffs herumzuturnen. Die Seemänner waren ein rauer, aber freundlicher Verein und brachten Nikolai sogar das Segeln bei.

Jeder wache Moment war dem einen oder anderen Unterricht gewidmet. Macrae und Polmarric unterwiesen ihn in der Geschichte der Wächter und der Anwendung von Magie. Auch die grundlegenden Techniken, um sie zu kontrollieren, wurden ihm vermittelt. Seine Macht war heute zwar noch bescheiden, aber sobald er das Mannesalter erreichte, würde sich das ändern. Je mehr er jetzt über Kontrolle lernte, desto besser würde es später für ihn sein.

Einige Techniken hatte Nikolai schon ganz allein herausgefunden, bei anderen stockte ihm der Atem von einem Gefühl des Wiedererkennens und des Erlernens dessen, was ihm aus solch tiefster Seele richtig erschien.

Natürlich erhielt er auch Unterricht in Manieren und gesellschaftlichem Umgang. Ein Gentleman zu werden, war harte Arbeit.

Manchmal machte Nikolai sich Gedanken über den noch unbekannten Duncan, der sein Bruder sein würde. Wusste dieser Duncan, wie froh er sein konnte, einen Vater zu haben, und besonders einen wie diesen? Nein, ein Junge, der damit aufgewachsen war, Essen, Kleidung und den Schutz und die Fürsorge eines Vaters als selbstverständlich zu betrachten, war gar nicht in der Lage einzuschätzen, was für ein unglaubliches Glück er hatte. Obwohl Nikolai Duncan noch nicht gesehen hatte, neigte er schon dazu, ihn als Weichling zu verachten, auch wenn er sich Macrae zuliebe um Höflichkeit bemühen würde.

Der alte Herr hatte betont, Nikolai müsse das Beobachten mit all seinen Sinnen, den inneren wie äußeren, üben. Einer dieser Sinne hatte ihn heute so früh geweckt, wurde Nikolai jetzt klar. Die vormorgendliche Dunkelheit war still bis auf die Geräusche des Wassers, das Knarren der Schiffsplanken und den fernen Schrei einer einsamen Möwe. Und trotzdem … stimmte irgendetwas nicht.

Mehr neugierig als besorgt stand Nikolai auf und zog seine alten Sachen an. Bald würden sie ihm zu klein sein, da er in diesem letzten Monat reichlich zugenommen hatte und ordentlich gewachsen war.

Auf bloßen Füßen verließ er seine winzige Kabine und stieg die Leiter zum Oberdeck hinauf. Dichter Nebel lag über der Hermes und der umliegenden See. Ein Offizier, dessen dunkle Silhouette am Steuer bis auf das schwache Glühen seiner Pfeife fast nicht auszumachen war, stand achtern Wache. Das Schiff bewegte sich sehr langsam, gerade genug, um gleichmäßig auf Kurs zu bleiben.

Neugierig, was ihn geweckt haben mochte, ging Nikolai zum Bug weiter und stützte die Hände auf die Reling, um das Schlingern des Schiffes auszugleichen. In dem Nebel und der Dunkelheit konnte er kaum mehr als ein paar Meter weit sehen.

Liefen sie vielleicht Gefahr, auf Felsen oder eine Insel aufzulaufen? Das war eher unwahrscheinlich, falls der Steuermann diese Gewässer kannte, und selbst wenn ihm ein Navigationsfehler unterlaufen war, verringerte ihr langsames Tempo die Gefahr einer ernstlichen Beschädigung.

Nikolai seufzte verdrossen. Vielleicht würden sich in zwei, drei Jahren seine magischen Fähigkeiten entfalten, und er würde bestimmen können, was ihn in Unruhe versetzte. Oder vielleicht auch nicht. Wie Polmarric immer wieder betonte, war Magie ein Werkzeug für den Umgang mit der Welt, aber kein erprobter Quell der Wunder.

Ein Plätschern ertönte irgendwo vor ihm. Ein Schwarm Fische, die durchs Wasser tollten? Es war schwer, die Richtung des Geräuschs im Nebel zu bestimmen.

Er wollte sich gerade abwenden und zu seiner Kabine zurückgehen, als ein flacher, dunkler Schatten mit erstaunlicher Geschwindigkeit aus dem Dunst auftauchte. Es war ein Schiff - eine Galeere, deren Dutzende von Rudern rechts und links des Rumpfes es pfeilschnell auf den Schoner zutrieben. Seeräuber!

Nikolai erstarrte vor Entsetzen. Seit Jahrhunderten hatten nordafrikanische Piraten nicht nur Schiffe, sondern auch Meeresküsten angegriffen, um Sklaven zu machen, und Malta hatte mehr als seinen Teil an Überfällen hinnehmen müssen. Als er sich von seinem Schreck erholte, brüllte er, so laut er konnte: »Piraten!«

Sobald er Alarm geschlagen hatte, brach die Hölle los. Nachdem die Piraten nun gesichtet worden waren, begannen sie, verrücktzuspielen und eine Breitseite von Musketenschüssen nach der anderen abzugeben. Nikolai duckte sich, als die Kugeln in das Holz um ihn herum einschlugen. Der Offizier am Achterdeck fluchte und riss an dem Glockenstrang, um eine Warnung abzugeben. Halb nackte Männer mit Waffen in den Händen begannen, von unter Deck heraufzuströmen.

Als Nikolai sich wieder aufrichtete, rammte der gepanzerte Bug der Galeere die Hermes und krachte nur wenige Fuß unterhalb von ihm gegen den Rumpf des Schoners. Der heftige Aufprall riss ihn von den Füßen, bei seinem Sturz schlug er mit dem Kopf gegen die Reling und verlor vorübergehend das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, war schon ein heftiger Kampf an Deck im Gange. Ein scharfer Wind zerriss nun auch den Nebel, und im Licht des mittlerweile aufgeklarten Himmels war zu erkennen, dass die beiden Schiffe mit Enterhaken aneinanderhingen. Zwanzig oder mehr turbantragende Piraten waren an Bord der Hermes ausgeschwärmt. Die Besatzung und die Passagiere des Schoners verteidigten sich mit Schwertern, Pistolen und allem anderen, was ihnen als Waffe dienen konnte. Wolken schwarzen Rauchs brannten in den Augen und den Lungen.

Nur mit losen Hemden und Unterwäsche bekleidet, standen Macrae und Polmarric im dichtesten Kampfgetümmel, der Schotte wild mit einem Breitschwert um sich schlagend, Polmarric mit zwei Pistolen in den Händen. Nikolai wollte zu Macrae rennen, war aber zu schwach, um sich zu rühren. Während er in dem Winkel unter dem Bug kauerte, verfolgte er entsetzt den Kampf und fragte sich, wieso die Wächter keine Magie anwandten, um ihn zu beenden. Sie mussten doch etwas tun können! Oder hatte Macrae für diesen plötzlichen scharfen Wind gesorgt?

Nikolai schnappte nach Luft, als ein Pirat mit seinem Krummsäbel Macrae den Arm aufriss. Blut färbte das weiße Hemd des Schotten, als er seinen Angreifer gnadenlos mit seinem Schwert durchbohrte. Polmarric zielte ruhig und erledigte einen Piraten mit der Pistole in seiner Rechten, bevor er mit der Waffe in der Linken einen zweiten niederschoss. Als die Freibeuter sich nach ungefährlicherer Beute umsahen, lud Polmarric nach, und Macrae deckte derweil seinen Freund.

Nikolai versuchte aufzustehen und verlor fast wieder das Bewusstsein, als ein scharfer Schmerz durch seine Rippen fuhr. Da er nicht kämpfen konnte, beschränkte er sich darauf, das Getümmel zu beobachten und all seine Sinne dazu einzusetzen.

Die Hermes war dabei, die Auseinandersetzung zu gewinnen. Mehrere ihrer Besatzungsmitglieder waren verwundet, doch die meisten der Gefallenen auf dem blutbefleckten Deck waren Piraten. Nikolai nahm an, dass die Angreifer nicht mit so heftiger Gegenwehr gerechnet hatten und sich nun fragten, ob es die Sache wert war. Piraten griffen lieber Leute an, die nicht viele Möglichkeiten hatten, sich zu verteidigen.

Als sich der letzte Nebel und der Rauch auflösten, fiel ein Enterhaken neben Nikolais Füßen auf das Deck. Das Tau, das den Schoner an der Galeere festhielt, straffte sich. Ein Tau nach dem anderen zerriss, und die Galeere begann abzutreiben.

Eine weitere Windbö fuhr so heftig in die Segel der Galeere, dass sie Schlagseite nach Steuerbord bekam und die Backbordruder in der Luft ruderten wie die Beine einer Spinne. Eine befehlsgewohnte Stimme auf der Galeere brüllte auf Arabisch: »Rückzug!«

Ein fluchender Pirat lief über das Deck der Hermes und auf Nikolai zu, wobei er sich immer wieder nach der Crew des Schoners umsah, falls einer ihn verfolgen sollte. Dabei stolperte er über Nikolai, was einen weiteren stechenden Schmerz durch dessen Rippen sandte. Der Pirat senkte für einen Moment den Blick, dann packte er Nikolai am Hemd und riss ihn hoch. »Hier ist zumindest einer.« Er sprach einen primitiven nordafrikanischen Dialekt, den Nikolai am Hafen von Valletta gehört hatte.

Der Junge wehrte sich gegen den Piraten, baumelte aber so hilflos wie ein Welpe in dem Griff des Hünen. »Macrae! Macrae!«, schrie Nikolai.

Der Schotte wollte sich zu ihm umdrehen, doch gerade da kam eine weitere Salve Musketenschüsse von der Galeere, und Polmarric brach zu Füßen seines Freunds zusammen. Macrae wandte sich wieder ab und kniete sich neben den Gefallenen, sodass er Nikolais Blick entzogen war.

Die Galeere hatte sich erneut aufgerichtet und lag nur ein paar Fuß von der Hermes entfernt. Der Mann, der Nikolai ergriffen hatte, rief einem der Piraten auf dem Ruderschiff zu: »Fang den Bengel auf!«, und warf Nikolai auf die Galeere hinunter.

Ein paar schwindelerregende Sekunden später wurde Nikolai grob gepackt und auf das schräg abfallende Deck gesetzt. Er rutschte über den nassen Boden und landete an den obersten Steuerbordplanken. Wasser überschwappte ihn, und er bekam es mit der Angst zu tun, dass er ertrinken würde, weil er seiner gebrochenen Rippe wegen fast nicht atmen konnte.

Er musste den Schmerz bekämpfen. Auch davon hatte Macrae mit ihm gesprochen. Der Trick war, Abstand zu gewinnen und den Schmerz als etwas Fernes zu betrachten, das jemand anderen betraf.

Nikolai konzentrierte sich darauf, Distanz zu gewinnen, und tatsächlich ließ der Schmerz ein wenig nach. Mühsam rappelte er sich auf, um auf die Hermes zurückzuspringen, bevor die Schiffe auseinandertrieben.

Macrae stand mittschiffs und blickte stirnrunzelnd zu der Galeere hinüber. Während Nikolai über deren Deck rannte, schwenkte er wild die Arme, um die Aufmerksamkeit des Schotten zu erregen. Macrae hatte doch gewiss einen Zauber parat, der ihn retten würde! Schließlich war er Macraes Pflegesohn und ein angehender Magier!

Der Schotte sah ihn direkt an. Dann, mit einem Gesicht, das von einer maskenhaften Starre war, wandte er sich wieder ab.

Ungläubig verfolgte Nikolai, wie der Mann, der ihm Schutz und eine Familie versprochen hatte, ihn einfach seinem Schicksal überließ. In wilder Panik versuchte er, über die Reling zu klettern. Er musste einen Sturz ins Wasser riskieren - alles war besser als die Sklaverei.

Harte Hände ergriffen ihn erneut. Diesmal war es der Kapitän, der ihn gepackt hatte, der sogenannte reis, ein stämmiger Mann mit Goldketten um den stämmigen Hals und Augen, die kalt waren wie der Tod. »Dann ist ein elendes kleines Ferkel also das Einzige, was wir durch diesen Überfall gewonnen haben!«

»Ich bin der Sohn eines reichen Mannes«, sagte Nikolai verzweifelt. »Mein Vater wird Lösegeld für mich bezahlen!«

Der Blick des reis glitt verächtlich über seine zerlumpten Kleider. »Für dich? Ha!«

»Ich bin Engländer. Schotte. Mein Vater, Macrae von Dunrath, wird bezahlen, um mich zurückzubekommen.« Aber er fragte sich, ob er sich da nicht irrte. Macrae hatte ihn in der Gewalt der Piraten gesehen und sich eiskalt abgewandt. Würde er da Lösegeld für ihn bezahlen?

»Du bist kein Engländer.« Die schwere Hand des reis traf Nikolai am Kopf und warf ihn auf die Knie. »Für mich siehst du wie ein Mulatte und ein Gassenjunge aus.«

Der reis ließ den Sklavenaufseher rufen, einen pockennarbigen Mann, der eine Peitsche in der Hand trug. »Dieser Bengel ist zu klein zum Rudern, aber zum Wasserschöpfen ist er zu gebrauchen. Nimm ihn mit.«

Grundlos ließ der Aufseher die Peitsche auf Nikolais Rücken klatschen, wo sie ihm das Hemd zerriss. Nikolai schrie auf, als der heftige Schlag den Schmerz seiner gebrochenen Rippe wieder neu entfesselte.

»Das ist es, was ungehorsame Sklaven zu erwarten haben, Junge«, knurrte der Aufseher. »Tu also, was ich dir sage, dann lebst du vielleicht noch lange genug, um groß zu werden. Und jetzt schöpf Wasser!«

Wie betäubt sprang Nikolai auf, obwohl er kaum noch Luft bekam. Der Aufseher drückte ihm einen Eimer in die Hand und wies zur Steuerbordseite des Schiffes, wo das Wasser den Galeerensklaven schon bis zu den Knöcheln stand. Schmerzgepeinigt und verwirrt gehorchte Nikolai und schämte sich der Tränen, die ihm über die Wangen liefen.

Während er Wasser schöpfte und es über die Reling schüttete, sah Nikolai die Hermes in westlicher Richtung davonsegeln. Macrae und Polmarric waren in Sicherheit, und ihn hatten sie ohne Weiteres seinem Schicksal überlassen. Wenn es das war, was es bedeutete, ein Wächter zu sein, der geschworen hatte, Menschen zu beschützen, wollte Nikolai nichts mit diesem Gesindel zu tun haben.

Der Aufseher der Galeerensklaven versetzte ihm erneut einen Peitschenhieb. »Schneller, oder ich werfe dich den Fischen zum Fraß vor!«

Nikolai biss sich auf die Lippe, doch tief in seinem Innersten begann sich wilde Wut zu regen. Man hatte ihm das Paradies versprochen, und dann war er im Stich gelassen worden. Im Stich gelassen und verraten!

Während er den Eimer füllte und leerte, wuchs sein Zorn, bis er jede Faser seines Seins erfüllte. Und selbst als er schon glaubte, jeden Moment zusammenzubrechen, zwang er sich zum Weitermachen, indem er sich bei seinem Blut, seiner Seele und seiner verstorbenen Großmutter schwor, die Sklaverei zu überleben und ihr eines Tages zu entkommen.

Und wenn es so weit war, würde er sich an Macrae und seiner Familie rächen. An dem verlogenen Alten, der schönen Ehefrau, dem gut aussehenden Sohn und der verwöhnten kleinen Tochter.

Sie alle würden seine Opfer sein.

Teil zwei
Den Zunder entfachen
1752

3. Kapitel

London, 1752

Jean Macrae ließ erstaunt den Blick über die am Hafen versammelte Menschenmenge gleiten. »Ist denn ganz London gekommen, um mich zu verabschieden?«

»Das ist sehr gut möglich«, erwiderte Lady Bethany Fox gelassen. »Die Sonne scheint, und jemandem Bon Voyage zu sagen ist ein guter Vorwand, um sich ein bisschen Abwechslung zu verschaffen. Sowie dein Schiff ausgelaufen ist, werden die meisten hier sich bestimmt bei irgendjemandem versammeln, trinken, als gäbe es kein Morgen, und sich alle mächtig amüsieren.« Die silberhaarige alte Dame umarmte Jean. »Richte den Kindern liebe Grüße von mir aus. Wenn ich nicht so alt und gebrechlich wäre, würde ich dich begleiten.«

»Sie sind keine Kinder mehr, Lady Beth. Sie heiraten, vergesst das nicht!«, sagte Jean lachend, während sie die alte Dame an sich drückte. »Und warum kommt Ihr nicht mit? Da die Mercury eins von Sir Jaspers Schiffen ist, würdet Ihr auf dem ganzen Weg wie eine Königin behandelt werden.«

Lady Bethany schien einen Moment versucht zu sein, aber dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, meine Liebe, das ist dein Abenteuer und nicht das meine.«

Jean betrachtete sie argwöhnisch. Lady Beth mochte wie eine harmlose Großmutter aussehen, doch sie war eine der mächtigsten Zauberinnen Europas und Vorsitzende des britischen Wächterkonzils. »Wird das denn ein Abenteuer? Ich dachte, ich unternähme nur eine schöne Reise, um meine Freunde heiraten zu sehen.«

Die Augen der älteren Dame glitzerten. »Abenteuer können einem jederzeit begegnen.«

»Aber hoffentlich nicht unserer Jean«, warf ihr großer Bruder Duncan ein. »Du siehst so klein und zerbrechlich aus, dass es mich ganz nervös macht, dich mir auf einer so langen Reise vorzustellen.«

»Ich habe Annie, ich reise auf einem Schiff der Polmarrics und werde in Marseille am Hafen abgeholt - und du weißt sehr wohl, dass ich alles andere als zerbrechlich bin!«, gab sie zurück.

»Auch wenn du dich neuerdings wie eine Nonne kleidest, kannst du mir nichts vormachen«, erwiderte er düster. »Über deine vergangenen Eskapaden Bescheid zu wissen, kann einen Bruder nur nervös machen.«

Jean lächelte. Der zehn Jahre ältere Duncan benahm sich mitunter mehr wie ein Vater denn wie ein Bruder. »Meine wilden Zeiten liegen hinter mir, und heute bin ich das Musterbeispiel einer unverheirateten Tante.«

»Vielleicht wird die Hochzeit dir ein gutes Beispiel sein«, bemerkte ihr Bruder hoffnungsvoll. »Und dich aufgeschlossener für die Ehe machen. Drei ehrenwerte, wohlhabende, sehr begehrte Junggesellen haben mich um deine Hand gebeten, und du wolltest keinen von ihnen.«

Und das, ohne die beiden Männer mitzuzählen, die Jean persönlich um ihre Hand gebeten hatten. Die, von denen sie ihrem Bruder nichts erzählt hatte, weil sie ihn nicht noch mehr enttäuschen wollte.

Duncans Frau Gwynne sagte mit entschiedener Stimme: »Lass Jean in Ruhe, Duncan. Besser eine glückliche alte Jungfer, als eine unglückliche Ehefrau.«

Jean lächelte ihre schöne Schwägerin an. »Und eine alte Jungfer ist als Kindermädchen für eure süßen Kleinen doch ganz praktisch.«

Gwynne erwiderte das Lächeln. »Eben.« Sie umarmte Jean. »Viel Spaß in Marseille, meine Liebe. Und denk an uns im zugigen, kalten Dunrath, während du den Winter in wunderbarem Sonnenschein verbringst.«

Da Duncan der beste Wettermagier Englands war, war es auf Dunrath eigentlich recht behaglich, aber Marseille würde natürlich etwas völlig anderes sein. Jean träumte schon von Sonne und römischen Ruinen.

»Gott sei Dank sind wir noch rechtzeitig gekommen!« Megan, die zierliche Countess of Falconer, schob sich durch die Menge und ergriff Jeans Hände. »Wir haben Hochzeitsgeschenke, die du mitnehmen sollst. Ich wünschte, ich könnte dabei sein. Aber dies ist nicht der richtige Moment für mich zum Reisen«, sagte sie und strich über ihren schon leicht gewölbten Leib.

»Ich werde schreiben und euch ausführlich berichten«, versprach Jean. Nachdem sie Meg umarmt hatte, wandte sie sich Simon, dem Earl of Falconer, zu. Als oberster Vollstrecker der Wächter hatte er immer recht beängstigend auf Jean gewirkt, als sie noch jünger gewesen war. Seit der Heirat mit Meg war er allerdings viel lockerer geworden.

Simon umarmte sie mit nur einem Arm, da er einen großen Korb am anderen trug. »Ich bringe die Geschenke selbst an Bord, damit sie ordentlich verstaut werden können. Grüß Moses und Lily und Jemmy und Breeda von mir und wünsch ihnen alles Gute.«

»Das werde ich, und ich verspreche euch, dass ich sie überreden werde, euch bald hier in England zu besuchen.« Simon und Meg hatten die vier jungen Leute aus einer Gefangenschaft befreit, in der sie geistig versklavt gewesen und im Bann eines perfiden Magiers gehalten worden waren. Jean hatte den vier jungen Leuten geholfen, sich von der Knechtschaft zu erholen, und war dabei so etwas wie eine hochgeschätzte Tante für alle geworden. Nach vier langen Jahren freute sie sich darauf, sie wiederzusehen. Briefe waren nicht dasselbe wie persönlicher Kontakt.

Bei den letzten Abschiedsworten musste Jean ein paar Tränen vor den anderen verbergen. Sie hatte England noch niemals verlassen und war auch noch nie monatelang von ihrer Familie getrennt gewesen.

Als sie kurz darauf jedoch auf dem Achterdeck stand und zum Abschied winkte, während die Mercury langsam die Themse hinunterfuhr, überwog ihre Aufregung den Abschiedsschmerz. Bis auf den Aufstand vor sieben Jahren, bei dem »Bonnie« Prince Charlie ihr Leben und das halb Schottlands auf den Kopf gestellt hatte, war ihr Dasein immer ruhig und beschaulich gewesen. Und jetzt war sie mehr als nur bereit, ihren Horizont zu erweitern und ein Stück mehr von der Welt zu sehen.

Annie Macrae, ihre Gesellschafterin und Zofe, weinte haltlos neben ihr. Ein wenig beunruhigt fragte Jean: »Bereust du diese Reise nach Marseille? Wir können dich auch in Greenwich absetzen, wenn du lieber bleiben möchtest.«

Doch das verneinte Annie ganz entschieden. Sie war eine entfernte Cousine von Jean, und es bestand sogar eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihnen, obwohl Annie größer, rundlicher und ihr Haar mehr rötlich braun als rot war. In Dunrath war sie als hübsche, couragierte junge Frau bekannt. »Oh nein, Miss Jean, ich freue mich auf die Reise! Alle Mädchen in Dunrath beneiden mich darum. Aber beim Aufbruch zu so einer wunderbaren Reise muss man einfach ein bisschen weinen, finde ich.«

»Da hast du sicher recht«, sagte Jean und reichte Annie ihr Taschentuch. »Nur bin ich nicht so zart besaitet.«

»Weil Ihr eine Heldin seid, Miss Jean! Und Heldinnen sind eben nicht zart besaitet.«

Errötend richtete Jean ihren Blick wieder auf den Fluss und beobachtete, wie London aus ihrer Sicht verschwand. Seit der Rebellion brachten die Leute von Dunrath ihr eine geradezu lächerliche Bewunderung entgegen. Sie war keine Heldin gewesen, sondern nur halsstarrig, verängstigt und verzweifelt, und es hatte Duncan und Gwynne erfordert, um sie alle vor einer Katastrophe zu bewahren.

Annies Bemerkung war für sie eine gute Erinnerung daran, dass Abenteuer nicht nur beängstigend, sondern auch ausgesprochen ungemütlich waren. Darum würde Jean sie in Zukunft den Jungen und Unbedachten überlassen.

Die Reise war beschaulich und ein bisschen langweilig, aber es war sehr erfreulich, sich in wärmere Gefilde zu begeben. Jean konnte ihre Aufregung kaum bezähmen, als sie Gibraltar passierten und das Mittelmeer erreichten. Das Mittelmeer, den Mittelpunkt der Welt. Selbst das Licht war hier anders als in England, viel strahlender und wärmer.

Jean las viel, plauderte mit den wenigen anderen Passagieren und schlief sehr gut - oder zumindest bis zu der Nacht, in der sie durch das ohrenbetäubende Läuten einer Glocke aus dem Schlaf gerissen wurde. In diesen Gewässern konnte das nur eins bedeuten. »Piraten!«

Blitzschnell erhob sie sich aus ihrer Koje, griff nach dem Umhang, der an der Kabinentür hing, und holte ihre Pistolen aus ihrer kleinen Reisetruhe. Während sie die Waffen lud, erwachte auch Annie und spähte in dem schwachen Mondlicht, das durch das Bullauge hereinfiel, von ihrer oberen Koje herunter. »Was ist los, Miss Jean?«

»Es könnte sein, dass arabische Piraten gesichtet wurden. Wahrscheinlich ist es nur falscher Alarm, aber du bleibst hier, während ich nachschauen gehe.« Während Annie furchtsam die Luft einzog und sich unter ihren Decken verkroch, rannte Jean aus der kleinen Kabine und die Treppe zum Deck hinauf. Bewaffnete Besatzungsmitglieder nahmen ihre Positionen ein, und die beiden drehbaren Kanonen wurden bemannt.

Die Pistole in der Hand, suchte Jean sich eine ruhige Ecke am Steuerhaus, wo sie nicht im Weg sein würde. Eine spannungsgeladene Viertelstunde wartete sie mit der Mannschaft ab.

Dann rief der Wachposten im Krähennest am Fockmast: »Es ist ein venezianisches Handelsschiff, kein Piratenschiff!«

»Bist du sicher?«, rief Captain Gordon zurück, während er mit seinem Handfernrohr den Horizont absuchte.

»Aye, Sir, das ist keine Piratengaleere.«

Nach einer weiteren ausgiebigen Betrachtung ließ der Kapitän sein Fernrohr sinken. »Also gut. Wer keinen Dienst hat, kann sich wieder schlafen legen.«

Unter viel Gerede und Seufzern der Erleichterung begaben sich die meisten Besatzungsmitglieder nach unten. Captain Gordon ging gerade auf das Heck des Schiffes zu, als er Jean im Schatten des Steuerhauses bemerkte. »Du liebe Güte, Miss Macrae! Was tut Ihr hier oben?«

Jean fuchtelte mit ihrer Pistole in der Luft herum. »Ich habe mich darauf gefasst gemacht, notfalls meine Tugend zu verteidigen.«

Gordon machte große Augen. »Ihr könnt mit einer Waffe umgehen?«

»Ich würde es Euch zeigen, aber ein Schuss würde nur wieder alle aufschrecken.«

Er nickte zustimmend. »Ihr wart während des Aufstands in den Highlands, nicht? Das würde Eure Wachsamkeit und Waffenkenntnisse erklären.«

»So ist es.« Sie senkte die Pistole, da ihre Finger nun, da die Gefahr vorbei war, zitterten. »Außerdem war mein Vater auf einem Schiff, das in diesen Gewässern angegriffen wurde. Er und Sir Jasper Polmarric befanden sich zusammen auf dieser Reise.«

»Euer Vater war dabei? Dieser Angriff ist der Grund, warum Sir Jasper solch gute Sicherheitsvorkehrungen auf allen seinen Schiffen trifft. Alle haben zusätzliche Geschütze, und wir müssen unsere Besatzungen darauf trainieren, wie sie sich im Notfall zu verhalten haben. Wir werden hier auf dem Mittelmeer noch häufiger trainieren. Eigentlich wollte ich schon morgen ein Manöver durchführen, aber dann hätte ich Euch und die anderen Passagiere vorher darüber informiert, um niemanden zu beunruhigen.«

»Das wäre nett gewesen«, entgegnete Jean mit einem schwachen Lächeln. »Nach dem Wecken durch die Alarmglocke werde ich bestimmt nicht so bald wieder Schlaf finden.«

»Dann geht ein paar Schritte mit mir«, schlug er vor. »Nach jedem Alarm überzeuge ich mich gern persönlich, dass alles in Ordnung ist.« Als sie sich ihm anschloss, setzte er hinzu: »Natürlich kann nur ein nervöser junger Wachposten eine venezianische Galeere mit einem Freibeuter verwechseln, doch die Männer sind jetzt hier im Mittelmeer besonders wachsam. Und falscher Alarm ist mir lieber, als einen Piraten zu übersehen.«

»Seid Ihr auf einem Schiff schon einmal von Seeräubern angegriffen worden, Captain?«

»Ein Mal, als ich noch ein Junge war.« Gordon runzelte die Stirn. »Das ist eine üble Sache und noch schlimmer, wenn Engländer in Gefangenschaft geraten. Die katholischen Länder haben religiöse Orden wie die Trinitarier, die sich mit dem Loskauf von Sklaven befassen, aber die protestantischen Länder sind nicht so gut organisiert.«

»Das wusste ich nicht.« Jean rief sich die Geschichte ihres Vaters von dem Angriff auf die Hermes in Erinnerung. »Selbst wenn man freigekauft würde, würde man vermutlich ein paar unangenehme Jahre in der Sklaverei verbringen.« Unangenehme und womöglich sogar tödliche.

»Und für eine Frau ist es noch schlimmer.« Gordon sah sie an. »Eine hübsche junge Frau wie Ihr mit solch ungewöhnlich rotem Haar würde einen hohen Preis auf den arabischen Sklavenmärkten bringen.«

Jean lachte und strich ihr vom Wind zerzaustes Haar zurück. Seit London hatte sie es weder gepudert noch eine Perücke aufgesetzt. Viel einfacher war, es natürlich zu belassen und nur zu einem Zopf zu binden. Die Seemänner und Passagiere hatten sich mittlerweile an das auffallende Rot gewöhnt. »Schön zu wissen, dass rotes Haar wenigstens für etwas gut ist.«

»Ihr würdet sicher für den Harem eines Sultans gekauft werden«, erklärte Gordon lachend. »Als seltene Kostbarkeit gewissermaßen.«

»Ich werde das als Kompliment betrachten.« Sie hatten den Bug der Mercury erreicht, und daher fuhr sie fort: »Ich glaube, ich werde eine Weile hierbleiben, falls es Euch nicht stört. Ich liebe es, den Wind in meinem Gesicht zu spüren.«

»Wir werden noch einen Seemann aus Euch machen, Miss Macrae«, sagte Captain Gordon und setzte seine Inspektion des Schoners fort. Jean hatte sich über die Gesellschaft des Kapitäns gefreut, aber jetzt wollte sie allein sein. Das Beste an dieser Reise waren die langen Stunden, in denen sie nichts anderes zu tun hatte, als das Wetter zu beobachten. Die Familie Macrae brachte die besten Wettermagier in England hervor - ihr Bruder war nur der jüngste einer langen, sehr bemerkenswerten Ahnenreihe.

Das Wetter zu beherrschen, war allerdings fast ausschließlich ein männliches Talent. Eine weibliche Macrae mochte eine bescheidene Gabe dafür haben, die Elemente zu beeinflussen, doch die großen Wettermagier waren immer Männer, was Jean ausgesprochen unfair fand.

Nicht, dass sie selbst je eine nennenswerte Magierin gewesen wäre. Viele renommierte Magier hatten ihr versichert, dass auch sie über beträchtliche Macht verfüge, aber sie hatte nie gelernt, sie voll und ganz zu nutzen. Außer in wirklich verzweifelten Situationen, was eine eher beunruhigende und unsichere Sache war.

Als sie vom Mädchen zur Frau herangewachsen war, hatte sie gedacht, sie würde ihre Schwierigkeiten überwinden und Macht so mühelos zu handhaben lernen, wie es die meisten Wächter taten. Doch dazu war es nie gekommen, und inzwischen hatte sie es fast völlig aufgegeben, es zu versuchen. In einer Familie von Magiern musste irgendjemand praktisch veranlagt sein, und auf Dunrath war das Jean gewesen. Während der jahrelangen Reisen ihres Bruders war sie zu einer kompetenten Gutsverwalterin geworden. Nach Duncans Heirat hatte seine Frau Gwynne sie ermutigt, sich eingehender mit Magie zu befassen, was sich als ganz nützlich für seherische Fähigkeiten und andere kleine Zaubereien erwiesen hatte. Aber eine große Zauberin würde sie nie werden.

Und eine Ehefrau wohl auch nicht. Da sie schon immer gespürt hatte, dass sie keinen Wächter heiraten würde, hatte sie sich mit ihrer Jugendliebe Robby Mackenzie verlobt und war ihm sogar in den Krieg gefolgt.

Ach, er war so ein hübscher Junge gewesen und der einzige Mann, den sie je geliebt hatte! Aber er war ein Irdischer gewesen, und sie hatte ihm von den Wächtern nie erzählt, weil sie überzeugt gewesen war, dass ihre eigene Macht nicht groß genug war, um sich in irgendeiner Form auf ihre Ehe auszuwirken. Doch dann war er in Culloden gefallen, und trotz der unermüdlichen Bemühungen ihrer Familie und Freunde war Jean bislang noch niemandem begegnet, der Robbie hätte ersetzen können.

Egal. Sie war eine gute Lehrerin, eine hervorragende Schützin und zu sehr eine Macrae, um sich nicht für das Wetter zu interessieren. Zu ihrer großen Genugtuung hatte sie auf dieser Reise gemerkt, dass auch sie etwas von der Familienmagie besaß. Sie konnte in den Himmel greifen, um ferne Winde und Stürme aufzuspüren, und es war ihr sogar schon gelungen, Wettermuster ein wenig zu beeinflussen. Es war also nicht nur Glück, was der Mercury eine so ruhige Fahrt gesichert hatte.

Jean schloss die Augen und nahm den Südwind in sich auf, um sich die trockenen, geheimnisvollen afrikanischen Wüsten vorzustellen, aus denen der Wind kam. Fremdartige Orte mit fremdartigen Namen …

Sie hätte wirklich schon früher mit dem Reisen beginnen sollen.

4. Kapitel

Adia

Westafrika, 1752

Adia richtete sich vom Hacken der Jamswurzeln auf und rieb sich ihr schmerzendes Kreuz. Ihre Familie baute die besten Süßkartoffeln im Dorf an, aber das erforderte auch sehr viel Arbeit. »Ich werde froh sein, wenn Abejes Einweihung beendet ist und sie wieder hier ist, um ihren Teil der Schufterei zu tun!«

Ihre Mutter lachte. »Du wirst sogar noch froher sein, wenn deine eigene Einweihung - oder Initiation, wie das Ritual auch genannt wird - bevorsteht, meine Kleine, aber darauf wirst du noch ein paar Jährchen warten müssen.« Sie erhob den Blick zur Sonne. »Warum spielst du nicht mit Chike, während ich das Baby stille?«

Adias Müdigkeit löste sich sogleich in nichts auf. Während ihre Mutter das Baby zum Rand des Feldes trug, begannen Adia und Chike zwischen den Jamspflanzen Fangen zu spielen und rannten aus purer Freude am Laufen wie die Wilden übers Feld. Manchmal ließ Adia sich von ihrem kleinen Bruder fangen, obwohl er erst vier war und noch sehr kurze Beinchen hatte.

In späteren Jahren würde sich Adia fragen, ob es ihr ausgelassenes Geschrei gewesen war, was die Sklavenhändler zu ihnen geführt hatte, aber das war eher unwahrscheinlich. Sklavenhändler verstanden sich auch so sehr gut darauf, Opfer zu entdecken.

Die erste Warnung kam, als Adia aufschaute und eine Gruppe großer, bedrohlich wirkender Männer sah, die lautlos und mit wurfbereiten Speeren in den Händen aus dem Wald hervortraten. Sie waren keine Iske wie sie selbst, sondern von einem anderen, ihr unbekannten Stamm. Während Adia sie noch erschrocken anstarrte, schrie ihre Mutter: »Lauf, Adia! Und nimm deinen Bruder mit!«

Dann gestikulierte ihre Mutter wild mit beiden Händen, um eine Welle von Magie über das Feld zu senden, die eine dichte, in den Augen brennende Staubwolke zwischen Adia und Chike und den Fremden aufsteigen ließ. Als das erledigt war, hob sie das Baby auf und rannte in den Wald hinein, weil sie nicht mehr für ihre Kinder tun konnte.

Menschenhändler! Adia hörte ihr Fluchen und Husten in dem dichten Rauch. Ihre Mutter hatte ihren Kindern immerhin ein bisschen Zeit verschafft. Adia rannte zu ihrem Bruder und packte ihn an der Hand. »Komm!«, keuchte sie. »Sonst stehlen uns die bösen Männer!«

Unterstützt von Adias unnachgiebig ziehender Hand, rannte Chike, so schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen. Wenn ich doch nur schon eingeweiht wäre!, dachte Adia. Sie entstammte einer Familie von Priestern und Priesterinnen, und eines Tages würde auch sie genügend Macht besitzen, um böse Männer zu bekämpfen. Im Augenblick jedoch hatte sie nichts als ihre Schnelligkeit und Ausdauer.

Und die genügten nicht. Mit einem freudigen Aufschrei stürmten die Sklavenhändler aus der Rauchwolke heraus und packten Adia und Chike, bevor sie in den Wald entkommen konnten. Brutale Hände stießen Adia zu Boden und fesselten ihr die Hände hinter ihrem Rücken. Das Gleiche geschah mit Chike, der verzweifelt schrie und weinte.

Einer der Sklavenhändler sagte: »Diese Gören werden nicht viel wert sein.« Die Sprache, die er sprach, war nicht Iske, doch dem Dialekt eines benachbarten Stammes ähnlich genug, dass Adia verstehen konnte, was geredet wurde.

Ein anderer erwiderte: »Ein paar Stangen Eisen sind sie wert, wenn sie überleben, da können wir sie auch mitnehmen.«

Er riss Chike auf die Beine, während der andere mit Adia ebenso verfuhr. Ihre Knie und Arme bluteten von ihrem Sturz. So weit die Iske zurückdenken konnten, hatten Sklavenhändler sie und andere Stämme überfallen. Keiner der Gefangenen kehrte je zurück. Adias Lieblingscousin und sein bester Freund waren eines Tages verschwunden, verschleppt von Sklavenhändlern.

Während die Menschenräuber Adia und Chike wegzerrten, dachte sie an die Sklaven ihres Vaters, Krieger, die bei Stammeskriegen in Gefangenschaft geraten waren, doch das war etwas anderes, als Kinder zu entführen. Hilf mir, Großmutter, betete sie im Stillen. Sie hatte Monifa, der Mutter ihrer Mutter, die erst vor einem Jahr gestorben war, sehr nahegestanden. Beim Beten spürte sie im Geiste die sanfte Berührung der Hände ihrer Großmutter. Halt durch, meine Kleine! Es besteht noch Hoffnung für die Zukunft.

Adia schloss die Augen und dankte den Ahnen, dass sie ihrer Mutter und dem Baby geholfen hatten zu entkommen. Dann betete sie, dass ihr Vater und die anderen Jäger die Sklavenhändler verfolgen und sie und ihren Bruder retten würden.

Aber diese Hoffnung schwand, als sie sich einem größeren Trupp von Sklavenhändlern anschlossen und aus dem fruchtbaren Tal der Iske hinausgetrieben wurden. Die Gruppe marschierte in Richtung Westen, auf das große Wasser zu. Dutzende anderer Gefangene waren da, sie alle waren in langen Reihen aneinandergekettet, und so war an eine Flucht nicht zu denken. Als Adia zum ersten Mal ein vergessen im Gebüsch liegendes Skelett sah, lief ihr ein kalter Schauder über den Rücken bei der Erkenntnis, dass irgendein armer Gefangener auf einem Marsch wie diesem gestorben war.

Bald hatte sie genug Skelette gesehen, um sie kaum noch zu beachten. Als noch mehr Wochen vergingen, begann sie, die Verstorbenen zu beneiden, weil sie nicht mehr laufen, schlechtes Wasser trinken oder versuchen mussten, von einer Hand voll gekochtem Korn am Tag zu überleben.

Es gab auch ein paar lichtere Momente. Ein großer, stämmiger junger Mann namens Mazi, der hinter Chike angekettet war, trug den Kleinen viele Stunden täglich. Er und Adia sprachen nicht dieselbe Sprache, doch er gab ihr zu verstehen, dass er ihren Bruder nicht als Last ansah. Dann trafen die Sklavenhändler mit einer anderen Gruppe zusammen. Verkäufe wurden abgeschlossen, Gefangene ausgetauscht, und Mazi wurde von den anderen fortgebracht. Adia vermisste ihn. Obwohl er nur ein paar Jahre älter war als sie, war er schon fast ein Mann, und mit ihm in ihrer Nähe hatte sie sich sicherer gefühlt.

Chike starb eine Woche, bevor sie die Küste erreichten. Adia sprach ein Gebet vor seinem ausgezehrten kleinen Körper und bat die Ahnen, sich seiner Seele ganz besonders anzunehmen, weil er noch so klein war. Dann riss ein Sklaventreiber sie auf die Beine, und der Marsch ging weiter.

Aber sie würde nicht sterben, oh nein, nicht sie! Adia vom Stamm der Iske würde überleben und eines Tages einen Weg finden, die Sklavenhändler für ihre Schandtaten büßen zu lassen.

5. Kapitel

Das langsame Vorankommen der Mercury im belebten Hafen von Marseille gab Jean genügend Zeit, vor Aufregung fast aus der Haut zu fahren. Sie konnte sich gerade noch so weit beherrschen, um nicht vor Freude auf und ab zu hüpfen, aber Annie und sie hingen am Bug über der Reling und nahmen begierig die Bilder und Gerüche Frankreichs in sich auf.

»Das werden sie daheim in Dunrath niemals glauben«, sagte Annie glücklich. »Ich werde noch meinen Enkelkindern Geschichten von meiner Reise nach Marseille erzählen.«

»Ich auch«, stimmte Jean ihr zu, obwohl sie sich, was die Enkelkinder anging, nicht so sicher war.

Die Sonne spiegelte sich glitzernd auf der See, und trotz der breitkrempigen Haube, die Jean trug, musste sie die Augen mit der Hand beschatten, als sie zu den am Hafen wartenden Menschen hinüberblickte. War der Schoner schon so frühzeitig erkannt worden, dass ihre Freunde sie dort bereits erwarteten?

»Versucht es einmal hiermit, Miss Macrae.« Captain Gordon war neben ihr erschienen und reichte ihr sein Fernrohr. »Vielleicht könnt Ihr Eure Freunde sehen.«

»Danke.« Jean hielt das Fernrohr an ihr rechtes Auge und suchte langsam die Hafenkante ab. »Da sind sie!«

Die einstigen Sklaven eines Magiers hatten sich so sehr verändert, dass die kleine Gruppe Jean ohne den dunklen, hochgewachsenen Moses Fontaine vielleicht gar nicht aufgefallen wäre. Mit seiner ebenholzschwarzen Haut und der Eleganz eines Gentlemans, der stolzen Haltung und dem unübersehbaren afrikanischen Erbe war er unverwechselbar.

Am Arm hatte er Lily Winters, seine hübsche blonde zukünftige Frau. Damals, als sie und ihre Freunde von dem Bann befreit worden waren, war sie vor Schwäche kurz vor dem Zusammenbruch gewesen, doch nun war sie gesund und anmutig und von einer Eleganz wie der von Moses. Die als Tochter eines Dorfapothekers zur Welt gekommene junge Frau war heute die perfekte Lady.

Weitaus unruhiger als sie und Moses waren Jemmy und Breeda, das andere verlobte junge Paar. Von den vier Hörigen des Magiers war Jemmy in der schlimmsten Situation gewesen. Er war Schornsteinfeger gewesen, ein halb verhungerter und blasser Junge, der nicht so ausgesehen hatte, als würde er das Erwachsenenalter je erleben. Heute war er fit und stark und braun gebrannt. Da er nie einen Nachnamen gehabt hatte, nannte er sich James King, seit er seine Freiheit wiedergewonnen hatte. Für seine Freunde war er jedoch Jemmy.

Die Vierte war Bridget O'Malley, die irische Dienstmagd, deren leuchtend rotes Haar ganz ähnlich war wie Jeans. Nach ihrer Befreiung war es Breedas größter Wunsch gewesen, schreiben und lesen zu lernen. Jean hatte sie und Jemmy unterrichtet, und die Briefe, die sie ihr im Laufe der Jahre geschrieben hatten, bewiesen, welch gute Schüler die beiden gewesen waren. Jean dachte, dass sie der lebende Beweis dafür waren, dass Erziehung weit weniger wichtig war als Möglichkeiten. Breeda und Jemmy waren immer schon intelligent gewesen. Als sie befreit wurden und die Chance erhielten, sich weiterzuentwickeln, hatte sich dieses Potenzial entfaltet.

»Möchtest du mal sehen?« Jean hielt Annie das Fernrohr hin.

»Ich wusste gar nicht, dass es so viele unterschiedliche Menschen auf der Welt gibt!«, rief ihre Gefährtin aus, als sie sich den Hafen ansah. »Schwarze, weiße, braune Haut und alle möglichen Schattierungen dazwischen. Und wie die Leute angezogen sind, Miss Jean! Das ist gar nicht wie in Dunrath hier.«

»Nein, das ist es wirklich nicht.« Jean betrachtete interessiert die Gebäude und Anhöhen um den Hafen und dachte, dass einer der Vorteile, eine unverheiratete Tante zu sein, die Freiheit war zu reisen. Sie nahm ihre Haube ab und schwenkte sie, während sie gleichzeitig versuchte, ihren Freunden eine geistige Botschaft zukommen zu lassen. Entweder war es der Haube wegen, oder die geistige Verbindung funktionierte, denn Breeda sah sie und winkte aufgeregt, was die anderen ihr dann auch gleich nachmachten.

Das Anlegen schien ewig zu dauern, aber dann konnte Jean endlich über die Laufplanke zum Ufer hinunterlaufen, während Annie noch eine Weile auf dem Schiff blieb, um das Entladen ihres Gepäcks zu überwachen. Breeda erreichte Jean zuerst, und lachend und weinend fielen sie sich in die Arme. Die Umstände, unter denen sie sich begegnet waren, hatten eine tiefe Bindung zwischen ihnen geschaffen. Während Jean Lily an sich drückte, sagte sie: »Du siehst wunderbar aus! Marseille hat dir gutgetan.«

»Marseille und Moses' Familie.« Lily, die bei ihrer Gefangennahme Waise gewesen war, war ihrem Verlobten mit Freuden in den Haushalt seiner warmherzigen, aufgeschlossenen Familie gefolgt.

»Und du bist noch kleiner und zierlicher geworden, Jean«, stellte Jemmy mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen fest. »Ein richtig kleines Ding.«

»Du bist auch nicht gerade besonders groß«, gab sie zurück. »Aber Breeda hat mir geschrieben, dass du der meistgefragte Jockey hier im Süden Frankreichs bist.«

»So ist es«, erwiderte er stolz. »Und ich entwickle mich auch schon zu einem gar nicht schlechten Trainer.«

Moses, der schon immer der Anführer des Quartetts gewesen war, zeigte auf die beiden Kutschen hinter ihnen. »Komm, Jean, wir wollen dich nach Hause bringen.«

Seine einst schlaksige Gestalt hatte sich zu der eines kräftigen Mannes entwickelt. Moses war in Sansibar geboren, als ältester Sohn eines geschäftstüchtigen Kaufmanns, der mit seiner Familie und der Zentrale seines Handelsimperiums nach Frankreich gezogen war, als Moses gerade mal sechs gewesen war.

Als designierter Erbe des Unternehmens hatte Moses eine erstklassige Erziehung erhalten und beherrschte mehrere Sprachen. Dann war er in die Sklaverei entführt worden. Nach seiner Befreiung hatten er und seine Familie die anderen ehemaligen Unfreien, die kein Zuhause hatten, bei sich aufgenommen. Die vier jungen Leute hatten sich prächtig entfaltet, als sie sich von ihrer Versklavung erholten und zu Erwachsenen heranwuchsen.

Der Rest des Tages verging wie im Flug, als sie zu Moses' Familiensitz fuhren und sich dort eingewöhnten. Der ausgedehnte Besitz verfügte über mehrere von Mauern umschlossene Innenhöfe mit Brunnen und Gärten. Moses sagte, das Anwesen sei von seiner Bauweise her dem Familiensitz in Sansibar nachempfunden worden. Jean war bezaubert von der Art, wie harmonisch das Innere und Äußere des beeindruckenden Besitzes ineinander übergingen. So ganz anders als in Schottland, wo der Hauptzweck eines Hauses der Schutz vor schlechtem Wetter war.

Moses' Eltern begrüßten Jean, als hätte sie ihrem Sohn persönlich das Leben gerettet, statt nur seine Lehrerin gewesen zu sein. Die wahren Retter waren die Falconers; falls Meg und Simon Marseille je besuchten, würden sie dort wie Könige empfangen werden. In der Zwischenzeit überschütteten die Fontaines Jean mit ihrer Dankbarkeit.

Nach einem üppigen Dinner, das die beste französische Küche mit afrikanischen Gerichten kombinierte, die völlig anders gewürzt waren als alles, was Jean bisher probiert hatte, zogen sich die älteren Herrschaften taktvoll zurück, damit Jean und ihre vier Freunde sich in Ruhe unterhalten konnten. Der Salon, in dem sie saßen, hatte einen Balkon, dessen Türen weit geöffnet waren, um die milde Nachtluft einzulassen. Während Jean an ihrem exzellenten Sherry nippte, dachte sie, dass das mediterrane Leben ihr ausgesprochen gut gefallen könnte.

Die Hochzeiten fanden erst in einigen Wochen statt, aber die drei Frauen besprachen schon jetzt die Einzelheiten, bis Jemmy und Moses aussahen, als wären sie bereit zur Flucht. Aus Mitgefühl für die Männer brachte Jean die Rede auf Magie. »Ich sehe einen Schimmer von Energie, die euch verbindet. Fühlt ihr euch noch immer so eng verbunden wie in England?«

Die vier jungen Leute tauschten Blicke aus. »Ja, auch wenn es anders ist als damals, als Lord Drayton uns gefangen hielt«, antwortete Lily.

»Und dem Himmel sei Dank dafür!«, fügte Breeda hinzu.

»Wir sind uns der Gefühle und Präsenz der anderen stets bewusst«, erklärte Moses, »aber es bestand bisher noch keine Notwendigkeit, unsere Befähigungen miteinander zu vereinen.«

»Deshalb haben wir in letzter Zeit auch niemanden getötet«, setzte Jemmy mit bissigem Humor hinzu.

»Das freut mich zu hören.« Jean trank noch ein Schlückchen Sherry, wohl wissend, dass es kein Scherz war, was sie hörte. »Aber ihr seid sehr geschickt darin geworden, die Sätze der anderen zu beenden.«

Moses zuckte mit den Schultern. »Jeder von uns ist ein Teil der anderen, Jean. Heirat ist da der natürliche nächste Schritt«, sagte er mit einem liebevollen Blick auf Lily.

Breeda griff nach Jemmys Hand. »Jeder von uns würde sterben ohne den anderen.«

Übersinnliche Kräfte machten es Gefährten möglich, sich auf ganz besonders intensive Weise zu vereinigen. Jean hatte das bei den Wächterfamilien beobachtet, am besten bei ihren Eltern und nun auch bei ihrem Bruder und seiner Gwynne. Sie hatte Robbie geliebt, und sein Tod hatte eine Leere in ihrem Herzen hinterlassen, die kein anderer Mann je wieder zu füllen vermocht hatte. Ihn zu verlieren, hatte sie am Boden zerstört, sodass es vielleicht ganz gut war, dass eine Ehe mit einem Wächter nicht in ihrer Zukunft lag. Denn wäre die Verbundenheit noch größer als ihre und Robbies, wäre ein Verlust nicht zu ertragen.

»Habt ihr euch mit Magie befasst, seit ihr hierhergekommen seid?«, fragte Jean. Obwohl bis auf Moses als Einzelner keiner von ihnen außergewöhnliche Macht besaß, waren die vier zusammen recht beängstigend, wenn sie ihre Kraft zusammenlegten. »Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, aber das ist natürlich nichts, wonach man sich in einem Brief erkundigt.«

»Einige französische Wächter arbeiten mit uns und unterrichten uns in Abschirmung und Kontrolle.« Lily drehte mit besorgter Miene ihr Weinglas in der Hand. »Diese Lektionen kamen sehr gelegen, doch weiter wollte ich nicht gehen. Meine Erfahrungen mit ernsthafter Magie sind nicht angenehm gewesen. Ich helfe anderen gern mit meinen Tränken und Salben, aber das genügt mir.«

Die anderen nickten. »Wir sind nicht wirklich Wächter, Jean«, sagte Breeda. »Ich hoffe, Lord und Lady Falconer werden nicht allzu enttäuscht sein, wenn sie hören, dass wir unsere Studien nicht fortgesetzt haben.«

Jean lächelte reuevoll. »Ich bin auch kein großer Wächter und kann euch daher keinen Vorwurf machen. Mitunter denke ich, dass Magie mehr Unannehmlichkeiten bringt, als sie es wert ist.« Obwohl sie natürlich auch sehr nützlich sein konnte, wenn man in Schwierigkeiten war.

Das Gespräch schweifte zu anderen Themen ab, bis Breeda sich erhob und ein Gähnen unterdrückte. »Ich bin bereit fürs Bett. Morgen werden wir dir die Stadt zeigen, Jean. Gibt es irgendwas Besonderes, was du gern sehen möchtest? Die Kirche von Notre Dame de la Garde ist wundervoll, und von ihr hat man einen herrlichen Ausblick auf die Stadt.«

»Oh ja, ich würde gern die Kirche und auch alles andere sehen, was du für sehenswert hältst.« Jean überlegte kurz, bevor sie hinzusetzte: »Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich außerdem gern Geschenke für meine Familie und Freunde kaufen. Das ist allerdings nichts Dringendes, da ich ja monatelang hier sein werde.«

Lily lachte. »Breeda und ich werden dir beim Geldausgeben mit Freuden behilflich sein. Eins der besten Geschäfte in der Stadt ist übrigens das Kaufhaus Fontaine. Obwohl das Familienunternehmen sich in erster Linie mit Import befasst, kam Moses vor einigen Jahren auf die Idee, ein Kaufhaus zu eröffnen, um so direkt an den Endverbraucher zu verkaufen. Es ist ein großer Erfolg geworden.«

»Und ich werde dir gute Preise machen«, versprach Moses.

»Oh nein, ich bezahle den üblichen Preis«, sagte Jean entschieden. »Ich profitiere schon genug von deiner Großzügigkeit.«

»Wir werden sehen«, meinte Lily schmunzelnd, als sie aufstand und allen eine gute Nacht wünschte. Breeda und Jemmy folgten ihr Hand in Hand hinaus.

Jean, die noch zu aufgeregt war, um sich zur Ruhe zu begeben, trat mit ihrem Sherry auf den Balkon hinaus. Moses gesellte sich zu ihr. »Wirst du jemanden brauchen, Jean, der dich zu deinen Zimmern führt?«

»Schon möglich«, erwiderte sie lachend. »Die Maison Fontaine ist ja fast so etwas wie ein Labyrinth.«

»Dann werde ich dich begleiten, wenn du so weit bist.« Seine weißen Zähne blitzen hell vor seiner dunklen Haut, als er lächelte. »Und dir eine Rolle Bindfaden mitgeben, damit du in Zukunft deinen Weg markieren kannst.«

»Da nehme ich dich vielleicht beim Wort«, sagte Jean, während sie auf die Lichter der Stadt und die dunkle See dahinter hinausblickte. »Es ist wunderschön hier, aber vermisst du Afrika nicht?«

Moses stützte sich auf die Balustrade. »Manchmal. Ich war noch ein Kind, als wir Sansibar verließen, doch zwei Mal habe ich meinen Vater zu ausgedehnten Aufenthalten dorthin begleitet. Obwohl er den Familiennamen Fontaine angenommen hat und wie ein französischer Gentleman lebt, will er nicht, dass wir unsere Wurzeln vergessen.«

»Das wirst du nicht. Aber deine Kinder schon, wenn sie hier in Marseille geboren werden.«

Er seufzte. »Das weiß ich. Und sie werden Halbeuropäer sein und sogar noch mehr zwischen zwei Welten stehen als ich selbst.«

»In gewisser Weise sind wir alle Außenseiter. Wer magische Kräfte hat, unterscheidet sich von jenen ohne Macht.« Jean leerte ihr Sherryglas in einem Zug. »Wächter mit geringer Macht sind wieder anders als Magier mit sehr großer Macht. Und auch Männer und Frauen scheinen die meiste Zeit völlig unterschiedliche Spezies zu sein.«

Moses lachte. »Da hast du recht. Und mein wahres Zuhause ist ohnehin bei Lily, Jemmy und Breeda. Wir alle sind Außenseiter, doch zusammen ergeben wir ein Ganzes.«

»Es ist wie ein Wunder, dass die Blume der Liebe und Freundschaft aus der Verzweiflung eurer Erfahrungen erwachsen ist«, bemerkte Jean. Wäre sie selbst bereit, die Versklavung ihres eigenen Ichs und Willens zu erdulden, wenn die Belohnung eine solch tiefe, dauerhafte Liebe wäre wie die, die ihre Freunde verband? Wahrscheinlich nicht - der Gedanke, ihre Seele an einen solch üblen Zauberer wie Drayton zu verlieren, war zu furchtbar.

»Die anderen haben die Magie hintangestellt, wie sie schon sagten«, meinte Moses zögernd. »Auf mich trifft das allerdings nicht ganz zu.«

Jean war nicht überrascht von seinem Eingeständnis. »Du schienst auch immer am meisten an dem Thema interessiert zu sein. Was hast du dazugelernt?«

»Ich habe einen Schiffskapitän, der Ware für meinen Vater befördert, gebeten, einen afrikanischen Schamanen für mich zu suchen, und das hat er getan. Sekou ist nach Marseille gekommen und hat mich ein Jahr und einen Tag lang unterrichtet. Er sagte, es gebe Dinge, die er mich lehren müsse, weil sie später einmal unentbehrlich sein würden.«

Als er verstummte, fragte Jean: »Und was hast du von ihm gelernt? Sind die europäische und afrikanische Magie verschieden?«

»In mancher Hinsicht sind sie ähnlich, in anderer völlig unterschiedlich. Die Ahnen sind in der afrikanischen Magie sehr mächtig.« Seine Stimme wurde lauter, nachdrücklicher. »Ich habe bei Sekou so viel gelernt! Er wies mir den Weg bei einer Initiation, während der ich in anderen Welten wandelte. Nicht körperlich natürlich, sondern geistig. Aber alles war so klar und so lebendig, dass ich, wenn ich Feuer gefangen hätte, wohl verbrannt wäre. Ich habe von Sekou gelernt, dass einige afrikanische Schamanen besondere Fähigkeiten haben, mit Zeit und Ort zu arbeiten, was ich von europäischer Magie noch nie gehört habe. Ich weiß nicht, ob ich diese Fähigkeiten besitze, doch er lehrte mich die Techniken, und ich übe jeden Tag. Eine Lebenszeit würde nicht genügen, um das alles zu erlernen.« Er beruhigte sich wieder und senkte die Stimme. »Nimm mir meine Begeisterung nicht übel. Ich wollte schon lange mit jemandem darüber sprechen, aber die anderen waren nicht erpicht darauf, mir zuzuhören.«

»Ich würde gern noch mehr erfahren, sowie du Zeit hast, es mir zu erzählen«, erwiderte Jean fasziniert. »Die Frau meines Bruders ist eine Gelehrte der Wächtermagie, und sie würde es mir nie verzeihen, wenn ich mir eine solche Gelegenheit entgehen ließe, mehr Wissen zu erlangen.«

»Oh, ich erzähle dir gern alles.« Seine Miene wurde grimmig. »Ein Grund, warum ich beschloss, mein Wissen zu vergrößern, war die Notwendigkeit, Magie wirken zu können, um mich selbst zu schützen. Es gibt Menschen, die einen Schwarzen auf den Straßen sehen und ihn für einen Sklaven halten, den sie ohne Weiteres stehlen können. Ich wurde schon zwei Mal von Banden überfallen, die mich ergreifen und versklaven wollten. Ein Mal konnte ich sie mit meinen Fäusten abwehren, doch das andere Mal …« Er schüttelte den Kopf. »Ohne Magie würde ich jetzt vielleicht auf den Zuckerplantagen der Westindischen Inseln schuften. Aber ich beflecke meine Hände nicht gern mit Blut.«

Jean erschauderte bei seinem mit ausdrucksloser Stimme vorgetragenem Bericht. »Ich habe gehört, dass das auch in England vorkommen soll. Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass ein so offensichtlicher Gentleman wie du in Gefahr sein könnte.«

»Schwarz ist schwarz«, entgegnete er trocken. »Alles andere ist bloß Kleidung. Ich habe den anderen nichts davon erzählt, obwohl Jemmy wahrscheinlich schon vermutet, dass ich Schwierigkeiten hatte. Aber Lily soll nicht wissen, dass ich … einen Mann umbringen musste, um meine Freiheit zu bewahren.«

»Ich werde es ihr nicht sagen.« Jean verengte die Augen. »Und falls du Absolution suchst, weil du getötet hast, um dich zu retten, dann hast du meine, falls dir das was nützt.«

Er atmete tief aus. »Ich glaube, das war es tatsächlich, was ich wollte. Danke, Jean.« Er reichte ihr den Arm. »Soll ich dich jetzt zu deinen Zimmern zurückbegleiten?«

»Ich bitte darum, Monsieur Fontaine«, scherzte sie, als sie lächelnd seinen Arm nahm. »Und vergesst nicht die Rolle Bindfaden für zukünftige Exkursionen!«

6. Kapitel

Obwohl Jean gern mehr Zeit damit verbracht hätte, sich mit Moses über afrikanische Magie zu unterhalten, waren die nächsten Wochen mit Besichtigungen, Picknicks, Bällen und den Vorbereitungen für die Hochzeiten erfüllt. Annie war die ideale Begleiterin, weil auch sie alles sehen wollte und wild entschlossen war, jede Kirche zu besuchen oder jeden Hügel zu erklimmen. Lily und Breeda begleiteten sie auf ihren Ausflügen, und auch Moses und Jemmy kamen mit, wenn sie nicht gerade arbeiteten.

Während sie die milden, sonnigen Tage genossen, fragten Jean und Annie sich mitunter, welch schlimme Stürme wohl gerade die Berge Schottlands heimsuchten. Jean hatte dabei oft das eigenartige Gefühl, dass sie im Grunde wusste, wie das Wetter in Dunrath war, und nur keine Möglichkeit besaß, sich zu vergewissern, ob ihr Eindruck stimmte. Vielleicht hatte sie aber auch nur eine rege Fantasie.

Schließlich kam der große Festtag heran. Die Hochzeiten waren traumhaft schön. Breeda hatte lachend auf einer getrennten Zeremonie bestanden und gesagt, sie wolle an ihrem schönsten Tag im Leben nicht ...

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