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Die sinnliche Rache des Milliardärs

Caitlin Crews

Die sinnliche Rache des Milliardärs

1. KAPITEL

Nikos Katrakis war der bei Weitem gefährlichste Mann an Bord der schnittigen Luxusjacht. Tristanne Barbery beobachtete, wie er an der Bar aus Marmor lehnte. Normalerweise hätte sie nur einen Blick auf einen so mächtigen Mann geworfen und wäre in die entgegengesetzte Richtung davongelaufen.

Ein Mann, in dessen Anwesenheit sogar das glitzernde blau-grüne Wasser des Mittelmeers seine Strahlkraft zu verlieren schien, war für Tristanne entschieden zu viel. Hier geht es nicht um dich, dachte sie und unterdrückte ihre Übelkeit und ihre Panik. Es ging nicht um sie, sondern um ihre Mutter Vivienne und deren erdrückende Schulden. Und Tristanne würde alles tun, um ihre Mutter zu retten.

Auf dem Schiff gab es noch jede Menge anderer reicher und mächtiger Männer in teuren Maßanzügen, die zur malerischen Küste der Côte d’Azur schauten. Links sah man die grünen Hügel und die pastellfarbenen Häuser von Villefranche-sur-Mer, rechts die roten Dächer von Cap Ferrat.

Aber Nikos Katrakis stach aus der Menge hervor. Das lag nicht nur daran, dass ihm die Jacht gehörte. Es lag auch nicht an seiner körperlichen Kraft, die er unter einem trügerisch gelassenen Äußerem verbarg. Tristanne spürte diese Kraft, auch wenn er in der schlichten Jeans und dem weißen Hemd, das er am Hals offen trug, betont lässig wirkte.

Es lag an ihm.

Es lag an der Art, wie er dort stand, gebieterisch und unnahbar und dabei so einsam, obwohl er der Mittelpunkt der Party war. Eine raue, unverkennbar männliche Energie ging von ihm aus. Jeder bemerkte sie, und nur die Tapfersten trauten sich in seine Nähe. Selbst wenn er unattraktiv gewesen wäre, wäre er unwiderstehlich – so viel Macht strahlte er aus.

Aber Nikos Katrakis war alles andere als unattraktiv. Tristanne konnte ihre Augen nicht abwenden. Er ist noch mächtiger als mein verstorbener Vater, aber nicht so eiskalt, dachte sie. Sie spürte, dass er kein Unmensch war wie ihr Bruder Peter, der sich geweigert hatte, die Arztrechnungen ihrer Mutter zu bezahlen. Er war so herzlos gewesen, Tristanne ins Gesicht zu lachen, als sie ihm von ihrer Verzweiflung erzählt hatte.

Irgendetwas an Nikos sagte ihr, dass er ganz anders war. Sie musste bei ihm an einen Drachen denken – er wirkte gefährlich und so, als würde er über magische Kräfte verfügen. Er war einfach zu männlich. Seine Macht schien ihn wie einen elektrisch geladenen Zaun zu umgeben. Drache, dachte sie noch einmal.

Plötzlich zuckte es in ihren Fingern, so gern hätte sie die kühnen, fast schon scharfen Konturen seines Gesichts berührt. Dabei wusste sie, dass Peter ihr das übel nehmen würde.

Und genau aus diesem Grund musste es unbedingt Nikos Katrakis sein. Aber sie verschwendete ihre Zeit, wenn sie ihn nur anstarrte. Sie musste ihren Mut zusammenzunehmen.

Peter würde schon bald nach ihr suchen. Sie wusste, dass er ihr nicht traute, obwohl sie seinem Plan zugestimmt hatte. Und sie würde sich an den Plan halten, oder zumindest so tun als ob. Aber sie würde nach ihren eigenen Spielregeln vorgehen und den Mann wählen, den Peter mehr als jeden anderen Menschen hasste – den Mann, den Peter als seinen ärgsten Konkurrenten betrachtete.

Tristannes Nervosität wuchs, ihr Puls schlug wie wild, und ihre Beine zitterten. Sie konnte nur hoffen, dass Nikos Katrakis es nicht bemerkte, dass er nur das sah, was laut Peter alle Menschen in ihr sahen: ein eiskaltes Mitglied der Barbery-Familie.

Es wird Zeit, dass du deine Vorzüge zu unserem Wohl einsetzt, hatte Peter zu ihr gesagt. Tristanne versuchte, diesen Augenblick aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen. Nicht jetzt, wo so viel auf dem Spiel stand. Es ging um das Leben ihrer Mutter. Es ging um ihre eigene Unabhängigkeit, für die sie so hart gekämpft hatte. Tristanne holte tief Luft, schickte ein Stoßgebet gen Himmel und zwang sich, auf Nikos Katrakis zuzugehen, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Nikos sah von seinem Drink auf, und ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren nur etwas heller als sein dichtes Haar und funkelten wie Gold. Tristanne hielt die Luft an, eine Welle der Hitze ging durch sie, verbrannte sie.

Der Lärm der Partygäste, die klirrenden Gläser und das leise Lachen, alles um sie herum schien plötzlich zu verstummen. Sie vergaß ihre Angst und ihren Plan. Es war so, als würde die ganze Welt – die glitzernde Weite der französischen Riviera, das endlose blau-grüne Mittelmeer – mit seinem heißen, goldäugigen Blick verschmelzen. Die Welt wird von ihm aufgesogen, flüsterte eine Stimme in ihrem Hinterkopf.

„Miss Barbery“, begrüßte Nikos sie. Sein leichter griechischer Akzent ließ seine Stimme wie eine raue Liebkosung klingen. Fast schon wie ein Befehl, obwohl er seine lässige Haltung nicht aufgab. Er lehnte an der Bar, in der einen Hand schwenkte er ein Glas mit einem bernsteinfarbenen Getränk. Mit einem wissenden Blick betrachtete er sie. Ein Schauder ging durch Tristanne – wie eine Warnung, dass sein Äußeres über sein wahres Inneres hinwegtäuschte.

Er war nicht gleichgültig. Er war auch nicht entspannt. Er tat nur so.

Aber vielleicht irrte sie sich auch. Ihr Bruder, dem nur an Geld und Macht gelegen war, wäre nicht so von diesem Mann besessen, wenn er kein würdiger Gegner wäre.

„Sie kennen meinen Namen?“, fragte sie. Trotz ihrer inneren Unruhe schaffte sie es, Haltung zu bewahren. Der alte Charakterzug der Barbery-Familie, dachte sie: Sie wirkte oft, als wäre sie völlig gelassen, obwohl sie innerlich aufgewühlt war. Diese Lektion hatte sie von ihrem Vater gelernt – oder vielmehr hatte sie bei ihm darunter gelitten. Und schließlich wollte sie Nikos Katrakis doch für ihre eigenen Zwecke benutzen und nicht seinem legendären Charme erliegen. Also musste sie stark sein!

„Aber natürlich.“ Er zog eine Augenbraue hoch, und ein Lächeln glitt über seinen sinnlichen Mund. „Ich kann mit Stolz sagen, dass ich die Namen aller meiner Gäste kenne. Ich bin Grieche. Gastfreundschaft wird bei mir großgeschrieben.“

In seiner Stimme lag ein leiser Vorwurf. Tristannes Magen zog sich zusammen, während er sie mit Augen betrachtete, die zu viel sahen. Als wäre er eine Katze und sie eine Maus, die dem Untergang geweiht war.

„Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten“, stieß sie hervor. Sie war nicht in der Lage, die Rolle zu spielen, die sie sich vor ein paar Stunden zurechtgelegt hatte, als sie erkannt hatte, wohin Peter sie an diesem Nachmittag führte. In der Art, wie Nikos sie ansah – so ruhig, so direkt, so amüsiert –, lag etwas, das ihr das Gefühl gab, das Glas Wein, an dem sie nur genippt hatte, wäre ihr bereits zu Kopf gestiegen.

„Entschuldigen Sie bitte“, murmelte sie. Überrascht musste sie feststellen, dass ihre Wangen glühten. Dabei hatte sie bis heute gedacht, dass sie niemals in ihrem Leben erröten würde! „Ich wollte mir eigentlich noch etwas Zeit lassen. Sie müssen mich für den unhöflichsten Menschen auf Erden halten.“

Sein Mund verzog sich zu einem leichten Lächeln, doch seine rätselhaften Augen blieben ernst. „Sie haben noch nicht gesagt, um was für einen Gefallen Sie mich bitten wollen.“

Tristanne hatte plötzlich den Eindruck, dass Nikos Katrakis trotz der Anwesenheit von so vielen Menschen gefährlicher war als Peter und sein teuflischer Geheimplan. Was für ein absurder Gedanke! Du musst stark sein! ermahnte sie sich. Dennoch konnte sie das Gefühl von Gefahr nicht abschütteln.

Genauso wenig konnte sie das, was jetzt kommen musste, abwenden. Obwohl ihr die Stimme der Vernunft sagte, dass sie damit einen Fehler von unermesslicher Tragweite beging. Auch wenn sie noch so eigenständig und unabhängig war, würde sie vielleicht nicht über die Stärke verfügen, die man im Umgang mit diesem Mann brauchte. Man durfte sich niemals Hals über Kopf in die Höhle eines Drachen begeben. Jeder Mensch, der einmal ein Märchen gelesen hatte, wusste das.

Sie biss sich auf die Unterlippe und zog die Stirn leicht kraus, denn sie hatte das Gefühl, mit jeder Sekunde stärker in seinen Bann gezogen zu werden. Das Problem war nur, dass ihr das nicht halb so viel Angst machte, wie es eigentlich sollte.

„Was für ein Gefallen?“, gab er das Stichwort. Über sein Gesicht zog ein spöttisches Lächeln, als ob er bereits wüsste, um was sie ihn bitten wollte.

Der Gedanke war kindisch. Natürlich konnte er es nicht wissen. Tristanne hatte viel über Nikos Katrakis gehört: Er war ebenso rücksichtslos wie unwiderstehlich. Er hatte sich ohne fremde Hilfe aus armen Verhältnissen zu unermesslichem Reichtum und Einfluss hochgearbeitet. Er duldete weder Dummheit noch Treulosigkeit – und jeder seiner geschäftlichen Erfolge löste bei ihrem Bruder einen Wutanfall aus. Allerdings hatte sie noch nie gehört, dass er über die Eigenschaft verfügte, Gedanken lesen zu können.

„Ach, ja“, erwiderte Tristanne. Ihre Stimme klang ruhig. Selbstbewusst. Dabei sah es in ihrem Inneren ganz anders aus. „Es ist nur ein ganz kleiner Gefallen und, wie ich hoffe, ein nicht ganz unangenehmer.“

In diesem Moment hätte sie die Sache am liebsten abgeblasen. Fast hätte sie die panischen Botschaften, die ihr Körper aussandte, befolgt. Fast hätte sie sich überzeugt, dass es nicht gerade dieser einschüchternde Mann sein musste. Jeder andere hätte den Zweck ebenfalls erfüllt.

Doch dann schaute sie zur Seite, um dem prüfenden Blick von Nikos Katrakis zu entgehen, und sah ihren Bruder, der sich einen Weg zur Bar bahnte. Halbbruder, verbesserte sie sich selbst, als ob das einen Unterschied gemacht hätte.

Als Peter sie und Nikos Katrakis erblickte, zog er wie immer ein mürrisches Gesicht. Hinter ihm ging der Geschäftsmann mit dem feuchten Händedruck, den Peter für sie auserkoren hatte. Wenn Tristanne ihm nur ein paar kleine Gefälligkeiten erweisen würde, wäre dieser Mann sein Fahrschein aus dem finanziellen Ruin. So sah, grob zusammengefasst, der Plan ihres Bruders aus.

„Das Schicksal unserer Familie liegt in deinen Händen“, hatte er ihr sechs Wochen zuvor ganz sachlich eröffnet, als würde es dabei nicht auch um ihre Zukunft und ihr Leben gehen.

„Ich verstehe nicht ganz“, hatte sie geantwortet. Sie trug noch das schwarze Kleid für die Trauerfeier ihres Vaters, die am Vormittag stattgefunden hatte. Um Gustave Barbery trauerte sie jedoch nicht. Allerdings würde sie wahrscheinlich ihr Leben lang um den Vater trauern, der Gustave nie gewesen war. „Ich will nur meinen Treuhandfonds.“

Dieser verdammte Treuhandfonds. Sie hasste ihn, weil ihr Vater gedacht hatte, der Fonds würde es ihm erlauben, seine Tochter gefügig zu machen. Aber noch mehr hasste sie es, dass Peter nach dem Tod ihres Vaters zu ihrem Treuhandverwalter geworden war. Und dass sie sich zum Wohl ihrer Mutter seinem Willen fügen musste, um an das Geld zu kommen.

Sie wollte weder mit dem Vermögen der Barberys noch mit den damit verbundenen Pflichten zu tun haben. Jahrelang war sie stolz gewesen, dass sie von dem Geld leben konnte, das sie mit ihrer Arbeit verdiente. Aber dieser Stolz war zu einem Luxus geworden, den sie sich nicht mehr leisten konnte.

Nachdem Gustave erkrankt war, hatte sich auch der Gesundheitszustand ihrer Mutter rapide verschlechtert. Die Schulden ihrer Mutter waren in schwindelerregende Höhe geschossen, nachdem Peter die Verwaltung des Barbery-Vermögens übernommen und Viviennes Rechnungen nicht mehr bezahlt hatte. Diese Aufgabe fiel jetzt Tristanne zu. Aber mit dem Geld, das sie mühselig als freie Künstlerin in Vancouver verdiente, war es ihr leider unmöglich.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als mit Peter zu kooperieren. Sie hoffte, dass sie den Treuhandfonds benutzen könnte, um ihre Mutter vor dem finanziellen Ruin zu bewahren. Am liebsten hätte sie geweint, aber sie konnte – und wollte – diese Schwäche vor Peter nicht zeigen.

„Du musst gar nichts verstehen“, herrschte Peter sie an. In seinem kalten Blick mischten sich Siegesfreude und Bosheit. „Tu einfach, was ich dir sage. Such dir einen reichen Mann und mach ihn dir gefügig. Das dürfte ja wohl selbst für dich nicht zu schwer sein, oder?“

„Ich begreife nicht, wie dir das helfen sollte“, entgegnete Tristanne. Sie blieb sachlich und höflich, obwohl sich ihr Magen verkrampfte.

„Kümmer dich einfach nur um deine Aufgabe“, blaffte Peter. „Eine Liebesgeschichte mit einem vermögenden Mann schafft bei meinen Geldgebern Vertrauen. Und glaub mir, Tristanne, dir ist sehr daran gelegen, dass sie Vertrauen haben. Wenn aus dem Geschäft nichts wird, verliere ich alles. Und deine unnütze Mutter wird das erste Opfer sein.“

Tristanne verstand nur zu gut. Peter hatte aus seiner Verachtung für ihre Mutter nie einen Hehl gemacht. Gustave hatte die Geschäfte zu Beginn seiner langen Krankheit in die Hände seines Sohnes gelegt. Tristanne hatte er schon vor Jahren wegen ihrer Aufsässigkeit den Geldhahn zugedreht.

Ihr Vater hatte vermutlich geglaubt, dass sein Sohn für seine zweite Ehefrau sorgen würde und deshalb in seinem Testament keine besonderen Vorkehrungen getroffen. Doch Tristanne wusste, dass Peter seit Jahren nur darauf gewartet hatte, Vivienne Barbery dafür zahlen zu lassen, dass sie bei seinem Vater den Platz seiner verstorbenen Mutter eingenommen hatte.

Ihre anfällige Gesundheit deutete er so, dass sie nur auf Aufmerksamkeit aus war, und er ließ ihre Schulden immer weiter ansteigen. Peter war zu allem fähig.

„Was muss ich tun?“, hatte Tristanne hölzern gefragt. Was auch immer er von ihr verlangte, sie würde es schaffen.

„Es ist mir egal, ob du ihn heiratest oder nur mit ihm ins Bett gehst“, hatte Peter erwidert. „Solange du dafür sorgst, dass es in ganz Europa in der Klatschpresse steht. Du musst alle Welt davon überzeugen, dass unsere Familie auf sehr viel Geld zurückgreifen kann. Hast du verstanden, Tristanne?“

Auf der Katrakis-Jacht sah Tristanne jetzt von dem reichen Geschäftsmann zu ihrem Bruder, in dessen Augen sie nur Hass las. Sofort verschwand ihre Unentschlossenheit. Sie wollte lieber im Feuer von Nikos Katrakis verbrennen – und Peter ärgern, indem sie sich seinen Erzfeind aussuchte –, als sich in ein noch schlimmeres Schicksal ergeben.

Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Nikos Katrakis richtete, war das Lächeln aus seinem Gesicht verschwunden. Obwohl er noch immer lässig an der Bar lehnte, spürte Tristanne, dass sein muskulöser Körper in höchste Alarmbereitschaft versetzt war. Sie konnte die ungeheure Kraft spüren, die von ihm ausging, und rang nach Luft.

Ich begehe einen furchtbaren Fehler, dachte sie. Aber sie musste es tun, es gab keinen anderen Ausweg.

„Ich möchte, dass Sie mich küssen“, sagte sie laut und bestimmt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie räusperte sich. „Wenn es Ihnen keine Umstände bereitet.“

Nikos hatte mit vielen Dingen gerechnet, die im Laufe des Nachmittags passieren könnten. Er wäre allerdings nie darauf gekommen, dass sich die Barbery-Erbin ihm anbieten würde.

Er spürte ein Siegesgefühl in seinen Adern und war sich sicher, dass sie es ebenfalls bemerkte. Wie sollte es ihr entgehen?

Aber sie sah ihn mit ihren Augen, die die Farbe von feinster Schokolade hatten, nur an. Beinahe hätte ihn ein dunkles Gefühl der Befriedigung übermannt. Stattdessen lächelte er nicht allzu freundlich, trotzdem sah sie nicht weg.

Sie hatte Mut. Mehr Mut als ihr feiger, ehrloser Bruder.

Doch ihr Mut würde ihr auch nicht helfen.

„Warum sollte ich Sie küssen?“, fragte er. Zufrieden sah er, dass sie errötete. Er spielte mit seinem Glas und deutete mit dem Handgelenk auf die anderen Gäste. „Auf dem Schiff sind viele Frauen, die alles dafür geben würden, mich zu küssen. Warum sollte ich mich für Sie entscheiden?“

Für einen kurzen Moment sah sie überrascht aus, dann schluckte sie und setzte ein Lächeln auf. Es war das falsche Lächeln der oberen Zehntausend. Nikos wusste, dass es eine gefährliche Waffe war.

„Ich dachte, es hilft, wenn ich Sie einfach frage“, antwortete sie und reckte das stolze Kinn vor. Sie senkte die Lider, dann sah sie ihn unverblümt an. „Und es ist allemal besser, als würde ich in unangemessener Kleidung hier herumlaufen und hoffen, dass mein Dekolleté ein gutes Wort für mich einlegt.“

Ob Nikos wollte oder nicht – das Gespräch amüsierte ihn. Aber eigentlich wollte er sie vernichten. Denn sie war eine Barbery, und er hatte vor langer Zeit geschworen, dass er nicht eher Ruhe geben würde, bis er die gesamte Familie in den Ruin getrieben hatte. Er machte einen Schritt auf sie zu, bis ihre Körper sich beinahe berührt hätten. Sie wich nicht zurück.

Er wünschte, das Spiel würde ihm nicht so gut gefallen. Aber es gefiel ihm. Sogar sehr.

„Manche Frauen haben keine Skrupel, ihre Vorzüge meistbringend einzusetzen“, bemerkte er und stellte den Drink auf der Bar ab. „Dieser Punkt geht an Sie.“

Nicht zum ersten Mal musterte er sie von oben bis unten. Allerdings stand sie ihm heute zum ersten Mal direkt gegenüber. Die sanften Wellen ihres dunkelblonden Haars, die wachen Augen, der schlanke Körper in dem eleganten Etuikleid – alles an ihr war unwiderstehlich. Und das lag nicht so sehr an ihrer Schönheit, sondern vielmehr an den kleinen Unebenheiten. Das stolze Kinn. Die unverhohlene Intelligenz. Die Anspannung in ihren Schultern, die sie zu verbergen suchte und die darauf hindeutete, dass ihr die Bitte nicht ganz leicht gefallen war.

Seine Augen wanderten wieder zu ihrem Gesicht. Amüsiert stellte er fest, dass sie für einen Augenblick erstarrte, bevor sie ein Lächeln aufsetzte.

„Was haben Sie zu bieten, was keine andere hat?“, fragte er, als ließe ihr Anblick ihn ungerührt.

Sie machte keinen Schritt zurück, wie es andere an ihrer Stelle wohl getan hätten. Vielmehr zog sie eine Augenbraue herausfordernd hoch.

„Mich“, erwiderte sie knapp.

Überrascht stellte Nikos fest, dass sie ihn erregte. Das hatte er nicht erwartet – eigentlich hätte er sie wegen ihrer Familie verachten sollen. Aber Tristanne Barbery war nicht so, wie er sie sich vorgestellt hatte.

Sie war in den vornehmsten Mädcheninternaten Europas unterrichtet worden. In den letzten Jahren hatte er immer wieder Fotos von ihr gesehen: Sie hatte natürlich gewirkt, aber vielleicht lag das nur an den Aufnahmen. Jetzt wusste er, dass ein Foto dieser Frau niemals gerecht werden konnte. Sie sprühte förmlich vor Leben – als würde das Leben wie ein Feuer in ihrem Inneren tanzen.

Er wollte sie berühren.

Und dann wollte er sie ins Verderben stürzen, genauso wie ihr Bruder seine Schwester Althea ins Verderben gestürzt und seinen Vater in den Ruin getrieben hatte.

„Auch dieser Punkt geht an Sie“, sagte er und versuchte, die Vergangenheit auszublenden. Er berührte eine Strähne von Tristannes Haar. Es war weich wie Seide. Ihre Lippen öffneten sich leicht. Der Anblick erregte ihn noch mehr. „Aber ich habe nicht die Angewohnheit, fremde Frauen vor aller Augen zu küssen“, fuhr er mit leiser Stimme fort, die nur für ihre Ohren bestimmt war. „Irgendwie findet das nämlich immer den Weg in die Klatschblätter.“

„Tut mir leid“, flüsterte Tristanne und sah ihm herausfordernd in die Augen. „Ich dachte, Sie wären für Ihre Furchtlosigkeit bekannt. Für Ihren Mut, gegen alle Regeln zu verstoßen. Ich muss Sie mit einem anderen Nikos Katrakis verwechselt haben.“

„Ich bin untröstlich“, erwiderte er, ohne den Blick von ihr zu lösen. „Ich hatte beinahe geglaubt, dass es an meinem guten Aussehen liegt, dass Sie unbedingt einen Kuss von mir wollen. Dabei sind Sie wie alle anderen. Stehen Sie auf reiche Männer, Miss Barbery? Reisen Sie ihnen um die ganze Welt hinterher und sammeln Küsse wie kleine Mädchen Autogrammkarten?“

„Ganz und gar nicht, Mr Katrakis“, antwortete sie. „Im Allgemeinen reisen reiche Männer mir hinterher. Ich wollte Ihnen die Mühe ersparen.“

„Sie sind zu freundlich, Miss Barbery.“ Jetzt fuhr er mit dem Finger über die zarte Haut ihrer Schulter. Er spürte, wie sie ganz leicht bebte, und hätte beinahe gelächelt. „Aber vielleicht will ich das, was mir gehört, mit niemandem teilen.“

„Sagte der Mann mit der Jacht, auf der mehr Besucher waren, als er zählen konnte“, konterte sie.

„Ich habe weder die Jacht noch die Gäste jemals geküsst.“ Er legte den Kopf schief. „Zumindest nicht alle Gäste.“

„Dann müssen Sie mir Ihre Regeln erklären“, antwortete sie. Ihre Lippen zuckten, als müsste sie sich ein Lachen verkneifen. Nikos hatte keine Ahnung, warum er das so faszinierend fand. „Obwohl es mich doch überrascht, dass es so viele Regeln in Ihrem Leben gibt. So viel also zu den Geschichten über Nikos Katrakis, den Mann, der sich nicht um Traditionen und Regeln schert, sondern seinen eigenen Weg geht. Diesen Mann würde ich sehr gern kennenlernen.“

„Es gibt nur einen Nikos Katrakis, Miss Barbery.“ Er war ihr jetzt so nah, dass er ihr Parfüm roch, unaufdringlich, würzig mit einer leicht blumigen Note. Ob sie wohl auch so schmecken würde? „Ich hoffe, Sie sind nicht am Boden zerstört, weil ich derjenige bin.“

„Das kann ich jetzt noch nicht sagen“, entgegnete sie und sah ihm tief in die Augen. „Schließlich haben Sie mich noch nicht geküsst.“

„Ach so“, sagte er. „Und jetzt muss ich es einfach tun, nicht?“

„Natürlich.“ Sie legte den Kopf schief und lächelte. Ihr Blick war herausfordernd, und Nikos wäre nicht der erfolgreiche Geschäftsmann, der er war, wenn er sich jemals vor einer Herausforderung gedrückt hätte. „Meinen Sie nicht?“

So hatte er sich die Sache nicht vorgestellt. Es stand für ihn zu viel auf dem Spiel, als dass er sich hinreißen lassen durfte. Er musste sich an dem verstorbenen Gustave Barbery und seinem widerlichen Sohn Peter rächen.

In den letzten zehn Jahren hatte er auf die Gelegenheit zur Rache hingearbeitet. Und die Gelegenheit hatte sich ihm ein ums andere Mal geboten. Er hatte hier etwas nachgeholfen, dort eine Andeutung fallen lassen, und das Barbery-Vermögen war erheblich geschrumpft.

Allerdings hatte Nikos nie vorgehabt, das Mädchen mit hineinzuziehen. Er war nicht wie Peter Barbery, der Althea Katrakis aus eiskalter Berechnung verführt, geschwängert und dann verlassen hatte. Er war auf keinen Fall wie die Barberys! Allerdings hätte er niemals damit gerechnet, dass sich die Schwester seines Erzfeindes ihm auf diese Weise anbieten würde.

Oder dass sie ihn – und das war noch aufregender und gefährlicher – dazu verleiten könnte, seine eiserne Selbstkontrolle über Bord zu werfen. Er war nicht abgeneigt, sie als Mittel zum Zweck einzusetzen, um ihre Familie in den Ruin zu treiben. Allerdings hätte er nicht gedacht, dass er sie trotzdem begehren könnte.

„Vielleicht haben Sie recht“, sagte er ruhig. Der kühne Ausdruck in ihrem Gesicht verschwand für einen kurzen Augenblick. Nikos bemerkte es und empfand einen kleinen Triumph. Sie war nicht so eiskalt, wie sie vorgab. Er fragte sich allerdings nicht, warum ihm das so gefiel.

Er legte eine Hand auf ihren Nacken. Die Berührung war wie ein kleiner Stromstoß – und Begehren war ihr Echo. Tristannes Augen weiteten sich, dann legte sie ihre Hände auf seine festen Brustmuskeln.

Weil alle Augen auf dem Deck der Jacht neugierig auf sie gerichtet waren, zögerte er den Augenblick hinaus. Ganz gleich, welches Spiel sie auch immer mit ihm treiben wollte, sie konnte nicht die geringste Ahnung haben, mit wem sie es zu tun hatte. Sie war sich nicht bewusst, was sie in Gang gesetzt hatte, als sie an ihn herangetreten war.

Aber er wusste es genau. Er hatte den langen, kalten Krieg gewonnen.

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