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Die Sinnliche Mätresse des Marquess

1. KAPITEL

Sussex, England, Mai 1811

Reue, Wut und Erbitterung brannten in ihm, während die Pferde über die Landstraße galoppierten und Garrick auf die mondbeschienene Landschaft von Sussex starrte, an der seine Kutsche vorbeirollte. Am liebsten hätte er den Kutscher wenden lassen, um nach London zurückzukehren.

Er schluckte seinen Zorn hinunter und unternahm nichts, um der rasanten Fahrt Einhalt zu gebieten. Das Ziel war Beauworth Court, sein Zuhause und zugleich der Ort, der ihm in der Welt am meisten verhasst war.

Nicht einmal Duncan Le Clere, der Mensch, der ihn am besten kannte, konnte seinen Hass auf diesen Ort nachvollziehen. Manchmal verstand er es selbst nicht recht, doch das änderte nichts an seiner Anspannung und dem unheilvollen Gefühl, das ihn jedes Mal befiel.

Die Rückkehr nach Sussex war stets mit der Erinnerung an Schmerzen, Prellungen und Quetschungen verbunden. Der Reihe nach öffnete er die zu Fäusten geballten Finger, legte die Hände in den Schoß und zwang sich, tief und langsam durchzuatmen, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dann lehnte er sich gegen die seitliche Kutschenwand und streckte die Beine aus, als wäre er der sorgloseste Mensch auf Erden. Immerhin hatte er, Garrick Le Clere, der Marquess of Beauworth, seinen Ruf als berüchtigter Lebemann, verwegener Spieler und gelangweilter Dandy zu wahren.

Die Kutsche geriet ins Schwanken. Er fasste nach dem Haltegriff über seinem Kopf. Der Kutscher verlangsamte das Tempo und brachte die Pferde zum Stehen.

Garrick ließ das Fenster hinunter und beugte sich weit hinaus. „Mon Dieu! Was ist los?“

Im Schatten der hohen Hecken, die den Weg begrenzten, sah er die Konturen der Kutschpferde, die unruhig die Köpfe nach hinten warfen. Ihr Schnauben und das Klirren des Geschirrs durchschnitten die Stille der warmen Nacht. Er kniff die Augen zusammen und starrte ins Halbdunkel. „Was ist los, Johnson?“ Vermutlich hatte er nur wegen einer großen Pfütze angehalten. Der gute Mann hätte sich schon vor Jahren aufs Altenteil begeben sollen.

Etwas Weißes schimmerte unheimlich vor ihnen auf. Ein Apfelschimmel trabte ihnen auf der Mitte der Straße entgegen, und kurz fiel etwas Mondlicht auf das Fell mit den dunklen Sprenkeln. Erst konnte er nur das Pferd erkennen, dann auch die Umrisse einer kleinen Gestalt im Sattel: eine Frau in schwarzer Reitkleidung. Zum Teufel! Wenn sie nachts allein über diese Straße ritt, steckte sie gewiss in Schwierigkeiten.

Er riss die Kutschentür auf, sprang hinaus und ging auf sie zu, bereit, ihr seine Hilfe anzubieten. Der Anblick zweier Pistolen mit langem Lauf, von denen die eine auf seine Stirn und die andere auf seine Bediensteten gerichtet war, ließ ihn jäh innehalten.

Im kalten Mondlicht konnte er eine schwarze Maske erkennen, die ihr Gesicht bis auf den Mund und die Augen völlig verdeckte. Ein Dreispitz schmückte ihre Lockenperücke, und schwarze Spitze bauschte um ihre Handgelenke und den Hals.

„Großer Gott!“, rief er aus, als er die berühmte Gestalt erkannte – Lady Moonlight, die tollkühne Reiterin aus Oliver Cromwells Tagen, die die Reichen beraubt hatte, um ihre Familie zu ernähren. Ihre Beutezüge waren in Sussex legendär, und seit man sie gehängt hatte, gab es immer wieder Gerüchte, ihr Geist suche die Gegend heim.

„Steh’n bleiben und Geld her!“ Die heisere Stimme der Frau hallte durch die Stille der Nacht. Ihr Apfelschimmel tänzelte seitwärts, und sie brachte ihn mit einem leisen Murmeln unter Kontrolle.

Das war kein Geist, nur eine gewöhnliche Straßenräuberin.

Garrick warf einen Blick in Richtung Kutschbock zu Johnson und Dan, die wie erstarrt und mit weit geöffneten Augen dasaßen und offensichtlich auf den klugen Trick hereingefallen waren.

„Rücken Sie die Wertsachen raus, oder der Junge kann sein letztes Gebet sprechen!“, rief sie drohend. Ihre Stimme hatte etwas Verzweifeltes, und die Pistolen waren gespannt auf ihn und seine Begleiter gerichtet. Verflucht! Eine solche Begegnung hatte ihm gerade noch gefehlt. Wut stieg in ihm hoch, er sah rot und ballte die Hände zu Fäusten.

Er atmete tief ein und aus.

Wenn er sich nicht beherrschte, würde wahrscheinlich jemand, der weniger schuldig war als er, zu Tode kommen. Die Augen der maskierten Frau funkelten. Bedeutete das Verwegenheit oder Angst? Würde sie wirklich auf einen unbewaffneten Mann schießen?

Dan, dem vor Furcht jede Farbe aus den Wangen gewichen war, erhob sich vom Kutschbock. Ein Pistolenlauf folgte seiner Bewegung.

„Verflucht, Bursche!“, rief die Straßenräuberin. „Willst du etwa sterben?“

Garrick fluchte lautlos. Er war vielleicht bereit, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, aber nicht das des Jungen. Er verdiente mehr als jeder andere eine gute Zukunft. „Setz dich, Dan!“, befahl er.

Er nickte dem verstörten Burschen aufmunternd zu. Dan ließ sich wieder auf den Sitz neben den reglosen Johnson sinken. Garrick schüttelte den Kopf. „Bleibt ganz ruhig.“

Offenkundig erkannte die Wegelagerin, in welcher Zwickmühle er steckte, denn sie hielt die eine Pistole weiter auf Dan gerichtet, während sie die andere in einen Sattelhalfter neben einen Degen gleiten ließ. Er verzog die Lippen. Wie gern hätte er sich ein Duell mit ihr geliefert! Sie warf ihren Hut auf den Boden, direkt vor seine Füße. „Schmeiß’n Sie den Schmuck da rein!“

Als sie sich bewegte, umgab ein Schimmern ihr Gesicht und den Körper. Ein geisterhaftes Licht. Litt er unter Halluzinationen? Erst jetzt bemerkte er die Pailletten auf ihrer Maske und dem Umhang, in denen sich das Mondlicht reflektierte. Die kleine Räuberin sah aus wie eine Nachtschwärmerin nach einem Maskenball, doch fraglos war sie nicht in friedlicher Absicht unterwegs.

Bevor sie sich vom Sattel schwang, richtete sie die Pistole auf Garrick. Dann machte sie eine elegante Handbewegung. Das Flattern schwarzer Spitze lenkte seine Aufmerksamkeit auf den umgedrehten Hut. „Ich warte nicht bis morgen früh.“

Er verbeugte sich schwungvoll und reagierte mit lässigem Charme auf ihre Ungeduld. „Ihr Wunsch ist mir Befehl, Mylady.“

Als er sich wieder aufrichtete, bemerkte er ein zaghaftes Lächeln auf ihren vollen Lippen. Sie deutete einen Knicks an. „Zu freundlich von Ihnen, Sir.“

„Oh, eine höfliche Lady Moonlight.“ Er hob eine Braue. „Ich warte, chérie.“

Zu seinem Bedauern hörte sie auf zu lächeln. „Worauf?“, fragte sie. „Warten Sie auf ’ne Kugel?“

„Nein, auf meinen Kuss. Schließlich küsst Lady Moonlight alle Männer, die sie ausraubt, sofern sie ihr attraktiv erscheinen.“

„Werfen Sie einfach die Wertsachen da rein.“ Sie klang belustigt.

Unter den erstaunten Blicken seiner beiden Begleiter breitete er spöttisch bittend die Arme aus. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie mich hässlich finden? Sie brechen mir das Herz, Madame.“

Sie lachte leise in sich hinein, zart und sehr feminin, doch mit der Pistole zielte sie nach wie vor auf seine Brust. „Jetzt aber her mit den Sachen!“

Er ließ eine Hand in die Tasche gleiten, als ob er nach seiner Uhr suchen würde, und fluchte insgeheim. Er hatte die Reisepistole auf dem Sitz in der Kutsche liegen lassen. Vielleicht war es gut so. Im Grunde wollte er die Wegelagerin nicht verwunden. Er sprach mit ruhiger Stimme. „Das ist eine gefährliche Arbeit für eine Frau. Wenn Sie gefasst werden, wird man Sie hängen. Ich hingegen kann Ihnen eine einträgliche Anstellung anbieten.“

„Ha! Derlei Arbeit, wie sie Ihnen für mich vorschwebt, kenn ich. Jetzt reicht’s mit dem Gerede, oder Sie können sich auf ein Wiederseh’n mit Ihren Ahnen freuen.“ Das Zittern ihrer Stimme strafte die prahlerischen Worte Lügen und sprach dafür, dass ihre Nerven blank lagen.

Dem eigenen Tod stand er relativ gleichgültig gegenüber, doch er wollte verhindern, dass sie nervös wurde und erneut die beiden Bediensteten bedrohte. Er zog die Uhr aus der Tasche. Langsam ließ er die Goldglieder der Kette durch die Finger gleiten, bis die Uhr von seiner Hand baumelte. Das mit Diamanten besetzte Gehäuse funkelte wie Mondstrahlen auf dem Wasser.

Die Pistole bebte in ihren Händen. Sie würde keinen Gebrauch davon machen. Er war sich sicher.

Sie streckte die linke Hand nach der Beute aus. Die Räuberin war zierlich und reichte ihm bloß bis zur Schulter. Sie ergriff die Uhr. Garrick bekam ihr vorgestrecktes Handgelenk zu fassen und bändigte zugleich die andere Hand, mit der sie die Pistole hielt, indem er ihren rechten Arm fest zur Seite drückte. Dann zog er ihren schlanken Körper an sich und umfasste ihre Taille.

Ihr schockiertes Keuchen fühlte sich warm, süß und feucht an seinem Hals und Nacken an. Sie duftete nach Vanille, aber auch ein wenig nach Leder und Pferden. Welch eine außergewöhnliche und betörende Kombination! Er senkte den Kopf und küsste sie auf den Mund, erfreut, dass sie vor Überraschung die Lippen öffnete.

Die Luft um ihn herum schien sich zu erhitzen und ins Wirbeln zu geraten, das Blut in seinen Adern pochte, und ihre Reaktion berauschte seine Sinne. Ihr zarter, geschmeidiger Körper, der im ersten Moment wie erstarrt war, entspannte sich. Er wusste, dass sie nicht abgeneigt war. In der Tat schmiegte sie sich verführerisch an ihn. Er ließ eine Hand ihren Rücken hinuntergleiten und genoss es, die weiche Rundung ihres Gesäßes zu spüren. Er hätte nicht genau sagen können, wann und wie es passiert war, aber sein anfänglicher Zorn auf die Wegelagerin hatte sich in Begehren verwandelt. Das war eine weitere Emotion, die er kontrollieren musste, und er würde sie zu beherrschen wissen. Er intensivierte den Kuss und bewegte die Finger Zoll für Zoll auf ihre rechte Hand zu, um nach der Pistole zu tasten.

Doch der kleine Teufelsbraten machte sich frei und sprang schwer atmend zurück. Ihre Augen funkelten feurig durch die Maskenschlitze. Ihre Brust hob und senkte sich unter raschen Atemzügen, als sie die Pistole auf seinen Oberkörper richtete. Sie sah ihn direkt an. „Bleiben Sie, wo Sie sind!“ Dann ließ sie ihre Blicke zu den Bediensteten wandern. „Alle!“

Lachend fasste er nach ihr. „Wir können gewiss einen besseren Weg für Sie finden, sich den Lebensunterhalt zu verdienen – einen, den wir beide genießen würden.“

Sie verstummte, und ihre rosigen, frisch geküssten Lippen bogen sich zu einem aufreizenden Lächeln. Sie knickste tief. „Ich glaube kaum.“

„Vorsicht, Mylord!“, rief Johnson.

Garrick nahm aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Fluchend fuhr er herum. Ein großer maskierter Mann, der eine Pistole in der erhobenen Rechten hielt, stand direkt hinter ihm. Garrick wich aus. Der Schlag traf ihn seitlich am Kopf. Er sah Sterne und versuchte, gegen die Bewusstlosigkeit anzukämpfen. Dann sank er auf die Knie, und alles um ihn herum wurde schwarz.

Eleanor spürte, wie ihr das Blut in die Ohren rauschte und ihr ganz schwindlig wurde. Ihr Herz raste. Ihr war zumute, als ob sie ohnmächtig neben dem Mann zu ihren Füßen niedersinken würde.

Sie holte tief Luft, hockte sich neben den Fremden und fühlte seinen Puls. Erleichtert stellte sie fest, dass sein Herz stark und regelmäßig schlug. Anschließend richtete sie sich auf und warf Martin einen erbosten Blick zu. „Musste das sein?“, zischte sie.

„Warum zum Teufel lassen Sie ihn so nah an sich heran?“ Martin klang streng und zornig. Drohend richtete er die Pistole auf die Bediensteten, die auf dem Kutschbock hockten.

Sie starrte auf den reglosen Körper vor sich auf dem Boden. Was hatte sie sich bei dem Kuss nur gedacht? Dass dieser Mann unglaublich attraktiv auf sie wirkte? Dass von seinem lässigen Lächeln keine Gefahr ausging? Wenn Martin nicht aufgetaucht wäre, wäre sie vielleicht in die Falle dieses Fremden geraten – wie eine Fliege in einen Marmeladentopf. Offenbar hielt dieser Gentleman so viel von seinen Fähigkeiten als Verführer, dass er glaubte, sie mit einem Kuss überwältigen zu können. Sie musste leise lachen. Doch es war ein nervöses, fast hysterisches Lachen, denn nie zuvor hatte jemand in ihr solche Gefühle entfacht. Niemals hatte sie sich derartig schrecklich und zugleich wundervoll schwach gefühlt. Sie war überhaupt nicht mehr sie selbst gewesen. Wenn er nicht nach ihrer Pistole gegriffen hätte, wäre es ihm sicher gelungen, sie mit seinem Charme zu überlisten.

„Wo warst du denn überhaupt, Martin?“, murmelte sie.

„Ich habe erst zu spät gemerkt, dass Sie bereits losgeritten waren.“

Selbst im schummrigen Licht konnte sie sehen, dass er rot wurde. Armer Martin! Ihr Vater hatte stets auf seine Zuverlässigkeit vertraut. Allerdings gab er einen miserablen Wegelagerer ab. Schon nach dem ersten Überfall hatte sie ihn fortschicken wollen. Doch das hatte er entschieden abgelehnt. Der gutmütige und treue Martin.

„Macht ja nichts.“ Sie wies auf das bewusstlose Opfer und sprach nun lauter. „Schau nach, was er bei sich hat, bevor er aufwacht.“

Als Martin sich wie befohlen hinunterbeugte, griff der Kutscher unter den Sitz. Oje, die Sache konnte schnell aus dem Ruder laufen! Mit einer ruckartigen Bewegung richtete sie die Pistole in Richtung des Kutschbocks. „Versuch’s gar nicht erst!“

Der Kutscher richtete sich wieder auf und hob erneut die Hände. Der Junge mit den engelsgleichen Zügen neben ihm saß wie erstarrt da. Seine Schultern zitterten, und er biss sich auf die Unterlippe. Dem Himmel sei Dank waren keine Helden vor Ort!

Martin drehte den am Boden liegenden Fremden auf den Rücken. Der Mann stöhnte und ließ den Kopf gegen die linke Schulter fallen. Seine Miene wirkte angespannt, als ob er selbst in bewusstlosem Zustand starke Schmerzen verspürte. Seine Gesichtszüge waren ebenmäßig und maskulin. Ein dunkler Reisemantel aus teurem Stoff betonte die breiten Schultern. Das dunkle Haar und die leicht gebräunte Haut verliehen seinen markanten Zügen einen südländischen Anstrich. Ihr Herz schlug ein wenig zu schnell. Er war wunderschön – keine Beschreibung, die sie gewöhnlich mit einem Mann in Zusammenhang brachte. Meistens wirkten die Männer entweder derb und grob oder verweichlicht. Dieser Mann hingegen hatte die Schönheit einer Bronzeskulptur: ein vollkommenes Kinn, ebenmäßige Gesichtszüge, eine edel geformte Nase, gerade dunkle Brauen und eine hohe Stirn. Sie verspürte große Lust, ihn zu berühren und die Beschaffenheit seiner Haut zu ergründen, wie wenn man mit den Fingern über eine schöne Statue streichen will. Als sie die Linie seiner vollen Unterlippe betrachtete, erinnerte sie sich genau, wie sich sein Mund auf dem ihren angefühlt hatte – warm und unglaublich aufregend. Und seine Stimme mit dem leichten französischen Akzent hatte wie eine zarte Berührung in ihrem Nacken geprickelt.

Es war einfach verrückt.

Der ohnmächtige Adonis stöhnte erneut. Sie wich zurück und war erleichtert, dass er die Augen nicht öffnete. Martin hatte ihn mit großer Wucht getroffen. Sie schluckte. Hoffentlich war es kein folgenreicher Schlag. Sie wollte nicht, dass er eine Verletzung davontrug, auch wenn er selbst recht sorglos mit seinem Leben umzugehen schien. Außerdem wollte sie ihm nicht noch einmal ins Gesicht sehen. „Zeit zum Aufbruch. In die Kutsche mit ihm. Du …“, sagte sie und wies auf den Kutscher, „komm her und hilf ihm. Und keine Tricks.“

Der Kutscher hievte seinen beleibten Körper vom Bock.

Martin begab sich an den Kopf des Mannes. „Nimm seine Füße!“, befahl er dem Kutscher, der sich ächzend vorbeugte und seinen Herrn oberhalb der auf Hochglanz polierten Reitstiefel anhob.

„Halt!“, befahl sie.

„Was denn nun?“, fragte Martin grummelnd.

„Nimm ihm die Stiefel ab.“

Verärgert ließ Martin den Mann zu Boden fallen. Er stieß den Kutscher ungehalten zur Seite, um dem Bewusstlosen die Stiefel auszuziehen. Dann kehrte er zurück an den Kopf des Mannes.

Eleanor öffnete den Wagenschlag und trat zurück. Die beiden Männer hievten die Last auf den Kutschenboden. Martin schlug die Tür zu.

„Macht, dass ihr fortkommt!“, rief sie dem keuchenden Kutscher zu. „So schnell ihr könnt, bevor ich es mir anders überlege.“

Der Kutscher verlor keine Zeit, kletterte rasch wieder auf den Bock, und einen Augenblick später ratterte die Chaise die Straße hinunter. Eleanor sah ihr nach, bis die schwankende Kutsche um die nächste Wegbiegung verschwand.

Martin half ihr beim Aufsitzen. Greys Grey, der ruhige Apfelschimmel, hatte die ganze Zeit über geduldig stillgestanden.

Wieder im Sattel kämpfte Eleanor mit ihren Röcken. „Beim nächsten Mal werde ich Williams Breeches tragen.“

„Es wird kein nächstes Mal geben.“ Martin stopfte die Beute in die Satteltaschen und schwang sich auf seinen Fuchs. „Denken Sie an meine Worte, Sie werden am Galgen enden wie Lady Moonlight.“

Die ernsthafte Besorgnis, die aus seinen Worten sprach, bereitete ihr Unbehagen. „Hast du etwa eine bessere Idee?“ Sie grub die Fersen in Greys Flanken, und im Galopp verschwanden sie in den Schutz der Wälder. Normalerweise liebte Eleanor es, bei Nacht zu reiten. Es gab ihr ein Gefühl von Freiheit. Früher waren sie und ihr Zwillingsbruder William oft heimlich aufgebrochen, um über die Wiesen und Äcker rund um den Landsitz in Hampshire zu reiten. Sie hatte sich meistens Kleidung von ihm geborgt. Und warum auch nicht? Sie ritt ebenso gut wie ihre Brüder und schoss vergleichbar präzise. Und genau das war der Grund für ihren Untergang gewesen. Sie hatte sich überschätzt.

Da brauchte sie nur an den heutigen Abend zu denken. Der Überfallene war wohlhabend und stellte somit ein hervorragendes Opfer dar. Dennoch wäre der Überfall beinahe katastrophal verlaufen. Alles, was sie anfasste, schien auf ein Desaster hinauszulaufen. William befand sich auf dem Heimweg, und sein Schiff konnte jeden Tag im Hafen von Portsmouth anlegen. Sobald er nach Hause kam, würde er feststellen, dass er ruiniert war.

Und das alles, weil sie ihre Kompetenzen überschritten hatte. Ihr wurde ganz elend zumute. Zweifellos würde er sie für eine leichtsinnige Närrin halten.

Außer es gelang ihr, die Dinge vor seiner Rückkehr in Ordnung zu bringen.

Sie brauchten nicht lange, um die Scheune zu erreichen, in der sie die Pferde versteckten. Eleanor glitt vom Sattel und führte Grey hinein. Sie zog Maske, Perücke und Hut aus und warf alles auf den Boden. Das lange Haar fiel ihr über die Schultern.

„Wissen Sie nicht, wer das war, Lady Eleanor?“, fragte Martin, der hinter ihr die Scheune betrat.

„Ein Dandy mit Gold in der Tasche, der Juwelen übrig hatte.“

„Es war Beauworth. Ich habe das Wappen an seiner Kutsche erkannt.“

„Was?“ Ihr Magen zog sich zusammen. Beauworth? Der Mann, der es darauf abgesehen hatte, ihre Familie zu zerstören. Sie hatte mit ihm geflirtet und sich sogar von ihm küssen lassen. Die Röte stieg ihr ins Gesicht. Wie erniedrigend! Sie zog den Zügel durch den Metallring in der Wand. „Du hättest es mir sagen müssen.“

„Es blieb keine Zeit zum Reden“, erwiderte Martin, der gerade die Laterne angezündet hatte, die an einem Balken hing. Seine Stimme klang missbilligend. „Er ist ein Spieler und Frauenheld. Man erzählt sich, dass er stets an jedem Finger eine Geliebte hat. Wenn ich daran denke, wie er Sie festgehalten hat, werde ich ganz zornig. Außerdem hätten wir ihn niemals anhalten dürfen. Sein Onkel ist der Friedensrichter. In ein oder zwei Tagen wird die Gegend von Konstablern auf der Suche nach der Straßenräuberin nur so wimmeln.“

Eleanor verzog das Gesicht. „Ohne Geld verhungern wir. Und was soll ich William erzählen? Dass ich sein Zuhause und sein Vermögen verloren habe?“ Wie jedes Mal, wenn sie daran dachte, trat ihr der Schweiß auf die Stirn. William hatte ihr vertraut, seine Interessen zu wahren, bis er zurückkehrte. Sie hatte seine Unterschrift gefälscht und alles Geld, das sie noch auf der Bank hatten, investiert. Und dann, aus dem Nichts heraus, hatte Beauworth plötzlich die Rückzahlung einer Grundschuld verlangt, von der sie zuvor nichts gewusst hatte. Dieser verfluchte Marquess!

Als Beauworth gemerkt hatte, dass sie nicht zahlen konnten, hatte er die Gerichtsvollzieher bestellt und sie und Sissy vor die Tür setzen lassen.

Wenn nur das Schiff, in das sie Williams gesamtes Vermögen gesteckt hatte, mit seiner wertvollen Ladung aus dem Orient zurückkommen würde! Dann ließe sich alles in Ordnung bringen. Doch das vermaledeite Schiff schien spurlos verschwunden. Was, wenn es nie eintreffen würde?

Verdammt! Sie hatte sich für so klug gehalten und mit ihrer Selbstüberschätzung die ganze Familie in den Ruin getrieben.

Niedergeschlagen zog sie eine Möhre aus der Tasche. Sie spürte Greys warmes Schnauben auf der Handfläche. Sofort hatte der Wallach die Möhre zwischen den Zähnen und zerkaute sie genüsslich.

„Vielleicht hilft es, wenn ich zu Beauworth gehe und mit ihm spreche“, sagte sie.

„Sie wollen diesen Mann also bitten, Erbarmen mit einer hilflosen Frau zu haben?“

So unverhohlen formuliert, klang es in der Tat demütigend. William würde dem niemals zustimmen. Doch er würde auch ihre Raubzüge nicht gutheißen. Das Leben als Wegelagerin hatte wahrhaftig nichts von der Romantik und dem Abenteuer, von denen in den Balladen die Rede war. Wenn sie gefasst wurden, würde die Obrigkeit keine Gnade kennen. „Ich würde ihn nur um etwas mehr Zeit bitten.“

„Jarvis sagte, dass er das Geld braucht. Er hat selbst Schulden.“

Diese eleganten Gentlemen waren alle verschuldet. Michael, ihr ältester Bruder, hatte ebenfalls Schulden angehäuft, bevor er starb. Sie waren der Grund gewesen, weshalb sie in das Schiff investiert hatte.

Es musste einen anderen Ausweg geben. „Wir brauchen etwas, das wir gegen die Grundschuld eintauschen können.“

„Zu schade, dass Sie daran nicht vor einer Stunde gedacht haben. Dann hätten wir Seine Lordschaft dagegen eintauschen können.“

Sie seufzte und starrte auf Martins breiten Rücken. „Verdammt. Ich habe mir die perfekte Lösung entgehen lassen.“

Martin drehte sich um. „Oh nein! Das war ein Scherz – und noch dazu ein ganz schlechter. Ich habe Ihrem Vater versprochen, seinen Kindern zur Seite zu stehen, und ich habe mein Wort gehalten. Aber ich werde nicht bei einer Entführung mitmachen.“

„Du hast recht. Es ist viel zu gefährlich.“ Sie warf eine Decke über Greys Rücken. Martin kümmerte sich derweil um sein eigenes Reittier.

„Warum hast du mir nicht alles über diese dumme Legende erzählt?“, fragte sie. „Ich meine das mit dem Küssen.“ Ein Kuss so süß wie Honig und so dunkel wie der Brandy, nach dem sein Atem gerochen hatte. Ganz zu schweigen von den köstlichen Empfindungen, die er an ungeahnten Stellen hervorgerufen hatte. Als er sie fest an sich drückte, hatte sie seinen muskulösen Körper gespürt und sich nichts sehnlicher gewünscht, als ihn zu berühren. Überall. Allein der Gedanke, mit den Fingerkuppen über seine Haut zu streichen, löste in ihrem Inneren noch immer einen seltsam angenehmen Taumel aus.

Sie hielt sich eine Hand vor den Mund. Wie konnte sie so empfinden, obwohl sie wusste, was dieser Mann getan hatte?

Martin kratzte sich am Kinn. „Mein Bruder hat nie etwas von einem Kuss erwähnt.“ Das bedeutete wahrscheinlich, dass der Marquess sich dieses Detail einfach ausgedacht hatte. Sie spürte, dass sie rot wurde. Martin drehte sich um und sah sie an. „Warum wollten Sie seine Stiefel stehlen?“

Eleanor wusste selbst nicht genau, warum sie diesen närrischen Befehl erteilt hatte, und ganz sicher wollte sie Martin nicht erzählen, dass Beauworths verwegenes Lächeln und sein Kuss sie ganz durcheinandergebracht hatten. „Sie sind neu und elegant.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Es wird ihn besonders erzürnen. Sie wissen doch, wie William sich anstellt, wenn es um seine Stiefel geht.“

Dieser Marquess hat sich wirklich unverschämt verhalten und so wagemutig, dass es ihn das Leben hätte kosten können, dachte sie. Ein echter Wegelagerer hätte ihn vermutlich getötet. Die demütigende Lektion würde ihm guttun. “Wirf sie in den Teich.“

Sie ergriff den Dreispitz und stopfte die Perücke und die Maske hinein. Dann legte sie Umhang und Weste ab und reichte sie Martin, der das Bündel mithilfe eines alten Flaschenzugs, den sie auf dem Heuboden entdeckt hatten, in einem Netz an die Dachsparren beförderte. „Wir werden wieder ausreiten müssen.“

„Ich bitte Sie, Mylady. Sie riskieren Kopf und Kragen nur für ein paar lächerliche Sachen und eine Handvoll Guineen.“

Sie zuckte zusammen. Als Feldwebel ihres Vaters in der Armee und später als sein Butler hätte Martin sein Leben für ihn geopfert. Jetzt hielt er sich hartnäckig an sein Versprechen, den Kindern zu dienen. Doch sie konnte ihn nicht bitten, noch mehr Risiken auf sich zu nehmen. Alles, was sie anfasste, schien ohnehin zu misslingen. „Du würdest William den größten Gefallen erweisen, wenn du nach Castlefield zurückkehrtest und aufpasstest, dass die Gerichtsvollzieher nichts in ihre eigenen Taschen stecken.“

„Soll ich Sie etwa allein lassen, während Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen?“ Martin warf ihr einen finsteren Blick zu und schüttelte den struppigen Kopf. „Ihr Vater hat immer gesagt, dass Sie ein halber Junge sind.“

Ein Wildfang hatte er wohl eher gemeint – zu tollkühn und streitlustig für ein Mädchen. Zu ungestüm hatte der Vater sie genannt, wenn die Mutter sie verteidigte. Eleanor hatte ihrem Zwillingsbruder William beweisen wollen, dass sie in seiner Abwesenheit alles unter Kontrolle hatte. Hochmut kommt vor dem Fall, dachte sie verächtlich. Und wenn sie nicht bald etwas unternahm, riss sie die ganze Familie mit in den Abgrund.

Garrick stöhnte und richtete auf dem Kutschenboden den Oberkörper auf. Fluchend zog er sich auf den Sitz, und als er saß, tastete er nach der Beule hinter dem rechten Ohr. Diese verfluchte Frau!

Und noch dazu war sie eine ausgesprochen sinnliche und hübsche Person, wenn er sich nicht täuschte. Er entsann sich der explosionsartigen Hitze, die zwischen ihnen aufgeflammt war, und welch sehnsüchtiges Zittern seine Berührungen bei ihr hervorgerufen hatten, als ob sie sich vor Verlangen nach ihm verzehrte. Einen Moment lang hatte ihn der Gedanke berauscht, sie mit Verführungskunst von ihren verbrecherischen Absichten abzubringen. Das wäre ihm möglicherweise auch gelungen, wenn sie allein gewesen wäre. Doch er schien einfach vom Pech verfolgt. Immerhin kostete es ihn schon genug, Onkel Duncan mit seinem Beschluss zu konfrontieren! Jetzt war er zu allem Überfluss auch noch ausgeraubt worden.

Sein Schädel brummte. Brandy würde vielleicht helfen. Er griff in die Manteltasche und zog einen silbernen Flakon heraus. Vorsichtig tupfte er ein wenig von dem Alkohol auf die verletzte Stelle. Der stechende Schmerz ließ ihn zusammenzucken. Er genehmigte sich einen kräftigen Schluck.

Das grässliche Pochen in seinem Kopf nahm zu. Er schloss die Augen, lehnte sich gegen die Polster und seufzte, als die Kutsche ungefähr zwanzig Minuten später über knirschenden Kies fuhr und, ohne zu ruckeln, zum Stehen kam.

Beauworth Court.

Johnson öffnete die Tür und zog die Trittleiter heraus. „Mylord? Ist alles mit Ihnen in Ordnung? Ich hab nicht gewagt, auf der Straße anzuhalten.“

„Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen“, antwortete Garrick und zwang sich zu lächeln.

Er ließ sich von seinem Kutscher aus dem Wagen helfen und warf einen Blick auf das Herrenhaus. Steinerne Löwen bewachten die breite Treppe aus Granit, die zum Eingangsportal führte. Mit Laternen beleuchtete Säulen lenkten den Blick auf den ersten Stock des anmutigen Gebäudes im palladianischen Stil, dessen Fenster hell erleuchtet waren. Gewiss gab Onkel Duncan eine Abendgesellschaft. Garrick unterdrückte ein Stöhnen. Merde! Wie sehr er sich wünschte, nicht hier zu sein.

„Dan!“, rief er. „Komm und hilf mir.“

Eilfertig sprang der Junge vom Bock und stellte sich neben ihn. „Sofort, Mylord.“

„Gut. Bleibe in meiner Nähe.“

Der Kies bohrte sich schmerzhaft in seine Fußsohlen, als er sich, auf Dans Schulter gestützt, auf die Eingangstür zuschleppte. „Verfluchte Hexe“, murmelte er. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, weshalb sie ihm ausgerechnet die Stiefel gestohlen hatte.

Wie aufs Stichwort öffnete sich die Tür. Der Butler, ein aalglatt wirkender Bursche, an den sich Garrick nicht erinnern konnte, sah ihn arrogant an. Doch rasch kam der Mann zur Besinnung, trat einen Schritt zurück und verbeugte sich. „Willkommen zu Hause, Mylord.“

Ha! In seinen Ohren klang das wie blanker Hohn. „Danke.“ Er reichte dem Butler den Mantel und ging auf die imposante Treppe zu, die zu den Räumen des ersten Stocks führte.

Eine Tür wurde geöffnet, und Licht strömte aus dem Esszimmer. Eine grobschlächtige Gestalt, deren militärisches Gebaren sofort erkennbar war, schritt zielstrebig über den schwarz-weiß gefliesten Marmorboden auf ihn zu. Es war Duncan Le Clere, der Halbbruder seines Vaters, der für weitere zwölf Monate sein Erbe treuhänderisch verwaltete.

Dan versteckte sich hinter Garrick.

„Zum Teufel! Was hat das zu bedeuten? Bist du etwa aufgehalten worden?“ Le Clere erstarrte. „Von Wegelagerern?“

Beinahe hätte Garrick über die Begrüßung seines Onkels gelacht.

Le Clere beschleunigte seine Schritte. „Bist du verletzt?“ Offenbar hatte er einen Hauch Brandygeruch wahrgenommen, denn er schreckte zurück. „Oder bist du betrunken? Ist das etwa wieder einer deiner bösen Streiche?“ Nichts entging Onkel Duncan, wenn es um Beauworth und seinen Erben ging.

„Ich mag ein wenig angeheitert sein, aber ich kann dir versichern, dass ich bei klarem Verstand bin. Diese verfluchten Diebe haben mir meine Wertsachen und meine Stiefel abgenommen.“

Zwei Männer eilten auf den Gang: Matthews, der Verwalter von Beauworth, und Nidd, der ehemalige Kammerdiener seines Vaters.

„Johnson hat uns schon berichtet, was passiert ist“, sagte Matthews. „Diesen Verbrechern muss man dringend eine Lektion erteilen.“

Der bullige Matthews schien nur zu gern bereit, die Strafe persönlich zu vollstrecken. Der Gedanke, die freche kleine Wegelagerin könnte in die groben Hände des Verwalters gelangen, gefiel Garrick gar nicht.

„Leitet das in die Wege!“, befahl Duncan Le Clere. „Informiert den Konstabler.“ Indigniert blickte er auf die Strümpfe seines Neffen.

„Aber nicht mehr heute Abend. Es ist schon spät.“ Garrick fasste sich mit einer Hand an den Kopf und zuckte zusammen. „Morgen ist früh genug. Jetzt will ich mich nur noch ins Bett legen.“

Duncans Miene verfinsterte sich. Er blickte in Richtung des Speisezimmers. „Ich habe erwartet, dass du mit mir isst. Ein solcher Zwischenfall sollte einen nicht von seinen Pflichten abhalten.“

„Johnson sagt, sie hätten Seiner Lordschaft einen Schlag auf den Kopf versetzt“, mischte sich Matthews ein.

Le Clere sah ihn besorgt an. „Ich lasse den Arzt rufen.“

Der Arzt seines Onkels würde ihm eine Hand auf die Stirn legen, unsinnige Mutmaßungen von sich geben und ihm irgendein einschläferndes Mittel verabreichen, von dem man noch mehr Kopfschmerzen bekam. Abwehrend hob Garrick die rechte Hand. „Es ist nur eine kleine Beule, nichts weiter. Morgen früh geht es mir wieder gut.“

„Ein Schlag auf den Kopf, Garrick … Ich denke nur an dein Wohlergehen“, sagte Duncan.

„Mach bitte nicht so ein Aufhebens darum.“

Le Clere zuckte zurück. „Aber dein Kopf, Garrick …“

Garrick riss sich zusammen, als ihn ein wohlbekanntes mulmiges Gefühl erfasste. Er wusste, was sein Onkel dachte, erkannte es an dessen misstrauischem Blick.

Garrick rieb sich die schmerzenden Fingerknöchel. Von seinem jüngsten Wutanfall hatte er gewiss noch nichts gehört. „Es tut mir leid, Onkel. Ich weiß, dass du es gut meinst, aber ich muss heute Abend weder zur Ader gelassen werden, noch brauche ich medizinischen Rat.“

„Wie du willst. Aber sollte es das geringste Anzeichen geben …“ Er musste den Satz gar nicht beenden. Sein beschwichtigendes Lächeln sprach Bände.

Garrick nickte. „Dann werde ich nach dem Arzt rufen.“

„Gut“, erwiderte Le Clere. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie schön es ist, dich nach Hause kommen zu sehen. Es gibt viel zu tun und viel zu lernen in den nächsten zwölf Monaten, mein Junge.“

Ein Junge bin ich wohl kaum mehr, und der Rest kann bis morgen warten. „Gute Nacht, Onkel. Ach ja, ich habe meinen neuen Reitknecht mitgebracht.“ Er wies auf Dan, der sich wieder neben ihn stellte.

Onkel Duncan warf dem Jungen einen abschätzigen Blick zu. „Er gehört in die Stallungen.“ Er wartete die Entgegnung seines Neffen nicht ab. „Wir reden dann morgen, wenn du dich besser fühlst. Jetzt muss ich mich um meine Gäste kümmern. Passen Sie gut auf ihn auf, Nidd. Matthews, wir sehen uns später in der Bibliothek.“ Er eilte zurück in das Speisezimmer. Matthews verbeugte sich ungeschickt und entfernte sich.

Nidd war leichenblass und wirkte unruhig. „Er macht sich Sorgen um Sie, Mylord. Sie wissen ja, wie er ist.“

Garrick seufzte. „Ja, das weiß ich. Doch ich wünschte bei Gott, mein Vater hätte nicht all meine Angelegenheiten in seine strengen Hände gelegt.“

„Damals waren Sie noch ein kleiner Junge, Mylord. Ihr Vater hat nie damit gerechnet, dass er und Ihre Mutter so früh sterben würden.“

Eine traurige Stille trat ein. Garrick empfand sie wie ein Berg aus Granit auf seinen Schultern.

In seinem Zimmer half Nidd ihm aus dem Gehrock. Garrick wies auf den Jungen, der an der Tür stehen geblieben war. „Ich habe wirklich nicht alle Sinne beisammen. Ich hätte ihn direkt mit Johnson zu den Stallungen schicken sollen.“

„Überlassen Sie ihn ruhig meiner Obhut, Mylord. Ich werde ihn hinbringen. Johnson hat erst kürzlich erzählt, wie gut er Unterstützung gebrauchen kann.“

Weshalb gab es immer weniger Bedienstete in diesem Haus? In früheren Zeiten hatte auf jedem Gang ein Lakai gestanden. War etwas nicht in Ordnung? Kümmerte es ihn?

Manchmal schon, und dann brach der alte Zorn hervor, den er mit großer Mühe in Schach zu halten suchte.

Er lehnte sich gegen die Stuhllehne, schloss die Augen und holte tief Luft. „Nehmen Sie ihn jetzt mit, Nidd. Den Rest schaffe ich allein.“ Da er keine Stiefel mehr anhatte, stellte das weitere Auskleiden kein Problem dar. Er öffnete die Augen und sah, wie Nidd dem Jungen eine Hand auf die schmale Schulter legte und ihn hinausführte. „Richten Sie Johnson aus, er soll ihn gut behandeln. Er hatte es bisher schon schwer genug.“

Müde knöpfte er die Weste auf. Er tastete mit den Fingern nach der Uhr. Sie war weg. Erschrocken sah er auf den rechten Ringfinger. Der Siegelring, ein Familienerbstück, das sein sterbender Vater ihm ausgehändigt hatte, war ebenfalls gestohlen worden. Rasende Wut stieg in ihm auf. Diesmal ließ er dem Zorn freien Lauf.

Ausgerechnet jetzt, wo er sich endlich entschieden hatte, musste ihm der Siegelring abhandenkommen! Diese verdammte Frau! Und Fluch auch über ihn, weil er dem Zauber ihres Kusses erlegen war.

Er zog das Hemd aus und sah auf das Himmelbett mit den geschnitzten Insignien des Wappens des Marquess of Beauworth – Schild und weißer Schwan. Das Motiv fand sich auch an den Stuckdecken wieder. Es waren dieselben Insignien wie auf seinem Ring. Er würde ihn zurückbekommen, selbst wenn er ganz England durchforsten musste! Und wenn er die Diebin fand, würde sie den Tag bereuen, an dem sich ihre Wege gekreuzt hatten!

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen hatte Garrick sich weitgehend erholt. Nach einem zeitigen Frühstück durchquerte er die Galerie im zweiten Stock und ging die geschwungene Treppe hinunter. Anmutige Marmorsäulen stützten die hohe Kassettendecke oberhalb eines Zwischengeschosses, das er nicht ohne Schaudern ansehen konnte. Fest entschlossen, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, holte er tief Luft. Er war vierundzwanzig und kein verängstigtes Kind mehr. Er würde der übertriebenen Fürsorge seines Onkels keine Beachtung schenken.

Aus Höflichkeit klopfte er an, bevor er die Tür zur Bibliothek öffnete, und trat dann ein. Ein polierter Eichentisch dominierte das eine Ende des lang gestreckten Zimmers. Onkel Duncan war in die Papiere vor sich vertieft und blickte nicht hoch.

Während Garrick wartete, kamen ihm Erinnerungen aus ganz frühen Tagen, die ihn wie tröstende Arme umschlossen. Es war, als könnte er die Stimme seines Vaters hören und würde dessen schwere Hände auf den Schultern spüren, die damals noch schmal und kindlich gewesen waren. Gemeinsam hatten sie sich über ausgebreitete Karten gebeugt, und der Vater hatte ihm von seinen militärischen Unternehmungen erzählt.

An einem warmen Tag wie diesem waren die französischen Fenster von einer Brise aufgestoßen worden. Die blauen Vorhänge hatten sich gebläht, und der Duft des Rosengartens war in das Zimmer geweht.

Er hasste den Duft von Rosen.

Garrick blinzelte, doch die Erinnerungen hatten sich eingebrannt wie das Licht einer Flamme, das man zu lange betrachtet hatte: ein kleiner Junge mit weit geöffneten Augen, sein Vater, der mit einer Zigarre in die Luft stieß, um einen wichtigen strategischen Coup zu untermalen, bis die Mutter sie hinaus an die frische Luft jagte. Wie sich das Gesicht seines Vaters bei ihrem Eintreten aufhellte! Wie schön sie war in ihrer eleganten Seidenrobe, das gepuderte schwarze Haar kunstvoll hochgesteckt! Lebhaft gestikulierte sie mit den Händen, während sie in einer Mischung aus Französisch und gebrochenem Englisch sprach.

Mutter. Es war wie ein eisiger Windstoß, der völlig unerwartet durch eine geöffnete Tür drang. Alle Wärme verflog, und in seinem Inneren herrschte nur noch kalte Leere. Verdammt! Er hätte Le Clere seinen Entschluss lieber in einem Brief mitgeteilt, wenn das nicht zu feige gewesen wäre.

Irgendwie gelang es Garrick, die Tür zu seinen Erinnerungen zuzuschlagen. Er sperrte sie ein wie die Karten, die sein Vater in die Bibliotheksschränke eingeschlossen hatte, und richtete die Aufmerksamkeit auf Le Clere. Onkel Duncan hatte in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Sein Haar war ergraut, aber noch immer füllig. Er war erst fünfzig, sah aber älter aus. Als ob er seine Blicke gespürt hätte, hob er den Kopf und musterte ihn. Garrick widerstand dem Drang, sein Krawattentuch zu richten. Es machte ihn zornig, dass dieser Mann noch immer eine solche Wirkung auf ihn hatte!

„Komm her, Garrick!“ Die tiefe Stimme, die auch die abgelegenen Teile eines Paradeplatzes erreicht hätte, hallte in der schmalen Bibliothek wie ein Donner. Garrick zuckte zusammen, und die Beule begann wieder zu schmerzen. „Was kannst du mir über diese Verbrecher berichten? Das ist schon das zweite Mal, dass sie eine Kutsche ganz in der Nähe überfallen haben.“

Le Clere nahm seine Aufgabe als örtlicher Friedensrichter sehr ernst, aber Garrick wollte nicht, dass die Schwachköpfe, die in dieser Gegend für Recht und Ordnung sorgten, die dreisten Wegelagerer verscheuchten, bevor er wieder im Besitz des Siegelrings war.

Er zuckte mit den Schultern. „Sie waren maskiert. Ich habe kaum einen Blick auf sie werfen können, bevor ich niedergeschlagen wurde.“ Auf keinen Fall würde er gestehen, von einer Frau überlistet worden zu sein, und er vertraute darauf, dass Johnson über den verdammten Kuss Stillschweigen bewahrte. Verflucht! Lächelte er etwa beim Gedanken daran?

Sein Onkel machte ein säuerliches Gesicht. „Ich hatte gehofft, deine Angaben würden uns ein wenig weiterhelfen. Der letzte Mann, der ausgeraubt wurde, stammelte etwas von einem Gespenst.“ Er holte tief Luft. Garrick wusste, was das zu bedeuten hatte. Kontrolle. Onkel Duncan hasste es, wenn etwas nicht nach seinem Plan verlief. Scheinbar wieder ganz beherrscht, lächelte er. „Egal. Ich bin einfach froh, dass du hier bist und dich endlich deinen Verpflichtungen stellst.“

Ihn plagten Schuldgefühle, als er die hoffnungsvolle Miene des Onkels sah. Doch er hatte sich anders entschieden. „Ich habe beschlossen, zur Armee zu gehen.“

Le Clere setzte sich kerzengerade hin. „Das meinst du nicht ernst.“

Zorn erfasste ihn, und Garrick spürte, wie sich sein Blut erhitzte. „Selbstverständlich meine ich das ernst“, erklärte er erbost.

Onkel Duncan zog die buschigen Brauen zusammen, und sein Gesicht rötete sich vor Wut. Er öffnete den Mund, und Garrick erwartete das Exerzierplatzgebrüll, das ihn als Jungen so eingeschüchtert hatte. Doch Le Clere holte erneut tief Luft, und als er schließlich zu sprechen begann, klang seine Stimme rau, aber beherrscht. „Was hat dich zu dieser Entscheidung veranlasst?“

„Vor einiger Zeit fand ich eines von Vaters Feldzugtagebüchern und habe es in Ruhe in London durchgelesen. Ich hatte fast vergessen, wie sehr es ihn mit Stolz erfüllt hat, seinem Land zu dienen. Ich möchte in seine Fußstapfen treten.“

Le Clere schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich hätte sie verbrennen sollen! Dein Vater hätte sein Leben niemals in dieser unverantwortlichen Weise aufs Spiel setzen sollen, und du solltest das auch nicht tun.“

„Vater hat sich im Krieg nie einen Kratzer geholt.“ Erst nachdem er den Dienst quittiert hatte, war der tödliche Jagdunfall passiert. „Meine Entscheidung steht fest. Du kannst mich nicht davon abbringen.“

Seufzend lehnte sich Le Clere gegen die Stuhllehne. „Wie lange habe ich gearbeitet, um dein Erbe zu sichern, und du tust, als ob das nichts wäre!“

Noch mehr Schuldgefühle. Als ob nicht schon genug sein Gewissen belasten würde. „Ich muss fort.“

„Warum?“

„Du weißt, warum.“

„Seit diesem Vorfall im Eton College ist nichts mehr passiert. Du hast es unter Kontrolle.“

Es. Der Fluch der Familie. Das, worüber sie nie gesprochen hatten, seit jenem Tag, an dem Garrick gelernt hatte, was damit gemeint war.

„Nein.“ Er starrte auf die abgeschürften Fingerknöchel. Wenn sein Cousin Harry ihn nicht von diesem brutalen Bastard fortgezogen hätte, der auf Dan mit einer Mistgabel eingeschlagen hatte, hätte er vermutlich einen Mord begangen.

Le Clere runzelte die Stirn. „Du hast die vergangenen Jahre vergeudet und nichts über die Leitung des Guts gelernt. Wenn du aus dem Krieg nach Hause kommst, lebe ich vielleicht nicht mehr. Ich werde alt, Garrick.“

Garrick zerrte an seinem Kragen. „Ich gehe.“

„Warte ab, bis meine Treuhänderschaft endet. Zwölf Monate sind keine so lange Zeit mehr. Lerne, so viel du kannst. Heirate, bekomme einen Erben, und dann gebe ich dir meinen Segen, zu gehen.“

Le Cleres Unmut hing wie eine dichte Rauchwolke in der Luft. Garrick durfte nicht zulassen, dass sein Onkel seinen Entschluss ins Wanken brachte. So wie er sich selbst sah – als ein lebendes Pulverfass mit kurzer Zündschnur, das nur darauf wartete, beim kleinsten Anlass in die Luft zu fliegen –, würde es nur Schwierigkeiten geben, wenn er in England blieb.

„Mein Entschluss steht fest.“

Le Clere strich sich mit einer Hand durch das Haar. „Was wird aus Beauworth, wenn du fällst?“

„Dann erbt Cousin Harry.“

Der Onkel saß reglos da, als ob er sich in einen Granitblock verwandelt hätte. Sein Gesicht rötete sich beunruhigend, und seine Halsader trat hervor. Du liebe Güte! Bekam er etwa einen Schlaganfall? „Onkel, bitte, reg dich nicht auf.“ Garrick ging zu dem Tisch neben dem Kamin und füllte ein Glas mit Brandy. Er brachte es Le Clere. „Trink das.“

Mit zitternder Hand nahm sein Onkel den Brandy entgegen. Er trank einen tiefen Schluck und starrte in das Glas. „Wie lange wird dein Besuch dauern?“

Ursprünglich hatte er geplant, nur sein Pferd zu holen und dem Onkel Lebewohl zu sagen. Der Verlust des Siegelrings verzögerte die Sache. Der Ring musste hier für Harry bereitliegen. Wenigstens war das Blut seines Cousins nicht vom Familienfluch belastet.

„Eine Woche.“ Das musste reichen, um die verwegene Diebin ausfindig zu machen.

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