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Die sieben Häupter

Die sieben
Häupter

Historischer Roman

von

Guido Dieckmann

Rebecca Gablé

Titus Müller

Helga Glaesener

Horst Bosetzky

Tessa Korber

Mani Beckmann

Malachy Hyde

Ruben Wickenhäuser

Richard Dübell

Belinda Rodik

Tanja Kinkel

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Impressum

Herausgegeben von Titus Müller und Ruben Wickenhäuser

ISBN 978-3-8412-0541-4

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2004 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Dagmar & Torsten Lemme, Berlin unter Verwendung einer Abbildung von Giulio Clovio / Colonna Missale: Berufung des Johannes, um 1532

Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Epilog

Nachwort der Herausgeber

Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel: Siehe, ein großer roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde.

Offenbarung 12,3-4

Prolog

Ein sächsisches Dorf, im Jahre des Herrn 1223

Der Leib des Fremden war eine einzige Wunde.

Ethlind konnte ihre Abscheu kaum verbergen, als sie ihm die schmutzigen Binden von den geschwollenen Fußknöcheln löste. Oberhalb der Wade schien sich die wäßrige Haut mit dem groben Leinen zu einer grotesken Einheit aus Sehnen und Streifen verbunden zu haben. Faustgroße Flecken von Blut und Eiter drangen durch den Stoff und sonderten einen so widerlichen Geruch ab, daß es Ethlind beinahe den Magen umdrehte.

Der Mann drehte sich auf die Seite, krümmte sich und begann leise zu wimmern, dabei hatte sie ihn noch nicht einmal berührt. Die Tortur der Säuberung stand ihm noch bevor. Behutsam legte Ethlind ihre Hand auf seine Stirn. Seine Haut glühte wie ein funkensprühendes Kohlenbecken. Besorgt stellte sie fest, daß seine Augenlider unter ihren sanften Berührungen zuckten, als begehrten sie gegen die unfreiwillige Ohnmacht auf, die ihn nun bereits seit drei Tagen in einem Winkel der sächsischen Bauernkate auf sein Strohlager zwang.

»Ich brauche eine Schüssel Wasser«, rief Ethlind über die Schulter. Sie konnte ihre Dienstmagd im Dämmerlicht der kleinen Kammer kaum erkennen, denn draußen auf der Gasse war es noch zu hell für eine Lampe, und das Herdfeuer brannte, auf Befehl des Bauern, nur in der gemeinschaftlich genutzten Stube. Aber sie wußte, daß Bertha irgendwo im Schatten stand, lauernd wie eine Katze vor dem Mauseloch, und jede ihrer Bewegungen haargenau vermerkte. In der Stube klapperten Holzpantinen über den festgestampften Lehmboden. Ein mißmutiges Husten und Zischen war zu hören.

»Bring mir auch einen Schwamm, er liegt auf dem Wandbord, gleich hinter den irdenen Krügen«, befahl Ethlind mit strenger Stimme. Sie ahnte, daß es der jungen Magd ihres Vaters gegen den Strich ging, ausgerechnet ihr zu gehorchen. Immerhin schlief Bertha seit dem vergangenen Winter, der so hart gewesen war, daß zwölf Dorfbewohner und drei Knechte des Gutsherrn das Zeitliche gesegnet hatten, nicht mehr in der Gesindestube. Sie teilte das Bett des Bauern. Vermutlich rechnet sie sich gute Chancen aus, bald selbst auf dem Hof das Sagen zu haben, dachte Ethlind und verzog den Mund. Als Magd war auf Bertha kein Verlaß, dafür besaß sie jene Qualitäten, von denen die Männer in den Schenken schwärmten, sobald der heiße Würzwein ihren Körper erhitzte. Daß sie ein verschlagenes Biest war, interessierte weder ihren Vater noch die Knechte und Freibauern, denen Bertha im Laufe der vergangenen Monate schöne Augen gemacht hatte.

Ethlind biß sich auf die Unterlippe. Gewiß würde Bertha ihrem Vater heute abend brühwarm berichten, daß Ethlind ihr verboten hatte, zum Gutshaus hinaufzugehen, um seinen Auftrag auszuführen. Daß sie ihre Arbeit vernachlässigte, um mit diesem verlausten Vaganten zusammenzuhocken. Ihm die Wunden zu verbinden. Seinem Gestammel von fernen Ländern zu lauschen …

Ethlinds langer, geflochtener Haarzopf rauschte über die Decke, die sie zum Schutz vor der beißenden Februarkälte über den entblößten Oberkörper des Bewußtlosen gelegt hatte. Sie bestand aus zusammengenähten Kaninchenfellen und gehörte dem Hausherrn. Er war stolz auf diese Decke, zeigte sie überall herum, als versuche er mit ihrer Hilfe Ethlinds Chancen auf dem Heiratsmarkt zu verbessern. Nun aber hatte sie längst den Geruch des Kranken und seines Lagers angenommen. Und auch dafür würde ihr Vater sie verachten.

Sie erhob sich. Ihr war eingefallen, daß es noch einen kleinen Vorrat an Heilkräutern im Hause gab. Der alte Lurias, ein fahrender Krämer, der zweimal im Monat mit seinem Karren den Pfad zum Hofgut einschlug, hatte sie ihr vor Mariä Lichtmeß überlassen, damit sie dem Krampfhusten ihres Vaters zu Leibe rücken konnte. Einige der Arzneien bewahrte sie seitdem in versiegelten Zinnkrügen auf, die in einem Hohlraum zwischen den Schiebesteinen des Kellerfensters klemmten. Bertha wußte nichts von diesem Versteck, und dies war auch besser so.

»Ich gebe Euch etwas gegen das Fieber, sobald das dumme Ding aus dem Haus ist, Herr«, sagte sie leise. Sie warf ihren Zopf zurück, während sie sich von neuem über den Leib des jungen Mannes beugte. Als sie ihn im Graben vor dem Fallgatter des Dorfes aufgelesen hatte, war sein Gesicht unter der dicken Schicht aus geronnenem Blut, Staub und verkrustetem Schmutz kaum zu erkennen gewesen. Aber Ethlind hatte trotz dieses erbärmlichen Anblicks sofort gespürt, daß der Fremde kein gewöhnlicher Bettler oder Trunkenbold war. Er schien auch kein Bauer zu sein, jedenfalls keiner aus der Gegend, denn Ethlind kannte jedes Gehöft an der Straße nach Dessau, gleichgültig, ob es von freien Zinsbauern, wie ihrer Familie, oder Hörigen bewohnt wurde.

Die schlanken weißen Finger dieses Mannes hatten weder jemals einen Pflug geführt noch eine Forke in den Ackerboden geschlagen. Möglicherweise gehörte er dem Ritterstand an, oder er war ein Kaufmann, der auf dem Handelsweg nach Polen Wegelagerern zum Opfer gefallen war. Nun, da Kaiser und Papst sich unter den Edlen des Reiches Verbündete suchten, um ihren unheilvollen Machtstreit auszufechten, gab es kaum noch eine Landstraße, die für unbescholtene Reisende sicher war.

Während Bertha geräuschvoll in der Stube ihres Herrn hantierte, betrachtete Ethlind den Fiebernden. Seine Haut glänzte in dem schwachen Lichtstreifen, der durch die Kammertür drang, wie brüchiger Sandstein. Seine dunklen, gewellten Haare hatte Ethlind mit duftender Honigseife gewaschen, sorgfältig gekämmt und im Genick mit einem Lederriemen zusammengebunden. Den verfilzten schwarzgrauen Bart hatte sie ihm jedoch kurzerhand abgenommen. Sie fand, daß der Fremde trotz seiner entstellenden Blessuren gut aussah. Irgendwie südländisch, auch wenn sie nicht zu sagen vermochte, worauf sich ihr Gefühl begründete, denn sie hatte in ihrem jungen Leben den kleinen Weiler kaum verlassen. Doch wer, bei allen Heiligen, war er? Was hatten die sonderbaren Worte zu bedeuten, die er während seiner ersten Nacht in der Kate im Fiebertraum gerufen hatte?

Cathay … Mongolenpfad …

Energisch schüttelte sie diese Gedanken ab und drehte sich nach der jungen Magd um, die soeben in die Kammer gestapft kam. Bertha balancierte eine bis zum Rand gefüllte Holzschüssel in den Händen. Über ihrem Arm hingen mehrere Streifen Linnen. »Der Bursche ist nicht nur verwundet, sondern schwachsinnig, wenn du mich fragst«, sagte sie mit gerümpfter Nase. »Schwachsinnig oder versponnen wie du selbst und …«

»Dich fragt aber keiner! Stell gefälligst die Schüssel neben den Bettkasten, ehe das ganze Stroh aufweicht!«

Ethlind nahm den Schwamm, tauchte ihn in das eiskalte Wasser und beobachtete einen Augenblick lang gebannt, wie die einzelnen Tropfen unter ihren Händen zurück in die Schüssel perlten. »Du kannst gehen, Bertha. Ich brauche dich heute nicht mehr im Haus.« Kein Mensch braucht dich hier, setzte sie in Gedanken hinzu und lächelte, als die Magd beleidigt hinausging.

Plötzlich drang ein gequältes Seufzen an ihr Ohr. Dem Laut folgte ein Wort, undeutlich, wie das Glimmen eines Feuers, kurz bevor es erlischt. Ethlind hatte dasselbe Wort schon einmal vernommen, damals in der ersten Nacht ihrer Krankenwache. Aufgeregt starrte sie zum Lager des Fremden hinüber.

»Gebt ihm … den Samen des Drachen. Er ist … das Ende der Welt. Der Herr befiehlt …«

Da! Hatte er sie nicht soeben erst angesehen? Einen Herzschlag lang hatten sich ihre Blicke gekreuzt. Ethlind spürte seine Augen wie glühendes Eisen auf der nackten Haut. Es war, als habe das Fieber auch sie heimgesucht.

Die Lippen des Fremden öffneten und schlossen sich rhythmisch, als versuchte er zu kauen.

»Sterbt nicht, mein guter Herr«, flüsterte Ethlind voller Angst. »Ich will, daß Ihr bleibt.«

Er erwachte unter einem Himmelsdach aus rotem Stoff, der glänzte, als hätten sich tausend Sonnenstrahlen in ihm versteckt. Auch die Kissen und Decken, auf denen er lag, fühlten sich glatt und kühl an wie Metall, dabei waren sie zart und warm. Sein Körper duftete nach Orangenblüten, Jasmin und einigen Pflanzen und Früchten, die er nicht einmal kannte. Über ihm, an der Decke des Gemachs, schaukelten große bunte Lampen. Sie waren mit verschiedenen Tierbildern geschmückt und schimmerten durchsichtig wie Pergament. Er hatte nie zuvor etwas Schöneres gesehen, nicht in Ägypten und auch nicht in Persien.

Zwei hübsche, schmale Augen blickten ihn abschätzend an. Sie gehörten einem jungen Mädchen, das eine goldene Glocke in der Hand hielt. Sie war schmaler gebaut als die Mongolenmädchen, die er auf dem Markt der Hafenstadt Kaffa gesehen hatte, doch ihr Haar war ebenso dunkel und glatt. Einen Herzschlag lang sah die junge Frau auf die Glocke in ihrer Hand. Dann öffnete sie die Lippen, um ihn anzusprechen. Ihre Stimme klang süß wie Engelsgesang, aber er verstand kein Wort von dem, was sie sagte. Erst als sie auf seine Kleider und den venezianischen Dolch zeigte, die auf einem herrlich geschnitzten Fußschemel neben dem Bett lagen, kehrte die Erinnerung zu ihm zurück. Er war nicht tot, nicht im Paradies.

Sein Herr, der Kaufmann, war tot. Er war in dessen Kleider geschlüpft. Sein eigentlicher Herr würde es ihm nie verzeihen, wenn er seine Mission nicht erfüllte. Also hatte er die Karten an sich genommen, um den Weg nach Cathay fortzusetzen.

Den langen Weg über den Mongolenpfad.

Bertha hatte sich bei Ethlinds Vater ausgeweint. Soviel stand fest. Als der Bauer gegen Abend in die Stube polterte und nach ihr rief, wußte Ethlind, daß sie sich etwas einfallen lassen mußte. Ärger lag in der Luft.

»Ich will den Kerl nicht länger in meinem Haus haben«, knurrte der Bauer, nachdem er einen flüchtigen Blick auf den Fremden geworfen hatte. »Hast du mich verstanden, Ethlind?« Er warf die knarrende Tür der Kammer ins Schloß und trat ihr entgegen. Ohne Vorwarnung packte er seine Tochter derb am Handgelenk. Seine Augen blitzten bedrohlich, während er sie hinter ihrem Webrahmen hervor und zum prasselnden Feuer zerrte.

»Bertha sollte auf mein Geheiß zum Haupthaus hinauf, um Ritter Hartmann von dem Fremden zu erzählen«, sagte er zornig und spuckte in die Glut. »Dafür hatte ich sie persönlich beim Vogt angemeldet. Der Bruder des Herrn ist nämlich zurückgekehrt. Er möchte den Frühling auf Gut Repgow verbringen und wüßte gewiß …«

»Herr Eike ist zurück?«

»Hab ich doch gesagt, Mädchen!« Der Bauer stieß Ethlind so kräftig von sich, daß sie taumelte und mit der Hüfte gegen die Kante des wuchtigen Eichentisches stieß. Ihr Schmerzensschrei schien ihn zur Besinnung zu bringen, denn er rührte sie nicht mehr an. Statt dessen ergriff er einen gefüllten Krug mit Buttermilch, der neben der steinernen Werkplatte stand, setzte ihn an und trank in so gierigen Zügen, daß sich die Flüssigkeit wie eine weiße Viper über sein Kinn schlängelte.

»Vielleicht ist der Kerl unter meiner Decke ja ein gemeiner Totschläger«, sagte er eine Weile später mürrisch. »Du kennst nicht einmal seinen Namen.« Er lachte höhnisch auf und wischte sich die Milch mit seinem Ärmel aus dem Gesicht. »Cathay wird er doch wohl nicht heißen, oder? Das ist kein Name für einen Christenmenschen!«

Ethlind schwieg. Es war sinnlos, mit ihrem Vater zu diskutieren. Besonders, wenn er gerade von Bertha kam und nach dem betörenden Gift roch, welches ihre scharfe Zunge ihm regelmäßig in die Ohren träufelte.

Cathay war, wenn sie den Worten eines Fiebernden glauben durfte, ein fernes Land unermeßlichen Reichtums. Es lag jenseits des Mongolenpfads, und kein Untertan des Kaisers hatte es bislang jemals betreten. Nachdem der Bauer sich mit einer Schüssel lauwarmen Gemüsebreis in seine Kammer zurückgezogen hatte, öffnete Ethlind die Falltür zum Vorratskeller und ließ sich geräuschlos in die Finsternis hinabgleiten. Sie mußte ihre Zinnkrüge holen, ehe das Fieber ihres Schützlings wieder anstieg. Anschließend schlich sie sich leise in die Kammer zurück. Draußen begann der Wind zu heulen und gegen die Holzläden zu wüten. Gewitterwolken teilten sich den grauen Himmel auf wie eine Kriegsbeute. Wenig später zuckten die ersten grellen Blitze durch die Winternacht.

Er hat von einem Mädchen phantasiert, dachte Ethlind fröstelnd. Sie versuchte, sich die wirre Beschreibung des Mannes ins Gedächtnis zurückzurufen. Ein Kleid aus fließendem Stoff, das im Glanz der Sonne geschillert habe wie der Flügel einer Libelle? Schmale schwarze Augen? Aber da war noch etwas anderes gewesen: Der Mann hatte vom Drachensamen gesprochen. Einem Samen, der die Macht besaß, das Ende der Welt heraufzubeschwören.

Er hatte sie also getäuscht. Nein, nicht er, die Kleider und Waffen seines Herrn waren es, die den Blick seiner Gastgeber vernebelten. Menschen sehen nur das, was sie wirklich sehen wollen, dachte er, während er sich von dem Alten, dem Vater seiner Wächterin, durch dessen Anwesen führen ließ. Der Alte hatte gewiß keinen so jungen Handelsmann erwartet, aber er stellte glücklicherweise nur wenige Fragen. Zum Dank für die großmütige Pflege wechselte der venezianische Dolch seines verstorbenen Dienstherrn den Besitzer.

Der alte Mann sprach ein paar Worte Persisch, so wie er selbst. Er erklärte ihm die Funktion der Sonnenuhr, der Garküchen und der hohen Mauern seines Handelshofes. Letztere sollten einen drohenden Angriff der Mongolen abwehren.

»Die Mauern allein werden Euch nicht vor der Horde des Khans retten«, ließ er den Alten nach dem Rundgang wissen. »Ihr braucht Waffen nötiger als Ingwer, Muskatnuß oder feine Teppiche.«

Zuletzt, nach einigem Zögern, führte sein Gastgeber ihn zu einem Haus, das ein wenig abseits der prächtigen Wohnpaläste in einem Garten stand. Es war rot angestrichen und besaß ein Dach aus Bambusstauden. Der alte Mann nannte es das «Haus des roten Drachen«.

»Heute, nach Einbruch der Dunkelheit, feiern wir den ersten Vollmondtag des neuen Jahres«, sagte der Alte fröhlich. »Du wirst miterleben, was der Samen des Drachen vermag!«

Auf Wunsch des Alten legte er ein Gewand aus blauer Seide an, um den Feiertag zu begehen. Daß dieser offenkundig heidnisch war, störte ihn dabei nicht im geringsten. In diesem Land besaß seine Kirche weder Macht noch Einfluß. Er genoß die lächelnden Gesichter der schwarzhaarigen Mädchen, den Strom des süßen Weines. Bis ein gewaltiger Donnerschlag den Erdboden erzittern ließ. Die Menge im Saal sprang auf, drängte hinaus auf die Aussichtsterrasse. Er ließ sich mitreißen, obgleich der Schreck ihm in alle Glieder gefahren war und seine Beine ihm den Dienst versagen wollten.

Ein Grollen und Zischen brandete auf. Es klang ihm in den Ohren, als öffnete sich der Himmel, um den ewigen Streit zwischen Gut und Böse vor seinen Augen auszufechten. Hoch über seinem Haupt leuchteten riesige Sterne auf. Begleitet von weiteren schweren Donnerschlägen, erschienen sie aus dem Nichts der Dunkelheit und verpufften in einem silbernen Regen. Über den Gärten stiegen Rauchsäulen auf. Die Apfelbäume des alten Gutsherrn schienen in Flammen zu stehen, aber keiner lief davon, um sie zu löschen. Die Menschen klatschten begeistert in die Hände und verneigten sich, bis die Ärmel ihrer seidenen Gewänder den Boden berührten.

Der junge Mann spürte, wie sein Herz schmerzhaft gegen die Rippen hämmerte. Mit geweiteten Pupillen starrte er in die Nacht hinaus. Er zuckte unter jedem Donnerschlag zusammen, doch er rührte sich nicht von der Stelle.

Und dann verließ der Drache sein Haus mit dem gewölbten Bambusdach. Er sah aus, wie die Priester ihn immer beschrieben hatten: rot wie loderndes Feuer, mit sieben schuppigen Häuptern und zehn Hörnern, welche die Luft zerrissen. Goldene Kronen schwebten in einem zuckenden Schweif über seinen Häuptern, und der Schwanz bewegte sich so schnell, daß er die goldenen und silbernen Sterne hinwegfegte und zur Erde warf.

Das Ende der Welt war über sie gekommen, und er war der einzige Mann, der in der Lage war, die Bedeutung des Drachens zu begreifen.

»Nun hast du gesehen, was geschieht, wenn der Drache sein Haus verläßt!« hörte er den Alten zu seiner Linken mit hoher Stimme wispern. Ein gewaltiges Grollen erschütterte den Himmel, und Regen peitschte gegen das Flechtwerk der Bauernkate.

»Nein«, schrie der Fremde in grenzenloser Panik auf. »Die Saat ist verflucht!« Er saß senkrecht auf dem Strohsack und umklammerte seine Decke, als wäre sie ein lebendiges Raubtier, das bereit war, ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Seine glasigen Augen fixierten die winzige Fensterluke, vor der sich die verkrüppelten Äste einer alten Linde im Sturmwind bogen.

Ethlind war sofort bei ihm. Sie hatte sich nahe dem Herdfeuer ein Lager zurechtgemacht. »Beruhigt Euch doch, Herr, Ihr hattet einen bösen Traum«, flüsterte sie, während sie sich vergeblich bemühte, den jungen Mann wieder in die Kissen zu drücken. »Ihr seid noch zu schwach. Eure Wunde am Bein …«

»Wer zum Teufel bist du?« fiel er ihr ins Wort. Er starrte sie feindselig an, ließ es sich aber gefallen, daß Ethlind seine verkrampften Finger öffnete und ihm die Decke entwand. Er hatte die Felle auseinandergerissen. Es würde Tage dauern, bis …

Unwichtig, befand sie. Sie tastete nach dem Tonbecher, den sie kurz vor Mitternacht vorsorglich noch einmal gefüllt hatte, und ließ den Fremden daraus trinken.

»Ihr seid in einem Dorf, das zum Grundbesitz der Herren von Repgow gehört.« Sie holte tief Luft, ehe sie leise hinzufügte: »Und mich nennt man Ethlind.«

»Meine Kleidung … mein Beutel …«, stammelte der Mann. »Hast du den Samen des Drachen gefunden, Mädchen?«

Ethlind verstand nicht sogleich, was er meinte. Der Mann hatte ein zerlumptes Wams getragen, als sie ihn gefunden hatte. Einen Beutel hatte er nicht bei sich gehabt. Als sie ihm dies so schonend wie möglich beibrachte, begann er sie anzuschreien, als wäre er toll geworden. Voller Angst wich sie zurück und bekreuzigte sich. Womöglich hatten ihr Vater und Bertha doch recht gehabt, und der Fremde war schwachsinnig. Unwillkürlich horchte sie, ob sich in dem Verschlag, den ihr Vater bewohnte, etwas regte. Doch es blieb alles still.

»Bitte hilf mir, Ethlind«, sagte der Fremde plötzlich unerwartet sanft. Sein weicher Akzent verstärkte sein Flehen. Er streckte die Hand nach ihr aus. »Hast du mein Wams und den Kapuzenmantel aufbewahrt?«

Sie nickte argwöhnisch.

»Trenne den Saum des Futters auf, unterhalb der Ärmelfalte. Willst du das für mich tun?«

Ethlind entwischte auf Zehenspitzen aus der Kammer. Im Holz der Feuerstelle bemerkte sie noch ein wenig Glut. Hastig entzündete sie eine Talgkerze und kehrte mit dieser in die kleine Schlafkammer zurück, wo der junge Mann sie bereits ungeduldig erwartete. Sie zog die Lumpen unter der Bettstatt hervor und warf sie auf die Decken, daß es staubte. Während sie die Nähte öffnete, spürte sie, wie der Fremde ihr seine Hand auf die Schulter legte. Er begann ihr offenes Haar zu zerwühlen. Ethlind wagte kaum, sich zu bewegen, und hoffte, daß die Naht sich ihren Nägeln noch recht lange widersetzen würde.

»Ich hab’s gefunden«, rief sie nach einer Weile. »Ihr hattet recht, es ist ein Beutel!« Ethlind befühlte das weiche Leder mit ihren Fingerspitzen. Was, um alles in der Welt, konnte an dem Säckchen so kostbar sein? Die merkwürdigen, eckigen Schriftzeichen, die es trug? Sie nahm die Kerze vom Boden auf und führte sie an den Lederbeutel heran.

»Bist du wahnsinnig, Weib?«

Stöhnend warf sich der junge Mann über Ethlind und riß ihr den Beutel aus der Hand. »Fort mit der verdammten Kerze!«

Ethlind gehorchte erschrocken.

»Du mußt den Drachensamen aus dem Haus schaffen«, verlangte der Fremde mit schwacher Stimme. »Auf der Stelle!« Entkräftet ließ er sich auf das Kissen zurücksinken und hielt Ethlind den Beutel unter die Nase. »Ich will nicht, daß du dir den Tod ins Haus holst oder aus Unwissenheit das Jüngste Gericht entfesselst, nur weil du mir aus Barmherzigkeit geholfen hast. Vielleicht fällt dir ein Ort ein, an dem du den Beutel für mich verbergen kannst. Wenigstens so lange, bis ich kräftig genug bin, meine Reise fortzusetzen.«

Nirgendwo im Dorf gab es ein wirklich sicheres Versteck für die geheimnisvolle Gabe. Und wenn Ethlind ehrlich mit sich selber war, so wollte sie das Höllenzeug auch nicht in ihrem Keller, zwischen den Schiebesteinen, wissen. Selbst wenn es ein Vermögen wert gewesen wäre.

Sie wußte jedoch einen anderen Ort, wo niemand das Säckchen aus dem fernen Cathay finden würde. Weder Bertha noch ihr Vater oder irgendein anderer würde dort auf ihr Geheimnis stoßen.

Gegen Morgen ließ der Regen endlich nach. Ethlind band sich ein Wolltuch um den Kopf, verbarg den Beutel des Reisenden unter ihrem Kleid und stahl sich aus dem Haus. Ihr Vater schlief noch tief und fest. Möglicherweise war Bertha bei ihm. Der Fremde – sie hatte nicht einmal nach seinem Namen gefragt – war in einen unruhigen Dämmerschlaf gefallen. Sie mußte zurück sein, bevor er erwachte.

Auf dem Dreschplatz war noch alles still, als Ethlind durch die schmale Kuhpforte mit dem winzigen Türmchen schlüpfte. Ein Hund schlug an, doch er verstummte bereits nach wenigen Augenblicken. Irgendwo in der Nähe knarrte eine Scheunentür.

Ethlind schritt aus, ohne sich umzublicken. Eilig folgte sie dem aufgeweichten Trampelpfad, der hinter dem Anger zum Haus der Herren von Repgow führte.

Der rote Drache hatte sein Haus verlassen.

1. Kapitel

Burg Anhalt, April 1223

Na warte, du Schandmaul, das wirst du büßen!« drohte Henner und hob die Fäuste.

Groß wie Schinken, dachte der eher schmächtige Johann nervös. »Es ist niemals eine Schande, die Wahrheit auszusprechen.«

Damit war alles gesagt. Henner stürzte sich auf seinen Vetter, und Johann hatte gerade noch Zeit zu staunen, wie sehr der Angriff dem einer wütenden Wildsau glich, ehe er niedergewalzt wurde und die Schinkenfäuste auf seinen Kopf hinabfuhren. Er wehrte sich, so gut er konnte, plazierte hier und da einen Gegenschlag und traf Henner mit einem kräftigen Tritt am Schienbein, so daß er ihm einen wütenden Schrei entlockte, aber die schiere Masse seines Gegners drohte ihn zu überwältigen, schnürte ihm die Luft ab, und er bekam wirkliche Angst. Mit fest zugekniffenen Augen legte er die Arme um den Kopf und biß die Zähne zusammen.

»Halt, halt, halt. Ich glaube, das reicht, junger Herr.«

Johann vernahm die Stimme seines Retters nur wie von ferne, aber gleich darauf hörten die Schläge auf, und die erdrückende Last wich von seiner Brust.

Langsam setzte der Junge sich auf und wischte sich verstohlen mit dem Ärmel übers Gesicht, ehe er hochschaute.

Ludger von Repgow stand einen Schritt zur Linken und hatte Henner am Schopf gepackt. In der anderen Hand hielt er seine Laute. »Was denkt Ihr Euch nur dabei, am höchsten Feiertag des Jahres solch eine unwürdige Rauferei anzufangen?«

Henner, der aufgrund seiner Leibesfülle ohnehin schon keinen erkennbaren Hals besaß, zog den Kopf noch weiter zwischen die Schultern und schwieg trotzig.

Ludger ließ ihn los und betrachtete ihn kopfschüttelnd. »Ihr könnt froh sein, daß Vater Thaddäus das nicht gesehen hat.« Dann wandte er sich an Johann, zog ihn auf die Füße und spähte in das blasse, schmale Gesicht. »Ihr seht richtig gefährlich aus mit Eurer blutigen Nase, wißt Ihr. Johann von Brandenburg – der wehrhafte Recke.«

Der Zehnjährige lächelte stolz und tupfte sich mit dem Ärmel das Blut ab. Aber sogleich rann neues nach. »Ich hoffe nur, sie blutet nicht bis Pfingsten weiter.«

Ludger fuhr ihm über die blonden Engelslocken, die die Mägde so entzückten und ihre mütterlichen Gefühle weckten, daß Johann ständig vor ihren Zuwendungen auf der Flucht war. »Bestimmt nicht«, versicherte der junge Ritter. »Besorgt Euch ein feuchtes Tuch. Legt es ein Weilchen darauf. Das stillt die Blutung und verhindert, daß die Nase anschwillt.«

Der Kleine verzog den Mund. »Gut. Sie fühlt sich jetzt schon dick wie ein Kohlkopf an.«

Ludger lachte.

Der achtjährige Otto, der im Schatten einer nahen Linde gestanden und den Streit furchtsam beobachtet hatte, trat nun zu seinem Bruder und zupfte ihn am Ärmel. »Komm, Johann. In der Küche kriegen wir sicher ein Tuch.«

Johann verneigte sich artig vor Ludger. »Habt Dank, Herr.« Dann wandte er sich ab, ohne seinen Vetter noch eines Blickes zu würdigen, und ging zusammen mit Otto davon.

Ludger schaute ihnen einen Moment nach. Arme Waisen, dachte er und unterdrückte ein Seufzen. Er wußte schließlich, wie es war, ohne Vater aufzuwachsen. Es machte jeden Jungen verwundbar, selbst wenn er kein so großes Vermögen geerbt hatte und keiner so mächtigen Familie entstammte wie Johann und Otto von Brandenburg. Ohne Vater lief ein Knabe Gefahr, zum Spielball zu werden, den Interessen irgendeines Vormunds zum Opfer zu fallen. Er mußte immer auf der Hut sein, ständig kampfbereit, ohne je Rückendeckung zu haben.

»Ihr hattet kein Recht, Euch einzumischen, Repgow«, stieß Henner wütend hervor. »Und Ihr könnt sicher sein, daß mein Vater hiervon erfährt.«

Ludger legte die Maske der Höflichkeit ab und betrachtete den Erben seines Herrn mit unverhohlener Abscheu. »Das würde ich mir an deiner Stelle gut überlegen, du Rotzlümmel. Dein Vater hält große Stücke auf Rittertugenden. Und es ist nicht besonders ritterlich, über deinen Vetter herzufallen, der hier zu Ostern euer Gast ist, der ein Jahr jünger ist und obendrein höchstens halb soviel wiegt wie du.«

Henners feistes Pfannkuchengesicht lief rot an. »Aber Johann hat meinen Vater beleidigt! Er hat gesagt, Vater habe es auf sein Land und sein Vermögen abgesehen und würde keine Träne vergießen, wenn die Erben von Brandenburg morgen vom Blitz erschlagen würden!«

Johann hat ja so recht, dachte Ludger, aber das sprach er nicht aus. Er mochte oft unbedacht sein und Gefahr laufen, sich mit seinem Mundwerk in Schwierigkeiten zu bringen, aber er war nicht lebensmüde. »Es hätte dir dennoch gut zu Gesicht gestanden, deinem Vetter gegenüber Nachsicht zu üben. Wenn du ihm mit mehr brüderlicher Großmut begegnetest, könnte er vielleicht auch eher an die echte Zuneigung deines Vaters glauben. Er hat es wirklich nicht leicht, weißt du. Er ist doch im Grunde ganz allein auf der Welt und trägt obendrein die Verantwortung für seinen kleinen Bruder.«

Henner wandte desinteressiert den Blick ab und verschränkte die Arme vor der faßrunden Brust. Es war ganz und gar nicht seine Stärke, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und Anteil an ihren Nöten zu nehmen. Henner hatte nur Mitgefühl für Henner, seine Wünsche und Launen waren ihm oberstes Gesetz. In dieser Hinsicht glich der Junge seinem Vater, dem mächtigen Grafen Heinrich von Anhalt. »Nun, immerhin hat ihr Vater sie nicht bettelarm und hoch verschuldet zurückgelassen«, versetzte er gehässig. »Das Glück ist nicht allen beschieden, nicht wahr?«

Ludger nickte mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Ich bin arm, das ist richtig, aber das werde ich nicht ewig sein, weißt du. Du hingegen bist eine häßliche fette Kröte, und ich habe Zweifel, ob sich daran je etwas ändern wird …«

Henner bewegte sich schneller, als es der junge Ritter je für möglich gehalten hätte, riß seinen Dolch aus einer Scheide am Gürtel und führte damit einen tückischen Stoß auf Ludgers Nabelgegend. Der wich jedoch mühelos aus und lachte. »Oh, die Kröte hat einen Stachel, ja gibt’s denn so etwas?« Doch in Wirklichkeit war er nicht wenig erschrocken. Es war ihm nicht neu, daß der Erbe seines Herrn unberechenbar und voller Heimtücke war, aber es war ihm nie in den Sinn gekommen, daß der elfjährige Bengel tatsächlich gefährlich sein könnte. Er ließ die Hand mit dem Dolch nicht aus den Augen, fing sie beim nächsten Stoß mit der Linken ab und bog sie nach hinten, so daß der Junge aufjaulte und die Klinge fallen ließ.

Ludger gab sein Handgelenk frei, hob den Dolch aus dem Gras auf und reichte ihn ihm mit einer spöttischen Verbeugung, die Laute immer noch in der rechten Hand. »Steck ihn weg. Und laß mich dir einen Rat geben: Es will gut überlegt sein, gegen wen man eine Klinge zieht. Du solltest dich zuvor immer fragen, ob es sich lohnt und ob du deinen Gegner besiegen kannst. Denn es mag ebenso dein Blut sein wie seins, das fließt. Hast du verstanden?«

Zornestränen schimmerten in Henners wäßrig blauen Augen. Er brachte kein Wort heraus, riß Ludger die Waffe aus der Hand und stapfte davon. Im Gehen steckte er seinen Dolch zurück in die Scheide.

Ludger kehrte zu dem niedrigen, moosbewachsenen Mäuerchen nahe dem Pferdestall zurück, auf dem er gesessen und die Laute gespielt hatte, bevor er die kleinen Kampfhähne entdeckte, und nahm wieder Platz. Aber er spielte nicht weiter. Ebenso gedankenverloren wie liebevoll strich er über den schmalen Hals des Instruments, schaute zu der großen Backsteinhalle hinüber und wünschte plötzlich, sein Onkel Eike wäre noch hier.

Eike von Repgow war ein gelehrter, hochgeachteter Mann und gehörte zu Graf Heinrichs engsten Vertrauten. Vor einem knappen Jahr hatte er den Neffen im Haushalt des Grafen untergebracht, nachdem er erkannt hatte, daß Ludgers Liebe zum Lautenspiel und zu schönen Versen mehr als eine vorübergehende Laune war. Graf Heinrich von Anhalt war nicht nur ein mächtiger Reichsfürst, sondern ebenso ein gefeierter Dichter, der an seinem Hof gern Spielleute und Verseschmiede um sich sammelte, wann immer seine Zeit und die politische Lage es zuließen. Und Ludger war seinem Onkel dankbar. Endlich war er dem Stumpfsinn ihres bescheidenen heimischen Guts in Repgow entkommen, wo er sich seit der Rückkehr aus der Klosterschule wie lebendig begraben gefühlt hatte. Hier hatte er Musiker getroffen, von denen er viel lernen konnte, nicht zuletzt Graf Heinrich selbst. Aber Freunde hatte er nicht gefunden. Am Hof des Grafen gab es zuviel Neid und Mißgunst, zu viele Intrigen. Ludger fürchtete immer, in diesen Sumpf hineingezogen zu werden und darin zu ertrinken, wenn er hier irgendwem die Hand reichte.

Vermutlich war er gar zu vorsichtig. Es war ihm noch nie leichtgefallen, Vertrauen zu fassen. Er war es einfach gewohnt, allein zu sein. Sein Vater, Ludwig von Repgow, hatte wenige Wochen vor Ludgers Geburt mit dem Grafen von Flandern das Kreuz genommen und war bei der Einnahme von Konstantinopel gefallen. Ludwigs junge Frau war bei der Geburt verblutet. So blieb Ludger allein zurück. Eine Geschichte, wie es zahlreiche gab. Und er hatte mehr Glück gehabt als viele andere, denn die beiden Brüder seines Vaters, vor allem sein Onkel Eike, hatten immer für ihn gesorgt. Ludger hatte nie gehungert, nie gefroren, hatte nie in Lumpen gehen müssen. Doch Onkel Hartmann, der älteste Bruder seines Vaters, war ein schroffer, manchmal tobsüchtiger Mann, der keine Zuneigung für seinen Neffen empfand und seine eigenen Söhne, die ihm ähnlich waren, vorzog. Onkel Eike hatte weder Frau noch Kinder und lebte allein für seine gelehrten Schriften und vor allem für das umfassende Rechtsbuch, welches er verfaßt hatte und gerade zu übersetzen begann. Darum hatte auch er seinem Neffen nie viel Zeit oder Aufmerksamkeit gewidmet, und so war Ludgers Kindheit eben meist eine einsame gewesen. Nicht, daß er seinem Onkel Eike irgend etwas vorwerfen würde, im Gegenteil. Aber er hegte immer die Hoffnung, daß sie sich vielleicht jetzt, da er selbst erwachsen war, näherkommen könnten, denn das Interesse an Rechtsgebräuchen und am geschriebenen Wort war ihnen gemein. Doch der Onkel war auf unbestimmte Zeit nach Repgow zurückgekehrt, um in Ruhe an der deutschen Übersetzung seines Sachsenspiegel zu arbeiten. Ludgers Angebot, ihn zu begleiten und ihm bei dieser schwierigen Aufgabe zu helfen, hatte der Onkel mit einem zerstreuten Kopfschütteln abgelehnt. »Nein, nein. Du bleibst hier, mein Junge. Tu das, was Kerle in deinem Alter heutzutage üblicherweise machen: Such dir eine Frau, die du anbeten kannst, und schreib ihr Verse.«

Ludger gestattete sich einen tiefen Seufzer und ein kleines, wehmütiges Lächeln. Wie immer hatte er getan, was sein Onkel ihm aufgetragen hatte. Er hegte allerdings Zweifel, daß Eike von Repgow besonders erbaut wäre, sollte er je die Einzelheiten erfahren …

Anhalt war eine eher unbedeutende, nicht sehr große Anlage im östlichen Harz; der eigentliche Stammsitz der gräflichen Familie lag in Aschersleben. Doch Markgraf Albrecht »der Bär«, der Graf Heinrichs Großvater gewesen war, hatte solchen Gefallen an Anhalt gefunden, daß er die geschleifte Burg wieder aufbauen ließ, und zwar aus Backstein. Anfangs war seine »Ziegelfestung« vielerorts belächelt worden, aber inzwischen waren die Spötter verstummt. Denn während ihre eigenen Burgen verfielen oder deren Erhalt ihr Vermögen verschlang, stand Burg Anhalt nach mehr als fünfzig Jahren immer noch, hatte in diesen unruhigen, gesetzlosen Zeiten manchem Ansturm getrotzt und war obendrein hübsch anzusehen. Von all den vielen Burgen, die Graf Heinrich besaß, mochte Ludger diese am liebsten, und er war froh, daß der Haushalt das diesjährige Osterfest hier verbrachte. Die Fenster der großen Halle, wo man sich eine Stunde nach dem Hochamt zum Ostermahl versammelte, waren nicht groß, aber zahlreich, und das helle Frühlingslicht strömte herein.

Ludger saß an seinem Platz weit unten an einem der Seitentische, blinzelte, so daß die Sonnenreflexion auf den silbernen Bechern und Leuchtern zu Strahlenkränzen zerfloß, und lauschte mit mäßigem Interesse seinem Tischnachbarn, der ihm, seit sie Platz genommen hatten, ohne Unterlaß von einem endlosen Versepos vorschwärmte, das er schon vor längerer Zeit verfaßt, aber noch nicht ganz fertiggestellt hatte. Der Mann kam aus dem fernen Straßburg, war auf der Durchreise und hatte auf Einladung des Grafen hier ein paar Tage haltgemacht. Ludger hätte ihn gerne nach den Städten und Landschaften im Süden befragt, denn er hatte noch nichts von der Welt gesehen und war immer erpicht auf Geschichten aus der Fremde, doch der Kerl redete von nichts anderem als von Versmaßen und Reimformen und seiner verworrenen, unvollendeten Geschichte, in der sämtliche Frauen Isolde zu heißen schienen. Ludger langweilte sich bald und sehnte den ersten Gang herbei. Nach vierzig Tagen Fastenzeit konnte er sich kaum noch erinnern, wie Fleisch, Eier und Butter schmeckten.

Endlich erschien der Graf mit seiner Familie. Heinrich blieb einen Moment hinter seinem thronartigen Sessel auf der Estrade stehen, um den Haushalt und seine Gäste zu begrüßen und ihnen ein gesegnetes Osterfest zu wünschen. Ludger betrachtete ihn, wie immer hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Argwohn. Heinrich von Anhalt war kein junger Mann mehr, er mußte gewiß über fünfzig sein. Er war groß von Gestalt und – ganz im Gegensatz zu seinem Erstgeborenen – geradezu hager. Haar und Bart waren dunkel und von Silberfäden durchzogen, und er trug ein wadenlanges Gewand aus mitternachtsblauem Seidendamast, das seine natürliche Würde betonte. Seine langfingrigen Hände waren zu einer einladenden Geste erhoben, das huldvolle Lächeln wirkte natürlich, doch ebenso routiniert. Und es erreichte die Augen nicht, die so wässrig blau waren wie die seines Sohnes. Ludger wußte einfach nie, was er von diesem Mann zu halten hatte. Heinrich war stets freundlich zu ihm, von geradezu erlesener Höflichkeit. Aber Ludger konnte das Gefühl nicht abschütteln, daß dies nur eine Maske war, hinter die er noch nie geschaut hatte. Er schämte sich dieses Verdachtes, denn Graf Heinrich hatte ihn willig in seinen Haushalt aufgenommen und ihm gar eine Laute geschenkt. Ludger wußte selbst, es war undankbar und treulos, seinem Dienstherrn zu mißtrauen.

Heinrich machte einem Pagen ein Zeichen, der ihm den Sessel zurechtrückte, und der Graf nahm darauf Platz. Seine Gemahlin setzte sich an seine Seite und schenkte den an der Tafel Versammelten ihrerseits ein Lächeln.

Irmgard von Thüringen war höchsten halb so alt wie ihr Gemahl. Der Schleier und das straffe Gebinde, welches ihr Kinn umschloß, ließen wenig vom Gesicht frei, doch die Wangen zeugten von frischer, lilienweißer Haut und natürlichem Liebreiz. Auch ihre Gewänder waren kostbar: Eine lindgrüne Seidenkotte schimmerte unter einem ärmellosen Überkleid aus dunkelgrünem Damast, das in zahllosen schmalen Falten bis auf die Füße fiel. In der Taille war es mit einem geflochtenen Gürtel aus Goldbrokat gerafft, und wer diese Taille sah, konnte kaum glauben, daß die sechs Kinder, die der Gräfin folgten, alle ihre eigenen sein sollten. Und dennoch war es so: Mit vierzehn war Irmgard mit dem Grafen von Anhalt vermählt worden, hatte ihm ein knappes Jahr später seinen Erben und in den elf Jahren seither vier weitere Söhne und ein Töchterchen geschenkt.

Ludgers Tischnachbar unterbrach seinen Vortrag abrupt, starrte gebannt zu ihr hinüber und murmelte: »Welch eine Blume der Courtoisie hier im nördlichen Ödland der barbarischen Sachsen.«

Ludger bedachte ihn mit einem Stirnrunzeln. Er schätzte es nicht, wenn man ihn als Barbaren und seine Heimat als Ödland bezeichnete. »Ich bin beglückt, daß Ihr die Halle, wo man Euch aufnahm, für würdig befindet, Herr Gottfried«, erwiderte er ein wenig steif.

»Touché.« Der Dichter lächelte reumütig. »Welche Farbe hat ihr Haar?«

»Blond. Wie gesponnenes Gold.«

Gottfried hob den Becher, welchen sie teilten, an die Lippen. »Woher wißt Ihr das so genau?« fragte er und trank.

»Es ist die Farbe ihrer Wimpern und Brauen.«

»Verstehe. Nun, ich bin überzeugt, das grüne Seidenband an Eurer Laute paßt hervorragend zu Haar aus gesponnenem Gold.« Er wies auf das Instrument, das hinter Ludgers Platz an der Wand lehnte, und grinste anzüglich. »Werdet Ihr mir nach dem Essen etwas vorspielen?«

»Nein, lieber nicht. Ich bin noch nicht besonders gut.«

»Und bescheiden«, erkannte Gottfried überrascht. »Eine Eigenschaft, die man in unserem Beruf nur höchst selten antrifft.«

Ludger nahm ihm den Becher ab, trank ebenfalls und versteckte seinerseits ein Grinsen. Dieser Gottfried kannte seine eigenen Schwächen, das mußte man ihm lassen.

Unter vernehmlichem Raunen wurden Lammbraten und Speckpfannkuchen aufgetragen. Eine Weile widmeten sich alle den lang entbehrten Gaumenfreuden, doch als der ärgste Hunger gestillt war, erwachte die Neugierde des Fremden wieder. »Das ist also der gefürchtete Heinrich von Anhalt, der sich gegen den Staufer gestellt hat, der seinem Bruder, dem Herzog, und sogar dem mächtigen Erzbischof von Magdeburg das Leben schwermacht. Ist es wirklich wahr, daß er den Abt vom Kloster Nienburg hat blenden lassen?«

»Hm.« Ludger nickte. »Und wo er gerade dabei war, hat er ihm auch gleich noch ein Stück der Zunge abschneiden lassen.«

»Warum?«

Ludger hob gleichmütig die Schultern. »Ich nehme an, der Abt hatte irgendwas gesagt, was der Graf nicht hören wollte. Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Es geschah vor vier Jahren, lange bevor ich herkam.«

Der Gast wischte versonnen sein Speisemesser am Tischtuch ab. »Und die acht Bälger an der hohen Tafel sind alle seine?«

»Nur sechs. Die kleinen Blonden sind Otto und Johann von Brandenburg.«

»Ah. Die markgräflichen Waisenknaben.«

»Ihr kennt Euch gut aus, Herr Gottfried.«

»Und der Fettkloß ist der Erstgeborene und seines Vaters ganzer Stolz?«

Ludger verzog das Gesicht und nickte. »Heinrich. Alle nennen ihn Henner. Alle außer seiner Mutter, die ihn verabscheut. Aber der Graf findet großen Gefallen an seinem Sohn, da habt Ihr völlig recht. Vermutlich, weil auch Henner zu denen zählt, die sich unbequemer Menschen am liebsten mit einer scharfen Klinge entledigen würden.«

Gottfried richtete sich auf und betrachtete ihn mit hochgezogenen Brauen. »Ihr habt eine lose Zunge, wenn Ihr mir die Bemerkung verzeihen wollt, Ludger von Repgow.«

»O ja. Ich weiß. Mein Onkel wird nie müde, mich ob der unabsehbaren Folgen zu warnen.«

Der Dichter winkte ab. »Ich hingegen beglückwünsche Euch zu Eurem Scharfblick. Eine wichtige Gabe in unserem Geschäft, denkt Ihr nicht?«

Nach dem Festmahl blieb der Großteil der Gesellschaft in der Halle, um noch einen Becher Wein zu trinken, von den kandierten Früchten zu naschen und den Liedvorträgen des Grafen und der übrigen anwesenden Dichter zu lauschen. Wegen des hohen Festes verzichteten die Sänger heute darauf, ihre jeweilige Angebetete zu preisen, und beschränkten sich auf fromme Themen. Nicht wenige der Lieder handelten vom heiligen, gerechten Krieg gegen die Heiden und von den frommen, tapferen Rittern, die ins Morgenland zogen, um ihn auszufechten. Ludger hatte für Kreuzzugsdichtung nicht viel übrig, weil der heilige, gerechte Krieg ihn den Vater gekostet hatte, und so verabschiedete er sich schließlich von seinem sonderbaren Tischnachbarn, um sich ein ruhiges Plätzchen zu suchen und selbst noch ein Weilchen zu spielen.

Sein Quartier lag in einem bescheidenen Kämmerlein im Dachgeschoß des Hauptgebäudes, und er teilte es mit zwei weiteren jungen Rittern aus dem Gefolge des Grafen. Aber da er sie beide in der Halle beim Würfelspiel gesehen hatte, war er zuversichtlich, die erhoffte Ruhe zu finden. Kaum hatte er sich zur Treppe gewandt, holte ihn jedoch ein sehr junger Knappe ein und faßte ihn schüchtern am Ärmel. »Vergebt mir, Herr Ludger, aber Vater Thaddäus wünscht Euch zu sprechen. Jetzt gleich, wenn es geht, läßt er ausrichten.«

Ludger runzelte die Stirn. »Was will er von mir?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Das hat er mir nicht gesagt. Könnt Ihr mitkommen?« fragte er mit bangem Blick. Vater Thaddäus flößte allen am Hof Respekt ein, aber vor allem die Knaben, die von ihm unterrichtet wurden, zitterten vor ihm.

»Natürlich.« Ludger folgte dem Jungen. Dieser führte ihn nicht zurück in die Halle, wie er erwartet hatte, sondern in den Hof hinaus. Der Himmel war unverändert blau, aber ein scharfer Wind war aufgekommen, der Ludger daran erinnerte, daß der Winter noch nicht lange vorüber war. Die Narzissen, die hier und da in spärlichen Büscheln im Gras standen, neigten sich in den kräftigen Böen.

Am westlichen Ende der inneren Mauer erhob sich das Torhaus, und dort erwartete Thaddäus ihn. Er hatte die Hände in die Ärmel seines makellosen schwarzen Habits gesteckt und erweckte den Anschein, er besitze die Geduld eines Engels. Der Stallknecht, der mit einem gesattelten Pferd an jeder Hand neben ihm wartete, trat hingegen rastlos von einem Fuß auf den anderen.

Ludger neigte ehrerbietig das Haupt vor dem Benediktiner. »Ihr habt nach mir geschickt, Vater?«

Thaddäus lächelte. »Ganz recht, mein Sohn. Mir kam plötzlich in den Sinn, wie erbaulich es wäre, ein Stück durch die Frühlingsluft zu reiten. Aber in diesen gefahrvollen Tagen täte ich das nur ungern ohne Begleitung. Wäret Ihr wohl so gut?«

»Selbstverständlich, Vater.« Ludger glaubte ihm kein Wort. Er wußte nicht viel über den Geistlichen, aber eines stand fest: Thaddäus von Hildesheim war kein Mann, der sich plötzlichen Grillen hingab, und er war Ludger bislang auch nie als großer Pferdenarr aufgefallen. Kein Zweifel, der Mönch wollte irgend etwas von ihm.

Der Stallknecht hievte Thaddäus in den Sattel, während der junge Ritter sich ohne Hilfe aufs Pferd schwang, und dann ritten sie Seite an Seite durchs Tor.

Burg Anhalt lag inmitten dichter Tannenwälder auf der Kuppe eines steilen Hügels. Behutsam staksten die Tiere den felsigen Weg zwischen den beiden hohen Mauern entlang zum Ostende der Anlage, wo das Außentor lag. Ludger hatte schon oft gedacht, wie verflucht lästig es war, jedesmal den ganzen Weg von einem Ende der Burg zum anderen zurücklegen zu müssen, wenn man sie betreten oder verlassen wollte. Die entgegengesetzte Ausrichtung der Tore diente zweifellos dazu, mögliche Angreifer aufzuhalten, aber im Alltag war sie höchst unpraktisch.

Als sie die Wache am äußeren Tor passiert und den Fuß des Hügels erreicht hatten, fragte Ludger: »Haben wir ein bestimmtes Ziel, Vater?«

Der Mönch schüttelte den Kopf und machte eine vage Geste. »Laßt uns vom Dorf wegreiten. Ein Stück durch den Wald? Das Wiedererwachen der göttlichen Schöpfung begutachten? Das muß für einen Minnesänger wie Euch doch sehr anregend sein.«

Ludger errötete. »So würde ich mich nie zu nennen wagen.«

Thaddäus hob die Schultern. »Und dennoch höre ich, daß Ihr Fortschritte macht, wenn der Graf Euch gelegentlich nötigt, in der Halle vorzutragen.«

Ohne Eile ritten sie den schmalen Pfad zwischen den hohen Tannen entlang, in denen der Wind sang. Irgendwo klopfte ein Specht.

Ludger betrachtete seinen Begleiter verstohlen aus dem Augenwinkel. Thaddäus von Hildesheim hatte die stämmige Statur und das rotwangige Gesicht eines Bauern, aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Wie Ludger selbst war er Sproß eines Rittergeschlechts, außerdem war er ein weitgereister Mann und neben Ludgers Onkel Eike mit Sicherheit der größte Gelehrte im Gefolge des Grafen. Er diente ihm als politischer Berater, war der geistliche Beistand der Familie und unterrichtete die gräflichen Sprößlinge. Er war nicht nur Benediktiner, sondern auch Priester und hatte einige Jahre in Rom verbracht, ehe er dem Aufruf des Papstes gefolgt und zur Niederwerfung der Ketzer nach Südfrankreich gezogen war, wo er, so hatte Onkel Eike gehört, bei der Abschlachtung der Ungläubigen gelegentlich selbst mit Hand angelegt hatte. Schließlich war er in die Heimat zurückgekehrt und hatte am erzbischöflichen Hof in Magdeburg einen kometenhaften Aufstieg genommen, der jedoch ein jähes Ende fand, als er sich mit dem Erzbischof überwarf. Es war gewiß kein Zufall, daß er anschließend in den Dienst des Grafen getreten war, denn ihr Haß auf den Erzbischof machte sie zu Verbündeten.

»Wollt Ihr bis in meine Seele blicken, daß Ihr mich so lange anschaut?« fragte Thaddäus schließlich.

Ludger wandte hastig den Kopf ab und biß sich auf die Lippen. Er war sicher gewesen, seine heimliche Inspektion sei unbemerkt geblieben. »Ich bitte um Vergebung, Vater. Ich … mußte daran denken, wo Ihr schon überall gewesen seid und was Ihr alles erlebt haben mögt.«

»Seid Ihr etwa reiselustig, mein junger Freund?«

»Ja«, gestand Ludger ein wenig verlegen und fügte rasch hinzu: »Versteht mich nicht falsch. Ich bin gern im Dienst des Grafen. Das Leben hier ist besser und … geistvoller, als ich es mir je hätte träumen lassen. Aber manchmal frage ich mich, wie es wohl wäre, richtige Berge zu sehen. Oder eine fremde Sprache zu hören.«

»Nun, dafür bräuchtet Ihr nur nach Thüringen zu wandern«, warf Thaddäus trocken ein.

Ludger lachte. Es war ein Lachen reinen Frohsinns, das sich in den blaßblauen Frühlingshimmel erhob und mit dem Gezwitscher der Vögel vermischte. Er erinnerte sich später so genau an diesen Moment, weil es das letzte Mal war, daß er sich unbeschwert fühlte.

»Ihr müßt mich für einen hoffnungslosen Träumer halten«, mutmaßte er.

Der Mönch schüttelte den Kopf. »Es ist ganz natürlich, daß ein junger Heißsporn wie Ihr die Welt erkunden will. Im übrigen trifft es sich ausgesprochen gut, daß Euch die Wanderlust gepackt hat.«

»Wieso?« fragte Ludger verwundert.

»Dazu kommen wir noch.« Plötzlich klang der Geistliche sehr geschäftsmäßig. Er streckte eine rundliche Hand aus und wies nach rechts. »Da vorn ist eine Lichtung. Laßt uns dorthin reiten. Sie bietet Schutz vor dem Wind und ein wenig Sonne.«

Ludger folgte ihm wortlos. Eine eigentümliche Unruhe mischte sich in seine Neugierde.

Die Lichtung war mit Gras und braunem Farn vom Vorjahr bedeckt, und in der Mitte lag ein stiller Tümpel. Am Ufer saßen sie ab, Thaddäus reichte Ludger die Zügel seines Wallachs, und der junge Ritter band die Tiere an einen kleinen Holunderbaum, der schon erste, zarte Blätter zeigte.

Vater Thaddäus verfolgte versonnen den Flug einer Krähe, die schließlich am Rand der Lichtung auf einem Ast landete, ehe er die Arme verschränkte und bemerkte: »Ihr seid ein heller Kopf, Ludger von Repgow, nicht wahr? Darum wird es Euch nicht überraschen, wenn ich Euch sage, daß dieser Ausritt keine eitle Laune war.«

»Es überrascht mich nicht«, bestätigte Ludger.

»Mir lag daran, daß wir ungestört sind, denn es ist eine delikate Angelegenheit, die ich mit Euch zu erörtern habe. Oder genauer gesagt, mehrere delikate Angelegenheiten.«

Ludger spürte seine Hände feucht werden, aber er bemühte sich nach Kräften, sich nichts von seiner Nervosität anmerken zu lassen. »Ich bin ganz Ohr, Vater.«

»Ich möchte Euch auf eine kleine Reise schicken. Vorerst leider nicht in die Fremde, sondern erst einmal nach Hause, aber ich bin nicht sicher, ob Repgow schon das Ziel Eurer Aventiure sein wird, versteht Ihr?«

»Um ehrlich zu sein, nein.«

»Nun, das werdet Ihr gleich. Der Graf hat sein Einverständnis gegeben, daß ich Eure Dienste ein Weilchen in Anspruch nehme, denn diese Sache liegt vor allem in seinem Interesse.«

»Warum stehe ich dann vor Euch und nicht vor ihm?« fragte der junge Ritter.

Zum ersten Mal wich der Ausdruck von Gleichmut aus den Zügen des Priesters, und plötzlich verstand Ludger, warum die Knaben am Hof diesen Mann mehr fürchteten als den Teufel selbst. »Ihr wäret gut beraten, mir ein wenig mehr Respekt zu erweisen, Repgow.« Der Tonfall war unheilvoll, so daß Ludger einen heißen Stich verspürte. »Der Graf hat die ganze Angelegenheit in meine Hände gelegt«, fuhr der Geistliche fort. »Und darum werdet Ihr allein mir Bericht erstatten und niemandem sonst. Strikte Geheimhaltung ist von größter Wichtigkeit.«

Ludger nickte knapp. »Sagt mir nur, was ich tun soll. Meiner Verschwiegenheit könnt Ihr Euch gewiß sein.«

Der Mönch steckte die Hände in die Ärmel seiner Kutte, was ihm für einen Augenblick einen Anschein von Demut verlieh, der so gar nicht zu ihm passen wollte. Doch gleich darauf zog er die Rechte wieder aus dem linken Ärmel, wo offenbar eine kleine Tasche eingenäht war, und hielt sie Ludger ausgestreckt hin. Ein winziges Reliquiar aus getriebenem Silber lag darauf. »Ich bin überzeugt, daß auf Euch Verlaß ist, sonst wäret Ihr nicht hier. Aber ich fürchte, die Versicherung Eures Stillschweigens reicht nicht ganz. Ihr müßt schwören, vor niemandem je ein Wort dessen zu wiederholen, was hier heute gesprochen wird, ganz gleich, wie die Umstände sein mögen.«

Ludger nickte bereitwillig, wies aber mit dem Finger auf das Reliquiar und fragte: »Was ist das?«

»Ein Fingerknochen des heiligen Ägidius«, erklärte der Mönch mit unverhohlenem Stolz. Der Schutzpatron aller Narren, dachte der junge Ritter. Also genau der richtige für mich. Er legte zwei Finger der Linken auf die silberne Schatulle und hob die Rechte. »Ich schwöre.« Dann ließ er die Hände sinken. »Nun denn. Was ist es, das ich tun soll, Vater?«

»Ich möchte, daß Ihr etwas beschafft.«

Mit einemmal geriet Vater Thaddäus ins Stocken und wirkte eigentümlich unsicher, als wisse er nicht so recht, welche Worte er wählen sollte.

Ludger schaute ihn unverwandt an. »Das heißt, ich soll etwas stehlen, nehme ich an.«

Der Benediktiner sagte weder ja noch nein. »Es handelt sich um ein Geheimnis. Keine Worte auf Pergament, nicht die Lösung eines Rätsels, sondern ein … Ding. Doch das entscheidende ist, daß es ein Geheimnis ist. Der Bruder des Grafen, der Herzog von Sachsen, wollte es sich aus einem fernen Land herbringen lassen, aber sein Bote wurde … aufgehalten.«

»Von Euren Leuten«, mutmaßte Ludger. Was immer dieses Geheimnis sein mochte, es war gewiß von großem Wert, und allein die Tatsache, daß der Herzog von Sachsen es wollte, reichte aus, um auch Graf Heinrichs Interesse zu wecken. Die Brüder waren einander spinnefeind.

»Von wem auch immer«, entgegnete Thaddäus gleichgültig. »Der Bote ist nicht von Bedeutung, sondern nur das, was er bei sich trägt. Seine Spur verliert sich unweit von Repgow. Reitet hin. Solltet Ihr ihm begegnen, müßt Ihr feststellen, ob er es noch besitzt, und es um jeden Preis an Euch bringen. Seid versichert: Dieses Geheimnis ist von solcher Bedeutung und birgt so … entsetzliche Gefahren, daß beinah jedes Mittel recht erscheint, um es in die sicheren Hände der Kirche zu bringen. Was immer Ihr also tun müßt, um den Boten unschädlich zu machen, geschieht im Dienste der Kirche und zum Wohle ihrer Gläubigen, darum werde ich Euch Absolution erteilen. Versteht Ihr, was ich sage, mein Sohn?«

Thaddäus’ mildes Lächeln machte Ludger schaudern. Er verstand ihn nur zu gut. Der junge Ritter verschränkte die Arme. »Sucht Euch einen anderen, Vater. Ich werde es nicht tun.«

»Was soll das heißen? Ich glaube, Ihr verkennt die Lage, Ihr Flegel. Ich bitte Euch nicht. Ich befehle es.«

»Und ich werde es trotzdem nicht tun.«

»Das würde ich mir an Eurer Stelle gut überlegen.«

»Es gibt nichts zu überlegen. Ich bin überzeugt, Ihr könnt mich beim Grafen in Ungnade stürzen, und gewiß werdet Ihr das tun. Aber ich werd’s überleben. Doch dieses Geheimnis, was immer es sein mag, wird mich am Ende so überflüssig machen wie Herzog Albrechts Boten. Und unbequeme Mitwisser finden nur gar zu oft ein vorzeitiges Ende, ist es nicht so? Nein, vielen Dank. Ich habe dem Grafen einen Eid geleistet, für ihn zu kämpfen, wenn er es befiehlt, aber von Ränkespielen war nicht die Rede.«

Thaddäus machte einen Schritt auf ihn zu und lächelte frostig. »Wie ich sagte: Ein heller Kopf. Ich behaupte nicht, Eure Bedenken seien gänzlich unbegründet …«

»Das erleichtert mich.«

»… aber Ihr werdet es dennoch tun.«

»Wenn Ihr Euch da nur nicht täuscht.«

Thaddäus’ Lächeln wurde eine Spur echter, als finde er Gefallen an diesem Wortwechsel. »Ihr sagtet, ich könne Euch beim Grafen in Ungnade stürzen, aber Ihr würdet es gewiß überleben. Nun, mein Sohn, ich fürchte, in genau diesem letzten Punkt irrt Ihr. Denn ich weiß, daß Ihr die angeblich so tugendsame Irmgard besprungen habt.«

Ludger spürte, wie sein Gesicht kalt wurde. Er brauchte sein Entsetzen nicht zu spielen. Kopfschüttelnd wich er einen Schritt zurück. »Wie … wie könnt Ihr es nur wagen, der Gräfin solch eine abscheuliche Sünde zu unterstellen?«

Thaddäus winkte gelangweilt ab. »Das Heucheln könnt Ihr Euch sparen, Bürschchen. Ich sagte, ich weiß es.«

Ludger stieß hörbar die Luft aus und ließ die Arme sinken. »Woher?« Es klang tonlos.

»Sie hat es gebeichtet.«

Oh, mein Gott, sie muß wahnsinnig sein, dachte Ludger fassungslos.

Es war in einer lauen Augustnacht im vergangenen Jahr passiert. Er hatte gerade angefangen, die ersten, noch ungeschickten Verse an sie zu richten. Und als er in der Nacht vor St. Bernhard allein Wache am Torhaus schob, hatte sie plötzlich vor ihm gestanden. Im ersten Moment hatte er sie gar nicht erkannt, denn sie trug das Haar offen. Selbst im fahlen Mondlicht schimmerte es wie gesponnenes Gold. Sie hatte ihn bei der Hand genommen und ins Torhaus geführt, ohne ein Wort. Wie ein Traumwandler war er ihr gefolgt. Drinnen war es nahezu finster gewesen, und als sie die Arme um seinen Hals schlang und sich an ihn preßte, hätte er sich einbilden können, es sei irgendeine leichtfertige Schäferstochter, die gekommen war, um ihm die einsame Nachtwache zu versüßen. Bis Irmgard die Lippen auf seine drückte. Nie zuvor hatte er so weiche Lippen gespürt. Ihr Kuß hatte ihn betört, und mit einem Gefühl der Verwegenheit hatte er seinen Mantel im Bodenstroh ausgebreitet und sie darauf hinabgezogen.

Es war eine seiner kostbarsten und gleichzeitig schrecklichsten Erinnerungen. In seinen kühnsten Träumen hätte er sich nie vorzustellen gewagt, sie könne ihn erhören. So etwas passierte einfach nicht. Er hatte nie begriffen, warum sie es getan oder wie sie es auch nur angestellt hatte, unbemerkt aus dem Schlafgemach und in den Hof zu gelangen. Es war einfach geschehen. Und er hatte immer gewußt, daß ihn das eines Tages teuer zu stehen kommen würde.

»Aber Ihr … Ihr würdet das Beichtgeheimnis brechen«, wandte er matt ein.

Thaddäus nickte bedächtig. »Wollt Ihr wirklich Eurer Leben darauf verwetten, daß ich davor zurückschrecke?«

»Nein.« Ludger riß sich zusammen, sah Thaddäus einen Moment in die Augen und schüttelte den Kopf. »Ich möchte lieber nicht darauf wetten, daß Ihr vor irgend etwas zurückschreckt. Also? Was hat es auf sich mit diesem Geheimnis? Was ist es, wonach ich suche?«

Wieder schien Thaddäus unsicher, was er sagen oder wie er dies »Ding« beschreiben sollte. Für einen Augenblick kam es Ludger gar so vor, als sei es Furcht, mit welcher der Mönch rang. Schließlich schaute Thaddäus verstohlen über die Schulter, und obwohl weit und breit keine Menschenseele zu entdecken war, flüsterte er: »Drachensamen.«

2. Kapitel

Burg Meißen, April 1223

Drachensamen …«, murmelte Roswitha von Eichholz versonnen. Sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen, knuffte ihr Kissen zurecht und setzte sich auf. »Was ist das?«

Bernhard von Aken sah sie mit großen Augen an. »Wie kommst du auf das Wort?«

Sie lächelte über seine entsetzte Miene, nahm sein Ohrläppchen zwischen die Zähne und flüsterte: »Du hast es im Schlaf gesagt, mein Bester.«

»Ach du meine Güte, das fehlte noch …«

»Also? Es klingt sehr geheimnisvoll. Was ist es?«

Bernhard richtete sich ebenfalls auf, lehnte den Rücken an das reichgeschnitzte Kopfteil des Bettes und schaute in den durchhängenden Baldachin hinauf. »Das kann ich dir nicht sagen.«

Sie hob die schmalen Schultern. »Nun, ich werde dich einfach noch einmal fragen, nachdem du wieder eingeschlafen bist.«

Plötzlich umklammerte seine Faust ihren Oberarm. »Vielleicht sollte ich dich lieber aus meinem Bett werfen«, knurrte er. »Dann wären meine Geheimnisse sicher, und du könntest sehen, wo du den Rest der Nacht bleibst.«

Roswitha lachte ungläubig. Ihr Herzschlag hatte sich ein wenig beschleunigt, und das Lachen fiel ihr nicht leicht. Denn natürlich glaubte sie ihm doch. Sie wußte, daß es ihm manchmal Vergnügen bereitete, sie beide daran zu erinnern, wie ausgeliefert sie ihm war. Und ihr einziger Schutz vor seinen Demütigungen war, ihm niemals zu zeigen, wenn er ihr angst machte. »Oh, sei unbesorgt. Ich gönne dir deine Geheimnisse. Ich dachte nur, es würde dich erleichtern, mir von diesem Samen zu erzählen, der dich offenbar bis in deine Träume verfolgt.«

Er brummte versöhnlich und ließ sie los, antwortete aber nicht.

Roswitha atmete verstohlen auf. Es war ratsam, das Thema zu wechseln. Fröstelnd zog sie den Bettvorhang weiter zu. »Wieso müssen wir Ostern ausgerechnet in diesem abscheulichen, zugigen Kasten verbringen?«

»Es kann nicht schaden, die Meißener gelegentlich daran zu erinnern, daß es der Herzog von Sachsen ist, der die Regentschaft der Markgrafschaft Meißen innehat, und kein anderer.«

Mag sein, dachte sie. Aber die nasse Kälte, die von der Elbe zum Burgberg aufstieg, fand ihren Weg in jeden Winkel der alten Festung. »Was ist so wichtig an Meißen?«

»Meißen ist reich«, erklärte er knapp. »Und Herzog Albrecht braucht Geld.«

Sie nickte. Herzog Albrecht brauchte immer Geld, und seine Geldgier wurde nur noch von seinem Machthunger übertroffen. »Und wohin zieht der Hof als nächstes?«

Bernhard grinste träge. »Nach Brandenburg, schätze ich.«

»Verstehe. Der Herzog hat seinen begehrlichen Blick auf die Ländereien der armen Waisen Johann und Otto gerichtet. Genau wie der Graf, sein Bruder.«

»Du bist eine kluge Frau, Roswitha, aber gar zu leichtsinnig. So etwas denkt man höchstens. Man spricht es niemals laut aus.«

»Ach.« Sie winkte ungeduldig ab. »Ich habe nicht besonders viel zu verlieren, weißt du.«

»O doch. Diesen hübschen Kopf etwa.« Er zog sie an sich und küßte sie. Es war ein ziemlich roher Kuß, aber das machte ihr nichts mehr aus. Sie hatte sich an Bernhard von Aken und seine manchmal ungeschickten Gunstbeweise längst gewöhnt.

Sie verschränkte die Arme in seinem Nacken und preßte sich an ihn, vor allem, um ein wenig von seiner Körperwärme zu erhaschen. Er schien niemals zu frieren und strahlte selbst in den eisigsten Winternächten Wärme ab wie ein Kohlenbecken. »Wenn wir die Elbe hinunterfahren, kommen wir fast zu Hause vorbei«, murmelte sie sehnsüchtig. »Ob wir nicht ein paar Tage dort bleiben könnten?«

Bernhard legte eine seiner großen Hände auf ihre Brust, mit der anderen zerwühlte er die blonden Locken. »Zu Hause?« wiederholte er mit beinah sanftem Spott. »Wo soll das sein? Du hast kein Zuhause mehr, mein Täubchen, wann wirst du das endlich begreifen?«

Vor knapp zwei Jahren war Roswithas Gemahl Konrad, der ein bescheidenes Ritterlehen unweit eines kleinen Marktfleckens namens Dessau gehalten hatte, am Lungenfieber gestorben. Bernhard von Aken war mit einer Bande wilder Gesellen dort eingefallen, als Konrad kaum unter der Erde lag, und hatte sich das Gut mitsamt der sechzehnjährigen Witwe einverleibt.

Roswitha war eine realistische Frau. Sie wußte, es gab niemanden, an den sie sich hätte wenden können, niemanden, der an dem ihr widerfahrenen Unrecht das geringste Interesse zeigen würde. Es waren nun einmal gottlose Zeiten, und das einzige Gesetz im Land war das des Stärkeren. Also war sie mit Bernhard an den herzoglichen Hof gekommen und war fortan darauf bedacht, sich ihm unentbehrlich zu machen. Sie wußte, daß die Höflinge sie seine Hure nannten, aber das war ihr gleich. Sie hegte die Hoffnung, daß sie das nicht ewig bleiben würde. Denn es stand außer Zweifel, daß er eine gewisse Zuneigung für sie hegte, und bisher war er allen Bemühungen des Herzogs, ihn gewinnbringend zu verheiraten, geschickt ausgewichen.

Doch als er sie nun in die Kissen drückte und sich auf sie legte, merkte sie, daß er nicht so recht bei der Sache war, weniger lustvoll als sonst. Und nicht zum erstenmal kam ihr die Frage in den Sinn, was aus ihr werden sollte, wenn er ihrer eines Tages überdrüssig würde. Der Gedanke versetzte sie nahezu in Panik, und vielleicht war es diese unbestimmte Furcht, die ihre geheuchelte Leidenschaft heute so glaubwürdig machte. Jedenfalls klang das Grunzen, mit dem er sich schließlich von ihr wälzte, doch ausgesprochen zufrieden.

Wie lange noch? fragte sie sich. Wie lange werde ich es aushalten, in ständiger Angst zu leben?

Bernhard drehte sich auf den Rücken, schob sich eine Hand in den Nacken und sah wieder zum Baldachin des breiten Bettes hinauf. Mit einem nachlässigen Wink der freien Hand bedeutete er ihr, näher zu rücken, und sie legte den Kopf auf seine Schulter.

»Ich erwäge tatsächlich, den Hof für einige Tage zu verlassen und die Elbe hinabzufahren«, eröffnete er ihr unvermittelt.

»Wirklich? Wohin?«

»Das ist das Problem. Ich weiß nicht genau, wohin. Etwas ist verlorengegangen, und ich muß es suchen.«

Der Drachensamen, dachte sie, aber sie hütete sich, noch einmal davon anzufangen.

Bernhard regte sich unruhig. »Der Herzog ist in Nöten, Roswitha. Der Kaiser hat den Braunschweiger Welfen faktisch zum Herzog von Sachsen erklärt. Albrecht fürchtet um seine Position. Er hat viele Feinde: den Erzbischof von Magdeburg, nicht zuletzt seinen eigenen Bruder und noch einige andere. Wenn der Kaiser ihn fallenließe, könnte er wahrlich tief stürzen.«

Und du mit ihm, überlegte sie. Bernhard von Aken gehörte zu Albrechts engsten Vertrauten: Mühelos durchschaute er das Wirrwarr der politischen Verhältnisse und hatte seinem Herrn schon so manches Mal mit List und Schläue einen Weg hindurchgebahnt. Er verwaltete verschiedene der herzoglichen Burgen und sorgte für deren Instandhaltung. Vor allem jedoch erledigte er unliebsame Aufgaben für Albrecht von Sachsen, war sein Mann fürs Grobe. Roswitha hegte den Verdacht, daß Bernhard in dieser Funktion allerhand finstere Geheimnisse über seinen Herrn erfahren hatte und sich dessen Verbundenheit dadurch für alle Zukunft sicher sein konnte. Doch Bernhards Macht stand und fiel mit der des Herzogs.

»Er hat lange nach etwas gesucht, womit er sich der Gunst des Kaisers dauerhaft versichern kann. Und weil er so ratlos war, habe ich Tor ihm von diesem verfluchten Pulver erzählt. Ich weiß, es wäre genau das Richtige, um Friedrich zu entzücken, denn der Kaiser hat eine Schwäche für Alchimie. Und mit diesem Pulver könnte er wahrhaftig zum Beherrscher der Christenheit werden. Ach, was rede ich. Zum Beherrscher der Welt. Nichts Geringeres ersehnt er sich.«

Roswitha setzte sich langsam auf. »Was ist das für ein Teufelszeug?«

Bernhard verzog das Gesicht wie im Schmerz. »Treffender kann man es wohl kaum bezeichnen.« Und endlich erzählte er ihr vom Drachensamen, wo er herkam und welche Zerstörungskraft ihm angeblich innewohne.

»Cathay …«, wiederholte sie ungläubig. »Gibt es dieses Land wirklich? Ich dachte, es sei nur eine Sage.«

»Oh, das ist es zweifellos. Dennoch ist es wirklich. Ja, es gibt das Land, und es gibt auch das Zauberpulver. Der Herzog hatte mich beauftragt, ihm etwas davon zu beschaffen.

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