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Die schwarzen Wasser der Seine

Über Fred Vargas

Fred Vargas, geb. 1957 und von Haus aus Archäologin. Sie ist heute die bedeutendste französische Kriminalautorin und eine Schriftstellerin von Weltrang. 2004 erhielt sie für »Fliehe weit und schnell« den Deutschen Krimipreis, 2012 den Europäischen Krimipreis für ihr Gesamtwerk.

Ihre Werke sind in über 40 Sprachen übersetzt und liegen sämtlich bei Aufbau in Übersetzung vor.

Informationen zum Buch

»Vargas schreibt die schönsten und spannendsten Krimis in Europa.« Tobias Gohlis, DIE ZEIT

Fred Vargas hat mit Kommissar Adamsberg einen unvergleichlichen Helden geschaffen. Diese drei Pariser Geschichten, die allesamt kriminalistische Kleinode sind, offenbaren von neuem ihre Poesie, ihren Humor, ihre herrlichen Dialoge, ihre feine Menschenbeobachtung – kurz, ihre gerühmte erzählerische Magie.

»Ihre Bücher sind preisgekrönte Bestseller, die man nicht empfiehlt, sondern von denen man gemeinsam schwärmt.« Regula Freuler, Neue Zürcher Zeitung

Fred Vargas

Die schwarzen Wasser der Seine

Kriminalgeschichten

Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Julia Schoch

Salut et liberté

Der alte Vasco hatte sich auf einer Bank gegenüber dem Kommissariat des 5. Arrondissements von Paris breitgemacht und spuckte Olivenkerne. Fünf Punkte, wenn er den Sockel der Straßenlaterne traf. Er hielt Ausschau nach einem großen blonden Polizisten mit schlaffem Körper, der jeden Morgen gegen halb zehn aus dem Kommissariat kam und mit mürrischem Gesicht ein Geldstück auf die Bank legte. Im Augenblick war der Alte, Schneider von Beruf, wirklich abgebrannt. Den Virtuosen der Nadel, so erklärte er jedem, der es hören wollte, läute das Totenglöckchen. Der Maßanzug liege im Sterben.

Der Kern flog zwei Zentimeter an dem Metallsockel vorbei. Vasco seufzte und nahm ein paar Schlucke aus einer Literflasche Bier. Es war Juli, es war heiß, und schon ab neun Uhr hatte man Durst, von den Oliven ganz zu schweigen.

In den gut drei Wochen, die der alte Vasco nun jeden Morgen außer sonntags auf dieser Bank saß, hatte er schon eine ganze Reihe von Gesichtern in dem Kommissariat geortet. Das war ein schöner Zeitvertreib, erheblich besser als gedacht; verrückt, was diese Leute da drin für einen Wirbel veranstalteten. Wozu auch immer, das konnte man sich fragen. Jedenfalls waren sie von morgens bis abends ständig in Bewegung, jeder auf seine Weise. Mit Ausnahme des kleinen Dunkelhaarigen, des Kommissars, der sich immer sehr langsam fortbewegte, so als befände er sich unter Wasser. Mehrmals am Tag kam er raus, um zu laufen. Der alte Vasco erzählte ihm kurz was und sah ihm dann nach, wie er sich die Straße entlang leicht schlingernd entfernte, wie ein Schiff, die Hände in den Taschen einer zerknitterten Hose. Dieser Typ bügelte seine Sachen nicht.

Der große blonde Bulle kam gegen zehn Uhr die drei Stufen vor dem Eingang herunter, einen Finger an die Stirn gepreßt. Er war heute morgen spät dran, entweder hatte er Kopfschmerzen, oder das Kommissariat hatte einen dicken Fall abbekommen. So was konnte ja mal passieren, wenn man es sich recht überlegte, wo sie dort immer so viel Wirbel veranstalteten. Mit ausholenden Gesten deutete Vasco auf seine erloschene Zigarette. Aber der Lieutenant Adrien Danglard schien es nicht eilig zu haben, die Straße zu überqueren, um ihm Feuer zu geben. Er starrte einen großen hölzernen Kleiderständer neben der Bank an, über dem tadellos ein schmutziges Jackett hing.

»Ist es das hier, was dir gegen den Strich geht, Bruder?«, fragte der alte Vasco und deutete auf den Kleiderständer.

»Was hast du da für einen Mist auf die Straße gestellt?«, rief Danglard und kam herüber.

»Zu deiner Information, dieser Mist nennt sich Stummer Diener und dient dazu, den Anzug aufzuhängen, ohne dass er knittert. Was hat man dir bei der Polizei eigentlich beigebracht? Schau her, über diese Stange hängst du die Hose, und hierüber hängst du vorsichtig das Jackett.«

»Hast du vor, das auf dem Bürgersteig stehenzulassen?«

»Nein, Monsieur. Ich habe ihn gestern bei den Mülltonnen in der Rue de la Grande-Chaumière gefunden. Nachher werde ich ihn mit nach Hause nehmen, und morgen bringe ich ihn wieder mit. Und so weiter.«

»Und so weiter?«, rief Danglard. »Wozu, um Gottes willen?«

»Um meinen Anzug aufzuhängen. Wozu sonst?«

»Musst du den mitten auf der Straße aufhängen?«

»Einen Anzug kann man nicht genug pflegen.«

Danglard warf einen Blick auf das abgenutzte Jackett des alten Mannes.

»Na und?«, fragte der Alte. »Ich mache eine schwere Zeit durch. Das Jackett stammt von einem der besten Schneider Londons. Willst du das Etikett sehen?«

»Dein Etikett hast du mir schon mal gezeigt.«

»Von einem der besten Schneider, sag ich dir. Und du wirst sehen, was ich aus einem schönen Stoffrest eines Tages für ein Futter dazu nähen werde. Du wirst mich noch anflehen um meinen englischen Anzug. Man sieht dir an, dass du elegante Kleidung magst. Du bist ein Mann mit Geschmack.«

»Du kannst das Ding nicht hierlassen. Das ist verboten.«

»Es stört doch keinen. Fang nicht an, den Bullen zu spielen, ich werd nicht gern gegängelt.«

Danglard hasste es, in Schubladen gesteckt zu werden. Außerdem tat ihm der Schädel weh.

»Du nimmst jetzt deinen stummen Diener da weg«, sagte er bestimmt.

»Nein. Er ist mein Eigentum. Er ist meine Würde. Die kann man einem Menschen nicht nehmen.«

»Scher dich zum Teufel!«, erwiderte Danglard und wandte sich um.

Der Alte kratzte sich am Kopf, während er ihm nachsah. Heute Vormittag würde er kein Geld bekommen. Seinen Diener wegwerfen? Einen solchen Fund? Das kam gar nicht in Frage. Denn er leistete gute Arbeit. Und vor allem leistete er Gesellschaft. Es stimmte, Vasco langweilte sich unglaublich, so jeden Tag auf dieser Bank. Der blonde Bulle machte nicht den Eindruck, das alles verstehen zu wollen.

Der alte Vasco zuckte mit den Schultern, nahm ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen. Unnötig, auf den kleinen dunkelhaarigen Kommissar zu warten. Wie gewöhnlich war er bereits in aller Frühe gekommen. Man konnte seinen Schatten hinter dem Fenster seines Büros hin und her gehen sehen. Der Typ lief viel, lächelte häufig, redete gerne, schien aber nicht viele Geldstücke in der Tasche zu haben.

Danglard betrat mit zwei Tabletten in der Hand das Büro von Kommissar Adamsberg. Adamsberg wusste, dass er wegen des Wassers kam, und streckte ihm die Flasche hin, ohne ihn richtig anzusehen. Er hielt ein Blatt Papier in der Hand und fächelte sich damit Luft zu. Danglard kannte den Kommissar gut genug, um an der veränderten Intensität seines Gesichts zu erkennen, dass an diesem Morgen etwas Interessantes vorgefallen war. Aber er war misstrauisch. Er und Adamsberg hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was interessant zu nennen war. Der Kommissar fand es zum Beispiel sehr interessant, nichts zu tun, etwas, das Danglard in schiere Panik versetzte. Der Lieutenant warf einen misstrauischen Blick auf das weiße Blatt Papier, das in Adamsbergs Hand flatterte. Er schluckte seine Tabletten, verzog aus Gewohnheit das Gesicht und machte geräuschlos die Flasche wieder zu. Um die Wahrheit zu sagen: Er hatte sich an diesen Menschen gewöhnt, obwohl ihn dessen Verhalten, das mit seiner eigenen Lebensweise unvereinbar war, weiterhin irritierte. Adamsberg vertraute auf den Instinkt und glaubte an die Kräfte der Menschlichkeit, Danglard vertraute auf das Nachdenken und glaubte an die Kräfte des Weißweins.

»Der Alte von der Bank verletzt Grenzen«, verkündete Danglard und stellte die Flasche weg.

»›Vasco da Gama‹?«

»Ganz richtig, ›Vasco da Gama‹ …«

»Welche Grenzen verletzt er?«

»Meine Grenzen.«

»Aha! Das ist schon genauer!«

»Er hat einen Kleiderständer angeschleppt, den er als stummen Diener bezeichnet und an den er seinen Fetzen gehängt hat, den er als Jacke bezeichnet.«

»Ich hab’s gesehen.«

»Und er hat die Absicht, mit dem Ding im öffentlichen Raum zusammenzuleben.«

»Haben Sie ihn gebeten, es zu entfernen?«

»Ja. Aber er sagt, es sei seine Würde und die könne man einem Menschen nicht nehmen.«

»Natürlich nicht …«, murmelte der Kommissar.

Danglard breitete seine langen Arme aus und ging im Raum umher. Seit fast einem Monat hatte dieser Alte – der zu allem Überfluss noch verlangte, dass man ihn Vasco da Gama nannte, als wäre er nicht so schon lästig genug – sein Sommerquartier auf der Bank gegenüber aufgeschlagen. Dort aß er, schlief, las und spuckte tonnenweise Olivenkerne und Pistazienschalen in die Umgebung. Und seit einem Monat schützte ihn der Kommissar unauffällig, als wäre er aus Porzellan. Mehrfach hatte Danglard versucht, Vasco zu verscheuchen, dessen Anwesenheit er zwar nicht verdächtig, aber doch lästig fand, und jedes Mal war Adamsberg ausgewichen und hatte gemurmelt, man werde sich später darum kümmern, der Alte werde schon irgendwann den Ort wechseln. Inzwischen war bereits Juli, und Vasco war nicht nur immer noch da, sondern brachte auch noch seinen stummen Diener mit.

»Behalten wir den Alten noch lange?«, fragte Danglard.

»Er gehört uns nicht«, erwiderte Adamsberg und hob einen Finger. »Stört er Sie so sehr?«

»Er kommt mich teuer zu stehen«, sagte Danglard. »Und er nervt mich, wie er den ganzen Tag dasitzt und nichts tut, die Straße beobachtet und haufenweise Unrat sammelt, den er irgendwo findet und in seine Taschen stopft.«

»Ich glaube, er tut etwas.«

»Er tut etwas? Zum Beispiel einen Zweig in einen Umschlag stecken und den dann in die Brieftasche stopfen? Nennen Sie das ›etwas tun‹?«

»Ja, das ist ›etwas tun‹, aber davon rede ich nicht. Ich glaube, gleichzeitig tut er etwas anderes.«

»Und deshalb lassen Sie ihn da sitzen? Interessiert Sie das? Wollen Sie’s rausfinden?«

»Warum nicht?«

»Das geht wirklich nur, weil Sommer ist und wir Zeit zu verschwenden haben.«

»Warum nicht?«

Danglard entschied sich wieder einmal, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Adamsberg war mit den Gedanken sowieso schon ganz woanders. Er spielte mit dem weißen Blatt Papier.

»Seien Sie so gut und legen Sie eine neue Akte an, Danglard, wir haben da etwas für die Ablage.«

Adamsberg lächelte offen und hielt ihm mit den Fingerspitzen das Blatt hin. Auf dem Papier standen nur drei Zeilen, zusammengesetzt aus kleinen ausgeschnittenen Buchstaben, die jemand sorgfältig in Reih und Glied gebracht und aufgeklebt hatte.

»Ein anonymer Brief?«, fragte Danglard.

»Genau.«

»Davon haben wir ganze Waschkörbe voll.«

»Der hier ist ein bisschen anders: Er beschuldigt niemanden. Lesen Sie, lesen Sie, Danglard, das wird Sie amüsieren, ich weiß es.«

Danglard runzelte die Stirn und las.

4. Juli

Herr Kommissar,
Sie mögen ja gut aussehen. Aber im Grunde sind Sie ein richtiger Idiot. Ich hingegen habe vollkommen straffrei getötet.

Salut et liberté

X

Adamsberg lachte.

»Gut, was?«, fragte er.

»Ist das ein Streich?«

Adamsberg hörte auf zu lachen. Er wippte mit seinem Stuhl und schüttelte den Kopf.

»Es macht mir nicht den Eindruck«, sagte er schließlich. »Die Sache interessiert mich sehr.«

»Weil jemand sagt, dass Sie gut aussehen, oder weil jemand sagt, dass Sie ein richtiger Idiot sind?«

»Einfach, weil mir jemand etwas sagt! Da ist ein Mörder – wenn es denn einer ist –, der etwas sagt. Ein Mörder, der redet. Der ein unauffälliges Verbrechen begangen hat, auf das er sehr stolz ist, das ihm aber nichts nützt, weil niemand da ist, der ihm applaudiert. Ein Provokateur, ein Exhibitionist, der unfähig ist, seine Schweinereien für sich zu behalten.«

»Ja«, bemerkte Danglard kühl. »Das ist nichts Besonderes.«

»Aber das macht die Partie schwierig, Danglard. Man kann auf einen weiteren Brief hoffen, aber er kann genausogut damit aufhören, zufrieden, dass er seinen Dreck gezeigt hat, und zu vorsichtig, um sich weiter vorzuwagen. Wir können nichts tun. Es ist seine Entscheidung. Das ist unangenehm.«

»Man kann ihn provozieren.«

»Danglard, Sie haben noch nie verstanden zu warten.«

»Nie.«

»Das ist schade. Ihm zu antworten würde unsere Chance auf einen weiteren Brief zunichte machen. Frustration setzt die Leute in Bewegung.«

Adamsberg war aufgestanden und sah aus dem Fenster. Er musterte die Straße und Vasco, der neben seinem großen Kleiderständer stand und in einer Stofftasche wühlte.

»Vasco hat einen Schatz gefunden und nimmt ihn in Besitz«, kommentierte er sanft. »Ich gehe runter und laufe ein Weilchen, Danglard. Ich komme wieder. Bringen Sie den Brief ins Labor und sagen Sie denen, dass ich ihn angefasst habe.«

Adamsberg konnte nicht den ganzen Tag im Büro bleiben. Er musste laufen, beobachten, betrachten. Ohne die Bewegung jedoch zu nutzen, um auf logisch zusammenhängende Weise nachzudenken. Sich ein Problem zu stellen, um dann eine Lösung dafür zu finden, war eine Vorgehensweise, die er bereits seit langem aufgegeben hatte. Seine Handlungen gingen seinen Gedanken voraus, niemals umgekehrt. Zum Beispiel mit dem Alten, diesem Vasco da Gama. Ihm lag daran, dass der Alte noch auf seiner Bank blieb, aber er hätte nicht sagen können, warum. Ihm lag daran, das war alles. Und da ihm daran lag, musste es einen guten Grund dafür geben. Eines Tages würde er wissen, welchen, es blieb nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass dieser zur gegebenen Zeit zutage treten würde. Eines Tages würde er beim Laufen begreifen, warum.

Oder zum Beispiel dieser Brief. Danglard hatte recht, es war nur ein anonymer Brief unter anderen. Aber er fand ihn eigenartig und ein bisschen beunruhigend. Als Idiot bezeichnet zu werden beunruhigte oder überraschte ihn nicht, nein, das dachte er selbst häufig genug. Zum Beispiel, wenn er vor einer Maschine mit mehr als sechs Knöpfen resignierte oder wenn er nach zwei Stunden Laufen zurückkam und nicht mehr wusste, woran er gedacht hatte. Oder wenn er nicht sagen konnte, ob der Buchstabe G vor oder nach dem Buchstaben K kommt, ohne sich mit leiser Stimme das gesamte Alphabet vorzusagen. Oder ob es Vormittag oder Nachmittag war. Aber was konnte der Mörder von all dem wissen? Nichts natürlich. Es müssten noch weitere Briefe kommen. Die Sache hatte nichts von einem Witz. Aber er hätte nicht sagen können, warum. Ein Mord, der irgendwo begangen wurde, und keiner hat’s gemerkt. Jetzt wagte sich der Mörder aus seinem Versteck vor, behutsam und angeberisch. So wirkte das jedenfalls. Gleichzeitig hatte Adamsberg den Eindruck, in eine Falle gelockt zu werden, oder vielleicht in einen Abgrund. Als seine Schritte ihn zum Kommissariat zurückführten, wiederholte er sich, dass er aufmerksam sein müsse, dass etwas ziemlich Mieses begonnen habe. »Verhalt dich nicht wie ein richtiger Idiot, vor allem, achte gut darauf«, murmelte er. »G kommt vor K.«

»Führst du Selbstgespräche?«

Vasco da Gama sah ihn lächelnd an.

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