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Die schwarze Armee – Das Reich der Dunkelheit

Über den Autor

Santiago García-Clairac wurde 1944 in Frankreich geboren und hat schon früh seine Leidenschaft fürs Geschichtenerfinden entdeckt. Er war lange in der Werbebranche tätig. Seit vielen Jahren arbeitet er u. a. auch als Drehbuchautor für Werbe- und Kurzfilme. 1994 hat García-Clairac sein erstes Kinderbuch veröffentlicht. Seither folgten viele weitere. Für sein Gesamtwerk wurde er mit dem Cervantes-Preis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Santiago García-Clairac veranstaltet häufig Lesungen in Schulen, da ihm der direkte Kontakt zu seinen Lesern sehr wichtig ist.

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SANTIAGO GARCÍA-CLAIRAC

Vignette

Die schwarze Armee

DAS REICH DER DUNKELHEIT

Aus dem Spanischen
von Hans-Joachim Hartstein

BASTEI ENTERTAINMENT

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Für meine Tochter Isabel García Santiago und ihren Mann Ángel Marrodán.

Nicht zu vergessen Jorge und Marcos.

Für alle, die sich ihren inneren Dämonen stellen.

Für alle, die das Licht im Dunkeln sehen.

Für alle, die an die Magie glauben.

Tief in uns allen existiert ein Reich der Finsternis,

das Angst und Albträume in sich birgt.

Wir wissen, dass die Gespenster, die uns erschrecken,

wir selbst sind.

Deswegen lockt uns die Finsternis.

Deswegen fürchten wir uns vor ihr …

Ich heiße Arturo Adragón und wohne in der Stiftung, die meinen Namen trägt. Sie befindet sich in einem großen Gebäude, das meiner Familie gehört, und verfügt über eine außergewöhnliche, auf mittelalterliche Bücher spezialisierte Bibliothek.

Das Schicksal wollte es so, dass ich in einer stürmischen Nacht geboren wurde, zwischen Ruinen und weit weg, in der Wüste Ägyptens. Meine Mutter starb nur wenige Stunden nach meiner Geburt. Mein Vater wickelte mich zum Schutz in ein mittelalterliches Pergament, das tausend Jahre zuvor beschrieben worden war und das er zufällig gefunden hatte.

Die Buchstaben des Pergaments haben sich für alle Zeiten in meine Haut eingebrannt. Auch erschien das Bild eines Drachen auf meiner Stirn, der sich manchmal über mein ganzes Gesicht ausbreitet und lebendig wird, um mich zu beschützen, wenn ich in Gefahr bin.

In der Schule lachen meine Klassenkameraden über mich, vor allem Horacio Martín, ihr Anführer. Sie machen mir das Leben zur Hölle. Bevor Metáfora in unsere Klasse kam, hatte ich nur zwei Freunde: Sombra, der meinem Vater bei seinen Forschungen zur Hand geht, und Hinkebein, ein einbeiniger Bettler voller Geheimnisse, der stundenlang vor der Bibliothek hockt und um Almosen bettelt.

Von Schulden geplagt, hat mein Vater dem Druck von Señor Del Hierro, einem skrupellosen Bankier, nachgeben und die Leitung der Stiftung an den ehrgeizigen Antiquitätenhändler Stromber übertragen.

Um all diesen Problemen zu entfliehen, begebe ich mich Nacht für Nacht in eine mittelalterliche Fantasiewelt, in der ich von mir selbst träume …

… und mich in Arturo Adragón, den Anführer der Schwarzen Armee, verwandle.

SECHSTES BUCH
Trostlosigkeit

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I
ARTUROS TRAGÖDIE

DIE DUNKELSTE SEITE der Legende von Arturo Adragón, dem jungen Ritter und Anführer der Schwarzen Armee, der Arquimia schuf, das größte je bekannte Reich der Gerechtigkeit, wurde während des schrecklichen Krieges in Emedia geschrieben. Denn dort ereigneten sich zwei furchtbare Dinge, die ihm das Herz brachen: der Tod von Prinzessin Alexia, noch dazu durch seine eigene Hand, und die verheerende Niederlage seiner Armee.

Fortan wurde sein Leben vom heftigen Wunsch nach Rache beherrscht. Arturo dachte an nichts anderes, als Demónicus zu töten, den er für all das Leid verantwortlich machte. Und daran, sich selbst zu bestrafen, weil er seine Männer enttäuscht und die große Liebe seines Lebens getötet hatte. In seinen Träumen suchten ihn die quälenden Bilder der grausamen Schlacht heim, bei der die Soldaten der Schwarzen Armee durch die vergifteten Waffen der Feinde gestorben, im Feuer der fürchterlichen Drachen umgekommen oder von wilden Bestien zerfleischt worden waren, während er selbst gegen Alexia gekämpft hatte.

Arturo fand seitdem keinen Frieden mehr. In langen, einsamen Stunden bemühte er sich, seine Gedanken zu ordnen und die Gefühle der Wut und Enttäuschung zu zügeln, die ihm die Kehle zuschnürten.

Arturo Adragón stand in der unterirdischen Grotte des Klosters von Ambrosia. Hier herrschte eine solche Stille, dass selbst das leiseste Rascheln seiner Leibwäsche tosend wie ein Donnerschlag bis in den letzten Winkel der Kaverne drang.

Nachdem er den Deckel von Alexias Sarg genommen hatte, beugte er sich über die Tote und schob die hölzerne Schatulle mit dem geheimen Pergament, die Arquimaes ihm anvertraut hatte, unter die starren Hände der Prinzessin. Er konnte sicher sein, dass das Dokument hier gut versteckt war.

Ein Blick auf Alexia zeigte ihm, dass sein geschickter Meister Arquimaes die Leiche der Geliebten bestens einbalsamiert hatte. Zum Abschied strich Arturo ihr sanft über das leblose Gesicht.

Sodann legte er den Deckel zurück auf den Sarg; die Sicherheitsriegel, die Arquimaes angebracht hatte, schoben sich vor das Holz. So war der Sarg für alle Zeiten verschlossen. Es war beruhigend zu wissen, dass niemand außer ihm selbst oder seinem Meister in der Lage sein würde, ihn zu öffnen. Zusammen mit der magischen Formel des ewigen Lebens ruhte Alexia in der Totenkiste wie in einem Tresor.

Arturo richtete sich auf, legte die Rüstung ab und entblößte seinen mit magischen Buchstaben bedeckten Oberkörper. Er breitete die Arme aus, als wären es Flügel, und flüsterte ein Wort, das nur er selbst vernehmen konnte: Adragón. Ganz langsam löste sich sein Körper vom Boden und schwebte, leicht wie eine Feder, im Raum, so als hinge er an unsichtbaren Fäden. Arturo schloss die Augen und versank in seinen Erinnerungen.

Vor seinem geistigen Auge erschien die Vision eines auf einem Drachen reitenden Kriegers, der die Rüstung des Fürsten Ratala trug und wie entfesselt gegen ihn kämpfte, ihn töten wollte. Das Bild wurde plötzlich so real, dass er unwillkürlich die Fäuste ballte, um es auszulöschen.

Sein Gegner führte das Schwert mit dem Geschick eines erfahrenen Kriegers und zwang ihn wieder und wieder, seinen Manövern auszuweichen. Mehrmals streifte ihn die feindliche Klinge, und nachdem sie ihn schließlich gefährlich getroffen hatte, nutzte Arturo eine Unaufmerksamkeit des Feindes und stieß ihm das magische Schwert, das er von dem Alchemisten Arquimaes erhalten hatte, mit solcher Wucht in den Leib, dass es seinen Widersacher durchbohrte und ihm den Tod bescherte. Das Freudengeheul seiner Männer entschädigte ihn für die schrecklichen Momente des Zweikampfs auf dem Rücken der Drachen …

Zu jenem Zeitpunkt war er davon überzeugt gewesen, dass er gegen Ratala selbst gekämpft hatte, der ihn zu diesem Duell herausgefordert hatte. Er erinnerte sich auch daran, wie Ratalas Tod die Streitkräfte des Finsteren Zauberers demoralisiert hatte. Alles hatte zugunsten der Schwarzen Armee gesprochen, die ihr Selbstvertrauen wiedererlangt hatte und nun kurz davor gestanden hatte, die grausame Schlacht gegen die Demoniquianer für sich zu entscheiden. Doch dann war irgendetwas schiefgegangen.

Als Arturo Adragón nämlich vom Drachen gestiegen war, hatte er seinem Gegner den Helm vom Kopf genommen und voller Entsetzen feststellen müssen, dass der tote Körper Alexia gehörte und nicht Ratala. Augenblicklich hatte sich die Welt für ihn verfinstert, alles war sinnlos geworden. Hatte er doch soeben die Frau getötet, die er liebte! Und das auch noch eigenhändig mit dem alchemistischen Schwert, jener magischen Waffe, die er nur der Ehre und der Gerechtigkeit willen gebrauchen wollte, so jedenfalls hatte er es geschworen. Sein erstes Opfer aber war ausgerechnet Alexia geworden! Wäre in diesem Augenblick die Welt um ihn herum untergegangen, er hätte es nicht einmal bemerkt.

Immer wieder sah er die grauenhafte Szene vor sich. Er versuchte, dem Lauf der Ereignisse eine andere Wendung zu geben, doch es gelang ihm nicht. Diese Tragödie würde seinem Gedächtnis auf immer eingebrannt bleiben, mit Feuer und Schwert, und niemand würde daran etwas ändern können. Bis in alle Ewigkeit würden ihn Gewissensbisse quälen und seine Eingeweide zerfressen.

Behutsam schwebte Arturo hernieder, bis seine Füße wieder den Sandboden berührten. Völlig verzweifelt ging er zum Fluss und beugte sich über das kristallklare Wasser, in dem sich sein Gesicht mit dem Drachenbuchstaben spiegelte. Sein Antlitz bewegte sich leicht schaukelnd auf der glatten Oberfläche; von kleinen Wellen zerrissen, schwamm es Stück für Stück davon.

***

IN JENER NACHT war er zum Fluss gegangen, um allein zu baden, so wie er es immer tat, wenn ihn die Verzweiflung packte. In sanften Wellen strömte das Wasser um seinen Körper, was ihm vorübergehend etwas Trost spendete und ihm half, seine immer schlimmer werdenden Albträume zu vergessen. Das kalte Wasser schien ihm ein guter Begleiter, da er sich nichts sehnlicher wünschte, als diese Welt zu verlassen, um sich mit seiner toten Geliebten zu vereinen und in der Nähe seiner ermordeten Soldaten zu sein.

Plötzlich wurde die Strömung heftiger und holte Arturo in die Wirklichkeit zurück. Er fragte sich, ob der Grund dafür war, dass die Schneeschmelze eingesetzt hatte und der Wasserpegel stieg. Doch er verwarf den Gedanken sogleich wieder. Irgendetwas durchquerte flussaufwärts den Wasserlauf, und die Höhe der Wellen ließ darauf schließen, dass es sich um etwas sehr Großes handeln musste.

Arturo war alarmiert. Rasch stieg er aus dem Wasser, lief zu seinem Pferd, legte die Unterkleider und die Tunika an und lauschte dem näher kommenden Gewieher und Getrappel von Pferden. Wachsam zog er sein Schwert und kletterte auf eine dicht belaubte Eiche.

Im Schein des Vollmondes konnte er beobachten, wie rund vierzig schwer bewaffnete Männer in schwarzen Mänteln nahezu lautlos auf Ambrosia zuritten.

Demoniquianer, dachte Arturo, und damit hatte er zweifellos recht. Er sprang vom Baum und lief zu einem Felsen, an dem die Eindringlinge binnen Kurzem vorbeikommen würden. Eilig kletterte er hinauf und rief den Fremden energisch zu: „Halt! Keinen Schritt weiter! Was sucht ihr hier, Männer des Demónicus?“

Überrascht vernahm General Nórtigo die fremde Stimme. Seine Leute hatten doch bereits zwei emedianische Patrouillen ausgeschaltet und ihm versichert, dass der Weg frei sei und sie in diesem Waldstück auf keine weiteren Wachposten treffen würden.

„Wie kannst du es wagen?“, rief er. „Wer schickt dich?“

„Antworte du zuerst auf meine Frage!“, forderte Arturo sein Gegenüber auf, wobei er das Schwert auf den General gerichtet hielt. „Was wollt ihr hier?“

Nórtigo musterte die schwarz gekleidete Gestalt, die ihm den Weg versperrte. Sogleich erkannte er, dass der Kerl alleine und nicht gerade von kräftiger Statur war. Zwei seiner Soldaten würden genügen, um mit ihm fertig zu werden.

„Súrfalo, Estiquio, schafft mir diesen Schwachsinnigen vom Hals!“, befahl er.

Zwei finster dreinblickende Männer, der eine mit einer Keule, der andere mit einer zweischneidigen Wikingeraxt bewaffnet, kamen drohend auf Arturo zu. Der rührte sich nicht von der Stelle. Ihm war klar, dass die beiden Soldaten kurzen Prozess mit ihm machen wollten. Aber sie waren zu sehr von sich eingenommen.

Súrfalo näherte sich von rechts, Estiquio von links. Offenbar hatten sie vor, ihn von beiden Seiten gleichzeitig zu attackieren. Eine todsichere Taktik. Siegessicher grinsten sie ihr Opfer an, um ihm zu bedeuten, dass seine Lage aussichtslos war. Schon hob Estiquio die Axt, während Súrfalos Keule durch die Luft wirbelte wie ein Windmühlenflügel.

Doch Arturos Schwert sauste mit solcher Geschwindigkeit auf sie nieder, dass die Bewegung im silbernen Mondschein kaum wahrzunehmen war. Die scharfe Klinge durchtrennte Súrfalos Hals und schlitzte Estiquios Bauch mörderisch auf. Den beiden blieb nicht einmal mehr Zeit für einen letzten Schrei. Das dumpfe Geräusch des auf den Boden fallenden Kopfes ließ alle ringsum erschaudern.

„Wer bist du?“, wollte Nórtigo wissen, als er sah, dass Arturo zwei seiner besten Männer mühelos besiegt hatte.

„Man nennt mich Arturo Adragón. Ich bin der Anführer der Schwarzen Armee, die ihr in der Ebene von Emedia geschlagen habt.“

Nórtigo spürte einen Kloß im Hals. Jetzt erkannte er den Jungen, den er auf dem Schlachtfeld hatte kämpfen sehen und für den er voller Bewunderung gewesen war.

„Wir sind viele, und du bist allein“, warnte er ihn. „Es ist besser für dich, wenn du das Schwert niederlegst. Gegen uns kommst du nicht an.“

„Das Leben hat ohnehin keinen Sinn mehr für mich“, murmelte Arturo düster. „Ihr würdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr mich tötet.“

„Es wird uns ein Vergnügen sein“, versicherte Nórtigo.

„Ich werde keinen Schritt zurückweichen“, rief Arturo mit fester Stimme und hob die blutige Klinge. „Kommt nur her! Ich warte auf euch!“

General Nórtigo traute seinen Ohren nicht. Ein einzelner Gegner wagte es, seine abgehärtesten und besten Krieger herauszufordern! Allesamt ausgewählte Männer, die ihre Grausamkeit bei mehr als einer Gelegenheit unter Beweis gestellt hatten! Alle hatten an der Schlacht um Emedia teilgenommen und diese merkwürdige Armee besiegt, die ihr Vertrauen in Tintenbuchstaben und Bücher gesetzt hatte.

„Umzingelt ihn und schlachtet ihn ab!“, befahl Nórtigo seinen Männern. „Tötet ihn!“

Als die Soldaten auf Arturo zugingen, um den Befehl ihres Generals auszuführen, hob er beide Arme und schrie markerschütternd: „Adragón! Steh mir bei!“

Der Schlachtruf ließ das Herz des Generals erstarren. Schon war er versucht, den Befehl zum Rückzug zu geben, doch er unterdrückte den Anflug von Feigheit.

Arturos Körper wurde indessen von einer dunklen Wolke aus seltsamen Gebilden eingehüllt. Sie schien aus seiner Brust zu kommen, gleich einer Million schwarzer Vögel, die seinem Ruf gefolgt waren. Ihr Summen sorgte dafür, dass die verblüfften Krieger wie angewurzelt stehen blieben.

Arturo reckte das Schwert gen Himmel, und die schwarzen Buchstaben, die sich deutlich gegen den weißen Mond abhoben, formierten sich wie ein diszipliniertes Heer zu einer Einheit, bereit zur Attacke.

„Adragón!“, rief er und wies mit dem alchemistischen Schwert auf seine Feinde. „Adragón!“

Die Buchstaben stürzten sich auf die demoniquianischen Krieger. Sie umgaben sie vollständig und drangen lautlos in die gegnerischen Reihen ein. Ein Angriff, dem die Soldaten nichts entgegenzusetzen hatten.

Bestürzt hörte Nórtigo die Todesschreie seiner Krieger. Diese verfluchten Buchstaben waren dabei, seine Männer unbarmherzig niederzumetzeln! Schnell begriff er, dass sie ihnen hoffnungslos unterlegen waren. Die Schlacht war verloren! Der General warf einen Blick auf Arturo, denn er hoffte, dieser könne zufällig von einem Giftpfeil oder einer Lanze getroffen worden sein. Aber was er sah, erfüllte ihn mit blankem Entsetzen: Ein schwarzer Drache beschützte den Jungen! Ein teuflisches Bild.

Um dieser schrecklichen Magie ein Ende zu bereiten, gab General Nórtigo seinem Pferd die Sporen und galoppierte auf Arturo zu, wobei er eine mit Gift bestrichene Klinge schwang. Bei dem Ritt war er gezwungen, den Verwundeten und Sterbenden auszuweichen, die sich zwischen gestürzten Pferden auf dem Boden wälzten. Endlich war er mit seiner Waffe in Reichweite seines Gegners angelangt und kostete bereits den Triumph des unmittelbar bevorstehenden Sieges aus. Doch wiederum nahm das Schicksal einen unvorhergesehenen Lauf.

Der Drache nämlich, der Arturo beschützte, stürzte sich auf den General und schleuderte ihn wie eine Strohpuppe hoch durch die Luft. Am Boden, tief unter sich, sah Nórtigo wie in einer Höllenvision seine sich vor Schmerz am Boden wälzenden Krieger und die schwarzen Buchstaben, die einen Mann nach dem anderen töteten.

„Verflucht seist du, Arturo Adragón!“, schrie er, als er auf dem Felsen landete, auf dem auch Arturo stand.

„Verflucht seien jene, die andere nachts heimtückisch angreifen!“, schrie Arturo zurück. „Verflucht seien jene, die Menschen in wilde Bestien verwandeln und unschuldige Frauen und Kinder töten wollen! Verflucht seien all die, die anderen das Leben nehmen! … Wozu sonst seid ihr heute Nacht hierher gekommen?“

„Das werde ich dir gewiss nicht erzählen, du Hund!“

„Rede oder stirb!“, fuhr Arturo ihn an. „Was führt ihr im Schilde? Was habt ihr in Ambrosia zu suchen?“

„Eher sterbe ich, als dass ich dir das Ziel meiner Mission verrate!“, antwortete der General, stieß sich ein Messer ins eigene Herz und sagte nur noch: „Für Demónicus!“

Bevor sein Lebensfunke erlosch, konnte er noch sehen, wie Arturo sein Schwert erneut gen Himmel reckte, woraufhin die Buchstaben auf den Körper des Jungen zurückkehrten und ihn wie ein Panzer umschlossen.

Dann herrschte wieder absolute Stille.

Arturo ging zum Flussufer, wusch sich, zog sich vollständig an, stieg auf sein Pferd und ritt nach Ambrosia zurück, wo alle in tiefem Schlaf lagen und niemand ahnte, was soeben geschehen war. Die Wachposten ließen ihn ein in die Festungsanlage, die sich rund um die Ruinen der ehemaligen Abtei erhob. Von Arturos Erregung bemerkten sie nichts.

Er hatte soeben vierzig Demoniquianer getötet und spürte ein Gefühl von Erleichterung in sich. Der Tod seiner Feinde schien den Schmerz über Alexias Tod und die Niederlage seiner Armee zu lindern.

Eine Frage aber beunruhigte ihn weiterhin: Was hatten Demónicus’ Männer gewollt?

II
STROMBER ÜBERNIMMT DIE MACHT

Ich heiße Arturo Adragón. Ich stehe oben auf der Kuppel der Stiftung und betrachte schweigend die Stadt Férenix, die sich unter mir ausbreitet. Dabei überlege ich, wie ich ihr die Geheimnisse entreißen kann, die sie unter ihrem Asphalt verbirgt.

FEST IN MEINER Hand halte ich das Schwert, mit dem ich vor ein paar Tagen gegen Stromber gekämpft habe, unten, im Keller dieses mittelalterlichen Gebäudes, das der Antiquitätenhändler meiner Familie wegzunehmen versucht. Ich erinnere mich noch gut an das schreckliche Duell. Den Augenblick, da mich sein Schwert durchbohrt hat, werde ich wohl nie vergessen. Ich glaubte, sterben zu müssen.

Nach all dem, was seit meinem vierzehnten Geburtstag geschehen ist, bin ich mir sicher, dass ich nie mehr vor etwas Angst haben werde. Denn jetzt weiß ich, dass ich die Kraft des Drachen besitze, der auf meiner Stirn prangt, und dass ich gegen alles bestehen kann, was mich zerstören will, seien es Menschen oder böse Geister.

Ich hebe das Schwert und recke es gen Himmel, wo schwarze Wolken aufziehen und sich ein Gewitter zusammenbraut.

Inzwischen habe ich akzeptiert, dass mich seltsame, quälende Träume heimsuchen, unter denen ich so sehr leide. Ich habe begriffen, dass sie ein Teil von mir sind, und lasse sie über mich ergehen. Es wird schon irgendeinen Grund für sie geben. Ich werde mich nicht mehr dagegen sträuben. Nur vor zwei Dingen habe ich Angst: dass meine Träume ganz verschwinden könnten und dass ich verrückt werde, so wie mein Großvater, der Vater meines Vaters.

Mein größter Wunsch jedoch ist es, meine Mutter wiederzusehen.

Das Gewitter bricht los. Ein Blitz spiegelt sich auf der scharfen Klinge meines Schwertes. Wenn mich jetzt jemand hier oben sieht, hält er mich bestimmt für eine der Steinfiguren, die das Dach der Stiftung schmücken.

Mein Leben hat sich verändert. Es ist alles so schnell gegangen, dass ich kaum Zeit hatte, mich daran zu gewöhnen. Gestern war ich noch ein Kind, und heute bin ich fast schon erwachsen. Endlich habe ich begriffen, dass die Träume mich an einen Ort bringen, an dem alles viel realer ist als die Wirklichkeit selbst. In ein unbekanntes Land, in dem ich mich ein ums andere Mal wiederfinde.

Wenn ich anschließend in die Realität zurückkehre, weiß ich, dass hier eine schwierige Aufgabe auf mich wartet: Ich muss meinem Vater helfen, die Leitung der Stiftung wiederzuerlangen. Eher würde ich zur Not mein Leben verpfänden, als mit anzusehen, wie sich irgendjemand dieses Gebäude unter den Nagel reißt, in dem meine Mutter ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Nein! Niemand wird sie von hier vertreiben. Jetzt, wo ich sie gefunden habe, werde ich sie nie mehr hergeben.

Das Gewitter wütet nun direkt über Férenix, und die schwarzen Wolken entladen ihre Wassermassen auf die Stadt. Ich spüre die eiskalten Tropfen auf meiner Haut.

Ich hoffe, meine Träume werden mir helfen, die ganze Wahrheit über mich selbst zu erfahren. Ich muss unbedingt wissen, ob meine Mutter tatsächlich ihr Leben für mich geopfert hat.

Und ich muss herausfinden, was wirklich in jener Nacht passiert ist, als Stromber mich mit seinem Schwert durchbohrte und ich glaubte, sterben zu müssen.

Was dort unten in der Grotte geschehen ist, ist ein Geheimnis, das ich bisher noch nicht entschlüsseln konnte. Und es gibt immer noch ein paar Fragen, auf die ich keine Antwort habe: Bin ich unsterblich? Und wenn ja, habe ich es meiner Mutter zu verdanken? Bin ich der Sklave meines Drachen?

Jetzt stehe ich bereits eine Stunde im Regen auf der Kuppel und sinniere vor mich hin, stelle Vermutungen über meine Vergangenheit und meine Zukunft an. Nicht mehr lange, dann wird es hell werden. Ich klettere wieder ins Innere der Kuppel und suche Schutz in der Stiftung.

Vor ein paar Stunden ist die Sonne aufgegangen. Ich versuche, mich auf das zu konzentrieren, was um mich herum passiert.

Ich befinde mich im Vortragssaal der Stiftung. Del Hierro und sein Anwalt, Señor Terrier, haben uns herzitiert. Stromber sitzt zwischen den beiden auf dem Podium hinter einem Tisch. Seiner Miene nach zu urteilen könnte man meinen, er führe den Vorsitz.

Noch einmal lese ich die Kopie der „Vorladung“, die Sombra mir überlassen hat:

WIR BITTEN SIE, SICH AM MONTAG UM 10 UHR IM VORTRAGSSAAL EINZUFINDEN. ES GIBT ETWAS SEHR WICHTIGES ZU BESPRECHEN.

Mein Vater, Sombra, Mahania und Mohamed, die Sicherheitsbeauftragte Adela sowie die anderen Angestellten der Stiftung sitzen wie ich auf den Stühlen und warten auf das, was sie uns zu erzählen haben.

Del Hierro beugt sich vor, schaltet das Mikrofon ein und eröffnet die Sitzung: „Guten Morgen, die Herrschaften. Ich habe Sie hergebeten, um Sie über die anstehenden Veränderungen in der Stiftung zu informieren. Unser Anwalt, Señor Terrier, wird Sie jetzt mit den nötigen Details vertraut machen.“

Als Nächstes spricht besagter Señor Terrier: „Als Anwalt der Bank, die hier von Señor Del Hierro vertreten wird, möchte ich Sie darüber informieren, dass vom heutigen Tag an Señor Stromber offiziell seine Aufgabe als Verwalter der Stiftung Adragón übernimmt. Señor Arturo Adragón, der bisherige Besitzer der Stiftung, wird ab jetzt den Posten eines Beraters innehaben. Seine Funktion wird auf inhaltliche Fragen beschränkt bleiben, wobei all seine Entscheidungen von Señor Stromber bestätigt werden müssen.“ Señor Terrier macht eine Pause, um einen Schluck Wasser zu trinken. Er versucht, seine große Nervosität zu verbergen, was ihm jedoch nicht gelingt. „Dementsprechend, meine Damen und Herren, bedürfen in Zukunft alle Entscheidungen ausnahmslos der persönlichen Zustimmung des neuen Verwalters Señor Frank Stromber.“

Bedrückendes Schweigen.

Sombra sitzt da wie eine Statue.

„Señor Stromber wird Ihnen jetzt die neuen Regeln erklären, die von heute an in diesem Hause gelten.“

Terrier schaltet sein Mikrofon aus und gibt dem Antiquitätenhändler ein Zeichen, woraufhin dieser eine Taste drückt. Er wartet ein paar Sekunden, bevor er sich zu seinem Mikrofon vorbeugt und mit einschmeichelnder Stimme sagt: „Guten Morgen, meine Damen und Herren. Als Erstes möchte ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung mitteilen, dass Ihre Arbeitsplätze nicht in Gefahr sind. Alle, die zurzeit hier arbeiten, werden wir behalten, auch wenn wir möglicherweise neue Mitarbeiter einstellen werden. Alles andere wird so bleiben, wie es ist. Die Stiftung wird ihre Arbeit fortsetzen, allerdings in erweiterter Form, um die Einnahmen zu steigern. So wird es in Zukunft mehr Besucher geben. Uns liegen gute Angebote von verschiedenen Reiseveranstaltern vor, die daran interessiert sind, die Stiftung in ihr Programm aufzunehmen. Wie Sie ja wissen, verfügen wir derzeit lediglich über die Räume, die sich oberhalb der Erde befinden; aber wir bemühen uns darum, bald auch Zugang zu den drei Kellern zu bekommen, in denen zahlreiche Objekte von historischem Wert aufbewahrt werden, die für Touristen höchst attraktiv sind. Die Stiftung wird sich also künftig dem Kulturtourismus öffnen und ab sofort ‚Stiftung Stromber Adragón’ heißen. Gibt es dazu irgendwelche Fragen?“

Alle schauen sich irritiert an, doch niemand sagt etwas dazu. Sombra ist seine Erregung deutlich anzusehen. Schließlich kann er nicht mehr an sich halten.

„Dieses Haus hat immer Adragón geheißen!“, protestiert er. „Das ist ein nicht zu tolerierender Amtsmissbrauch! Die Stiftung mit Touristen zu überschwemmen entwürdigt die Arbeit, die wir in all den Jahren geleistet haben! Eine Schande ist das! Sie entehren den Namen Adragón!“

Del Hierro und Stromber grinsen sich nur mitleidig an.

„Lieber Señor Sombra“, sagt der Anwalt, „das, was wir vorhaben, ist vollkommen legal. Alles geschieht in Absprache mit Señor Adragón.“

Mein Vater legt Sombra eine Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen. Stromber wartet geduldig, bis sich die Wogen glätten. Erst als wieder völlige Stille eingekehrt ist, fährt er fort: „In den nächsten Tagen werden einige Architekten herkommen. Keine Sorge, sie werden nur ein paar notwendige Veränderungen vornehmen. Dieses Gebäude muss dringend modernisiert werden. Wir werden das Sicherheitssystem ausbauen, die Aufzüge und die elektrischen Leitungen erneuern, einige Zwischenwände einziehen und die Ausstattung der Räume verbessern … Ich werde das frühere Arbeitszimmer von Señor Adragón erhalten und dort jederzeit für Sie zu sprechen sein. Señor Adragón wird in das Büro in der ersten Etage umziehen … Das wäre alles, was ich Ihnen für den Augenblick zu sagen habe.“

„Gut, wenn es dazu keine weiteren Fragen gibt, erkläre ich die Sitzung hiermit für beendet“, verkündet Del Hierro. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Die drei erheben sich von ihren Stühlen, steigen vom Podium und verlassen den Saal. Wir bleiben fassungslos zurück. Stromber, der leicht humpelt, wirft mir einen flüchtigen Blick zu, dem ich auszuweichen versuche, was mir jedoch nicht ganz gelingt.

„Arturo, du gehst jetzt besser in die Schule“, sagt Papa zu mir. „Dann kannst du noch am restlichen Unterricht teilnehmen.“

„Tu, was dein Vater dir sagt, Arturo“, ermahnt mich Sombra. „Es ist besser so.“

Ich schaue auf meine Armbanduhr und stelle fest, dass ich rechtzeitig zur Pause in der Schule sein kann. Also nehme ich meinen Rucksack und mache mich auf den Weg.

An der Eingangstür fängt mich ein Wachmann ab und sagt zu mir: „Señor Stromber möchte mit dir sprechen, Arturo. Du sollst in sein Büro kommen.“

„Ich muss in die Schule. Sagen Sie ihm, ich werde ihn später aufsuchen.“

„Tu, was du willst, aber vergiss nicht, er ist jetzt hier der Chef“, erwidert der Wachmann. „Du musst es wissen.“

„Schon gut, dann geh ich eben gleich rauf“, sage ich folgsam. „Aber ich verpasse nur ungern den Unterricht.“

„Du bist ein braver Junge, Arturo. Stromber erwartet dich in seinem Büro.“

Ich steige langsam die Treppe hinauf, um Zeit zu gewinnen, und überlege fieberhaft, was er wohl von mir will. Seit unserem Duell im Keller sind wir uns nicht mehr begegnet, und ich nehme an, dass er mit mir über den Vorfall sprechen will. Einen Kampf auf Leben und Tod kann man schließlich nicht einfach so vergessen!

Ich klopfe zweimal an die Tür und warte. Sekunden später ertönt eine Stimme und gibt mir die Erlaubnis einzutreten.

„Komm rein, Arturo … Komm rein, mein Junge.“

„Señor Stromber, Sie haben mich rufen lassen?“

„Komm erst mal rein, ich werd dich schon nicht fressen …“

„Es ist spät, ich muss in die Schule.“

„Es ist für alles ein wenig zu spät, Kleiner. Du hast sicher gemerkt, dass es nicht gut ist, sich mit mir anzulegen. Erinnerst du dich noch an das, was unten im Keller passiert ist?“

„Ja, natürlich erinnere ich mich noch daran. Vor allem, wenn ich Sie so hinken sehe, Señor Stromber.“

„Ach nein, wir haben also gute Laune, was?“

„Sie haben davon angefangen. Warum haben Sie mich herbestellt?“

„Ich will dir einen Vorschlag machen. Du hast ja gehört, dass ich jetzt praktisch der Herr der Stiftung bin, und daran wirst auch du nichts ändern können. Ich habe die absolute Macht über alles, was sich im oberirdischen Teil des Gebäudes abspielt. Und bald schon werde ich auch über die Keller verfügen können. Es wird nicht mehr allzu lange dauern.“

„Na gut, und weiter?“

„Wenn du mir das Geheimnis verrätst, nach dem ich suche, gebe ich euch alles zurück und verschwinde.“

„Geheimnis? Was für ein Geheimnis meinen Sie?“

„Das Geheimnis, das dich wieder lebendig gemacht hat, nachdem ich dich dort unten getötet habe. Das meine ich!“

„Sie fantasieren, Señor Stromber! Ihre Machtgier hat Sie um den Verstand gebracht. Ich war niemals tot!“

„Klar, und du hast mir nie einen Schlag verpasst, und wir haben nie mit Schwertern gekämpft! Verkauf mich ja nicht für dumm!“

„Ich bin spät dran, ich muss jetzt los. Einen guten Tag noch.“

„Du machst einen Fehler! Das wird deinen Vater teuer zu stehen kommen. Sehr teuer!“

„Lassen Sie meinen Vater in Ruhe!“

Wütend reiße ich die Tür auf und stürme hinaus.

Ich höre noch, wie er mir hinterherschreit: „Ich werde euch alle hier rauswerfen!“

Als ich in den ersten Stock komme, sehe ich Sombra mit einem Angestellten der Bank streiten, einem Mann im schwarzen Anzug, der sich fleißig Notizen macht.

„Und ich sage Ihnen, dass ich nur meine Arbeit tue!“, schreit ihn der Mann an. „Seien Sie so gut und stören Sie mich nicht dabei!“

„Ihre Arbeit?“, schreit Sombra zurück. „Das nennen Sie Ihre Arbeit?“

„Was ist hier los, Sombra?“, erkundige ich mich, während ich näher an ihn herantrete.

„Dieser Mensch hat ein Pergament zerstört! Er hat es zerrissen.“

„Es ist von allein gerissen!“, verteidigt sich der Bankangestellte. „Ich habe es kaum angerührt!“

Da kommt mein Vater hinzu. Er nimmt das zerrissene Pergament in die Hand und jammert: „Das ist eine Katastrophe! Sie haben soeben ein überaus wertvolles Dokument zerstört!“

„Ich sage Ihnen doch, es ist von allein gerissen“, versichert ihm der Mann.

„Weil Sie nicht richtig damit umgehen können!“, schreit Sombra außer sich vor Wut. „Sie haben keine Ahnung, wie man so etwas behandeln muss!“

„Ich werde mich bei Ihren Vorgesetzten beschweren“, droht mein Vater.

Adela, die inzwischen ebenfalls hinzugekommen ist, stellt sich zwischen Sombra und den Mann von der Bank.

„Schluss jetzt!“, ruft sie. „Ich will hier keinen Streit!“

Ich nehme Sombra am Arm und gehe mit ihm zur Treppe. Papa und Adela streiten sich weiter mit dem Bankangestellten. Unten angekommen, sage ich zu Sombra: „Es sieht nicht gut für uns aus, Sombra. Mach es bitte nicht noch schlimmer, sonst werfen die uns noch alle hier raus. Die warten doch nur auf eine Gelegenheit, um uns loszuwerden, verstehst du?“

„Aber ich kann einfach nicht mit ansehen, wie die mit unseren Sachen umgehen!“

„Hör mal, wir müssen jetzt vor allem geduldig sein. Wir dürfen ihnen keinen Anlass geben, uns den Zugang zur Bibliothek zu verweigern. Tu, was ich sage, bitte!“

Sombra sieht mich schweigend an.

„Schon gut“, sagt er schließlich. „Geh nur, ich werde nichts tun, was uns schaden könnte. Ich werde mich nur um die Kellerräume kümmern.“

„Danke, Sombra. Und gib auf Papa acht. Ich mache mir Sorgen um ihn.“

Ich trete auf die Straße hinaus. Es regnet. Ich schlage die Kapuze über den Kopf. Die Situation in der Stiftung ist unerträglich. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Dabei habe ich den Eindruck, dass die Sache bald außer Kontrolle geraten und es eine große Katastrophe geben wird.

Hinkebein hockt in einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite. Ich gehe hinüber, begrüße ihn und sage: „Wir haben die Schlacht verloren, mein Freund. Jetzt ist alles aus.“

„So etwas darf man nie sagen“, entgegnet er in väterlichem Ton. „Man darf sich niemals geschlagen geben.“

„Ich muss jetzt in die Schule. Wir reden später weiter, ja?“

***

ALS ICH IN die Schule komme, hat die Pause gerade begonnen. Es regnet noch immer. Mercurio öffnet mir die Tür und lässt mich hinein.

„Mach schnell, Arturo, bevor uns der Direktor sieht und mit mir schimpft.“

„Danke, Mercurio. Wir hatten heute Morgen eine wichtige Besprechung in der Stiftung.“

„Erzähl mir doch keine Geschichten, die kenne ich schon alle“, brummelt er in versöhnlichem Tonfall.

Auf dem Weg zum Pausenhof der Sekundarstufe begegne ich Cristóbal. Er hat das Talent, mir immer dann über den Weg zu laufen, wenn ich es am wenigsten brauchen kann.

„He, Arturo, warum kommst du erst so spät?“

„Wir hatten eine Besprechung mit den Leuten von der Bank. Ich musste daran teilnehmen.“

„Klar, da durftest du natürlich nicht fehlen!“

„Schließlich geht es um mein Zuhause, oder etwa nicht? Wir reden später darüber, jetzt muss ich zu Metáfora.“

„Hör mal, Arturo, mein Vater hat mir gesagt, dass er mit dir noch einmal über deine Träume sprechen will. Du sollst ihn anrufen und einen Termin ausmachen.“

„Psychologen sind ein hartnäckiges Volk, was?“

„Kann man wohl sagen … Machst du mit deiner Therapie weiter?“

„Klar. Sag deinem Vater, ich ruf ihn heute Abend an. Also dann, bis später.“

„Nimm dich vor Horacio in Acht!“

Der Regen ist stärker geworden. Ich laufe weiter, rüber zu unserem Hof, und versuche dabei, den Pfützen auszuweichen.

„Arturo!“, ruft Metáfora. „Hier bin ich! Hier!“

Sie lässt ihre Freundinnen stehen und kommt mir entgegen.

„Was ist?“, fragt sie ungeduldig. „Wie ist es gelaufen?“

„Schlecht. Sehr schlecht. Sie haben Stromber endgültig zum Verwalter gemacht. Jetzt ist er der uneingeschränkte Herrscher der Stiftung. Es wird tief greifende Veränderungen geben. Er hat sogar schon damit gedroht, uns rauszuschmeißen. Sombra ist rasend vor Wut.“

„Das tut mir leid für euch, wirklich! Kann ich euch irgendwie helfen?“

„Uns kann niemand helfen. Es ist zu spät, unsere Lage ist hoffnungslos. Ich fürchte, das Schlimmste kommt erst noch.“

„Lass uns zu meiner Mutter gehen. Sie will unbedingt wissen, was bei der Sitzung herausgekommen ist.“

Wir laufen zum Lehrerzimmer. Als Norma uns in der offenen Tür stehen sieht, kommt sie sofort heraus.

„Ich habe soeben mit deinem Vater gesprochen“, sagt sie zu mir. „Tut mir furchtbar leid.“

„Jetzt ist alles aus“, jammere ich. „Das ist das Ende.“

„Sag so etwas nicht“, tröstet mich Metáfora und tastet nach meiner Hand. „Irgendwie kommt ihr da wieder raus, ganz bestimmt. Du musst nur Vertrauen haben.“

„Ich glaube nicht daran. Es gibt Dinge, da kann man eben nichts machen.“ Ich hole tief Luft. „Meinem Vater geht es gar nicht gut. Er ist schrecklich nervös. Wenn er so weitermacht …“

„Dein Vater tut, was er kann.“

„Mein Vater, mein Vater … Mein Vater hat den Verstand verloren, Metáfora! Ich weiß nicht mehr, ob ich ihm noch vertrauen kann!“

„Arturo, bitte!“, ermahnt mich Norma. „Dein Vater ist ein anständiger Mensch, der darum kämpft, dass alles sich wieder zum Guten wendet.“

„Aber er hat mich angelogen! Ich liebe ihn, und ich mache mir Sorgen um ihn, doch ich weiß nicht, woran ich mich halten kann. Ich bin vollkommen durcheinander.“

Vielleicht hat Norma ja recht. Aber unsere Situation macht mich völlig fertig. Und schuld daran ist er! Ich weiß nicht, aber langsam fange ich wirklich an zu glauben, dass er seinen Verstand verliert. Hoffentlich endet er nicht in einer Irrenanstalt, so wie mein Großvater. Dass er sich in den Kopf gesetzt hat, Mama wiederzubeleben … Ich begreife das nicht. Das ist doch Wahnsinn!

III
ARTUROS ÄNGSTE

ARQUIMAES LAG NEBEN Émedi im Zelt und schlief, als er von einem stechenden Schmerz in der Brust geweckt wurde. Etwas musste geschehen sein, das mit der Macht des Drachen zu tun hatte. Er stand auf und wollte in die Nacht hinausgehen, um eine Erklärung für den plötzlichen Schmerz zu suchen.

„Was ist los?“, fragte die Königin, die nun ebenfalls aufgewacht war.

„Ich weiß es nicht. Schlaf nur weiter, ich bin gleich wieder da“, antwortete der Alchemist und verließ das Zelt.

Ohne zu wissen, was genau er suchte, irrte er eine Weile zwischen Karren und Hütten umher. Da sah er Arturo, der soeben an den Wachposten vorbei ins Lager ritt.

„Was ist passiert, Arturo?“, fragte der Weise und griff nach den Zügeln des Pferdes. „Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, aber ich bin mit den Demoniquianern aneinandergeraten.“

„Ehrlich gesagt habe ich schon seit Tagen auf einen derartigen Angriff gewartet“, gestand Arquimaes. „Demónicus wird niemals so leicht aufgeben. Er will uns endgültig vernichten.“

„Ich fürchte, es war ein Spähtrupp, der das Gebiet auskundschaften und einen Angriff der demoniquianischen Armee vorbereiten sollte“, sagte Arturo und stieg vom Pferd. „Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden sie hier anrücken. Wir müssen uns auf einen Angriff gefasst machen.“

„Aber was ist mit den Männern, gegen die du gekämpft hast?“, fragte der Alchemist. „Wo sind sie jetzt?“

„Die magischen Buchstaben haben sich um sie gekümmert“, antwortete Arturo knapp. „Wir sollten ihre Pferde einfangen, bevor sie zu weit weglaufen. Wir können sie nur zu gut gebrauchen.“

Arquimaes begriff sofort, was geschehen war. Er fühlte sich schuldig, denn er hatte es bislang versäumt, Arturo darauf hinzuweisen, dass seine magischen Kräfte ihm nicht alles erlauben würden. Zudem war ihm klar, dass ihnen der Finstere Zauberer jetzt, da er sie aufgespürt hatte, keine Ruhe mehr lassen würde.

Er übergab die Zügel des Pferdes einem Stallknecht und betrat zusammen mit Arturo das Zelt, in dem Königin Émedi sie ungeduldig erwartete.

„Arturo hatte eine Auseinandersetzung mit Demónicus’ Leuten“, erklärte Arquimaes. „Sie sind alle tot, aber wir müssen davon ausgehen, dass bald noch mehr Soldaten hierherkommen.“

„Du solltest nachts nicht allein ausreiten“, ermahnte die Königin den Jungen. „Es ist zu gefährlich.“

Doch Arturo erwiderte: „Ich habe kein Angst vor denen. Ich habe vor nichts mehr Angst.“

„Ich weiß. Aber Demónicus könnte dich mit einer seiner Hexereien überraschen.“

„Heute Nacht bist du mit einem blauen Auge davongekommen, aber die Königin hat recht“, pflichtete Arquimaes ihr bei. „Gut möglich, dass der Finstere Zauberer eine andere, mächtigere List anwendet als die, uns seine Krieger im Schutze der Dunkelheit zu schicken. Wir sollten die Vorsichtsmaßnahmen verstärken.“

Arturo umklammerte krampfhaft sein Schwert. Er überlegte, ob er Einzelheiten des Kampfes zur Sprache bringen sollte. Diese Buchstabenarmee hatte sogar ihn in Erstaunen versetzt. Doch dann murmelte er: „Ich habe nur Angst vor dem Alleinsein. Ich fürchte mich vor meinen inneren Dämonen. Ich muss Alexia zurückbekommen, oder ich werde noch verrückt.“

„Was genau wollten denn die Soldaten?“, fragte Émedi. „Hatten sie vor, uns anzugreifen?“

„Nein, ich glaube, sie wollten etwas ganz anderes“, antwortete Arturo. „Aber ich konnte nicht aus ihnen herauskriegen, was das genau war.“

„Sie wollten unsere Schwachstellen herausfinden“, sagte Arquimaes. „Das ist alles, was sie interessiert.“

„Und Demónicus will den Leichnam seiner Tochter Alexia zurückhaben“, fügte Émedi hinzu.

„Aber sie wissen doch nicht, dass sie hier ist“, warf Arturo ein. „Sie haben nicht die leiseste Ahnung.“

„Deswegen haben sie ihren Spähtrupp ausgeschickt, um genau das herauszufinden“, folgerte Arquimaes. „Wenn Demónicus sieht, dass seine Männer nicht zurückkommen, wird er andere schicken. Wir müssen gewappnet sein.“

„Das werden wir“, sagte Arturo. „Als Erstes werden wir die Wachen verdoppeln.“

***

DER GROSSE FINSTERE Zauberer war untröstlich über den Verlust seiner Tochter Alexia. Unablässig grübelte er nach, auf welche Weise er sich rächen könnte. Er hätte alles dafür gegeben, Arturo Adragón in eine seiner Folterkammern werfen zu können.

Mitten in der Nacht traf er sich im großen Saal unter der Feuerkuppel mit seinen Generälen, um die entscheidende Schlacht vorzubereiten.

„Die Emedianer haben sich in das Tal von Ambrosia geflüchtet“, informierte sie Tibérides, dessen Bart bis auf die Brust reichte. „Sie sind dabei, sich neu zu formieren.“

„Sie stellen nach wie vor eine Gefahr dar“, warf Átila ein, der Anführer eines der Stämme aus den Sumpfgebieten. „Sie könnten sogar in der Lage sein, uns anzugreifen. Meine Männer wollen die Sache so schnell wie möglich erledigen und Beute machen, was uns bei der Schlacht um Emedia ja leider nicht gelungen ist.“

„Alle Welt soll wissen, dass jeder vernichtet wird, der sich uns in den Weg stellt“, fügte Tibérides hinzu. „Lasst uns ein für allemal mit ihnen abrechnen!“

Demónicus, der sich die Meinungen seiner Generäle genau anhörte, wusste, dass sie sich einig waren: Die Emedianer mussten ausgelöscht werden! Böse knurrte er: „Das werden wir auch. Keiner von ihnen soll übrig bleiben. Außer Arturo Adragón, den will ich lebendig! Und ich erwarte, dass ihr mir den Leichnam meiner Tochter bringt! Möglicherweise kann Arquimaes’ abtrünniger Bruder Tránsito uns dabei helfen. Er kennt den Weisen wie kein Zweiter. Führt ihn herein!“ An seine Generäle gerichtet, fügte er hinzu: „Ich habe einen Spähtrupp losgeschickt, unter der Leitung von General Nórtigo. Sie sind mit einer Mission betraut, die uns helfen wird, diese verdammten Emedianer endgültig zu vernichten.“

„Und was ist das für eine Mission?“, fragte Átila.

„Sie sollen Königin Émedi entführen! In ebendieser Minute befindet sie sich schon in Nórtigos Gewalt“, antwortete Demónicus. „In wenigen Tagen wird der Sieg unser sein, das verspreche ich euch! Die Geschichtsschreiber werden glauben, dass die Emedianer niemals existiert haben. Sie werden einfach von der Erdoberfläche verschwunden sein!“

„Wenn wir ihre Königin in unserer Gewalt haben, werden sie sich unseren Forderungen beugen. Ein hervorragender Plan!“, pflichtete Tibérides bei. „Sie werden sich uns bedingungslos ergeben!“

Die Generäle prosteten einander zu, froh über die Entscheidung ihres Anführers.

„Aber vergesst nicht“, erinnerte sie der Finstere Zauberer, „ich will Arturo Adragón lebend haben! Lebend! Habt ihr mich verstanden?“

***

WÄHRENDDESSEN WURDE DER frühere Graf Morfidio, der sich inzwischen in König Frómodi verwandelt hatte, von seinen Männern auf einer Holztrage zum Wald von Amórica transportiert. In der Schlacht um Emedia hatte er den rechten Arm in einem erbitterten Kampf gegen Arquimaes verloren und war nun am Ende seiner Kräfte angelangt.

„Herr, wir sollten hier besser haltmachen“, sagte Escorpio, sein Spitzel und Ratgeber. „Wenn wir uns in den Wald der Geächteten hineinwagen, könnten wir am Ende alle getötet werden.“

„Hast du Angst?“, höhnte Frómodi. „Oder was ist los?“

„König Frómodi, nur weil ich gelegentlich Angst habe, konnte ich so lange überleben. Und jetzt ist es besonders angebracht, Vorsicht walten zu lassen. Die Geächteten sind hervorragende Schützen. Sie sind in der Lage, die Kehle eines Mannes mit dem Pfeil zu durchbohren, bevor er auch nur einen Schrei ausstoßen kann. Sie sind äußerst gefährlich, Herr, und es sind sehr viele.“

„Sollen wir etwa hierbleiben, bis mein Arm verfault ist und von den Aasgeiern gefressen wird?“, spottete der König. „Hast du vergessen, dass ich unbedingt diese verfluchte Górgula finden muss, damit sie mir den Arm wieder an meinen Körper zaubert?“

„Nein, Herr, das habe ich nicht vergessen. Aber ich rate Euch, hier unser Lager aufzuschlagen und einen Boten zu Eurem Schloss zu schicken, um Verstärkung zu holen“, schlug Escorpio vor. „Das ist besser … und sicherer.“

Frómodi verspürte einen stechenden Schmerz in seinem rechten Armstumpf. Er blickte auf das Tuch, in welches sein abgeschlagener Arm gewickelt war, musterte besorgt die widerliche Verfärbung und drängte: „Wir müssen diese Hexe so schnell wie möglich finden!“

„Schickt einen Eurer Soldaten zum Schloss, Herr“, wiederholte Escorpio. „Wenn er sich beeilt, kann er in wenigen Tagen mit der Verstärkung zurück sein.“

„Gut, ich schicke einen Boten. Aber wir werden in diesen verfluchten Wald eindringen und uns als Freunde der Geächteten ausgeben. Und dann warten wir auf meine Soldaten. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Mein Arm verfault, und so langsam verliere ich die Geduld.“

Escorpio verzichtete auf eine Antwort. Der Gestank des abgeschlagenen Armes von König Frómodi sprach Bände.

***

BESORGT SAH KÖNIGIN Émedi Arquimaes an. Der Weise schwieg, sein Blick war seltsam leer. Schon seit Tagen war er in sich gekehrt. Und eben hatte er beim Essen kaum einen Bissen runtergekriegt.

„Du machst dir Sorgen um Arturo, nicht wahr?“, fragte die Königin.

Arquimaes hob den Kopf und starrte sie an, als hätte sie seine geheimsten Gedanken erraten. „Ja. Ich glaube, ich muss etwas unternehmen. Er ist verzweifelt, weil er Alexia getötet hat. Das wird er sich nie verzeihen. Er muss sie wiederbekommen, oder aber er wird sich selbst noch das Leben nehmen.“ Der Alchemist schwieg eine Weile, dann fuhr er fort. „Das Problem ist, dass wir eine lange Reise machen müssten, aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um dich allein zu lassen, meine Königin. Die Demoniquianer können jeden Augenblick angreifen.“

„Du solltest Arturo auf keinen Fall seiner Verzweiflung überlassen“, erwiderte Émedi. „Reite mit ihm fort, ich komme schon zurecht. Meine Soldaten sind wieder stark genug, um uns zu verteidigen.“

„Bist du sicher? Ich hatte mir geschworen, mich nie mehr von dir zu trennen“, sagte Arquimaes.

„Und ich, Arquimaes, habe mir geschworen, dir bei der Erfüllung deiner Pflichten nicht im Wege zu stehen. Arturo muss seine Lebensfreude wiederfinden, sonst wird er niemals das Reich der Gerechtigkeit regieren können, das du errichten willst. Du hast mir das Leben wiedergegeben, und so musst du es auch bei Alexia tun. Obwohl sie die Tochter des Demónicus ist. Tu es für unseren … für unseren geliebten Arturo.“

„Ich weiß, meine Königin. Ich weiß, du hast recht“, stimmte der Weise ihr zu. „Ich war mir lange nicht sicher, aber jetzt bin ich einer Meinung mit dir. Arturo ist für uns von allergrößter Bedeutung … Doch wir müssen noch etwas warten.“

„Warten? Worauf?“

„Auf den rechten Augenblick. Arturo ist noch nicht bereit dafür.“

Plötzlich hörten sie, wie sich mehrere Pferde im Galopp näherten und direkt vor dem Zelt zum Stehen kamen. Im nächsten Augenblick stürmte Leónidas herein, begleitet von einem Wachposten und zwei weiteren Reitern.

„Was ist passiert, mein Freund?“, erkundigte sich die Königin und erhob sich.

„Die Demoniquianer!“, stieß der treue Ritter keuchend hervor. Er war schweißnass und völlig außer sich. „Sie nähern sich unserem Lager! Eine ganze Armee! Morgen sind sie hier!“

IV
BESUCH BEIM SEELENDOKTOR

ICH BIN ZU Cristóbals Vater gegangen, der unbedingt mit mir sprechen will. Ich habe es vorgezogen, ihn alleine aufzusuchen. So fühle ich mich freier. Metáfora habe ich nichts davon gesagt, ich werde es ihr später erzählen.

„Hallo, Arturo“, begrüßt mich Doktor Vistalegre. „Wie ich sehe, hast du dir den Kopf kahl geschoren.“

„Ja, das machen jetzt viele. Aber es ist nicht so wichtig.“

„Warum hast du das getan? Findest du, dass du damit erwachsener aussiehst?“

„Kann schon sein“, antworte ich gleichgültig. Er soll merken, dass das für mich kein Thema ist. „Ich weiß nicht, ist mir auch egal …“

„Na schön, reden wir über etwas anderes. Träumst du immer noch so intensiv? Bist du nach wie vor davon überzeugt, dass deine Träume real sind und sich in einer anderen Dimension abspielen?“

„Ja, allerdings, und meine Träume werden immer realer und intensiver. Wenn ich aufwache, habe ich oft das Gefühl, dass ich das alles wirklich erlebt habe … oder noch erleben werde.“

„Ich habe deine Träume studiert, und dabei habe ich ein paar Dinge herausgefunden, die uns weiterhelfen könnten. Außerdem möchte ich dir einen Vorschlag machen. Demnächst findet ein internationaler Kongress von Traumspezialisten statt, und da dachte ich mir, ich könnte deinen Fall dort zur Sprache bringen. Natürlich nur, wenn du damit einverstanden bist … Vielleicht können uns die Fachleute mit ein paar Ideen weiterhelfen. Was hältst du davon?“

„Ich weiß nicht so recht … Ich glaube, meine Träume sind meine Privatsache, ich möchte nicht, dass sie öffentlich diskutiert werden. Mir ist es lieber, wenn die Sache unter uns bleibt und keiner sonst etwas davon erfährt.“

„Ich darf dich daran erinnern, dass Metáfora darüber Bescheid weiß. Und Cristóbal.“

„Das ist was anderes, sie werden niemandem davon erzählen.“

„Wie du meinst. Aber wenn du dein Problem wirklich lösen willst, dann gebe ich dir den guten Rat, dich nicht zu verschließen. Ich muss zugeben, deine Träume sind sehr kompliziert. So etwas ist mir noch nie untergekommen. Ich glaube, wir stehen vor einem ganz einmaligen Fall … Gut möglich, dass du in die Geschichte der Medizin eingehst.“

Ich habe den Verdacht, dass Doktor Vistalegre noch ratloser ist als ich. Vielleicht sollte ich mir einen anderen Seelendoktor suchen. Das täte mir zwar leid wegen Cristóbal, aber wenn es so weitergeht, werde ich es tun müssen. Denn anstatt mir zu helfen, bringt er mich nur noch mehr durcheinander.

„Also, wie gesagt, ich habe einige Nachforschungen angestellt und bin da auf etwas gestoßen, das uns der Wahrheit näherbringen könnte. Hast du mal von Doktor Steiner gehört? Rudolf Steiner?“

„Nein.“

„Doktor Steiner hat über die Grenze zwischen Leben und Tod philosophiert und ist zu einigen interessanten Schlussfolgerungen gekommen. Er meint, wenn wir träumen, begegnen wir dem Tod. Jedes Mal, wenn wir erwachen oder einschlafen, betreten wir eine Welt, die sich von der anderen unterscheidet.“

„Also, das finde ich ziemlich übertrieben. Wenn wir schlafen, träumen wir auch, aber wir sterben ja nicht. Das weiß doch jeder.“

„Was er damit sagen wollte, ist, dass wir dem Tod begegnen, wenn wir einschlafen. Dass wir mit ihm zusammentreffen. Das ist alles. Meinst du nicht, dass dir genau das passiert?“

„Und Sie? Glauben Sie das auch? Wollen Sie damit sagen, dass ich jedes Mal, wenn ich einschlafe, dem Tod begegne? Also, das hört sich doch ziemlich nach einem Horrorfilm an, so mit Zombies und Gespenstern …“

„Magst du keine Horrorfilme?“

„Nicht besonders. Ich hab ein paar gesehen, aber …“

„Steiner war kein Filmemacher, er hat noch nicht mal Drehbücher geschrieben. Er war Wissenschaftler und ist zu dem Schluss gekommen, dass wir in unseren Träumen manchmal durch das Reich der Toten wandern. Kennst du dich in der griechischen Mythologie aus? Da ist von einem Boot die Rede, das den Fluss des Lebens durchquert. Herkules hat sich übersetzen lassen. Und Orpheus hat sogar das Totenreich betreten, um seine Frau Eurydike in diese Welt zurückzuholen.“

„Ja, ich weiß, es gibt Schriftsteller, die sich solche Geschichten ausgedacht haben. Und viele Regisseure haben Filme über Gespenster gedreht, die ins Leben zurückkehren …“

„Aber wir reden jetzt nicht über Filme, sondern über Wissenschaft …“

„Wissenschaft? Sie erzählen mir doch die ganze Zeit etwas über Dinge, die nur in Romanen oder Filmen vorkommen oder auf Bildern zu sehen sind …“

„Kennst du den französischen Maler Ingres?“ Er steht auf und geht zu einem Bücherregal, nimmt ein Buch heraus und schlägt es auf. „Hier, sieh mal, er hat ein Bild gemalt, es heißt Ossians Traum … Es stellt einen schlafenden Mann dar, der von Kriegern und schönen Frauen träumt, die er aus dem Jenseits herbeigerufen hat.“

Im Vordergrund des beeindruckenden Bildes ist ein Mann zu sehen, der scheinbar friedlich schläft, während ihn Krieger und weibliche Wesen umkreisen, die seinem Kopf entstiegen sein könnten. Ein wahrer Totentanz!

„Aber er gehört doch nicht zu den Kriegern, die aus der anderen Welt kommen“, bemerke ich.

„Woher weißt du das? Woher willst du wissen, ob der bewaffnete Mann hier mit dem Helm auf dem Kopf nicht der Schlafende selbst ist?“

„Na ja, man kann letzten Endes alles so deuten, wie man will.“

„Es geht nicht darum, ob ich recht habe. Ich will dir damit nur sagen, dass deine Träume möglicherweise aus deinem tiefsten Innern stammen. Dass sie bisher unentdeckt in dir geschlummert haben und jetzt aus irgendeinem Grund an die Oberfläche kommen.“

Ich schaue mir das Bild von Ingres aufmerksam an und denke darüber nach, was Doktor Vistalegre gesagt hat. Ein Mann träumt von Toten und möglicherweise von sich selbst. Sehr seltsam … Vielleicht geschieht mit mir dasselbe. Träume ich von Menschen, die schon lange tot sind?

„Viele Künstler sind besessen vom Jenseits“, fährt Cristóbals Vater fort. „Tausende von ihnen haben Romane und Gedichte darüber geschrieben, Bilder gemalt, Lieder und Opern komponiert … Du musst begreifen, dass deine Träume möglicherweise etwas mit dem Leben der anderen zu tun haben, dass sie dich irgendwo anders hinführen …“

„An den Abgrund des Todes!“, rufe ich aus, ohne nachzudenken.

„Was? Was hast du da gesagt?“

„An den Abgrund des Todes.“

„Wie kommst du darauf?“

„Keine Ahnung, wahrscheinlich habe ich es aus irgendeinem Film oder Buch …“

„Oder aus deinen Träumen?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht hab ich’s ja nur irgendwo gehört.“

„Hör zu, Arturo, ich möchte dich bitten, mich zu dem Kongress zu begleiten. Vielleicht ist da wirklich jemand, der uns weiterhelfen kann“, sagt Doktor Vistalegre mit seltsam glänzenden Augen, in denen irgendwie auch so etwas wie Angst liegt. „Ich weiß nur eines: Wir müssen dein Problem lösen! Komm mit und erzähl den Experten, was dir passiert. Bestimmt wird sich jemand für dich interessieren.“

***

ICH BETRETE DAS Café, in dem ich mit Metáfora verabredet bin. Sie sitzt ganz hinten an einem der großen Fenster.

Um Zeit zu gewinnen, ziehe ich meine Jacke langsam aus und lasse sie auf den Boden fallen.

„Hallo! Entschuldige bitte, dass ich mich verspätet habe“, sage ich und setze mich auf den Stuhl ihr gegenüber.

„Du kommst zu spät und bist nervös“, stellt sie fest. „Wo warst du? Oder willst du es mir nicht sagen?“

„Doktor Vistalegre hat mir vorgeschlagen, mit ihm auf einen internationalen Kongress zu gehen, um dort meinen Fall vorzutragen. Bist du jetzt zufrieden?“

„Warst du allein bei ihm? Warum hast du mich nicht angerufen?“

„Metáfora, bitte, ich bin alt genug, um allein zum Arzt zu gehen“, entgegne ich. „Außerdem geht das nur mich etwas an.“

„Komm mir jetzt nicht mit so einem Quatsch! Nach allem, was wir schon zusammen erlebt haben! Ich bitte dich …“

Ich ziehe es vor, nicht zu antworten. Vielleicht hat sie ja recht, aber ich kann ihr doch schlecht sagen, dass ich sie nicht dabeihaben wollte!

„Du wolltest alleine hingehen“, sagt sie, als hätte sie meine Gedanken erraten, wie schon so oft.

„Na ja, ich …“

„Und worüber habt ihr gesprochen?“

„Das hab ich dir doch gerade gesagt.“

Sie sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an und überlegt sich, was sie darauf sagen soll. Bestimmt nichts Nettes.

„Und darum bist du so nervös? Erzähl mir doch nichts!“

Jetzt bin ich es, der die Augen zusammenkneift und sich überlegt, was er ihr antworten soll.

„Kennst du einen Maler namens Ingres? Das ist ein Franzose, der ein Bild gemalt hat, Ossians Traum …“

„Willst du mich verarschen?“

„Warte, ich bestell mir nur schnell was, dann erklär ich dir alles.“

Während ich zur Theke gehe, um mir einen Saft zu holen, überlege ich mir, wie ich es ihr erzählen soll, ohne dass es sich wie ein Horror- oder Fantasy-Film anhört. Metáfora steht mit beiden Beinen voll im Leben und hat für Fantasy-Geschichten nicht viel übrig. Allerdings … seit sie dabei war, als ich gegen Stromber gekämpft habe, lässt sie Dinge gelten, von denen sie früher nichts wissen wollte.

„Übrigens, Arturo“, sagt sie, kaum dass ich mich wieder gesetzt habe, „die Tatsache, dass dein Vater mit Hilfe meiner Mutter deine Mutter wiederbeleben will, eignet sich hervorragend als Grundlage für ein Drehbuch zu einem Horrorfilm. Aber ich weiß, dass so was unmöglich ist. Und jetzt erzähl mir bitte von diesem Bild. Und was du mit Cristóbals Vater besprochen hast.“

„Hast du mal was von einem Mann namens Steiner gehört?“

„Hieß er nicht gerade noch Ingres? Du musst dich schon entscheiden!“

„Du hast recht, entschuldige … Also, es gab wohl mal einen Arzt namens Steiner, Rudolf Steiner …“

V
BELAGERUNG UND RASEREI

ARTURO, ARQUIMAES, ÉMEDI, Leónidas, Eisenfaust und einige andere Ritter beobachteten von einem behelfsmäßigen Wachturm aus die Truppenbewegungen des Feindes.

„Sie kommen immer näher“, stellte Arturo fest. „Offenbar bereiten sie einen Angriff vor.“

„Oder eine Belagerung“, entgegnete Arquimaes. „Sie haben es nämlich eigentlich gar nicht nötig, zu den Waffen zu greifen. Sie müssen nur einen eisernen Ring um uns schließen und uns aushungern.“

„Wir müssen uns verteidigen“, sagte Leónidas. „Wenn wir sie überraschen und zuerst angreifen, können wir sie besiegen.“

„Nein, mein Freund“, widersprach Königin Émedi. „Unsere Männer sind von der Schlacht um Emedia völlig erschöpft. Sie haben keine Kraft mehr zu kämpfen. Wir müssen uns in Geduld üben.“

„Ja, und uns Verbündete suchen“, ergänzte Arquimaes. „Wir sollten uns mit anderen Königen zusammenschließen.“

„Als wir in Emedia angegriffen wurden, ist uns niemand zu Hilfe geeilt“, brummte Ritter Eisenfaust. „Und jetzt, wo wir geschlagen worden sind, wird es erst recht keiner tun.“

„Aber uns bleibt nichts anderes übrig“, beharrte der Alchemist auf seiner Meinung.

„Vielleicht könnte ich ja in der Zwischenzeit etwas versuchen …“, schlug Arturo vor.

„Nein, wir müssen verhandeln“, unterbrach ihn Arquimaes, der wusste, worauf sein Schüler hinauswollte. „Hör auf mich, Arturo, es ist besser so.“

Arturo Adragón sah seinen Meister an und fragte sich, was dessen Nein zu bedeuten hatte. Er wusste sehr wohl, dass seine magischen Kräfte ausreichen würden, um einen großen Teil der Truppe, die Demónicus geschickt hatte, zu vernichten. Vor Kurzem erst hatte er es bewiesen, in jener Nacht, als rund vierzig Krieger in kürzester Zeit von den Buchstaben niedergemetzelt worden waren.

Während sie noch diskutierten, formierten sich Demónicus’ Soldaten. Es wurden immer mehr. Alles deutete darauf hin, dass sie eine gnadenlose Belagerung vorbereiteten, ganz so, wie Arquimaes vorhergesagt hatte. Sie würden einen eisernen Ring um die Ruinen von Ambrosia schließen und deren Bewohner aushungern.

***

DER HASS AUF seinen Bruder hatte Tránsito veranlasst, sich Demónicus zu unterwerfen und in dessen Dienste zu treten. Als Gegenleistung sollte er die Gelegenheit bekommen, sich an Arquimaes zu rächen. Es verging kein Tag, an dem Tránsito sich nicht daran erinnert hätte, dass sein jüngerer Bruder durch Arquimaes’ Schuld getötet worden war. Und auch die Zerstörung Ambrosias ging auf ihn zurück. Denn er war es gewesen, der die gottlosen, grausamen Krieger zu dem Kloster geführt hatte. Doch was am meisten an Tránsito nagte, war die Tatsache, dass Arquimaes gegen seinen Rat aus dem Orden ausgetreten und Alchemist geworden war. Für ihn, Tránsito, war Arquimaes ein elender Verräter, der für seine Sünden büßen musste.

Seit er von Demónicus zum Verwalter des Reiches ernannt worden war, das sie Königin Émedi entrissen hatten, hatte er viel Zeit und Mühe darauf verwandt, die Orte durchkämmen zu lassen, an denen sich sein Bruder aufgehalten hatte. Er hoffte, irgendwelche Spuren zu finden, die ihn zu dem geheimen Wissen des Alchemisten führen würden. Vor allem aber suchte er nach der Formel, wie man Tote ins Leben zurückholte. Ja, Tránsito wollte das Geheimnis der Unsterblichkeit lüften.

Darum hatte er die gefangenen Emedianer bis zum Überdruss verhört und foltern lassen, und es war ihm gelungen, einige wertvolle Hinweise aus ihnen herauszupressen. Doch an die wichtigste Information, auf die sein neuer Herr Demónicus so versessen war, war er bisher noch nicht gekommen.

„Ich frage dich noch einmal, Soldat, wo ist Prinzessin Alexia?“

„Sie ist tot“, antwortete der im Sterben liegende Emedianer, der schon seit Tagen auf der Folterbank gefesselt war. „Unser Anführer Arturo Adragón hat sie getötet.“

„Bist du dir klar darüber, dass sich deine Situation nur noch verschlimmern kann?“, schrie der Mönch ihn an. „Wo ist der Leichnam der Prinzessin?“

„Das müsst Ihr Arturo Adragón persönlich fragen“, stöhnte der Soldat, da die Fesseln immer tiefer in sein Fleisch schnitten. „Ich weiß es nicht!“

Tránsito gab dem Folterknecht ein Zeichen. Der drehte daraufhin das Rad ruckartig weiter, wodurch die Stricke noch mehr gespannt wurden und das Leiden wie das Leben des Gefangenen ein Ende hatten.

Enttäuscht verließ Tránsito die Folterkammer. Er kam einfach nicht weiter. Die Leiche der Prinzessin blieb verschwunden. Er war sich sicher, dass Arturo sie geborgen hatte, selbst wenn es keine eindeutigen Beweise dafür gab. Aber er wusste auch, dass Demónicus kein Versagen duldete, vor allem dann nicht, wenn es um seine Tochter ging.

„Wo sind die nötigen Beweise?“, fragte er sich laut, als er in Arquimaes’ ehemaliges Laboratorium trat. „Wo?“

Tags darauf ritt ein Bote des Finsteren Zauberers über die Zugbrücke des Schlosses und bat um Audienz. Als Tránsito hörte, was sein Herr von ihm verlangte, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken.

***

ARTURO UND ARQUIMAES betraten die halb verfallene Ruine, auf deren Mauern Tránsito in großen Lettern geschrieben hatte, was er über seinen Bruder dachte. Arturo ließ den Blick über die Schrift wandern und las noch einmal Tránsitos Verwünschung:

AN DIESEM ORT ERHOB SICH EINSTMALS DIE ABTEI VON AMBROSIA, DIE VIELE JAHRE HINDURCH IM DIENSTE DER SCHREIBKUNST STAND. HIER WURDEN ZAHLREICHE BÜCHER VERFASST, BEVOR BARBAREN DEN MÖNCHEN DAS LEBEN GENOMMEN ODER SIE VON HIER VERTRIEBEN HABEN. DIE SCHULD DARAN TRÄGT EIN VERRÄTER NAMENS ARQUIMAES. ER HAT TOD UND SCHMERZ ÜBER UNS GEBRACHT. MÖGE SEINE SEELE IN DER HÖLLE SCHMOREN!

„Mit diesen Worten verflucht mich mein eigener Bruder“, sagte der Alchemist. „Auch ich habe Fehler gemacht und muss für sie büßen. Es gilt, unseren Frieden mit uns selbst zu schließen, mit den inneren Dämonen, die uns bedrängen.“

„Meister, ich verstehe nicht, warum Ihr mich nicht gegen die Armee des Demónicus kämpfen lasst“, sagte Arturo. „Mit Hilfe der Buchstaben könnte ich ein Blutbad in ihren Reihen anrichten. Und verhindern, dass unsere Männer sterben.“

„Ich verbiete es dir, weil ich dich vor dir selbst schützen muss, mein lieber Arturo“, antwortete der Weise. „Es ist nur zu deinem Besten.“

„Aber für mich besteht doch keine Gefahr! Die fliegenden Buchstaben gehorchen mir immer besser. Außerdem habe ich das alchemistische Schwert! Ich bin ein hervorragender Krieger, und Ihr wisst das.“

Arquimaes trat auf Arturo zu und zog ihm besagtes Schwert aus der Scheide. Dann hieb er damit durch die Luft, so als wolle er etwas Unsichtbares durchschlagen, und sagte: „Es geht nicht um dein Leben, es geht um dich, um deinen Geist, deine Seele. Es geht um das Beste in dir. Das ist es, was ich meine, Arturo.“

„Aber ich bin doch jetzt der Anführer der Schwarzen Armee! Königin Émedi hat mich zum Ritter geschlagen, und ich habe ihr die Treue geschworen. Ich bin bereit für …“

„Das war, bevor du Alexia getötet hast“, unterbrach ihn der Weise. „Ihr Tod hat dich verändert. Du verlierst die Kontrolle über dich, und ich will dir helfen, sie wiederzuerlangen.“

„Das verstehe ich nicht, Meister. Ich weiß wirklich nicht, wovon Ihr sprecht. Gewiss, mein tödlicher Irrtum schmerzt mich zutiefst, und ich vermisse Alexia sehr. Aber ich bin durchaus in der Lage, gegen unsere Feinde zu kämpfen. Ich habe Euch doch erzählt, was neulich nachts geschehen ist.“

„Genau das meine ich, Arturo! Du hast alle ohne Ausnahme töten lassen, obwohl gar keine Notwendigkeit dazu bestand. Deine Macht überfordert dich. Du bist wütend über Alexias Tod. Deine inneren Dämonen lechzen nach Blut, und du merkst es nicht. Du bist gerade dabei, die Macht deiner Magie zu missbrauchen. Ich beobachte das schon eine ganze Weile. Du zügelst deine Macht einfach nicht. Und du stellst längst selbst eine Gefahr dar. Du hast diese alchemistische Macht von uns erhalten, um Gutes zu tun und für Gerechtigkeit zu sorgen, und nicht, um wahllos zu töten. Oder glaubst du, wir hätten dir dieses Schwert gegeben, damit du es wie eine Sense benutzt, mit der man Leben niedermäht? Nein, Arturo, es ist eine Waffe des Guten und nicht eine des Bösen … Dein besessener Zorn hat dich voll im Griff.“

Keinem anderen Menschen hätte Arturo erlaubt, so mit ihm zu reden. Arquimaes’ Worte trafen ihn mitten ins Herz.

„Habt Ihr mit Königin Émedi darüber gesprochen?“

„Émedi denkt wie ich. Wir fürchten, dass du dich von deinem wütenden Groll zu weiterem Ungemach hinreißen lässt. Das Wichtigste ist im Augenblick aber nicht, unsere Feinde auszulöschen, die uns belagern und uns töten wollen. Das Wichtigste ist erst einmal, dass du deine Besonnenheit und dein Gleichgewicht wiedergewinnst.“

„Was muss ich tun?“, fragte Arturo, der einsah, dass sein Meister recht hatte. „Wie kann ich diese Wut beherrschen, die mich auffrisst?“

„Zuerst musst du deinen Schmerz annehmen. Werde dir über deine Gefühle klar und denke daran, wie viele Menschen du getötet hast, seitdem Alexia durch dein Schwert gestorben ist. Du musst begreifen, dass die Macht des Drachen dir ein Übermaß an Stärke verliehen hat, die du nicht zu kontrollieren weißt. Du musst deine Triebe beherrschen und deine Macht angemessen einsetzen.“

Arturo senkte den Kopf und schloss die Augen. Was er nicht wusste, war, dass er unter dem Einfluss der Worte des Weisen stand, der ihn behutsam auf diese Unterredung vorbereitet hatte. Und zum ersten Mal seit Alexias Tod verspürte er in seinem Innern eine Welle friedvoller Ruhe.

„Ich werde tun, was Ihr sagt, Meister.“

„Ich lasse dich nicht allein“, versprach Arquimaes und legte seinem Lieblingsschüler die rechte Hand auf die Schulter. „Ich werde dich auf deinem Weg begleiten. Bald wirst du wieder du selbst sein.“

Aus dem nahen Wald drang ein markerschütterndes Geheul. Die wilden Bestien des Finsteren Zauberers machten sich auf die Jagd nach frischem Menschenfleisch.

VI
IN DEN TIEFEN DER STIFTUNG

TROTZ ALLER SCHWIERIGKEITEN sind Hinkebein, Metáfora und ich damit fortgefahren, die Tiefen der Stiftung zu erforschen. Heute sind wir wieder in den gefährlichen Keller hinuntergestiegen.

Der Palast von Arquimia ist viel größer, als wir dachten. Die endlosen Flure lassen darauf schließen, dass es sich um ein ausgedehntes Netz an Gängen handelt, ein wahres Labyrinth, dessen Ausmaß nicht abzusehen ist.

Diejenigen, die dieses Meisterwerk erbaut haben, wussten, was sie da schufen; wir dagegen stehen erst am Anfang.

„Und was machen wir jetzt?“, fragt Hinkebein. „Weitergehen oder nicht? Jetzt, da Stromber die Stiftung verwaltet, könnte er uns großen Ärger machen. Er könnte uns sogar anzeigen.“

„Nein“, widerspreche ich. „In den Kellern hat er nichts zu sagen. Wir können uns ruhig weiter dort umsehen. Ich will unbedingt wissen, was es da unten noch so alles zu sehen gibt. Ich möchte das Geheimnis des Palastes lüften.“

„Aber früher oder später müssen wir unsere Entdeckung den Behörden melden“, gibt Metáfora zu bedenken. „Wenn die mitkriegen, was wir hier tun, sind wir dran. Stimmt’s, Hinkebein?“

„Du hast recht. Wir wissen inzwischen, dass wir eine wichtige Entdeckung gemacht haben. Und das könnte uns in Schwierigkeiten bringen … Aber da fällt mir ein, wir könnten doch Adela um Hilfe bitten.“

„Meinst du wirklich?“

„Klar, sie ist doch die Sicherheitschefin. Wir müssen ihr vertrauen. Ihr fällt bestimmt was ein.“

„Ich weiß nicht, vielleicht hast du ja recht, aber ich würde vorschlagen, noch ein wenig zu warten. Wir kennen sie ja kaum. Sie hält ihr Privatleben verschlossen wie einen Tresor. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, auf wessen Seite sie steht.“

„Na ja, immerhin wissen wir, dass sie eine Freundin meiner Mutter ist“, erinnert uns Metáfora.

„Sie ist so distanziert, finde ich“, sagt Hinkebein. „Wenn sie mich sieht, schaut sie weg. Es ist, als existierte ich nicht für sie. Eine seltsame Frau, hart wie Stein.“

„Wir kommen vom Thema ab“, melde ich mich wieder zu Wort. „Wir müssen eine Entscheidung treffen. Ich bin fürs Weitermachen.“

„Ich auch“, stimmt Metáfora mir zu. „Lasst uns noch mal runtergehen.“

„Gut, aber wir müssen sehr vorsichtig sein“, mahnt Hinkebein. „Wenn Stromber was mitkriegt, wird er uns Ärger machen. Er hat dich sowieso auf dem Kieker, Arturo. Nach eurem Duell ist er bestimmt sehr wütend auf dich. Er wird alles versuchen, um dich fertigzumachen. Ich hab dir doch erzählt, dass er …“

„Ja, ich weiß, er will meinen Platz einnehmen …“

„… und dir deinen Namen klauen“, ergänzt Metáfora. „Der Mann ist gefährlich, Arturo. Du musst dich vor ihm in Acht nehmen.“

„Stimmt, aber ich lass mich nicht so einfach vertreiben. Die Stiftung war immer mein Zuhause, und niemand kann mich hier rauswerfen.“

„Also gut, gleich morgen gehen wir wieder runter. Gebt mir etwas Zeit, damit ich alles gut vorbereiten kann. Ich muss meine Notizen ordnen und mir die vielen Zeichnungen ansehen, die ich angefertigt habe.“

„Einverstanden. Du bist der Archäologe und weißt, wie wir vorgehen müssen.“

***

ICH BIN WIEDER in die Kuppel hinaufgestiegen, um meine Mutter zu besuchen, besser gesagt, das Bild meiner Mutter. Zuerst habe ich daran gedacht, nach unten zu dem Sarkophag zu gehen, in dem ihr Leichnam ruht. Aber so weit bin ich noch nicht, und deswegen komme ich vorerst lieber hierher in die Dachkammer.

Nach langem Überlegen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass mein Vater sie nicht wiederbeleben kann. So etwas war vielleicht im Mittelalter möglich. Damals gab es jede Menge Hexen und Hexenmeister, Zauberer, Magier, Feen und Kobolde, aber damit ist es jetzt vorbei. Heutzutage wird kein Toter mehr zum Leben erweckt. Sicher, es gibt die Kryogenik, das ist die Technik, mit der Menschen eingefroren werden, um sie nach vielen Jahren ins Leben zurückzuholen, für den Fall, dass man in der Zwischenzeit ein Mittel gegen ihre tödliche Krankheit gefunden hat. Aber mehr nicht. Auch ist viel vom Klonen die Rede und von bestimmten Verfahren, mit denen die Gene von Menschen und Tieren verändert werden können. Aber Wiedererweckungen? Fehlanzeige! Es ist eine Sache, Fische oder Schafe einzufrieren, eine ganz andere jedoch, das mit einem Menschen zu tun und ihn später ins Leben zurückzuholen. Deswegen werde ich mich wohl damit begnügen müssen, mich mit Mamas wunderschönem Gemälde zu unterhalten.

„Hallo, Mama, hier bin ich wieder“, sage ich und nehme das Laken von der Leinwand.

Ich setze mich auf das alte Sofa und betrachte das Bild. Erst dann rede ich weiter.

„Papa meint, er könne dich wiederbeleben. Aber ich muss gestehen, dass ich mir nicht sicher bin, ob es ihm gelingt. Nicht mal mit Hilfe des Pergaments.“

Sie lächelt mich an, und ich frage mich, ob sie mich nicht doch hören kann.

„Ob er es nun schafft oder nicht, auf jeden Fall freue ich mich sehr, dass dein Leichnam hier in der Stiftung ruht. Und bald werde ich hinuntergehen können, um dir noch näher zu sein. Dann werde ich mich noch viel sicherer fühlen … Aber heute will ich dir etwas versprechen. Ich gebe dir mein Wort, dass ich versuchen werde, Papa nicht mehr böse zu sein, weil er falsche Hoffnungen in mir geweckt hat. Egal, ob ihm das, was er mit Normas Hilfe vorhat, nun gelingt oder nicht.“

Ich warte ein wenig und fahre dann fort:

„Du kannst also ganz beruhigt sein. Papa und ich werden uns deswegen nicht mehr streiten. Aber auch wenn er sehr aufrichtig zu mir war in jener Nacht, als er mir alles gestanden hat, habe ich das Gefühl, dass er mir etwas verheimlicht. Ich weiß, dass in seiner Geschichte noch irgendein wichtiger Mosaikstein fehlt. Na ja, ich werde es schon noch herausfinden.“

Ich stehe auf und nehme das Laken, aber bevor ich das Gemälde wieder verhülle, erzähle ich ihr noch etwas:

„Ach ja, übrigens, ich habe angefangen, die Geschichte von König Artus aufzuschreiben. Die Geschichte von den Rittern der Tafelrunde fasziniert mich sehr. Es sind ganz tolle Männer, besonders Merlin, der Zauberer. Ich hätte ihn gern in meiner Nähe. Also dann, Mama, ich komme wieder, sobald ich kann“, sage ich und verhülle das Bild.

Ich gehe ins Erdgeschoss hinunter. Dort begegne ich Adela.

„Hallo, Arturo, wie geht es dir?“

„Gut, Adela. Und dir?“

„Ich versuche, Ordnung ins Chaos zu bringen, was gar nicht so einfach ist. Es bereitet mir ziemliches Kopfzerbrechen, dieses Gebäude zu sichern. Vor allem jetzt, mit dem neuen Verwalter.“

„Klar, du musst dich nach den Wünschen der Besatzer richten …“

„Hör mal, Kleiner, wie redest du mit mir?“, erwidert sie leicht gekränkt. „Ich bin die Sicherheitsbeauftragte und habe nicht zu entscheiden, was richtig und was falsch für die Stiftung ist. Jetzt ist Señor Stromber der Verwalter, und ich muss mich nach seinen Anordnungen richten, klar?“

„Entschuldige, Adela, du hast ja recht.“

„Gut, vergiss das nicht“, ermahnt sie mich. „Übrigens, Inspektor Demetrio hat mich angerufen. Das ist der, der dich nach dem Einbruch verhört hat. Du sollst aufs Präsidium kommen, um deine Aussage zu machen.“

„Schon wieder? Ich hab denen doch bereits alles erzählt.“

„Sie werden keine Ruhe geben, bevor sie sich nicht sicher sind, dass du ihnen die ganze Wahrheit gesagt hast. Die meinen, du verschweigst ihnen was.“

„Da täuschen sie sich“, entgegne ich.

„Also, morgen wirst du Gelegenheit haben, es ihnen zu beweisen. Du hast eine offizielle Vorladung erhalten. Soll ich dich begleiten?“

„Ja, da wäre ich dir sehr dankbar. Ich würde mich sicherer fühlen.“

„Morgen Nachmittag hole ich dich von der Schule ab, und wir gehen gemeinsam hin. Überleg dir gut, was du sagen wirst. Du darfst nicht herumdrucksen, sonst glauben sie, du lügst sie an.“

„Danke für den Tipp. Übrigens, weiß mein Vater von der Vorladung?“

„Wenn du ihm nicht davon erzählst …“

„Ich glaube, das ist nicht nötig. Es handelt sich schließlich nur um eine Aussage. Wir dürfen ihn nicht noch zusätzlich beunruhigen.“

In meinem Zimmer denke ich über Adelas Worte nach. Mir wird bewusst, dass sie fast dasselbe gesagt hat wie ich heute Abend zu Mama: dass meiner Ansicht nach etwas in Papas Geschichte fehlt. Sieht so aus, als hätten die Polizei und ich dasselbe Gefühl.

In diesem Leben fährst du anscheinend am besten, wenn du präzise antwortest und nicht herumdruckst, wenn du etwas gefragt wirst. Sonst glauben die Leute, dass du lügst.

VII
DIE WÄRME DES PERGAMENTS

LANGSAM GINGEN ARTURO und Arquimaes die Treppe zu der Grotte von Ambrosia hinunter. Nachdem sie die schwarze Felsenhöhle betreten hatten, blieben sie eine Weile an dem kristallklaren See stehen, bevor sie sich Alexias Sarg näherten.

„Hier ist sie sicher“, sagte der Weise. „Niemand wird sie finden.“

„Ich werde sie beschützen, so lange es nötig ist“, versprach Arturo. „Niemand soll sie von hier fortholen, auch nicht ihr Vater.“

„Wenn du so weitermachst, wirst du noch den Verstand verlieren“, warnte ihn sein Meister. „Gut, dass deine Qualen bald ein Ende haben werden. Alexia wird zu dir zurückkehren.“

„Das ist mein sehnlichster Wunsch, Meister. Entweder sie kommt zu mir, oder ich gehe zu ihr. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.“

„Aber du musst mithelfen, Arturo! Es ist nicht leicht, einen Toten zum Leben zu erwecken. Und man muss einen hohen Preis dafür bezahlen.“

„Was soll ich tun, Meister?“, fragte der Junge.

„Du musst mich in die Höhle des Großen Drachen begleiten. Er wird es dir sagen.“

„In die Höhle des Großen Drachen? Ihr habt mir nie davon erzählt. Wo befindet sie sich?“

„Das ist ein Geheimnis, das nicht einmal du kennen darfst. Es ist das bestgehütete Geheimnis der Welt! Arquitamius, mein Meister, hat es mir anvertraut und mir das Versprechen abgenommen, es niemandem zu verraten.“

„So gut gehütet wie das, was hier in diesem Sarg ist?“, fragte Arturo und dachte dabei an die hölzerne Schatulle, die das Lebenswerk des Weisen enthielt.

„Du sagst es.“

„Wann begeben wir uns zu dieser Höhle, Meister?“

„Sobald du dazu bereit bist. Wenn der Augenblick gekommen ist, wirst du es erfahren. Es wird nicht mehr lange dauern. Hab ein wenig Geduld.“

Arturo schwieg. Er wusste, dass Arquimaes ihm Bescheid geben würde, wenn er es für angebracht hielt, und das genügte ihm. Er kniete vor Alexias Sarg nieder und legte eine Hand auf den Deckel. Da spürte er etwas sehr Seltsames. Eine intensive Wärme legte sich ihm auf die Brust. Er ahnte, dass sie von dem Pergament ausging, das er unter Alexias Händen versteckt hatte, in der Hoffnung, es möge ein Wunder bewirken.

„Ich werde Geduld haben, Meister“, sagte er. „Ich werde warten.“

Arquimaes legte seinem Schüler eine Hand auf die Schulter und spürte die Wärme des Pergaments, die den Jungen durchflutete. Da wusste er, dass Arturo fast bereit war, die Reise zur Höhle des Großen Drachen anzutreten.

***

DEMÓNICUS HATTE SICH in die Hände der Wunderheiler begeben, und obwohl sie alles Erdenkliche taten, um seine schrecklichen Wunden zu heilen, wurde sein Zustand immer schlimmer. Doch trotz der Schmerzen, die er erdulden musste, drang kein Laut der Klage über seine Lippen. Tránsito, Arquimaes’ Bruder, saß an seiner Seite.

„Ich habe dich mit der nötigen Macht ausgestattet, damit du mir meine Tochter zurückbringst, und du hast bis jetzt noch nichts erreicht“, stellte der Finstere Zauberer in drohendem Ton fest. „Du enttäuschst mich, Mönch.“

„Ich versichere Euch, Herr, ich versuche alles Mögliche und Unmögliche, um zu erfahren, wo ihr Leichnam sich befindet“, antwortete Tránsito nervös. „Aber es will mir einfach nicht gelingen.“

„Du hast mir dein Wort gegeben, dass du sie findest“, entgegnete Demónicus böse. „Ich rate dir, halte dich an dein Versprechen!“

„Ich weiß, Herr, aber es scheint fast so, als hindere uns eine düstere Macht daran, ihren Aufenthaltsort herauszufinden“, sagte Tránsito. „Eine andere Erklärung gibt es nicht.“

„Was erzählst du da? Willst du damit vielleicht sagen, dass sich meine Tochter vor mir verbirgt? Willst du behaupten, sie verstecke sich am Abgrund des Todes?“

„Nein, Herr. Ich vermute eine magische Kraft, die sie vor uns verbirgt.“

„Und woher soll eine solche Kraft kommen?“, fragte Demónicus, während ihm einer der Heiler eine Salbe aufs Gesicht strich, was ihm große Schmerzen bereitete.

Ein Diener näherte sich ängstlich und bat darum, sprechen zu dürfen.

„Herr, soeben ist ein Bote eingetroffen“, sagte er mit leiser Stimme. „Er kommt aus der Gegend von Ambrosia und behauptet, Euch etwas Wichtiges mitzuteilen zu haben.“

Demónicus hob die Hand zum Zeichen, dass der Mann hereinkommen solle. Der Diener ging zur Tür und ließ einen schmutzigen, übel riechenden Soldaten herein, der sich dem Finsteren Zauberer vor die Füße warf.

„Rede!“, forderte Demónicus ihn auf. Und dann befahl er allen außer Tránsito, den Raum zu verlassen.

„Ich heiße Oestes und gehöre zur Truppe von General Nórtigo. Ich bringe schlechte Nachrichten“, begann der Soldat, wohl wissend, dass sein Leben von nun an keinen Pfifferling mehr wert war. „Ich habe als Einziger überlebt, weil ich gerade auf Patrouille war. Als ich wieder zu den anderen stieß, musste ich feststellen, dass alle umgebracht worden waren.“

„Umgebracht? Von wem denn? Die Emedianer sind vom Krieg erschöpft, und unsere Männer waren erfahrene Krieger … Außerdem ist Nórtigo ein gerissener Kerl, der würde sich nicht einfach so in den Hinterhalt locken lassen. Wie konnte das geschehen?“

„Wir sind Opfer magischer Kräfte geworden. Der Junge mit den Buchstaben, der, der Eure Tochter getötet hat, hat sie alle vernichtet. Sie wurden erbarmungslos niedergemetzelt.“

Demónicus saß wie versteinert da. Arturo Adragón hatte den herrlichen Plan vereitelt, den er ausgeheckt hatte! Den Plan, mit dem er ihn ein für allemal vernichten wollte, ihn und Arquimaes, Königin Émedi, die Schwarze Armee und sämtliche Emedianer! Damit wollte er den Weg frei machen, um sich zum Herrn über alle bekannten Länder aufzuschwingen und ein riesiges Reich zu gründen, das zum Andenken an seine Tochter „Alexiana“ heißen sollte.

„Bist du sicher, dass du die Wahrheit sagst?“, knurrte der Finstere Zauberer, bevor ihn der Schmerz erneut übermannte. „Bist du sicher, dass es Arturo Adragón war, der die gesamte Truppe von General Nórtigo umgebracht hat?“

„Ganz sicher, Herr. Ich habe ihn fortreiten sehen.“

„Gut, Oestes. Geh in die Kaserne und warte auf weitere Befehle. Und zu keinem ein Wort, verstanden?“

„Jawohl, Herr“, flüsterte der Soldat erleichtert. Nach einer tiefen Verbeugung verließ er rückwärtsgehend den Raum. Er fühlte sich wie neugeboren. Niemand, der dem Finsteren Zauberer eine schlechte Nachricht überbracht hatte, hatte das bisher überlebt, um davon berichten zu können.

„Was sagst du dazu, Tránsito?“, knurrte Demónicus.

„Jetzt wissen wir zumindest, von wem die magische Kraft ausgeht, die den Leichnam Eurer Tochter vor uns verbirgt. Dieser verdammte Arturo Adragón! Ich bin mir sicher, dass er Alexia versteckt!“

„Warum sollte er das tun?“, fragte sich Demónicus laut.

„Um sie wiederzubeleben?“, mutmaßte Tránsito.

„Hm … Das wäre eine Möglichkeit“, gab der Große Zauberer zu. „Wahrscheinlich hast du recht.“

Die Vermutung des verräterischen Mönches beruhigte ihn ein wenig. Er befahl den Heilern, seine Wunden weiter zu behandeln, die ihn mächtig peinigten.

„Wie geht es mit den Mutationsversuchen voran, mit denen ich dich beauftragt habe?“, fragte er Tránsito.

„Gut, ausgezeichnet.“

„Bald werden die Drachenmenschen wirklich werden! Und niemand wird es wagen, sich ihnen entgegenzustellen.“

„Ich experimentiere auch mit der Magie des Feuers. Es ist die einzige Macht, an die ich glaube. Feuer bedeutet Leben und Zerstörung zugleich. Es ist unser stärkster Verbündeter.“

„Dann mach es dir zunutze und rotte die Emedianer endlich aus!“, wütete Demónicus. „Bring sie alle um! Brennen sollen sie wie trockenes Holz!“

Unterwürfig neigte Tránsito den Kopf.

„Ich tue, was ich kann, Herr“, sagte er. „Ich werde alles versuchen, um Eure Wünsche zu befriedigen.“

„Ich werde dir eine ganz spezielle Flamme zur Verfügung stellen. Die beste Waffe, die man sich vorstellen kann!“, brüllte der Zauberer. „Du musst es schaffen!“

„Ich verspreche es Euch!“

„Mach deinen Bruder fertig, und alle anderen auch!“, befahl Demónicus. „Und bring mir den Leichnam meiner Tochter!“

***

KÖNIG FRÓMODIS SOLDATEN hatten ihr Lager am Fuße eines Hügels aufgeschlagen. Sie wollten Kräfte sammeln und außerdem die Geächteten im Wald von Amórica glauben machen, dass sie keine feindlichen Absichten hegten. Welche Bedrohung konnte schon von fünf Soldaten, einem Diener und einem Schwerverwundeten ausgehen?

Sie hatten einen Boten zum Schloss geschickt, um Verstärkung anzufordern. Allerdings war Frómodi sich im Klaren darüber, dass seine Ritter ihm nicht freiwillig zu Hilfe eilen würden. Seine Untergebenen hassten ihn, so viel war klar.

Nachdem sich der frühere Graf Morfidio das Reich von König Benicius mit der Unterstützung der Bauern angeeignet hatte, hatte er ein neues Reich des Schreckens errichtet. Er war sich bewusst, dass die Ritter ihm jetzt, da er sie brauchte, nicht unbedingt treu zur Seite stehen würden.

„Du musst etwas für mich erledigen, Escorpio“, sagte er zu seinem Spitzel. „Es handelt sich um einen Geheimauftrag.“

„Stets zu Euren Diensten, Herr“, antwortete der durchtriebene Denunziant. „Sagt mir, was ich tun soll.“

„Du sollst dich unerkannt in mein Schloss schleichen und zwei oder drei Ritter töten. Und zwar so, dass niemand erfährt, wer dahintersteckt. Sie sollen denken, dass jemand für mich arbeitet und meine Interessen vertritt. Und dass mein Arm weiter reicht, als sie glauben. Du musst Angst und Schrecken unter meinen Vasallen verbreiten, verstehst du?“

„Ich bin kein Mörder, Herr.“

„Wäre es dir lieber, das Opfer zu spielen?“

„Ich werde tun, was Ihr von mir verlangt.“

„Gut. Aber handle erst, nachdem der Bote eingetroffen ist und sie meine Bitte abgelehnt haben. Sie müssen begreifen, dass ihre Weigerung ein Fehler ist.“

„Das heißt, ich warte, bis sie es ablehnen, Verstärkung zu schicken, und schlage dann zu. Richtig?“

„Genau. Ich wusste, dass du ein kluger Kopf bist“, sagte Frómodi. „Deswegen stehst du ja auch in meinen Diensten. Du wirst es noch weit bringen, Escorpio!“

„Ich hoffe, Ihr belohnt mich angemessen dafür. Ich habe alles getan, worum Ihr mich gebeten habt, aber bis heute habe ich noch keinen Schimmer Gold gesehen.“

„Keine Sorge! Wenn alles vorbei ist, mache ich dich zu einem reichen Mann.“

„Und was wird aus mir, wenn Eure Feinde Euch zufällig das Lebenslicht auspusten?“

„Glaubst du etwa, irgendjemand könnte mich töten?“

„Dieser Alchemist hätte Euch um ein Haar in der Mitte durchgehauen, Herr. Zum Glück hat er Euch nur den Arm abgeschlagen … Ich hätte nur gern so etwas wie einen Vorschuss, für alle Fälle.“

„Wenn du zurück bist, kriegst du einen Teil von dem, was ich dir versprochen habe.“

„Ich möchte aber mehr als nur Gold, mein König. Ich möchte den Grafentitel.“

„Du willst Graf Escorpio werden? Na schön. Sobald ich meinen Arm wieder gebrauchen kann und in meinem Schloss auf meinem Thron sitze, werde ich dich zum Grafen ernennen, das verspreche ich dir!“

„So einen Titel zu führen kostet viel Geld …“

„Ich werde dir meine Burg überlassen. Die Burg meines Vaters, die mir dieser verfluchte Benicius abgenommen hat!“

„Aber Eure Burg ist nur mehr eine Ruine, Herr!“

„Wir werden sie wiederaufbauen! Du wirst Graf werden, deiner Lehnspflicht nachkommen und wie ein Edelmann leben. Du wirst Ländereien besitzen und ein kleines Heer, das du mir zur Verfügung stellst, wann immer ich es brauche. Na, bist du mit meinem Angebot zufrieden?“

„Ja, Herr, ich nehme es an.“

„Dann setz dich auf dein Pferd, reite zu meinem Schloss und führe den Auftrag aus, den ich dir soeben erteilt habe.“

Escorpio stand auf, ging hinaus zu seinem Pferd und ritt davon.

Er war zufrieden. Endlich war er auf dem richtigen Weg. Sein größter Wunsch war in greifbare Nähe gerückt. Er, ein ungebildeter Habenichts, Sohn von Dieben und Betrügern, stand kurz davor, zum Ritter geschlagen zu werden. Ach, wenn seine Eltern das noch erleben würden!

***

CRISPÍN HALF ARTURO, sein Pferd zu versorgen. Er nahm das Zaumzeug und legte es vorsichtig über den Holzzaun. Dann striegelte er das Pferd.

„Du wirst also mit Arquimaes fortreiten, Arturo?“, fragte er seinen Herrn. „Ich würde gern mitkommen.“

„Wir reiten zu einem geheimen Ort, Crispín“, erwiderte Arturo. „Ich glaube nicht, dass Arquimaes dir erlauben wird mitzukommen. Außerdem weiß ich noch nicht, wann wir losreiten …“

„Ich bin dein Knappe. Wenn du mich nicht mitnimmst auf deine Reisen, werde ich niemals zum Ritter geschlagen werden.“

„Du hast recht, mein Freund. Ich werde mit Arquimaes reden und ihn bitten, dass du uns begleiten darfst. Aber versprechen kann ich dir nichts … Übrigens, wie hast du eigentlich davon erfahren?“

„Na ja … Also, du sprichst im Schlaf.“

„Was? Machst du dich über mich lustig?“

„Nein, ich schwör’s dir“, versicherte Crispín.

„Hast du jemandem davon erzählt?“

„Nein, ich habe keinem etwas davon gesagt.“

Arturo schwieg eine Weile. Als sie das Pferd zu Ende gestriegelt hatten und zu den Zelten gingen, sagte er:

„Hoffentlich ist Arquimaes einverstanden. Ich weiß, dass diese Reise sehr wichtig für dich ist.“

„Ein guter Knappe muss seinem Herrn in wichtigen Situationen zur Seite stehen.“

Arturo lächelte in sich hinein. Er verstand Crispín nur zu gut. An seiner Stelle hätte er genauso gefühlt.

„Mach dir bitte keine allzu großen Hoffnungen. Selbst wenn Arquimaes zustimmen sollte, werden wir viele Abenteuer zu bestehen haben. Demónicus’ Männer sind überall.“

„Ihr werdet sie alle vernichten, wie neulich nachts.“

„Nein, Crispín. Wir werden sie besiegen, aber nicht auslöschen. Unser Ziel ist es, ein Reich der Gerechtigkeit und nicht des Schreckens zu errichten“, verkündete Arturo.

In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass die Worte des Weisen ihn nachhaltiger beeinflussten, als er gedacht hatte.

VIII
WARNUNGEN

INSPEKTOR DEMETRIO SIEHT mich schon eine ganze Weile schweigend an. Seit ich sein Büro betreten habe, hat er kein Wort zu mir gesagt, außer dass er mir einen guten Tag gewünscht und mir einen Stuhl angeboten hat.

Keine Ahnung, warum er mich herbestellt hat, aber seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, will er mich einem strengen Verhör unterziehen.

„Sag mir zuerst deinen vollständigen Namen, dein Alter und deine Adresse“, fordert er mich schließlich auf.

„Ich heiße Arturo Adragón und wohne in Férenix, in der Stiftung Adragón. Das ist eine mittelalterliche Bibliothek, die sich seit Langem im Besitz meiner Familie befindet. Ich bin vierzehn Jahre alt … Bald werde ich fünfzehn.“

„Gut, und jetzt erzähl mir, was genau an jenem Abend im Keller der Stiftung passiert ist.“

„Das habe ich Ihren Kollegen doch schon hundertmal gesagt.“

„Ich möchte, dass du es mir noch einmal erzählst. Deine Aussage ist voller Widersprüche und Löcher. Ich muss sichergehen, dass du nicht gelogen hast.“

„Ich habe nicht gelogen, Inspektor. Ich schwöre, dass ich die reine Wahrheit gesagt habe! Die Männer wollten uns bestehlen, und ich hatte das Pech, dass ich sie überraschte. Sie hätten mich beinahe umgebracht.“

„Aber sie sind dabei schwer verletzt worden. Du hingegen hattest nur ein paar Kratzer.“

„Sie haben sich wegen der Beute gestritten. Jeder wollte den Löwenanteil für sich. Deswegen haben sie sich geprügelt. Sie haben gesagt, sie wollten mich töten.“

„Einer ist von einem Schwert verletzt worden, und ein anderer hat Bisswunden von einem Tier am Hals. Die Spuren sind deutlich zu erkennen.“

„Ich wurde niedergeschlagen und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, war alles vorbei … Mehr weiß ich nicht, ich kann mich an nichts erinnern. Ich schwör’s Ihnen.“

Der Inspektor sieht mich aufmerksam an. Er mustert meinen kahl rasierten Schädel, so als wäre das der Beweis, der seinen Verdacht bestätigt. Ich sehe ihm an, dass er mir kein Wort glaubt.

„Warum hast du dir die Haare abrasiert? Hast du ein Gelübde abgelegt oder so was Ähnliches? Meinst du, dass du damit bei den Mädchen besser ankommst? Das hast du erst vor Kurzem gemacht, stimmt’s?“

„Na ja, die Idee ist mir ganz plötzlich gekommen. Das ist gerade in, viele machen das … Sogar viele berühmte Schauspieler.“

„Klar. Und es ist auch in, sich tätowieren oder piercen zu lassen … Genauso wie Schwertkämpfe und Drachen, die beißen. Ihr jungen Leute seid doch verrückt!“

„Ja, das stimmt, Señor … Da haben Sie recht.“

„Ist gut, mein Junge, du kannst jetzt gehen. Aber ich warne dich! Sollte sich herausstellen, dass du uns angelogen hast, dann kriegst du großen Ärger!“

Ich stehe auf und gehe zur Tür.

„Auf Wiedersehen, Herr Inspektor. Wenn mir noch etwas einfällt, rufe ich Sie an, ganz bestimmt.“

„Das wäre sehr gut, aber ich bezweifle, dass du das tust … Übrigens, weißt du, was Señor Stromber passiert ist? Ich habe gehört, dass er eine Verletzung am Bein hat. Sieht aus, als hätte ihn jemand mit einem Schwert verletzt.“

„Mir hat man gesagt, dass er einen Unfall hatte. In der Stiftung stehen viele Möbel und Kunstobjekte mit scharfen Kanten herum, da kann man sich leicht verletzen. Vor allem, wenn man sich nicht auskennt.“

„Und mehr weißt du wirklich nicht von dem Vorfall?“

„Nein, mehr weiß ich nicht. Nur das, was ich gehört habe“, bestätige ich.

Ich öffne die Tür. Der Inspektor steht ebenfalls auf.

„Arturo, die Einbrecher, die entkommen sind, könnten es noch einmal versuchen und dich überfallen“, sagt er zu mir. „Deswegen muss ich wissen, was an jenem Abend passiert ist. Du bist in Gefahr. Mit solchen Leuten ist nicht zu spaßen. Bestimmt wollen sie sich rächen.“

„Wir haben jetzt eine Sicherheitsbeauftragte in der Stiftung, die sich darum kümmert.“

„Hoffentlich gelingt ihr das.“

„Das hoffe ich auch, Inspektor, vielen Dank.“

Vor dem Büro warten Adela und Metáfora auf mich.

„Wie ist es gelaufen?“, erkundigt sich Adela.

„Ach, ganz gut. Er wollte nur noch einmal hören, wie das mit dem Einbruch war.“

„Hast du ihm alles erzählt?“, fragt Metáfora.

„Klar, ich hab ihm alles gesagt, was ich weiß. Viel ist es ja nicht …“

Adela wirft mir einen fragenden Blick zu, aber ich achte nicht darauf. Schließlich habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich habe alles gesagt, was ich weiß, aber ich will nicht riskieren, dass sie mich für verrückt halten. Wenn ich erzählt hätte, dass mich der Drache auf meiner Stirn gegen den Angriff der brutalen Einbrecher verteidigt hat, würden sie mich in eine geschlossene Anstalt sperren.

„Dann können wir ja jetzt gehen“, sagt Adela. „Wir haben hier nichts mehr verloren.“

Wir fahren mit dem Lift ins Erdgeschoss. Bevor wir das Polizeipräsidium verlassen, holt Adela ihr Handy an der Kontrolle ab. Wir gehen zum Taxistand und steigen in ein Taxi.

„Wohin wollen die Herrschaften?“, fragt der sympathische Fahrer.

„Ins Zentrum“, antwortet Adela. „In die Calle Central, zur Stiftung Adragón.“

Das Taxi fährt los, wir lassen das Polizeipräsidium hinter uns. Trotz des starken Verkehrs erreichen wir in wenigen Minuten unser Ziel.

„Wir könnten noch was trinken, bevor wir hineingehen“, schlägt Metáfora vor.

„Gute Idee“, sage ich. „Ein schöner Fruchtsaft würde mir jetzt guttun.“

„Geht nur alleine, ich habe zu arbeiten“, meint Adela und öffnet ihre Handtasche, um den Taxifahrer zu bezahlen.

„Das sieht man’s mal wieder, die Erwachsenen haben nie Zeit für uns“, lacht Metáfora. „Sie wollen nichts mit uns zu tun haben. Wir sind völlig unwichtig für sie.“

Adela schmunzelt, während sie das Wechselgeld einsteckt.

„Also gut, meinetwegen. Aber nur ganz kurz.“

Wir gehen in die Cafeteria gegenüber und setzen uns wie immer an das hintere Fenster. Ein Kellner kommt und nimmt unsere Bestellung auf.

„Der Inspektor wollte also nichts Besonderes von dir?“, fragt Adela. „Warum hat er dich dann zu sich bestellt?“

„Keine Ahnung“, sage ich. „Zum Schluss hat er mich gewarnt. Ich solle vorsichtig sein, die Einbrecher könnten zurückkommen. Vielleicht wollten sie sich rächen, meinte er.“

„Also wirklich, dir muss man die Würmer einzeln aus der Nase ziehen!“, beschwert sich Metáfora. „Davon hast du uns gar nichts erzählt.“

„Ich nehme seine Warnung nicht ernst. Man muss doch nicht gleich übertreiben.“

„Du sollstest aber ernst nehmen, was die Polizei dir rät“, ermahnt mich Adela. „Sie sagen das nicht, um dir Angst einzujagen.“

„Seht mal, da drüben! Ist das nicht Hinkebein?“, ruft Metáfora.

„Ich hole ihn rein, draußen ist es ziemlich kalt“, sage ich. „Bin gleich wieder da.“

Ich renne auf die Straße und begrüße meinen Freund.

„Hallo, Hinkebein! Was machst du denn hier?“, frage ich ihn.

„Ich war bei Escoria“, antwortet er wie nebenbei. „Wollte hören, was es so Neues gibt.“

„Escoria?“

„Eine alte Freundin, die immer weiß, was so läuft. Und du?“

„Wir sitzen da drin und trinken was. Komm, ich geb dir einen aus.“

„Wer ist noch dabei?“

„Metáfora und Adela.“

„Hu, mit der Alten will ich lieber nichts zu tun haben. Sie grüßt mich nicht mal, wenn sie mich in der Stiftung sieht.“

„Komm schon, erzähl keinen Quatsch.“

Hinkebein wiegt den Kopf hin und her, so als wüsste er nicht, was er tun soll.

„Gut“, sagt er schließlich, „aber ich warne dich, wenn die mir dumm kommt, steh ich auf und geh.“

Der Kellner und ein paar Gäste werfen Hinkebein misstrauische Blicke zu. Obwohl er etwas mehr auf sein Äußeres achtet, seit er in der Stiftung wohnt, lässt sein Aussehen noch immer zu wünschen übrig.

„Ich hab ihn überredet, etwas mit uns zu trinken“, sage ich, um klarzustellen, dass er auf meine Bitte hin mitgekommen ist. „Ich musste ihn förmlich dazu zwingen.“

„Hallo“, sagt er schüchtern.

„Komm, setz dich hier neben mich“, fordert Metáfora ihn auf. „Was willst du trinken?“

„Na ja, also … gut, eine Cola … Hallo, Señorita Adela.“

„Hallo“, erwidert Adela kühl.

Die Atmosphäre ist angespannt. Metáfora sieht mich an, so als wolle sie mir sagen, dass es keine gute Idee war, unseren Freund hereinzuholen.

„Weißt du, Adela, dass Hinkebein in Wirklichkeit Juan Vatman heißt und von Beruf Archäologe ist?“

„Schön für ihn“, antwortet Adela und trinkt einen Schluck Kaffee.

„Na ja, im Moment arbeite ich nicht, aber …“

„Er hat uns erzählt, dass er die Ruinen von Angélicus entdeckt hat“, füge ich hinzu.

„Er alleine?“

„Na ja, ich gehörte zu einem Team. Ich war nur einer von vielen …“

„Und dabei hast du das Bein verloren?“, fragt Adela ziemlich unfreundlich.

„O nein, Señorita. Das war bei einem Verkehrsunfall.“

„Schade um das Auto“, bemerkt Adela. „Das muss ordentlich was abgekriegt haben …“

Hinkebein fehlen die Worte, und auch wir sind sprachlos.

„Er hatte einen schrecklichen Unfall“, erkläre ich. „Aber es war nicht seine Schuld. Es hat ihn aus der Bahn geworfen.“

„Klar, ihn traf natürlich keine Schuld!“

„Adela, Hinkebein ist ein guter Freund von uns, und es gibt keinen Grund, ihn so schäbig zu behandeln“, sagt Metáfora vorwurfsvoll.

„Also, ich glaube, ich geh jetzt besser. Es ist schon reichlich spät, ich muss noch die Gartengeräte wegräumen“, entschuldigt sich Hinkebein. „Adiós alle zusammen.“

Adela lässt sich nicht einmal dazu herab, ihm zu antworten. Sie schaut in eine andere Richtung, um seinem Blick nicht zu begegnen. Es ist offensichtlich, dass sie unseren Freund nicht leiden kann.

„Ich traue dem Typen nicht“, sagt sie, nachdem er hinausgehumpelt ist. „Er geht mir auf die Nerven.“

„Sag so was nicht, Adela“, entgegne ich. „Ich kenne ihn schon lange, und noch nie habe ich gesehen, dass er einem Menschen etwas Böses getan hat. Glaub mir, er ist ein anständiger Kerl.“

„Und warum lebt er dann auf der Straße?“

„Es ist nicht seine Schuld. Das Schicksal hat ihm übel mitgespielt.“

„Das Schicksal spielt niemandem übel mit. Und was den anständigen Kerl angeht … Wir werden ja sehen.“

Der drohende Ton in ihrer Stimme gefällt mir gar nicht. Ich verstehe nicht, was Adela gegen ihn hat.

IX
DIE GEWISSENSPRÜFUNG

ARTURO FAND KEINEN Schlaf. Seit seiner Unterhaltung mit Arquimaes nagten Zweifel an ihm. Hatte er sich in einen unbeherrschten Wüstling verwandelt? In einen brutalen Mörder? Stimmte es, dass er, ohne zu überlegen, tötete? Konnte er seine magischen Kräfte wirklich nicht kontrollieren?

Erschöpft vom Grübeln, stand er auf, nahm sein Schwert, warf sich den dicken Mantel über die Schultern und trat hinaus in die Nacht, um Ruhe zu finden. Er ging durch das Lager, grüßte die Wachposten und beobachtete die Demoniquianer, die außerhalb der Befestigungsanlage um Feuerstellen hockten und sich wärmten. Ambrosia war vollständig eingekesselt, und schon bald würden die Vorräte knapp werden.

Das Pfeifen eines Pfeils schreckte ihn auf. Im letzten Moment konnte er dem Geschoss ausweichen. Es kam häufiger vor, dass die Belagerer solch tödliche Überraschungen für die Eingeschlossenen bereithielten, und mehr als ein Wachsoldat hatte auf diese Weise bereits sein Leben verloren.

„Seid Ihr unverletzt, Ritter Adragón?“, fragte einer der Posten, der sogleich herbeigeeilt kam.

„Ja, ich habe Glück gehabt. Der Pfeil kam direkt auf mich zugeschossen.“

„Diese Hunde hören nicht auf, uns solche Geschenke zu schicken!“, schimpfte der Soldat und hielt seinen Schild schützend vor den Körper. „Gestern Nachmittag haben sie zwei von uns erwischt. Wie lange müssen wir das noch ertragen?“

„Bis wir uns stark genug fühlen, um zurückschlagen zu können“, erwiderte Arturo. „Wir müssen neue Waffen auftreiben und Verbündete finden.“

„Uns wird niemand zu Hilfe kommen“, erwiderte der Wachposten. „Das wissen doch alle im Lager. Wir sollten so bald wie möglich mit Feuer und Schwert angreifen. Es ist besser, im Kampf zu fallen.“

„Nein, Soldat, besser ist es zu leben“, entgegnete Arturo. „Wir müssen Geduld haben.“

„Wie Ihr meint, Herr“, murmelte der Soldat und zog sich zurück.

Arturo wusste, dass unter seinen Männern eine gewisse Unzufriedenheit herrschte. Zwar konnte er sich sicher sein, dass sie nicht rebellieren würden, aber genauso sicher war es, dass ihre Moral untergraben war. Zudem gaben ihm viele die Schuld an der Niederalge in Emedia und warteten nur auf eine Gelegenheit, es ihm offen ins Gesicht zu sagen.

Er sah, dass der Wachposten zu einer kleinen Gruppe von Soldaten getreten war und leise mit ihnen sprach. Er hob die Fackel und ging zu den Männern.

„Seid wachsam, Soldaten!“, sagte er zu ihnen. „Demónicus will uns vernichten, und das müssen wir um jeden Preis verhindern. Ich muss mich auf euch verlassen können!“

„Manchmal glauben wir, es ist besser, von einem Pfeil getroffen zu werden, als diese ständigen Demütigungen zu ertragen“, beschwerte sich ein Krieger mit einem dichten Bart. „Ein guter Feldherr würde seine Soldaten aufs Schlachtfeld schicken und sie Mann gegen Mann kämpfen lassen.“

„Du irrst dich. Ein guter Feldherr muss vor allem die Sicherheit seiner Leute im Auge haben. Er ist für sie verantwortlich. Demónicus’ Armee ist mächtig, und wir sind noch immer sehr geschwächt. Wir müssen Kräfte sammeln und abwarten. Wenn der rechte Augenblick gekommen ist, werden wir ihnen das geben, was sie verdienen. Das schwöre ich euch.“

„Das sind doch nur schöne Worte!“, widersprach ein anderer Soldat. „Aber auf die Art sind wir schon einmal geschlagen worden. Es wäre besser, mit der Waffe in der Hand ehrenhaft zu sterben.“

„Vielleicht wäre es besser, besonnen zu sein und an unsere Frauen, Kinder und Verwundeten zu denken!“, tadelte ihn Arturo streng. „Sie sind auf unseren Schutz angewiesen. Vielleicht wäre es besser, unsere Befestigungsanlage zu verstärken und zusammenzustehen! Vielleicht wäre es besser, ihren Pfeilen und Steinen auszuweichen … und uns nicht von den wilden Bestien abschlachten zu lassen, die sie uns schicken! Vielleicht wäre es besser, Königin Émedi, der wir einen Eid geleistet haben, treu zu dienen!“

Die harten Worte fielen bei den Soldaten, die ihre Königin trotz allem liebten und respektierten, auf fruchtbaren Boden.

„Ihr habt recht, Ritter Adragón“, stimmte der bärtige Soldat zu. „Ihr könnt auf uns zählen.“

Arturo nickte den Männern zu und ging zu den Ruinen des Klosters, wobei er sich den Weg durch Schuttberge bahnen musste. Er stieg die Treppe hinunter zu der Grotte, in der Alexias Leichnam ruhte. Lange stand er schweigend vor ihrem Sarg.

„Wir werden dir das Leben zurückgeben, Alexia“, sagte er nach einer Weile. „Dann werde ich wieder das Glück genießen können, dich an meiner Seite zu haben. Mein Meister Arquimaes hat mir seine Hilfe zugesagt. Als Gegenleistung musste ich ihm versprechen, in Zukunft besonnener zu handeln. Ich werde meine Wut in Zaum halten und mich beherrschen, damit du in die Welt der Lebenden zurückkehren kannst. Du wirst in mir einen ausgeglichenen Ritter haben, der um unsere Liebe kämpfen wird.“

Er schwieg einen Moment und fuhr dann mit seiner Ansprache fort.

„Wir müssen zu einer weiten Reise aufbrechen, also hab Geduld. Du wirst nicht allein sein, und für dich wird keine Gefahr bestehen. Ich nehme an, dass dein Vater befohlen hat, Ambrosia einzukesseln, um dich zurückzubekommen. Aber ich werde das nicht zulassen. Keine Macht der Welt wird mich von dir trennen können, geschehe, was wolle. Hab ein wenig Geduld. Früher als du denkst, wirst du wieder an meiner Seite sein, und wir werden uns niemals mehr voneinander trennen.“

***

DEMÓNICUS GAB DEM Folterknecht ein Zeichen, woraufhin dieser mit dem Schwert auf die schwärzliche, beinahe verkohlte, noch glimmende Masse schlug, die an Ketten von der Decke herabhing. Herejios Arm fiel zu Boden. Funken sprühten auf.

„Möge der Verräter noch jahrhundertelang weiterbrennen!“, tönte der Finstere Zauberer. „Nimm den Arm und benutze ihn für die Mission, mit der ich dich betraut habe, Tránsito.“

„Ist das Herejio, der Zauberer?“, fragte Tránsito bestürzt.

„Das war Herejio. Ich habe ihm die Geheimnisse des Feuers anvertraut, aber der Hund hat versucht, mich zu verraten! Das ist das verdiente Ende für einen Verräter! Er wird uns noch von Nutzen sein. Sein Arm wird unser Feuer ins Tal von Ambrosia bringen!“

Auf sein Zeichen hin packte einer der Folterknechte den schwelenden Arm mit einer riesigen Zange und legte ihn in eine vergitterte Kiste.

„Sei vorsichtig“, ermahnte Demónicus den Mönch. „Lass den Arm keinen Moment aus den Augen. Er ist immer noch gefährlich.“

Der erstaunte Mönch riss die Augen auf und starrte auf die menschliche Fackel.

„Er kann Funken schlagen“, fuhr sein Herr fort. „Mit Vorliebe trifft er die Augen der Menschen; einige meiner Wachen sind schon erblindet. Er dürstet nach Rache.“

In diesem Augenblick, so als hätte er die Worte des Finsteren Zauberers verstanden, bewegte sich der Arm und versprühte Funken. Die beiden wichen zurück.

Ein anderer Folterknecht stieß mehrmals seine Lanze in den Arm, bis er sich nicht mehr rührte.

Tránsito brachte kein Wort heraus. Er war bleich vor Schrecken. Und zum ersten Mal fragte er sich, was für ein Mensch Demónicus sein musste, wenn er seine Feinde Jahre hindurch derart leiden ließ.

„Versuche nie, mich zu verraten!“, warnte ihn Demónicus, so als hätte er die Gedanken des entsetzten Mönches erraten. „Du hast dich dafür entschieden, mir zu dienen. Sieh zu, dass deine Hand nicht zittert, wenn der Augenblick gekommen ist, deinen Bruder Arquimaes zu töten. Das würde ich dir nie verzeihen!“

„Ich werde es nicht vergessen, Herr“, versprach der Mönch. „Ihr könnt meiner Treue gewiss sein.“

„Meine Diener werden dir alles mitgeben, was zur Erfüllung deiner Mission nötig ist“, sagte Demónicus im Weggehen. „Enttäusche mich nicht!“

Tránsito senkte schweigend den Kopf.

„General Átila wird das Kommando der Truppen übernehmen, die Ambrosia belagern“, fügte Demónicus hinzu. „Er hat Befehl, den Ring noch enger zu schließen und dich zu unterstützen. Viel Glück, Mönch!“

Tránsito schluckte und schloss die Augen.

***

DAS KÖNIGLICHE ZELT wurde von riesigen Kerzen erleuchtet. Arturo, Arquimaes und Émedi hatten sich zu einem Abschiedsessen eingefunden.

„Wann werdet ihr zurückkommen?“, fragte die Königin. „Eure Abwesenheit könnte unser Überleben gefährden.“

„So schnell wie möglich“, versicherte Arquimaes. „Mach dir keine Sorgen, wir werden gestärkt zurückkehren.“

„Leónidas wird das Kommando über die Armee übernehmen“, fügte Arturo hinzu. „Und Ritter Eisenfaust wird sein Oberster Heeresführer sein. Die Schwarze Armee ist also in guten Händen und wird Ambrosia verteidigen.“

„Ich mache mir wirklich Sorgen um den Erfolg eurer Mission“, sagte Königin Émedi. „Ich wünsche von ganzem Herzen, dass alles gut ausgeht.“

„Wir werden uns bemühen“, antwortete der Alchemist. „Nur das Schicksal weiß …“

„Das Schicksal?“, fragte Arturo etwas beunruhigt. „Aber Meister, Ihr habt mir versichert, dass Ihr Alexia zum Leben erwecken werdet.“

„Ich habe dir versprochen, dass ich dir dabei behilflich sein werde“, korrigierte ihn der Weise. „Doch allein die Macht des Drachen ist dazu in der Lage.“

„Aber Ihr kennt doch das Geheimnis des ewigen Lebens!“, entgegnete der junge Ritter.

„Ich habe eine Formel entwickelt, die Toten das Leben zurückgeben kann, wenn der Drache es gutheißt. Sagen wir, meine Formel ist der Schlüssel dazu, aber sie ist nicht die endgültige Lösung. Sie ist lediglich ein Hilfsmittel.“

„Viele Menschen haben auf der Suche nach dieser Formel ihr Leben gelassen, und jetzt ist sie plötzlich nichts mehr wert!“, rief Arturo aus. Er ließ das Stück Fleisch, an dem er gerade genagt hatte, fallen und sprang auf. „Das darf doch nicht wahr sein!“ Er riss die Zeltplane zur Seite und stürzte hinaus.

Émedi und Arquimaes sahen sich schweigend an.

„Er ist vollkommen durcheinander“, sagte die Königin nach einer Weile. „Vielleicht solltest du nach ihm sehen.“

„Nein, er muss sich erst beruhigen“, erwiderte Arquimaes. „Er gerät außer sich, wenn er daran denkt, dass er Alexia vielleicht nie mehr wiedersehen wird. Ich hoffe nur, dass er stark genug ist, das zu ertragen, was ihn erwartet.“

„Das wird er“, beruhigte Émedi ihren Freund. „Ich habe vollstes Vertrauen zu ihm.“

***

NACH EINEM LANGEN, aufreibenden Ritt sah Escorpio endlich die Umrisse des Schlosses von König Frómodi in der Abenddämmerung vor sich.

Er wusste, dass viele im Schloss ihn mit seinem Herrn zusammen gesehen hatten und ihn wiedererkennen würden. Die Leute hassten jeden, der etwas mit dem König zu schaffen hatte. Frómodi hatte die Bauern hintergangen und sich selbst auf Benicius’ Thron gesetzt.

Es wäre wohl das Beste, sein Aussehen zu verändern.

Wenn sie mich erkennen, dachte Escorpio, schneiden sie mir die Kehle durch.

Da fiel sein Blick auf einen Hausierer, der nahe einem Bach zwischen Felsen und Farnkraut lagerte.

Escorpio grinste verschlagen, gab seinem Pferd die Sporen und ritt auf den fliegenden Händler zu.

„Guten Tag, mein Freund“, begrüßte er ihn. „Wärst du mit der Gesellschaft eines müden Reisenden einverstanden, der bereit ist, dir gutes Geld für ein Abendessen zu bezahlen?“

„Aber natürlich“, antwortete der harmlose Hausierer. „Ich habe Fleisch, Brot und Käse … Und ich bin gerade dabei, einen Eintopf zu kochen, von dem man schon satt wird, wenn man ihn nur riecht. Zwei Silbermünzen nehme ich dafür, einschließlich Wein. Ich heiße übrigens Hud.“

„Einverstanden, Hud“, sagte Escorpio und stieg vom Pferd. „Ehrlich gesagt, ich sterbe vor Hunger.“

„Dann gib mir die Münzen und mach es dir bequem. Heute sollst du mit vollem Magen einschlafen.“

Die beiden Männer verbrachten einen ausgesprochen angenehmen Abend. Sie aßen reichlich, plauderten angeregt, tranken viel … oder besser gesagt, Escorpio tat so, als trinke er, doch in Wirklichkeit goss er den Wein auf die Erde, sobald Hud wegsah.

„Was für ein Glück, dich getroffen zu haben, Freund Hud“, sagte Escorpio und goss seinem Gastgeber Wein nach. „Das Schicksal hat uns zusammengeführt, um mein Leben zu verändern.“

„Jetzt übertreib mal nicht, mein Freund!“, entgegnete Hud. „Das Leben eines Menschen verändert sich nicht über Nacht.“

„Vielleicht verändert es sich nicht so schnell, aber es kann zu Ende gehen“, sagte Escorpio und versetzte dem Mann einen kräftigen Schlag gegen den Hals. „Und deines ist soeben zu Ende gegangen.“

Die Hand des Hausierers, die den Weinkrug hielt, wurde schlaff und ließ das Gefäß fallen. Ein Dolch durchschnitt seine Kehle.

Escorpio stand auf, schlug die Zeltplane des Karrens zurück und zog ein paar Kleidungsstücke des Toten hervor.

„Sieh an, wir haben ja dieselbe Größe“, lachte er, nachdem er eine Jacke anprobiert hatte. „Glaubst du immer noch, das Schicksal kann das Leben eines Mannes nicht über Nacht verändern?“

Als die Sonne hinter den Bergen aufging und der Hahn den gesamten Markflecken weckte, zog ein friedlicher Hausierer seinen Karren über die Zugbrücke des Schlosses von König Frómodi. Stunden zuvor war dort ein Bote eingetroffen und hatte um Truppenverstärkung gebeten.

Was Escorpio nicht wusste, war, dass der Abgesandte des Königs in den Kerker geworfen worden war und das Schriftstück mit der Botschaft in einem Kamin verbrannte.

X
METÁFORAS GEBURTSTAG

SEIT UNSERER LETZTEN Begegnung hat mich Horacio nicht mehr belästigt. Aber das heißt nicht, dass er das auch in Zukunft nicht wieder versuchen wird.

„Er erzählt überall herum, dass du verhext bist“, hat Cristóbal mir vor ein paar Tagen berichtet. „Sagt, dass es besser ist, dich wie Luft zu behandeln.“

Tatsächlich, meine Klassenkameraden gehen mir aus dem Weg. Mehr noch als früher. Und jetzt weiß ich auch, warum.

Soeben ist der Spanischunterricht zu Ende. Metáfora und ich verabschieden uns von Norma. Sie hat angekündigt, dass sie morgen vom Feudalsystem und von den großen Legenden sprechen wird. Ich freue mich schon darauf.

„Mama, ich gehe mit Arturo zur Stiftung“, sagt Metáfora. „Wir haben was zu erledigen.“

„Gut, aber komm nicht zu spät nach Hause“, antwortet Norma. „Du weißt, dass ich es nicht gerne sehe, wenn …“

„Guten Tag zusammen“, begrüßt uns mein Vater, der soeben in die Klasse gekommen ist. „Kann man an eurem Geheimtreffen teilnehmen?“

„Das ist kein Geheimtreffen“, erwidert Norma. „Die beiden haben mir gerade gesagt, dass sie in der Stiftung irgendetwas zu erledigen haben.“

„Sollen sie! Ich muss unbedingt mit dir reden, Norma. Bis später, ihr zwei!“ Das hört sich an wie ein Rauswurf.

„Bis später, Papa.“

„Wartet mal“, bittet uns Norma. „Jetzt, wo wir gerade hier zusammen sind, möchte ich euch sagen, dass Metáfora in ein paar Tagen Geburtstag hat und ich daran gedacht habe, eine Party zu geben.“

„Davon hast du mir ja gar nichts erzählt, Mama“, sagt Metáfora. „Ich wusste nicht, dass …“

„Dass du Geburtstag hast?“, fragt Papa lachend. „Weißt du nicht mehr, wann du geboren bist?“

„Ich wusste nicht, dass wir eine Party geben.“

„Wir haben Metáforas Geburtstag schon seit Jahren nicht mehr gefeiert“, erklärt Norma. „Und ich glaube, wir sollten das ändern. Findest du nicht auch, mein Kind?“

Metáfora schaut nachdenklich drein. Ich habe den Eindruck, dass sie traurig ist.

„Seit ihr Vater uns verlassen hat, wollte sie ihren Geburtstag nicht mehr feiern“, erklärt ihre Mutter. „Was meinst du, Metáfora? Willst du sie nun einladen oder nicht?“

„Ja, natürlich, Mama“, antwortet Metáfora nach einer Weile. „Ich glaube, du hast recht.“

„Also, abgemacht!

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