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Die schottische Braut

1. KAPITEL

“Wo sie wohl bleiben? Sie müssten längst hier sein.” Zum zehnten Mal wohl schaute Jenny Lennox am Kai des kleinen Hafens von Kirkcudbright um sich. Ängstlich ließ sie den Blick erneut die gepflasterte Straße entlangwandern auf der Suche nach ihren Reisegefährten.

“Ich hätte es wissen sollen”, versuchte Jenny, sich zu beruhigen. “Mr Walker hält nichts davon, zu früh zu kommen, und auch seine Frau gehört nicht zu den Flinksten.”

Vielmehr hatten die beiden in Dalbeattie den Spitznamen “die Schnecken”. Doch hätten sie nicht wenigstens an diesem wichtigen Tag rechtzeitig erscheinen können?

“Sie werden gleich auftauchen”, sagte sie voller Überzeugung. “Die Flut steigt schnell. Wir müssen bald an Bord gehen.”

Das salzige Wasser des Atlantiks strömte in die Mündung des Nith und bedeckte dessen schlammige Ufer in Kirkcudbright. Noch vor einhundertfünfzig Jahren hatte man junge Frauen, die nicht älter waren als Jenny, an Pfähle gebunden und ihres falschen Glaubens wegen in den Fluten ertränkt. Bis heute erinnerten die Schreie der Möwen an das Martyrium dieser armen Seelen. Die schrillen Laute der Vögel am hellen Junihimmel mischten sich mit dem dumpfen Gurgeln der See zu einem Trauerkonzert.

Nicht ich. Jenny starrte gedankenverloren auf eine Segelspier von einem der Schiffe, die im Kanal ankerten, die ans Ufer gespült wurde. Ich werde keine Martern erdulden – eingesperrt in ein ärmliches Gehöft und langsam niedergedrückt von den Mühen und Plagen des Lebens.

Von dem Augenblick an, als sie einen Besen halten konnte, hatte Jenny ein arbeitsreiches Leben geführt. Seite an Seite mit ihrer Mutter hatte sie gekocht, geputzt, gesponnen, gebuttert, gewaschen und geflickt. Sie hatte die stetig wachsende Schar ihrer Brüder beaufsichtigt, die ihre Eltern in dem schmalen Bett gezeugt hatten. Seit dem Tod ihrer Mutter lag die ganze Last der Verantwortung auf Jennys schmalen Schultern. Heute war ihre einzige Chance, dem zu entfliehen.

Mit den Schaluppen wurde bereits die Fracht zur Bark St. Bride hinübergebracht. Der Kapitän würde die Anker lichten, sobald die Ebbe einsetzte. Das wären höchstens noch zwei Stunden. Und dann wollte Jenny den Kolonien von New Brunswick und einem besseren Leben entgegensegeln. Wenn sich die Walkers doch nur beeilen und endlich auftauchen würden!

Sie spähte erneut die Straße entlang. Wo blieben sie nur? Jennys Magen krampfte sich zusammen, als müsste sie die schreckliche Hafergrütze ihrer Stiefmutter verzehren. Viele Stunden waren vergangen, seit sie eine Schüssel davon hinuntergewürgt und tränenreich von ihren Brüdern Abschied genommen hatte. Die älteren hatten ihre Traurigkeit hinter schroffem Benehmen verborgen, sie streng ermahnt, sich während der Überfahrt nicht zu weit über die Reling zu beugen, damit sie nicht ins Meer falle, und verlangt, ihnen oft zu schreiben – ohne daran zu denken, dass sie es gar nicht konnte.

Der kleine Malcolm hatte sich an ihren Rock geklammert und aus Leibeskräften gebrüllt, als wollte er Tote aufwecken, bis er von ihrer Stiefmutter derb ins Innere der Hütte geschoben worden war. Hätte sie doch wenigstens ihn mitnehmen können, den Jungen, für den sie seit dem Tod der Mutter wie für ihr eigenes Kind gesorgt hatte. Jenny sank auf ihre eisenbeschlagene Kiste und presste die Lippen zusammen. Sie hatte Angst, sie könnte anfangen zu weinen und dem Vater zureden, sie doch wieder nach Hause mitzunehmen, wenn die Walkers nicht bald kämen.

Mit Tränen in den Augen erspähte Jenny eine wohlbekannte Gestalt in der Menschenmenge. Es war nicht Mag Walker, die große, unförmige Frau, die das Gewicht ihres Mannes noch um einen halben Zentner überbot, sondern ein schlankes Mädchen, das einen hübschen Hut und gut sitzende Reisekleidung trug.

“Kirstie!”, rief Jenny ihrer Freundin zu, als diese sich durch das Gewühl zu ihr drängte. “Oh, wie ich mich freue, dich zu sehen. Sag bloß, du bist den ganzen weiten Weg von Dalbeattie hierhergekommen, um dich von mir zu verabschieden.”

Kirsten Robertson war seit Jennys harter, arbeitsreicher Jugend ihre engste Freundin. Obwohl ihr wohlhabender Vater Besitzer der Granitbrüche von Dalbeattie war, gehörte Kirstie nicht zu den Leuten, die sich vornehm gaben. Vor vielen Jahren einmal hatte die Wirtschafterin der Robertsons das Kind zu Jennys Mutter mitgenommen, von der sie bei ihren regelmäßigen Besuchen Eier gekauft hatte. Nachdem sich die beiden kleinen Mädchen angefreundet hatten, bestand Kirstie jedes Mal darauf, die Haushälterin zu begleiten. Als Kirstie älter wurde, übernahm sie den Einkauf selbst, und ungeduldig erwartete Jenny deren Besuche. Es war die einzige Gelegenheit, etwas von der Schule, der Stadt und der weiten Welt außerhalb der kleinen Lennox Farm zu hören.

“Jenny! Hast du wirklich vor, uns heute zu verlassen?” Kirstie blickte ihre Freundin aufrichtig erstaunt an. “Ich bin seit zwei Wochen bei meiner Tante in Dumfries. Darüber habe ich alles andere vergessen. Es ist nur Zufall, dass ich dir hier begegnet bin.”

“Was tust du denn in Kirkcudbright?” wollte Jenny wissen.

Kirsties klare blaue Augen funkelten fröhlich. “Vater brachte Harris Chisholm hierher, damit er sein Schiff erreichen kann, und er wollte, dass ich mitkomme. Es ärgert Vater fürchterlich, dass Mr Chisholm es sich in den Kopf gesetzt hatte, auszuwandern. Gewiss wird er niemals wieder so einen guten Verwalter finden.”

Als Jenny Harris Chisholms Namen hörte, verzog sie das Gesicht, als hätte sie in einen sauren Apfel gebissen. Sie war oftmals dem größten Frauenfeind von Dalbeattie beim Kirchgang begegnet. Bei diesen Gelegenheiten hatte er nur kühl eine Verbeugung angedeutet und ihr unverhohlene Missachtung entgegengebracht.

“Vielleicht dachte dein Vater, dass du dich mit Mr Chisholm vermählen und er dann mit dir hier in deinem Heimatort bleiben würde”, neckte Jenny die Freundin. Als hübsche Tochter eines reichen Mannes hatte Kirstie eine Schar von Verehrern. Sie hatte die Wahl, dennoch machte sie keine Anstalten, sich bald zu verehelichen.

“Harris Chisholm!” Kirstie brach in Gelächter aus. “Oh, so schlimm wäre er gar nicht, wenn er mich nur nicht immer so herrisch ansehen würde. Er hält mich anscheinend für eine launische Närrin.”

Jenny stimmte in das Gelächter der Freundin ein. Sie fühlte sich sonderbar erleichtert, dass Harris Chisholm ebenso ungehobelt mit reicheren und besser erzogenen Mädchen, als sie es war, umging.

“Bist du auf dem Weg hierher Lowell und Mag Walker begegnet?”, fragte Jenny. “Ich soll mit ihnen reisen und mache mir langsam Sorgen, dass sie es nicht rechtzeitig schaffen.”

Kirstie Robertsons sonst so fröhliches Gesicht nahm einen ungewohnt ernsten Ausdruck an. “Die Walkers? Hast du es nicht gehört? Lowell war heute Morgen dabei, seinen störrischen Braunen aufzuzäumen, als das niederträchtige Tier ausschlug und ihm gegen das Bein trat. Es soll unterhalb des Knies gebrochen sein. Die arme Mag hat Angst, dass er es verliert. Sie werden heute bestimmt nicht segeln, wenn überhaupt jemals.”

“Oh.” Jenny spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Sie hatte keine Hoffnung, ihren Vater überreden zu können, sie den Atlantik allein überqueren zu lassen. Ihr Bruder Ross war zweiter Maat auf der Brigg Bunessan. Er schrieb gelegentlich nach Hause und erzählte schreckliche Geschichten über die Rohheit unter der Mannschaft. Keinesfalls würde Alexander Lennox seine Tochter unbehütet an Bord der St. Bride gehen lassen.

Ich hätte wissen müssen, dass es zu schön gewesen wäre, um wahr zu sein, dachte Jenny bitter. Alles war zu einfach und ohne Mühe vonstattengegangen – bis jetzt. Als Roderick Douglas nach Hause geschrieben und um eine Braut geworben hatte, waren die anderen heiratsfähigen Mädchen von Dalbeattie zurückhaltend gewesen, den Antrag anzunehmen. Einige hatten Angst gehabt, den endlos scheinenden Ozean zu überqueren. Andere hatten sich nicht überwinden können, von ihren Familien getrennt zu werden. Jenny nahm die Aussicht sofort wahr, einen Mann zu ehelichen, den sie einst aus der Ferne verehrt hatte. Einen Mann, der nun ein erfolgreicher Schiffsbauer war, der ihr das vornehme, reiche Leben bieten konnte, nach dem sie sich sehnte. Sie hatte so sehr an das Wunder geglaubt und sah nun ihren Traum wie eine Seifenblase platzen.

Entschlossenheit zeigte sich in ihrem Blick, als sie die Schultern straffte. Es bedurfte mehr als des störrischen Pferds eines Lowell Walker und der strengen Ansichten ihres Vaters, um sie von ihrer strahlenden Zukunft abzuhalten. Sie würde schon einen Weg finden, um zu Roderick Douglas zu kommen, selbst wenn sie über das Meer schwimmen müsste!

Kirstie legte tröstend den Arm um Jennys Schultern. “Es wird doch noch jemand anders geben, der bereit ist, dich unter seine Obhut zu nehmen. In solchen Dingen sind Menschen gern hilfsbereit. Lass uns den Kontoristen aufsuchen, um ihn nach den anderen Passagieren zu fragen. Vielleicht ist auch eine Familie dabei, die froh ist, wenn ihr jemand hilft, die Kleinen zu versorgen.”

Jenny hörte kaum die unverzagten Worte der Freundin, als Kirstie sie zum Schiffskontor führte. Bedauernd schüttelte der Bürovorsteher den Kopf, als Kirstie nach weiblichen Passagieren fragte. “Mag Walker und Jenny Lennox sind die einzigen Frauen an Bord der St. Bride”, erklärte er.

Der Kontorist las die Namen der anderen sechs Passagiere vor. “Gregor McKinnon, Donald Beattie, Lowell Walker, George Irving, Gavin Tweedie und Harris Chisholm.”

Kirstie dankte dem Mann für seine Auskunft und tanzte förmlich um Jenny herum.

“Welch ein Segen”, flüsterte sie. “Für einen Augenblick fürchtete ich schon, das Glück hätte uns verlassen. Ich werde Mr Chisholm bitten, dich während der Reise unter seine Fittiche zu nehmen. Dann werden wir deinem Vater sagen, dass er ganz unbesorgt sein könne. Mr Chisholm mag zwar ein Mann und etwas seltsam in seiner Art sein, doch er ist in Dalbeattie geboren und geht jeden Sonntag zur Kirche. Unter seinem Schutz zu stehen ist gewiss nicht das Schlechteste.”

Als wäre er von den Bemerkungen herbeigerufen worden, tauchte Harris Chisholm im Gedränge des Hafens ganz in der Nähe der beiden Freundinnen auf. Jenny hätte ihn überall an seinem kastanienbraunen Haarschopf erkannt. Man hätte sein schmales Gesicht als gut aussehend bezeichnen können, wären da nicht die Narben an seinem Kinn gewesen und der fortwährend kühle, geringschätzige Ausdruck in seinen Augen. Anscheinend hielt er Ausschau nach Kirsten und schritt kurz darauf zielstrebig auf sie zu.

Kirsten drückte aufmunternd die Hand der Freundin und flüsterte ihr rasch zu: “Lass mich fragen. Der Mann, den ich nicht herumkriegen kann, muss erst gefunden werden.”

“Danke Kirstie, doch ich werde selbst mit Mr Chisholm sprechen.” Stolz hob Jenny den Kopf und versuchte, die Angst, die in ihr hochstieg, zu unterdrücken. Spielte das Leben nicht stets ein grausames Spiel mit ihr? Ihre ganze Zukunft lag nun in den Händen eines Mannes, der sie verachtete.

Es dauerte einen Moment, bis Harris Chisholm die gut gekleidete junge Dame neben der Tochter seines Arbeitgebers erkannte. Er wünschte, der alte Mr Robertson hätte nicht darauf bestanden, Kirsten mitzubringen. Harris hatte das unbehagliche Gefühl, dass sich hinter den funkelnden blauen Augen dieses unberechenbaren Wesens nur Spott verbarg.

Als er sich anschickte, die Damen anzusprechen, sah die Begleiterin von Miss Robertson zu ihm auf. Es war ein seltsam prüfender Blick, als wäre er, Harris Chisholm, der einzige Mann auf der Welt. Niemals hatte er eine Frau erblickt, die so lieblich aussah wie Jenny Lennox in diesem Augenblick.

Er hatte sie immer nur in Arbeitskleidung und mit Schürze gesehen oder in ihrem schlichten Sonntagsgewand. Heute trug sie Reisekleidung und einen dazu passenden königsblauen Mantel. Ein breitkrempiger Strohhut, verbrämt mit blassblauen Bändern, lenkte seinen Blick auf ihr Gesicht.

Ihre klassisch gleichmäßigen Züge erinnerten ihn an die weißen Marmorstatuen, die er in Edinburgh bewundert hatte. Wie viel bezaubernder hingegen sah solch ein Gesicht mit den lebendigen Farben aus. Ihre zarte Haut schimmerte rosa. Das warme Rot ihrer Lippen, die wie reife Erdbeeren leuchteten, weckte in ihm die Sehnsucht, sie zu küssen. Es war aber der forschende Blick ihrer großen grauen Augen, der Harris gefangen hielt.

“Darf ich Sie etwas fragen, Mr Chisholm?” Es klang ziemlich schroff, was Harris, der sie voller Bewunderung ansah, nicht bemerkte. Jenny Lennox hatte zu ihm gesprochen, das war ihm nicht entgangen. In Gedanken über ihre Schönheit versunken, hatte er aber nicht vernommen, was sie zu ihm gesagt hatte.

Harris bemühte sich um einen beiläufigen Tonfall. “Sie sind heute ziemlich weit weg von zu Hause, Miss Lennox.”

“Das bin ich”, erwiderte sie. “Und ich beabsichtige, noch weiter fortzugehen. Deshalb möchte ich Sie um einen großen Gefallen bitten, Mr Chisholm.”

Das war es also. Sie wollte etwas von ihm. Warum sonst schenkte ihm so ein hübsches Mädchen Aufmerksamkeit? Er sollte das eigentlich gewohnt sein. Nicht selten hatten Frauen Sehnsüchte in ihm geweckt, die sie nicht erfüllen konnten. Schöne junge Frauen, solche wie Jenny Lennox besonders. Er war auf einer einsamen Berghütte nördlich von Dalbeattie nur in der Gesellschaft seines Vaters und Großvaters aufgewachsen. Frauen waren ihm so fremd wie Wesen aus einer anderen Welt. Er kannte sie nur aus Romanen von Walter Scott – Flora MacIvor, Diana Vernon und Ivanhoes Rowena.

In den Träumen, die Scotts epische Romane in ihm nährten, hatte Harris sich oft vorgestellt, wie wundervoll es sein mochte, eine Frau um sich zu haben, die ihn zärtlich ansah und liebevoll zu ihm sprach. Es verletzte ihn, wenn stattdessen die Mädchen sich aus Furcht oder, was noch schlimmer war, aus Mitleid vor ihm zurückzogen. Seinen Schmerz und Ärger darüber verbarg er oft hinter kalten und scharfen Worten.

Das machte jedoch die Sache noch schlimmer. Viel lieber lebte er an einem Ort mit nur wenigen Frauen, vor allem, wenn diese bereits mit anderen Männern verehelicht waren. New Brunswick, eine nördliche Grenzkolonie auf der anderen Seite des Atlantiks, sollte dem Wunsch Genüge tun. Ohne Ablenkung durch hübsche Mädchen, deren echte Zuneigung er doch nie gewinnen konnte, würde er sich darauf beschränken, etwas aus sich zu machen.

Harris merkte selbst, wie seine Gesichtszüge maskenhaft starr wurden. Jenny Lennox schien seinen inneren Zwiespalt zu spüren. Sie blickte ihm tief in die Augen und zwang ihn so, sie anzusehen und ihr zuzuhören, damit er ihr gewährte, worum immer sie ihn bitten würde.

“Mr Chisholm, ich reise nach Miramichi, New Brunswick, auf der St. Bride, ebenso wie Sie. Haben Sie gehört, dass ich Roderick Douglas heiraten werde?”

Es widerstrebte ihm, sich auf eine Konversation einzulassen, deshalb nickte Harris bloß.

“Ich beabsichtigte, in Begleitung der Familie Walker zu reisen. Nun erfahre ich, dass Mr Walker einen Unfall hatte und deshalb nicht mit uns segeln kann. Mein Vater würde mich niemals an Bord dieses Schiffes lassen, wenn mich nicht jemand in seine Obhut nähme, dem er vertraut und der mich beschützt. Es sind keine anderen weiblichen Passagiere an Bord der St. Bride, und Sie sind der einzige Mann, den ich auf dem Schiff kenne. Ich möchte Sie bitten, meinem Vater zu versprechen, mich sicher nach Miramichi zu bringen. Er hat noch etwas im Ort zu erledigen, wird aber bald hier sein.”

Sie hielt inne, um Luft zu holen. Harris hatte das leichte Zittern ihrer Stimme bemerkt.

“Ich …”, begann er gepresst. Er räusperte sich. Harris versuchte es erneut und sprach nun mit seinem gewohnten tiefen Bariton. “Das wäre nicht passend.”

Innerlich ärgerte er sich über diese Beleidigung. Was war er – ein Eunuch, dem man ein Weib anvertraute, damit er es vor den wollüstigen Annäherungen richtiger Männer an Bord der St. Bride beschützen sollte? Auch wenn Miss Lennox wahrscheinlich so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben wollte, war er nicht im Geringsten gefeit gegen ihren Charme.

“Warum warten Sie nicht und nehmen ein anderes Schiff?”

“Weil …” Der heisere Unterton in ihrer Stimme verriet, dass sie den Tränen nahe war.

Harris warf den Kopf zurück. Als hätte eine Frau keine anderen Waffen in dem uralten Kampf der Geschlechter! Diese Wesen konnten sich wegen eines weggewehten Hutes in Tränen auflösen und einem Mann die Haltung rauben.

“Weil ich meine Passage bereits bezahlt habe”, antwortete sie. “Man zahlt mir gewiss nicht das Geld zurück, bloß weil mein Vater dagegen ist, dass ich allein reise.”

“Sicherlich kann Ihr … Bräutigam, Mr Douglas, das Geld für eine andere Passage aufbringen.” Harris klang nicht sonderlich zuversichtlich.

“Selbst wenn er nochmals bezahlen würde, bis ich ihm Nachricht geben kann, habe ich drei Monate verloren. Ich weiß, dass Mr Douglas bald heiraten möchte. Es würde ihm vermutlich wenig Mühe bedeuten, ein anderes Mädchen zu finden.”

Ergrimmt stand Harris stumm da. Roderick Douglas wäre ein Narr, wenn er nicht auf solch eine außergewöhnliche Braut wie diese hier wartete.

“So also ist der Sachverhalt, Mr Chisholm.” Damit schloss sie ihr Anliegen ab. “Entweder segle ich heute mit der St. Bride, um die Frau eines reichen Mannes zu werden, oder ich gehe nach London, um mich als Küchenmagd im Haushalt eines reichen Mannes zu verdingen.”

Kaum hatte sie diese Unheil verkündende Erklärung abgegeben, verzog sie die Lippen unerwartet zu einem schalkhaften Lächeln. “Haben Sie sich jemals gewünscht, ein guter Geist zu sein?”

Ein Teil von Harris wollte ihr sehr gern zustimmen, doch ein anderer wehrte sich dagegen. Jenny Lennox verkörperte alles, wonach er sich sehnte und wovor er sich gleichzeitig fürchtete. Es ergab keinen Sinn, sie mit sich zu nehmen. “Nun …”

Sie spürte seine Unentschlossenheit, deshalb bot sie ihre ganze Überzeugungskraft auf. “Roderick Douglas ist ein einflussreicher Mann in Miramichi. Sicherlich würde er sich sehr dankbar zeigen, wenn Sie mir zu Diensten wären. Was auch immer Sie möchten – Geld, eine gute Anstellung … Sie brauchen nur Ihren Wunsch zu äußern, und ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, diesen zu erfüllen.”

In ihrem Blick lag nackte Verzweiflung, als würde sie einen Pakt mit dem Teufel schließen. Gekränkt durch ihr Ansinnen, wollte Harris den Mund öffnen, um ein für alle Mal abzulehnen. Da streckte Jenny den Arm aus und berührte seine Hand.

“Bitte!”

Ihre Berührung war so sanft und warm. Harris brachte es nicht über das Herz, Roderick Douglas die Gelegenheit zu verwehren, ebenso zu fühlen. Vielleicht werde ich sogar Douglas’ Vorbild folgen, dachte Harris – und ebenfalls mein Glück in den Kolonien machen. Dann würde er nach Hause schreiben und um eine Braut werben.

“Ich werde es tun”, stimmte er zu. Deutlich war ihm die mangelnde Begeisterung anzumerken. “Ich sorge dafür, dass Sie sicher in Miramichi ankommen.”

Jennys Beine drohten nachzugeben. Für einen Augenblick fürchtete Harris, dass sie ohnmächtig werden könnte vor Überraschung und Erleichterung. Rasch nahm er ihre Hand, um sie zu stützen. Sie erwiderte seinen festen Griff damit, dass sie ihm die Hand schüttelte, um das Übereinkommen zu besiegeln.

“Dann ist es abgemacht. Und ich schwöre, ich werde Ihnen nicht zur Last fallen.”

Einen Moment lang stellte sich Harris seine Rolle als guter Geist vor. Wie oft im Leben war jemandem die Macht gegeben, einem anderen Menschen den innigsten Wunsch zu erfüllen? Diese Aussicht erbaute ihn.

“Niemals werde ich Ihnen genug danken können.” Nach diesen Worten bedachte sie Harris mit einem Lächeln, das ihre ganze Hochachtung ausdrückte, und er fühlte sich völlig entlohnt, was auch immer ihn dieses Unternehmen kosten würde.

Die St. Bride segelte mit beginnender Ebbe aus der Bucht von Kirkcudbright. Ihre Passagiere drängten sich an der Heckreling, um einen letzten Blick auf das Heimatland zu erhaschen, mit dem keiner von ihnen ein Wiedersehen erwartete. In dem Bewusstsein, die einzige Frau an Bord zu sein, stand Jenny etwas abseits von den männlichen Passagieren. Sie schwenkte ihr Taschentuch zu einem letzten Lebewohl für ihren Vater und Kirstie, von denen sie unter Tränen Abschied genommen hatte.

Die Planken der Bark knirschten. Seilrollen quietschten, die Segel blähten sich im auffrischenden Wind. All diese Geräusche übertönend, erhob sich die tiefe Stimme des ersten Maats. Er rief der Mannschaft Befehle zu, um Vorkehrungen für die verschiedenen Ausleger, Masten und Segel zu treffen. Mehrere unerfahrene Seeleute blickten ebenso erstaunt wie Jenny bei den ungewohnten Worten. Andere schienen die Befehle verstanden zu haben, doch sie konnten sie nicht ausführen, da sie noch an den Nachwirkungen der durchzechten Nacht litten.

Als sich Jenny an die dreisten, anzüglichen Blicke erinnerte, die die Männer ihr bei der Ankunft auf der St. Bride zugeworfen hatten, war sie mit einem Mal froh, dass sich ihr Vater um ihre Sicherheit gesorgt hatte. Im Bewusstsein der unmittelbaren Anwesenheit von Harris Chisholm, der schützend hinter ihr stand, trat sie näher an ihn heran. Sie dankte Gott für Harris Chisholms düsteren Blick und die Narben, die ihn so gefährlich aussehen ließen. Mit diesem Mann an ihrer Seite wusste Jenny, dass ihr nichts zustoßen konnte.

Nachdem die Bark Little Ross umrundet hatte, verließen die meisten Passagiere das Oberdeck. Eine frische Brise wehte von Solway Firth herüber. Harris und Jenny verweilten noch an der Heckreling, nachdem die anderen bereits unter Deck gegangen waren.

“Wünschen Sie sich nun, dass Sie doch auf ein anderes Schiff gewartet hätten?” Harris deutete in die Richtung des westlichen Horizonts.

Hatte er ihre Gedanken erraten? Sie erwiderte mit mehr Überzeugung, als sie fühlte: “Wenn Sie sich erinnern, hatte ich keine Wahl. Ich bin froh, auf dem Weg nach New Brunswick zu sein, und ich danke Ihnen, dass Sie mir das ermöglicht haben. Ich denke, Sie werden in der Lage sein, auf mich aufzupassen.” Ihre Worte machten Harris mit einem Male bewusst, welche schwerwiegende Verantwortung er auf sich genommen hatte. “Ich möchte sichergehen, dass Sie meine Anweisungen befolgen”, erklärte er. “Sie werden Ihre Kabine nur in meiner Begleitung verlassen. Und Sie werden niemanden einlassen. Haben Sie das verstanden?”

Jenny nickte zustimmend.

“Gut.” Er ging voran zur Treppe, die zu den Unterdecks führte. “Wir sollten Ihre Kabine suchen, um uns einzurichten, und zusehen, eine Kleinigkeit zum Abendessen zu bekommen. Der Himmel gefällt mir gar nicht. Wenn ich mich nicht irre, erwartet uns ein Unwetter, noch ehe wir Irland passiert haben.”

“Geben Sie mir noch ein wenig Zeit?”, bat Jenny. “Vor dem heutigen Tag bin ich niemals mehr als zwanzig Meilen von zu Hause weg gewesen. Ich bin das erste Mal auf einem Schiff.”

“Na gut.” Harris versuchte, ein Seufzen zu unterdrücken.

Eine innere Stimme riet ihm, den Blick von ihr abzuwenden, doch er konnte es nicht.

Jenny löste die Bänder ihres Hutes und nahm ihn ab. Flink entfernte sie einige Haarnadeln, sodass ihr die rotbraunen Locken bis zur Taille herabfielen, während kürzere Strähnen sanft ihr Gesicht umrahmten. Sie wandte sich dem Wind zu und schloss die Augen, als die frische Brise durch ihr Haar wehte. Sie sah aus wie die geschnitzte Galionsfigur der St. Bride am Bug der Bark – wundersam und glorreich zum Leben erwacht.

Harris zweifelte nicht an seiner Fähigkeit, Jenny Lennox vor den anderen Männern an Bord zu beschützen. Doch war er in der Lage, sein Herz davor zu bewahren, gebrochen zu werden?

2. KAPITEL

“Miss Lennox?”, rief Harris. Sein Pochen wurde heftiger, als keine Antwort kam. “Jenny!”

Wie er es vorhergesehen hatte, war ein heftiger Sturm aufgekommen, gerade als die St. Bride die berüchtigte Nordküste vor Ulster umschiffte. Wäre sie aus der anderen Richtung des Atlantiks gekommen, schwer beladen mit Holz aus New Brunswick, wäre es nicht so schlimm gewesen. So jedoch war der Segler, dessen Fracht nur aus leichten Handelswaren bestand, der wütenden See hoffnungslos ausgeliefert.

Die Planken unter Harris’ Füßen gaben im Rollen des aufgewühlten Meers nach, sodass er heftig gegen Jennys Kabinentür geschleudert wurde. Das Türschloss brach, und er taumelte in den Raum. Dabei stieß er sich das Schienbein gegen einen harten kantigen Gegenstand. Hinter ihm schwang die Tür mit den schlingernden Bewegungen des Schiffes auf und zu, wobei flackerndes Lampenlicht vom Gang hereinfiel. Der Raum war bis auf diesen Lichtschein völlig dunkel.

Wo kann Jenny hingegangen sein?, fragte sich Harris, als er sich das schmerzende Schienbein rieb. Sie hatte versprochen, die Kabine nicht ohne ihn zu verlassen. “Frauen”, brummte er vor sich hin. Sie machten leichtfertig alle möglichen Versprechungen, um ihren Willen zu bekommen, und taten dann doch, was sie wollten, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Harris vernahm ein tiefes, qualvolles Stöhnen. Er tastete sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und berührte im nächsten Moment ein feuchtes Gesicht.

“Miss Lennox, warum liegen Sie hier im Dunkeln?”

“Zum Sterben”, kam schwach und heiser die Antwort.

Neben dem durchdringenden Geruch von Salzwasser und nassem Holz roch Harris den sauren Geruch von Erbrochenem. Durch die Dunkelheit getarnt, erlaubte er sich ein schalkhaftes Lächeln über Jennys Zustand. Offenbar war auch sie vor der irdischen Unerbittlichkeit der Seekrankheit nicht gefeit.

Sanft strich er ihr über die Wange. “Sie werden nicht sterben.”

“Ich möchte aber.” Die Worte gingen in aufsteigendem Gurgeln unter.

Harris wich zur Seite, als Jenny sich über den Rand ihrer Koje beugte. Einige Augenblicke würgte sie gequält, doch mit geringem Erfolg. Als sie wieder auf das Kissen zurücksank, beugte sich Harris über sie. Um das Heulen des Sturms zu übertönen, musste er sich ihrem Gesicht nähern.

“Wenn Sie sich so miserabel fühlen und trotzdem noch scherzen können, dann kommen Sie gewiss durch”, meinte er sanft. “Ruhen Sie sich aus. Ich hole Dr. Chisholms Arznei gegen Seekrankheit.”

“Mir ist alles egal”, wimmerte Jenny. “Machen Sie mit mir, was Sie wollen.”

Am liebsten hätte Harris laut aufgelacht. Du hast keine Ahnung, was ich mit dir machen möchte, Mädchen, dachte er. Wenn du es wüsstest, hättest du niemals solch ein verlockendes Angebot gemacht, gleichgültig wie schlecht du dich fühlst. Er beugte sich so nahe zu Jenny, dass er die Wärme ihres Körpers spüren konnte.

Ich muss verrückt sein, so etwas überhaupt nur zu denken, tadelte sich Harris, als er sich widerstrebend von ihr entfernte. Sogleich erinnerte ein schmerzhafter Stich ihn an sein angeschlagenes Schienbein, und er ging mit vorsichtigen Schritten zur Tür. Sobald der Sturm nachgelassen hatte, musste er etwas tun, um das Türschloss zu reparieren.

Wenig später kam er erneut die Treppe herab, eine Laterne in der Hand und ein Buch unter dem Arm. Es bedurfte nur eines kräftigen Stoßes mit der Schulter, um Jennys Tür wieder aufzudrücken. Harris hielt die Laterne hoch, als er in die Kajüte trat. Er hatte keine Lust, sich noch mehr zu verletzen oder gar mit dem Gesicht voran auf dem rutschigen Fußboden zu landen.

Jenny zuckte bei dem Lichtschein zusammen und zog die Decke über den Kopf. “Machen Sie das aus. Es ist weniger schlimm, wenn ich nicht sehe, wie alles in der Kajüte hin und her schwingt.”

Harris sah sich um. Jennys eisenbeschlagene Truhe war durch das Schlingern des Schiffes in der Mitte der Kabine gelandet. Vermutlich hatte er sich daran das Schienbein angeschlagen. Er warf der Kiste einen bösen Blick zu und schob sie an das Kopfende des Bettes.

“Ich brauche das Licht nur kurz”, sagte er zu Jenny. “Dann mache ich es aus.”

Die Decke noch immer über den Kopf gezogen, gab sie keinen Laut von sich. Harris hängte die Lampe an einen Haken, der in einem Deckenbalken steckte. Er fand einen schweren Krug mit Wasser und befeuchtete sein Taschentuch, dann löschte er die Lampe. Er tastete sich zu Jennys Kiste vor und setzte sich darauf.

“Warum gehen Sie nicht fort und lassen mich in Frieden sterben?”, fragte Jenny stöhnend. Sie musste die Decke von sich geschoben haben, denn ihre Stimme klang nicht mehr gedämpft.

“Das gehört zu unserer Abmachung.” Harris fand ihr Gesicht und wischte ihr mit dem nassen Taschentuch über die Stirn. “Ich versprach Ihrem Vater, Sie sicher in Miramichi abzuliefern.”

Er nestelte in seiner Jackentasche herum und holte eine kleine Flasche hervor. Dann stützte er Jenny und hielt sie ihr an die Lippen. “Nehmen Sie einen Schluck davon. Es wird Ihnen helfen, leichter einzuschlafen. Für diese Nacht kann ich nicht mehr für Sie tun.”

Unvermittelt richtete sie sich auf und gab prustend eine feine Fontäne des Gebräus von sich. “Was ist das für ein Zeug? Es schmeckt scheußlich!”

“Aber es hilft”, brummte Harris und wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht ab. “Das ist der feinste Malzwhisky – gut für verschiedene medizinische Anwendungen, eingeschlossen die Behandlung von Seekrankheit. Nun trinken Sie davon!”

Widerstrebend gehorchte sie. Harris spürte beinahe, wie sie das Gesicht verzog.

“Legen Sie sich zurück, und ruhen Sie etwas, ehe Sie einen weiteren Schluck nehmen.”

“Ich werde das nie bei mir behalten. Es brennt wie Feuer!”

“Aye”, erwiderte er trocken. “Er wird Ihrem Magen auch kräftig einheizen. Während wir warten, dass der Whisky seine Wirkung tut, müssen Sie sich von den Gedanken ablenken, wie miserabel Sie sich fühlen. Wenn ich wieder Licht machen darf, werde ich Ihnen aus dem Buch vorlesen, das ich mitgebracht habe.”

“Was für ein Buch?” wollte sie wissen.

Schwang nicht eine Spur Sehnsucht in ihrer Stimme mit?

“Eine meiner Lieblingslektüren – Walter Scotts ‘Rob Roy’.”

“Oh.”

Niemals zuvor hatte er einen wehmütigeren Ton vernommen.

“‘Rob Roy’ – das klingt wie eine spannende Geschichte. Wovon handelt sie?”

“Nehmen Sie zuerst noch einen Schluck von der Medizin.”

Resignierend gehorchte sie. Obwohl sie nach Luft schnappte, als der Whisky in ihre Kehle floss, gab sie ihn nicht wieder von sich. Harris sah das als ein Zeichen dafür, dass seine Arznei zu wirken begann.

Er zündete die Öllampe wieder an, beugte sich nach vorn, um seinen Mund nahe an Jennys Ohr zu bringen, sodass er nicht schreien musste, um den Sturm zu übertönen. Harris begann, die Geschichte von Frank Osbaldistone und seine Abenteuer mit dem Gesetzlosen Rob Roy McGregor zu erzählen. Ab und zu verfiel er in Scotts dramatische Prosa, und rezitierte ganze Kapitel aus dem Gedächtnis. In regelmäßigen Abständen hielt er inne, um Jenny wieder etwas Medizin einzuflößen.

“Fühlen Sie sich besser?”, fragte er nach einer Stunde, ohne dass sie sich wieder übergeben hatte.

“Ich fühle mich schlecht”, erwiderte sie mit schwerer Zunge, “doch nicht mehr so schlecht wie zuvor.”

“Dann werde ich jetzt gehen und Sie schlafen lassen.”

Sie ergriff seine Hand. “Bleiben Sie. Ihre Geschichte bringt mich auf andere Gedanken. Es muss erhebend sein, Bücher wie dieses zu lesen.”

“Ich wäre glücklich, Ihnen alle zu leihen, die ich habe”, bot Harris an. “Ich vermute, Sie hatten nicht viel Geld für Bücher.”

Jenny sank zurück auf das Kissen und gab ein bitteres Lachen von sich. “Kein Geld. Keine Zeit. Keinen Unterricht.” Sie seufzte. “Ich fürchte, ich werde eine rechte Enttäuschung für Roderick Douglas sein – eine einfältige Bauerntochter, die weder lesen noch ihren eigenen Namen schreiben kann.” Ihre Worte gingen in stilles Schluchzen über.

Das liegt an dem Whisky, stellte Harris fest. Oftmals hatte er diese unglückliche Nebenwirkung, Menschen zur Rührseligkeit zu bringen.

“Aber, aber.” Er wischte ihr mit dem Taschentuch die Tränen von den Wangen. “Nicht doch. Sie werden sich nur aufregen und letztendlich wieder Magenbeschwerden haben. Er wäre ein Tor, würde er sich über eine hübsche Braut wie Sie beklagen.”

“Was tun Sie überhaupt hier, Harris Chisholm?” Sie schob seine Hand beiseite. “Ich weiß, Sie halten mich für dumm und gewöhnlich. Gehen Sie jetzt. Ich brauche weder Ihre Medizin noch Ihre Geschichten und schon gar nicht Ihr Mitleid.”

Harris sah, wie sie sich in der engen Koje bewegte und ihm den Rücken zudrehte. Er löschte das Licht. Unschlüssig blieb er sitzen. Hübsche Frauen hatte er immer als herzlose, unzugängliche Wesen betrachtet. Bisher war es ihm nie in den Sinn gekommen, dass sie vielleicht verletzbar oder von den gleichen Zweifeln geplagt wurden wie er. Womöglich hatte er ihnen mit seinem rauen Betragen, das nur ein armseliger Schutzwall gewesen war, wehgetan.

Hätte die Laterne noch gebrannt und wäre Jenny nicht krank und kurz vor dem Einschlafen gewesen, hätte Harris wohl geschwiegen. So aber sagte er: “Sie irren sich. Ich halte Sie keineswegs für dumm und gewöhnlich. Falls ich mich Ihnen gegenüber hochmütig gezeigt haben sollte, so bitte ich Sie um Vergebung.” Er machte eine kleine Pause, ehe er mutig hinzufügte: “Ich weiß sehr wohl, dass kein hübsches Mädchen etwas mit mir zu tun haben möchte. Nur aus Stolz tue ich so, als wäre mir das gleichgültig.”

Sie drehte sich auf ihrer Koje zu ihm um. In der Dunkelheit vermochte sie nur die Umrisse seines Gesichtes zu erkennen. “Es ist schon gut”, sagte sie.

“Wir haben ungefähr fünf oder gar sechs Wochen auf See vor uns …”

Jenny stöhnte schon bei dem bloßen Gedanken.

“Es wird nicht immer so schlimm sein wie jetzt”, fuhr Harris fort. “Wenn wir erst dieses Unwetter hinter uns haben und Sie wieder gesund sind, könnte ich Ihnen beibringen zu lesen, wenn Sie es lernen wollen.”

Die Decke raschelte erneut, als Jenny sich aufrichtete. “Das möchte ich sehr gern. Es ist etwas, das ich mir schon lange gewünscht habe. Ich habe stets meine Brüder beneidet, wenn sie zur Schule gingen. Da ich das einzige Mädchen war, konnte mich meine Mutter nicht entbehren. Einmal hatte ich Ian gebeten, mir etwas beizubringen, doch wir machten keine großen Fortschritte. Ich war abends meistens völlig erschöpft, sodass ich über den Büchern einschlief, ehe ich irgendetwas lernen konnte.”

Harris, an eine derartige Offenheit nicht gewöhnt, fragte sich, ob sie sich bewusst war, dass er noch immer zuhörte.

Offenbar hatte sie ihn nicht vergessen, denn plötzlich erkundigte sie sich: “Warum wollen Sie diese ganzen Mühen auf sich nehmen?”

“Wir gute Geister legen großen Wert darauf, unsere Arbeit sorgfältig zu verrichten”, meinte Harris und lachte vor sich hin. “Es ist eine Frage der Berufsehre, müssen Sie wissen. Haben Sie noch andere Wünsche, die ich Ihnen erfüllen kann, solange ich hier bin? Stroh zu Gold spinnen vielleicht?”

“Wenn es Ihnen gelingt, mir das Lesen beizubringen und mich sicher zur Vermählung mit Roderick Douglas zu geleiten, haben Sie den glücklichsten Menschen der Welt aus mir gemacht. Ich hoffe nur, Sie haben nicht die Absicht, mein erstgeborenes Kind als Belohnung dafür zu verlangen.”

“Würde Ihnen denn das so schwer fallen?”, fragte Harris scherzhaft. “Ich erinnere mich an Ihr Versprechen, mir alles zu gewähren, was in Ihrer Macht steht, dabei war nicht von der Ausnahme Ihres Erstgeborenen die Rede. Ich kann unseren Kontrakt berichtigen, doch das bedeutet, dass ich eine zusätzliche Buße verlange.”

Jenny antwortete nicht sofort. Harris fragte sich, ob er mit seiner Neckerei zu weit gegangen war. In diesem Augenblick plötzlicher Stille bemerkte er, dass der Wind hörbar nachgelassen hatte. Die schlingernden Bewegungen der Bark waren in ein sanftes Rollen übergegangen.

“Ich werde diese Buße mit einem kleinen Zauber von mir selbst begleichen”, erklärte Jenny. “Ich verwandle Sie in einen charmanten Gentleman, der unter allen Mädchen dasjenige auswählen kann, das ihm gefällt.”

Harris lachte. “Wenn Sie diese Art von Zauberkraft besitzen, dann sollten Sie vorsichtig sein, dass man Sie nicht als Hexe verbrennt.”

“Ich erteile Ihnen die erste Lektion am besten sofort”, meinte sie. “Nächstes Mal, wenn Sie zu einer Frau sprechen, tun Sie so, als wäre es dunkel und sie ein klein wenig beschwipst durch den ersten Genuss von Whisky. Dann reden Sie mit ihr, genauso wie Sie heute Nacht mit mir geredet haben – sanft und freundlich. Ich versichere Ihnen, schon nach wenigen Augenblicken wird sie die Narben in Ihrem Gesicht nicht mehr bemerken.”

Jenny erwachte durch Schritte und Stimmen draußen auf dem Gang. Sonnenstrahlen drangen durch das kleine Fenster. Es war Morgen, und der Sturm hatte sich gelegt. Sie fühlte nur noch ein leicht flaues Gefühl im Magen, doch ihr war ganz gewiss nicht mehr so elend zumute wie in der vergangenen Nacht. Diese Erleichterung wurde von einem stechenden, pochenden Schmerz in ihrem Kopf beeinträchtigt.

Ganz in der Nähe vernahm sie das Schnarchen eines Mannes. Die Wände zwischen den Kajüten müssen dünn wie Papier sein, dachte sie. Als sie sich in der engen Koje umdrehte, fand sie sich plötzlich Nase an Nase mit Harris Chisholm, der friedlich schlummerte und dabei mit dem Kopf auf ihrem Kissen ruhte.

“Mr Chisholm, was tun Sie immer noch hier?” Jenny fuhr hoch und zog sich in eine Ecke der Koje zurück, dabei hielt sie schützend die Decke vor ihrer Brust.

Harris, der immer noch auf der Truhe saß, hob seinen Kopf von seinem Ruhelager auf dem Kissen. “Was ist los?” Mit halb geschlossenen Augen sah er sich in der Kabine um. Als er Jenny erblickte, zuckte er sichtbar zusammen.

“Ich muss eingeschlafen sein, als ich Ihnen ‘Rob Roy’ zu Ende erzählte.” Er gähnte hinter vorgehaltener Hand, ehe er seine Arme streckte.

“Wissen Sie, was das bedeutet? Wenn jemand erfährt, dass Sie die ganze Nacht in meiner Kabine waren, dann ist meine Ehre ruiniert. Roderick Douglas wird sich niemals mit mir vermählen! Wie konnten Sie das nur zulassen?”

“Ich?” Harris erhob sich entrüstet. “Sie baten mich doch zu bleiben. ‘Tun Sie mit mir, was Sie wollen’, haben Sie gesagt. ‘Bleiben Sie, und erzählen Sie mir mehr von der Geschichte’, forderten Sie mich noch auf. Sie glaubten, wegen der Seekrankheit sterben zu müssen, doch ich habe Sie gepflegt. Und das ist der Dank dafür, den ich erhalte. Sie schreien mich an wie ein Fischweib. Es klingt so, als hätte ich mir den Weg in Ihre Kabine erzwungen und Ihnen nachts Gewalt angetan!”

“Sie haben meine Tür zerbrochen!” beschuldigte Jenny ihn.

“Das war ein Malheur, das wissen Sie sehr genau. Und jetzt sollten Sie nicht so schreien, denn sonst wird noch die ganze Mannschaft auf uns aufmerksam. Wir beide wissen, dass nichts vorgefallen ist, was Ihrer Reputation Schaden zugefügt hätte – es sei denn, Sie zählen den Whisky, den Sie wie eine Fontäne ausspien, als Tatbestand dazu.” Harris musste bei diesem Gedanken lachen.

Auch Jenny konnte nicht ernst bleiben.

“Ich werde Stillschweigen bewahren, dass ich hier war, wenn Sie wollen, und niemand wird es je erfahren”, versicherte Harris ihr. “Selbst, wenn Roderick Douglas etwas erfahren sollte, und Sie deswegen sitzen lässt, verspreche ich, aus Ihnen eine ehrbare Frau zu machen.”

Jenny ergriff das Kissen und warf es ihm an den Kopf. “Wenn Sie irgendetwas tun, was meine Hochzeit mit Roderick Douglas in Gefahr bringt, würde ich Sie nicht heiraten, selbst wenn Sie außer Roderick Douglas der einzige Mann in ganz Amerika wären!”

Glücklicherweise gelang es Harris, Jennys Kajüte zu verlassen, ohne dabei gesehen zu werden. Die Mannschaft war zu sehr damit beschäftigt, die Schäden, die der Sturm angerichtet hatte, auszubessern, während die anderen Passagiere damit ausgelastet waren, sich von deren eigener Seekrankheit zu erholen. Später an diesem Tag half er mit unbeteiligter Miene dem Schiffszimmermann, das gebrochene Schloss an Jennys Tür zu reparieren.

Jenny blieb den ganzen Tag in der Kabine und entschuldigte sich damit, sich von ihrem Fieberanfall erholen zu müssen. Als sie am darauf folgenden Morgen erschien, begegnete sie Harris reserviert mit der frostigen Höflichkeit für besonders verhasste Personen. Zu seiner Überraschung und Erheiterung fühlte sich Harris selbst nicht im Geringsten davon verletzt. Harris erkannte, dass eine Dame, die von einem Mann während ihrer Seekrankheit gepflegt worden war, für immer ihre Gabe verlor, diesen betreffenden Mann abzuschrecken – gleichgültig, wie begehrenswert sie aussah.

Zum Teil konnte es auch auf Jennys eigene Unzulänglichkeit zurückzuführen sein. Vielleicht schuldete er das seiner Stellung als Beschützer. Was auch immer die Gründe waren, Jenny Lennox hatte sich kopfüber vom Podest gestürzt. Für Harris war es eine seltsame und schwindelerregende Erfahrung, mit einer Frau auf gleicher Stufe zu stehen. Vielleicht könnte er sich niemals wieder solch einer Erfahrung erfreuen, deshalb beschloss er, das Beste daraus zu machen.

Er gab Jenny genau zwei Tage Zeit, um ihrer eigenen Gesellschaft überdrüssig zu werden. Dann begann er, sein Versöhnungsangebot zu machen.

“Haben Sie die Absicht, weiterhin so kurz angebunden zu sein, bis wir in Miramichi sind?”, fragte er freundlich, als er sie nach dem Frühstück zurückbegleitete.

Es schien ihr nicht leichtzufallen, eine ernste Miene zu bewahren. “Ich bin erst seit zwei Tagen kurz angebunden, doch fertigen Sie mich nicht seit Jahren kurz ab?” Sie zog die Augenbrauen hoch, und dies ließ sie bezaubernd hochmütig aussehen.

“Nein.” Er bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. “Doch der Wunsch, Ihnen zu Diensten zu sein, und der Drang, damit zu prahlen, in Ihrer Gesellschaft die Nacht verbracht zu haben, halten sich die Waage.”

“Sprechen Sie leise!” Jenny blickte nervös umher. Nachdem sie festgestellt hatte, dass niemand in Hörweite war, wurde ihr Ausdruck widerwillig sanfter.

“Ich weiß, es steckt ein Körnchen Wahrheit in Ihren Äußerungen.” Sie hielt ihm die Hand hin. “Ich bin bereit, auf Ihr Versöhnungsangebot einzugehen.”

Harris lächelte. “Abgemacht.”

Er schüttelte ihre Hand. Sie war nicht zart, sondern rau von vielen Jahren Arbeit.

“Es ist eine Wohltat, mit jemandem reden zu können.” Sie sah aufrichtig erleichtert aus. “Wer hätte gedacht, dass ich nach zwanzig Jahren harter Arbeit vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang bereits nach zwei Tagen Müßiggang krank werde. Zeit kann einem lang werden, wenn man nichts zu tun hat.”

“Mein Angebot, Ihnen Lesen beizubringen, gilt immer noch”, bemerkte Harris. “Ein gutes Buch ist das beste Gegenmittel bei Langeweile. Ich kann das nur empfehlen. Und während wir damit beschäftigt sind, können Sie mich lehren, charmant zu sein, damit ich fähig werde, die Damenwelt zu betören, wie Sie es versprochen haben.”

“Dann sollten wir uns beeilen.” Ihre grauen Augen blitzten wie leuchtende Amethyste. “Wenn ich Ihnen gute Manieren beibringen soll, ehe wir in Chatham vor Anker gehen, dürfen wir keine Zeit verlieren!”

3. KAPITEL

“Der … Zu…sta…nd …”, betonte Jenny stockend.

“Zustand”, half Harris ihr.

“Oh ja.” Sie runzelte die Stirn und verzog dabei konzentriert das Gesicht, als sie den Satz erneut in Angriff nahm. “Der Zustand der englischen Nation war zu dieser Zeit … aus … aus …”

“Ausgesprochen schlecht.” Helfend vollendete Harris die letzten beiden Worte des Absatzes.

“Es hat keinen Sinn.” Jenny seufzte gereizt auf und blies die Haarlocke, die ihr ins Gesicht hing, nach oben. “Ich werde niemals in der Lage sein, so zu lesen wie Sie, Harris. Ich fürchte, ich bin schrecklich dumm.”

“Unsinn”, widersprach er. “Es dauerte bei mir Jahre, bis ich so lesen konnte wie Sie nach nur zwei Wochen. Sie sind sehr klug, Jenny.”

Das Kompliment freute sie mehr, als sie zuzugeben wagte. Sie wischte es indes mit einer verächtlichen Handbewegung hinweg. “Das sagen Sie doch bloß!”

Jenny und Harris hatten sich wie üblich auf die flache Treppe, die zum Achterdeck führte, gesetzt. Diese selten benutzte Seitentreppe war ein willkommener Schlupfwinkel für Jennys Lektionen, ohne von anderen Leuten beobachtet zu werden. Außerdem hatte sie zusätzlich den Vorteil, am Morgen Schatten vom Besansegel zu bekommen und den Rest des Tages vom Hauptsegel.

Schatten gab es kaum auf der St. Bride. Seit dem unheilvollen Sturm zu Beginn ihrer Reise hatte sich das Wetter auf See ungewöhnlich mild gestaltet. Es wehte ein leichter Wind, und auf den sanften Wellen schaukelte die Bark wie eine Wiege hin und her. Tag für Tag brannte die Sonne vom blauen Himmel herab, an dem nur wenige weiße Wölkchen vorüberzogen. Der Kapitän der St. Bride nannte das einen “Schäfchenhimmel”.

“Mit einer leichteren Lektüre hätten Sie wahrscheinlich noch rascher gelernt.” Harris lehnte sich zurück. Er warf einen entschuldigenden Blick auf das dicke Buch “Ivanhoe”, das aufgeschlagen auf Jennys Schoß lag. “Ich fürchte, außer der Bibel waren die Bücher von Mr Scott die einzigen, die ich mir leisten konnte mitzunehmen.”

“Ärgern Sie sich nicht.” Jenny spürte, wie ihre Zuversicht zurückkehrte. “Ich kenne die Bibel bereits sehr gut. Ich mag diese Geschichten. Ich lese lieber ein Buch, dessen Inhalt interessant und schwer zu verstehen ist, als eines, dessen Inhalt langweilig und leicht zu verstehen ist.”

Harris nickte. “Mir geht es genauso.”

Sie waren vor einigen Tagen mit “Rob Roy” fertig geworden. Zuerst kämpfte sich Jenny durch die ersten Seiten jedes Kapitels, dann belohnte Harris ihre Bemühungen damit, den Schluss laut vorzulesen. Zwischen den Kapiteln sprachen sie über die Geschichte und die Personen. Harris erklärte ihr den historischen Hintergrund.

Die unglaublichen Abenteuer und die Heldenromantik der Geschichten beeindruckten Jenny tief. In ihren nächtlichen Träumen tauchten die Figuren auf, doch die Helden ähnelten alle Harris.

Jeden Morgen beeilte sich Jenny mit dem Ankleiden und nahm rasch das Frühstück zu sich, denn sie war begierig, das nächste Kapitel in Angriff zu nehmen. Dank Sir Walter Scott und Harris Chisholm taten sich in ihrem Denken völlig neue Betrachtungsweisen und Erfahrungen auf. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so lebensfroh gefühlt.

“Hallo!” erklang eine Stimme über ihr. “Macht der Unterricht Fortschritte, Miss Lennox?”

Jenny winkte Thomas Nicholson, dem Schiffsjungen, zu, der behände die Webeleine am Kreuzmast löste.

“Oh Thomas”, rief sie ihm zu. “Zwar geht es nicht schnell, aber es wird schon.”

“Hör nicht auf sie, Thomas”, warf Harris dazwischen. “Miss Lennox hat einen Verstand, der ihrer Schönheit gleicht. Ich könnte in sechs Monaten einen Notarius aus ihr machen.”

Mit einem fröhlichen Gruß kehrte der Junge an seine Arbeit zurück. Kapitän Glendenning sorgte dafür, dass die Männer den ganzen Tag ständig die Segel justierten, um selbst den schwächsten und wechselhaftesten Wind einzufangen. Nachdem sich das schlechte Wetter zu Beginn der Reise gebessert hatte, hatte sich auch die Stimmung der Mannschaft auf der St. Bride gehoben.

Der Kapitän war ein unerbittlicher Pedant und führte eine strenge Hand bei Drückebergern und Aufwieglern. Jeder Seemann, der es versäumte, sein Soll zu erfüllen, sah sich ganz schnell dazu verbannt, unter der brütenden Sonne das Deck mit Salzwasser und Scheuerstein zu schrubben. Fleißige Seeleute hatten es gut auf der St. Bride. Sie bekamen besseres Essen als die übliche Schiffskost aus Zwieback und Pökelfleisch, und der Kapitän war großzügig beim Verteilen der täglichen Ration Rum.

Als man erfuhr, dass Jenny in dem großen, bedrohlich wirkenden Harris Chisholm einen Beschützer hatte, war die Mannschaft sehr schnell dazu übergegangen, sie mit aufrichtigem Respekt zu behandeln. Hilfreich war auch der Umstand, als man den Grund ihrer Reise erfuhr. Sie sollte am Zielort einen reichen Schiffsbauer ehelichen. Jeder Seemann, der in Miramichi das Schiff wechseln wollte oder dort Arbeit suchte, hoffte auf eine gute Empfehlung durch Miss Lennox.

Harris suchte im Text des Romans nach noch ausgefalleneren Wörtern, die für Jenny eine Herausforderung bedeuten könnten.

“Verstand, der meiner Schönheit gleicht?”, fragte sie spöttisch.

Obwohl Harris fortgesetzt in das Buch blickte, errötete er. “Sollte ich nicht auch meine Lektionen üben?”, fragte er leise.

“Lektionen? Ach, Ihr Unterricht in Charme.” Es lag ihr auf der Zungenspitze, Harris zu sagen, dass er bereits zu charmant war, mehr als ihm – oder ihr – guttat. Stattdessen sagte sie streng: “Die wichtigste Lektion, die ich Ihnen über Komplimente beibringen kann, ist, nicht zu übertreiben.”

“‘Lange und glücklich lebte er mit Rowen’”, las Jenny über Wilfred of Ivanhoe, “‘denn sie waren sich mit der reinsten Liebe zugetan, und die Erinnerung an die Hindernisse, mit denen sie zu kämpfen hatten, erhöhte noch ihre Neigung.’”

Die Abenddämmerung brach rasch herein, und Jenny wollte die Lektüre beenden, ehe sie zu Bett ging. Harris hatte versprochen, sie würden morgen mit “Waverley” beginnen.

“‘Allein es wäre Unrecht, wenn man streng untersuchen wollte, ob nicht Rebeccas Schönheit und Hoch … Hoch …’”

“‘Hochherzigkeit’.”

“‘Hoch…herzigkeit’”, wiederholte Jenny, “‘öfter vor des Ritters Seele trat, als der schöne Sprössling Alfreds es gebilligt haben würde.’”

Sie las den letzten Absatz, ohne dass ihr Harris nochmals vorsagen musste. Dann schloss Jenny das Buch mit einem gewissen Triumphgefühl.

“Das war eine schöne Geschichte”, sagte Jenny. “Doch Ivanhoe hätte Rebecca heiraten sollen.”

Harris warf ihr von der Seite einen nachdenklichen Blick zu.

“D

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