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Die schönen Mütter anderer Töchter

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Versicherung
  8. 1. Kapitel - Wie die Jungfrau zum Kinde
  9. 2. Kapitel - Zu jung ist ein Fehler,der sich täglich bessert
  10. 3. Kapitel - Pflücke die Rose, wenn sie blüht;schmiede, solange das Eisen glüht
  11. 4. Kapitel - Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
  12. 5. Kapitel - Von Schafen in Wolfspelzen
  13. 6. Kapitel - Wenn der Weindie Wahrheit spricht, verrät er dich?!
  14. 7. Kapitel - Vorm Beginnensich besinnen macht gewinnen
  15. 8. Kapitel - Die einmal lügt, der glaubst du nicht,und wenn sie auch die Wahrheit spricht
  16. 9. Kapitel - Die schönen Mütter anderer Töchter
  17. 10. Kapitel - Dreizehn bei Tische …
  18. 11. Kapitel - Wer vom Honig nascht,vergisst nur leicht den Bären
  19. 12. Kapitel - Ich seh die Hand vorlauter Augen nicht
  20. 13. Kapitel - (K)Eine Rose ohne Dornen

Über die Autorin

Mirjam Müntefering, geboren 1969 im Sauerland, studierte Theater- und Filmwissenschaften sowie Germanistik und arbeitete als Fernsehredakteurin. Seit dem Jahr 2000 schreibt sie Jugendbücher und Romane für Erwachsene. Nachdem sie mehrere Jahre lang eine eigene Hundeschule betrieb, konzentriert sie sich inzwischen ganz aufs Schreiben. Sie lebt mit ihrer Partnerin und ihren zwei Hunden Maggie und Holly im Ruhrgebiet.

Mirjam Müntefering

Die schönen Mütter
anderer Töchter

Roman

Für Christel und für alle anderen
lebendigen, mutigen, wissenden Frauen
jenseits der vierzig.

Und für Marina,
die immer ein Teil von vielen
meiner Geschichten sein wird.

Dieser Roman spielt mit Fiktion und Realität. Daher möchte ich an dieser Stelle versichern: Alle Figuren und Handlungen der vorliegenden Geschichte sind erfunden. Sollten sich Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen oder lebenden Personen finden, sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt. Allerdings könnte es geschehen, dass einer Leserin/einem Leser auch diese Geschichte wie eine Liebeserklärung an meine Freundinnen erscheint. Dieser Eindruck entspricht der Wahrheit.

ERSTES KAPITEL

Wie die Jungfrau zum Kinde

Nichts in meinem Leben ist wichtiger, als auf der Alm zu sein.

Nicht jeder versteht gleich, was ich damit meine, aber wenn ich dann episch die Arme ausbreite und mit ruhiger Stimme erzähle, dann senken sich die Augenlider der Zuhörerinnen, und ihre Gesichtszüge entspannen sich. Falten glätten sich auf ihrer Stirn, und ihre Hände, gerade noch nervös miteinander beschäftigt, ruhen plötzlich in ihrem Schoß.

Auf der Alm zu sein, lernte ich vor einigen Jahren, als mich von einem Tag auf den anderen eine Allergie gegen Zigarettenqualm befiel. Demzufolge litt ich unter phobischen Angstzuständen, sobald ich mich mit mehreren Personen in einem Raum befand. Ich vermutete Zigarettenraucherinnen in jeder und jedem und zog mich misstrauisch mehr und mehr vor meinen Mitmenschen zurück.

Meine damalige Freundin Ellen, Göttin sei Dank Nichtraucherin, machte sich furchtbare Sorgen, sprach von Vereinsamung und Lethargie. Aber je länger mein scheinbar so besorgniserregender Zustand andauerte, desto besser fühlte ich mich. Ich lernte die Ruhe kennen.

Nicht dass ich vorher eine Hektika gewesen war. Nein, ich lebte nur wie viele andere: Ich ging auf Partys, in Discos, Kneipen, Cafés und Kaufhäuser. Und das alles war mir mit einem Schlag nicht mehr möglich. Zigarettenqualm droht so gut wie überall. Und so suchte ich viele öffentliche Orte von heute auf morgen nicht mehr auf. Ich dachte, ich würde mich schrecklich langweilen, trostlos herumsitzen, mein Geld mit unsinnigen Bestellungen aus Versandhauskatalogen verpulvern – aber nichts davon geschah.

Stattdessen begann ich, auf der Alm zu sein.

Ich ging im Städtischen Park spazieren und hörte den Vögeln zu. Ich lernte, die sorgsam angepflanzten oder auch die wild gedeihenden Blumen am Duft zu erkennen und die Bäume mit geschlossenen Augen am rauen Relief ihrer Rinde. Dann bestellte ich per Katalog ein Vogelbestimmungsbuch, aber das war auch das Einzige, was ich anforderte. Ich las. Ich las Gedichte aus fünf Jahrhunderten, las Sciencefiction und historische Romane, politische Pamphlete und Liebesschmonzetten. Geschichten zogen sich durch meine Tage und durch meine Nächte. Ich träumte von den Menschen in den Geschichten und weinte manchmal, wenn ich auf der letzten Seite eines Buches angekommen war.

Meine Freundinnen begannen sich bevorzugt allein mit mir zu treffen. Plötzlich war da die Rede von Ausruhen vom Stress, die Rede von lang verheimlichten Problemen, und da war das Schweigen. Vielleicht ist es peinlich und irritierend, in einem Café zu schweigen oder in einer Kneipe. Aber am Waldrand, unter uralten Bäumen, und wenn man dank eines Vogelbestimmungsbuches weiß, dass da oben eine Lerche ihr Liedchen schmettert, ist es geradezu frevelhaft, ununterbrochen zu reden. Schweigen ist angebrachter und kommunikativer, fand ich plötzlich.

Ellen ihrerseits fand mich in meiner meditativ anmutenden Entwicklung sexuell höchst attraktiv. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich sagen, dass das die schönste Zeit unserer Beziehung war. Wir liebten uns häufig und in immer neuen Variationen. Ich fand immer mehr Gefallen daran, auf der Alm zu sein.

Natürlich blieb es nicht auf Dauer bei diesem seligen Zustand. Ich lief von einer Therapie zur nächsten und hatte tatsächlich Erfolg: So plötzlich wie mich die bösartige und Glück bringende Allergie befiel, genauso rasch zeichnete sich Besserung ab. Schritt für Schritt konnte ich mich wieder unter »normale« Menschen wagen und auch zu alten Gewohnheiten zurückkehren, wenn ich wollte.

Doch meine Zeit auf der Alm hatte mich verändert und meine Prioritäten im Leben verschoben. Und ich nahm an, dass dies immer so bleiben würde, als ich eines Abends im scherzhaften Monat April einen Anruf von meiner guten Freundin Jackie erhielt.

»Kommst du heute mal wieder mit?«, begann sie unser Gespräch in einem provozierenden Tonfall, der eine eventuelle Absage von vornherein mit schlechter Laune sanktionierte.

»Wohin?«, wollte ich wissen.

»Zweiter Samstag im Monat«, flötete Jackie, ermutigt durch meine Nachfrage. An jedem zweiten Samstag im Monat war Frauenschwof im Kulturbahnhof. Ich war schon seit Ewigkeiten nicht dort gewesen. Bilder zogen vor meinen Augen auf, von grau wirkenden Frauen, die zu ohrenbetäubender Musik auf der Tanzfläche herumzuckten.

»Ach, ich glaube, ich werde lieber lesen. Ich habe ein neues Buch von dieser tollen Autorin, von der ich dir erzählt habe. Es spielt zur Zeit der Französischen Revolution und behandelt die Affäre zwischen zwei …«

»Michelin?«

»Ja?«

»Ich weiß, dass du seit geraumer Zeit auf dem Trip bist, lieber zu lesen als zu tanzen, lieber zu lächeln als zu lachen und lieber zu meditieren als zu vögeln. Aber heute ist mal mein Trip dran. Okay? Und ich will auf den Schwof.« Jackie war gnadenlos. Wir hatten uns einmal, vor langer Zeit, gegenseitige Unterstützung versprochen, wenn es sich um lebensnotwendige Erfüllung gewisser Grundbedürfnisse handelte.

Jackie hatte ganz und gar andere Bedürfnisse als ich. Und gerade im Moment kamen die besonders stark zum Tragen, denn Jackie war genau wie ich seit einem Jahr solo und sie hatte diesen Zustand vollkommen satt. Sie betrachtete unsere ähnliche Lage der Partnerinnenlosigkeit viel pragmatischer als ich. Ich träumte von einer wunderbaren Begegnung auf einer Waldlichtung oder in den Dünen eines holländischen Strandes. Dabei spielten Romantik, tief schürfende Gespräche, funkenschlagende Blicke und sanfte Flüstereien eine entscheidende Rolle.

Jackie dagegen zog seit Wochen durch die Szeneläden und flirtete auf Teufel komm raus mit jeder blonden Pagierten, die dem Idealbild von ihrer Traumfrau nah genug kam. Sie wollte keine Gelegenheit auslassen, dort zu sein, wo sich viele Frauen trafen und wohin sich womöglich auch ihre nächste Liebe gesellen würde. Die Vision, eine umwerfend charmante, kluge, wunderschöne und unverständlicherweise momentan allein lebende Frau könne eine Party oder einen Schwof besuchen und auf ihrer Suche nach einer geeigneten monogamen Langzeitpartnerin Jackie um Haaresbreite verfehlen, verursachte meiner Freundin Albträume.

Daher stürzte sie sich bei jeder Gelegenheit ins Gewimmel, sondierte das Gelände und trieb sich unauffällig auffällig stets in der Nähe von infrage kommenden Kandidatinnen herum. Für eine Fatalistin wie mich war das eine ziemlich dumme Methode. Denn wenn ich eben jener Frau, von der ich durchaus auch hin und wieder träumte, begegnen sollte, dann würde ich es auch. Selbst wenn ich es gar nicht wollte. Auch im hohen Norden oder daheim in meinen eigenen vier Wänden würde ich diesem Schicksal nicht entgehen können. Dazu musste ich meine Abende nicht in stickigen Räumen mit viel zu lauter Musik verbringen.

»Du kennst meine Meinung dazu, Jackie. Und ich lasse mich von dir auch nicht erpressen. Aber weißt du was? Ich komme trotzdem mit!«, erklärte ich ihr gut gelaunt.

»Wieso?«

»Weil ich dich mag«, gab ich zu.

»Göttin, rette mich vor so viel Liebe!«, maulte Jackie. Aber dann lachte sie.

Die Wahrheit war: Ich hatte wirklich Lust darauf, mal wieder etwas anderes zu sehen als Kameras, Schnittstudios, Telefontasten und meinen Computer. Als Fernsehjournalistin mit eigener kleiner Produktionsfirma gab mein Alltag nicht immer den größten Anlass zur Fröhlichkeit. Fernsehen ist entsetzlich. Es verfälscht die Wahrheit wie kein anderes Medium, denn es gaukelt den Menschen vor, »alles mit eigenen Augen gesehen zu haben«. Emotionen werden geweckt, wo sie fehl am Platz sind, und abgestumpft, wo sie doch eigentlich wüten sollten. Meine Kollegin Frauke und ich hatten uns bei der Gründung unserer kleinen GbR vor zwei Jahren vorgenommen, etwas anderes, etwas Besseres zu fabrizieren. Wir wollten mit ehrlicher Haut erzählen, berichten und dokumentieren. Die Recherche für ansprechende Themen, die sowohl mit unseren hehren Ansprüchen als auch mit den Einschaltquoten konform gingen, verschlang unendlich viel Zeit und Energie. Und so hangelten wir uns mühsam von einem wohlwollenden Auftrag zum nächsten, immer an der Grenze zum Aufgeben. Etwas abendliche Abwechslung von diesem momentan recht frustrierenden Versuch, eine bessere Welt zu schaffen, wäre also gar nicht so übel.

Um Punkt zehn Uhr abends quäkte auf der Straße vor dem Haus, in dem ich wohnte, die klägliche Hupe von Jackies schrottreifem Wagen.

Ich hatte natürlich bis zur letzten Sekunde in meinem neuen Buch gelesen und nicht einen Gedanken an mein Styling verschwendet. Also nahm ich mit einem Achselzucken meine Jeansjacke vom Haken, zog sie über mein bunt geringeltes, aber wenigstens sauberes T-Shirt und verließ in hellen Leinenhosen und ausgelatschten Turnschuhen das Haus.

Jackie küsste mich zur Begrüßung nicht auf die Wange, hielt mir aber ihre hin. »Mein Lippenstift verschmiert sonst«, war ihr Kommentar.

Sie hatte sich mit Sicherheit schon Stunden vorher mit ihrem Aussehen für den Abend beschäftigt. Was allerdings nur für mich erkennbar war, weil ich Jackie gut kannte. Sie nahm nie zu viel von etwas, sondern trug sexy Kleidung, Schminke und Parfüm immer so, dass sie gepflegt und gleichzeitig natürlich wirkte. Jede Frau weiß aber, wie viel Mühe genau diese Erscheinung macht!

Jackie wirkte in ihrem schwarzen Sommeranzug mit langem Jackett leger und luftig. Sie hatte ihre schulterlangen Haare in Zöpfe geflochten, die keck im Nacken baumelten.

»Wie findest du mich heute Abend?«, fragte sie etwas atemlos, obwohl sie doch die letzten zehn Minuten im Auto gesessen hatte.

»Eine Mischung aus Femme fatale und Unschuld. Einfach perfekt«, lobte ich ihre Bemühungen, und sie war zufrieden. Allerdings rutschte sie nervös auf ihrem Sitz herum.

»Slipeinlage«, erklärte sie mir kurz auf meinen fragenden Blick. »Wie du’s machst, ist es verkehrt. Nimmst du keine, bekommst du deine Tage ausnahmsweise zwei Tage zu früh und schon ist der Anzug reif für die Reinigung. Nimmst du eine, klappt sie sich nach drei Minuten in der Unterhose um und du hast den Klebestreifen am Bein hängen … Aber ich wollte heute nichts riskieren. Ich bin sicher: Heute passiert es!«

Dessen war Jackie alle zwei Wochen sicher.

Ich nickte friedlich.

»Ich werde langsam zu alt für so was, findest du nicht?!«, überlegte Jackie laut, als sie aus der Parklücke fuhr und sich in den Samstagabendverkehr einfädelte. »Ich meine, alle Welt schreit nach Gleichberechtigung und will in den Hafen der Homoehe einlaufen. Aber wenn ich noch nicht mal eine habe, mit der ich abends auf dem Sofa sitzen kann, um jetzt mal das Profanste zu nennen, mit wem soll ich dann für unser Recht auf Kindsadoption demonstrieren?«

»Bedeutet das, du würdest nur für Dinge demonstrieren, die dich persönlich angehen?«, wollte ich wissen. Ich diskutiere gern mit meinen Freundinnen.

»Unsinn! Du weißt, dass ich keine Kinder will. Aber ich will nicht mehr allein sein. Ich finde diese Suche nach einer geeigneten Partnerin demütigend«, klagte Jackie.

»Dann hör doch auf!«

»Aufhören? Bist du verrückt?«

Scheinbar wollte Jackie nicht diskutieren.

Sie zappelte neben mir herum, als wir schließlich den Weg vom Parkplatz unter den Zugbrücken her nahmen. »Ich hatte heute Nacht einen Traum«, erzählte sie. »Darin ging es um eine dunkelhaarige Frau …«

»Dunkel?«, hakte ich rasch dazwischen, denn die haselnussbraune Jackie, deren Mutter aus Nigeria stammt, steht eben auf Blond.

»Dunkel!«, wiederholte Jackie. »Und ich glaube, das bedeutet, dass es sich um eine Frau handelt, die mir in gewisser Hinsicht ähnelt. Das verdeutlicht sich in Träumen oft in identischem Aussehen.«

»Und weiter?«

»Diese dunkelhaarige Frau war seltsam. Sie war zum einen eine verführerische, unglaublich leckere Frau – und du kannst mir glauben, dass ich unruhig geschlafen habe – und zum anderen war sie wie ein Kind, ein kleines Mädchen, das mit mir wirklich unschuldige Spiele spielen wollte, ganz im Gegensatz zur erwachsenen Frau.«

Ich hoffte auf nähere Ausführungen zu den Spielen der Letzteren, aber Jackie spähte bereits voraus zum Eingang des Kulturbahnhofs, wo sich eine kleine Gruppe von tanzwütigen Frauen vor der Kasse tummelte.

»Was sagt dir diese sonderbare Zwiespältigkeit der Traumfrau?«, erinnerte ich sie daher an unser Gesprächsthema.

»Sieh mich an!« Jackie grinste und zupfte an ihren niedlichen Zöpfen. »Alle Welt weiß doch, dass Verliebte zu Infantilismus neigen. Sie werden phasenweise wieder zu Kindern, sprechen mit piepsigen Stimmchen und geben sich alberne Kosenamen. Eine Frau, die auf so was steht, muss geködert werden.« Daher also ihre freche Frisur.

»Leg nicht so viel Wert auf deine Träume, Jackie«, riet ich ihr. »Die sagen dir vielleicht etwas über dein Unterbewusstsein. Aber über die Zukunft werden sie dir schwerlich etwas erzählen können.«

»Ach, ja? Und wie war das damals mit Ellen?«, konterte meine Freundin überlegen. »Da hast du mich auch ausgelacht, als ich dir von der blondgelockten Prinzessin in meinem Traum erzählt habe. Und was war am gleichen Abend? Wir trafen beim Frisbeespielen am See Ellen, der du versehentlich die Scheibe an den Kopf geworfen hast. Na ja, das war wohl eher ein Zukunftstraum, den ich stellvertretend für dich geträumt hatte … Schließlich habt ihr euch vom Fleck weg ineinander verliebt. Um mich ging es da ja weniger.«

Der Himmel war satt blau gewesen, und am Horizont zeichnete sich schon der zarte Streifen Apricot ab, der nur im Sommer über der schwarzen Silhouette der Bäume steht. Ellen hatte den Sonnenuntergang am See betrachten wollen. Sie war melancholisch, weil frisch getrennt von ihrem Freund und auf der Suche nach etwas anderem, etwas geradezu Gegensätzlichem … Als ihr meine Frisbeescheibe an die Schläfe knallte, schwanden ihr für einige wenige Sekunden die Sinne. Diese kehrten jedoch rasend schnell zurück, als ich mich besorgt über sie beugte und sie in meine, wie sie es später nannte, sanften Rehaugen blickte. Ich sah meinerseits in ihre blauen, strahlenden, in diesem Augenblick leicht verwirrten und war verloren. Das war romantisch gewesen. Ganz anders als diese Atmosphäre von Tschakatschakabängbäng, die uns jetzt aus der überfüllten Discohalle entgegenbollerte.

»Na, dann viel Glück!«, rief ich Jackie gegen den Krach um uns herum zu, als wir den Eingang passiert hatten. Jackie war bereits auf dem Weg zur Treppe, um sich oben auf der Empore einen Überblick über das Gedränge zu verschaffen. Es war seit Jahren immer das Gleiche: Von dort oben würde sie hinuntersehen auf die Tanzfläche, wo sich dicht gequetscht zig Frauen im Rhythmus der Musik wiegten. Wie sie in diesem Gewimmel noch den gepriesenen, ganz besonderen Tanzstil der favorisierten Frau dieses Abends erkennen konnte, war mir schleierhaft. Für mich bestand die Masse aus einem einzigen Gehopse.

Klar. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, dass das mal anders war. Mit Anfang bis Mitte zwanzig, zu meinen Szene-hochzeiten, war auch ich zuerst auf die Empore gestürzt, hatte nach neuen Gesichtern gelechzt und meine Augen überall gehabt. Aber seit ich gelernt hatte, auf der Alm zu sein, war mir dieses zweifelhafte Können irgendwie abhanden gekommen. Es war mir auf eine beruhigend überhebliche Weise egal.

Und so schob ich mich in meiner pupsnormalen Jeansjacke, die schon nach wenigen Augenblicken in diesem Brutkasten viel zu warm war, durch die Menge Richtung Büchertisch. Vielleicht gab es ja die eine oder andere Neuerscheinung. Ich hatte mal wieder Lust auf eine fesselnde Biografie.

Als ich mich dem Stand näherte, fiel mir jedoch als Erstes etwas sehr Vertrautes ins Auge …

»Hallo, Michelin. Was tust du denn hier? Hast du dich verlaufen?« Ellen lächelte mich an.

Ich weiß noch, was für ein beeindrucktes Gesicht sie machte, als sie meinen Namen das erste Mal hörte, damals am See. Allen, die Michelin Schwarz heißen, sind Witze über »heiße Reifen« nicht unbekannt. Aber genau so einen brachte Ellen nicht. Sie brachte selten das, was man von ihr erwartete. In diesem Fall war das allerdings eine echte Gnade.

Jetzt breitete sie die Arme aus und umarmte mich. Sie hat dabei immer die richtige Zeitspanne raus. Sie umarmt mich so lange, dass ich mich jedes Mal ihres Körpers erinnere und Wärme auf vertraute Weise zwischen uns zu fließen beginnt. Und sie umarmt mich so kurz, dass wir anschließend einander ohne eine Spur von der Verlegenheit ins Gesicht blicken können, wie man sie bei Verflossenen immer wieder beobachten kann.

»Jackie ist schuld. Sie ist sicher, dass es heute Abend passiert.«

»Oh, da müssen wir uns ja in Acht nehmen«, sagte Ellen, die vor Jahren einmal in Jackies Träumen als blonde Prinzessin erschienen war, lächelnd. Und sie hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einer Prinzessin. Jedenfalls mit einer, wie wir sie uns vorstellen, wenn wir sieben Jahre alt sind und noch fest mit verzauberten Kavalieren im Froschkostüm rechnen.

Ellen besaß das, was ich als liebliche Erscheinung bezeichnen würde. Sie war ein heller Typ mit Pfirsichhaut und immer leicht geröteten Wangen. Selbst ihre Augenbrauen waren hellblond und mussten ebenso wie ihre Wimpern in atemberaubenden Torturen regelmäßig dunkler gefärbt werden, weil Ellen stets wenig lieblich erklärte, sie wolle nicht wie ein Albino rumlaufen. Insgesamt wirkte sie mit ihrer meist pastellfarbenen Kleidung und den leuchtenden Haarbändern, mit denen sie den Eindruck erweckte, ihre inzwischen hüftlangen Locken seien nur schwer zu bändigen, wie eine himmlische Erscheinung auf die meisten Frauen.

Sie bewegte sich langsam und träumerisch, als könne sie es sich leisten, nicht in Hektik auszubrechen: Sie war es gewohnt, umschwärmt, umworben und betüdelt zu werden. Und das konnte sie für ihre Beziehungspartnerin auf Dauer zu einer recht anstrengenden Partie machen. Seit wir uns getrennt hatten, hatte sie im Gegensatz zu mir einige »Versuche« hinter sich. Doch keine der Bewerberinnen hatte die Prüfungszeit mit einer guten Beurteilung und der Chance auf Übernahme überstanden.

»Gib mir einen Tipp. Welche hat Jackie heute aufs Korn genommen?«, fragte der Engel jetzt mit unschuldigem Augenaufschlag und sah sich lauernd um. »Lass mich raten: die da vorn mit dem roten Top, das so gar nicht zu ihrer Haarfarbe passt? Oder, nein warte, die da drüben ist es, in der ›Come-on-Eileen-Latzhose‹, die gerade ihre Zigarette ansteckt, obwohl heute Nichtraucherinnentag ist! Ja, die ist es!«

Ellen kannte Jackie so lange, wie sie mich kannte, also seit fünf Jahren. Und seit Anfang an hatten die beiden sich gestichelt und gezankt. Keine konnte allzu viele guten Haare an der anderen lassen. Ich war davon, wie immer, überfordert und lachte vorsichtshalber ein bisschen.

»Sie will eben nicht mehr allein sein. Wer kann es ihr verübeln?«

Ellen sah mich neckisch an. »Höre ich da eine gewisse Wehmut aus deinen Worten? Könnte es sein, dass du heute auch hier bist, um mal wieder auf Fang zu gehen? Oh nein, sorry«, unterbrach sie sich selbst mit einem Blick an mir herab. »Das kann gar nicht sein. Sogar du würdest zu diesem Zweck andere Schuhe als diese anziehen.«

»Sie sind bequem«, erwiderte ich ungerührt.

»Klar. Birkenstocks sind auch bequem«, entgegnete Ellen trocken.

Seit ich damals lernte, auf der Alm zu sein, waren meine Sachen immer wieder ein Punkt, an dem Ellen sich unverhältnismäßig leicht erhitzen konnte. Kleidung war für sie eine Visitenkarte. Für mich waren aber auch Visitenkarten nicht wichtig. Vielleicht bin ich ein Dinosaurierweibchen mit meinen sonderbaren Ansichten über die inneren Werte. Als Journalistin brachten sie mir immer wieder wunderbare Themen ein, die keine oberflächenorientierte Kollegin zu greifen verstand. Ich hatte also wenig Lust, mit Ellen über meine Schuhe zu diskutieren. Ich gähnte stattdessen betont und ließ meinen Blick über den Büchertisch schweifen. Ich könnte mir etwas Nettes aussuchen und mich damit einfach für ein, zwei Stunden an einen der Bistrotische zurückziehen …

»Ich weiß, was dieses Gesicht zu bedeuten hat«, murrte Ellen. »Du langweilst dich und möchtest nach Hause, um zu lesen.«

Was hatte ich erwartet? Wir waren immerhin vier Jahre lang ein Paar gewesen.

»Nicht falsch verstehen!«, bat ich, denn eine von Ellens Künsten bestand darin, schneller gekränkt zu sein als die Kränkung brauchte, um ausgesprochen zu werden. »Ich freue mich, dich zu sehen, und vielleicht sollten wir uns mal wieder treffen, was meinst du? Ich finde nur das Ambiente hier nicht besonders passend. Es ist …«

»… nicht mehr deine Welt!«, vollendete Jackie, die hinter mich getreten war, meinen Satz. »Aber vielleicht wird es ja wieder deine, wenn ich dir jetzt zeige, was ich von da oben aus erspäht habe.«

Ellen zog eine Grimasse, die Jackie glücklicherweise nicht sah. Die beiden hatten sich zur Begrüßung betont wohlwollend zugenickt. Und nun schob Jackie sich in Position, direkt neben meine Schulter, und raunte mir zu: »Sieh genau über meine Schulter. Siehst du da hinten die Gruppe Frauen, die an der Säule stehen?« Ich nickte, und mir schwante Schlimmes. »Wie findest du die in der Eileen-Latzhose? Ist die nicht süß?«

Ellen, die alles mitverfolgt hatte, wandte sich ab, um ihr Herausplatzen vor Jackie zu verbergen. Scheinbar hochinteressiert an der einschlägigen Lesbenliteratur, beugte sie sich bebend vor Lachen über einen Berg Taschenbücher.

Jackie merkte nichts davon, sondern strahlte mich Beifall heischend an.

»Was sagst du zu ihr? Sie ist die Frau, von der ich heute Nacht geträumt habe, bestimmt! Gut, sie hat keine dunklen Haare, sondern eher rotblonde, aber sie trägt eine kindlich verspielte Latzhose. Ich finde, das ist ein Zeichen. Soll ich hingehen, was meinst du?«

Ich war gewiss nicht die Person, die sie in solch einer Sache befragen sollte. Aber um ihr einen Gefallen zu tun, warf ich noch einen Blick durch den Raum, hinüber zu der kleinen Gruppe lachender Frauen. Doch mein Vorhaben wurde vereitelt, weil eine Frau sich von rechts in mein Blickfeld schob.

Und da geschah das, was man immer in Büchern liest oder in romantischen Filmen erwartet. Etwas, das zu erleben einfach unmöglich scheint.

Denn ich sah sie.

Déjà-vu-Erlebnisse kennt jede. Aber was, wenn gleichzeitig ein Lichtfinger aus der Decke fällt und wie ein Spot auf ihrem Gesicht klebt? Wenn die Musik mit einem Mal vom Krach zu einem Flüstern wird? Wenn alle Bewegungen zu einem Einerlei verschwimmen und nur ihre Schritte, ihre Hand, die nun zu einem Glas greift, wie in Zeitlupe sich ins Herz brennen, heiße Spuren hinterlassend? Was denken? Was fühlen, wenn dort plötzlich die Frau steht, auf die zu warten es sich ein Leben lang lohnt?

Jackie merkte überhaupt nichts von dem einsetzenden Erdbeben, sondern diskutierte mit sich selber über verschiedene bewährte Methoden der Annäherung an Madame Latzhose. Doch Ellen, die, immer noch amüsiert über Jackie, grinsend von den Büchern aufsah, hielt verwundert inne und folgte meinem Blick.

Keine Ahnung, was sie sah. Das, was ich sah, war ausschlaggebend: Sie war wunderbar. Ihre dunklen Haare fielen weich auf ihre runden Schultern. Ein ebenholzfarbener Rahmen um ihr zart leuchtendes Gesicht, das so frisch und unverbraucht strahlte, dass ich eine kühle Brise zu spüren glaubte. Ihre angespannte Körperhaltung und ihr Blick verrieten, dass sie sich wohl verlaufen haben musste. Wo bin ich nur? Wie bin ich hierher geraten? Und will ich überhaupt hier bleiben?

Sie bewegte sich vorsichtig wie ein scheues Tier und hielt den klassisch schönen Kopf aufmerksam aufrecht. Ihr Hals war eine Einladung zur Liebkosung. Ihr Profil hätte ich mir mühelos auf einer edlen Gemme vorstellen können. Und wie konnte eine ungeschminkte Frau so lange schwarze Wimpern haben? Darüber waren die dichten dunklen Brauen fortwährend in Bewegung, als führe sie stille Zwiesprache mit sich selbst. Gefällt es mir hier? Ach, ich weiß nicht. Die Leute sind alle so … seltsam. Aber nett ist es schon. Ich könnte es vielleicht am Ende doch mögen. Oder? Ach, weiß nicht … Alles ist so neu, neu, neu!

Sie sah auf die Tanzfläche, während ihre Lippen … oh, ihre Lippen … zart den Glasrand berührten und einen kleinen Schluck nahmen, als sei es Nektar. Alles an ihr war rund und weich, zart und verführerisch. Wenn mein Kindheitstraum endlich in Erfüllung ginge und wir einander Namen geben würden, wie die Indianer es taten, nach Wesen und besonderen Eigenarten, dann würde ich sie ›Leuchtender Anfang‹ nennen. Sie sah aus, als begänne sie das Leben. Und mit ihr begann auch wieder meines …

Ich konnte es nicht glauben, diese Erscheinung hier zu finden, inmitten eines Haufens dahergelaufener Großstadtlesben, wie ich auch eine war. O Göttin. Ich war ja nicht anders als all die anderen. Ich war einmal zu Hause gewesen in diesen Räumen, unter diesen Menschen. Jahrelang hatte es mir wie eine Familie angehaftet, und ich hatte Spielregeln befolgt, war eine von ihnen gewesen. Mit Coolness und notfalls erzwungener Ausgelassenheit, zwanghaft produzierter guter Laune und Saturday-Night-Fever. Doch sie, das erkannte ich genau, war noch nicht gefangen genommen von diesem Treiben und den sonderbaren Ritualen. Sie kannte sich noch nicht aus im Lächeln und Flirten und dem Showbusiness der Lesbenszene. Was würde sie denken, wenn sie … Und da wandte sie sich um und sah direkt zu mir her. Kein Zögern, kein Zweifeln. Das konnte kein Zufall sein. Unsere Blicke trafen sich in einem kurzen Moment, der meinen Herzschlag aussetzen ließ.

Ich kannte Augen. Die Mehrheit der Menschen besitzt zwei davon. Sie sitzen etwas oberhalb der Gesichtsmitte, rechts und links über der Nase. Sie konnten blau, grün, grau oder blau sein oder in einem Zwischenton schimmern. Das war alles nichts Besonderes. Aber wie konnte es solche Augen geben?

Sie waren schwarz. Schwarz wie ein polierter, durch Sonnenstrahlen erwärmter Edelstein. Augen zum Hineinstürzen. Sie waren Brunnen, auf deren Grund heilige Wasser schwammen, auf deren Grund Schätze lagen. Es galt nur zu tauchen …

Sie drehte sich wieder fort. Noch wenige Sekunden lang konnte ich ihren Hinterkopf durch die Menge sehen, wie er sich immer weiter von mir entfernte. Dann war sie verschwunden.

Ich erschauderte. So etwas war mir noch nie passiert. Es war unheimlich und erschreckend. Eine Begegnung wie aus einer anderen Welt.

»Ellen«, rief ich gegen die Musik an, die plötzlich wieder in normaler Lautstärke dröhnte. »Hast du sie auch gesehen?«

Ellen deutete Richtung Café, sich offensichtlich nicht bewusst, was soeben geschehen war.

»Die Dunkelhaarige da drüben?«

Ich starrte sie an. Wie viel wusste sie von mir? Und was wusste schon Jackie, die unschuldig neben ihr stand und die Frau in der Latzhose fixierte?

Ellen piekste mich mit einem Finger in die Seite. »Du kannst einem manchmal richtig Angst machen. Was ist denn? Kennst du die Frau? Ist was mit ihr nicht in Ordnung?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich war dreißig Jahre alt. Wer würde mir glauben? Glaubte ich selber, was gerade geschehen war? Tatsache war jedenfalls, dass ich jetzt den Durchgang zum Cafébereich nicht aus den Augen ließ. Dorthin war sie verschwunden.

Mit einem Mal war nichts mehr wie vorher. Ich fühlte, wie mein Herz in meiner Brust schlug, stark und rascher als normal. Ellens Blick irritierte mich. Ich wollte allein sein. Allein sein, um hinüberzugehen und … Und dann? Sie wie zu meinen besten Szenezeiten anzuquatschen? Ihr eine Cola anzubieten oder meine Telefonnummer?

Wie abgeschmackt das alles war. Ich hatte das hinter mir gelassen. Es war nicht mehr meine Welt. Aber vielleicht war es ja ihre? Vielleicht mochte sie diese ihr noch fremde Welt und trug ihr Rechenschaft, indem sie lässig ihre weite Marlene-Dietrich-Hose auf den Hüften trug und unter ihrem knapp sitzenden T-Shirt mit V-Ausschnitt immer mal wieder Haut blitzen ließ. Vielleicht wollte sie Teil dieser neuen, spannenden Welt sein, so wie sie das Glas hielt, wie sie ging, sich der neugierigen Augen ringsherum wohl bewusst. Augen, die taxierten, prüften, abwägten. Ich kannte das alles so gut, viele Jahre. Ich war müde davon. Warum musste ich ihr hier begegnen?

»Was ist das Leben, wenn man Herausforderungen nicht sieht und annimmt?«, wandte ich mich abrupt an meine beiden Freundinnen.

Jackie riss sich mühsam vom Anblick ihrer »Traumfrau« los. Meine Stimme rüttelte sie wach, und sie sah mich fragend an.

»Von welchen Herausforderungen sprichst du?«, tastete Ellen sich vorsichtig heran.

»Von denen, die dein Leben verändern können. Nicht, weil es um Sieg oder Niederlage geht. Es geht darum, ob man die Herausforderung erkennt und ob man bereit ist, für sie über den eigenen Schatten zu springen«, erklärte ich.

Ellen und Jackie tauschten einen beunruhigten Blick, der von recht viel empfundener Qual sprach, die sie durch meine Person schon erlitten haben mussten.

»Das klingt nicht so, als könnten wir darüber ausgerechnet hier und heute diskutieren«, wagte Ellen vorsichtig anzumelden, denn sie sah in meinem Gesicht das Flammen der Notwendigkeit.

»Also ehrlich, Michelin, jetzt lass uns doch wenigstens einen Abend ohne tiefschürfende Erkenntnisse verbringen. Morgen kannst du dann wieder Wunder im Alltag suchen, okay?« Jackie schielte zur Säule, wo die Latzhosen-Dame immer noch stand.

Ich erinnerte mich einer schmerzlichen Situation. Es war kurz nach unserer Trennung: Ellen stand mir mit gerötetem Gesicht gegenüber, bereit, mich zu verletzen, wie es leider oft in solchen Situationen geschah. ›Du bist der endgültigste Mensch, den ich kenne‹, hatte sie zu mir gesagt. ›Wenn du dich für etwas entscheidest, steht es fest. Und du denkst nicht mal darüber nach. Alles kommt aus dem Bauch. Nichts wird überlegt. Deine Liebeserklärung ist ein unumstößliches Urteil.‹ Ich war ihr damals dankbar, dass sie nicht ›Todesurteil‹ daraus gemacht hatte. Denn Ellen hatte mich aufgrund bedrückender Enge verlassen.

Aber sie hatte recht. Ich bin ein solcher Mensch, der Entschlüsse fasst, wie andere an der Bude Schaschlik oder aber Currywurst bestellen. Sie entscheiden auch aus dem Bauch heraus und mit Endgültigkeit. In diesem Augenblick, mitten in einer Schwofnacht, stand für mich fest, dass etwas geschehen war, was nicht rückgängig zu machen war.

»Ich habe mich verliebt«, sagte ich, möglichst sachlich. Jackie entfuhr ein hysterisches Kreischen, während Ellens Augen sich vor blankem Erstaunen rundeten. »Ich glaube, ich sollte ihr nachgehen. Oder was meint ihr? Das Café hat auch einen Ausgang zur Straße. Sie könnte einfach verschwinden …«

»Du machst einen Witz!«, stellte Ellen entsetzt fest und lachte kurz, wenig von sich selber überzeugt. »Du nimmst uns auf den Arm, Michelin! Hör sofort auf damit!«

»Nein, sie meint es ernst!« Jackie jubelte und schlug mir auf die Schulter. »Von wegen Sandstrand! Von wegen Waldlichtung! Es hat sie auf dem Schwof erwischt! Ist das die Möglichkeit!?«

»Quatsch!«, entgegnete Ellen fest. »Keine vernünftige Frau verliebt sich innerhalb von drei Sekunden, nur weil sie ein Sahneschnittchen von weitem sieht.«

»Wie profan! Wie durch und durch gewöhnlich! Nein, ich lach mich tot. Wer ist es denn? Welche? Zeig! Schnell!« Jackie redete sich regelrecht in Raserei.

»Ich sagte doch gerade: Sie ist ins Café gegangen«, knurrte ich missgestimmt. Vielleicht sollte man von Freundinnen nie mehr als das Geringste erwarten. Sie waren nicht fähig, die Tragweite dessen zu begreifen, was gerade geschehen war. Diese Frau war in mein Blickfeld gelaufen, mitten zwischen meine beiden Augen, als trüge sie ein Schild SCHICKSAL um den Hals.

Ellen starrte mich immer noch an. »Du meinst das wirklich ernst? Du willst uns nicht verulken? Aber Michelin, das gibt es doch nicht! Nicht mal bei Jackie gibt es so was!« Jackie schnappte nach Luft, wusste aber nicht, ob das eine echte Beleidigung war, auf die sie hätte reagieren müssen. »Aber du, du bist doch eine, die an die wahre Liebe glaubt. Du sprichst doch immer vom Wachstum der Liebe! Nichts ist einfach plötzlich so da. Was redest du da jetzt?«

Ich legte eine Hand auf meinen Bauch, denn dort drinnen schwappten warme Wellen. Die Flut hatte sich noch nicht wieder beruhigt, und das würde sie auch nicht. Ich wusste das einfach.

»Los! Wir gehen ins Café! Die will ich mir angucken!« Jackie schob mich vor sich her und zog Ellen am Ärmel nach. Die Frau in der Latzhose sah interessiert herüber, wurde jedoch plötzlich keines Blickes mehr gewürdigt.

Ellen sträubte sich hinten ein wenig, so wie ich vorn.

»Jackie, was machst du denn? Das ist doch keine Zirkusveranstaltung!«, rebellierte ich gegen ihre beharrlich drängenden Hände. Hätte ich es doch für mich behalten! Aber Jackie war energisch, und Ellen folgte zögernd, aber mit dem Gesicht der verantwortungsvollen Freundin, die durch ihre Anwesenheit und ihr eventuelles Einschreiten zumindest das Schlimmste abwenden könnte.

Zunächst orientierungslos und mit geweiteten Augen standen wir wie hysterische Teenager im Eingang zum Café. An den Nichtraucherabenden versammelten sich hier alle Süchtigen, um den Raum zu vernebeln. Es war mühsam, die Gesichter ganz hinten klar zu erkennen. Daher sah ich sie nicht sofort. Aber dann, nach wenigen Minuten, löste sich im hinteren Teil ein Grüppchen und gab die Sicht frei …

»Da«, sagte ich tonlos. Ich hatte Beziehungen gelebt. Ich hatte mich verantwortungslos und genusssüchtig einigen One-Night-Stands hingegeben. Aber jetzt und hier schrumpfte meine innere Reife zurück auf jene, die unter den Schülerinnen der Sekundarstufe I gemeinhin anzutreffen ist. Ich wagte allen Ernstes nicht, in ihre Richtung zu deuten. Aber Jackie und Ellen konnten an meinem Blick alles ablesen.

Und ich war erschüttert. Nein, ich hatte mich vor ein paar Minuten, drüben im Tanzraum, nicht geirrt. Was für alle anderen galt, setzte sie außer Kraft: Sie bekam bei heller Beleuchtung und bei lautem Stimmengewirr nicht irgendwelche ›Macken‹, an denen man erkennen konnte, dass sie ebenso durchschnittlich war wie wir. Sie stand dort und trank und rauchte und war umgeben von der sonderbaren Aura der Außergewöhnlichen. Um sie herum war ein kleiner freier Raum, den jemand Unaufmerksames vielleicht nicht bemerkt hätte. Aber mir fiel er auf. Und ich schloss daraus, dass auch die Frauen in ihrer Nähe dieses Besondere und Spezielle spüren mussten, das sie aussandte wie ein Zitteraal seine Blitze. Ich hatte plötzlich Mühe zu atmen.

»So hält man sich jung«, hörte ich Ellen murmeln. Und fortan würde ich an diesen Satz denken müssen, wann immer von der ›Stimme der Realität‹ die Rede sein würde. Denn in dieser Sekunde wurde mir zum ersten Mal klar, dass das glatte Gesicht, die vollkommen faltenlose Haut nicht bedeutete, dass diese wunderschöne Frau mit dem scheuen Blick alterslos war. Nein, sie war nur einfach von sehr geringem Alter. Sie war jung. Und diese Erkenntnis, gekoppelt mit Ellens ironischem Tonfall, bohrte sich mir zwischen die Rippen. Es war, als nähme ich zum ersten Mal wahr, was sich auf ewig als unüberwindbares Hindernis zwischen dieser Frau und mir auftürmen würde. Es war grauenhaft und zerriss mich beinahe. Wäre da nicht Jackies Hand gewesen, die sich in meinen Arm krallte.

Als ich sie ansah, blickte ich in ein aschfahles Gesicht, aus dem jeder freudige, sensationslüsterne Überschwang gewichen war, den es gerade noch so ausgelassen getragen hatte.

»Mein Traum«, flüsterte sie. »Das ist sie! Dunkel und jung. So furchtbar jung, du meine Güte …« Damit wandte sie sich um und ging. Später erfuhr ich, dass sie heimgefahren und sofort ins Bett gegangen war.

Ellen schüttelte den Kopf.

»Das würde ich mir an deiner Stelle noch mal verdammt gut überlegen, bevor ich sie anspräche!«, mahnte sie mich.

»Aber siehst du denn nicht …?«, begann ich. Und hatte keine Worte. Ich sehe was, was du nicht siehst, fiel mir ein. Ein Kinderspiel, das plötzlich eine ungeahnte Bedeutung bekam.

»Ich sehe nur, dass sie wahrscheinlich noch nicht lange auf die Schwofs geht und daher der Meinung ist, alle sähen zu ihr hin. Weiterhin sehe ich, dass sie sich wahrscheinlich für schicke Klamotten interessiert – hoffentlich ist das nicht das Einzige. Und ich sehe, dass sie wahrscheinlich gerade ihr Abi macht«, grunzte Ellen. Sie machte einen gekränkten Eindruck. Vielleicht hatte sie sich ihre Nachfolgerin würdiger vorgestellt.

Doch statt von ihren Worten abgeschreckt zu werden, hatten ihre Vorbehalte eine ganz andere Wirkung auf mich: Mir wurde schlagartig klar, dass ich ein bunt geringeltes, verwaschenes T-Shirt trug und an der Jeansjacke ein Knopf fehlte.

»O Gott!«, stöhnte ich. »Ellen! Ich sehe aus, als hätte ich kein Zuhause. Und wenn, dann steht darin kein Kleiderschrank. Ich kann doch so nicht …!«

Meine Turnschuhe! Ich trug diese wirklich ausgelatschten und megaouten Turnschuhe, bei deren Anblick jede attraktiv gekleidete Frau bestenfalls lachen würde, bevor sie ungläubig an den dazugehörigen Beinen hinaufsehen würde. Ich war so unvorteilhaft gekleidet, wie es nur gerade ging. Meine Augen waren vollkommen ungeschminkt, nicht einmal ein einfacher Lidstrich verschönerte die dreißigjährige Erscheinung, von exquisitem Lippenstift oder gar betörendem Parfüm mal ganz zu schweigen. Ich konnte sie in meinem desolaten Zustand unmöglich ansprechen!

ZWEITES KAPITEL

Zu jung ist ein Fehler,
der sich täglich bessert

Wenn meine Oma früher mit dem Bus und dem Zug in die nächstgrößere Kirchenstadt fuhr, verglich sie das immer mit einer Fahrt nach Lourdes. Mich faszinierte das, denn ich stellte mir vor, dass es in vielen Städten außerhalb unseres Kuhdorfes von weinenden Madonnenstatuen und blutenden Christusfiguren am Kreuze nur so wimmelte.

Was mir stark im Gedächtnis blieb, war diese sonderbare Verklärtheit, die meine Großmutter noch Wochen nach diesen sagenhaften Pilgerfahrten zeigte. Die sonst so energische Frau war außergewöhnlich sanft und träumte mitten am Tag vor sich hin.

Als ich am Morgen nach dem Schwof am Frühstückstisch saß, kam mir plötzlich die Idee, dass Oma gar nicht in diverse Kirchen pilgerte, sondern regelmäßig bei einem ungewöhnlich fähigen Liebhaber zu Gast gewesen war. Falls Oma die Fähigkeit besitzt, mich aus dem Jenseits noch zu hören und vielleicht sogar meine Gedanken zu lesen, würde sie sich sicher bekreuzigen und dann in Ohnmacht fallen. Dabei verglich ich sie nur mit meinem eigenen Zustand, der, bestückt mit verklärten Träumereien, einer Erleuchtung durch Rosenkranzbeten gewiss in nichts nachstand.

Ich hatte kaum Schlaf bekommen. Zunächst war ich die halbe Nacht hinter der Unbekannten hergeschlichen und hatte SIE beobachtet. So musste ich es leider nennen – auch wenn ich mir dabei vorkam wie meine Oma, die eine heilige Reliquie nur mit dem der Ehrfurcht gebührenden Abstand bestaunte. SIE war allein da und schien niemanden zu kennen. Zumindest sprach sie mit keiner und wechselte mit keiner lange Blicke. Das beruhigte mich ein bisschen, wenn auch nicht völlig, denn sie war eindeutig aus einem ganz bestimmten Grund hier.

Ich hatte nach zehn Jahren Szeneleben ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, welche von den Frauen zum Tanzen und Lachen, welche zum Flirten und Schäkern und welche zum Suchen und Finden gekommen waren. SIE war hier, um gefunden zu werden. Sie wirkte schüchtern, und doch musste sie jeder auffallen, wie sie sich da am Rand der Tanzfläche präsentierte. Anmutig, doch scheinbar selbstvergessen ließ sie ihre Finger über den Glasrand gleiten, wiegte sich sacht im Takt der Musik. Manchmal ging ein kaum wahrnehmbarer Ruck durch ihren Körper, wenn ihr ein Lied besonders gut gefiel. Dann stellte sie ihr Glas zur Seite und schlich sich durch die Frauenkörper, um sich am Rand der Tanzfläche zu Balladen zu wiegen. Erst nach einigen Tänzen war sie mutig genug, um sich in die Mitte der Tanzfläche zu wagen, wo die bunten Discolights die Gesichter all jener erhellten, die sich gern zur Schau stellten. SIE wusste, dass sie sich auf einem Markt befand. Ein Markt, auf dem Träume und Wünsche ebenso feilgeboten wurden wie Versprechungen.

Und wie ich zu träumen begann! Ich vergaß alles um mich herum. Wegen meines unzureichenden Kleidungszustandes immer in ängstlich eingehaltenem Abstand zu ihr, ließ ich sie nicht aus den Augen, konnte mich nicht sattsehen an ihrem warmen, glimmenden Blick unter dichten schwarzen Wimpern, ihrem ungeschminkten, schön geschwungenen Mund, der ständig leicht zu lächeln schien. Wie alt mochte sie sein? Wie jung, sollte ich besser fragen. Auf alle Fälle war sie viel zu jung für mich. Vielleicht hatte Ellen, die sich nur hin und wieder bei mir blicken ließ und sich keine spöttische Bemerkung verkniff, recht, und meine Angebetete ging gar noch zur Schule? Ein paar Mal war ich aufgrund solcher und ähnlich frustrierender Gedanken drauf und dran, einfach den Schwof zu verlassen: mich zu Hause ins Bett legen, am nächsten Tag sechs Stunden spazieren gehen, auf die Alm zurückziehen. Aber etwas hielt mich zurück wie eine Fußfessel. Ich hatte Blei in den Beinen und konnte mich einfach nicht vom Fleck bewegen.

Es war nicht nur ihre Schönheit, und schön war sie ganz unübersehbar. Sie hatte etwas, das mich regelrecht erschütterte. Ich erkannte in ihr eine unschuldige Verletzbarkeit, die mich rührte und Wogen von Zärtlichkeit über mich hinwegbranden ließ. Sie wirkte so ganz und gar unverbraucht von unserer manchmal leider recht engen Welt. Deswegen lächelte ich über ihre leicht zu durchschauenden Taktiken, nicht allein dumm herumzustehen: Sie las dreimal den überall ausgelegten Flyer zu einem weiteren Schwof und siebenmal einen Infozettel zum aktuellen Kinoprogramm. Nur manchmal, in Augenblicken, die mir innerhalb von Sekunden Schweiß aus allen Poren trieben, schimmerte durch diese so erfrischend naive Erscheinung etwas hindurch, das ich nur als abgrundtief weiblich und verführerisch bezeichnen kann. Eine Femme fatale, so wie Jackie die Frau in ihrem Traum erklärt hatte.

Ich starrte dieses Wunder an und wurde durch ihren Anblick von Dr. Jekyll zu Mrs. Hyde: Bilder traten vor meine Augen, wie Fotos und Filmaufnahmen von diesem Körper, der sich über ein helles Laken spannte. Berührungen, die in Blitzen endeten. Ich war extrem beunruhigt, denn scheinbar ging in dieser Liebesgeschichte nichts die von mir gewohnten Wege. Ich hatte noch kein einziges Wort mit ihr gewechselt und dachte schon über Hormone nach. Wäre ich etwa weitere fünfzehn Jahre älter, hätte ich alles auf die einsetzenden Wechseljahre geschoben. Aber so? Ich war machtlos gegen den Wunsch, sie zu berühren, ihren Augen zu begegnen, ihre Stimme zu kennen.

Als sie schließlich ging, weit vor Ablauf des Tanzabends, folgte ich ihr in einigem Abstand zum Parkplatz. Ich schlenderte auf ihrer Spur und stellte mir vor, meine Füße dorthin zu setzen, wo ihre gerade noch den Boden berührt hatten. Ihre Silhouette vor mir, ging ich den von vielen Lesbenfüßen ausgetretenen Weg entlang, den ich schon so oft gegangen war. Alles war anders. Jedes Mal, wenn sie in den Lichtkegel einer Straßenlaterne geriet, hielt ich kurz inne und versuchte, mir einzuprägen, wie ihr Haar fiel, wie sie die Füße setzte, wie sie beim Gehen die Hände vor und zurück schwang. Selbstverständlich war dies Karma. Aber falls dem Schicksal doch ein Irrtum unterlaufen sollte und wir uns vielleicht nie wiedersehen würden, wollte ich doch so viel wie möglich in meiner Erinnerung behalten. Schließlich stieg sie in ein winziges weißes Auto und startete bereits den Motor, als mir etwas Entscheidendes einfiel: das Kennzeichen!

Die Ruhrgebietsschwofs hatten ein großes Einzugsgebiet. Frauen aus dem Sauerland, aus Unna, Dortmund, Bochum, Essen, Recklinghausen und dem weiteren Umkreis besuchten diese Veranstaltungen. Ein Blick auf ihr Kennzeichen würde mir also zumindest verraten, aus welcher Stadt sie stammte. Die Abkürzung durch die kleine Hecke am Parkplatz erwies sich als einzige Chance, noch einen Blick auf den Wagen werfen zu können, bevor sie auf und davon fuhr. Ich sah mich einmal rasch um, ob auch niemand meine kleine Verfolgungsaktion beobachten könnte, und rannte los. Fast hätte ich im Laufen gelacht, denn nichts war alberner, als wegen eines Autokennzeichens derart außer Puste zu geraten.

Schon sah ich die Scheinwerfer über den Parkplatz huschen. Sie legte ein ganz schönes Tempo vor. Ich brauchte nur noch wenige Meter. Da stand plötzlich ein riesiger Blumenkübel im Weg. Ich zögerte nicht und sprang … Es war schauderhaft. Ich hatte das Gefühl, ein leises Knacken zu vernehmen, als mein rechter Fuß in einem denkbar ungünstigen Winkel zum Bein aufkam. Und im nächsten Augenblick lag ich flach auf dem Boden, das Gesicht im Schotter. Mein Fuß brannte und pochte, dass mir die Tränen in die Augen schossen, dennoch hob ich noch im letzten, entscheidenden Moment den Kopf.

Dann war es wieder dunkel auf dem Parkplatz, und ich setzte mich vorsichtig auf. Mein Knöchel wurde bereits heiß und schwoll an. Ich dachte an die Theorie, dass innere Unruhe das Risiko für Unfälle um mehr als sechzig Prozent erhöht. Zum Glück kamen drei hilfsbereite Lesben des Weges, die mich tatkräftig zurück zum Schwof halb schleppten und halb schoben. Nachdem ich Ellen über die Musikanlage hatte ausrufen lassen, verbrachten wir den Rest der Nacht in der Ambulanz der Städtischen Kliniken. Daher hatte ich nicht viel Schlaf bekommen.

Der Fuß war nicht gebrochen, aber stark gestaucht. Ein Band war gezerrt.

Die Schmerztabletten hatten mir zu den wenigen traumreichen Stunden verholfen. Nun saß ich hier am Sonntagmorgen und stierte ungläubig vor mich hin.

Als die Tür aufgeschlossen wurde, wusste ich, dass Frauke meinem frühmorgendlichen Ruf auf dem Anrufbeantworter eiligst gefolgt war. Da wir Arbeitskolleginnen waren und Partnerinnen in der gemeinsamen GbR, hatte sie einen Schlüssel zu meiner Wohnung, deren Arbeitszimmer unser Büro beherbergte.

Die Mischlingshündin Loulou stürzte in die Küche und schmiss sich vor mir auf den Boden. Frauke warf einen einzigen Blick auf mich und meinen hochgelegten bandagierten Fuß und blieb abrupt im Türrahmen stehen.

»Mensch, Michelin!«, maulte sie. »Ich dachte, es sei etwas mit der Produktion nächste Woche. Vielleicht die Absage der Baumklettergruppe oder die Rodung des Waldes, in dem wir drehen wollen. Aber so wie es aussieht, scheint es sich eher um ein sehr persönliches Problem zu handeln.«

Ich fand es irgendwie unhöflich, dass sie mein verletzter Fuß regelrecht zu erleichtern schien. Aber auf die Korrektur derlei Umgangsformen konnte ich jetzt nicht eingehen.

»Frauke, du musst mir helfen!«, überfiel ich sie, ohne viel zu erklären. »Kennst du noch diesen Typen, der bei der Zulassungsbehörde des Straßenverkehrsamtes arbeitet?«

»Hast du jemanden beim Schuttabladen im Feld überrascht, Prügel bekommen und willst ihn jetzt ausfindig machen?«

Diese Frage bezog sich natürlich auf meine aufgeschrammte Wange.

Bei einem Kaffee mit Sahnekrönchen schenkte ich meiner Kollegin und Freundin reinen Wein ein.

»Zwanzig?«, wiederholte Frauke entsetzt und vergaß, ihren Sahnebart wegzuschlecken.

»Na ja, vielleicht auch einundzwanzig oder zweiundzwanzig«, murmelte ich, wenig überzeugend.

Frauke war dreißig und lebte seit fünf Jahren mit meinem besten Freund Lothar zusammen. Ich fand es irritierend, dass alle Welt sich plötzlich so stark für das Alter interessierte.

»Und ihr habt nicht miteinander geredet?«

»Ich hab’s dir doch gerade erklärt: Ich hatte Turnschuhe an, diese ausgelatschten Dinger, von denen du auch eine Ausgabe hast, die wir uns vor drei Jahren auf Norderney gekauft haben und die du nur noch zur Gartenarbeit anziehst. Und meine Frisur … ich hatte nicht mal einen winzigen Hauch von Parfüm drauf. Ehrlich.«

Auch hier erntete ich nur Unglauben.

»Überwältigt vom Trieb?«, hatte Frauke die Unverfrorenheit zu fragen.

»Trieb?«, rief ich. Loulou sprang erschrocken auf. »Ja, allerdings! Mich treibt es. Und zwar zu ihr. Als du damals Lothar getroffen hast, da war es doch bestimmt auch so, dass du sofort wusstest, dass er es ist. Du wusstest, dass du stirbst, wenn er dir nicht ein Lächeln schenkt, wenn du ihn nicht für dich begeistern kannst. War es nicht so?«

Frauke machte ein spitzes Gesicht. »Nein, war es nicht. Er schüttete mir sein Bier über die Hose, und ich fand ihn tollpatschig, unhöflich und viel zu kahlköpfig.«

»Ach ja.« Ich erinnerte mich.

Vor sieben Jahren saß ich nachts allein in der Schwulenkneipe um die Ecke und betrank mich, weil meine damalige Freundin etwas mit der Leiterin ihrer Selbsthilfegruppe für Allergikerinnen angefangen hatte. Ein junger Mann setzte sich zu mir an den Tisch, und wir prassten gemeinsam weiter. Lothar erzählte mir, dass er soeben von seiner Freundin verlassen worden sei und er daher den Schritt in die homosexuelle Subkultur wagen wollte. Er war sicher, von Männern zwar nicht besser geliebt, aber doch ehrlicher verlassen zu werden.

»Würdest du einen Mann verlassen, weil er angeblich zu sanft ist, dir jeden Wunsch von den Augen abliest und ständig Rücksicht nimmt?«, plärrte er mich an.

»Nein«, heulte ich. »Niemals!« Dann erzählte ich ihm, dass ich bereits seit meinem sechzehnten Lebensjahr nur noch mit Frauen befreundet war.

»Wie hältst du das aus?«, wollte Lothar mitfühlend wissen. »Diese Grausamkeiten? Diese Qualen, die sie einem permanent zufügen. Nimm den Sex. Nur so als Beispiel. Nie sagen sie einem, was sie mögen, weil sie finden, dass man es selber herausfinden sollte. Sie stöhnen und schreien. Aber am Ende werfen sie dir vor, dass sie den Orgasmus immer nur gespielt haben. Wie verkraftest du so was?«

Ich hatte meine eigenen Erfahrungen: »Sie wollen gewärmt werden und umsorgt. Sie wollen die totale Verschmelzung. Und nach einem Jahr stellen sie fest, dass sie ihre Mutter auf dich projizieren, und fangen was mit einer autonomen Dritten an.«

Der schwule Kellner brachte uns eine weitere Runde Tequila und zwinkerte Lothar zu.

»Entschuldige«, lallte dieser. »Hast du schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?« Der Kellner schickte von da an seinen Kollegen an unseren Tisch.

Das hatte zur Folge, dass meinem frisch gewonnenen Kumpel Männer plötzlich auch nicht mehr verlockender schienen als seine ehemalige Freundin. Da ich mittlerweile auch beschlossen hatte, nie wieder eine Beziehung zu einer Frau einzugehen, kamen Lothar und ich zu einer Übereinkunft: Wir wollten uns in einer harmonischen, gleichberechtigten Partnerschaft zusammentun – wobei Sex von vornherein ausgeschlossen sein sollte, da der sowieso grundsätzlich nur Ärger macht. Diese Variante schien uns beiden erstrebenswert. Wir wankten in Lothars Wohnung, um gleich heute Nacht unseren Plan in die Tat umzusetzen, und er überließ mir ritterlich sein Bett, während er in einer Hängematte zwischen Schrank und Tür nächtigte.

Es kam garantiert zu keinerlei sexuellen Handlungen, was wir beide zur erwachenden Mittagszeit am nächsten Tag mit unendlicher Erleichterung zu erinnern vermochten. Allerdings kam es zu einer intensiven und langjährigen Freundschaft zwischen uns. Auch wenn Lothar zwei Jahre später, nämlich vor fünf Jahren, Frauke kennenlernte und seinen Schwur damit brach, nie wieder eine Frau außer mir in sein Herz zu lassen. Ich schüttelte den Kopf und belächelte diese männliche Schwäche … und verliebte mich zwei Wochen später in Ellen mit den blauesten Augen, die ich je gesehen hatte.

Dass ich mich auch mit Lothars neuer Flamme Frauke, die zufällig eine Berufskollegin war, ganz wunderbar anfreundete und wir gemeinsam vor zwei Jahren unser eigenes Journalistinnenbüro ins Leben riefen, tat der Kumpel-Freundschaft mit Lothar keinen Abbruch. Ich durchstand mit den beiden Höhen und Tiefen ihrer Beziehung, ohne jemals in Loyalitätskonflikte zu geraten. Die einzige Möglichkeit, zwischen ihre Fronten zu geraten, ist ihrer beider Liebe zu ihren Haustieren.

Lothar besitzt seit vielen Jahren einen inzwischen etwas steifbeinigen alten Kater namens Lanzelot, dem er ...

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