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Die schöne Mätresse

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Julia Justiss

Die schöne Mätresse

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Deborah Hof-Klatt

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Die schöne Mätresse

Gegen den Willen ihrer adligen Familie heiratet die blutjunge Emily ihre große Liebe, den Soldaten Andrew Waring-Black. Doch ihr ist nur ein kurzes Glück beschieden: der Geliebte fällt. Verwitwet schafft sie sich in London eine bescheidene Existenz als Hutmacherin, wo die ungewöhnliche Schönheit der „Madame Emilie“ die bewundernden Blicke aller Gentlemen auf sich zieht. Auch der wohl situierte Evan Mansfield, Earl of Cheverley, verfällt ihrem Liebreiz bei der ersten Begegnung. Und während er noch überlegt, wie er ihre Gunst für sich gewinnen kann, macht Emily ihm ein skandalöses Angebot: Sie bietet Evan, der mit seinem Charme unwiderstehlich auf sie wirkt, an, seine Mätresse zu werden …

PROLOG

Vorsichtig schlich Emily Spenser durch den Park in der Mitte des St. James Square, wo die dichten Büsche ihr etwas Schutz vor der Kälte boten. Nach mehreren Jahren unter der unbarmherzigen Sonne Portugals erschien ihr die feuchte Morgenluft eisig, und sie zitterte trotz ihres Wollschals. Sie blieb einen Moment lang unter einem Baum stehen und beobachtete das Stadthaus auf der anderen Seite des Platzes.

War der Türklopfer entfernt worden? Aus dieser Distanz war es schlecht zu erkennen, zumal der Nebel ihre Sicht erschwerte. Die Fensterläden waren geschlossen, aber dies bedeutete nicht zwangsläufig, dass der Eigentümer des Anwesens sich nicht in der Stadt aufhielt. Schließlich war gerade erst der Morgen angebrochen.

Vorsichtig überquerte sie den Platz, wobei sie sorgfältig darauf achtete, möglichst keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie die hintere Pforte erreichte. In einem so großen Haus gingen ständig Dienstboten und Händler ein und aus. Sicher würde sie mit ihrer groben Schürze und der Kappe, die sie als schlichte Dienstmagd auszeichneten, nicht auffallen.

Gedämpftes Stimmengewirr drang hinter der halb offenen Tür des Küchentraktes hervor. Emily nahm allen Mut zusammen, eilte über den verlassenen Hof vor den Ställen und trat nach kurzem Anklopfen ein.

Einige Arbeiter waren um das knisternde Herdfeuer versammelt und hielten Schalen mit dampfender Brühe in den Händen. Emily knickste vor einer älteren Frau, an deren Gürtel ein Schlüsselbund hing.

„Ich habe ein Päckchen für Seine Lordschaft“, verkündete sie und bemühte sich dabei, den breiten Akzent der einfachen Leute in Hampshire nachzuahmen, unter denen sie aufgewachsen war. „Meine Herrin wünscht, dass ich es ihm persönlich überbringe.“

„Dann musst du aber ein ganzes Stück weit laufen, Mädchen“, erwiderte die Frau lachend. „Er ist zurzeit nicht in London.“

Obwohl sie insgeheim erleichtert aufatmete, heuchelte Emily Enttäuschung. „Aber die Herrin wird sehr wütend auf mich sein, wenn ich es nicht abgebe. Wird er denn heute noch zurückkommen, Ma’am?“

„Wahrscheinlich nicht. Da er der Hälfte des Personals freigegeben hat, bis er wieder ihre Dienste benötigt, wird er wohl eine ganze Weile nicht in der Stadt sein.“

Emily konnte ihr Glück kaum fassen. „Wird er wirklich so lange fort sein?“ fragte sie verwundert.

„Aye. Letzte Woche war er noch hier, doch dann reiste er ganz plötzlich ab. Mr. Daryrumple – das ist der Butler, Mädchen – sagte uns, dass er nicht vor Ostern zurückkehrt, vermutlich nicht einmal vor dem Sommer.“

Emily verbarg ihre Aufregung hinter einer betrübten Miene. „Meine Herrin wird darüber gar nicht erfreut sein.“

„Na, na, nur keine Angst. Sie kann es dir doch nicht übel nehmen, dass du ihn nicht angetroffen hast. Sie scheint mir ein richtiger Drachen zu sein, nicht wahr?“ Die Frau gluckste vergnügt. „Nun komm, ruh dich ein wenig aus und trink eine Tasse Tee, bevor du ihr wieder gegenübertreten musst.“

„Sie sind sehr freundlich, Ma’am, aber das wage ich nicht. Die Herrin wird mir eine Ohrfeige geben, wenn ich bis sieben Uhr nicht zurück bin.“

Ein mitfühlendes Raunen war von den Anwesenden zu hören, und eine allgemeine Diskussion über die ungerechte Behandlung durch die Dienstherrschaft begann. Emily versank nochmals in einem tiefen Knicks und verließ die Küche.

Als sie aus dem Hintertor getreten war, nahm sie ihre Mütze vom Kopf und wirbelte sie lachend in die Luft.

Er war also nicht in London. Sie konnte mit ihrem Plan beginnen.

1. KAPITEL

„Du willst einen Hut für deine Mutter abholen? Meine Güte, was für ein pflichtbewusster Sohn!“ Evan Mansfield, Earl of Cheverly, hob seinen Spazierstock an und versetzte seinem Freund einen Stoß gegen den Fußknöchel. Ein überraschter Schrei folgte.

„Zum Glück war deine Mutter klug genug, das Zeitliche zu segnen, als du noch ein Kind warst“, sagte Evan. „Du hast wirklich keine Ahnung, welche Aufmerksamkeiten man einer Dame erweist.“ Er schmunzelte, als sein Freund Brent Blakesly ihm einen beleidigten Blick zuwarf. „Eigentlich wollte Mama den Hut selbst abholen, aber ich habe es ihr ausgeredet. Sie hat sich immer noch nicht ganz von dieser schrecklichen Erkältung erholt, mit der sie sich so lange herumgequält hat. Du musst natürlich nicht mitkommen. Warum gehst du nicht schon voraus zu White’s und bestellst uns einen guten Wein? Lass ihn einfach auf meine Rechnung setzen.“ Evan betrachtete lächelnd Brents Knöchel. „Er wird deine Schmerzen lindern.“

Brents Miene entspannte sich. „Ich fühle mich tatsächlich schon besser. Aber beeil dich bitte. Ich könnte es niemals mit meinem Gewissen vereinbaren, deinen ganzen Wein auszutrinken, bevor du eintriffst.“ Er tippte kurz gegen die Hutkrempe, bevor er sich entfernte.

„Es wird nicht lange dauern“, rief ihm Evan nach. „Madame Emilies Geschäft ist gleich an der Ecke zur Bond Street.“

Brent hielt kurz inne. „Madame Emilie?“

Als Evan nickte, kam sein Freund plötzlich zurück. „Wenn ich es mir recht überlege, würde ich dich doch lieber begleiten. Nun, worauf warten wir noch?“

Evan hob erstaunt die Brauen. „Aus welchem Grund solltest du den Laden einer Modistin aufsuchen?“

„Nun, vielleicht würde ich diese Erfahrung … interessant finden.“

Auf ihrem Weg fragte Evan noch einige Male nach, doch Brent weigerte sich, etwas über seine Beweggründe zu verraten. Er meinte nur, Evan müsse es selbst herausfinden.

Nach einigen Minuten erreichten sie das hübsch arrangierte Schaufenster des Geschäfts. Eine Glocke läutete bei ihrem Eintreten.

Evan flüsterte Brent zu: „Dürfte ich nun endlich erfahren, welch großes Geheimnis …“

Eine hoch gewachsene Frau kam aus dem Schatten des Innenraumes und wandte sich ihnen zu. Als Evans Augen sich an das schwache Licht gewöhnt hatten, verstummte er abrupt.

Bei ihrem Anblick trat sofort alles andere in den Hintergrund. Er sah nur noch sie – ihre schlanke Figur in dem violetten Kleid, ihr blasses, ovales Gesicht, das von dunklen Locken umrahmt wurde, ihre vollen rosigen Lippen. Sie hob fragend den Kopf und schaute ihn aus tiefblauen Augen an. Plötzlich schien die Luft zwischen ihnen zu knistern. Evan war wie vom Donner gerührt.

Ein schwacher Lavendelduft stieg ihm in die Nase. Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus.

„Verdammt, Evan, sie ist genauso bezaubernd, wie Willoughby behauptet hat!“

Bei den geraunten Worten seines Freundes erwachte Evan aus seiner Trance. „Sie ist vollkommen“, stimmte er mit unsicherer Stimme zu.

„Du Glücklicher“, murmelte Brent. „Du hast wenigstens einen Grund, mit ihr zu sprechen. Nun komm schon!“ Er stieß den Earl leicht an.

Doch Evan benötigte keinerlei Ermutigung. Entschlossen ging er auf sie zu und drängte unbewusst eine üppige ältere Dame beiseite, die mit der schönen Fremden zu sprechen schien. „Lord Cheverly, Madame Emilie.“ Galant ergriff er ihre Hand und hob sie an die Lippen.

Erneut fühlte er diese Spannung zwischen ihnen. Auch sie schien es zu spüren, wenn er die zarte Röte auf ihren Wangen richtig deutete.

Seltsamerweise äußerte sie kein Wort, sondern musterte ihn nur mit kühlem Blick. Nach einer Weile runzelte sie die Stirn und versuchte, ihre Hand zurückzuziehen, die er immer noch etwas zu fest hielt.

Mit einer leisen Entschuldigung gab er sie frei.

„Lord Cheverly?“ wiederholte sie in einem kultivierten Tonfall. Dann weiteten sich ihre Augen. „Ah ja. Ich erhielt die Nachricht von Ihrer Mutter. Der Hut ist fertig. Einen kleinen Moment bitte, Mylord.“

Indem sie ihm kurz zunickte, wandte sie sich wieder der älteren Dame zu, die Evan empört ansah. „Lady Stanhope, ich fühle mich geehrt, dass Ihnen der Hut zusagt. Würden Sie mich nun bitte entschuldigen?“ Sie knickste tief.

Mit einem letzten wütenden Blick in Evans Richtung verließ die Kundin den Laden.

„Hier entlang, Mylord.“

Während er Madame zu einem kleinen Raum folgte, bewunderte er den anmutigen Schwung ihrer Hüften. Als sie plötzlich stehen blieb, wäre er beinahe mit ihr zusammengeprallt.

Sie drehte sich erstaunt zu ihm um. Er bemerkte kaum den Gegenstand, den sie in ihren zarten weißen Fingern hielt. „Ist der Hut zufrieden stellend, Mylord? Soll ich ihn einpacken?“

Ihre vollen Lippen waren verführerisch geöffnet. Wieder roch er diesen angenehmen Duft nach Lavendel, doch dieses Mal stärker. Unvermittelt verspürte er das überwältigende Verlangen, ihre Wange zu berühren und diese Lippen auf den seinen zu fühlen. Er würde ihren Mund erkunden und dabei ihre sanft gerundeten Brüste streicheln … Sein Körper spannte sich an, feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Nun … ja, sehr gut“, murmelte er. Der Kragen erschien ihm auf einmal viel zu eng. „Wundervoll, exquisit … der Hut, meine ich.“

Madame hob eine dunkle Braue und betrachtete ihn prüfend. Evan blickte tief in ihre violettblauen Augen. Besaßen sie die Farbe von Veilchen oder eher von Lilien?

Dann verzogen sich die verführerischen Lippen zu einem schwachen Lächeln. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er sich wie ein törichter Idiot benahm. Doch bevor er noch etwas sagen konnte, reichte ihm Madame Emilie die Hutschachtel. „Bitte übermitteln Sie Lady Cheverly meinen ergebensten Dank. Guten Tag, Mylord.“

Sie knickste und geleitete ihn ohne Umschweife zur Tür. Die Berührung ihrer Hand schien ihn selbst durch den Stoff seiner Kleidung zu versengen.

Als er endlich seine Fassung wiedergefunden hatte, stand er bereits neben Brent auf der Straße vor dem Geschäft. Ein großes Eisenschild in Form eines Hutes mit den aufgemalten Worten „Madame Emilie“ hing über ihren Köpfen.

„Du warst hingerissen von ihr, nicht wahr?“ Blakesly musterte ihn von Kopf bis Fuß, dann lachte er leise. „Wenn ich mich recht erinnere, warst du seit Jahren nicht mehr derart beeindruckt von einer Frau. Nicht seit dieser Balletttänzerin, als wir damals gerade aus Oxford zurückkehrten.“

Evan schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, was sich soeben ereignet hatte. Sein ganzer Körper prickelte. „Die Tänzerin konnte nicht mit dieser Frau mithalten“, sagte er.

„Nein, in der Tat nicht.“ Brent seufzte. „Nun komm. Ich empfehle ein gewisses flüssiges Stärkungsmittel, damit du dich wieder erholst.“

Obwohl seine Füße ihn in die Richtung von St. James trugen, drehte sich Evan noch einmal zu dem Hutladen um. „Was weiß Willoughby über sie? Heraus mit der Sprache!“

„Aye, Euer Lordschaft!“ Brent salutierte spöttisch. „Ich habe allerdings nur wenig zu berichten. Wie man hört, wurde sie erst kürzlich Witwe. Immerhin trägt sie noch Halbtrauer.“

„Halbtrauer?“

„Du hast es nicht bemerkt?“ Brent lachte. „Nun, wahrscheinlich warst du zu beschäftigt damit, sie dir unbekleidet vorzustellen. Trotzdem sollte ich dich warnen, falls du eine Verführung im Sinn hast. Nach Willoughbys Schilderung zu urteilen, steht dir eine Enttäuschung bevor. Wie es scheint, hat St. Clair sie zuerst entdeckt. Angeblich sucht er ihr Geschäft auf, sooft ihm ein passender Vorwand einfällt.“

„St. Clair?“ Evan schnitt eine Grimasse.

„Ja. So, wie ich St. Clair kenne, waren seine Annäherungsversuche sicher nicht zurückhaltend. Offenbar hat sie dennoch jede seiner Einladungen zum Tee, Abendessen oder ins Theater abgelehnt. Willoughby sagt, dass sie keinem Mann etwas anderes gewährt als höfliche Worte. Sie scheint hoffnungslos tugendhaft zu sein.“

Evan warf ihm einen scharfen Blick zu. „Du hast wohl sehr aufmerksam zugehört. Es sieht dir gar nicht ähnlich, so viel Interesse an einer Frau zu bekunden.“

Brent erwiderte den Blick ungerührt. „Und wie steht es mit dir? Du willst doch nicht schon wieder eine neue Affäre beginnen, nachdem du dich gerade erst von La Tempestina getrennt hast? Außerdem dachte ich, du hättest Richard versprochen, Andrea mit in die Stadt zu nehmen, als er sich wieder Wellingtons Truppen anschloss. Habt ihr beide nicht eine Art … Abkommen getroffen?“

„Nicht wirklich. Du weißt, wie zurückhaltend sie seit ihrem Unfall geworden ist. Ich habe ihr lediglich versichert, falls sie am Ende der Saison keinen Verehrer gefunden hat, könnte sie immer noch mich heiraten. Aber das ist mehr als unwahrscheinlich“, fügte er mit einer gelassenen Handbewegung hinzu. „Bist du nun an Madame interessiert oder nicht?“

„Ich hätte ohnehin keine Chance“, entgegnete Brent mit einem bedauernden Lächeln. „Wenn sie schon St. Clair und seinesgleichen abweist, wird sie ihre Gunst wohl kaum einem titellosen jüngeren Sohn mit bescheidenem Vermögen schenken. Dir dagegen könnte es gelingen, dieses unerschütterliche Bollwerk einzunehmen. Du bist reich, gut aussehend, der beliebteste Junggeselle der Gesellschaft …“

„Nun hör schon auf“, unterbrach ihn Evan. „Ich muss mir eine Ausrede einfallen lassen, um den Laden wieder aufzusuchen …“ Er blieb abrupt stehen.

„Was ist?“

„Ich sollte ihr eigentlich ausrichten, dass Mama einen neuen Hut bei ihr in Auftrag geben will. Aber ich war so beschäftigt damit, einen Narren aus mir zu machen, dass ich es ganz vergessen habe. Ich habe nicht einmal die Rechnung bezahlt.“ Er schmunzelte. „Nun, mir wird nichts anderes übrig bleiben, als sofort in den Laden zurückzukehren. Dort werde ich versuchen, einen besseren Eindruck zu machen. Im Augenblick muss sie mich für einen begriffsstutzigen Idioten halten. Ich werde dich später bei White’s treffen.“

Er ging so schnell davon, dass Blakesly ihm nacheilen musste. „Warte, Evan! Sie hat mittlerweile wahrscheinlich geschlossen.“

Evan schüttelte die Hand seines Freundes ab. Er begriff selbst kaum, warum er Madame Emilie einfach wiedersehen musste, jetzt sofort. „Sie kann noch nicht gegangen sein. Wir haben ihr Geschäft gerade erst verlassen, und sie hatte noch andere Kunden. Geh nur, ich komme bald nach.“

Brent blieb amüsiert stehen. „Nun, ich weiß, wann ich überflüssig bin. Ich sehe dich also später“, rief er Evan nach. „Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, wenn du nur eine verschlossene Tür vorfindest!“

Emily Spenser seufzte, als ihre letzte Kundin das Geschäft verließ. Mrs. Wiggins mochte zwar eine neureiche, arrogante Frau sein, aber wenigstens bezahlte sie ihre Rechnungen pünktlich – eine Eigenschaft, die auf ihre bürgerliche Herkunft schließen ließ. Die meisten Damen und Herren der Gesellschaft, die ihren Laden aufsuchten, verhielten sich leider nicht so löblich.

Emily ließ sich in den Stuhl hinter ihrem kleinen Tisch sinken und zog eine Tasche hervor, in die sie Mrs. Wiggins’ Geld steckte. Im Stockwerk über ihr hörte sie Francesca ein portugiesisches Lied singen, während sie den Tee für ihre Herrin zubereitete. Vielleicht würde das warme Getränk Emilys Nerven beruhigen.

Noch lieber wäre mir ein Dutzend Kunden, die ihre Rechnung begleichen, dachte sie mürrisch. Sie zog harte Münzen bei weitem den begehrlichen Blicken vor, die ihr Männer wie dieser letzte Gentleman zuwarfen. Warum war Lady Cheverly nicht selbst gekommen, um die Ware abzuholen? Obwohl Ihre Ladyschaft dem Hochadel angehörte, bezahlte sie stets sofort.

Dennoch hatte sie der Anblick von Lady Cheverlys Sohn erstaunt. Aufgrund der immer noch jugendlichen Schönheit der Mutter hätte Emily einen Jüngling erwartet. Stattdessen hatte dieser große, breitschultrige Gentleman vor ihr gestanden, der alles in seiner Umgebung kleiner wirken ließ. Tatsächlich hatte sein glühender Blick Absichten angedeutet, die einem Jüngling nicht in den Sinn gekommen wären.

Er war ein beeindruckender Mann, wie sie zugeben musste. Nun, zum Glück war sie nicht empfänglich für diese Art von Charme. Dennoch ließ die Erinnerung an seine tiefblauen Augen erneut einen kleinen Schauer über ihren Rücken laufen. Dieses Gefühl war noch viel stärker gewesen, als sie beiläufig seinen Arm berührt hatte.

Emily war froh, derartigen Avancen ein gesundes Misstrauen entgegenzubringen. Alles, was sie wollte, war eine gute Bezahlung für ihre ehrliche Arbeit, und keine Anzüglichkeiten wie von Lord Cheverly und seinesgleichen. Doch inzwischen verstand sie es, ihre Empörung über solch unverschämte Annäherungsversuche zu verbergen. Daher ignorierte sie derartige Bemerkungen einfach, auch wenn das kaum verhohlene Angebot hinter diesen Worten sie beleidigte.

Nachdenklich blickte sie auf ihr Geschäftsbuch, in dem sie mit ordentlicher Schrift die Beträge für Stroh, Spitze, Seidenquasten, Kordeln und Leinen aufgelistet hatte. Gewiss, sie hatte die Summe kalkuliert, die zur Führung eines Hutsalons notwendig war – allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihre vornehmen Kunden ihr Geld lieber beim Pferderennen verwetteten, als ihre Rechnungen zu bezahlen.

Nun, sie würde sich eben noch mehr einschränken müssen. Schließlich hatte sie die lange bittere Zeit in diesem portugiesischen Dorf überlebt, während Andrew qualvoll im Sterben lag, und anschließend ein Jahr als Porträtmalerin in den verschiedensten Adelshäusern Spaniens gearbeitet. Da sie erst vor einigen Monaten nach England zurückgekehrt war, durfte sie nicht schon jetzt aus reiner Verzweiflung aufgeben.

Irgendwie würde es ihr schon gelingen, genug zu verdienen, um Drews Schulausbildung zu finanzieren. Drew erinnerte sie tagtäglich an ihr früheres Leben mit Andrew. Das hübsche Gesicht ihres Sohnes, der dieselben grünen Augen wie sein Vater besaß, gab ihrem sorgenerfüllten Herzen immer wieder neue Hoffnung.

Sie unterdrückte die Sehnsucht, die in ihr aufstieg. Es war unmöglich, dass er hier bei ihr blieb. Der Sohn eines Aristokraten, der eines Tages ein Leben unter seinesgleichen führen sollte, konnte nicht über einem Hutmachergeschäft wohnen. Zumindest konnte sie ihren Sohn jeden Sonntag im Haus seines Lehrers Pater Edmund besuchen, obwohl ihr diese Tatsache nur wenig Trost verschaffte.

Entschlossen konzentrierte sie sich wieder auf ihre Aufgabe. Sie musste genug Geld verdienen und verhindern, dass ihr auch noch diese wenigen kostbaren Stunden mit Drew genommen wurden.

Das Klingeln der Türglocke riss sie aus ihren trüben Gedanken. Obwohl sie den Riegel nicht vorgeschoben hatte, war es bereits zu spät für die üblichen Geschäftszeiten, und sie fragte sich, welche ungeduldige Kundin ihr jetzt noch einen Besuch abstattete. Hoffentlich jemand, der seine Rechnung bezahlen will, dachte sie. Gleichzeitig setzte sie ein freundliches Lächeln auf, um die Kundin willkommen zu heißen.

Bevor sie ihr Arbeitszimmer verlassen konnte, trat ihr Besucher ein. Ihr Lächeln schwand.

„Mr. Harding“, grüßte sie kühl. „Hat Ihr Arbeitgeber irgendein Anliegen? Die nächste Miete ist erst in zwei Wochen fällig.“

„Guten Tag, Ma’am.“ Josh Harding war ein kleiner, gedrungener Mann, dessen breite Brust und Schultern ihn jedoch bedrohlich wirken ließen. Als sie ihm aus dem Weg gehen wollte, verfolgte er sie, bis er sie in die Enge gedrängt hatte. Sie lehnte sich hilflos an ihren Schreibtisch.

Er ließ seinen lüsternen Blick über ihren Körper wandern, und sie hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige versetzt. „Nein, die Miete ist noch nicht fällig. Als Geschäftsfrau“, er sprach das Wort wie eine Beleidigung aus, „haben Sie aber sicher schon erkannt, dass auch andere Ausgaben notwendig sind. Sie wollen doch sicher, dass Ihre Kunden vor dem Abschaum auf der Straße beschützt werden, der sie ausrauben könnte.“

Emily dachte an den Beutel mit Bargeld, der hinter ihr auf dem Tisch stand. „Tatsächlich? Mir wurde versichert, das hier sei eine vornehme Gegend, worauf übrigens auch die hohe Miete schließen lässt. Ihr Arbeitgeber hat es mir selbst versichert.“

Mr. Harding grinste und zeigte dabei gelbe, unregelmäßige Zähne. „Sogar in der feinsten Nachbarschaft braucht man Schutz. Mein Boss wird dafür sorgen, dass Sie ihn auch bekommen – natürlich für ein kleines Entgelt. Er glaubt, weitere zehn Pfund pro Monat sollten genügen.“

„Zehn Pfund!“ rief Emily empört. „Das ist unverschämt! Bevor ich einen solchen Wucherpreis zahle – falls ich überhaupt Schutz benötigen sollte –, werde ich mich lieber mit der Pistole meines verstorbenen Mannes selbst verteidigen! Danken Sie Ihrem Arbeitgeber für sein freundliches Angebot, aber ich kann es mir leider nicht leisten.“

„Vielleicht können Sie es sich nicht leisten, das Angebot abzulehnen.“ Harding trat einen Schritt näher auf sie zu und strich scheinbar gelangweilt über einen noch nicht fertig gestellten Satinhut, der auf dem Tisch lag. Emily wünschte, er würde seine schmutzigen Finger davon lassen.

„Manchmal widerfahren schutzlosen Leuten … gewisse Dinge“, sagte er. „Haben Sie von dem Schneidergeschäft drüben im Fiddler’s Way gehört? Letzte Woche ist es bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die arme Besitzerin hat alles verloren. Sie fand auch, der Preis für ihren Schutz sei zu hoch. Nun, ich glaube, es wäre immer noch billiger gewesen, als wieder ganz von neuem anfangen zu müssen.“

Emily straffte die Schultern. „Was Sie andeuten, nennt man Erpressung.“

Er zuckte die Schultern. „Ich war nie ein Mann der großen Worte.“ Dann starrte er geradewegs in ihre Augen. „Denken Sie lieber an dieses andere Geschäft, kleine Lady.“

Emily presste die Lippen aufeinander. Im Augenblick konnte sie kaum ihre Kosten decken. Weitere zehn Pfund im Monat konnte sie unmöglich aufbringen. Außerdem würde sie mit einem solchen Handel gegen das Gesetz verstoßen. Wie konnte es dieser Rüpel wagen, sie einschüchtern zu wollen?

Energisch wandte sie sich Mr. Harding zu, der mit einem spöttischen Lächeln auf seinen fleischigen Lippen am Tisch lehnte. Sie spürte, wie ihr vor Zorn das Blut in die Wangen schoss.

„Sagen Sie Ihrem … Arbeitgeber, dass ich seinen Schutz nicht wünsche. Sie sollten ihn auch darauf hinweisen, dass solche Drohungen illegal sind. Sollte er weiterhin darauf bestehen, muss ich die Behörden informieren.“

Zu ihrer Empörung wurde Hardings Grinsen nur noch breiter. „Oh, das würde ich Ihnen nicht raten, Ma’am. Mr. Harrington kennt eine Menge wichtiger Leute. Wie hätte er sonst so viele Häuser in einer Gegend kaufen können, in der die Reichen ihr Geld ausgeben?“ Plötzlich trat ein seltsames Leuchten in seine Augen, und er kam noch näher. „Nun, Sie müssen keine Angst haben, meine Kleine. In speziellen Fällen wie Ihrem hat der alte Josh noch eine andere Lösung parat. Seien Sie einfach etwas nett zu mir, dann können wir noch mal über die zehn Pfund im Monat reden.“ Er leckte sich über die Lippen und legte einen seiner dicken Arme um sie. Sein fauliger Atem verursachte ihr Übelkeit.

Sie stützte sich mit einer Hand am Tisch ab und stieß ihn zurück. „Nehmen Sie die Hände von mir, Mr. Harding. Belästigen Sie lieber die Straßenmädchen im Covent Garden mit Ihren Angeboten.“

Er hielt sie weiterhin fest, und seine Miene wurde drohend. „Halten Sie sich etwa für zu fein für einen Mann wie Josh Harding? Geben Sie vielleicht einem der vornehmen Gentlemen den Vorzug, die hier täglich um Ihre Röcke streifen? Nun, ich habe Sie beobachtet, und bisher ist keiner lange genug geblieben, um sich zu einem Stelldichein mit Ihnen zu treffen. Es wird auch in Zukunft niemand wagen, wenn sie erst einmal das hier gesehen haben.“ Er hielt ihr seine geballte Faust unter die Nase. „Also rate ich Ihnen, freundlich zu sein, kleine Lady.“

Unvermittelt riss er sie an sich und presste seinen Mund auf ihren. Ungestüm versuchte er, seine Zunge zwischen ihre Lippen zu zwängen, und umfasste grob ihre Brust.

Ihre Wut gab ihr die Kraft, ihn weit genug von sich zu stoßen, um ihm ins Gesicht zu schlagen.

Harding fing jedoch ihre Hand und hielt sie fest. Er musterte sie einen Moment, dann lachte er hämisch. Bevor sie überhaupt reagieren konnte, traf sein Handrücken brutal ihren Mund.

Die Wucht seines Schlages schleuderte sie gegen den Tisch zurück, und sie stieß sich schmerzhaft die Hüfte an der Kante. Einige Blutstropfen liefen über ihre brennenden Lippen. Als sie mit bebenden Händen nach irgendeiner Waffe suchte, ergriff sie das schwere Tintenfass aus Glas. Geschickt versteckte sie es hinter ihrem Rücken und warf Harding einen hasserfüllten Blick zu.

Dieser ging gelassen davon, ohne sich beeindrucken zu lassen. Nach einigen Schritten drehte er sich noch einmal um und verneigte sich spöttisch. „Denken Sie an die Angebote – an beide. Ich kann Ihnen versprechen, kleine Lady, Ihre Probleme fangen jetzt erst an.“

Plötzlich trat ein weiterer Mann ein. „Madame Emilie?“

Emily wirbelte herum, während sie immer noch ihre Waffe umklammerte. Erleichtert stellte sie fest, dass der vornehm gekleidete Neuankömmling keiner von Hardings Schlägern sein konnte. Im nächsten Moment erkannte sie Lady Cheverlys Sohn. Sie seufzte vor Erleichterung auf.

„Entschuldigen Sie. Ich wusste nicht, dass noch ein weiterer Kunde hier ist“, sagte er. Dabei fiel sein zweifelnder Blick auf Mr. Harding.

Emily wandte die verletzte Seite ihres Gesichts ab und ließ das Tintenfass los. Sie hoffte, er möge ihren aufgelösten Zustand nicht bemerken. „N…natürlich nicht, Lord Cheverly. Dieser Herr hier wollte gerade gehen.“

Nachdem Harding den wesentlich größeren Mann eine Weile gemustert hatte, schien er der Meinung zu sein, dass er es nicht mit ihm aufnehmen konnte. Langsam ballte er seine Faust und wandte sich wieder Emily zu. „Ich verschwinde erst, wenn ich es für richtig halte, kleine Lady.“

Cheverly bedachte Harding mit einem eisigen Blick. „Ich glaube, die Lady hat Sie gebeten zu gehen. Auf der Stelle.“

Die beiden Männer starrten sich wütend in die Augen. Dann zuckte Harding wieder die Schultern. „Es spielt keine Rolle. Wenn all diese Modegecken verschwunden sind, wird Josh Harding immer noch hier sein.“ Er ging zur Tür und zog spöttisch seinen Hut. „Sie haben mein Wort darauf, kleine Lady.“

„Hat Sie dieser Kerl etwa belästigt?“ Lord Cheverly eilte zu ihr, sobald sich die Tür hinter Harding geschlossen hatte. Als er ihre blutende Lippe bemerkte, blieb er erstaunt stehen. „Dieser Schurke hat Sie geschlagen? Verdammt, ich werde ihm geben, was er verdient!“ Er machte auf dem Absatz kehrt.

Emily hielt ihn zurück. „Bitte, Mylord, es ist doch nicht Ihre Angelegenheit. Lassen Sie ihn gehen.“

Lord Cheverly hielt inne. Emily konnte seine angespannten Armmuskeln fühlen. Der angenehme Duft von Rasierseife drang an ihre Nase. Auf einmal wurde ihr bewusst, wie stark dieser Mann war, und sie fühlte sich beinahe … sicher. Wie damals bei Andrew.

Traurige Erinnerungen kamen ihr ins Gedächtnis, und sie ließ abrupt seinen Ärmel los. Verzweifelt suchte sie nach einem unverbindlichen Gesprächsthema. „Sie … hatten doch einen Grund, mich aufzusuchen, oder? Hat der Hut nicht gepasst?“

„Sie müssen mir erlauben, ihn zu verfolgen!“ Cheverly wandte sich wieder der Tür zu. „Ich kann den Schuft doch nicht ungeschoren davonkommen lassen!“

„Er übermittelte mir nur eine Nachricht von seinem Arbeitgeber – recht unhöflich, wie ich zugeben muss. Aber meine unbedeutenden Probleme sollten Ihnen keine Sorgen bereiten, Mylord. Womit kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Sollte nicht lieber ich Sie das fragen?“

Emily öffnete die Lippen, um es ihm zu erklären, schloss sie jedoch wieder. Nachdem sie ihre Probleme so lange allein ertragen hatte, war es äußerst verlockend, sich jemandem anzuvertrauen – besonders diesem intelligenten, starken Fremden. Trotz allem ist er ein Fremder, dachte sie. Er war nicht Andrew.

„Bedroht Sie der Dienstherr dieses Mannes wegen einer geschäftlichen Angelegenheit?“

Emily zögerte. Der Earl of Cheverly konnte kaum echtes Interesse an ihr haben – abgesehen von den Wünschen, die auch Harding vor wenigen Momenten zum Ausdruck gebracht hatte. Dennoch war es möglich, dass Seine Lordschaft als Magistrat für seine Grafschaft tätig war. Vielleicht sollte sie diese Chance nutzen, sich gesetzlichen Beistand zu verschaffen. Als sie zu ihm aufblickte, lächelte er zu ihrer Überraschung.

„Kommen Sie. Nach der ganzen Aufregung sollten Sie sich erst einmal setzen.“ Behutsam nahm er ihren Arm und führte sie zu dem Stuhl. „Und nun lassen Sie mich Ihnen bitte helfen.“ Da es in dem winzigen Zimmer keine andere Sitzgelegenheit gab, deutete er auf den Schreibtisch. „Darf ich?“

Angesichts seiner offensichtlichen Entschlossenheit gab sie ihre Zurückhaltung auf. Sie nickte, und er ließ sich auf dem Tisch nieder. Danach berichtete sie ihm kurz, was bei ihrer Begegnung mit Mr. Harding vorgefallen war.

„Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich für seinen Arbeitgeber gesprochen hat. Möglicherweise treibt er sein eigenes Spiel, um sein Einkommen aufzubessern, und Mr. Harrington wäre vielleicht sogar schockiert, wenn ich ihm davon berichten würde.“

„Vielleicht.“ Lord Cheverly runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber falls dieser Mr. Harrington tatsächlich hinter der Erpressung steckt, wäre es unklug, ihn damit zu konfrontieren. Sie dürfen nicht riskieren, sich noch einmal einer solchen Bedrohung auszusetzen, wie sie Ihnen gerade widerfahren ist.“

„Ich werde dieses Risiko aber eingehen müssen. Ich kann weder das Schutzgeld bezahlen, noch wünsche ich es – nun, ich muss die Angelegenheit jedenfalls bereinigen. Lieber früher als später.“

„Haben Sie keine männlichen Familienangehörigen, die sich um diese Sache kümmern können?“

In ihrem erschütterten Zustand brachte diese einfache Frage sofort den Schmerz zurück, den Emily zu verdrängen versucht hatte. Einen Augenblick lang war sie unfähig, auch noch ein Wort zu äußern. Ehe sie es verhindern konnte, rollte eine Träne über ihre Wange. „Nein, niemanden“, flüsterte sie.

„Seien Sie beruhigt, meine Liebe.“ Cheverly beugte sich mit besorgter Miene vor. „Ich werde mich persönlich darum kümmern. Mein Anwalt wird diese beiden Gentlemen überprüfen und einige Männer beauftragen, Ihr Geschäft im Auge zu behalten. Ich bezweifle, dass Sie dieser grobschlächtige Feigling noch einmal belästigen wird, wenn er die Wachen bemerkt.“

Als sie protestieren wollte, hob er die Hand, um ihr das Wort abzuschneiden. „Ich dulde keinen Widerspruch. Es kann nicht angehen, dass solche Schurken ehrliche Bürger bedrohen. Außerdem würde meine Mutter darauf bestehen, da sie eine äußerst hohe Meinung von Ihnen hat – genau wie ich.“

„Aber Sie kennen mich doch kaum.“

„Alles, was ich über Sie wissen muss, habe ich im ersten Moment in Ihren Augen gesehen.“

Seine tiefe Stimme ließ Emily erschauern. Sie wandte sich verlegen ab. „Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht undankbar erscheinen, aber …“ Sie errötete. „Ich kann es mir einfach nicht leisten, Ihren Anwalt zu bezahlen, ganz zu schweigen von den Wachmännern. Auch Mr. Harding ist sich dieser Tatsache durchaus bewusst.“

Cheverly winkte ab. „Lassen Sie das meine Sorge sein.“

„Oh, aber Sie begreifen nicht!“ rief Emily beschämt. „Ich fürchte, der Profit eines Hutmachergeschäfts wird meist überschätzt.“ Sie lächelte zaghaft. „Ich kann nicht einmal voraussagen, wann ich in der Lage sein werde, Ihnen die Auslagen zu erstatten.“

Er lächelte ebenfalls. Trotz ihrer Verlegenheit bemerkte Emily, wie einnehmend dieses Lächeln war. Es brachte kleine Grübchen in seinen Wangen zum Vorschein, und seine tiefblauen Augen leuchteten auf. „Ich sehe es als meine bürgerliche Pflicht an, die Straßen von solchen Verbrechern zu befreien. Zudem bin ich ein wohlhabender Mann, wie Sie zweifellos wissen. Denken Sie nicht mehr daran.“

„Aber ich könnte mich niemals derart verpflichten …“ „Bitte.“ Er legte einen Finger auf ihre Lippe, die noch immer leicht blutete. „Es ist mir eine große Ehre, Sie beschützen zu dürfen.“

Sie wollte nochmals protestieren, aber seine Berührung machte es ihr unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Langsam zeichnete er mit seinem behandschuhten Finger die Umrisse ihrer geschwollenen Lippen nach.

Prickelnde Schauer liefen ihr über den Rücken, und sie schaute Seine Lordschaft überrascht an.

Cheverly hielt plötzlich inne und begegnete ihr mit einem so eindringlichen Blick, dass sie sich unweigerlich angezogen fühlte. Sein warmer Finger ruhte noch immer auf ihrer Lippe.

Schließlich zog er die Hand zurück. „Sie … haben Ihren Handschuh ruiniert“, hauchte Emily.

Cheverly sah auf den Blutfleck, den die Wunde auf dem rehbraunen Wildleder hinterlassen hatte. Zu ihrer Überraschung küsste er die Stelle. „Ich werde ihn in Ehren halten. Sorgen Sie sich nicht länger, Madame, dieser Schuft wird Ihnen nicht mehr das Leben schwer machen. Sie haben mein Wort darauf.“

Evan pfiff ein leises Lied, während er die Straße entlangschlenderte. Er konnte immer noch Emilies verführerischen Lavendelduft riechen und die Wärme ihrer Haut unter seinem Finger spüren.

Er hatte bereits seinen Anwalt aufgesucht und ihm aufgetragen, unverzüglich einige Wachleute zur Verfügung zu stellen. Allein der Gedanke an diesen schleimigen Schurken, der mit seiner schmutzigen Hand Madame Emilies schönes Gesicht misshandelt hatte, erfüllte ihn mit unbändiger Wut. Er würde nochmals persönlich überprüfen, ob der Anwalt seinen Auftrag in die Tat umgesetzt hatte.

Nichtsdestotrotz verdankte er dem niederträchtigen Burschen eine perfekte Gelegenheit, den Helden zu spielen. Zweifellos war ihm die göttliche Madame Emilie nun ehrlich zugetan. Vielleicht kam sie sogar auf den Gedanken, ihm für seine Hilfe zu danken – auf eine Art, die ihnen beiden höchstes Vergnügen bereiten würde.

Natürlich würde er eine solche Möglichkeit in ihrer Anwesenheit nicht einmal andeuten. Schließlich wollte er sich nicht mit Leuten wie diesem Mr. Harding auf eine Stufe stellen. Der Earl of Cheverly musste üblicherweise lediglich sein Interesse bekunden, und die entsprechende Dame beeilte sich, seinen Wünschen nachzukommen. Dennoch schien es Madame Emilie zu widerstreben, seinen Schutz zu akzeptieren, obwohl sie sich in wirklicher Gefahr befand.

Es würde nicht einfach sein, sie zu erobern. Sie stellte eine verführerische Herausforderung für ihn dar. Wie sehr würde er es genießen, sie von der Last der Verantwortung zu befreien und in seine Obhut zu nehmen!

Wie wäre es mit einem diskreten kleinen Haus in Mayfair? Er würde es mit exquisitem Mobiliar ausstatten, mit loyalen Dienstboten, Kleidern, Juwelen, Kutschen, was immer sie auch wollte. Ja, er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Er stellte sie sich in einem tiefvioletten Satinkleid vor, mit Amethystschmuck, der zu ihren unglaublichen Augen passte. Und er malte sich aus, wie er sie entkleiden würde …

Sein Atem ging schneller, und seine Haut begann zu glühen. Seit Monaten hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt, so voller Erwartungsfreude.

Natürlich würde er sich um ihre Sicherheit kümmern, ob sie ihm nun ihre Gunst gewährte oder nicht. Aber früher oder später würde er sie gewinnen. So viel war gewiss.

2. KAPITEL

Emily bemerkte den Mann sofort, nachdem sie am nächsten Morgen die Eingangstür ihres Ladens aufgeschlossen hatte. Als sie durch den Nebel auf die andere Straßenseite blickte, richtete der hoch gewachsene, muskulöse Fremde sich auf und winkte ihr zu. Er hielt sich unauffällig im Schatten eines Hauseingangs verborgen. Die dunkelrote Weste unter seinem Mantel wies ihn als einen der Wachmänner aus, die Lord Cheverly ihr zu ihrem Schutz versprochen hatte.

Erleichtert atmete sie auf. Dennoch überlegte sie den ganzen Morgen lang angestrengt, während sie an einigen Hüten arbeitete und auf Kunden wartete. Seine Lordschaft war offensichtlich ein Mann, der zu seinem Wort stand. Aber handelte er, wie er sagte, wirklich nur aus seiner bürgerlichen Pflicht heraus, unbescholtene Leute wie sie vor Verbrechern zu beschützen? Und sollte sie sich wirklich nicht um den Lohn des Wachmannes kümmern, der den ganzen Tag auf der anderen Seite der Straße stand?

Ihre Gedanken schienen sich im Kreis zu bewegen; sie kam immer wieder zu dem gleichen Schluss. Trotz der Beteuerungen Seiner Lordschaft durfte sie ihm nicht erlauben, ihre Sicherheit zu finanzieren.

Zum einen gestattete ihre Erziehung nicht, von einem völlig Fremden einen solch kostspieligen Gefallen anzunehmen. Außerdem wusste sie leider aus eigener Erfahrung, dass wohlhabende und einflussreiche Männer wie Cheverly nichts ohne Berechnung taten. Auf die eine oder andere Weise würde er irgendwann verlangen, dass sie ihre Schulden beglich. Und, was noch schlimmer war, er hatte Josh Harding einen Strich durch die Rechnung gemacht, ein Affront, den dieser Schurke sicher nicht ohne weiteres hinnehmen würde.

Emily erinnerte sich an Hardings brutale Kraft, mit der er sie an sich gerissen hatte, an seine Zunge, die Einlass in ihren Mund gesucht hatte. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie seine Rache aussehen würde, sollte sie jemals wieder in seine Gewalt geraten.

Wenn sie also nicht Ladenräume in einer anderen Gegend anmietete, was finanziell unmöglich war, würde sie in nächster Zeit dringend Schutz benötigen. Sie musste versuchen, diese Angelegenheit selbst zu regeln. Niemand konnte voraussagen, wie lange das unerwartete Interesse des Earl an ihrem Wohlergehen noch währen würde.

Vielleicht konnte sie seinen Anwalt bitten, die bereits eingeleiteten Vorsichtsmaßnahmen beizubehalten. Sie sollte den Mann sofort konsultieren und den zweifellos hohen Preis in Erfahrung bringen, den ihre Sicherheit kostete.

Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, betraute sie Francesca mit der Führung des Ladens und machte sich auf den langen Fußweg zu der Kanzlei des Anwalts Seiner Lordschaft.

Der gelangweilt wirkende junge Sekretär, der auf ihr Klopfen hin die Tür öffnete, musterte sie in unverschämter Weise von Kopf bis Fuß. Als sie ihm jedoch mitteilte, dass ihr Anliegen den Earl of Cheverly betreffe, änderte sich sein Verhalten sofort. Er führte sie respektvoll zu einem Stuhl und versprach, den Anwalt sofort über ihre Anwesenheit zu informieren.

Ein weiterer Hinweis auf den beträchtlichen Einfluss des Earl, dachte sie, während sie sich erschöpft zurücklehnte. Der Stuhl war mit Leder bezogen, schwere Damastvorhänge schmückten das Fenster, und ein türkischer Teppich zierte den Boden – die gesamte Einrichtung verriet Exklusivität.

Plötzlich erinnerte sie sich an einen Raum, der diesem sehr ähnlich gewesen war. Dort hatte vor langer Zeit eine widerspenstige junge Frau ihrem Vater mitgeteilt, dass sie die Saison nicht in London verbringen würde, wie er für sie geplant hatte. Stattdessen würde sie England auf einem Schiff verlassen, als Braut von Lieutenant Andrew Waring-Black. Danach hatte sie standhaft den Wutausbruch ihres Vaters über sich ergehen lassen. Was soll aus dir werden, wenn sich dieser junge impertinente Hitzkopf umbringen lässt, junge Dame? Du wirst mutterseelenallein in irgendeinem heidnischen Land sitzen und dir deinen Lebensunterhalt mit schwerer Arbeit verdienen müssen!

„Mr. Manners wird Sie jetzt empfangen.“

Die Worte des Sekretärs rissen Emily aus ihren Gedanken. Eilig erhob sie sich und folgte ihm.

Der Anwalt war ein dünner Mann mit großen Brillengläsern auf seiner schmalen Nase, der hinter einem wuchtigen Schreibtisch saß. Die Wände waren von Regalen mit unzähligen Gesetzbüchern bedeckt; vor dem Tisch stand ein Ledersessel auf einem weiteren geschmackvollen Teppich. Eine Öllampe verbreitete dezentes Licht, und es roch schwach nach Zigarren und Möbelpolitur. Die schweren Vorhänge waren zugezogen, als ob nicht einmal das Tageslicht an diesen heiligen Ort dringen dürfe. Der Anwalt bedachte Emily mit einem höflichen, aber zugleich prüfenden Blick.

„Das wäre dann alles, Richards“, sagte Mr. Manners. Der Sekretär, der sie schon wieder angestarrt hatte, verbeugte sich hastig und verließ den Raum. „Möchten Sie sich nicht setzen, Mrs. Spenser?“

Emily nahm Platz. Dieser autoritätsgewohnte Mann würde seine kostbare Zeit sicher nicht lange mit ihren Angelegenheiten verschwenden. Mehr als je zuvor spürte sie die unsichtbare Mauer, die alles Schwache und Weibliche von der Welt männlicher Privilegien und Macht trennte.

Sie räusperte sich. „Mr. Manners, Lord Cheverly hat Sie wegen meines Falles bereits konsultiert. Versuchte Erpressung, wenn Sie sich erinnern.“

„Ja, Mrs. Spenser, ich bin mir der Details voll bewusst. Hat es noch einen … Vorfall gegeben?“

„Nein, Sir. Der Wachmann, den Seine Lordschaft versprochen hat, ist bereits eingetroffen, und es ist zu keinen weiteren Drohungen gekommen. Ich möchte mich lediglich nach der üblichen Vorgehensweise in einer solchen Situation erkundigen.“

„Es gibt keine übliche Vorgehensweise, Ma’am. Eigentlich beschäftige ich mich nicht mit solchen Fällen, aber da Seine Lordschaft mir all seine Rechtsangelegenheiten überträgt, habe ich natürlich eine gründliche Untersuchung in die Wege geleitet. Sie müssen sich nicht mehr um Ihre Sicherheit sorgen, das versichere ich Ihnen. Wenn Sie mich nun entschuldigen wollen …“

Emily ignorierte seinen unverhohlenen Wunsch, die Unterhaltung zu beenden. „Oh, aber ich möchte …“

„Mrs. Spenser, sicher wird Sie Seine Lordschaft über alle Einzelheiten informieren, die er für wichtig erachtet. Ich kann keinen laufenden Fall mit jemand anderem als meinem Klienten diskutieren.“ Dieses Mal erhob er sich und wies auf die Tür.

„Und wenn ich Ihre Klientin wäre?“ Emily stand zwar auf, weigerte sich jedoch, sich von ihm einschüchtern zu lassen.

„Dafür sehe ich keinen Anlass. Seine Lordschaft hat mich bereits beauftragt, und wie ich schon sagte, wird alles Notwendige getan.“

„Davon bin ich überzeugt, Mr. Manners. Sie dürfen nicht glauben, dass ich an Ihrer Kompetenz zweifle oder undankbar für die Hilfe Seiner Lordschaft sei. Doch was, wenn ich in Zukunft wieder einmal in eine ähnliche Situation gerate? Leider gibt es immer Schurken, die auf solche Gelegenheiten warten. Als allein stehende Frau möchte ich mich nur über meine Optionen informieren.“

Mr. Manners rieb sich nachdenklich das Kinn. „Es ist wahr, Ma’am, dass die gegenwärtigen Maßnahmen nicht unbedingt zukünftige Schwierigkeiten ähnlicher Art ausschließen.“ Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Wie ich hörte, sind Sie Witwe. Haben Sie oder Ihr verstorbener Gatte keine Verwandten, die sich um Ihren Schutz kümmern könnten?“

„Wäre ich hier, wenn ich jemanden hätte?“ erwiderte Emily bitter.

Zu ihrer Überraschung lächelte der Anwalt. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht respektlos sein. Bitte nehmen Sie wieder Platz, Mrs. Spenser. Was genau möchten Sie wissen?“

Emily entspannte sich etwas. „Wie gehen Sie bei einer Angelegenheit wie dieser vor? Sollte ich künftige Bedrohungen den Behörden melden? Und …“ Sie zögerte. „Wie hoch wäre Ihr Honorar, falls ich Sie beauftragen wollte?“

„Zunächst würde ich Sie bitten, nicht sofort anzuzeigen. Bitte kommen Sie zuerst zu mir. Auch in staatlichen Einrichtungen gibt es hin und wieder korrupte Personen, falls Sie verstehen. Meine Kontaktmänner untersuchen als Erstes den Hintergrund und die genauen Absichten der Erpresser und arbeiten von dort aus weiter. Und mein übliches Honorar würde zweihundert Pfund betragen, dazu noch die Kosten der Wachposten, die ich anheuere.“

Emily versuchte, nicht hörbar nach Luft zu schnappen. Lord Cheverly gab zweihundert Pfund plus Spesen aus, um Mr. Harding fern zu halten? Und sie hatte weitere zehn Pfund im Monat für unerschwinglich gehalten!

Sie zwang sich dazu, mit zitternden Knien aufzustehen. „D…danke für die Information und für Ihre Zeit, Mr. Manners.“

Er erhob sich ebenfalls und nickte. „Keine Ursache, Mrs. Spenser.“ Seine klugen Augen musterten sie erneut, und sie errötete. Sicher wusste er, wie unglaublich weit die genannte Summe von ihren finanziellen Möglichkeiten entfernt war. „Sorgen Sie sich nicht darum, Ma’am“, sagte er freundlich. „Lord Cheverly wird diesen Fall bis zu seinem Abschluss verfolgen und die vollen Kosten übernehmen, wie lange es auch dauern mag. Ich genieße seit vielen Jahren das Privileg, ihn zu meinen Klienten zählen zu dürfen, und es gibt sicher keinen gewissenhafteren Mann in der adligen Gesellschaft. Sie können darauf vertrauen, dass er das Richtige tut, Mrs. Spenser. Und ich bezweifle, dass Sie noch einmal belästigt werden.“

Seine wohl gemeinten Worte waren beinahe ebenso entmutigend wie die Höhe seines Honorars. Sie hatte zwar geahnt, dass ein Anwalt kostspielig war, doch mit solchen Summen hatte sie nicht gerechnet. Wie konnte sie einem beinahe Fremden, und sei er noch so großzügig und pflichtbewusst, erlauben, ein wahres Vermögen für sie auszugeben? Und wie sollte sie es ihm jemals zurückzahlen?

Emily saß in ihrem winzigen Garten vor der Mahlzeit, die Francesca zubereitet hatte. Sie dachte immer noch über das Dilemma nach, war der Lösung jedoch keinesfalls näher gekommen, als ein Schatten auf sie fiel.

Lord Cheverly persönlich stand vor ihr. Als sie zu ihm aufblickte, schenkte er ihr wieder dieses charmante Lächeln. „Vergeben Sie mir die Störung. Ich wollte mich nur vergewissern, ob Sie mit dem Wachmann zufrieden sind.“

„Ja, natürlich. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Das ist nicht nötig.“ Er schaute erwartungsvoll ihre Hand an, und Emily hob sie ihm entgegen. Er ergriff und küsste sie, hielt ihre Finger indes einen Moment länger umfangen, als es sich geziemte. „Ich wollte Sie bereits gestern Abend aufsuchen, um Ihnen mitzuteilen, dass der Posten seinen Dienst angetreten hat. Leider hatte ich zuvor einige Verabredungen, und es war schon spät, als ich hierher kam. Da kein Licht mehr brannte, beschloss ich, Sie nicht zu stören.“

„Sie waren letzte Nacht hier?“ fragte sie erstaunt.

„Natürlich. Ich hätte nicht schlafen können, ohne mich vorher von Ihrer Sicherheit zu überzeugen.“

Emily war gerührt. Es war lange her, seit sich jemand um sie gesorgt hatte, abgesehen von Francesca. „Sie sind zu freundlich, ich danke Ihnen. Und Sie müssen mir gestatten, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Vielleicht die Wachleute …“

Er winkte ab. „Nicht nötig. Ihr Geschäft ist sicher erfolgreich, kann aber wohl kaum hohe Zusatzkosten verkraften. Ich bin vollauf damit zufrieden, zu wissen, dass Sie beschützt sind.“

„Ich … fühle mich sicher. Das habe ich Ihnen zu verdanken.“

Sein einnehmender Blick hielt ihren gefangen. Sanft berührte er ihren verletzten Mundwinkel mit dem Zeigefinger.

Ihre Lippen begannen zu prickeln, und sie war nicht fähig, sich zu bewegen. Er ließ langsam die Hand sinken.

„Evan, der Wachmann will mit dir sprechen.“

Die fremde Stimme zerstörte die Magie des Augenblicks. Lord Cheverly verzog das Gesicht und trat einen Schritt zurück. Emily sah einen Mann am Gartentor stehen. Am Tag zuvor hatte er Cheverly begleitet, als dieser ihren Laden aufgesucht hatte.

Seine Lordschaft lächelte. „Ich werde Sie nun nicht länger aufhalten, Ma’am. Die Wachen werden angemessen entlohnt, sorgen Sie sich nicht darum. Falls etwas Beunruhigendes geschieht, lassen Sie mir sofort eine Nachricht zukommen. Portman Square, Nummer sechzehn. Wenn ich nicht im Haus bin, wissen die Dienstboten, wo sie mich erreichen können.“

Noch einmal hob er ihre Hand an die Lippen. „Ich werde Sie später wieder aufsuchen.“

„Es wird mir eine Ehre sein, Mylord“, murmelte sie verlegen.

Als Lord Cheverly den Garten verließ, kam sein Begleiter auf sie zu. „Brent Blakesly, Ma’am“, sagte er mit einer Verbeugung. „Sie brauchen keine Angst mehr zu haben. Evan steht immer zu seinem Wort. Sie können darauf vertrauen, dass er für Ihre Sicherheit sorgt.“

„Ich wünschte nur, es würde ihm nicht solche Kosten verursachen“, erwiderte sie leise.

Blakeslys freundliches Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. „Denken Sie nicht mehr daran, ich bitte Sie. Evan ist so wohlhabend, dass seine Hilfe keine Belastung für seinen Geldbeutel darstellt.“ Er lächelte verlegen. „Auch mir gegenüber hat er sich stets als großzügig erwiesen. Er bemerkt nicht, wie schwierig es für seine Freunde sein kann, seine Unterstützung mit gutem Gewissen anzunehmen.“

„Aber ich bin keine Freundin“, wandte sie mit gesenkter Stimme ein. „Ich habe kein Recht, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und ich werde ihm das Geld niemals zurückzahlen können.“

„Darf ich offen sprechen, Mrs. Spenser?“ Auf ihr Nicken hin fuhr er fort: „Evan kann brutale Rüpel nicht ausstehen. Ich begegnete ihm zum ersten Mal in Eton, als er zwei Burschen in die Flucht schlug, die mich quälten. Er könnte niemals mit ansehen, dass ein Schurke eine Dame belästigt, selbst wenn …“, er schmunzelte, „er die betreffende Dame nicht so sehr bewundern würde. Aber Sie dürfen nicht denken, dass Sie wegen seiner Hilfe zu irgendetwas … verpflichtet sind. Zweifelsohne wäre er empört, falls Sie so etwas auch nur in Erwägung ziehen würden.“

Seltsamerweise fühlte sie sich durch seine Worte keineswegs beruhigt. Keine Verpflichtung, hatte Blakesly versichert. Auch der Anwalt hatte ihr geraten, darauf zu vertrauen, dass Cheverly das Richtige tun würde.

Aber was war das Richtige? Nachdenklich sah sie den beiden Männern nach, die mit einem letzten Winken ihren Weg auf der Straße fortsetzten. Und warum prickelte ihre Lippe immer noch von Cheverlys Berührung?

Stunden später blickte Emily von dem Stapel Rechnungen auf ihrem Schreibtisch auf. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und sie konnte hören, wie die Laternen auf den Straßen entzündet wurden. Sie blickte aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite glühte eine Zigarre. Der nächste Wachmann, dachte sie.

Seufzend trank sie einen Schluck Tee, doch das Getränk war längst kalt geworden. Obwohl heute einige Kunden ihre Schulden beglichen hatten und Lord Cheverly die Zahlung seiner Mutter zusammen mit einer neuen Bestellung gebracht hatte, waren die Beträge der Ausgaben und Einnahmen beinahe gleich.

Es reichte gerade zum Überleben. Falls sie versuchte, Lord Cheverly die Kosten für ihren Schutz zurückzuzahlen, würde wahrscheinlich erst sein Enkel den letzten Schuldschein zerreißen. Würde er ihr so lange Zeit geben? Gütiger Himmel, was sollte nur aus ihnen werden?

Einen flüchtigen Moment lang malte sie sich aus, wie seine Hände ihre nackte Haut berührten, wie sein Mund ihre Brüste liebkoste. Ein heißer Schauer durchrann sie.

Beinahe gleichzeitig meldete sich ihr schlechtes Gewissen. Rasch verdrängte sie die Schuldgefühle. Schließlich konnte sie einem toten Ehemann nicht untreu werden.

Ich habe seinen Tod nicht gewollt, dachte sie. Wie viele Male war sie in der Dorfkirche auf die Knie gefallen und hatte Gott um Gnade angefleht, als Andrew qualvoll im Sterben lag? Sie hatte Gott alles versprochen, was in ihrer Macht lag, wenn er ihren Mann nur verschonen würde.

Dennoch waren ihre Gebete umsonst gewesen, und Andrew war in diesem staubigen Dorf gestorben. Was sollte Gott also jetzt noch dazu bewegen, ihr in ihrer heutigen Situation zu helfen?

Nun, sie würde sich eben mit den Gegebenheiten arrangieren müssen, wie sie es bereits zuvor getan hatte. Und vielleicht war es in ihrer Lage sogar von Vorteil, einen reichen Beschützer zu haben.

Trotzdem krampfte sich ihr Magen bei diesem Gedanken zusammen.

Sie lachte bitter auf. In den letzten Jahren hatte sie mühsam das Geld zusammengespart, um nach England zurückkehren und einen kleinen Laden eröffnen zu können. Dabei war es ihr stets gelungen, dem Los zu entgehen, das schönen, verarmten Witwen so oft aufgezwungen wurde. Es war eine Ironie des Schicksals, dass es ihr gerade jetzt drohte, in der Heimat, die sie immer für den sicheren Hafen ...

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