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Nächte voller Sinnlichkeit – Die schöne Hira und ihr Verführer

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Durch diesen Bund lege ich mein Leben in die Hände von Marc Pierre Bordeaux. Für immer und ewig.“ Während Hira die rituellen Worte als Braut wiederholte, fühlte sie sich, als würde ihr Herz in tausend Stücke zerspringen.

Feierlich lächelnd nahm der Priester das lose Ende des roten Seidenbandes auf, das um Hiras Handgelenk geschlungen war, und führte es durch das geschnitzte Gitter über der Wand, die Frauen und Männer voneinander trennte. Damit war die Hochzeitszeremonie fast abgeschlossen. In wenigen Minuten würde Hira die Ehefrau des Mannes mit den nebelgrauen Augen sein.

Was der wundervollste Tag in Hiras Leben hätte sein sollen, bedeutete für sie, dass all ihre Träume starben. Träume von Liebe, von grenzenloser Zärtlichkeit und einer eigenen Familie. Denn anstatt umworben und schließlich erobert zu werden, war Hira Dazirah nur Bestandteil eines Handels.

Ihr Handgelenk zuckte, als das seidene Band sich straffte. Im selben Moment hörte sie den Priester sagen: „Er ist jetzt mit dir verbunden.“

Auf der anderen Seite der Wand stimmte der Vorsänger des Hochzeitschors den feierlichen Schlussgesang an.

Nach dem Brauch ihres Heimatlandes Zulheil würde Marc Pierre Bordeaux danach ihr rechtmäßiger Ehemann sein. Marc mit dem charmanten Lächeln und dem leidenschaftlichen Blick, Marc mit den wachen Augen und dem schleichenden Gang eines Jägers. Marc, der von ihrem Vater ihre Hand gefordert hatte, um dadurch ein großes Geschäft zwischen den beiden zu besiegeln.

Zunächst hatte Hira einen ganz anderen Eindruck von ihm gehabt. Als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, hatte seine erotische Ausstrahlung sie genauso fasziniert wie seine Art, sie anzusehen, als sei sie ein kostbarer Schatz. Dann hatte er ihr ein Lächeln zugeworfen, so charmant und unbeschreiblich sexy, dass Hira einfach darauf reagieren musste. Sie konnte diesem Mann nicht widerstehen und hatte sein Lächeln offen erwidert. Sein leidenschaftlicher Blick hatte sie gefangen genommen.

Tief beeindruckt von dieser ersten Begegnung, hatte Hira natürlich erwartet, dass er weiter um sie werben würde. Seit Romaz ihre Gefühle mit Füßen getreten hatte, waren Männer für sie nicht mehr von Interesse gewesen. Aber von diesem Moment an keimte neue Hoffnung in ihr auf.

Doch es kam anders. Marc hielt schon zwei Tage später bei ihrem Vater um ihre Hand an, ohne zuvor mit Hira gesprochen zu haben. Damit zerstörte er alle Illusionen, die sie sich von dem charmanten Amerikaner gemacht hatte. Anstatt sie erst einmal näher kennenlernen zu wollen, schien er sich nur für ihr attraktives Äußeres, ihre wunderbare Figur und ihr bildschönes Gesicht zu interessieren. Das hatte sie zutiefst verletzt, und sie litt immer noch sehr darunter. Die bittere Enttäuschung lastete wie Blei auf ihr.

„Es ist besiegelt“, erklärte Amira, Hiras Mutter, jetzt. „Der Chor hat den Schlussgesang beendet. Du bist verheiratet, meine Tochter.“

Hira nickte, ohne sich ihren Schmerz anmerken zu lassen. Die beiden saßen in dem prunkvollen Salon mit allen Frauen der Dazirah Familie zusammen. Hira war sich wohl bewusst, dass sie sehr aufmerksam beobachtet wurde, und sie hätte es ihrer Mutter niemals angetan, die Fassung zu verlieren.

Liebevoll strich Amira ihrer Tochter über die Wange. „Ich weiß, dass du dir deine Hochzeit anders vorgestellt hast, aber es wird sich alles finden. Dein Ehemann scheint ein gutes Gemüt zu haben.“

Wenn man davon absieht, dass ihm jedes Einfühlungsvermögen fehlt, dachte Hira bitter. Aber sie wollte ihrer Mutter keine Schande bereiten und antwortete brav: „Ja, Mutter, das glaube ich auch.“

Doch was bedeutete das schon? Romaz hatte auch ein gutes Gemüt, wie man so sagte. Dennoch hatte er ihr das Herz gebrochen und sich dabei noch über sie lustig gemacht. Hira war damals viel zu verliebt gewesen, um es zu bemerken. Sie hätte alles für ihn getan, wäre sogar mit ihm durchgebrannt, um ihn ohne Einverständnis ihres Vaters zu heiraten.

Es war das einzige Mal in ihrem Leben, dass sie bereit gewesen war, die strengen gesellschaftlichen Regeln ihres Landes zu verletzen und somit den guten Ruf ihrer stolzen Familie zu beschmutzen. An jenem schrecklichen Tag war sie davon überzeugt gewesen, das große Glück zu ergreifen, das pure grenzenlose Glück ihres Lebens.

Als Romaz sie jedoch durch die Tür seines Apartments kommen sah, hatte er sie erstaunt angesehen. „Hira! Was willst du denn hier?“

Ohne ihm zu antworten, war sie einfach auf ihn zugegangen, völlig sicher, dass sie willkommen war. Er hatte ihr doch so oft gesagt, wie sehr er sie liebte. „Ich werde für immer bei dir bleiben“, erklärte sie. Ein bisschen aufgeregt war sie schon, aber auch sehr froh, dass sie sich dazu durchgerungen hatte. Niemand mehr sollte sie von dem geliebten Mann trennen können.

Romaz verhielt sich ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte, er umarmte sie nicht einmal. „Was sagt deine Familie dazu?“, fragte er nur stirnrunzelnd.

Zuerst hatte Hira vermutet, dass er nur so reserviert war, weil sie von sich aus die Initiative ergriffen hatte. Sie zweifelte keinen Moment daran, dass er ihr das nachsehen würde, sobald er hörte, was sie ihm zu sagen hatte. „Bis zum Abendessen wird mich keiner zu Hause vermissen. Lass uns sofort heiraten, Liebster. Dafür ist genug Zeit, und danach können sie uns nicht mehr auseinanderreißen.“

Als er nicht darauf reagierte, wurde sie etwas nervös. „Romaz?“ Jetzt fiel ihr auch auf, dass er die Tür immer noch nicht geschlossen hatte. Dabei durfte Hira doch keiner bei ihm sehen, und sie hatten geheime Pläne zu schmieden.

Er lächelte angespannt. „Dein Vater wird dich enterben. Daher solltest du dir das noch einmal gründlich überlegen.“

„Das habe ich doch! Er wird niemals einverstanden sein, dass ich deine Frau werde, Romaz. Nie und nimmer. Das Schlimmste ist, dass er sich schon nach anderen Heiratskandidaten für mich umsieht.“ Hira hätte sich so gern an den geliebten Mann geschmiegt, aber sein ungewohnt harter Blick hielt sie davon ab. „Wir brauchen das Geld meines Vaters nicht“, fuhr sie eindringlich fort. „Du hast einen guten Job, und ich werde auch arbeiten. Wir schaffen es auch allein.“

Zu Hiras Entsetzen verzog Romaz verächtlich das Gesicht. „Du und arbeiten? Du hast ja gar keine Vorstellung davon, was Arbeit bedeutet.“

Sie war schockiert und traute ihren Ohren nicht. „Romaz?“

„Glaubst du etwa, ich könnte dir all den Luxus bieten, den du gewohnt bist?“ Sein Blick wanderte von den mit Edelsteinen besetzten Armreifen an ihren Handgelenken bis zu ihren funkelnden Ohrringen.

Er fühlt sich wohl in seinem Stolz verletzt, ging es Hira durch den Kopf. In diesem Moment war sie sehr erleichtert und gleich wieder hoffnungsvoll. „Der Schmuck gehört mir doch gar nicht persönlich, sondern der Familie. Ich brauche weder Gold noch Diamanten, wenn ich nur deine Liebe habe.“ Sie war arglos genug, um zu glauben, dass Romaz durch diese Erklärung seine Selbstsicherheit zurückgewinnen würde.

Er verzog jedoch keine Miene, sondern erwiderte ungerührt: „Du vielleicht nicht, aber ich.“

Später war Hira klar geworden, dass es gerade ihre naive Offenheit war, die ihn dazu gebracht hatte, die Maske des verliebten jungen Mannes fallen zu lassen und sein wahres Gesicht zu zeigen. Sie hatte seinen Stolz nicht verletzen wollen, aber gerade dadurch hatte sie ihn entlarvt. Er warb nur um sie, weil er in ihr die reiche Erbin sah. Ohne den Reichtum ihrer Familie hatte er kein Interesse an Hira.

Niemals würde sie seine Worte und die Art, wie er sie dabei abschätzig gemustert hatte, vergessen können. „Was macht es für einen Sinn, dich zu heiraten, ohne an den Reichtum der Dazirah Familie heranzukommen? Du bist zwar sehr schön, aber im Dunkeln fühlt sich jeder weibliche Körper gleich an.“

Hira hatte das Gefühl, zu Eis zu erstarren. „Soll das heißen, dass du mich nur heiraten willst, wenn ich das Geld meines Vaters mit in die Ehe bringe?“

Romaz zuckte die Schultern. „Was denkst du, wie ich es sonst im Leben zu etwas bringen kann? Ich komme nicht aus einer so reichen Familie wie du. Alles, was ich habe, ist mein gutes Aussehen, und daraus will ich Kapital schlagen. Ich möchte nicht wie mein Vater gezwungen sein, mein ganzes Leben lang hart zu arbeiten.“

Diese schrecklichen Worte raubten Hira jede Illusion über Romaz’ Charakter. Dennoch klammerte sie sich an einem letzten Fünkchen Hoffnung fest. „Aber … du hast doch gesagt, dass du mich liebst.“

Er warf ihr einen boshaften Blick zu. „Jeder Mann will eine so schöne Frau wie dich haben. Natürlich würde ich deinen makellosen Körper auch nicht verachten. Aber dich nur deswegen zu heiraten, nein, der Preis ist mir zu hoch.“

Hira fühlte sich wie von einer eisernen Faust getroffen, war für Sekunden völlig benommen. Dann flüchtete sie in wilder Panik aus Romaz’ Apartment. In ihrer Verzweiflung konnte sie kaum einen klaren Gedanken fassen und irrte stundenlang durch die stillen Gassen der Stadt.

Es dämmerte schon, als sie auf demselben geheimen Weg, auf dem sie das Haus verlassen hatte, zurückkehrte. Niemand hatte bemerkt, dass Hira an diesem Tag eigentlich von zu Hause fortlaufen wollte. Aber jedem in der Familie fiel auf, dass ihr Kampfgeist ein für alle Mal gebrochen war. Romaz hatte an einem Nachmittag das erreicht, was ihr Vater vierundzwanzig Jahre lang vergebens versucht hatte.

Das alles war kaum mehr als sechs Monate her. Romaz hatte sie damals abgewiesen, weil Hiras schöner Körper ihm nicht genügte. Es war wie eine Ironie des Schicksals, dass Hira heute mit einem Mann verheiratet wurde, dem es nur um ihre Schönheit und überhaupt nicht ums Geld ging.

„Tochter?“

Sie fuhr hoch, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte. „Ja.“

Amira lächelte. „Komm, es wird Zeit, dass du dich für deinen Gatten bereit machst.“

Die Zeit ist gekommen, dass ein Fremder mich anfassen darf, dachte Hira zornig. Auch wenn dieser Mann sie bei ihrer ersten Begegnung fasziniert hatte, so hatte er Hiras aufkeimende Zuneigung längst erstickt, weil er mit ihrem Vater um sie gefeilscht hatte wie um eine Sache. Wie hatte er es wagen können, sein Interesse an ihr mit Geschäften zu verbinden?

Mit düsterer Miene folgte Hira ihrer Mutter die Treppe hinauf. Marc Bordeaux mochte ihr rechtmäßiger Ehemann sein, aber sie würde nicht ihm gehören. Sie würde sich ihm nicht mit ihrer Seele hingeben, bevor sie sein Herz gründlich erforscht hatte.

Marc hatte die Braut an der offenen Tür des Schlafzimmers empfangen. Er war in Erwartung des Kommenden bis aufs Äußerste angespannt, blieb jedoch lässig am Türrahmen stehen und bemühte sich um einen lockeren Ton. „Warum machst du so ein finsteres Gesicht, Hira? Es ist deine Hochzeitsnacht, nicht deine Hinrichtung.“

Hira saß in der Mitte des breiten arabischen Himmelbetts, das an beiden Seiten von schweren goldfarbenen Samtvorhängen umrahmt wurde. Ebenso wie die Bettwäsche aus glänzender weißer Seide verströmte sie geradezu Verführung und Sinnesfreuden. Ein warmer Wüstenwind wehte durch die offenen Balkontüren herein und ließ die kostbaren Gardinen rascheln, als murmelten sie einen Willkommensgruß.

Alles hier war eine einzige Einladung an Marc, in dieser Nacht seinen unbändigen Appetit auf die schöne Braut zu stillen. Um ihren Anblick noch verführerischer zu machen, war sie auf Rosenblätter gebettet, die den hellen Pinkton ihres Hochzeitsgewands spiegelten.

Hira hätte ein Traum sein können, Marcs Traum.

Aber anstatt den Bräutigam glücklich zu begrüßen, schaute sie ihn nur kühl und distanziert an. Die schöne Hira, die Marc mit einem einzigen Lächeln bezaubert hatte, wirkte jetzt unnahbar.

Sie hob die sanft geschwungenen Augenbrauen. „Was hat mein Vater dir bei eurem Geschäft versprochen? Sag es mir, und ich werde den Vertrag erfüllen.“ Hira hatte ja keine Ahnung, dass allein ihre wohlklingende Stimme mit dem exotischen Akzent Marcs Blut in Wallung brachte.

Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und ballte die Hände in den Taschen seines Smokings zu Fäusten. Eine böse Ahnung überschattete mehr und mehr seine Vorfreude. „Du warst doch einverstanden mit unserer Hochzeit, Prinzessin.“ Aber es klang nicht wie ein Kosename, sondern eher höhnisch, denn Hiras Kälte kränkte ihn sehr. „Ich wollte niemals eine Frau, die unglücklich ist, mich zu heiraten.“

Wie hatte Marc sich nach diesem Tag gesehnt, seit er Hira im Haus ihrer Eltern zum ersten Mal begegnet war. Ihr wunderschönes Gesicht mit diesem unvergleichlich anmutigen Lächeln hatte ihn Tag und Nacht verfolgt.

„Dein Vater hatte mir strengstens verboten, auch nur einmal mit dir zu reden“, gestand er ihr. „Er ist furchtbar altmodisch. Um dich wiederzusehen, könnte ich dich heiraten, bot er mir an. Aber er versprach, dich zumindest um deine Zustimmung zu bitten.“ Marc hatte zuerst gar nicht glauben können, dass Kerim Dazirah es ernst meinte mit seiner Bedingung. Kein Mann durfte mehr in Hiras Nähe kommen, wenn er sie nicht heiraten wollte. Vor eine so gnadenlose Wahl gestellt, hatte Marc sich spontan entschieden, um Hiras Hand anzuhalten.

Dabei verstand er selbst immer noch nicht, was ihn dazu getrieben hatte, eine Frau zu heiraten, die er überhaupt nicht kannte. Sie hatte ihm nur ein einziges Lächeln geschenkt, aber dieser Augenblick puren Glücks hatte für Marc alles bedeutet. Keine Frau hatte ihn jemals so tief beeindruckt. Von da an brannte er vor Sehnsucht nach Hira, er war unsterblich in sie verliebt.

„Ja, mein Vater hat mich um Zustimmung zu unserer Hochzeit gebeten“, erklärte sie. „Ich hatte die gleiche Wahl wie alle Frauen ohne eigenes Einkommen und ohne die Möglichkeit, für ihre Freiheit zu kämpfen oder wenigstens zu fliehen.“ Bis dahin hatte Hiras Stimme völlig gefühllos geklungen, aber im nächsten Satz schwang Verachtung mit. „Auf jeden Fall fand ich dich besser als die Alternative.“

„Aha, du hattest also die Wahl zwischen mir und einem anderen Mann. Wer war das?“

„Du kennst ihn vielleicht. Er heißt Marir.“

„Ja, dein Vater hat ihn mir vorgestellt.“ Marc konnte sich gut an den schmierigen Kaufmann erinnern und wusste, dass er ein alter Bekannter von Hiras Vater war. Aber dass er auch als Schwiegersohn in Betracht gekommen war, daran hätte Marc nicht im Traum gedacht. Marir schien nicht sehr vermögend zu sein, und vom Alter passte er erst recht nicht zu Hira, denn er war an die sechzig. „Wieso hatte dein Vater gerade Marir als Heiratskandidaten für dich erwogen?“, wollte Marc wissen. Ihm war wohl bewusst, dass die Familie Dazirah ihn nur akzeptiert hatte, weil er als Millionär und Geschäftsmann weltweit bekannt war.

„In Marirs Adern fließt blaues Blut. Er ist, wenn auch nur sehr weitläufig, mit unserem Herrscherhaus verwandt“, antwortete Hira und verzog den Mund. „Mein Vater wollte immer schon Verbindungen zur Familie des Scheichs haben.“

Damit kann ich nun wirklich nicht dienen, ging es Marc durch den Kopf. Ich habe ebenso wenig blaues Blut in den Adern wie eine Ratte aus dem Cajun-Sumpf. „Aber warum hat dein Vater sich dann für mich entschieden?“

„In den Augen meines Vaters bist du als Amerikaner auch etwas Besonderes. Zudem hast du viel Geld und machst sogar mit unserem Scheich Geschäfte. Das ist für meine Familie fast genauso viel wert wie die Abstammung vom Herrscherhaus.“

Marc ballte seine Hände in den Taschen noch fester zusammen. „Das war es also, warum du mich Marir vorgezogen hast. Außerdem bin ich nicht so alt und nicht so fett wie er.“ Er versuchte zwar, sich nichts anmerken zu lassen, aber im Grunde seines Herzens war er sehr enttäuscht von Hira.

Als sie graziös mit dem Kopf nickte, brach sich das Licht der edlen Kristalllüster in den Brillanten ihrer Ohrgehänge, sodass sie prächtig funkelten. „Ich kenne dich gar nicht. Du bist ein Fremder für mich. Auch wenn mein Vater dagegen war, dass du Kontakt zu mir aufnimmst, hättest du wenigstens versuchen können, mit mir zu sprechen.“

Tatsächlich hatte Marc Hiras Vater mehrmals um Erlaubnis dazu gebeten. Dazirah war jedoch hart geblieben und hatte sich auf die strengen Hochzeitsbräuche von Zulheil berufen. Da Marc sich mit der Tradition des fremden Landes nicht auskannte, hatte er das Verbot schließlich akzeptiert. Er wollte auf keinen Fall die Hochzeit mit Hira gefährden. Aber jetzt sah er ein, dass er wahrscheinlich zu früh aufgegeben hatte. Er hätte darauf bestehen sollen, selbst mit der Braut zu sprechen.

„Kannst du dir vorstellen, dass sich deine Gefühle für mich ändern, wenn du mich näher kennenlernst?“ Trotz allem sehnte sich Marc zumindest nach ein bisschen Wärme von Hira, nach einem Lächeln, wie sie es ihm damals geschenkt hatte. Aber er würde sich ihr niemals aufdrängen, selbst wenn sein Verlangen nach ihr wie Feuer in ihm brannte und er sich vor Leidenschaft verzehrte.

Ein Schatten huschte über Hiras Gesicht und trübte den strahlenden Goldton ihrer Iris. „Du musst wissen, dass ich einmal einen Mann geliebt habe.“ Ihre langen schwarzen Wimpern flatterten. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich jemals wieder verlieben werde.“

Ihre Worte glichen Pfeilen, die seinen Traum zunichtemachten. Dieser Traum war ihm selbst zwar erst seit Kurzem bewusst, dafür spielte er jetzt aber eine umso wichtigere Rolle. Ja, er war für Marc lebenswichtig. „Warum hast du mich dann überhaupt geheiratet?“, fragte er Hira vorwurfsvoll. „Warum willst du uns beide so quälen?“

Marc entging nicht, wie ihre Augen vor Ärger aufblitzten, als sie den Kopf hob. „Mein Vater sagte mir, dass du den Vertrag mit ihm nur unterschreiben würdest, wenn ich dich heirate. Diese Geschäftsverbindung mit dir ist für unseren ganzen Clan außerordentlich wichtig.“

Er fluchte leise. „Aber das Kernstück des Vertrags war schon von mir unterschrieben und rechtskräftig, bevor ich um deine Hand angehalten habe. Es blieben nur noch Kleinigkeiten zu vereinbaren.“ Im Stillen stellte er sich die bange Frage, ob sie ihm glauben würde, seine schöne geheimnisvolle Wüstenrose. Sein Wort stand gegen das ihres Vaters.

Zu seinem Entsetzen schimmerten auf einmal Tränen in ihren Augen. „Ich dachte, er hätte mich wenigstens ein bisschen lieb“, flüsterte sie. „Aber … ihm ging es immer nur darum, aus meinem Aussehen Kapital zu schlagen.“ Ihre Stimme war so von Schmerz erfüllt, dass Marc schon beim Zuhören litt. „Jetzt weiß ich, dass er nichts für mich fühlt. Wie kann ein Vater nur dermaßen kaltherzig sein, seine Tochter um eines Geschäfts willen mit einem Fremden zu verheiraten.“

Hira so gedemütigt zu sehen, konnte Marc kaum ertragen. Diese stolze Schönheit, vom eigenen Vater verraten. Er eilte zu ihr, setzte sich neben sie aufs Bett. Als er jedoch die Hand ausstreckte, um ihre Wange zu streicheln, war Hira wie erstarrt. „Ich werde nichts gegen deinen Willen tun. Also guck nicht wie ein scheues Reh im Scheinwerferlicht.“

Sie warf den Kopf in den Nacken. Ihre Augen funkelten. „Rede nicht so mit mir!“

Ja, das war die Frau, in die er sich verliebt hatte. Voller Temperament, eine Mischung aus Feuer und Eis. Marc überkam von Neuem heißes Verlangen. Unbewusst strich er ihr über Wange und Hals. Die zärtliche Berührung ließ Hira erzittern. Als er es bemerkte, erfüllte ihn sogleich neue Hoffnung. Seine kühnen Träume spornten ihn an. Er neigte sich zu ihr, um Hiras Lippen zu küssen.

Sie wandte jedoch schnell den Kopf ab und zeigte ihm ihr edles Profil. Die schroffe Geste brachte Marc wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Er ließ die Hand sinken und stand vom Bett auf. Während er zur Tür zurückging, versuchte er sich einzureden, dass Hiras Ablehnung ihm nichts ausmachte. „Begehrst du mich denn nicht auch ein bisschen?“ Es war eine sehr direkte Frage, aber er brauchte Gewissheit. Eine wunderschöne temperamentvolle Frau wie sie, die schon einmal einen Mann geliebt hatte, musste ihn verstehen.

Er hasste allein schon die Vorstellung, dass sie sich mit ihrem sonnenverwöhnten makellosen Körper vielleicht an einen anderen Mann geschmiegt hatte! Eigentlich beurteilte Marc Frauen nicht nach ihrem früheren Liebesleben und gestand jeder Frau ihre Freiheit zu, denn er war kein Heuchler. Aber bei Hira erging es ihm ganz anders.

Hira hatte sich eine Weile in die kunstvolle Stickerei der Tagesdecke vertieft. Jetzt schaute sie ihren frisch angetrauten Ehemann mit großen Augen an. Dabei zerrieb sie ein zartes rosa Blütenblatt zwischen den Fingern, sodass ein Hauch von Rosenduft in der Luft lag. „Du kennst nur mein Gesicht und meinen Körper, mehr weißt du nicht von mir, und wir haben nichts gemeinsam. Aber ich möchte nicht mit einem Mann schlafen, für den ich keine Zärtlichkeit empfinde.“ Bei den letzten Worten zitterte ihre Stimme kaum merklich.

Marc hatte aufmerksam zugehört. Hira glaubt auch nicht daran, dass sie jemals wieder einen Mann lieben kann, hämmerte es in seinem Kopf. Dazu kam der brennende Schmerz in seiner Brust. „Soll das heißen, dass ich dich während unserer Ehe niemals anrühren darf?“

Hira fuhr fort, Rosenblütenblätter zwischen ihren eleganten Fingern zu zerreiben. „Mein Vater hatte auch immer andere Frauen neben meiner Mutter. Können das amerikanische Männer nicht ebenso machen?“

Marc straffte die Schultern. „Ist es tatsächlich Sitte, dass die Männer hier neben ihrer Frau eine Geliebte haben?“ Er hatte geglaubt, dass Zulheil ein Land mit ehrbaren, aufrichtigen Menschen war. Ein Land, wo ein Mann eine Frau finden konnte, die zugleich schön und auch bereit war, eine liebende Ehefrau zu sein.

Hiras Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Nein, es gilt als unehrenhaft, und die meisten Frauen akzeptieren es auch nicht. Wenn sie sich nicht aus eigener Kraft gegen ihre untreuen Ehemänner durchsetzen können, wird ihr Clan ihnen beistehen. Das kann bis zur Scheidung gehen.“

Die ganze Zeit hatte Hiras ernster Blick auf ihm geruht. Aber jetzt verzog sie ihren hinreißenden Mund zu einem bitteren Lächeln. „Ich fürchte, in meiner Familie läuft das nicht so. Meine Mutter hat niemals Hilfe bei ihrem Clan gesucht, sondern sich immer meinem Vater untergeordnet. Er hat nur mit ihr geschlafen, bis er mit ihr Erben gezeugt hatte – meine beiden Brüder. Du kannst es meinetwegen auch so halten.“

Hira verletzte mit ihrem Vorschlag Marcs Stolz. „Du machst nicht den Eindruck, dass du dich über ein Kind von mir freuen würdest.“

Was bin ich doch für ein Narr, dachte er betroffen. Offenbar habe ich damals nach dieser unglückseligen Geschichte mit Lydia nichts dazugelernt. Diesmal hatte er sich in eine exotische Schönheit verliebt und gehofft, bei ihr unter der bezaubernden Hülle einen Schatz aus Zärtlichkeit und Liebe zu finden. All das, wonach sich der einsame arme Junge aus dem Bayou ein Leben lang gesehnt hatte. Stattdessen wurde Marc jetzt für seine Leichtgläubigkeit bestraft. „Mach dir keine Sorgen, Hira. Ich denke noch gar nicht an Erben“, sagte er tonlos.

Dann wandte er sich um und stieß viel zu heftig die Tür auf. Er war so wütend auf sich selbst, dass er jetzt lieber allein sein wollte. Vielleicht fürchtete er aber auch nicht nur seine Wut, sondern auch das Fünkchen Hoffnung, das in seinem Herzen noch nicht erloschen war und ihn dazu anhielt, um die geliebte Frau zu kämpfen.

Solange dieses Fünkchen noch glühte, würde Marc nicht aufgeben und versuchen, hinter die schöne Hülle zu blicken. Wer war Hira wirklich? War sie eine eiskalte Selbstdarstellerin, verliebt in ihre eigene Schönheit, oder die warmherzige unschuldige Wüstenrose, die ihm damals mit ihrem zaghaften Lächeln Hoffnung gemacht hatte?

Hilflos sah Hira auf die Tür, die sich gerade hinter ihrem enttäuschten Ehemann geschlossen hatte. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und die Maske kalter Gleichgültigkeit, die ihr wahres Gesicht verhüllte, drohte jeden Moment zu zerreißen.

In dem Moment, als Marcs Schritte auf dem Gang verhallten, sprang Hira auf und verriegelte mit zitternden Fingern die Tür.

Danach brach sie verzweifelt auf dem Boden zusammen. Damit niemand ihr Schluchzen hörte, presste sie eine Faust auf den Mund. Sie fand jedoch keine Kraft mehr, sich die reichlich fließenden Tränen vom Gesicht zu wischen.

Du machst nicht den Eindruck, dass du dich über ein Kind von mir freuen würdest. Marcs Worte marterten ihr Hirn.

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